Wladimir Solowjew und die Idee vom Gottmenschentum


Seminararbeit, 2018

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Solowjews Leben und Werk

3 Vorlesungen über das Gottmenschentum
3.1 Die erste Vorlesung
3.2 Die zweite Vorlesung
3.3 Die dritte Vorlesung
3.4 Die vierte Vorlesung
3.5 Die fünfte Vorlesung
3.6 Die sechste Vorlesung
3.7 Die siebente Vorlesung
3.8 Die achte Vorlesung
3.9 Die neunte Vorlesung
3.10 Die zehnte Vorlesung
3.11 Die elfte und zwölfte Vorlesung

4 Zusammenfassung

5 Bibliographie

6 Digitale Quellen

1 Einleitung

Das 19. und das frühe 20. Jahrhundert gelten in der Geschichte des russischen Volkes als eine Blütezeit, in der im Zarenreich Russland namhafte Dichter, Musiker (Komponisten), Philosophen, Schriftsteller und Theologen das Licht der Welt erblickten. Unter ihnen befand sich auch Wladimir SOLOWJEW (1853-1900)[1], der mit seinem Werk „Vorlesungen über das Gottmenschentum“ während dieser Zeit in seiner Heimat und in den Jahren danach bzw. nach seinem Tod auf der ganzen Welt berühmt wurde.

Solowjew gilt als ein Multitalent, ja als ein Genie, denn er war nicht nur Theologe, sondern auch Philosoph und ein Kritiker der Gesellschaft seiner Zeit. Mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen hat er die Menschen jener Epoche durch seine Gedanken fasziniert, zumal das von ihm Gesagte bzw. Geschriebene ihm auch sehr viel Widerspruch eingetragen hat, denn seine Ansichten sind nicht immer auf Akzeptanz gestoßen bzw. positiv rezipiert worden.[2]

An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Solowjew in eine äußerst schwierige geschichtliche Periode Russlands hineingeboren wurde, denn Mitte des 19. Jahrhunderts herrschte dort fast überall Armut, viele Menschen waren hungrig und/oder obdachlos und die politische Elite versuchte damals mit allen Mitteln, das Volk unter Kontrolle zu halten, unter anderem mithilfe der Kirche bzw. des Glaubens.[3] Von der Idee inspiriert, dass nur Gott bzw. Jesus Christus die Nation retten könne, begann Solowjew mit der Niederschrift seines außergewöhnlichen Werkes mit dem Titel „Vorlesungen über das Gottmenschentum“. Hierbei handelt es sich eigentlich um eine Sammlung verschiedener philosophisch-theologischer Schriften aus jener Zeit, als er Universitätsprofessor war. Die Abhandlung ist in 12 Kapitel gegliedert und hat den Messias bzw. die Kirche als Mittelpunkt. Dieses Buch ist allerdings nicht das einzige, das Solowjew im Laufe seines Lebens schrieb, sondern nur eines der bedeutendsten Bücher.

Somit freut sich der Verfasser dieser Seminararbeit, den Lesern in den folgenden Kapiteln eine detaillierte Übersicht über das Leben von Wladimir Solowjew zu geben bzw. die Schriften eines bedeutenden Philosophen das Licht der Welt neu erblicken zu lassen, um so der heutigen Generation als möglicher Anhaltspunkt bzw. als wissenschaftliche Quelle dienen zu können.

2 Solowjews Leben und Werk

Wladimir Solowjew wurde am 16. Januar „1853 in Moskau“ als eines von mehreren Kindern einer vornehmen Familie geboren. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Intelligenz wurde er im Verlauf seines Lebens unter anderem als der „russische Origenes“ bekannt.[4]

Sein Vater war ein berühmter Professor für Geschichte an der Moskauer Universität, während „sein Großvater väterlicherseits“ als „orthodoxer Geistlicher und Religionslehrer“ seinen Lebensunterhalt verdiente.[5] Erwähnenswert ist, dass Solowjews Mutter dem Haus Romanow entstammte und „ihr Großonkel […] der ukrainische Philosoph Grigorij (Hryhoryj) Skovoroda (1722-1794)“ war.[6] Somit lässt sich leicht feststellen, warum Solowjew so erfolgreich sein konnte. Seine Familie besaß die notwendigen finanziellen Mittel und sie bot ihm die erforderliche intellektuelle und geistige Unterstützung, die ihm später zu Ansehen verhalf.

Laut Ludolf Müller, Autor des Buches „ Wladimir Solowjew. Schriften zur Philosophie, Theologie und Politik“, haben die Legenden der Heiligen Solowjew und seine „Geschwister“ bereits im frühen Alter zu einem „asketischen“ Leben in Kontemplation mit Gott angeregt. Diese Haltung änderte sich aber abrupt, als Solowjew ein „Moskauer Gymnasium“ besuchte. Die Erkenntnisse der Naturwissenschaft „und der orthodoxe Materialismus“, die „in den 60er Jahren“ des 19. Jahrhunderts „von Deutschland“ in Richtung Russland strömten, verdrängten bei Solowjew dessen „kindlichen Glauben“.[7] Dies lässt sich sehr leicht anhand des folgenden Zitats von Solowjew verdeutlichen:

„Ich habe in diesem Alter nicht nur gezweifelt und meine früheren Glaubensüberzeugungen verworfen, sondern sie auch von ganzem Herzen gehasst, und die Erinnerung an die unsinnigsten Lästerungen, die ich damals in Worten und Werken vollbracht habe, liegt mir noch jetzt auf dem Gewissen“.[8]

Wie Müller berichtet, bestanden die damaligen „erwähnten Werke der Lästerung […] etwa darin, dass er eines Abends nach hitzigen Gesprächen mit gleichgesinnten Freunden, die Ikonen von der Wand seines Zimmers riss und durch das Fenster in den Garten hinauswarf […]“.[9]

Laut Helmut Dahm maturierte der junge Solowjew 1869. Er bekam dafür sogar eine Goldmedaille[10] und anschließend besuchte er an der Moskauer Universität zuerst „naturwissenschaftliche Vorlesungen, dann philosophische, um gleichzeitig an der Geistlichen Akademie auch Theologie zu studieren“.[11] Da er sich mit Theologie an der „geistlichen Akademie in Sergiev Posad (dem heutigen Zagorsk)“ beschäftigte, widmete er sich nebenbei intensiv dem Studium von „heidnischen Religionen und den Kirchenvätern“.[12]

Des Weiteren wird von Peter Ehlen, Gerd Haeffner und Joseph Schmidt berichtet, dass der junge Akademiker bereits mit 21 Jahren „unter dem Titel ‚Die Krise der westlichen Philosophie‘ eine erste Skizze seiner All-Einheitsphilosophie“ vorlegte.[13] Mit dieser Arbeit erlangte Solowjew „am 24. November/6. Dezember 1874 an der Universität in St. Petersburg […] den akademischen Grad eines Magisters […] der Philosophie“.[14] Seine Schlussfolgerung lautete:

„Weder der neue Positivismus noch die alte Metaphysik sind fähig, den geistigen Zerfall Europas aufzuhalten. Dessen innere Einheit kann nur gewährleistet werden, wenn Philosophie und Wissenschaft mit dem christlichen Glauben sich zu einem ganzheitlichen Wissen verbinden.“[15]

In dieser Zeit der philosophischen Auseinandersetzung entwarf Solowjew folgende Leitidee: „Ein wenig Verstand, ein wenig Philosophie entfernt von Gott, etwas mehr Verstand, etwas mehr an Philosophie führen wieder zu Ihm hin.“[16]

Wie Ehlen, Haeffner und Schmidt in ihrem Buch „ Philosophie des 19. Jahrhunderts“ mitteilen, reiste Solowjew im Juni 1875 für ein Jahr nach London, Kairo, Neapel und Paris. Eines der wichtigsten Erlebnisse hatte er in Ägypten, wo er folgende Vision hatte: Er sah die sogenannte „göttliche Schönheit“, die sich ihm als eine überaus reizvolle Frau zeigte. Dieser Zeitpunkt gilt bei Solowjew als Beginn seines lyrischen Schaffens. Um zu verdeutlichen, dass diese Begebenheit als Inspiration für ihn wirkte, kann man seine als „Vorlesungen über das Gottmenschentum“ veröffentlichten, öffentlichen Vorträge von 1878 erwähnen. An dieser Stelle ist anzumerken, dass in diesen Schriften vor allem der Einfluss Schellings zu erkennen ist.[17]

In den Jahren danach folgten weitere Veröffentlichungen: „‚Die philosophischen Prinzipien des ganzheitlichen Wissens‘ (unvollendet) und die ‚Kritik der abstrakten Prinzipien‘“, ein Werk, mit dem er 1880 den Doktortitel erlangte.[18] Solowjews universitäre Laufbahn wurde allerdings abrupt beendet, „als er sich 1881 unter Hinweis auf das christliche Liebesgebot für die Begnadigung der Mörder des Zaren Alexander II. öffentlich einsetzte“.[19] Solowjew verließ die Petersburger Universität mit einem Beitrag über den Lebenssinn der christlichen Religion. Ab diesem Zeitpunkt hatte er kein „geregeltes Einkommen“ mehr und bestritt sein Leben mithilfe geringer Honorare, die er noch bekam, und darüber hinaus mit Unterstützung einiger reicher Freunde.[20]

An dieser Stelle sei die Meinung von Peter Ehlen, Gerd Haeffner und Joseph Schmidt zu diesem Thema zitiert:

„Dass die russische Kirche ihm bei der Verurteilung der Todesstrafe nicht gefolgt war, hatte ihm deren Abhängigkeit von der Staatsmacht deutlich vor Augen geführt und dazu beigetragen, dass er gegenüber dem Slawophilentum und dem russischen Nationalismus eine zunehmend kritische Haltung einnahm.“[21]

In den folgenden Jahren blieb Solowjew als Schriftsteller und Philosoph tätig und veröffentlichte weitere Werke als „historische Untersuchungen“ unter dem Titel „Über die nationale Frage in Russland“ oder „Geschichte und Zukunft der Theokratie“ (1883-1887) „sowie mehrere theologisch-historische Arbeiten über das Verhältnis von Judentum und Christentum“ (1884-1886).[22]

1887 publizierte Solowjew in Paris die Abhandlung „La Russie et l‘Eglise universelle“. Er kam im Zuge seiner Recherchen zu der Erkenntnis, „dass die universale christliche Kirche einen sichtbaren Mittelpunkt haben müsse, der im römischen Bischof als dem Nachfolger des Apostels Petrus zu sehen sei.“ Diese These löste beim russisch-orthodoxen Volk einen Skandal aus und in Moskau plante man, „ihn bei seiner Rückkehr aus Paris zu verhaften und nach Sibirien zu verbannen“.[23] Diese Absicht wurde allerdings niemals in die Tat umgesetzt.

Solowjew veröffentlichte bis zu seinem Tod 1900 in dichter Folge Bücher. Einige der wichtigsten waren: „Der Sinn der Liebe“ (1894), „Die Rechtfertigung des Guten“ (1894) und „Drei Gespräche über Krieg, Fortschritt und das Ende der Weltgeschichte mit Einschluss einer kurzen Erzählung vom Antichrist“ (1899).[24]

Der Philosoph und Theologe starb „völlig entkräftet […] mit nur 47 Jahren am 13. August 1900 auf dem Gut Uskoje bei Moskau“.[25]

3 Vorlesungen über das Gottmenschentum

Solowjews hier erwähnte Schriften wurden das erste Mal in Sankt Petersburg Anfang 1878 vor einer auserlesenen und vielköpfigen Hörerschaft öffentlich bekannt gemacht und erschienen zwischen 1878 und 1881 „in der Zeitschrift ‚Orthodoxe Rundschau‘“.[26] Das gesamte philosophische „Denken“ Solowjews ist in den „Vorlesungen über das Gottmenschentum“ gebündelt. Der berühmte Philosoph spricht hier „von zwei untrennbar verbundenen und einander bedingten Absoluten – dem absoluten Seienden und dem absoluten Werdenden und nennt ihre Einheit die ‚Gottmenschheit‘“.[27] Wie Peter Ehlen, Gerd Haeffner und Joseph Schmid allerdings mitteilen, verfolgte „Solowjew die Intention, Gottes Einheit mit den Menschen und durch ihn mit der Schöpfung aufzuzeigen, ohne Gott und Welt pantheistisch zu vermischen.“[28] Das wurde allerdings oft missverstanden bzw. falsch interpretiert.

3.1 Die erste Vorlesung

Die erste Vorlesung beginnt mit einer „Analyse der Gesellschaft“. Solowjew gelangt zu der Erkenntnis, dass unsere „moderne Zivilisation“ von den „egoistischen Interessen“ der Menschen bedroht sei und deswegen sogar „die Natur“ darunter leiden müsse.[29] Diese Idee wird erweitert, indem der Philosoph den folgenden Gedanken äußert:

„Zwar bietet der Glaube an Gott einen absoluten Existenzgrund; doch um wirksam zu werden, muss er mit dem Glauben an den Menschen zu der einen ganzen und vollen Wahrheit des Gottmenschentums verbunden sein“.[30]

Laut Solowjew ist „Religion […] die Verbindung von Mensch und Welt mit dem absoluten Prinzip und dem Mittelpunkt alles Seienden.“[31] Der Philosoph war fest davon „überzeugt, dass dort wo Religion anerkannt ist, sie in Wirklichkeit keine allumfassende und zentrale Rolle hat“. Aus diesem Grund neigte er dazu, eher von „Religiosität“ statt von Religion zu sprechen. Davon abgesehen, nahm Solowjew gezielt Bezug auf die Gesellschaft und auf die Wissenschaft, indem er explizit den Sozialismus und den Positivismus erwähnte.[32] Der Philosoph begründete deren Kern, indem er auf die Leitidee der Französische Revolution zurückgriff: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ für alle Menschen.

Laut Tadej Rifel, Autor des Buches „Gottmensch und Gottmenschentum. Versuch einer historischen Betrachtung des Begriffes und einer philosophischen Darlegung der Idee“, war Solowjew „der Meinung, dass in unserer Welt die ‚Gleichheit der Rechte‘ nichts ohne der ‚Gleichheit der Kräfte‘ bedeutet“. Der wahre Zweck des Sozialismus sei es, die „Gerechtigkeit in der Verteilung des Wohlstandes“ zu sichern, „nicht aber die absolute Gerechtigkeit“.[33] Solowjew äußerte sich zu diesem Thema folgendermaßen:

„Auf diese Weise führt der Sozialismus mit seiner Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und der Unmöglichkeit, diese auf endlichen, naturgegebenen Grundlagen zu verwirklichen, mit logischer Konsequenz dazu, die Notwendigkeit eines absoluten Prinzips im Leben anzuerkennen, das heißt, die Religion anzuerkennen. Auf dem Gebiet des Wissens kommt zu genau dem gleichen Schluss der Positivismus.“[34]

Was dies angeht, vertritt Solowjew folgende Ansicht:

„Die Vernunft gibt die ideale Form, der Inhalt aber der Vernunft oder der Vernunfterkenntnis ist die Realität, und da außerdem jede übernatürliche, metaphysische Realität von der rationalistischen Aufklärung abgelehnt wurde, bleibt nur die bedingte Realität der gegebenen natürlichen Erscheinungen.“[35]

Das Ziel des Positivismus sei somit „die Wahrheit […] bis in die äußersten Bezirke der Realität hinein zu verwirklichen“, genauso wie der „Sozialismus das legitime Streben nach Realisierung des sittlichen Prinzips bis hinein in die Außenbezirke des Lebens, in die Sphäre der materiell-ökonomischen Verhältnisse, nicht leugnen“ darf.[36]

3.2 Die zweite Vorlesung

Sie beginnt, indem die „religiöse Vergangenheit“ und ihre Auswirkung auf die „religiöse Zukunft für die Menschheit“ genau unter die Lupe genommen werden. Mit dem Begriff „religiöse Vergangenheit“ meinte Solowjew den römischen Katholizismus.[37]

Laut Tadej Rifel gab der Philosoph den Gegnern „des Katholizismus Recht, die ihm vorwerfen, dass die hier erwähnte Kirche ‚danach gestrebt habe, äußerliche, irdische Formen für göttliche und geistige Dinge zu schaffen‘“.[38] Der Philosoph sah aber „den eigentlichen Kern des Katholizismus […] in der Idee das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen“[39] und vertrat die Meinung:

„Wenn die Kirche das Reich Gottes auf Erden ist, dann müssen alle anderen Kräfte und Mächte ihr untertan, müssen ihr Werkzeug sein. […] Seine tatsächliche Herrschaft aber ist dann nichts anderes als Unterdrückung und Zwang: sie provoziert den notwendigen und berechtigten Protest des Individuums, worin eben die eigentliche Bedeutung und Rechtfertigung des Protestantismus liegt.“[40]

Solowjew sieht also „mit dem Protestantismus […] in der westlichen Zivilisation“ den Beginn einer stufenweise „Befreiung“ des Menschen aus auf „der Tradition beruhenden Bindung, die die Menschen im Mittelalter“ an die Katholische Kirche band, sie „gleichzeitig aber“ unter ihr „auch versklavte“.[41]

Laut Paul Evdokimov, Autor des Buches „Christus im russischen Denken“, sah der im 19. Jahrhundert lebende Philosoph die optimale Lösung dieses Problem in der Vereinigung folgender Ämter: Das „königliche des Zaren“, das „priesterliche des Papstes“ und das „prophetische der protestantischen Reformation“. Wenn man sich das Bild der Heiligen Dreifaltigkeit vor Augen hält, bedeutet „dies soziale Gerechtigkeit, Frieden und das Gute, das auf Erden verwirklicht“ werden sollte.[42]

Schlussendlich war Solowjew folgender Meinung:

„Die alte traditionelle Form der Religion geht vom Glauben an Gott aus, führt ihn aber nicht zu Ende. Die moderne, irreligiöse Zivilisation geht vom Glauben an den Menschen aus, doch auch sie bleibt inkonsequent – führt ihren Glauben nicht zu Ende; konsequent durchgehalten und bis zu Ende verwirklicht, fließen diese beiden Glaubenshaltungen – der Glaube an Gott und der Glaube an den Menschen – in der einen ganzen und vollen Wahrheit des Gottmenschentums zusammen.“[43]

3.3 Die dritte Vorlesung

In dieser Vorlesung versucht der Philosoph den Begriff des „Glaubens“ genau zu definieren, indem er auf Gott und seine „von uns unabhängige“ Existenz hinweist. Er ist der Meinung, das, „was nicht in uns ist, sondern in sich selbst“ und „jenseits der Grenzen unserer Erfahrung und folglich unseres realen Wissens“ existiert, „kann […] nur in einem Akt des Geistes behauptet werden, der über die Grenzen unserer Wirklichkeit hinausgreift – und eben das heißt Glaube“. Hier macht der Denker einen merklichen Unterschied zwischen „Glaube“ und „Erfahrung“. Auf den Schöpfer rückbezogen bedeutet dies: Wenn wir sagen „Gott gibt es!“ – „dass wir dies glauben“ – allerdings „was Er ist, das erfahren und erkennen wir“.[44] Somit ist Solowjew zusätzlich der Ansicht, dass „die religiöse Entwicklung ein positiver und objektiver Prozess“ sei und somit „die reale Wechselwirkung zwischen Gott und dem Menschen – der gottmenschliche Prozess“ darstellt.[45] Hiermit differenziert Solowjew drei Grundelemente dieser Entwicklung:

„Erstens die Natur, also die gegebene, vorhandene Wirklichkeit […]; zweitens, das göttliche Prinzip als gesuchtes Ziel […] der sich stufenweise offenbart; und drittens, die menschliche Persönlichkeit […] was das göttliche Prinzip aufnimmt und es […] mit der Natur wiedervereinigt.“[46]

Laut Paul Evdokimov legte der Denker in dieser Vorlesung, auf Basis dieser Elemente, die drei Grundgedanken seiner „Religionsphilosophie“ vor: An erster Stelle stand für ihn der „Polytheismus […] der mit der Entdeckung der Gegenwart des Göttlichen in den Elementen des Kosmos“ begann. An zweiter Stelle wurde „Indien“ erwähnt, mit seiner Hauptreligion „der Buddhismus“, der „die Natur als eine Illusion“ betrachtete und sie somit verneinte.[47] An dritter und letzter Stelle „offenbart sich das göttliche Prinzip konsequent fortschreitend in seinem eigenen Inhalt, in dem, was es in sich und für sich ist“.[48] Abgekürzt kann man den Polytheismus auch als „natürliche Offenbarung“, den Buddhismus als „negative Offenbarung“ und die dritte Stufe als „positive Offenbarung“ ansehen.[49] Was die Negation der Natur anbelangt, ist Solowjew allerdings folgender Meinung:

„Die heiligen Schriften des Buddhismus sind alle durchdrungen von der theoretischen und praktischen Verneinung des Lebens und alles Existierenden, weil sich allein in dieser Verneinung das göttliche Prinzip für den Buddhisten äußert.“[50]

Genauso aber „führte auch die philosophische Vergöttlichung der Natur im modernen Denken […] zur philosophischen Negation allen Seins […] wie er bekanntermaßen in unseren Tagen in den Systemen Schopenhauers und Hartmanns entwickelt wurde“.[51] Jedoch muss diese Art des Denkens nicht unbedingt als etwas Schlechtes angesehen werden, denn „wenn das göttliche Prinzip für uns das Ganze sein soll, so müssen wir das, was nicht mit ihm identisch ist, für das Nichts ansehen“.[52]

[...]


[1] Vgl. Müller, Ludolf (Hg.): Wladimir Solowjew. Schriften zur Philosophie, Theologie und Politik. Werkausgaben. Mit einer biographischen Einleitung und Erläuterungen von Ludolf Müller, 1. Aufl., Erich Wewel Verlag: München 1991, 7 [ in Folge: L. Müller (Hg.), Wladimir Solowjew. Schriften zur Philosophie, Theologie und Politik].

[2] Vgl. ebd., 7.

[3] Vgl. Film: 11142 (Street scenes in Moscow, Russia. Bridge, marching troops, tram on bridge and going through square. Horse-dra..., 1900), in: http://www.huntleyarchives.com/searchresult.php?keywords=&option=all&filmCategory=&filmDecade=&filmSound=&filmColour=&filmNumber=11142 [abgerufen am 28.08.2018].

[4] Vgl. Dietrich, Wolfgang: Russische Religionsdenker. Tolstoi, Dostojewski, Solowjew, Berdjajew, Kaiser/Gütersloher: Gütersloh 1994, 57 [ in Folge: W. Dietrich, Russische Religionsdenker].

[5] Vgl. Müller, Ludolf / Wille, Irmgard (Hg.): Solowjews Leben in Briefen und Gedichten, Erich Wewel: München 1977, 18 [ in Folge: L. Müller / I. Wille (Hg.), Solowjews Leben in Briefen und Gedichten].

[6] Vgl. Dahm, Helmut: Grundzüge russischen Denkens. Persönlichkeiten und Zeugnisse des 19. und 20. Jahrhunderts, Johannes Berchmans Verlag: München 1979, 131 [ in Folge: H. Dahm, Grundzüge russischen Denkens].

[7] Vgl. L. Müller (Hg.), Wladimir Solowjew. Schriften zur Philosophie, Theologie und Politik, 13.

[8] L. Müller /I. Wille (Hg.), Solowjews Leben in Briefen und Gedichten, 18.

[9] L. Müller (Hg.), Wladimir Solowjew. Schriften zur Philosophie, Theologie und Politik, 13.

[10] Vgl. H. Dahm, Grundzüge russischen Denkens, 131.

[11] Onasch, Konrad: Die alternative Orthodoxie. Utopie und Wirklichkeit im russischen Laienchristentum des 19. und 20. Jahrhunderts. 14 Essays, Ferdinand Schöningh: Paderborn – München – Wien – Zürich 1993, 106 [ in Folge: K. Onasch, Die alternative Orthodoxie].

[12] Ammer, Vera: Gottmenschentum und Menschgottum. Zur Auseinandersetzung von Christentum und Atheismus im russischen Denken. Slavistische Beiträge, Bd. 228, Otto Sagner: München 1988, 158 [ in Folge: V. Ammer, Gottmenschentum und Menschgottum].

[13] Vgl. Ehlen, Peter / Haeffner, Gerd / Schmidt, Joseph (Hg.): Philosophie des 19. Jahrhunderts, Grundkurs Philosophie 9, 5. vollständig überarbeitete Auflage, W. Kohlhammer: Stuttgart 2016, 145 [ in Folge: P. Ehlen / G. Haeffner / J. Schmidt, Philosophie des 19. Jahrhunderts].

[14] H. Dahm, Grundzüge russischen Denkens, 131.

[15] P. Ehlen / G. Haeffner / J. Schmidt, Philosophie des 19. Jahrhunderts, 146.

[16] W. Dietrich, Russische Religionsdenker, 57.

[17] Vgl. P. Ehlen / G. Haeffner / J. Schmidt, Philosophie des 19. Jahrhunderts, 146.

[18] Vgl. ebd., 147.

[19] K. Onasch, Die alternative Orthodoxie, 106.

[20] Vgl. P. Ehlen / G. Haeffner / J. Schmidt, Philosophie des 19. Jahrhunderts, 147.

[21] Ebd., 147.

[22] Ebd., 147.

[23] Vgl. ebd., 147-148.

[24] Vgl. ebd., 148-149.

[25] Vgl. ebd., 149.

[26] Vgl. Pravoslavnoe Obozrenie, zit. in: Schultze, Bernhard: Russische Denker. Ihre Stellung zu Christus, Kirche und Papsttum, Herder: Wien 1950, 257 [ in Folge: Pravoslavnoe Obozrenie, zit. in: B. Schultze, Russische Denker].

[27] Vgl. V. Solovév: Kritika otvlecennych nacal, in: Sobranie socinenij Vladimira S. Solovéva (St. Petersburg/Nachdruck Brüssel 1966), Bd. 1, Kapitel 44, S. 323, zit. in: P. Ehlen / G. Haeffner / J. Schmidt, Philosophie des 19. Jahrhunderts, 149.

[28] Vgl. ebd., 150.

[29] Vgl. ebd., 149.

[30] Ebd., 149.

[31] Vgl. Szylkarski, Wladimir / Lettenbauer, Wilhelm / Müller, Ludolf (Hg.): Deutsche Gesamtausgabe der Werke von Wladimir Solowjew. Kritik der abstrakten Prinzipien. Vorlesungen über das Gottmenschentum. Unter Mitwirkung von Nikolai Lossky, Wsewolod Setschareff, Johannes Strauch und Erwin Wedel, Erster Band, Erich Wewel: München 1978, 547 [ in Folge: W. Szylkarski / W. Lettenbauer / L. Müller (Hg.), Deutsche Gesamtausgabe der Werke von Wladimir Solowjew].

[32] Vgl. Rifel, Tadej: Gottmensch und Gottmenschentum. Versuch einer historischen Betrachtung des Begriffes und einer philosophischen Darlegung der Idee, Ljubljana: Teoloska fakulteta: Katoliski institut 2014, 214-215 [ in Folge: T. Rifel, Gottmensch und Gottmenschentum].

[33] Vgl. ebd., 216-217.

[34] W. Szylkarski / W. Lettenbauer / L. Müller (Hg.), Deutsche Gesamtausgabe der Werke von Wladimir Solowjew, 547.

[35] Ebd., 547.

[36] Vgl. ebd., 547.

[37] Vgl. ebd., 551-552.

[38] Vgl. T. Rifel, Gottmensch und Gottmenschentum, 220.

[39] Vgl. ebd., 220.

[40] W. Szylkarski / W. Lettenbauer / L. Müller (Hg.), Deutsche Gesamtausgabe der Werke von Wladimir Solowjew, 554.

[41] Vgl. ebd., 556.

[42] Vgl. Evdokimov, Paul: Christus im russischen Denken. Übersetzt von Hartmut Blersch, 1. Auflage (Sophia. Quellen östlicher Theologie. Herausgegeben von Julius Tyciak und Wilhelm Nyssen, Band 12), Paulinus: Trier 1977, 134-135 [ in Folge: P. Evdokimov, Christus im russischen Denken].

[43] W. Szylkarski / W. Lettenbauer / L. Müller (Hg.), Deutsche Gesamtausgabe der Werke von Wladimir Solowjew, 566.

[44] Vgl. ebd., 574-576.

[45] Vgl. ebd., 578.

[46] Ebd., 582.

[47] Vgl. P. Evdokimov, Christus im russischen Denken, 128-129.

[48] Vgl. W. Szylkarski / W. Lettenbauer / L. Müller (Hg.), Deutsche Gesamtausgabe der Werke von Wladimir Solowjew, 583.

[49] Vgl. ebd., 583.

[50] Ebd., 589.

[51] Vgl. ebd., 590.

[52] Vgl. ebd., 592.

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Details

Titel
Wladimir Solowjew und die Idee vom Gottmenschentum
Hochschule
Universität Wien  (Institut für historische Theologie)
Veranstaltung
Die russische Religionsphilosophie und die Erneuerung der orthodoxen Theologie im 20. Jh.
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
30
Katalognummer
V439132
ISBN (eBook)
9783668789371
ISBN (Buch)
9783668789388
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wladimir Solowjew, Idee vom Gottmenschentum, russische Religionsphilosophie, Theosophie, russische Philosophen, russische Dichter, russische Theologen, Gottmenschentum, Idee, russische Schriftsteller, orthodoxe Theologie, Philosophie, 20. Jahrhundert, Russland, Erneuerung, 19. Jahrhundert, christliche Osten, Glaube, Wladimir, Solowjew, Religionsphilosophie, Religion, Origenes
Arbeit zitieren
Ionut-Cristian Catana (Autor), 2018, Wladimir Solowjew und die Idee vom Gottmenschentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439132

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