Die Homosexualität wurde, obwohl sie in allen Kulturen und Gesellschaftsformen existiert, häufig als Abweichung von der Norm angesehen und mehr oder weniger geächtet. So wandelte sich der Umgang mit der Homosexualität ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts von einer zwar sündigen jedoch meist legalen Handlung zu einem Verbrechen, welches in fast ganz Europa mit dem Tod bestraft wurde. Eine enorme Verbesserung der Lebensumstände für homosexuelle Männer - denn Frauen, die gleichgeschlechtliche Beziehungen führten wurden nach dem Motto: kein Sex ohne Mann, einfach nicht ernst genommen - stellte sich 1804 durch die französische Revolution und den daraus hervorgegangenen Code Civil ein, der nur noch Eingriffe in die Rechte Dritter unter Strafe stellte, somit jedoch den einvernehmlichen Verkehr zweier Männer legalisierte ( www.wikipedia.org ). Bereits 1872 wurde die Homosexualität, allerdings wieder, einhergehend mit ihrer Pathologisierung, insbesondere durch den Psychiater R. Kraft-Ebing, der Homosexualität als erblich bedingte neuropathologische Veranlagung bestimmte und somit durch die Auslegung der Homosexualität als sozial schädlich, sowie als Verbrechen an der Allgemeinheit und als Indikator zivilisatorischen Verfalls ein Fundament für Vorurteile schaffte, strafrechtlich verfolgt. Rechtliche Grundlage hierfür war der § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs ( RstGB ).
Eine folgenreiche Verschärfung des Paragraphen im Nationalsozialismus führte zu einer Verzehnfachung der Verurteilten, weil der 1935 reformierte § 175 nicht nur vollführte sexuelle Handlungen unter Strafe stellte, sondern auch die bloße Absicht bzw. das objektive Empfinden einer Verletzung des Schamgefühls, wofür nicht einmal mehr Berührungen notwendig waren. Also konnte im Prinzip jeder Mann der Homosexualität beschuldigt werden und musste dann mit einer Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahren rechnen, da im Zuge der Reformierung auch die Höchststrafe von sechs Monaten auf fünf Jahre erhöht wurde.
In der Nachkriegszeit war der Umgang mit dem Phänomen der Homosexualität in der DDR zunächst uneinheitlich bis sie 1968 ihr eigenes Strafgesetzbuch bekam, indem der § 151 sexuelle Handlungen von Erwachsenen mit unter 18 jährigen des gleichen Geschlechts mit Freiheitsstrafe oder Bewährung ahndete. Dieser Paragraph war geschlechtsneutral verfasst, so dass nun auch Frauen belangt werden konnten. Allerdings war die Homophilie unter Erwachsenen legal.
Inhaltsverzeichnis
1 Geschichte der Homosexualität und Einleitung
2 Was ist Homosexualität?
3 Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit - ein System der Zwangsheterosexualität und Ursache für Diskriminierung
4 Begriffsdefinitionen
4.1 Das Coming Out
4.2 Zum Identitätsbegriff
5 Adoleszenz und ihre besonderen Anforderungen für Homosexuelle
5.1 Rolle der Peer Group in der Adoleszenz und ihre besondere Problematik für homosexuelle Jugendliche
5.2 Positiv besetzte Vorbilder als selbstwertstärkende Instanzen
5.3 Die Rolle der Eltern, Reaktionen auf das Coming Out und die Folgen
6 Die Schule als wichtige Instanz für die Identitätsbildung
7 Handlungsanforderungen an die soziale Arbeit - am Beispiel des Lesben - Projekts ,, Ragazza” in München und einer Schwulengruppe in Köln
8 Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Leitfrage, ob Homosexualität in der heutigen Gesellschaft eine gleichberechtigte und akzeptierte Lebensform darstellt, wobei der Fokus auf den besonderen Herausforderungen liegt, denen sich homosexuelle Jungen und Mädchen während der Adoleszenz gegenübersehen.
- Strukturelle Diskriminierung durch das System der Zweigeschlechtlichkeit und Zwangsheterosexualität
- Der Prozess des Coming Outs als innerpsychische und soziale Herausforderung
- Identitätsbildung homosexueller Jugendlicher im Kontext gesellschaftlicher Normen
- Bedeutung von Peer Groups und Vorbildern in der Sozialisation
- Handlungsansätze für die soziale Arbeit zur Unterstützung homosexueller Identitätsentwicklung
Auszug aus dem Buch
Die Rolle der Peer Group in der Adoleszenz und die besondere Problematik für homosexuelle Jugendliche
Ein zentrales Instrument für den Identitätsgewinn, während der Adoleszenz ist die Peer Group, als eine überwiegend altershomogene, primäre Bezugsgruppe, die sich einerseits durch das äußere Erscheinungsbild ( Mode, Frisur ), und anderen Symbolträgern wie Musik, Sprachgebrauch und ähnliches aber auch inhaltlich in Meinungsäußerung, Weltanschauung und Ideologie von der Erwachsenenwelt und anderen Peer Groups abgrenzt, um so über die Gruppenidentität zu einer eigenen Ich-Identität zu gelangen. Die gegenseitige Bestärkung innerhalb der Gruppe stärkt die eigene Position unter Gleichaltrigen aber auch in der Erwachsenenwelt und stellt einen Ausgleich zu gesellschaftlichen und schulischen Anforderungen sowie Belastungen dar. Sie unterstützen außerdem den Ablösungsprozess vom Elternhaus, in dem der Autonomiebereich vor allem durch die Freizeitgestaltung ausgedehnt wird und die Gruppenmitglieder untereinander emotionale Stütze sind. Ferner findet durch gruppeninterne Rollenverteilung und Hierarchisierung eine eigene Sozialisation statt ( vgl. Schäfer, Bernhard, 2001, S.164 u. 165 ). Aus diesem Grund ist natürlich sowohl für heterosexuelle als auch für homosexuelle Jungen und Mädchen der Zugang zu einer Peer Group von entscheidender Bedeutung. Jedoch gestaltet sich die Integration für Schwule und Lesben meist viel schwieriger, wenn sie sich durch ihre gleichgeschlechtliche Orientierung von den anderen Gruppenmitgliedern abgrenzen, da sich die Systematik jener Gleichaltrigengruppen eben nicht durch Vielfalt und Aufgeschlossenheit gegenüber anderen kennzeichnet, sondern durch Homogenität sowie Ab- und Ausgrenzung gegenüber anderen Meinungen, Verhaltensweisen und Orientierungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Geschichte der Homosexualität und Einleitung: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung des Umgangs mit Homosexualität von der Stigmatisierung als Verbrechen bis hin zur heutigen rechtlichen Anerkennung durch das Lebenspartnerschaftsgesetz.
2 Was ist Homosexualität?: Es werden verschiedene Definitionen der Homosexualität betrachtet und kritisch hinterfragt, warum diese stark auf Sexualität fokussiert und von Heterosexualität als „Normalität“ abgegrenzt werden.
3 Das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit - ein System der Zwangsheterosexualität und Ursache für Diskriminierung: Das Kapitel analysiert, wie Geschlechterrollen und die Annahme der Heterosexualität als Norm zu Diskriminierung führen und die Selbstwahrnehmung homosexueller Menschen beeinflussen.
4 Begriffsdefinitionen: Hier werden der Prozess des Coming Outs in seinen verschiedenen Phasen und Dimensionen sowie die Bedeutung einer stabilen Identitätsbildung während der Adoleszenz definiert.
5 Adoleszenz und ihre besonderen Anforderungen für Homosexuelle: Die spezifischen Herausforderungen homosexueller Jugendlicher bei der Identitätsentwicklung werden beleuchtet, insbesondere im Hinblick auf Peer Groups, fehlende positive Vorbilder und das familiäre Umfeld.
6 Die Schule als wichtige Instanz für die Identitätsbildung: Das Kapitel untersucht die Rolle der Schule bei der Identitätsentwicklung und kritisiert, dass sie ihrer Verantwortung, Homosexualität als normale Lebensform zu thematisieren, bisher kaum gerecht wird.
7 Handlungsanforderungen an die soziale Arbeit - am Beispiel des Lesben - Projekts ,, Ragazza” in München und einer Schwulengruppe in Köln: Es werden praxisorientierte Ansätze der Sozialpädagogik vorgestellt, um die Identitätsentwicklung von homosexuellen Jugendlichen durch geschützte Räume und Beratungsangebote zu fördern.
8 Schlussbemerkung: Die Autorin fasst ihre Erkenntnisse zusammen und stellt fest, dass trotz rechtlicher Fortschritte und zunehmender Toleranz weiterhin Benachteiligungen bestehen, weshalb eine spezifische Unterstützung für homosexuelle Jugendliche unerlässlich bleibt.
Schlüsselwörter
Homosexualität, Adoleszenz, Coming Out, Zweigeschlechtlichkeit, Zwangsheterosexualität, soziale Arbeit, Identitätsbildung, Diskriminierung, Peer Group, Rollenerwartungen, Identitätsentwicklung, gesellschaftliche Normen, Vorbilder, jugendliche Lebenswelten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation von homosexuellen Jugendlichen während der Adoleszenz im Spannungsfeld zwischen einer auf Heterosexualität ausgerichteten gesellschaftlichen Norm und dem individuellen Bedürfnis nach Identitätsfindung und Anerkennung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Auswirkungen von Geschlechterstereotypen, die Schwierigkeiten des Coming Outs, die Bedeutung von sozialen Bezugsgruppen wie Peer Groups oder Eltern sowie die Rolle der Schule und der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die spezifischen Benachteiligungen homosexueller Jugendlicher aufzuzeigen und zu untersuchen, ob Homosexualität in unserer Gesellschaft tatsächlich als eine gleichberechtigte Lebensform wahrgenommen wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und dem Vergleich fachwissenschaftlicher Literatur zu Soziologie und Psychologie, ergänzt durch die beispielhafte Untersuchung zweier sozialpädagogischer Projekte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit, der Prozess des Coming Outs, die Anforderungen der Adoleszenz an homosexuelle Jugendliche sowie die mangelnde Unterstützung durch Schule und soziale Institutionen tiefgehend analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Homosexualität, Adoleszenz, Identitätsbildung, Diskriminierung, Coming Out, Peer Group, soziale Arbeit und Zwangsheterosexualität.
Welchen Einfluss hat das System der Zweigeschlechtlichkeit auf homosexuelle Jugendliche?
Es setzt Jugendlichen von Geburt an normierte Verhaltensweisen voraus, wodurch Homosexualität oft als Abweichung und nicht als gleichwertige Alternative wahrgenommen wird, was die Identitätsbildung erheblich erschwert.
Warum ist die Schule aus Sicht der Autorin ein Problembereich?
Die Schule vernachlässigt die Thematisierung von Homosexualität außerhalb von Sexualkunde und HIV-Prävention, bietet kaum Identifikationsfiguren und begegnet der Lebensform oft mit Ignoranz oder Tabuisierung, anstatt Aufklärung zu leisten.
Wie kann Soziale Arbeit homosexuelle Jugendliche konkret unterstützen?
Durch das Schaffen niederschwelliger, geschützter Treffpunkte und Jugendgruppen, in denen Jugendliche mit Gleichgesinnten in Kontakt kommen und positive Vorbilder erfahren können, um ihr Selbstwertgefühl zu stärken.
- Quote paper
- Nicole Wilbrandt (Author), 2005, Eigentlich ganz normal und doch irgendwie anders - homosexuelle Adoleszenten im Spiegel der Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/43928