Vidders Online. Kurzer Überblick einer Community


Essay, 2011

4 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Vidders Online

1997 startete im amerikanischen Fernsehen eine Serie um eine Highschool-Schülerin, die die Sorgen, Ängste und Nöte von Jugendlichen in ihrer ganz konkreten Form bekämpfen musste. Vampire und Monster aller Art stellten sich ihr in den Weg. Auf der Grundlage dieser Serie, „Buffy the Vampire Slayer”, entwickelte sich kurze Zeit später eine wachsende Fangemeinde im Internet. Mit den fortschreitenden technischen Möglichkeiten wuchs auch die Kreativität der Fans. Zu Beginn tauschte man Geschichten über mögliche alternative Episoden oder zukünftige Geschehnisse aus. Später kam das FanArt hinzu: Bilder, die als Collage digital zusammengeschnitten, bearbeitet und verändert wurden. Immer wurde die Serie benutzt um durch neue Verknüpfungen Kommentare, tiefere Einsichten oder Kritik zu äußeren. Das originale Material wurde „remixed”[1]. Die Gruppe, deren Richtung die größten Anforderungen an die technischen Leistungen der Fans stellt, möchte ich hier betrachten. Die „Vidders” befassen sich mit dem Zuschnitt von Musikvideos.

Das Schneiden von Musikvideos durch Fans einer bestimmten Serie soll 1975 ihren Anfang genommen haben. Ein StarTrek Fan hatte eine Bilderserie mit Musik hinterlegt und diese auf einer Convention (einem Fantreffen) gezeigt.[2] Als Videorecorder in private Haushalte kamen, wurden aus den Bilderserien bewegte Videos. Durch Computer und Internet ist der Schnitt nun digital und der Austausch findet online statt. Zusammengefasst wird die Kunst der Fans (Text, Collage, Video) als „Transformative work”[3] bezeichnet, denn es findet eine Transformation - eine Veränderung - des originalen Materials statt, die sich meist auf der inhaltlichen Ebene abspielt. Hier kann zum Beispiel ein Nebendarsteller in einem Fanvideo oder auf einer Collage zum Hauptcharakter werden, eine traurige Episode ein heiteres Ende finden oder eine Charakterstudie durchgeführt werden - ohne die Einwirkung oder die ausdrückliche Erlaubnis der Produzenten der Serie.

Die Bezeichnung „Vidder” ist eine Abgrenzung von den professionellen „Cuttern” (die Copyrightproblematik deutet sich hier an) und leitet sich von der Kurzform von „Video” dem „Vid” ab. Beim Videoschnitt werden mit digitalen Mitteln Szenen einer Serie mit verschiedenen Liedern (meist Popmusik) hinterlegt. Passend zum Text des Liedes oder zum Rhythmus werden Überblendungen ausgewählt, einzelne Bilder (Frames) verändert, Szenen beschleunigt oder verlangsamt. Ein Video von drei bis vier Minuten kann so den Vidder zwischen vier und 20 Stunden Arbeit kosten. Zur Zeit der Erstausstrahlung von Buffy, waren die Festplatten im Internet und im Home PC noch klein. Die Internetverbindungen waren entsprechend langsam und teuer. So blieben die Vidders am Anfang vereinzelt, die Zuschauergemeinde wuchs aber schnell. Die ersten Vidders legten einige Regeln und Normen fest, die noch heute gelten. Nach dem Ende der Serie in 2003 kam Rohmaterial aus anderen Serien stärker hinzu, außerdem Szenen der Buffy -Darsteller in anderen Rollen. YouTube, Viddler.com und andere Seiten sind reich an kreativen „transformative works”.[4]

Typisieren von Handlungen und Situationen

Das Erstellen von Kunst ist immer ein individueller und einzigartiger Prozess. Dennoch wird das Schneiden eines Videos schon durch die Bezeichnung der Handlung typisiert und dem Schneiden anderer Videos gleich, oder mindestens gleichwertig gemacht.

Der „Vidder” ist auch eine typisierende Bezeichnung. Wenn in der community die Rede von „Vidders” ist, sind alle Personen die Videos schneiden gemeint. „Watchers” (die Betrachter) ist gewöhnlich eine Selbstbezeichnung, wenn Communitymitglieder ausdrücken wollen, dass sie selbst noch kein Video geschnitten haben und so ihren Respekt vor der Medienkompetenz der Vidder zeigen. Die Community lebt von der Betrachtung und Verbreitung von Videos, deshalb muss nicht jedes Mitglied auch Videos schneiden. Die „Buffy Music Video Database” hat 54 Vidders gelistet, die aber die Autoren von über 2200 Videos sind. Solange die Liebe zur Serie geteilt wird, ist man von der Gruppe angenommen.

Der Aufnahmeprozess zeigt wie wichtig auch im Internet die Beziehungen der Personen untereinander sind, um die Verhaltenserwartungen zu bestimmen. Der Bekanntheitsgrad und die Mitgliedsdauer bestimmen über den Status der Person. Wer eine eigene Webseite zur Serie hat, genießt einen höheren Status. Wer zum Beispiel eine eigene YahooGroup eröffnen will und sich rege Beteiligung wünscht, der braucht diesen Status. Auch können nur angesehene Vidders oder Inhaber größerer Webseiten selber Awards[5] vergeben oder Preisausschreiben starten.

Von den ältesten Mitgliedern (=längste Mitgliedszeit) wird außerdem erwartet, die Neuankömmlinge zu begrüßen und so ihre Aufnahme zu bestätigen. Von den „Newbies” wird dann zum einen eine gewisse Höflichkeit und Respekt verlangt, zum anderen genießen sie größere Freiheiten was den Umgang mit dem Copyright betrifft. Sie dürfen z.B. den Hinweis auf die Urheber der Serie in ihrem Video vergessen, ohne aus den Verbreitungslisten gestrichen zu werden. Nach drei bis vier veröffentlichten Videos wird nicht mehr nur auf dieses Versäumnis hingewiesen.

Die größte Schwierigkeit für eine online Community ist es, das sogenannte RL (real life) mit dem Leben online zu vereinbaren. Es zeigt sich klar die Interessenkonkurrenz zwischen der Rolle als Vidder und der der Mutter, Studentin etc.. Der Zeitaufwand beim Videoschneiden und Veröffentlichen ist sehr hoch. Ein häufiger Schließungsgrund für Webseiten ist eine Erhöhung der Ansprüche in der realen Welt z.B. durch Aufnahme eines Studiums, Eintritt in ein Arbeitsverhältnis oder Familiengründung. Nur wenige Vidders sind älter als 30 Jahre, die meisten weiblich.[6] Die Vidding-Community ist in ihrer Verbreitung an die Bezugsserie gekoppelt. Da Buffy the Vampire Slayer eine weltweite Verbreitung erreicht hat, sind auch die Vidders global verteilt. Die Kommunikationssprache ist daher überwiegend Englisch.[7]

Normgeltung und Sanktionen

Die Regeln die in der Vidding Community gelten wurden zum größten Teil vor etwas mehr als zehn Jahren aufgestellt. Auf einigen Webseiten werden die Regeln und Normen der Community veröffentlicht. So z.B. in der größten Buffy -Video Datenbank, der „Buffy Music Video Database” (BMVD). Hier heisst der erste Punkt der „Submission Rules”:

You cannot post links to videos made with source from other videos because vids made in that way violate the standards of the vidding community in which the BMVD participates. The database managers can't stop you from using source stolen from your fellow vidders, but we strongly object to the practice and don't want to tacitly endorse it by helping to publicize such vids.[8]

Diese Regel wird an Neuankömmlinge freundlich aber bestimmt immer wieder herangetragen. Da es beim Schneiden von Videos eine besondere Hürde darstellt an ausreichend Rohmaterial zu kommen, sind fertige Videos oft Angriffsfläche. Da der Ton aber in jedem Fall ersetzt wird, ist es nicht immer leicht für Webmaster oder Vidders den Diebstählen auf die Schliche zu kommen. Oft findet sich eine einzige Überblendung oder ein spezieller Effekt, manchmal auch nur ein Framefehler beim gerippten Material in den so erstellten Videos. Einmal entlarvt, kann sich der Übeltäter nur durch Entfernen des Videos und eine öffentliche Entschuldigung wieder in die Community integrieren. Rohmaterial unter Viddern zu teilen ist unüblich, da es sowohl das Copyright der DVDs verletzt als auch technisch schwierig ist.

Eine andere Regel betrifft den künstlerischen Anspruch der vidding community. Die BMVD hält fest: „ You cannot post what we have started to lovingly refer to as "powerpoints". By this, we mean you cannot post music vids that are simply still images set to music. You must using [sic.] moving clips in your vids. Still images do not count.

Es gibt aber auch andere Verstöße die ein Video ausscheiden lassen. Zum Beispiel die Nutzung eines zu einfachen Videoschnittprogramms. Es gab Programme, die keinerlei Kreativität vom Vidder verlangten. In zwei Schritten kam man zum fertigen Video: Musik auswählen, Quellvideo angeben. Das Programm hat die Szenen durcheinander geworfen und vertont. Per Zufall kann ein solches Video sehr gut aussehen, stellt sich allerdings heraus, dass der Vidder keine Änderungen vornehmen kann, oder keine Erklärungen für bestimmte Szenen hat, wird es nicht akzeptiert und verbreitet.

Da die Verbreitung der Videos entweder über private Webseiten erfolgt oder über Anbieter wie YouTube, ist es relativ leicht ein Video aus dem Verkehr zu ziehen. Der Schadensträger bei gestohlenem Quellmaterial wendet sich gewöhnlich zuerst an den Dieb, dann an Betreiber größerer Datenbanken wie die BMVD und lässt das Video erst zum Schluss von YouTube aus dem Programm nehmen. Einige Diebe fühlen sich trotz dieser Etikette im Recht, mit der Begründung, alle anderen Vidders würden das Material auch nur illegal von copiergeschützten Datenträgern erhalten. Hier wird aber gewöhnlich im Video auf das Copyright hingewiesen - wenn nicht, wird auch das von der Gruppenöffentlichkeit bemängelt. Das Copyright beim Videoschnitt ist, wie oben erwähnt, der größte technische Diskussionspunkt in der Community. Es kommt häufig vor, dass Videos von YouTube aus Copyrightgründen abgewiesen werden. Allerdings sind die Kläger hier nicht die Rechteinhaber des Videomaterials, sondern fast ausschließlich die Musikindustrie. Ihnen genügt auch keine Angabe der Quelle, selbst wenn das Musikstück unvollständig oder in schlechter Qualität dem Video hinterlegt wurde, ist sein Leben auf YouTube oft kurz. Die meisten Vidder müssen deshalb auf eigene Webseiten umsteigen, hier können sie sich allerdings noch schneller strafbar machen. Ansehen ist deshalb in der Vidding Community auch immer eine Gefahrenquelle, wenngleich die Vidders sich moralisch im Recht fühlen, solange der Hinweis auf den tatsächlichen Urheber des Bild- und Tonmaterials deutlich sichtbar ist.

[...]


[1] nach: Lawrence Lessig. Remix. Penguin Press 2008.

[2] http://nymag.com/movies/features/videos/40622/

[3] https://transformativeworks.org/fr/glossary/13#term441

[4] nach: Heinrich Popitz. Soziale Normen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006.

[5] Awards sind Auszeichnungen, meist Bilder auf denen der Name des Videos, die Platzierung und der Name der Vergabewebseite vermerkt sind. Sie sollen mit dem Video präsentiert werden um für es zu werben.

[6] http://nymag.com/movies/features/videos/40622/

[7] nach: Heinrich Popitz. Soziale Normen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2006.

[8] http://www.buffy.fanvids.co.uk/viewpage.php?page=rules

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Vidders Online. Kurzer Überblick einer Community
Hochschule
Universität Potsdam  (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde)
Veranstaltung
Regeln und Normen in jugendlichen Subkulturen
Note
1.3
Autor
Jahr
2011
Seiten
4
Katalognummer
V439381
ISBN (eBook)
9783668820777
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Remix, Jugendkultur, Subkultur, Videoschnitt, Musikvideos, Onlinekultur, Buffy
Arbeit zitieren
Anja Mittelstedt (Autor), 2011, Vidders Online. Kurzer Überblick einer Community, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439381

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