Mehrsprachigkeit und der Spracherwerb bei Migration


Studienarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Sprachkompetenz und doch fremd?

2 Grundlagen
2.1 Einwanderungsland Deutschland
2.2 Migration
2.2.1 Begriffsbeschreibung
2.2.2 Migrationssoziologische Konzepte
2.2.3 Soziokulturelle Aspekte
2.3 Integration

3 Sprache
3.1 Sprache und ihre Funktion
3.2 Sprache und Identität
3.3 Sprache und ihre Bedeutung
3.4 Muttersprache und ihre Bedeutung
3.5 Gesprochene und geschriebene Sprache
3.5.1 Struktureller Aspekt
3.5.2 Gesellschaftlicher Aspekt

4 Spracherwerb
4.1 Allgemeiner Spracherwerb
4.2 Spracherwerbsprozess
4.3 Alter und die Bedeutung im Spracherwerb

5 Mehrsprachigkeit
5.1 Zweitspracherwerb (ZSE)
5.1.1 Bedingungen für den Zweitspracherwerb
5.1.2 Gesteuerter / ungesteuerter Zweitspracherwerb
5.1.3 Simultaner / sequentieller Zweitspracherwerb
5.2 Mehrsprachigkeit und Integration
5.2.1 Erste Generation und Mehrsprachigkeit
5.2.2 Zweite Generation und Mehrsprachigkeit

6 Belastungsfaktoren

7 Sprachkompetenz – ein Zugewinn?

Literaturverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Sprachkompetenz und doch fremd?

Die globale Vernetzung der Ökonomien zeigt, dass sich in der Arbeitswelt das Englische immer mehr verbreitet, mit zunehmender Mobilität werden jedoch auch alle andern Sprachen mobiler. In Deutschland hat inzwischen ein großer Teil der Jugend­lichen einen Migrationshintergrund. Diese Menschen oder ihre Eltern sind irgendwann aus unterschiedlichen Gründen aus andern Kontinenten oder Länder zu uns gekommen und geblieben. Oft erwecken sie Furcht und werden nur geduldet, wenn sie angepasst oder sogar unsichtbar in unserer Gesellschaft existieren. Sprachkompetenz bekommt in der Auseinandersetzung mit Migration und Integration eine zentrale Bedeutung. Das Thema ist aktuell und vielschichtig, dabei muss abgewogen werden, ob Spracherwerb bei der Integration fördert oder fordert. Als Einstieg in die vorliegende Arbeit sollen einige Grundlagen zu Migration und Integration dienen. Im Anschluss wird die Sprache in ihrer Funktion und Bedeutung, sowie ihrem Zusammenhang zur Identität erläutert. Dabei wird auf die Bedeutung der Muttersprache, auf strukturelle und gesellschaftliche Aspekte eingegangen. Das folgende Kapitel erläutert den Spracherwerb und der Spracherwerbsprozess. Im Kapital Mehrsprachigkeit werden die Bedingungen und Arten des Zweitspracherwerbs aufgezeigt und in den Migrationkontext der unterschiedlichen Generationen gestellt. Das anschließende Kapitel beleuchtet einige migrationsbedingte Belastungsfaktoren für Bildung und Arbeitsmarktchancen, sowie generationsübergreifende Konfliktpotentiale. Die Arbeit schließt mit einem kurzen Fazit über die Bedeutung der Sprache in der Sozialen Arbeit und ihren Zugwinn während Integrations- und Migrationsprozessen. Aus Gründen der Lesbarkeit habe ich mich durchgängig für die Nennung der männlichen Form entschieden, selbstverständlich sind beide gemeint.

2 Grundlagen

2.1 Einwanderungsland Deutschland

Die nationale und ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung wird zunehmend heterogen. Seit den vergangenen beiden Jahrhunderten befindet sich die Welt in ständiger Bewegung. Unzählige Entwicklungen haben neue Situationen und An­forderungen an alle Staaten, Gemeinschaften und den Einzelnen bewirkt. Deutschland ist ein Einwanderungsland, obwohl noch vor kurzem entschieden darüber gestritten wurde. Seit der Einführung des Zuwanderungsgesetzes im Januar 2005 wird emotional geprägte Politik zunehmend sachlich. Ein stetiger Prozess der Zuwanderung hat seit den 1960er Jahren in Deutschland eine Entwicklung zu einer multikulturellen Gesellschaft ausgelöst (vgl. Kreppel, 2006, S. 9). Die Ersten waren Arbeitsmigranten aus den Mittelmeerstaaten. Mit dem 1955 geschlossenen ersten Ab­kommen mit Italien war der Grundstein für die Gastarbeiterperiode gelegt, es diente als Muster für Verträge mit Spanien, Griechenland, der Türkei sowie Marokko, Portugal und Tunesien. Damals hatten weder Arbeitgeber noch Politiker daran gedacht, dass sich die arbeitenden Gäste dauerhaft niederlassen würden. Man sah diese Menschen als verschiebbare Arbeitsmasse, die man bei Bedarf holte und wieder abschieben konnte, sobald die Auftragslage zurück ging (vgl. Finkelstein, 2006, S. 14 f.). In den 1970er Jahren kamen Flüchtlinge und Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, aus Polen und Rumänien dazu. Dann wurde 1973 von der Bundesregierung ein sogenannter Anwerbestopp verfügt. Aber die Gastarbeiter haben sich nicht wie geplant als Mobilitätsreserve verhalten, sondern haben ihre Familien nachgeholt, Nachwuchs be­kommen und haben Wohnungen bezogen (vgl. Finkelstein, 2006, S. 17). Erst vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Rückgangs und der steigenden Niederlassungsquoten der angeworbenen Ausländer hat man festgestellt, dass Gastarbeiter als Einwohner deutscher Städte ihre eigenen Probleme und Bedürfnisse haben. Die ersten Warnzeichen waren schlechte Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit und schulische Schwierigkeiten der Kinder dieser Familien. Ein Großteil dieser ausländischen Bevölkerung hat sich in Ballungszentren niedergelassen. Familien unterschiedlicher Herkunft und Kultur mussten sich in einem sogenannten multikulturellen Umfeld und in einer mehr­sprachigen Gesellschaft zurechtfinden (vgl. Kreppel, 2006, S. 13).

2.2 Migration

2.2.1 Begriffsbeschreibung

Migration ist ein dynamischer Prozess und zugleich eine kreative Situation, denn es Erfahrungen erworben und durch Vernetzung ihrer Vielfalt zusätzlich bereichert. Wenn Bande zu Heimat und Sprache gelöst werden, kann es ein sehr schmerzhafter Prozess sein. Migration beinhaltet das Bemühen, die herkömmlichen Verhältnisse einer fremden Umgebung anzupassen (vgl. Maas, 2008, S. 24). Allgemein bezeichnet man Migration als den Umstand, dass Menschen für einen unbegrenzten Zeitraum ihren angestammten Wohnort verlassen und in einem andern Land als ihrem Herkunftsland leben. Der soziologische Migrationsbegriff schließt die Wohnortsveränderung innerhalb eines Staates aus. Er enthält die Dimensionen Raum, Zeit und Sozialität. Motive und Ursachen sind verknüpft, dabei gibt es verschiedene Gruppen. Der ersten Gruppe geht es um Sicherung der minimalen Lebensbedingungen oder um das nackte Überleben. Die zweite Gruppe bezieht sich auf Migration aus wirtschaftlicher Not verbunden mit Hoffnungslosigkeit. In diese Gruppe fallen die Arbeitsmigranten oder Arbeits­flüchtlinge, die der relativen Armut entfliehen wollen. Den dritten Typus bilden politisch oder religiös Verfolgte. Die vierte Gruppe bezieht sich auf Migranten, die ihre soziale und strukturelle Situation verbessern wollen und dem fünften Typus werden Migranten mit Motiven wie Abenteuerlust und Neugier zugeschrieben. In der Bundesrepublik werden hauptsächlich die Gruppen der Arbeits­migranten, der Aussiedler und der Flüchtlinge wahrgenommen (vgl. Hamburger, 2005, S. 1212 f.).

2.2.2 Migrationssoziologische Konzepte

Die Migration bedeutet für den Einzelnen nicht nur Entwurzelung durch Aufgabe des bisherigen Lebensmittelpunktes, sondern auch Verunsicherung und Orientierungs­losigkeit weil die in der Heimat erworbenen Deutungsmuster in der neuen Umgebung nicht mehr funktionieren. Die wachsende Entfremdung von ihrer Herkunftsgesellschaft belastet die Beziehungen zu Freunden und Verwandten in der Heimat, zusätzlich bietet die Konfrontation mit einer fremden und neuen Umgebung keinen sicheren Identifikationspunkt. Es ist möglich, dass die psychologische Instabilität bei den Mitge­nommenen noch größer ist, als bei ihren Eltern, denn die Entscheidung der Eltern zu migrieren, wird von deren Kinder als fremdbestimmt und schicksalhaft empfunden. Ob Migration zu Verlierern führt und inwieweit Verläufe und Verarbeitungsmuster unterschiedlich ausfallen, kann anhand von folgenden Erklärungskonzepten aufgezeigt werden (vgl. Vogelsang, 2008, S. 19).

Die Race-Relation-Cycle-Theorie von R. E. Park hat sich nicht nur mit der räumlichen Bewegung von Menschen beschäftigt, sondern hat das Ziel des problemfreien Einbeziehens der Migranten in die Aufnahmegesellschaft. In dieser auch als Interethisches Beziehungssequenz-Modell bezeichneten Theorie ist folgende Abstufung festgelegt: Die erste Sequenz ist die Kontaktphase, die durch ein friedliches Miteinader geprägt ist. Auf Grund von Versuchen seitens der Migranten ihre Lebenssituation zu verbessern, kommt es zu Konkurrenzsituationen die zu Konflikten führen können. In der Akkomodationsphase führen diese Spannungsverhältnisse zu einem Rückzugs­prozess und einer Absonderung von der einheimischen Bevölkerung. Die Einwanderer richten sich in Parallelwelten und in sozialen und ökonomischen Nischen ein und lassen dadurch Benachteiligung zu. Diese Phase kann von langer Dauer sein. Die letzte Phase ist durch eine Angleichung, respektive Vermischung mit der Aufnahmegesellschaft gekennzeichnet. Nach Park ist diese Phase der Assimilation eine mögliche, aber auch wahrscheinliche Folge der Integration, bei der enge persönliche Beziehungen den ethnischen Rahmen von innen heraus sprengen. Diese assimilative Integration Parks ist sicherlich wünschenswert, aber leider in der heutigen Migrationentwicklung realitätsfremd. Die Erkenntnis daraus hat zur Folge, dass sich die weitere Forschung mehr auf die Begleitumstände konzentrieren muss (vgl. Vogelsang, 2008, S. 20 f.). Das handlungstheoretische Integrationskonzept von Hartmut Esser kann als Weiter­führung dieser klassischen Theorie betrachtet werden. Es geht ebenfalls von einer kulturellen Angleichung der Migranten aus, sieht aber den Erfolg in den Gegebenheiten der Mehrheitsgesellschaft. Für Esser steht fest, dass jedem Eingliederungsprozess eine Desintegration voraus geht, denn jeder Wechsel in einen fremden Kulturraum löst eine Krisensituation aus. In seinem Konzept findet in der ersten Phase der Akkulturation eine Kontaktausnahme statt und in der zweiten Phase der Integration wird eine stabile und integrierte Persönlichkeit ausgebildet, die sich an Zufriedenheit und Selbstwertgefühl festmachen lässt. Auch die systemische Integration basiert darauf, dass Zuwanderer, welche autonom und selbstbewusst kommunizieren und in einem Beziehungsnetz integriert sind, auch gleichwertige Beteiligungschancen in der Gesellschaft erhalten. Akkulturation und Integration legen somit den Grundstein für eine gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe. In der nächsten Phase versucht der Zuwanderer eine kognitive, strukturelle, soziale oder identivikative Ähnlichkeit mit den Personen der Aufnahme­gesellschaft zu erreichen. Esser bezeichnet sie als Assimilationsphase. Eine positive Integration hängt nach Esser von den Alternativen, Barrieren oder Opportunitäten der Aufnahmegesellschaft und nicht nur von der Motivation oder Kognition der Migranten ab (vgl. Vogelsang, 2008, S. 22 f.).

2.2.3 Soziokulturelle Aspekte

Die gesellschaftliche Situation der Migration setzt die Zugewanderten einer besonderen sprachlichen Situation aus. Erschwerend kommt dazu, dass von ihnen erwartet wird, dass sie unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Forderungen verschiedener Kulturen gerecht werden (vgl. Kreppel, 2006, S. 20). Dadurch, dass die deutsche Politik die Option der Rückkehr lange offen gehalten hat, saß die Zweite Generation oft zwischen den Stühlen. Der Kontakt zum Land der elterlichen Herkunft war schwach ausgeprägt und die Kompetenz in der Muttersprache war ebenso mäßig wie die der deutschen Sprache. Dadurch wird ersichtlich, dass die Lage der in Deutschland geborenen Einwandererkinder ebenfalls schwierig ist (vgl. Finkelstein, 2006, S. 18). Die Sprachdominanz der Gesellschaft prägt die sprachliche Situation von Migranten und die Einstellung der Mehrheit gegenüber einer Sprache kann deren Erwerb genauso beeinflussen wie das Prestige, das die Muttersprache hat. Sprachliche Barrieren zwischen soziokulturellen Minderheiten und dem Umfeld können durch Sprach­kompetenz eliminiert werden. Beengende Wohnverhältnisse, mangelnde inner­familiäre Interaktion und die heute relativ schlechte wirtschaftliche und soziale Lage vieler Familien mit Migrationshintergrund haben einen defizitären Einfluss auf die muttersprachliche Entwicklung und deren Förderung. Da die Eltern oft nicht über die nötige sprachliche Kompetenz des Einwanderungslandes verfügen, können Kinder in sprachlicher Hinsicht nicht auf deren Unterstützung hoffen und werden diesbezüglich schlecht auf die Schule vorbereitet (vgl. Kreppel, 2006, S. 21 f.).

2.3 Integration

Integration kann alles heißen und ist als genereller Begriff verwaschen. Soziologisch gesehen gibt der Zugang zu bedeutenden gesellschaftlichen Bereichen Aufschluss über den Grad der Integration in eine Gesellschaft. Für soziale Integration ist Spracherwerb, Zweitspracherwerb oder Bilingualität der Migranten in der Aufnahmegesellschaft von zentraler Bedeutung. Die Sprache ist sowohl in Verbindung mit Bildung als auch in Verbindung mit Arbeitsmarktchancen eine wichtige Ressource (vgl. Esser, 2006, S. 12). Integration definiert sich durch das gesellschaftliche Projekt an dem sich sowohl Zuwanderer, ihre Nachkommen und die Aufnahmegesellschaft beteiligen. Demo­kratisches Ziel ist die Überwindung sozialer Hindernisse mittels individueller Ressourcen oder kulturellem Kapital eines jeden Individuums. Integration heißt auch, um knappe Güter konkurrieren. Als Schlüsselbegriff dazu ist die Partizipation zu sehen. Der Einzelne kann sich durch Möglichkeiten, die von der Gesellschaft vorgehalten werden verwirklichen und kann dadurch an der Gesellschaft teilnehmen (vgl. Maas, 2008, S. 538). Tradierte Vorgaben, die für das Verhalten in der Sozialisation selbstverständlich sind, werden unter dem für die Integrationsdebatte wichtigen Begriff Kultur zusammengefasst. An diesen Komplex knüpft sich der Identitätsaspekt, der in der pädagogischen Migrationsdiskussion eine Schlüsselrolle einnimmt. Auch wenn Politik und Pädagogik darüber debattieren, ob die Bedeutung anderer Sprachen oder ihre Vielfalt in Deutschland ignoriert wird, steht jeweils die deutsche Sprache im Mittelpunkt. (vgl. Maas, 2008, S. 143).

3 Sprache

3.1 Sprache und ihre Funktion

Erleben und Reflexion sind an Sprache gebunden und Sprache hat eine enge Beziehung zu Gefühl - dadurch entwickelt sich eine Sprache. Auch Migranten tragen zu ihrem Wandel bei. Sprache ist als genetisch angelegte und unterschiedlich ausgebaute Ressource zu sehen, die kognitive Potentiale um ein Vielfaches steigern kann (vgl. Maas, 2008, S. 265). Innerhalb einer Familie haben wir es zunehmend mit der gleichzeitigen Präsenz von mehreren Sprachen zu tun. Um sprachliche Strukturen zu erwerben, ist Kommunikation insbesondere in sozial bedeutsamen Situationen wesentlich. Zwischen Verstehen, Sprechen und dem Beherrschen einer Sprache besteht jedoch ein Unterschied. Aktuell spielen im Rahmen sozialer und migrationspolitischer Gegeben­heiten Deutschkenntnisse für die Integration eine wesentliche Rolle (vgl. Schroeder, 2007, S. 6 f.). Die Sprache dient als Brücke zwischen sozialen Funktionen und der Ich-Struktur, damit schafft sie in Interaktionsprozessen die Verbindung zwischen dem Ich und dem gespeicherten Wissen (vgl. Büttner, & Kohte-Meyer, 2002, S. 17).

3.2 Sprache und Identität

Sprachverschiedenheit ist offenbar eine komplexe Angelegenheit und ihr Zusammen­hang mit personaler Identität ist für die Migration von zentraler Bedeutung. Menschen brauchen das Andere, den Fremden oder das Ausland um die eigene Identität spiegeln zu können oder sich der eigenen Identität bewusst zu werden. Im Unterbewusstsein entstehen Interpretationen und Zuschreibungen, die zu Phantasien führen können. Oft eilen die Vorstellungen über Fremde, deren Mentalitäten, Meinungen und Einstellungen denselbigen voraus, denn sie werden durch historische oder politische Beziehungen gebildet und sind in gewissem Maß von der Gesellschaft abhängig. Es sind nicht die Kulturen, die aufeinanderprallen, sondern die Menschen. Diese bilden Kategorien mit ihren Geschichten. Dadurch dass diese sich über die Sprache durchsetzen, verändern sie unsere Sicht der Wirklichkeit. Die Erwartung an den Andern ist von der Urerfahrung geprägt, sich in der ersten vertrauten Person zu spiegeln und nach Differenzierung zu suchen (vgl. Büttner, & Kohte-Meyer, 2002, S. 9). Sich nicht in der Spiegelung des Gegenübers zu suchen ergibt eine Chance darauf, den andern so zu sehen, wie er wirklich ist. Dasselbe gilt für Migranten, sie sollen nicht nur die Gesellschaft spiegeln die sie aufnimmt, sondern sollen ihr offen gegenübertreten. Das ist keinesfalls einfach, denn ihnen fehlt bei ihrer Ankunft in der neuen Umwelt fast alles, was ihnen Sicherheit und Selbstvertrauen bietet. Oft wird das Ankommen in einem fremden Land auch mit einer Geburt verglichen. Weil jeder andere Ressourcen an Sprachkompetenz oder Vertrautheit für das neue Umfeld mitbringt, hat nicht jeder Zureisende dieselbe Voraussetzung oder Herausforderung. Menschliche Lernprozesse verlaufen nicht linear. Die Arbeit mit Fremden ist geprägt von der Balance zwischen der Neugier, die vorantreibt und der fehlenden Vertrautheit, die zum Rückzug bewegt. Dabei ist Sprache als Barrierelöser ein wichtiges Instrument (vgl. Büttner, & Kohte-Meyer, 2002, S.13).

3.3 Sprache und ihre Bedeutung

Sprache ist von zentraler Bedeutung und hat viel mit Macht und sozialer Lage zu tun. Die besondere Bedeutung lässt sich anhand von drei Funktionen erklären. Als Erstes ist die Sprache eine wertvolle Ressource, in die man als Humankapital investieren kann oder über deren Besitz man an andere Ressourcen kommt. Zweitens ist Sprache ein Symbol, welches Dinge und Zustände beschreibt oder Stereotypen aktivieren kann. Zusammenhänge zwischen dem Sprecher und diesen Stereotypen können z. B. im Falle eines Akzentes sogar zu Diskriminierungen führen. Und drittens ist sie ein Medium der Kommunikation und stimmt innerhalb der laufenden Transaktionen die Verständigung untereinander ab. Vor dem Hintergrund dieser Funktionen ist der Spracherwerb Bedingung im Integrationsprozess. Jede Kontaktaufnahme, Platzierung am Arbeits­markt oder Strukturierung von Identitäten hängt wesentlich von der sprachlichen Kompetenz ab (vgl. Esser, 2006, S. 11 f.). Zudem ist die Sprache ein Teil der Mechanismen, über die eine Integration in die Gesellschaft abläuft. Die Investition in eine Sprache kann somit auch als Bereitstellung eines kollektiven Gutes für alle von Nutzen sein. Die sprachliche Vielfalt eines Landes ist ein Indikator der Innovationsfähigkeit und Offenheit der jeweiligen Gesellschaft und kann als wichtige Ressource betrachtet werden, denn dadurch werden trans- und internationale Beziehungen ermöglicht (vgl. Esser, 2006, S. 13).

3.4 Muttersprache und ihre Bedeutung

Jede Sprache verfügt über für sie typische Lautrhythmen. Vom Kind werden , diese muttersprachlichen Strukturen richtig erkannt. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass Babies schon im Mutterleib über große sprachliche Kompetenz verfügen. Deutsche Kleinkinder lallen anders als französische. Es ist einleuchtend, dass Kinder die grammatikalischen und rhythmischen Strukturen ihrer Muttersprache passiv schon früh beherrschen. Diese werden Schritt um Schritt verbessert und mit Ausdrücken sprachlicher Art aufgefüllt. Rollenmuster und Identifizierung innerhalb einer Familie oder innerhalb einer sozialen Gruppe werden sprachlich übernommen. Sprache trägt, vermittelt und gibt ein Gefühl der Zugehörigkeit. Muttersprache hat im Bezug zur Außenwelt eine zentrale Stellung, denn sie macht den Zugang zu Phantasien und Symbolen frei und vermittelt zwischen Denken und Fühlen. Eine erfolgreiche Kommunikation koordiniert unterschiedliche kognitive oder emotionale Inhalte, dabei werden Phantasien, Wünsche oder Vorstellungen sprachlich erkenntlich gemacht (vgl. Büttner, & Kohte-Meyer, 2002, S.16 f.). Da die sprachliche Entwicklung oft losgelöst vom Heimatland der Eltern geschieht, stellt sich bei diesen Kindern das Problem der Verarmung der muttersprachlichen Kompetenz ein. Nur etwa die Hälfte der Zuwanderer kommuniziert ausschließlich in der Muttersprache, etwa 42 Prozent verwenden eine Mischung beider Sprachen und der Rest bedient sich ausschließlich der deutschen Sprache. Es ergibt sich, dass muttersprachliche Lücken von der Zweitsprache aufgefangen, aber durch das deutsche Bildungssystem nicht unterstützt werden. Diese mangelnden Sprachkompetenzen und die Sozialisation in verschiedenen Lebenswelten führen bei Kindern mit Migrationshintergrund häufig zu Schulversagen und damit verbundenen sozialen und ökonomischen Problemen wie Chancenlosigkeit in Ausbildung und Beruf (vgl. Kreppel, 2006, S. 22). Die Muttersprache ist wichtig und notwendig, um das Potential freisetzen zu können, persönliche Erfahrungen per­spektivisch quer durch unterschiedliche Sprachen in ein Denken und Handeln umzusetzen und zu reflektieren. Hypothetisch müsste dieses Wissen in den unteren Bildungsschichten zur Muttersprache als alltägliche Verkehrsprache führen und in höheren Schichten müsste das Interesse vorrangig sein, die Muttersprache zu erhalten, um daraus Gewinne zu erzielen oder in der Bildungselite der ersten Migranten­generation den Identitätserhalt zu demonstrieren. Es gibt jedoch noch wenig empirische Angaben darüber (vgl. Esser, 2006, S. 51).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Mehrsprachigkeit und der Spracherwerb bei Migration
Hochschule
SRH Hochschule Heidelberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V439488
ISBN (eBook)
9783668792005
ISBN (Buch)
9783668792012
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mehrsprachigkeit, spracherwerb, migration
Arbeit zitieren
Judith Schmidt (Autor:in), 2010, Mehrsprachigkeit und der Spracherwerb bei Migration, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439488

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