Systemische Familienmedizin. Ein Überblick über Entwicklung, Wechselwirkungen, Konzepte und mehr


Studienarbeit, 2010
25 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Zur Bedeutung systemisch
2.2 Beratung
2.3 Familientherapie / Systemische Therapie
2.3.1 Familientherapie
2.3.2 Systemische Therapie und ihre Entwicklung
2.4 Kernpunkte systemischer Therapie
2.4.1 Zirkularität
2.4.2 Sprache
2.4.3 Problem systemisch gesehen

3 Entwicklung der Systemischen Familienmedizin
3.1 Geschichtlicher Kontext
3.2 Familienmedizin
3.3 Systemisches Arbeiten

4 Wechselwirkungen und Zusammenhänge
4.1 Gesundheit versus Krankheit
4.2 Familie als System
4.2.1 Familie und Gesundheit
4.2.2 Familie und Krankheit
4.2.3 Chronische Krankheit
4.3 Biopsychosoziales Krankheitsverständnis
4.4 Körperliche Krankheit unter sozialen Gesichtspunkten

5 Konzepte der Systemischen Familienmedizin
5.1 Prinzipien
5.2 Ziele
5.2.1 Selbstwirksamkeit
5.2.2 Verbundenheit

6 Intervention

7 Kooperation

8 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wie kann die Systemische Familienmedizin in einem angeschlagenen Gesundheits­system angewendet werden und dabei dem Patienten und seiner Familie gleichzeitig eine bestmögliche Versorgung, Zufriedenheit und Lebensqualität bieten? Da die Soziale Arbeit das Ziel hat, die Lebensverhältnisse Bedürftiger zu verbessern und die gesell­schaftlichen Bedingungen förderlich zu verändern, setzt sich die vorliegende Arbeit mit systemtherapeutischen Ansätzen und deren Relevanz für die Soziale Arbeit auseinander. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der systemischen Familienmedizin, dabei werden die systemtherapeutischen Ansätze vor dem Hintergrund medizinischer Belange betrachten. Fasziniert hat es mich das Thema nicht zuletzt deshalb, weil sich sowohl für den Patienten als auch für den Behandelnden Chancen eröffnen und sich dadurch eine Änderung der Gedankengänge bezüglich der Genese symptomatischen Verhaltens voll­ziehen kann. Es stellt sich die Frage, ob ein systemischer familienmedizinischer Ansatz mehr als nur Diagnosen stellen, Verhaltensprobleme lösen oder Kommunikations­störungen behandeln kann. In meiner Arbeit werde ich mich in mit dem System Familie auseinandersetzen, weil dies meines Erachtens für die meisten Menschen eines der wichtigsten und somit einflussreichsten Systeme darstellt. Zunächst sollen theoretische Grundlagen zur systemischen Therapie dem Leser den Einstig erleichtern. In der systemischen Therapie gibt es viele verschiedene Ansätze, um dem Leser ein grund­legendes Verständnis des systemischen Gedankenguts zu vermitteln, beschränke ich mich dabei nur auf die wichtigsten. Das daran anschließende Kapitel meiner Arbeit habe ich der Entwicklung der Systemischen Familienmedizin gewidmet. Im folgenden Teil gehe ich auf die Wechselwirkung und die Zusammenhänge der Familie, Gesundheit und Krankheit ein. Meiner Arbeit liegt die Fragestellung zugrunde, wie systemische Ansätze im Gesundheitssystem angewandt werden und wie sie dazu beitragen, Patienten und ihre Familien zu entlasten. Im folgenden Kapitel beschäftigte ich mich mit den Konzepten im Sinne von Prinzipien und Zielen in der Systemischen Familienmedizin. Danach gehe ich kurz auf die Intervention ein und das siebte Kapitel bringt einen Einblick in die Kooperation. Dabei möchte ich der Frage nachgehen, ob und wie sich biologische und systemisch-familientherapeutische Konzepte ergänzen. Im Anschluss daran folgt das letzte Kapitel mit meinem persönlichen Fazit. Aus Gründen der Les­barkeit habe ich mich durchgängig für die Nennung der männlichen Form entschieden, es sind selbstverständlich immer beide gemeint.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Zur Bedeutung systemisch

Einige verbinden mit dem Wort systemisch Ordnung und Struktur, andere beziehen sich dabei auf eine ganzheitliche Blickweise, oder eine Beschreibung der Vernetzung unter­einander (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 49). Der Einzelne wird nur in soweit als Individuum betrachtet, wie er als Element auf das System wirkt und wie er dessen Wirkungsfeld ausgesetzt ist. Prozesse laufen in einem System nicht nach einem linearen Ursachen-Erklärungs-Modells ab, sondern sind vielschichtig und beziehen Feedback und Wechselwirkungen ein. Jeder teil des Familiensystems steht damit in einem zirkulären Prozess und hat Auswirkungen auf alle Teile (vgl. Hegemann, Asen & Tomson, 2000, S. 17). Jeder systemische Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass man sich nicht auf den Problemträger konzentriert, sondern den Blick auf das ganze System ausrichtet. Therapie und Diagnostik sind aus systemischer Sicht nicht klar zu trennen (vgl. Schweitzer & Schlippe, 2007, S. 31). Systemische Ansätze finden sich heute sowohl im Therapie- und Beratungsbereich, als auch in der Sozialen Arbeit, Pädagogik, Politik und vielen andern Bereichen. Beim systemischen Vorgehen werden die Beziehungen zwischen den Mitgliedern eines sozialen Systems geklärt, Verstrickungen gelöst oder Konflikte bereinigt. So sieht die systemische Beratung und Therapie in jedem Individuum auch einen Symptomträger und berücksichtigt damit, dass die Problematik, die sich am Individuum zeigt, nicht dessen ureigene und isoliert zu betrachtende Symptomatik sein muss. Systemisch gesehen manifestiert sich eine Störung am Problemträger, die Ursache liegt jedoch in einem gestörten Ablauf innerhalb des Gesamtsystems, denn ein Symptom hat ein Funktion im System (vgl. Galuske, 2009, S. 223).

2.2 Beratung

In jeder Kommunikation ist Beratung ein fest integrierter Bestandteil, sie zeichnet sich durch eine Interaktion zwischen mindestens zwei Beteiligten aus. Die alltäglichen Zu­sammenhänge sozialer Netzwerke machen dabei den Haupanteil aus (vgl. Galuske, 2009, S. 168). Die Zielsetzung von Beratung wird eher im Zusammenhang mit eng de­finierten situationsabhängigen Angelegenheiten und spezifischen Problemen gesehen und sollte zur Verhaltensänderung und damit Problemlösung des Klienten führen. Es gibt eine Menge Beratungsarten, als Beispiele können Eheberatung, kommerzielle Be­ratung oder Schuldnerberatung genannt werden. Sie beschäftigen sich mit dem Lösen von Generations-, Ablösungs-, Entscheidungs-, Trennungs- und anderen Problemen und Konflikten. In den meisten Definitionsvorschlägen wird die Beratung als professionelle Hilfestellung verstanden und ist meist kein Ausdruck einer persönlichen Beziehung oder Anteilnahme, sondern erfolgt in der Regel beruflich. Das Aufgabenspektrum der sozialpädagogischen Beratung ist in ihrem Kompetenzbereich weniger klar umrissen als die therapeutische Beratung, sie ist nicht begrenzt und alles, was im Alltag zum Problem werden kann, kann auch Thema in der sozialpädagogischen Beratung werden. Dabei erfordert die Komplexität alltäglicher Problemlagen Interventionen und Problem­lösungsstrategien, die den gesellschaftlichen Zusammenhang keineswegs ausklammern darf. Sozialpädagogische Beratung beschäftigt sich mit dem Geflecht aus sozialen, materiellen oder psychischen Belastungen. Sie ist direkter mit komplexen und wider­sprüchlichen Situationen konfrontiert und dadurch näher an der Realität als psychologische Beratung. Der Beratungsbegriff muss sich sowohl auf die funktionale Beratung als auch auf die institutionelle Beratung mit Einrichtungen beziehen und lässt sich nicht in einem Setting realisieren (vgl. Galuske, 2009, S. 169 ff.). Es besteht eine Vielzahl von Beratungsansätzen, wie beispielsweise die klientenzentrierte Beratung, die psychoanalytisch orientierte Beratung oder die systemische Beratung. Die Beratung ist ein planvolles Vorgehen, welches weitestgehend von der Sprache getragen wird. Beratung als Mittel der Unterstützung erweist sie sich nur da als sinnvoll, wo die sprachliche Kommunikation nicht durch eine Behinderung oder dauerhafte Erkrankung eingeschränkt oder unmöglich gemacht wird. Die Beratung für Klienten mit schwerster Behinderung ist jedoch keineswegs kontraindiziert, denn in solchen Fällen muss die Beratung auf das familiäre System ausgedehnt werden (vgl. Büschges-Abel, 2000, S. 91). Im Bereich der klinischen Beratung ist der Auslöser des Beratungsgesprächs ein schwindender oder bereits verlorener Gesundheitsstatus, was eine direkte Intervention legitimiert. Die pädagogische Beratung hingegen erfordert eine multiperspektive Sichtweise, agiert aus der Mitte des Alltags heraus – was zugleich die größte Stärke als auch sie größte Schwäche darstellt – und muss die gesamte Palette an Problemlagen einbeziehen (vgl. Büschges-Abel, 2000, S. 92). Lebenspraktische Herausforderungen werden in den Zusammenhang mit der speziellen Behinderung gebracht, dadurch ist die Beratungslage viel unübersichtlicher und kann sich nicht nur auf eine konkrete Befunderhebung stützen. Damit kritische Aufklärung erfolgt, muss pädagogische Beratung stets vorbeugend und unterstützend ansetzen. Wir können also erst von einer beratungspädagogischen Situation sprechen, wenn sich aus Reden und Reflektieren ein Handeln ergibt. Die drei Ebenen Denken, Empfinden und Tätigwerden gehören als Ein­heit zusammen. Wenn mit gedanklich vorgefertigtem Plan und Offenheit gegenüber der Situationsdynamik in das Gespräch gegangen wird, bleibt der Weg für ein kreatives Wechselspiel und damit zu einer klientenorientierten Lösung offen (vgl. Büschges-Abel, 2000, S. 96 f.). Unter Fachleuten ist eine genaue Differenzierung von Familien­beratung und Familientherapie umstritten, deshalb werden in der vorliegenden Arbeit zwischen systemischer Therapie und Beratung keine grundlegenden Unterschiede methodischer oder theoretischer Art aufgezeigt. In der Familienberatung wird immer wieder auf therapeutische Faktoren hingewiesen und für viele Familientherapeuten ist ihr Tun im umfassenden Sinn eine Beratung. Auch in der Sozialen Arbeit lehnt sich eine Vielzahl der klassischen Methoden an psychotherapeutische Konzepte an. Die Attrak­tivität dieser therapeutischen Methoden bleibt bis Heute vor allem in der Fort- und Weiterbildung bestehen, ist jedoch konjunkturellen Schwankungen unterworfen (vgl. Galuske, 2009, S.132).

2.3 Familientherapie / Systemische Therapie

2.3.1 Familientherapie

Die Familientherapie gehört in der Sozialen Arbeit zu den verbreiteten therapeutischen Angebotsformen, sie ist der Sammelbegriff unterschiedlicher psychotherapeutischer An­sätze zur Veränderung und Verbesserung individueller Familienstrukturen. Als verein­fachte Übersicht können drei zentrale Familientherapieschulen unterschieden werden:

- In der psychoanalytisch bzw. psychodynamisch orientierten Familientherapie wird versucht, psychoanalytische Denktraditionen mit systemischen Denkmodellen zu verbinden. Helm Stierlin und das Heidelberger Modell sind ihre Vertreter.
- Die wachstumsorientierte Familientherapie therapiert in der Tradition der humanistischen Psychologie, ihre bekannteste Vertreterin ist Virginia Satir.
- Die Systemischen Familientherapeuten gehen von der Familie als System aus, dabei wird die Betrachtung in strukturelle Therapiemodelle (Minuchin) und strategische Therapieansätze (Selvini-Palazzoli) aufgeteilt (vgl. Galuske, 2009, S. 222).

Ziel der Familientherapie ist eine Erweiterung der Wahrnehmungs- und Handlungs­möglichkeiten des einzelnen Individuums und des Gesamtfamiliensystems. Die Familientherapie wendet sich dementsprechend an Familien, Paare, Gruppen, Organisationen und andere soziale Systeme, dabei kann sowohl mit dem gesamten System, als auch mit Teilsystemen und Einzelpersonen gearbeitet werden. Ziel der Systemischen Familientherapie ist grundsätzlich, die Autonomie und den Selbstwert jeder einzelnen Person bzw. jedes Familienmitglieds zu stärken. Allgemein gesehen wird innerhalb eines therapeutischen Rahmens mit Hilfe von Familienmitgliedern nach Lösungen für Beziehungs- oder Gesundheitsprobleme gesucht. Dabei ist es wichtig, den Zusammenhalt untereinander zu festigen, die Kommunikation und den Austausch zu verbessern und schädigende Beziehungsmuster zu verändern. Damit ist noch keine spezifische theoretische Orientierung vorausgesetzt, denn die Familie wird sowohl im juristischen, als auch im biologischen Sinn gesehen. Innere und äußere Konflikte werden dabei als Ausdruck eines Konfliktes gesehen, der die ganze Familie betrifft (vgl. Galuske, 2009, S. 221). Die meisten Pioniere waren psychoanalytisch ausgerichtet, so auch Horst Eberhard Richter, der 1971 die Arbeitsgemeinschaft für Familienforschung und Familienmedizin gründete. Im Laufe der Entwicklung der Familientherapie wurden lösungsorientierte und narrative Ansätze und Anregungen des Mailänder Modells integriert (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 22).

2.3.2 Systemische Therapie und ihre Entwicklung

Der Begriff Systemische Therapie gilt als Sammelbezeichnung einer bestimmten Art des Denkens und Handelns, das vor etwa 40 Jahren mit der Familientherapie ange­fangen und sich durch ein schnelles Wachstum weiterentwickelt hat (vgl. Schlippe, Molter & Böhmer, 2000, S. 6). Sie ist keinesfalls über Nacht entstanden und ihre Wurzeln reichen bis in die Geschichte der Psychotherapie hinein (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 17). In den ersten fünfzig Jahren unseres Jahrhunderts war Psychotherapie eine Angelegenheit zwischen Therapeuten und Klienten. Kein Therapeut hätte gewagt Familienmitglieder in die Therapie mit einzubeziehen. Danach begannen erste Pioniere das vorgegebene Setting der Einzel- oder Gruppentherapie zu verlassen (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 19). Mehr und mehr werden Probleme als Bestandteile sozialer Systemstrukturen und nicht als Eigenschaften einzelner Personen wahrgenommen. Die Familientherapie entsteht und ihre Konzepte gewinnen immer mehr Anhänger. Der systemische Ansatz lässt sich im Gegensatz zur Psychoanalyse nicht auf eine Gründerfigur zurückführen. Seine Entwicklung verläuft an unterschiedlichen Orten oder durch wechselseitige Befruchtung auch parallel, dementsprechend hat er viele charismatische Urmütter und Urväter (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 12). Nach dem zweiten Weltkrieg fördert die philosophische und postmoderne wissenschaftliche Denkweise die Entstehung von Systemwissenschaften wie allgemeine Systemtheorie, Informations- und Kommunikationstheorie, Kybernetik, Spieltheorie. Die frühe Systemtheorie hat sich mit der Frage dem Homöostase-Konzept beschäftigt, also damit, wie Systemparameter unter wechselnden Umwelteinflüssen im Gleichgewicht gehalten werden können. Seit Anfang der 1980er Jahre haben Synergetik, Chaostheorie, Autopoiese-Konzept und natürlich auch die Denkweise des radikalen Konstruktivismus Einfluss auf die Diskussion der systemischen Therapie. Die Phase in der Zeit von 1950 bis 1980 bezeichnet man deshalb auch manchmal als die Kybernetik 1. Ordnung - die Phase der Entwicklung von Theorien über beobachtete Systeme. Ab etwa 1980 spricht man von Kybernetik 2. Ordnung. Mit Kybernetik wird ein wissenschaftliches Programm zur Beschreibung der Regelung und Steuerung komplexer Systeme bezeichnet. In der Kybernetik 1. Ordnung wird das System mit seinen Grenzen, Regeln und Subsystemen betrachtet und in der Kybernetik 2. Ordnung werden die kybernetischen Prinzipien auf die Kybernetik als solche bezogen, es geht also um die Organisation von Erkenntnissen (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 53). In der Systemischen Therapie werden Probleme nicht als Eigenschaften einzelner Personen gesehen, sondern als Ausdruck der aktuellen Kommunikations- und Be­ziehungsbedingungen in einem System. Sie wird als ein methodisch klar abgrenzbares, eigenständiges und systemtheoretisch fundiertes Therapieverfahren bezeichnet (vgl. Schweitzer, Beher, Sydow & Retzlaff, 2007, S. 4). Die Systemische Therapie ist eine Form der Therapie, die die Lebens­qualität von Menschen im Zusammenhang mit ihren Relationen und Lebenskonzepten sieht. In den letzten Jahren hat sich der Blickwinkel von der Familie auf die sie umgebenden Systeme wie Arbeitsplatz und Wohnwelt und auch auf die Kontexte, in denen Therapie und Beratung stattfindet erweitert. Dabei sind die Professionellen aufgefordert, wechselseitige Bedingungsfaktoren einer Situation zu erkennen und für die Fragestellung bzw. den Auftrag Interventionen einzusetzen, die das Klientel, eine Institution oder ein Gemeinwesen in Bewegung bringt. Systemisches Denken versucht das Verhalten der Individuen durch die Beziehungen untereinender und zu ihrer Umwelt zu erklären. Für die Psychotherapie bedeutet dies, dass Behandlungsphänomene als interaktionelle und nicht lokalisierte Handlungen zu sehen sind (vgl. Schweitzer, et al., 2007, S. 4). Heute ist systemtherapeutisches Wissen in unzähligen Büchern, Zeitschriften und Publikationen verstreut. Man spricht nicht von der systemischen Therapie, denn unter diesem Oberbegriff steht eine Vielzahl von Modellen und Konzepten, die sich gegenseitig überschneiden (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 23). Jedes dieser Modelle hat spezifisch zur Entwicklung der systemischen Therapie und Beratung beigetragen und systemisches Arbeiten nimmt Bezug auf diese Konzepte. Durch die persönliche Auseinandersetzung des Therapeuten mit dem Konzept wird dieses nicht in seiner reinen Form weitergetragen, sondern modernisiert sich und entwickelt sich weiter. Die Systemische Therapie hat sich in den Jahren 1970-1980 als eigenständiges Therapieverfahren aus der klassischen Familientherapie heraus entwickelt und hat in vielen psychotherapeutischen Settings Einzug gehalten (vgl. Schweitzer et al., 2007, S. 4).

2.4 Kernpunkte systemischer Therapie

2.4.1 Zirkularität

Die systemische Sichtweise stellt das Verhalten stets in einen situativen Bezugsrahmen. Jeder Teil des Systems nimmt Einfluss auf die andern Komponenten, die Prozesse sind zirkuläre im Sinne von sich gegenseitig bedingend, dabei haben Symptome neben Ursachen auch Funktionen (vgl. Hegemann, et al., 2000, S. 17). Die Methode des Fragens ist von unschätzbarem Wert und damit spielt das zirkuläre Fragen in der Inter­vention eine wichtige Rolle. Jedes Mitglied eines Systems ist sowohl Ursache als auch Wirkung des Verhaltens anderer Mitglieder (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 138).

2.4.2 Sprache

Die Kommunikation ist für den Austausch von Botschaften zwischen den Mitgliedern eines Systems von zentraler Bedeutung und ein wichtiges Element. Der Familie ist in diesem Zusammenhang ein besonderer Stellenwert einzuräumen, denn dort laufen die kommunikativen Prozesse ständig und schnell ab. Die Aufgabe der Sprache sehen wir oft darin, die Welt abzubilden, also Begriffe wie Objektivität, Realität oder Wahrheit in Worte zu fassen. Durch die Sprache wird nicht eine äußere Welt verinnerlicht, sondern durch sie wird unsere Welt, so wie sie ist, erst hervorgebracht. In einem sozialen System dient sprachliche Koordination dazu, sich auf bestimmte gemeinsame Prinzipien zu einigen, weshalb eine unreflektierte Verwendung der Sprache nicht ganz ungefährlich sein kann (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 95 ff.). Oft wird der Kommunikation bereits im Ansatz die erwartete Deutung zugeordnet, d. h. es wird nicht auf das Ge­äußerte, sondern auf das Erwartete reagiert (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 77).

2.4.3 Problem systemisch gesehen

„Probleme sind sprachliche Organisationen um etwas herum, das ohne diese sprachliche Organisation möglicherweise gar nicht bestünde, auf jeden Fall aber völlig anders aussähe“ (Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 101). Die Grundidee der Problementstehung verdeutlicht, dass nicht das System das Problem hat, sondern als Folge einer Verkettung von Umständen solche entstehen. Dementsprechend sind lösungsorientierte Interven­tionen auf den unterschiedlichsten Ebenen möglich. Die Kommunikation um das Problem muss sich verändern und es ist nicht erforderlich, dass sich das System verändert, denn ein Problem wird als veränderungsbedürftiger und unerwünschter Zustand angesehen (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 102 f.). Zu einer Lösung kann man auf unterschiedlichen Wegen kommen, man kann neue Prozesse initiieren, die bisherigen Probleme anders bewerten oder man kann gar deren Unveränderbarkeit akzeptieren und sie so bearbeiten, dass man damit zurechtkommt (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 104). Aber warum werden Probleme in Systemen erzeugt und sogar aufrecht erhalten? Vor dem Hintergrund, dass Veränderungen der äußeren oder inneren Umwelt als bedrohlich angesehen werden, gilt diese Aufrechterhaltung als nützlich, denn sie unterstützt das Gleichgewicht. Somit hat symptomatisches Verhalten oft eine Doppelrolle – es wird zum Problem und zugleich zu einer Lösung. Ein Symptom kann ein Hinweis auf ineffektive Lösung sein, kann symbolisch auf andere Probleme hinweisen, verschafft Macht oder hat eine Schutzfunktion in der Beziehung der Systemmitglieder zueinander (vgl. Schlippe & Schweitzer, 2003, S. 108 f.).

3 Entwicklung der Systemischen Familienmedizin

3.1 Geschichtlicher Kontext

Die Ursprünge familientherapeutischer Vorgehensweisen reichen bis ins 19. Jahr­hundert zurück. Damals waren es nicht die Ärzte oder Psychotherapeuten, sondern die Sozialarbeiter, die die Bedeutung der Familie im Hinblick auf medizinische Frage­stellungen entdeckten. Die Behandlung, Betreuung und Begleitung körperlich kranker oder behinderter Menschen und ihren Bezugspersonen wird zunehmend zur gesellschaftlichen Herausforderung der Gegenwart. Dieser Bereich hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen und wird verstärkt ausgebaut. Die Systemische Familienmedizin entwickelt und pflegt Kooperationsbeziehung rund um körperliche Erkrankungen und wird alternativ auch als Familientherapie in der Medizin bezeichnet (vgl. Schweitzer & Schlippe, 2007, S. 339). In der Systemischen Familienmedizin ist Interdisziplinität ein wesentliches Merkmal, deshalb kann sie als Brückenschlag zwischen systemisch-familientherapeutischer Vorgehensweise und der symptombezogenen Medizin betrachtet werden. Sie bietet Lösungen auf der Grundlage handlungsorientierter Konzepte an, kombiniert biopsychosoziale und familien­systemische Perspektiven und nutzt diese für die gleichzeitige Arbeit mit Patienten, Familien, Ärzten, ambulanten Behandelnden und Krankenhäusern, Selbsthilfegruppen und sozialen Diensten (vgl. Altmeyer & Kröger, 2003, S. 9). Durch das wachsende Interesse der Gesundheitspolitik haben die Auswirkungen körperlicher Krankheit auf die Familie für Familientherapeuten und Familienforscher wieder an Bedeutung gewonnen, es entsteht ein wachsendes Praxisfeld. Die systemische Familienmedizin zeichnet sich dadurch aus, dass sie die körperliche Krankheit und deren Auswirkungen auf das individuelle Leben der Patienten und die zwischenmenschlichen Beziehungen der Familie ins Zentrum ihrer Bemühungen stellt. Sie richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Strukturen des Gesundheitssystems, insbesondere auf die Folgen der Behandlung innerhalb einer Kooperation aller an der Therapie beteiligten. Mit der Einbeziehung des Ver­sorgungs­systems als bedeutsames Element, wird das therapeutische Dreieck Arzt-Patient-Angehörige zum therapeutischen Quadrat (vgl. Altmeyer & Kröger, 2003, S. 19).

3.2 Familienmedizin

Traditionell gesehen ist der Hausarzt auch der Familienarzt, denn er behandelt oft die ganze Familie, ja sogar mehrere Generationen. Die Familienmedizin ist eine relativ junge Disziplin und beschäftigt sich vornehmlich mit den Beziehungen zwischen Krankheit, Lebensführung und sozialem Umfeld (vgl. Hegemann et al., 2000, S. 1). Durch eine schwere Krankheit wird der Betroffene meist aus dem normalen Lebenszyklus herausgerissen, daher sollten Familienmediziner den Erkrankten und die Angehörigen darin bestärken, dass geplante Entwicklungen den Erfordernissen der Krankheit angepasst, aber keinesfalls aufgegeben werden (vgl. Altmeyer & Kröger, 2003, S. 38). Bei der Feststellung, dass ein Mensch unheilbar krank ist, muss die Frage nach der Anpassung des Betroffenen an sein krankes Leben vorrangig betrachtet werden. Das primäre Ziel Heilung wird in Krankheitsbewältigung umdefiniert, um dadurch eine entsprechende Lebensqualität zu erlangen oder zu erhalten. Aus ökonomischer Sicht wird und muss die Betreuung chronisch kranker Menschen zunehmend in die Familien zurückverlagert werden. Aus diesem Grund ist der Arzt dazu aufgefordert, seine Beziehung zum Patienten auf die Angehörigen auszuweiten. In der Bundesrepublik arbeiten die Hausärzte hauptsächlich als Allgemeinmediziner oder Fachärzte und halten somit die ambulante Versorgung aufrecht. In dieser Funktion haben sie einen großen Erfahrungsschatz, haben aber leider in der Ausbildung wenig Berührung mit dem kommunikativen oder psychotherapeutischen Bereich genossen. Die familienmedizinischen Vorgänge entwickeln sich im Gegensatz zu den systemisch gut ausgebildeten amerikanischen Kollegen eher konzeptlos und unstrukturiert (vgl. Altmeyer & Kröger, 2003, S. 18).

3.3 Systemisches Arbeiten

Systemische Sozialarbeit gewinnt an Effektivität und Motivation, wenn sie als Teamarbeit mit anderen systemisch orientierten Kollegen betrachtet wird. Eine der Grundannahmen der Soziale Arbeit besagt, dass alles systemisch ist, d. h. biologische, psychische und soziale Systeme sind sowohl miteinander, als auch mit kleineren und größeren Systemen verbunden. Die Welt kann aber auch nach individuellen Vor­stellungen betrachtet werden, denn das Denken, Fühlen und Handeln wird immer durch menschliche Erfahrungen beeinflusst. Vor diesem Hintergrund ist systemische Sozialarbeit höchst anspruchsvoll. Sie ist ein kommunikativer Prozess, der immer eine Form von Netzwerkarbeit praktiziert. Die systemische Erkenntnistheorie besagt, dass die Seele ihren Sitz nicht nur im Körper und dem Gehirn hat, sondern auch zwischen den Menschen, in der Sprache, deren Art und Verwendung und der Interaktion mittels Sprache (vgl. Schweitzer & Schlippe, 2007, S.10). Krankheit und das Sprechen über Krankheit sind untrennbar ineinander verwoben. Eine systemische Familienmedizin muss auf diesen Überlegungen aufbauen, eine eigene Identität entwickeln und medizinische und verhaltensmedizinische Konzepte kritisch reflektieren. Es ist wenig darüber nachzulesen, wie systemische Therapeuten Menschen mit Angst, Depressionen oder unruhiger Überaktivität beraten und behandeln. Fest steht jedoch, dass systemisch ausgebildete Ärzte, Sozialarbeiter, Psychologen und andere Fachtherapeuten im Gesundheitswesen erfolgreich sind (vgl. Schweitzer & Schlippe, 2007, S. 10).

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Systemische Familienmedizin. Ein Überblick über Entwicklung, Wechselwirkungen, Konzepte und mehr
Hochschule
SRH Fachhochschule Heidelberg
Note
1,4
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V439492
ISBN (eBook)
9783668792791
ISBN (Buch)
9783668792807
Sprache
Deutsch
Schlagworte
systemische, familienmedizin, überblick, entwicklung, wechselwirkungen, konzepte
Arbeit zitieren
Judith Schmidt (Autor), 2010, Systemische Familienmedizin. Ein Überblick über Entwicklung, Wechselwirkungen, Konzepte und mehr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439492

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