Ideenkonzept zur Vor- und Nachbereitung des Theaterstücks "Rumpelstilzchen"


Seminararbeit, 2018
66 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das europäische Volksmärchen nach M. Lüthi
2.1. Eigenschaften
2.1.1. Eindimensionalität
2.1.2. Flächenhaftigkeit
2.1.3. Ab strakter Stil
2.1.4. Isolation und Allverbundenheit
2.1.5. Sublimation und Weithaitigkeit
2.2. Funktion und Bedeutung des Märchens

3. Sinnpotentialanalyse des Märchens

4. Vergleich Märchen - Theaterstück

5. Praktische Umsetzung zur Nachbereitung
5.1. Stemeb ewertung
5.2. Lieblingsfigur
5.3. Lieblingsstelle
5.4. Warum log der Müller?
5.5. Gut-Böse-Skala

6. Fazit

7. Quellenverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

"Es war einmal...", wer kennt sie nicht, die alten Märchen nach den Brüdern Grimm: "Rotkäppchen", "Dornröschen", "Hansel und Gretel", "Frau Holle", "Aschenputtel", "Rapunzel", "Schneeweißchen und Rosenrot" et cetera. Von Generation zu Generation weitererzählt oder vorgelesen, inzwischen in 160 Sprachen übersetzt1, weltweit beliebt und bekannt bei Groß und Klein. In der Vergangenheit avancierten die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm zum meist verkauften Buch nach der Bibel.2

Die Grimm’sehen Märchen besitzen vielseitige Anwendungsbereiche: Eltern oder andere Familienmitglieder lesen Kindern zu Hause Märchen vor, in so genannten "Märchenhäusern" bieten erfahrene Märchenerzähler/innen unterschiedliche phantastische Erzählungen kinder- und erwachsenengerecht an. Andere, oft ausgebildete Märchenerzähler und Pädagogen, bringen sowohl Kindern innerhalb einer Märchenstunde im Unterricht, als auch Erwachsenen, insbesondere älteren Menschen, in gesellschaftlichen Räumen, Krankenhäusern sowie in Altenheimen, die Bedeutung der Märchen von Jakob und Wilhelm Grimm nahe. Zahlreiche Theater Deutschlands führen regelmäßig Märchen in verschiedenen Formen auf. Seien es Musiktheaterstücke, Sprechtheaterstücke, Tanztheater oder die sogenannten Figurentheater.3

Das Theater Waidspeicher in Erfurt ist eine derartige Spielstätte. Momentan agieren dort sieben Puppen- beziehungsweise Schauspieler. Die Themen der Stücke variieren stark, sowohl die unterschiedlichen Epochen, als auch verschiedene Genre gestalten das Theaterprogramm vielfältig, auch Märchen nehmen hier einen größeren Teil ein.4

Märchen sind keine Kindergeschichten. Sie sind Geschichten, in denen Kinder und Heranwachsende, aber auch Erwachsene lemen, wie die Gesellschaft geregelt ist. In den Märchen werden gesellschaftliche Normen anhand eingängiger Beispiele vermittelt.5

Dieses Genre ist gerade für Kinder sehr wichtig, da die Werke helfen, die Fantasie anzuregen und zu fördern. Die Leser/innen haben die Möglichkeit, in eine völlig neue Welt einzutauchen und außerdem ein Stück weit in die Vergangenheit versetzt zu werden. Auch aufgrund dessen, dass das Märchen meist eine versteckte Moral enthält, können Märchen lehrreich für Kinder sein.

Zu Beginn dieser Arbeit werden die Eigenschaften des Märchens nach Max Lüthi erläutert, welche die Eindimensionalität, die Flächenhaftigkeit, den Abstrakten Stil, die Isolation und Allverbundenheit, die Sublimation und Werthaitigkeit sowie die Moral darstellen. Des Weiteren wird auf die Funktion und Bedeutung dieses Genres eingegangen. Es folgt eine kurze Darstellung des Märchens sowie des Theaterstücks, welches im Waidspeicher aufgeführt wurde. Die anschließende Gegenüberstellung beider dient dem Vergleich der Darstellungsformen. Die in einer Grundschule durchgeführte Nachbereitung zum Theaterstück wird im sechsten Punkt ausführlich dargelegt. Letztlich wird ein Fazit gezogen.

Die vorliegende Arbeit soll dazu dienen, allgemeines Wissen über die ״Kinder- und Hausmärchen“ zu vermitteln und dieses Genre an den/die Leserin heranzuführen. Das Thema Märchen findet sich im Thüringer Lehrplan wieder, dennoch soll diese Arbeit Lehrer/innen dazu ermutigen, das Thema Märchen häufiger in den Unterricht einzubeziehen und auch die Wirksamkeit eines Theaterbesuches wahrzunehmen.

2. Das europäische Volksmärchen nach M. Lüthi

2.1. Eigenschaften

Das Märchen ist eine welthaltige Abenteuererzählung von raffender, sublimierender Stilgestalt. Mit irrealer Leichtigkeit isoliert und verbindet es seine Figuren. Schärfe der Linien, Klarheit der Formen und Farben vereinigt es mit entschiedenem Verzicht auf dogmatische Klärung der wirkenden Zusammenhänge. Klarheit und Geheimnis erfüllen es in einem.6

Das Märchen ist eindimensional. Es kennt nicht unsere zwei Dimensionen von Diesseits und Jenseits. Begegnungen mit jenseitigen Wesen wie Hexen und Feen sind für einen Märchenmenschen alltäglich und nicht erstaunlich.7 Diesseitige und Jenseitige Stehen im Märchen nebeneinander.

Dieses Genre besitzt außerdem keinerlei Tiefengliederung, es ist flächenhaft. Seine Figuren haben kein Innenleben und verfügen auch nicht über eine Umwelt oder einen Bezug zu ihren Vor- und Nachfahren.8 Sie haben kaum Gefühle noch seelische Tiefe. Ihre Eigenschaften drücken sich insbesondere durch Taten aus.

Das Märchen verzichtet darauf, eine räumliche, zeitliche oder sonst wie geartete Tiefengliederung vorzunehmen. Es stellt alles auf eine Ebene, um die gesamte Aufmerksamkeit auf den Handlungskem zu lenken.9

Der Stil des Märchens ist abstrakt. Die Requisiten haben eine klare Umrisslinie. Zusätzlich werden die Szenen abstrakt ausgestaltet. Das Märchen neigt zur Mineralisierung oder zu einer bestimmten Farbgebung von Dingen und Figuren. Aus Mineralien und Metallen können nahezu alle Requisiten des Märchens sein, sogar Personen. Bevorzugt werden seltene und edle Metalle, da sich diese von der übrigen Szenerie abheben können. Die Farbpalette des Märchens ist eingeschränkt: Vor allem die Farbtöne Golden, Silbern, Rot, Weiß und Schwarz dominieren. Als einzige Mischfarbe kommt Grau vor, die Farbe der Metalle.10

Diese Merkmale werden im Folgenden noch detaillierter erläutert.

2.1.1. Eindimensionalität

Das erste beschriebene Merkmal des Märchens von Max Lüthi ist die Eindimensionalität. ״Die Personen des Diesseitigen verkehren mit den Jenseitigen, als seien sie ihresgleichen.“11 Es wird keinerlei Distanz zwischen ihnen und anderen Menschen eingenommen. So auch im Märchen Rumpelstilzchen der Gebrüder Grimm. Der Protagonist des Märchens, welcher in diesem Fall Marie ist, erfährt zahlreiche fantastische Erlebnisse. Diese nimmt sie ohne innere Bewegung wahr, sie staunt nicht über das Erscheinen des Rumpelstilzchens, es wird ausschließlich der Handlungsablauf dargestellt. Ein weiterer Aspekt der Eindimensionalität ist die einmalige Wichtigkeit einer Sache oder eines Gegenstandes. Das Interesse an dem Spinnrad ist nur solange vorhanden, wie es genutzt wird. Nach Gebrauch, spielt es für die Handlung keine Rolle mehr. Weiterhin lässt sich sagen, dass ein solcher Gegenstand nicht getestet wird, sondern erst dann Verwendung findet, wenn er tatsächlich gebraucht wird. Diese Information lässt sich jedoch nicht auf das vorliegende Märchen projizieren.

Die Personen eines Märchens handeln nicht aus Neugier oder Erkenntnislust, sondern aufgrund eines Wunsches oder eines Auftrages. So auch in diesem Märchen. Marie bekommt die Aufgabe Stroh zu Gold zu spinnen. ״Der Märchenheld handelt und hat weder Zeit noch Anlage, sich über Seltsames zu verwundern.“12 Demzufolge existiert auch keine Angst oder Neugier. Wenn ebengenanntes vorhanden ist, so sind diese Zustände profan. Neugierde richtet sich auf Vorgänge und nicht auf Wesenheiten, die Angst zeichnet sich dadurch aus, dass sich die Handelnden vor Gefahren fürchten, jedoch nicht vor Eigenartigem oder Ungeheurem, Im Märchen wird dies insofern klar, dass sich Marie nicht vor dem Rumpelstilzchen fürchtet und bereits zu Beginn normal mit ihm redet: ״Ach [...] ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe das nicht."13 Obwohl das Männchen nicht in ihre gewohnte Umwelt passt, reagiert Marie mit keinerlei Entsetzen, das Gefühl für Absonderliches und für die Andersartigkeit fehlt im Märchen gänzlich.14

Für die Personen des Märchens gibt es keine trennende Grenze, ״[...] ihm scheint alles zur selben Dimension zu gehören.“15 Doch dieses Fehlen einer Begrenzung ist nicht von Wichtigkeit, da nur das Handeln der Personen relevant ist.

Die Eindimensionalität beinhaltet des Weiteren den Aspekt, dass Jenseitige nicht mit Diesseitigen leben, sie begegnen sich meistens nur, wenn der Märchenprotagonist den Heimatort verlässt.

Es existiert ein völliges Einwissen der Märchenfiguren über jegliche Informationen über die vorkommenden fantastischen Wesen. Es wird weder Auskunft über die Herkunft, das Ziel, noch über Hintergründe der Zauberkräfte gegeben, es wird jedoch auch nicht danach gefragt. Daraus lässt sich schließen, ״[...] das Wunderbare ist dem Märchen nicht fragwürdiger, als das Alltägliche.“16 Auch Marie zeigte kein Interesse für Informationen zum Rumpelstilzchen.

Das Märchen weist eine örtliche Feme Jenseitiger und Diesseitiger auf, jedoch eine ״[...] geistig-erlebnismäßige Nähe.“17 Es ist jedoch keine absolute Feme, denn jedes Jenseitsreich ist erreichbar. Des Weiteren bildet das Märchen geistig Differenziertes auf eine einzige Linie ab und deutet eine innere Ferne durch diese äußere Entfernung an.18

Schließlich lässt sich sagen, dass das Märchendiesseitige nicht das Gefühl hat, im Jenseitigen anderen Dimensionen zu begegnen.

2.1.2. Flächenhaftigkeit

Im Allgemeinen kann man erst einmal sagen, dass das Märchen keine Tiefengliederung besitzt. Die Figuren und Gestalten werden gänzlich ohne Körperlichkeit, Innenwelt, Umwelt sowie ohne Beziehung zur Vor-, Nachwelt und der Zeit dargestellt.19 Mit Hilfe linearer und flächenhafter Gestaltung werden die Märchenfiguren dargestellt, sie wirken aufgmnd dessen metallisch starr und unverändert.20

Dinge, welche für das Märchen eine recht große Bedeutung haben, passen dann meist nur für bestimmte, abenteuerliche Handlungssituationen.21 So auch im vorliegenden Märchen. Das Spinnrad, welches den Handlungsinhalt erst ermöglicht, wird nur für den Zweck des Goldspinnens verwendet, danach jedoch nicht einmal mehr erwähnt. Da diese Gegenstände meist nur einmalige Verwendung finden, tragen sie auch keine Spuren des täglichen Gebrauchs, sie sind nicht Teil des Lebens des Besitzers. Man kann sagen, dass diese Dinge in sich selber isoliert sind. Diese Isolation wird im Punkt 2.1.4. näher beleuchtet.

Den Personen, Wesen und Tieren fehlt, wie bereits im oberen Teil erwähnt, jegliche körperliche und seelische Tiefe. Im Falle eines Übels, wird dieses weder in der Tiefe beschrieben, noch genannt, nur oberflächige Aspekte werden geschildert. Die handelnden Personen verfügen demzufolge auch nicht über körperliche und seelische Schmerzen, es sei denn, sie sind für den Handlungsverlauf relevant. Auch Eigenschaften und Gefühle werden nur im Falle einer Handlungsrelevanz aufgewiesen, die Gefühlswelt wird dementsprechend völlig vernachlässigt.22 Emotionen ״[...] sprechen sich in Handlungen aus [... ]“23 und werden auf die gleiche Fläche projiziert, wo sich auch alles andere abspielt.

Die enorme Andersartigkeit der Menschen wird im Märchen aufgelöst, verschiedene Verhaltensmöglichkeiten werden strikt differenziert und nebeneinanderstehenden Figuren zugeteilt. Die Figuren benötigen keinerlei Intelligenz

Die im Märchen vorkommenden Scharfsinnsaufgaben sind [...] gar keine eigentlichen Intelligenzproben, denn sie sind einer so speziellen Situation entnommen, daß kein Scharfsinn je auf sie verfallen könnte. Zur Lösung bedarf es stets ganz bestimmter Hilfe, die mit dem Scharfsinn der Person nichts zu tun haben, sondem ihr durch Glückszufall geboten werden.24

Dies wird auch bei Rumpelstilzchen deutlich. Marie zeigt keine eigenen Strebungen, die Aufgabe zu lösen oder einen Weg zu finden. ״Da sass nun die arme Müllerstochter und wusste um ihr Leben keinen Rat“25 Nicht die innere Regung treibt die Märchenfigur vorwärts und bringt sie zum Ziel, sondern eine äußere Anregung.

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Flächenhaftigkeit, ist das gefühlslose und kühle Handeln der Personen. Ohne zu Zögern verspricht die Marie dem Rumpelstilzchen ihr erstes Kind.26 Keine Mutter würde dies als Option sehen, doch im Märchen gibt es keine Gefühlswallungen. Auch eine Heirat, welche in zahlreichen Märchen einen Höhepunkt darstellt, wird ohne sinnliche Empfinden vollzogen.

Es werden keine Informationen über Orte, wie der Stadt, dem Dorf oder dem Schloss gegeben. Die Wichtigkeit der Umwelt rückt in den Hintergrund. So erfahren wir auch in dem vorliegenden Märchen keine detaillierten Aspekte über Plätze und Räume.27 Die Gebrüder Grimm zeigen auch hier ihre Vorliebe im Augenblick.

Die Rückkehr einer Märchenfigur nach beispielweise einer Reise findet in der Geschichte meist nur aufgrund der Handlungsführung statt, innerliche oder äußerliche Bindungen sind hierbei kein ausschlaggebender Aspekt.28 Die Gründe einer Auswanderung können vielfältig sein, sei es Armut in der Familie, jegliche Not, eine zu bewältigende Aufgabe oder einfach nur die Abenteuerlust.

Des Weiteren liegt auch in der Verwandtschaft keine innere oder äußere Beziehung vor, auch die Figuren hegen keine feste oder dauernde Beziehung. Sobald die Figuren für die einzelnen handelnden Personen keine Bedeutung mehr haben, verschwinden sie aus dem Gesichtsfeld.29 Ähnlich ist es auch bei den Helfern, wenn diese mehrmals eine Rolle spielen, so verschwinden sie jedoch zwischendurch. Dies ist auch bei Rumpelstilzchen der Fall, welches nach jeder Nacht wieder verschwindet.30

Mit einer Heirat endet ein Märchen meistens. Im vorliegenden Werk ist es zumindest ein Ereignis, welches sich zum Ende der Geschichte zuträgt. Hinzufügend ist zu erwähnen, dass die Vereinigung mit der Braut meist sehr lange hinausgeschoben wird. Hierbei häufen und reihen sich verschiedene Schwierigkeiten.31 Die Ehe ist nicht das ersehnte Ziel des Märchenheldens, ״[...] sondern nur der Schlusspunkt der abenteuerlichen Handlungslinie.“32

Im Märchen wird der Aspekt der Zeit gänzlich vernachlässigt, diese Dimension fehlt und somit auch die zeitliche Tiefe. Es gibt zwar alte Menschen, jedoch keine alternden Figuren. Zeit hat die Funktion des seelischen Erlebens. Die Figuren des Märchens sind Handlungsträger ohne Innenwelt, wodurch auch die Dimension der Zeit fehlt.33

Das Märchen verzichtet auf räumliche, zeiüiche, geistige und seelische Tiefengliederung. Es verzaubert das Ineinander und Nacheinander in ein Nebeneinander. Mit bewundernswerter Konsequenz projiziert es die Inhalte der verschiedenen Bereiche auf ein und dieselbe Fläche [...].

2.1.3. Ab strakter Stil

Diese Eigenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass einzelne Dinge nicht geschildert werden, sondern eine einfache Nennung erfolgt, welche alles zu ״[...] einfachen Bildchen [...]“34 erstarren lässt. Diese Technik der bloßen Nennung lässt alles Benannte als endgültig erfasste Einheit erscheinen. Diese genutzte knappe Bezeichnung umreißt und isoliert die Dinge mit fester Kontur. ״Die knappe Benennung verleiht allen seinen Elementen jene Formbestimmtheit, nach der der ganze Stil des Märchens strebt.“35 Ein Beispiel aus dem Märchen lautet wie folgt: ״[...] dann packte es in seiner Wut den linken Fu[ss] mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.“36

Das Volksmärchen neigt dazu Menschen, Gegenstände und andere Dinge zu metallisieren und mineralisieren.37 Es existieren kaum bis keine Farbwerte, da diese die Strenge Linearität beeinträchtigen würden. Daher verwenden die Autoren nur klare, ultrareine Farben wie Gold: ״Ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“38

Meistens ist es in den Märchen der Fall, dass die Figuren vor eine Aufgabe gestellt werden, welche meist unmöglich sind. Dennoch gelingt es den Helden immer, diese Anforderung zu erfüllen. Sie werden entweder sehr stark belohnt oder mit dem Tode bestraft: ״Jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so musst du Sterben."39 Die Märchenfiguren begegnen immer den Jenseitigen, welche das genaue Wissen oder Können besitzen, was zur Lösung des Problems notwendig ist. Man kann sagen, dass im Märchen alles gelingt. Dabei werden die Fristen zur Aufgabenlösung voll ausgenutzt oder nur ganz knapp überschritten.40

Die Dreiheit spielt im Märchen eine sehr wichtige Rolle. Auch das vorliegende Märchen ist von dieser Starren Formel geprägt: ״[...] dreimal gezogen [... ]“, ״Drei Tage will ich dir Zeit lassen", ״Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte.“41 Dieses Starre Gesicht des Märchens strebt die abstrakte Bestimmtheit an.42 Auch die Strenge Wiederholung ist ein Element des abstrakten Stils. Die Gebrüder Grimm verwenden in ihrem Märchen

Rumpelstilzchen mehrfach die Wendungen ״[...] und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen [.. .].“43 Diese Sprüche wirken formfestigend.

Grundlage für die Eigenschaft des abstrakten Stils sind die Einsträngigkeit und Mehrgliedrigkeit.

Das Märchen arbeitet oft mit sehr extremen Äußerungen und starken Kontrasten. Die agierenden Figuren sind somit entweder äußerst schön oder enorm hässlich, bettelarm oder sehr reich.44

Weiteres prägendes Merkmal des abstrakten Stils ist das Geschehen von Wundern. Hierbei ist dem Märchen nichts zu ausgefallen oder fern.45 Auch im vorliegenden Märchen wird dieser Aspekt mehrfach eingearbeitet. Ein Männlein taucht plötzlich in der Kammer, in welcher die Müllerstochter sitzt, auf und kann obendrein noch Stroh zu Gold spinnen.

״Die abstrakte Stilisierung gibt dem Märchen Helligkeit und Bestimmtheit.“46

2.1.4. Isolation und Allverbundenheit

״Das beherrschende Merkmal [...] des abstrakten Märchenstils ist die Isolierung.“47 Auch dieses Merkmal macht noch einmal die enorme Abwesenheit von Innenwelt und Umwelt deutlich. Des Weiteren existieren keinerlei Beziehungen. Die Isolation wird durch einige typische Aspekte gekennzeichnet. ״Gold und Silber, [... ] das einzige Kind [...], der König [... ] und die schöne Prinzessin“48 sind Ausprägungen, welche auch explizit in ״Rumpelstilzchen“ Verwendung finden.

Die Figuren des Märchens isolieren sich auch äußerlich und gehen des öfteren allein in die Welt, ohne jeglichen Gedanken an Freunde und Verwandte. Ebenso isolierend ist die Darstellung der Handlung. Handlungsräume werden nur genannt und nicht weiter erläutert. So auch im vorliegenden Märchen: ״[...] so bring sie morgen in mein Schloss [.. .].“49

Erwähnenswert ist ebenfalls, dass die handelnden Figuren keine neuen Erkenntnisse gewinnen, sie handeln immer wieder aus der Isolation heraus, ohne Ähnlichkeiten der Situationen wahrzunehmen. Die Müllerstochter hätte sich längst darüber im Klaren sein müssen, dass sie auch die folgenden Male dem Rumpelstilzchen einen Dank schuldig ist.50

Auch die einzelnen Gegenstände und Taten sind vom Geschehen und den Figuren isoliert.51 So ist der König über die vermeintlichen Fähigkeiten der Müllerstochter verwundert, schaut sich diese jedoch nicht einmal selbst an. Es wird nicht in Frage gestellt, warum etwas möglich ist, keine Erklärungen werden gefordert.

Das Wunder ist weiteres prägendes Element des Märchens, welches dem Märchenhelden geschenkt wird, er bewirkt es nicht selber. Sobald ein Wunder nötig ist, wird es der Figur zuteil, welche dieses ohne Staunen wahrnimmt.

״Erst diese Isolierung [...] ermöglicht jenes mühelose, elegante Zusammenspiel aller Figuren und Abenteuer, womit uns das Märchen so sehr entzückt und das ebenso zu seinem abstrakten Süle gehört wie die Isolation.“52

2.1.5. Sublimation und Weithaitigkeit

Dieses Merkmal des europäischen Volksmärchens beinhaltet den Aspekt der Themenvielfalt im Märchen. Alle Motive, profaner, numinoser, magischer oder mythischer Herkunft, werden ihres Ursprungs enthoben und märchenhaft sublimiert. Alle Bereiche bilden so zusammen die Märchenwelt, in welche die Welt der ״[...] Riten, Sitten, Gebräuche [... ]“53, des Erotischen und Religiösen, der Historie und Kultur eingeht. Auffallend ist das sogenannte Achtergewicht der Märchen; die Wiederholungen steigern sich auf das Ende hin, das die Lösung bringt. Das Gegensatzgesetz weist auf die antithetische Stellung der Figuren, Held - Antiheld, hin. Die weiblichen Heldinnen überwiegen, und zwar einmal, weil ״[...] das Weibliche der der Natur nähere Teil der Menschheit [...]“54 ist, zum anderen, weil sich im Märchen eine mutterrechtliche Kultur als Basis widerspiegeit55, die durch eine vaterrechtliche Kultur abgelöst wurde, was unter anderem daran zu erkennen ist, das alles ״Böse im Märchen [...] von der Frau“ ausgeht. Im Märchen kommen ״die wesentlichsten menschlichen Verhaltensweisen und

Unternehmungen zur Darstellung: Kampf, Stellen und Lösen von Aufgaben, Intrige und Hilfe, Schädigung und Heilung, Mord, Gefangensetzung, Vergewaltigung und Erlösung, Befreiung, Rettung, schließlich Werbung und Vermählung sowie Berührung mit einer den profanen Alltag überschreitenden Welt, mit zauberischen, jenseitigen Mächten“. Entscheidend ist, dass im Märchen die objektive Kausalität des Mythos seine Gültigkeit bewahrt hat.56 2.2.Funktion und Bedeutung des Märchens

Das Märchen diente früher ausschließlich der Unterhaltung. Heute lässt sich keine konkrete Definition der Funktion und Bedeutung des Märchens darstellen, da weder Funktion, noch Bedeutung gleich erkennbar sind.57

Ein wichtiger Aspekt der Funktionsfmdung ist, dass das Märchen eine Antwort auf die Frage des menschlichen Seins gibt. Es ist Seinsdichtung und Seinsollendichtung in einem.58

Themen werden vom Märchen aufgegriffen, anschließend sublimiert und lässt diese Motive Glieder einer weit ausgreifenden Erzählung werden.59 Diese kann zahlreiche Episoden umfassen, bleibt jedoch zielstrebig.

Dieses Literaturgenre ist frei von jeglichem Zwang und Fesseln. Es besitzt keine Bindung an die Wirklichkeit oder an ein Dogma.60 Des Weiteren haftet das Märchen nicht an einzelnen Erlebnissen.

Die Welt im Märchen wird dichterisch bewältigt, es scheint alles leicht und klar zu sein, Dinge werden gänzlich schwerelos. Eine beglückende Sicherheit strömt von der Darstellung aus, in welcher sich der Leser demnach befindet. Das Märchen bietet eine traumhafte Schau der Welt, die nichts von uns fordert, wir lassen und beglückt von ihr tragen.61

״Das Märchen schaut und zeichnet eine Welt, die sich uns als das Gegenbild der unbestimmten, verwirrenden, unklaren und bedrohlichen Wirklichkeit entwickelt.“62

Außerdem kann das Märchen indirekt als ״Wunschdichung“63 bezeichnet werden. Es träumt nicht von der Befriedigung alltäglicher Bedürfnisse, sondern stellt die Helden vor Aufgaben. Hierbei ist das Abenteuer zentraler Aspekt. Den Figuren werden keine Dinge geschenkt, sondern Möglichkeiten.64

Im Märchen wird gezeigt, wie es in Wahrheit zugeht in der Welt. Es ״[...] zeigt uns nicht eine Welt, die in Ordnung ist, es zeigt uns die Welt, die in Ordnung ist [...], da[ß] die Welt so ist, wie sie sein soll.“65

3. Sinnpotentialanalyse des Märchens

Das Märchen "Rumpelstilzchen", welches 1857 von den Gebrüdern Grimm veröffentlicht wurde, handelt von einem Müller, der seine Tochter mit einem Prinzen verheiraten möchte. Dafür erzählt er dem König, dass seine Tochter Stroh zu Gold spinnen kann. Als der König dies von dem Mädchen verlangt, verzweifelt sie und bittet das Rumpelstilzchen um Hilfe. Für seine Dienste verlangt es verschiedene Gegenstände, schließlich ihr neu geborenes Kind. Sie dürfe das Kind nur behalten, wenn sie den Namen des Rumpelstilzchens herausfindet.

Die eben beschriebene Handlung ist einsträngig. Der/die Leser/in soll sich demnach auf nur eine Haupthandlung konzentrieren.

In dem Märchen gibt es zwei Hauptfiguren, die Müllerstochter und das Rumpelstilzchen. Der Protagonist ist die Müllertochter, welche verschüchtert und ängstlich ist. Der Antagonist, also ihr Gegenspieler, ist das Rumpelstilzchen, welches selbstsicher und hinterhältig ist. Die Nebenfiguren sind der Müller, der König sowie der Bote.

Das Märchen "Rumpelstilzchen" spielt an verschiedenen Orten. Es wird dabei von einer Bewegtheit der Orte gesprochen, wodurch auch die Handlung besser verdeutlicht wird. Zuerst spielt das Märchen beim König, wo der Müller seine Tochter für den Prinzen empfehlen möchte. Der zweite Handlungsort ist Kammer, in der das Mädchen Stroh zu Gold spinnen soll. Dieser ist gleichzeitig der Haupthandlungsort des Märchens. Später in einer anderen Kammer, vermutlich im Schloss. Ein weiterer Handlungsort ist hinter dem "[...] hohen Berg um die Waldecke [...] wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen [...]"66. Hier wird der Name des Rumpelstilzchens begannt.

Die Erzählinstanz des Märchens ist auktorial. Dies bedeutet, dass der Erzähler von außen auf das Geschehen blickt, sich jedoch in keiner Weise in dieses einmischt. Er kennt teilweise die Gedanken und Gefühle der Figuren.

Der Erzähler vermittelt das Märchen über einen längeren Zeitraum. Dem/der Leser/in wird nicht gesagt, um welchen es sich genau handelt. Jedoch wird in dem Märchen deutlich, dass eine Zeitspanne von über einem Jahr erzählt wird. Es wird also eine Handlung beschrieben, die ein Prozess über längere Zeit ist, was zur Folge hat, dass die Handlung für den/die Leser/in realistischer und nachvollziehbarer ist.

Der Autor schrieb das Märchen in ausgeschmückter, aber gut verständlicher Sprache, wie es für Märchen üblich ist. Für den/die Leser/in ist diese gut verständlich und die Vorstellungskraft kann dadurch unterstützt werden. Die Verwendung von Adjektiven bietet die Möglichkeit, sich das Aussehen der Figuren besser vorzustellen.

Das Märchen ist klar strukturiert, was zur Folge hat, dass sich der/die Leser/in die Handlung selbst gut erschließen kann und Verständnisprobleme weitestgehend ausgeschlossen sind. Trotz Auslassung mancher Endungen oder Abweichung von der Alltagssprache ist die Sprache dennoch gut verständlich für den/die Leser/in.

In "Rumpelstilzchen" werden verschiedenen überzeitlich her Themen angesprochen, wie zu, Beispiel das Lügen oder Prahlen. Der Müller hat seine Tochter in eine scheinbar ausweglose Situation gebracht, um sie für den Prinzen attraktiv zu machen, damit dieser seine Tochter letztendlich zur Frau nimmt. In dem Zusammenhang spielt Gier in dem Märchen ebenso eine prägnante Rolle, sowohl der Müller, als auch der König sind gierig und bringen die Müllerstochter in die verheerende Situation. Dem gegenüber Stehen aber auch die Hilfsbereitschaft sowie die Liebe. Denn die Müllerstochter versucht aus Liebe zu ihrem Kind alles, um den Namen des Rumpelstilzchens herauszufinden. Diese so gegensätzlichen Themen werden in dem Märchen vereint und vermitteln vielseitige Perspektiven und Sichtweisen. Es soll für zwischenmenschliche Beziehungen sensibilisieren und dem/ der Leser/in verschiedene Zugänge ermöglichen.

[...]


1 vgl. Lauer, Bernhard: 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen: Die Brüder , http://www.goethe.de/lrn/prj/mlg/mad/gri/de8832539.htm [Zugriff am: 15.08.2018]

2 vgl. ebd.

3 vgl. Paradisi-Redaktion: Theaterarten, Die vier klassischen Spielarten des Theaters im Überblick, http://www.paradisi.de/Freizeit_und_Erhohmg/Kultur/Theater/Artikel/8683.php#Das_Figurentheater [Zugriff am: 16.08.2018]

4 Seite Waidspeicher

5 Pander, Edmund: Merkmale der Märchen, http://www.pander.de/deutsch/l 1107.pdf [Zugriff am: 12.08.2018]

6 Lüthi, Max (2005): Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. 11. Auflage. Tübingen/Basel: A. Francke Verlag. S.77

7 vgl. Lüthi, 2005, S.7

8 vgl. Lüthi, 2005, S.8

9 vgl. ebd.

10 vgl. ebd.

11 "vgl. Lüthi, 2005, S.8

12 "vgl Lüthi, 2005, s 10

13 Brüder Grimm (1870): Kinder- und Hausmärchen gesammelt durch die Brüder Grimm. Große Ausgabe. Neunte Auflage. Berlin: Wilhelm Herz. S.219

14 vgl. Lüthi, 2005, s. 10

15 vgl. ebd.

16 Lüthi, 2005, s.ll

17 ebd.

18 vgl. ebd.

19 vgl. ebd. S.12

20 vgl. ebd.

21 vgl. ebd.

22 vgl. Lüthi, 2005, S.13

23 ebd.

24 ebd. S.18

25 Brüder Grimm, 1870, S.219Í

26 ebd.

27 vgl. Lüthi, 2005, s. 19

28 vgl. ebd.

29 ebd.

30 Brüder Grimm, 1870, S.219Í

31 ebd.

32 Lüthi, 2005, S.20

33 ebd.

34 Lüthi, 2005, S.25

35 Lüthi, 2005, s 26

36 Brüder Grimm, 1870, s.219f.

37 Lüthi, 2005, S.26

38 Brüder Grimm, 1870, S.219L

39 ebd.

40 vgl. Lüthi, 2005, S.27

41 Brüder Grimm, 1870, S.219L

42 Lüthi, 2005, S.33

43 Brüder Grimm, 1870, s.219f.

44 vgl Lüthi, 2005, S.34

45 vgl Lüthi, 2005, S.35

46 Lüthi, 2005, S.36

47 Lüthi, 2005, s 37

48 Lüthi, 2005, s 37

49 Brüder Grimm, 1870, S.219L

50 Brüder Grimm, 1870, s.219f.

51 Lüthi, S.39

52 Lüthi, S.50

53 Lüthi, S.65

54 Lüthi, S.65

55 Lüthi, S.65

56 vgl. Lüthi, 2005, S.68

57 vgl. ebd., S.76

58 vgl. ebd., S.85

59 vgl. ebd., S.77

60 vgl. ebd., S.78

61 vgl. ebd.

62 ebd., S.80

63 Ebd., S.84

64 vgl. ebd., S.84

65 ebd., S.82

66 Brüder Grimm, 1870, s.219f.

Ende der Leseprobe aus 66 Seiten

Details

Titel
Ideenkonzept zur Vor- und Nachbereitung des Theaterstücks "Rumpelstilzchen"
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
66
Katalognummer
V439560
ISBN (eBook)
9783668819146
ISBN (Buch)
9783668819153
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ideenkonzept, vor-, nachbereitung, theaterstücks, rumpelstilzchen
Arbeit zitieren
Hanna Keppler (Autor), 2018, Ideenkonzept zur Vor- und Nachbereitung des Theaterstücks "Rumpelstilzchen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/439560

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