Das Literaturverständnis von Georg Büchner in einem Brief an die Familie und dem Kunstmonolog von Lenz sowie seine Auswirkung auf "Woyzeck"


Seminararbeit, 2003

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Büchners Literaturauffassung
2.1. Brief an die Familie vom 28.7.1835
2.2. Kunstmonolog von Lenz
2.3. Vergleich Büchners Brief an seine Eltern mit dem Kunstmonolog von Lenz

3. Interpretation zweier selbstgewählter Szenen
3.1. Marie, Woyzeck und Kind (H4)
3.2. Doktor und Woyzeck (H8)

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich zuerst mit der Literaturauffassung Georg Büchners, die anhand eines am 28. Juli 1835 von ihm an seine Eltern geschriebenen Briefes[1] und anhand des Kunstmonologs von Lenz, eines Textausschnitts aus dem Werk Lenz, erörtert wird. Dabei werden immer wieder Parallelen zu Woyzeck gezogen. Im zweiten Teil der Arbeit werden zwei selbstausgewählte Szenen aus Woyzeck auf dem Hintergrund Büchners Literaturauffassung interpretiert.

2. Büchners Literaturauffassung

Anhand des Briefs an seine Eltern, des Kunstmonologs von Lenz und dem Vergleich beider Textfragmente soll Büchners Literaturauffassung herausgearbeitet werden. Man erfährt dadurch, was für Büchner gute Literatur ausmacht, wie diese am besten dargestellt werden soll, was sie behandeln und wie sie etwas präsentieren soll. Außerdem bekommt man in die von Büchner erwartete Wirkung von Kunst bzw. Literatur einen Einblick.

2.1. Brief an die Familie vom 28.7.1835

Büchner äußert sich in dem am 28. Juli 1835 in Straßburg verfassten Brief an seine Eltern sehr direkt zu seiner persönlichen Literaturauffassung. Hintergrund dieses Briefes ist Büchners Drama Dantons Tod, das er seinen Eltern gegenüber in Schutz nehmen will[3]. Er beabsichtigt, es gegen den Vorwurf der Unsittlichkeit zu verteidigen und die von ihm darin verwendete obszöne Sprache zu legitimieren.[2]

Er beginnt mit der These zu argumentieren, dass der dramatische Dichter im Grunde nichts anderes als ein „Geschichtsschreiber“[4] sei und sich an dessen Pflichten halten sollte. Der einzige Unterschied zwischen dramatischem Dichter und einem Historiker ist, dass der Dichter die Geschichte zum zweiten Mal verfasst und den Leser sofort „in das Leben einer Zeit hinein versetzt“[5]. Deshalb steht der Dramatiker auch „über“[6] dem Geschichtsschreiber und wird dem Schöpfer gleichgesetzt[7]. Anders als der Historiker, der Charakteristiken, Biographien und Beschreibungen liefert, präsentiert der dramatische Dichter Charaktere und Gestalten[8]. Die Geschichten eines Dichters sind nicht trocken wie die eines Historikers, da den Charakteren vom Dramatiker Leben eingehaucht wird.

Die wichtigste Aufgabe des Dramatikers ist es aber, „der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nah als möglich zu kommen“[9], was heißt, dass die historische Richtigkeit bzw. die maximale Faktentreue das größte Gebot des Dramas sein soll. Diese Ansicht hat zur Konsequenz, dass z.B. die Sittlichkeit in einem Werk nicht verändert werden darf, d.h., dass ein Buch „weder sittlicher noch unsittlicher sein“[10] darf als in der Realität. Dies ist auch der Fall in Woyzeck, da oft unsittliche Charaktere auftreten. Auf diesen Punkt wird in den nächsten Kapiteln bei den Interpretationen der Szenen genauer eingegangen. Man darf also Sachverhalte weder verherrlichen noch verschlechtern. Da aufgrund dieser Wirklichkeitstreue auch unsittliche Sachverhalte und obszöne Ausdrücke in einem Buch vorkommen können, ist es als Lektüre für junge Frauen nicht geeignet[11]. Mit diesem Argument verteidigt Büchner sein Drama. Da er der Realität so nah wie möglich kommen will, beschreibt er auch unsittliches Handeln und skizziert die Sprache der unteren Schichten. Er weiß, dass diese Inhalte für Frauen nicht geeignet sind, was ihn aber nicht sonderlich stört. Büchner will „ein groß Publikum mit so wenig Geschmack, als möglich“[12]. Er stützt sich dabei auf den "„lieben Herrgott“[13], der ja sozusagen auch sittenwidriges Verhalten „erschaffen“ hat.

Junge, bürgerliche Frauen dieser Zeit sollten nicht mit unmoralischen Sachverhalten und der Sprache des niederen Volkes konfrontiert werden, sondern sich mit moralischer und unterhaltsamer, schöner Literatur beschäftigen. Frauen sollten damals Erbauungsliteratur lesen, wie z.B. Texte aus der Bibel, an denen sie sich sowohl geistig als auch sittlich erbauen konnten. Aber genau das ist laut Büchner falsch, denn er will nicht unterhalten und moralisch sein, sondern, da er die Realität zeigt, die schlechten Zustände und Lebensbedingungen des armen Volkes ändern können. Inspiration ist für ihn folglich das normale, menschliche Leben.

Büchner hat mehrere Details für Woyzeck aus dem wahren Leben bestimmter Personen verwendet. So haben sowohl der echte Woyzeck als auch Büchners Woyzeck ein uneheliches Kind. Beide gehören der unteren Schicht an, leiden an Halluzinationen und töten ihre Geliebte[14].

Als nächsten Punkt spricht Büchner über die Moral. Seiner Meinung nach soll der Dichter „kein Lehrer der Moral“[15] sein. Aufgabe des Dichters ist es, Charaktere zu erschaffen und „vergangene Zeiten wieder aufleben“[16] zu lassen. Die Leser können aus seinen Werken genauso etwas lernen wie durch das „Studium der Geschichte“[17], durch die Welt um sie herum und durch die Beobachtung des Verhaltens ihrer Mitmenschen[18]. Die Leser sollen also erfahren, wie es den ärmeren Schichten um sie herum geht und nicht mit verbundenen Augen durch das Leben laufen. Laut Büchner kann man unmoralischen Dingen nicht entgehen, da man ihnen überall begegnet, wie z.B. beim Studieren von Geschichten oder einfach nur auf der Straße, da man an diesen Orten regelmäßig mit nicht moralischen Fakten konfrontiert wird[19]. Sogar Gott müsste man verurteilen, da dieser eine Welt erschaffen hat, in der es oft zu unmoralischen Handlungen und Vorfällen kommt[20]. An dieser Stelle stützt sich Büchner wieder auf Gott. Er verteidigt die in seinen Werken vorhandene Unsittlichkeit mit der Einverständnis Gottes. Wenn dieser eine Welt erschafft, in der die Unmoral legitimiert ist, dann darf auch Büchner darüber berichten, da er ja der Wahrheit treu bleiben will. Ein Dichter soll die Welt realistisch darstellen und nicht so zeigen, wie sie sein sollte[21]. Sie wurde von Gott so erschaffen, wie er es für richtig hielt und davon will Büchner nicht abweichen[22]. Da die Welt nicht perfekt ist, dürfen Dichter ihren Lesern auch keine Ideale oder Utopien präsentieren. Büchner will nicht über schönere Dinge schreiben, die gar nicht so schön von Gott geschaffen wurde, er will sich also nicht über Gott stellen, sondern die Welt, wie sie von ihm erschaffen wurde, mit all ihren positiven und negativen Seiten ganz und gar akzeptieren[23]. Büchner spricht sich deutlichst gegen den Idealismus aus.

Aus dem Gebot der Realitätstreue resultiert auch Büchners teilweiser Gebrauch der gesprochenen Sprache dieser Zeit. Oft wird in Woyzeck Dialekt gesprochen, der Satzbau ist oft unvollständig oder wirkt verwirrend[24]. Dies soll die tatsächliche Sprache der Bevölkerung wiedergeben. Doch bezieht sich der Dialekt eher auf die untere Bevölkerungsschicht. So sprechen der Hauptmann und der Doktor die Standardsprache, der Doktor benutzt außerdem viele Fachtermini, was seinem Stand und seiner Bildung bzw. seinem Beruf entspricht. Ein weitere, mit der Sprache des Volkes verbundener Aspekt, ist das Einbeziehen von volkstümlichen Liedern, Märchen, Bibelzitaten etc.

Außerdem ist die Auswahl der Themen dem Dichter ganz freigestellt, wie z.B. für Woyzeck kann der Dichter, wenn er will, Fragmente dessen Biographie benutzen. So präsentiert Büchner Woyzecks Leben in Ausschnitten, er stellt einzelne Szenen aus dessen Leben dar, die man ohne weiteres austauschen könne, nur die Szene mit dem Mord an Marie muss am Schluss stehen.

Des weiteren äußert sich Büchner über „die sogenannten Idealdichter“[25], die seiner Ansicht nach kaum „Menschen von Fleisch und Blut“[26] erschaffen, sondern nur „Marionetten mit himmelblauen Nasen und affectirtem Pathos“[27]. Da diese Charaktere so affektiert und künstlich wirken, rufen sich auch bei den Lesern kein Mitleid hervor[28]. Auch kann man diese Figuren und ihr Verhalten weder bewundern noch verachten, da sie nicht realistisch genug sind[29]. Deshalb greift Büchner auch zuletzt Schiller an, der seiner Meinung nach keine realistischen Charaktere erschaffen kann, die beim Publikum bzw. bei den Lesern Gefühle und Mitleid erzeugen würden[30]. Bei Schiller wird das Theater als eine Art Lehranstalt verwendet, Büchner spricht sich, wie schon erwähnt, gegen einen Dichter als „Lehrer der Moral“[31] aus. Anders als von Schiller hält Büchner aber sehr viel von Shakespeare und Goethe, was er am Schluss ganz direkt äußert[32] in dem Satz: „ich halte viel auf Goethe und Shakespeare, aber sehr wenig auf Schiller“[33]. Die Figuren bei Shakespeare sprechen die Emotionen des Publikums an. Goethe, der als „Idealdichter“[34] gilt, wird abgewertet. Woyzeck und Marie sind in Woyzeck die beiden Charaktere, von denen der Leser am meisten erfährt und dessen Lebensumstände am genausten beschrieben werden. Dadurch wecken sie auch beim Publikum Emotionen.

[...]


[1] Fragment des Briefes

[2] Dedner, Burghard. Georg Büchner: „Woyzeck“: Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam 2000, S. 255f.

[3] vgl. Schaub, Gerhard. Georg Büchner: „Lenz“: Erläuterungen und Dokumente. Stuttgart: Reclam 1999, S. 70.

[4] Dedner, S. 255.

[5] Ibid.

[6] Ibid.

[7] Vgl. ibid.

[8] Vgl. ibid.

[9] Ibid.

[10] Ibid.

[11] Vgl. ibid.

[12] Meier, Albert. Georg Büchner: „Woyzeck“. München: Fink, 1993 (3), S. 17.

[13] Dedner, S. 255.

[14] Vgl. Brinkmann, Karl. Georg Büchner: „Dantons Tod und Woyzeck“: Erläuterungen. Hollfeld: C. Bange Verlag, 1990 (16), S. 56.

[15] Dedner, S. 255.

[16] Ibid.

[17] Ibid.

[18] Vgl. ibid.

[19] Vgl. ibid.

[20] Vgl. ibid.

[21] Vgl. ibid., S. 256.

[22] Vgl. ibid.

[23] Vgl. ibid.

[24] Vgl. Brinkmann, S. 74.

[25] Dedner, S. 256.

[26] Ibid.

[27] Ibid.

[28] Vgl. ibid.

[29] Vgl. ibid.

[30] Vgl. ibid.

[31] Ibid.

[32] Vgl. ibid.

[33] Ibid.

[34] Vgl. ibid.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das Literaturverständnis von Georg Büchner in einem Brief an die Familie und dem Kunstmonolog von Lenz sowie seine Auswirkung auf "Woyzeck"
Hochschule
Universität Regensburg  (Germanistik)
Veranstaltung
Einführung in die Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V44032
ISBN (eBook)
9783638416979
ISBN (Buch)
9783638802345
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erörterung, Büchners, Literaturauffassung, Briefs, Familie, Kunstmonologs, Lenz, Interpretation, Szenen, Woyzeck, Einführung, Neuere, Deutsche, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Sylvia Hadjetian (Autor), 2003, Das Literaturverständnis von Georg Büchner in einem Brief an die Familie und dem Kunstmonolog von Lenz sowie seine Auswirkung auf "Woyzeck", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44032

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