Gesprächspartikel und ihre Funktion in der Gesprächslinguistik

Ein Polizeianruf


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

2. Theoretische Fundierung

3. Gesprächsanalyse

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturverzeichnis

6. Quellenverzeichnis

7. Anhang: Transkript

1. Einleitende Bemerkungen

Die 70er und 80er Jahre waren eine Zeit, in der man Partikeln […] als neues Forschungsgebiet entdeckte […]. Gesprächspartikeln hatte man vorher nicht besonders beachtet, weil sie in geschriebenen Texten selten vorkommen, weil man glaubte, sie für inhaltliche Aussagen vernachlässigen zu können, oder weil sie einfach mit den herkömmlichen Vorstellungen von Sprache nicht zu fassen waren. (Schwitalla 2002, 259 f.)

Diese Arbeit soll zeigen, dass Gesprächspartikeln entgegen der eingangs erwähnten Einwände keineswegs irrelevant für die Gesprächslinguistik sind, sondern eine wichtige Rolle für die Analyse von Gesprächsdaten spielen. Die folgende linguistische Auseinandersetzung mit Gesprächspartikeln hat die beispielhafte Analyse des Gespräches „Ein Polizeianruf aus Mannheims Oberschicht (Frau Zehnbauer)“ (Zehnbauermadness 2008) zum Ziel. Beispielhaft deshalb, weil im eher kleinen Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht alle im genannten Gespräch enthaltenen Partikeln analysiert werden können, also eine Limitierung aufgrund der Umfangs der Arbeit sowie der Vielzahl an Partikeln im zu untersuchenden Gespräch existiert.

Für die Gesprächsanalyse ist zunächst eine theoretische Fundierung vonnöten. Diese wird im zweiten Kapitel gegeben, in welchem eine Definition von Gesprächspartikeln erarbeitet wird, die dem aktuellen Forschungsstand entspricht und auf deren Grundlage die Untersuchung von Partikeln im Gespräch ermöglicht wird. Anschließend folgt die Nennung der Funktionen von Gesprächspartikeln, was auch deren Relevanz für die Gesprächslinguistik aufzeigt. Auf dieser Basis wird im dritten Kapitel das bereits erwähnte Gespräch analysiert. Von konkretem Interesse bei der Analyse sind die verschiedenen Funktionen von Gesprächspartikeln und deren Vorhandensein innerhalb der Gesprächsdaten. Es stellt sich die Frage, ob alle theoretisch möglichen Funktionen im Gespräch aufzufinden sind und wie diese ausgestaltet werden. Die Antwort darauf findet sich in den Schlussbemerkungen.

2. Theoretische Fundierung

In diesem Kapitel steht die Definition, terminologische Abgrenzung und Funktion von Gesprächspartikeln im Mittelpunkt. Hierfür findet zunächst eine Annäherung an Gesprächspartikeln statt, indem der Partikelbegriff bestimmt und von anderen Bezeichnungen abgegrenzt wird. Danach erfolgt die begriffliche Präzisierung von Gesprächspartikeln sowie die ausführliche Erläuterung ihrer Funktionen. Somit wird die Grundlage für die nachfolgende Gesprächsanalyse geschaffen.

Johannes Schwitalla unterscheidet in seiner Publikation Kleine Wörter. Partikeln im Gespräch Partikeln im „weiten Sinne“ (Schwitalla 2002, 260) von Gesprächspartikeln „im engeren Sinne“ (Schwitalla 2002, 261). Diese Unterscheidung geht aus den verschiedenen Ansichten innerhalb der linguistischen Forschung hervor und wird deshalb auch hier übernommen. Nach Schwitalla handelt es sich bei Partikeln generell um „unflektierbare Wörter“ (Schwitalla 2002, 259), welche „keine semantische Funktion für die Darstellung von Wirklichkeit“ haben und nicht „in den syntaktischen Regelapparat für Wortkombinationen einbezogen“ (Schwitalla 2002, 260) sind. Sie sind zudem arbiträr, haben eine Lautsubstanz und „unterscheiden sich dadurch von anderen Symbolebenen der verbalen Interaktion (Prosodie, nonverbale Zeichen)“ (Schwitalla 2002, 260). Für solcherlei Partikeln werden in Schwitallas Text folgende Beispiele genannt: Konjunktionen sowie Subjunktionen (z.B. und, da, weil, während, dass), Konjunktionaladverbien (jedoch, außerdem, dagegen, deshalb, trotzdem), Präpositionen (vor, auf, bei, für), Modalwörter (vielleicht, schlechterdings, glücklicherweise), Abtönungs-/Modalpartikeln (ja, doch, mal, halt, eben), Grad-/Intensivpartikeln (sehr, absolut, kaum, höchst, überaus, ziemlich), Fokuspartikeln (auch, besonders, ausgerechnet, lediglich), Negationspartikeln (nicht, keinesfalls, weder … noch), Interjektionen (oh, huch, nanu, ups) und Antwortpartikeln (ja, nein, bitte, danke) (vgl. Schwitalla 2002, 260).

Ihre semantische Funktion ist neben der fehlenden Einbindung in die Syntax das Hauptkennzeichen von Partikeln. Der Linguist Konrad Ehlich weist bereits 1986 darauf hin, dass bspw. Interjektionen trotz bis dato geringer wissenschaftlicher Beachtung eine Relevanz für die Sprachwissenschaft aufweisen (vgl. Ehlich 1986, 1 ff.), wobei diese in den Funktionen der Interjektionen für das Sprachhandeln begründet ist (vgl. ebd., 6). Allerdings sind Partikeln nicht per se Interjektionen, auch wenn Interjektionen häufig fälschlicherweise als Oberbegriff für diese verwendet werden. An dieser Stelle ist eine Begriffsabgrenzung vonnöten: Bei Interjektionen handelt es sich um „Zwischenrufe, die nicht in die Struktur eines Satz eingebettet sind“ und verwendet werden, um „die Gefühlslage und das Empfinden des Sprechers auszudrücken und/oder die Aufmerksamkeit des Hörers zu wecken“,[1] während nach Schwitalla Partikeln neben Interjektionen auch die bereits genannten Konjunktionen, Modalwörter usw. umfassen. Onomatopoetika hingegen stellen eine Untergruppe der Interjektionen dar, dies sind „Wörter, die menschliche, tierische und sonstige Laute nachahmen“,[2] wie bspw. hatschi, miau, klingeling, peng. Inflektive wie ächz, würg, seufz, also „Verben, die auf den Stamm reduziert sind“,[3] bilden ebenfalls eine Untergruppe der Interjektionen. Hier zeigt sich erneut, dass Interjektionen nicht mit Partikeln gleichzusetzen sind, denn Inflektive sind im Gegensatz zu Partikeln flektierbar.

Laut Schwitalla beschränkt sich die Dialogforschung nicht nur auf die oben genannten Partikeln, sondern weitet ihren Gegenstand auch auf zahlreiche andere „Partikeln und Signale (engl. ‚markers‘)“ aus, welche eine „Zugehörigkeit zum Medium der mündlichen Kommunikation“ aufweisen, sowie auf „körpergebundene Äußerungsformen“, z.B. „Lachen, Gähnen, Stöhnen“ (Schwitalla 2002, 260). Um den Forschungsgegenstand zum Zweck der Gesprächsanalyse einzugrenzen, ist eine engere Definition erforderlich, welche Schwitalla nennt: Gesprächspartikeln sind „alle Partikeln […], die eine spezifische Funktion für die Herstellung und Aufrechterhaltung einer Gesprächssituation haben“ (Schwitalla 2002, 261), in der Linguistik auch „Gesprächswort“ (ebd.) genannt. Dazu zählen „Rückversicherungs- (ne?), Rezeptions- (mhm) und Gliederungssignale“, ebenso „gefüllte Pausen (äh), Korrektur-/Paraphrasesignale, Aufmerksamkeitssignale (‚attention-getters‘: he, sst) und prototypische Interjektionen in ihrer Funktion als Hörerreaktion und als Vorlaufelemente von Sprecherbeiträgen, schließlich Gliederungssignale auf unterschiedlichen Ebenen“ (Schwitalla 2002, 261). Schwitalla gliedert diese Gesprächspartikeln nach ihren Funktionen und erläutert sie entsprechend „der Reihenfolge ihrer kommunikativen Reichweite“ (Schwitalla 2002: 261). Dieses Vorgehen wird in den nun folgenden Abschnitten dieses Kapitels übernommen, welche die verschiedenen Funktionen von Gesprächspartikeln zum Inhalt haben: Herstellung und Auflösung der kommunikativen Situation, Segmentierung, Sprecher- und Hörerrolle, sequenzielle Organisation von Äußerungen, Responsive und Gesprächspartikeln im kommunikativen Prozess.

Gesprächspartikeln sind sowohl für den Gesprächsbeginn als auch für die Gesprächsbeendigung von Relevanz. Die Gesprächseröffnung, also die Kontaktaufnahme durch sprachliche Handlungen, erfolgt nach der Sicherstellung der „Gesprächsbereitschaft potenzieller Gesprächspartner“ (Schwitalla 2002, 261). Dazu dienen neben „geräuschhaften (Husten, sich Räuspern) und nonverbalen Handlungen (Winken, Klopfen, Blick)“ (Schwitalla 2002, 261), „Namensanreden […], Kontaktformeln (entschuldigung)“ (ebd., 262), v.a. Aufmerksamkeitssignale wie hallo, hi oder das eher negativ aufgefasste he, Sie / du da oder auch eh (vgl. ebd.). Bei der Gesprächsbeendigung „bietet ein Beteiligter den gemeinsamen Beginn der Beendigungsphase an“, häufig mit „den Partikeln gut, okay, alles klar […], selten mit fein, schön, jedoch auch mit dialektalen Versionen“ (Schwitalla 2002, 262). Der Gesprächspartner reagiert bestätigend und antwortet ebenfalls mit Gesprächspartikeln wie „ gut, okay, ja, alles klar, also dann “ (Schwitalla 2002, 263). Die Relevanz speziell der Gesprächspartikeln also und dann stellen auch Arnulf Deppermann sowie Henrike Helmer in ihrem Aufsatz Zur Grammatik des Verstehens im Gespräch heraus, in welcher sie die Bedeutung dieser Konnektoren für das Gespräch untersuchen. Sie kommen wie Schwitalla zu dem Schluss, dass beide Partikeln als „Inferenzindikatoren“ dienen und „von institutionellen Akteuren zur Steuerung des Gesprächsverlaufs benutzt werden“ (Deppermann/Helmer 2013, 13). Schwitalla schreibt, dass Gesprächspartikeln auch für die Segmentierung von Anfang, Schluss, thematischen und handlungsstrukturellen Teilen eingesetzt werden. So „äußern viele Sprecher eine sog. Gefüllte Pause (äh, öh, ähm)“ vor „dem Beginn einer neuen interaktiven Aufgabe“, was sowohl beim „Redeeinsatz […] wie beim Beginn von Teilen komplexer Handlungen“ (Schwitalla 2002, 263) geschieht. Eine solche Gesprächspartikel „kündigt den Wunsch zu sprechen an und verschafft den Sprechern Planungszeit“ (Schwitalla 2002, 263). Ist dem eigentlichen Gesprächsgrund eine Plauderei vorausgegangen, wird das Hauptthema „entweder explizit (ich ruf eigentlich an weil …) [sic!] oder mit formelhaften Verwendungen von Verben des Sehens und Hörens eingeleitet: sag mal hast du mitgekriegt dass …; horch mal wegen morgen [sic!]“ (Schwitalla 2002, 263). Thematisch neue Gesprächsbeiträge werden durch Adverbien (Bsp.: übrigens), formelhafte Redeeinleitungen (da fällt mir ein, was ich noch sagen wollte), Konjunktionen (aber) oder Partikeln (oh, naja, so, also) gekennzeichnet (vgl. Schwitalla 2002, 263). Die Rückkehr zu einem zuvor verlassenen Thema wird ebenfalls signalisiert, z.B. durch die Gesprächspartikeln aber, na ja, jedenfalls, wie auch immer (vgl. Schwitalla 2002, 264).

Eine wichtige Funktion nehmen Gesprächspartikeln bei der Sicherung der Sprecherrolle durch Rückversicherungssignale und auf Seiten des Hörers[4] durch Rezeptionssignale ein. Nach Schwitalla wird zur Sicherung der Sprecherrolle mehrheitlich eine Variante von „ÄH [ε], [ε:], [ε:m], [Ø:], [œ:] usw.“ (Schwitalla 2002, 265)[5] genutzt, um auf diese Weise zu signalisieren, dass „der Sprecher die Sprecherrolle nicht abgeben will, sondern Zeit braucht, um die weitere Rede zu planen“ (ebd.). Auch HM und JA werden hierfür verwendet. Weiterhin sind Rückversicherungssignale wie bspw. nicht wahr?, gell?, ey oder auch verstehst du, ja? für die Ausführung der Sprecherrolle relevant (vgl. Schwitalla 2002, 265), da mit ihrer Hilfe die „Aufmerksamkeit auf das zuvor Gesprochene“ (Schwitalla 2002, 265) eingeklagt wird und eine Überprüfung der Zustimmung des Hörers erfolgt. Dabei ist oftmals die Verwendung von Varianten der Negationspartikel nicht anzutreffen (vgl. Schwitalla 2002, 265). Allerdings ist zu beachten, dass nicht alle Rückversicherungssignale auch in ihrer ursprünglichen Funktion verwendet werden: „Sehr häufige Wiederholungen […] entwerten die Funktion der Übereinstimmungskontrolle und fungieren dann nur noch als Gliederungssignal für das Ende einer Äußerungseinheit“ (Schwitalla 2002, 265). Ebenfalls erwähnenswert ist die Tatsache, dass die „Ränder von Äußerungseinheiten […] ‚anfällig‘ für sog. Codeswitchings“ (Schwitalla 2002, 266) sind, also zweisprachige Sprecher speziell dort in die andere Sprache wechseln. Auf der Hörerseite wird die Sprecherrede durch „gefühlsexpressive Interjektionen“ (Schwitalla 2002, 266) und Rezeptionssignale begleitet. Unter den letzteren sind HM und JA am häufigsten, wobei die „genaue prosodische und phonetische Beschreibung“ (Schwitalla 2002, 266) bei der Partikel (M)HM aufgrund ihrer großen Variabilität sehr wichtig ist. Je nachdem, um welche Formvariante es sich handelt, kann die Partikel (M)HM die folgenden interaktiven Funktionen haben:

Bestätigung der fremden Sprecherrolle, Aufforderung weiterzusprechen bis zum Zeitpunkt der Aktivität, Aufforderung, die Sprecherrolle beizubehalten (in eine Pause gesprochen), Akzeptieren einer Unterbrechung, Anmeldung des eigenen Anspruchs der Sprecherrolle […], Zweifel, Zögern, Rück- und Vergewisserungsfrage, Überraschung […], Klärungsbedürftigkeit, Ratlosigkeit […], Mitgefühl, Empathie (Schwitalla 2002, 267).

Ähnlich viele Funktionen kann ein hörerseitiges JA (jaja, ja?, ja, JA usw.) haben, diese reichen von der Signalisierung „deutlicher Zustimmung“ oder der „Übernahme der Sprecherrolle“ (Schwitalla 2002, 269) über die Aufforderung zum Weitersprechen bis hin zum Ausdruck von „Überraschung und Zweifel“ (ebd.) oder „Ungeduld und zur Beschleunigung der Interaktion“ (ebd.). Allgemein kann festgestellt werden, dass der Sprecher „durch den Wechsel von R[ezeptionssignalen]“ (Schwitalla 2002, 269) die Hörerreaktion erkennt. Die „Funktion der Zustimmung“ (Schwitalla 2002, 269) kann bspw. durch „ (sehr) richtig, stimmt, klar, genau, okay, so ist es “ (ebd.) erfüllt werden. Zudem existieren unterschiedliche Interjektionen, welche dem Ausdruck von Gefühlen des Hörers dienen. Schwitalla nennt hier eine Auswahl der wichtigsten Formen und ihre mögliche Bedeutung, z.B. AH (Überraschung, Ablehnung), ACH (Erstaunen, Erinnerung), OH (Überraschung, Ironie, Betroffenheit), OI (Mitgefühl), NEIN (Widerspruch), IH (Abscheu, Ekel), AU (negative Wertung, Erkennen einer schlimmen Information) und HÄ (Aufforderung zur Klärung) (vgl. Schwitalla 2002, 270 f.). Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Formen von Gesprächspartikeln in der Sprecher-Hörer-Interaktion, doch diese alle aufzuführen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Die vierte Funktion von Gesprächspartikeln ist die sequenzielle Organisation von Äußerungen in Form von Vorlaufelementen und Korrektur, Wortsuche sowie Paraphrase. Vorlaufelemente, „die sowohl einen retrospektiven Bezug auf den gerade abgeschlossenen Beitrag wie einen prospektiven auf den eigenen haben können“ (Schwitalla 2002: 272), stehen am Beginn des Sprecherbeitrages. Formen und mögliche Funktionen – auch hier nur eine Auswahl – können wie folgt lauten: JA (Anzeige des Sprecherwechsels, ironische Zustimmung), NEIN (Ablehnung, ungläubiges Staunen), AH (Überraschung, plötzliches Verstehen), ACH (Schmerz, Richtigstellung eines Irrtums), NA (Unterstellung von gemeinsamem Wissen), ALSO (Eroberung des Rederechts, Ankündigung einer thematischen Weiterführung), OH (Markierung eines thematischen Bruchs, Divergenz) und OCH (Einschätzung eines Problems als weniger gravierend) (vgl. Schwitalla 2002, 273 f.). Die bereits erwähnten „Selbstkorrekturen, Abbrüche und Neueinsätze“ (Schwitalla 2002, 274) werden durch „Tonbrüche, schnelleres Tempo und Codeswitching“ (ebd.) sowie Partikeln eingeleitet. Hierbei herrschen Varianten von ÄH (äh, ähm, öhm), aber auch na und ach so (vgl. Schwitalla 274 f.) vor. Im Gegensatz zu Formen von NEIN hat oder „nicht nur Korrektur-, sondern auch Paraphrasefunktion“ (Schwitalla 2002, 274), ebenso beziehungsweise. Gefüllte Pausen können Wortfindungsschwierigkeiten ebenso anzeigen wie Modalpartikel, so Schwitalla (vgl. Schwitalla 2002, 274).

Die letzten beiden Funktionen von Gesprächspartikeln sind Responsive und Gesprächspartikeln im kommunikativen Prozess. Responsive „sind Antwortpartikeln, die den vollen Status eines Gesprächsbeitrages haben“ (Schwitalla 2002, 275). Solcherlei Gesprächspartikeln „stehen nach Fragen, Vermutungen, Angriffen, Vorschlägen, und anderen zustimmungspräferierten Sprechakten : ja, gut, okay, nein, doch “ (Schwitalla 2002, 275), gerne ersetzt durch mhm. Schwitalla betont, dass auch „Modalitätsadverbien, Modalpartikeln und Satzellipsen“ (Schwitalla 2002, 275) wie „ sicher, richtig, warum nicht?, vielleicht […]“ (ebd.) an diese Stelle treten, jedoch ebenfalls „als Hörereinwürfe und als Vorlaufelemente“ (ebd.) gebraucht werden können. Neben ihrer Funktion als Responsive haben Gesprächspartikeln eine „spezifische Funktion für die zeitliche Prozesshaftigkeit der Interaktion“ (Schwitalla 2002, 276):

Sie markieren auf den unterschiedlichen Einheitenebenen eines Gesprächs Phasen des Anfangs, des Endes, des Übergangs, der Unterbrechung und der Wiederaufnahme. Sie dienen zur Sicherung der grundlegenden Beteiligungsformen des Sprechens und Zuhörens, der Weckung und der Überprüfung der Aufmerksamkeit. Sie dienen auch dazu, die jeweils relevanten Aktivitäten von SprecherIn und HörerIn aufeinander abzustimmen. Mit ihnen überprüfen Sprecher, wie der Hörer das Gesagte aufnimmt. Mit ihnen beurteilt der nächste Sprecher das vorher Gesagte […] (Schwitalla 2002, 276).

Es lässt sich also alles in allem feststellen, dass Gesprächspartikeln die verschiedensten Funktionen haben können, welche sich nicht ohne Einbezug von Phonetik und Prosodie unterscheiden lassen. Es bedarf demnach nicht nur des theoretischen Wissens, sondern auch des geübten Ohres des Linguisten, um innerhalb einer Gesprächsanalyse die unterschiedlichen Gesprächspartikeln korrekt einzuordnen und zu interpretieren.

3. Gesprächsanalyse

Im Folgenden wird das Gespräch Ein Polizeianruf aus Mannheims Oberschicht (Frau Zehnbauer) auf Gesprächspartikeln und ihre Funktion hin analysiert. Bei dem Gespräch handelt es sich um einen telefonischen Dialog zwischen einem Mannheimer Polizisten und der Anruferin Frau Zehnbauer, also um ein technisch vermitteltes Zweipersonengespräch. Dieses hat eine Ruhestörung durch den Nachbarn Herrn Ellenberger zum Thema, welche Frau Zehnbauer bei der Polizei anzeigen möchte. Aufgrund des Mannheimer Dialektes von Frau Zehnbauer wird das Gespräch als äußerst humorvoll aufgefasst, weshalb vom Videoersteller auch die Einsortierung in die Kategorie „Komödie“ (Zehnbauermadness 2008) vorgenommen wurde. Aufgrund der Vielzahl enthaltener Gesprächspartikeln und dem recht engen Rahmen der vorliegenden Arbeit erhebt diese Analyse keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern hat zum Ziel, einige Gesprächspartikeln beispielhaft zu benennen wie auch ihre Funktion zu erläutern. Die Auswahl erfolgt so, dass für jede der im theoretischen Teil der Arbeit aufgeführten sechs Funktionen von Gesprächspartikeln (Herstellung und Auflösung der kommunikativen Situation, Segmentierung, Sprecher- und Hörerrolle, sequenzielle Organisation von Äußerungen, Responsive und Gesprächspartikeln im kommunikativen Prozess) mindestens ein Beispiel aufgezeigt wird.

Die erstgenannte Funktion von Gesprächspartikeln ist die der Herstellung sowie Auflösung der kommunikativen Situation. Im Falle des vorliegenden Gespräches gilt wie bei allen anderen Telefongesprächen „das Klingeln als erster interaktiver Zug“ (Schwitalla 2002, 262), die Gesprächsbereitschaft des Polizisten (im Folgenden mit P abgekürzt) wird von diesem durch Nennung der Institution „polizei“ (Transkript, 001)[6] signalisiert, „ohne die eigene Identität preiszugeben“ (Schwitalla 2002, 262). Nach diesem Kontaktsignal folgt die bestätigende Reaktion von Frau Zehnbauer (im Folgenden mit Z abgekürzt), indem diese mit „ja“ (Transkript, 004) antwortet. Diese Gesprächspartikel zeigt die „Bereitschaft zur weiteren Kommunikation“ (Schwitalla 2002, 262) von Z auf, erst danach folgt die Grußformel „guden abend“ (Transkript, 004). Auch bei der Beendigung des Gesprächs lassen sich Gesprächspartikeln finden. Nach dem Abschluss des Themas (hier: Handlungsaufforderung von Z) „bietet ein Beteiligter den gemeinsamen Beginn der Beendigungsphase an“ (Schwitalla 2002, 2562), in diesem Fall geht dies von P aus: „[ah j]a klar ja ha alle[s klar ]“ (Transkript, 054 f.). Hierbei handelt es sich um die Aneinanderreihung mehrerer Gesprächspartikeln, bestehend aus ah ja klar, ja ha und alles klar, mit fallender Intonation gesprochen (vgl. Zehnbauermadness 2008, 01:18).[7] Es folgt eine nachdrückliche Wiederholung des Wunsches nach Bestrafung des Beschuldigten von Z: „[(un glei) ]a stück seif gewe“ (Transkript, 055) sowie ein Ausblick von P auf baldige Reaktion der Polizei (vgl. Transkript, 057). Nun erst, also nach diesem von beiden Gesprächspartnern gezogenen Resümee, bestätigt Z das Beendigungsangebot von P mit den Gesprächspartikeln „[alle ]s klar“ (Transkript, 058), woran sich ein Dank an P und die Grußformel „tschüss“ (Transkript, 058) anschließt.

Ebenfalls im untersuchten Dialog auffindbar ist die segmentierende Funktion von Gesprächspartikeln. Z antwortet auf die Frage nach ihrer Hausnummer wie folgt: „zweehundert äh vierzeh t äh tür sechs“ (Transkript, 031). Die Gesprächspartikel äh, welche hier beim Redeeinsatz zweimal verwendet wird, füllt beide Male eine Pause vor „dem Beginn einer neuen interaktiven Aufgabe“ (Schwitalla 2002, 262), also der Beantwortung der Frage zum Sachverhalt. Die Gesprächspartikel verschafft Z Planungszeit für die Formulierung ihrer Antwort und gliedert auf diese Weise den Beginn eines neuen handlungsstrukturellen Teiles des Gesprächs. Ein weiteres Beispiel für die segmentierende Funktion ist die Gesprächspartikel aber, welche im weiteren Verlauf des Gespräches von Z geäußert wird: „°h (.) aber der hot net die musik ufzudreh“ (Transkript, 036). Die Gesprächspartikel aber signalisiert hierbei „die Rückkehr zu einem verlassenen Thema“ (Schwitalla 2002, 264), nämlich der Begründung der Beschuldigung des Nachbarn von Z.

Des Weiteren lassen sich zur von Schwitalla an dritter Stelle genannten Funktion von Gesprächspartikeln, der Sicherung von Sprecher- sowie Hörerrolle, Beispiele im Gespräch finden. Eines wurde bereits angesprochen, es handelt sich um die Gesprächspartikel äh, welche von Z als eine Form der gefüllten Pause produziert wird (vgl. Transkript, 031) und dem Hörer P signalisiert, dass Z nicht zur Abgabe der Sprecherrolle bereit ist, „sondern Zeit braucht, um die weitere Rede zu planen“ (Schwitalla 2002, 265). Das ständige Verhandeln der Rederechte wird auch an anderer Stelle an der Gesprächspartikel ja deutlich, hier geäußert von Z: „appartmo ja net appartmo baracke nummer sechs“ (Transkript, 042). Hier wird eine Form von JA gesprochen, um die eigene Sprecherrolle zu sichern. Die einige Sekunden zuvor artikulierte Negationspartikel ne dient hingegen nicht der Sicherung der Sprecherrolle, sondern bildet ein Rückversicherungssignal der Sprecherin Z: „die sin eh so udicht die häuser ne“ (Transkript, 033). Das fragende ne hat an dieser Stelle die Funktion, die „Aufmerksamkeit auf das zuvor Gesprochene“ (Schwitalla 2002, 265) einzuklagen und die Zustimmung des Hörers P zu überprüfen. Dieser bejaht die Nachfrage direkt im Anschluss mit „jaha“ (Transkript, 034), was der Intention von Z entspricht und damit die Funktionalität der Gesprächspartikel ne unterstreicht. Auch auf der Hörerseite werden im vorliegenden Gespräch Partikeln verwendet, jedoch als Rezeptionssignale. So sagt P: „ach zehnbauer“ (Transkript, 019), als er nach mehrfachen Versuchen schließlich den Namen der Anruferin Z versteht. Bei diesem ach handelt es sich um eine gefühlsexpressive Interjektion, welche das plötzliche Erkennen des richtigen Namens durch den Hörer P offenbart. Die von Z in ihrer Rolle als Hörerin geäußerte Negationspartikel „nähä“ (Transkript, 022) ist ebenfalls eine gefühlsexpressive Interjektion, sie drückt Widerspruch bzgl. der zuvor von P gestellten Frage aus (vgl. Transkript, 019). Somit finden sich in der Sprecher-Hörer-Interaktion sowohl Rückversicherungs- als auch Rezeptionssignale.

[...]


[1] Canoo: Artikel zu Die Interjektion: http://www.canoo.net/services/OnlineGrammar/Wort/Interjektion/index.html (03.07.2017).

[2] Ebd.

[3] Duden-Online: Artikel zu Interjektionen: http://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/interjektionen-1 (03.07.2017).

[4] Aus Gründen der Lesbarkeit verzichte ich im Folgenden auf die Nennung beider Geschlechter und verwende ausschließlich das generische Maskulinum. Gemeint sind immer beide Formen mit gleicher Wirkung.

[5] In Anlehnung an Schwitalla (vgl. Schwitalla 2002, 262) werden die einzelnen Formklassen von Partikeln im Folgenden durch Großschreibung gekennzeichnet.

[6] Die Zitierung des Transkripts erfolgt mit der Zeilennummer, in diesem Fall 001.

[7] Die Zitierung der des Videos bzw. der darin enthaltenen Tonaufnahme erfolgt mit der Zeitangabe, also hier eine Minute und 18 Sekunden.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Gesprächspartikel und ihre Funktion in der Gesprächslinguistik
Untertitel
Ein Polizeianruf
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Seminar Gesprächsstrukturen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V440923
ISBN (eBook)
9783668794399
ISBN (Buch)
9783668794405
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Partikeln, Gesprächspartikeln, Mannheimer Dialekt, Gesprächsanalyse, Dialog, Zehnbauer
Arbeit zitieren
Eileen Nagler (Autor), 2017, Gesprächspartikel und ihre Funktion in der Gesprächslinguistik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/440923

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