Der Nachhaltigkeitsdiskurs in der Wikipedia

Eine empirische Analyse am Beispiel der 30 DAX-Unternehmen


Masterarbeit, 2018
126 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

2. Theoretische Fundierung
2.1 Nachhaltigkeit: Wort- und Themenkarriere
2.1.1 Begriffsgeschichte, Verwendung und Kritik
2.1.2 Nachhaltigkeit als Gegenstand des offentlichen Diskurses
2.2 Die Online-Enzyklopadie Wikipedia
2.2.1 Grundlagen, Prinzipien und Organisation
2.2.2 Zur Struktur dynamischer Hypertexte in der Wikipedia
2.3 Zur Diskurslinguistik und -analyse
2.3.1 Diskurslinguistik nach Foucault
2.3.2 Ein Rahmen fur die Hyperdiskursanalyse

3. Material, digitale Methoden und Tools

4. Empirische Befunde
4.1 Uberblick und quantitative Analyse
4.2 Qualitative Analyse
4.2.1 Das Diskursfragment Henkel (Unternehmen)
4.2.2 Das Diskursfragment Covestro

5. Schlussbemerkungen

6. Bibliographie
6.1 Literatur
6.2 Online-Ressourcen

7. Verzeichnis der Quellen und Tools

8. Anhang
8.1 Vereinfachtes Benutzerschema der deutschen Wikipedia
8.2 Layout der diskurslinguistischen Mehr-Ebenen-Analyse (DIMEAN)
8.3 Tabelle: Empirische Befunde
8.4 Screenshots des Diskursfragments Henkel (Unternehmen)
8.5 Screenshots des Diskursfragments Covestro

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Wortwolke für das Lexem Nachhaltigkeit (Quelle: eigene Darstellung auf der Grundlage des DWDS Wortprofils fur Nachhaltigkeit)

Abbildung 2: DWDS-Wortverlaufskurve fur Nachhaltigkeit ab 1945 (Quelle: DWDS)

Abbildung 3: Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (Quelle: United Nations 2015)

Abbildung 4: Nachhaltigkeitsmodelle im Uberblick (Quelle: Pufe 2017: 115)

Abbildung 5: Schema eines Diskursfragments der Wikipedia (Quelle: Gredel 2018a)

Abbildung 6: Analyseebenen des methodologischen Rahmens fur die digitale Diskursanalyse (Quelle: Gredel 2017a: 112)

Abbildung 7: Diskussionsseite zum Wikipedia-Artikel „BMW“ (Quelle: Seite „Diskussion:BMW“)

Abbildung 8: Eingabemaske des Tools WikiBlame (Quelle: WikiBlame)

Abbildung 9: Abschnitt zur Nachhaltigkeit im Archiv der Diskussionsseite (Quelle: Seite „Diskussion:Henkel (Untemehmen)/Archiv“)

Abbildung 10: Abschnitt zur Nachhaltigkeit, Anderungen durch HenkelArchives mit WhoColor farbig markiert (Quelle: Seite „Henkel (Untemehmen)“, Bearbeitungsstand: 18. Juni 2009, 14:23 UTC

1. Einleitende Bemerkungen

Enzyklopadie, Internet-Recherchetool, ambitioniertes Gemeinschaftsprojekt zur Er- stellung freier Inhalte: Will man Wikipedia charakterisieren, sind all diese Begriffe irgendwie zutreffend - und bringen das Phanomen trotzdem nicht ganz auf den Punkt. (Schuler 2007: 23)

Dieses Zitat ist bereits mehr als zehn Jahre alt, doch es hat nichts an Aktualitat einge- buBt. Forscher[1] diverser Disziplinen nehmen sich heute dem Phanomen Wikipedia an, und auch die germanistische Linguistik hat die Wikipedistik fur sich entdeckt. In der vorliegenden Arbeit dient die Wikipedia als linguistische Ressource, um den Nachhal- tigkeitsdiskurs am Beispiel der 30 Unternehmen zu analysieren, welche im Deutschen Aktienindex notiert sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Wortwolke fur das Lexem Nachhaltigkeit (Quelle: eigene Darstellung auf der Grundlage des DWDS Wortprofils fur Nachhaltigkeit)

Das Lexem Nachhaltigkeit ist heute allgegenwartig und kommt in den verschiedensten Kontexten vor, wie die Abbildung 1 zeigt. Es wird in Politik, Wirtschaft und Medien inzwischen derart haufig verwendet (vgl. Henn-Memmesheimer et al. 2012: 182), dass von einer „Wort- und Themenkarriere“ (Gredel 2017c: 107) gesprochen werden kann. „In wirtschaftsnahen Kontexten konnte der Begriff sogar Handlungsrelevanz entwi- ckeln“ (Gredel 2017c: 97), wie E. Gredel in ihrer Untersuchung der Nachhaltigkeits- berichte von DAX 30-Unternehmen feststellt. Seit 2017 unterliegen „groBe borsenno- tierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschaftigten“ (Bundesministerium fur Arbeit und Soziales 2016) sogar der Pflicht, einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen und zu veroffentlichen. Fur die Unternehmensreputation ist die Kommunikation von Nach- haltigkeitsaktivitaten und -strategien demnach ein wichtiger Faktor. Bei der AuBen- darstellung von Unternehmen spielt die Online-Enzyklopadie Wikipedia eine nicht zu unterschatzende Rolle, da sie „im Internet [...] allzeit prasent“ (Schuler 2007: 25) ist und dadurch haufig als erste Anlaufstelle bei der Suche nach Informationen dient, wie die hohen Besucherzahlen zeigen.

Vor dem Hintergrund des beschriebenen Diskurses stellt sich die Frage, in welchem AusmaB und auf welche Weise Nachhaltigkeit auf den Wikipedia-Seiten der DAX 30- Unternehmen verhandelt wird. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, diese Frage durch eine Hyperdiskursanalyse und mithilfe digitaler Tools und Methoden zu beant- worten. Zu diesem Zweck ist der Hauptteil der Arbeit in drei Kapitel gegliedert. Im Rahmen der theoretischen Fundierung wird zunachst die bereits erwahnte Wort- und Themenkarriere des Lexems Nachhaltigkeit nachvollzogen. Das Kapitel 2.1.1 liefert einen Uberblick uber die Begriffsgeschichte, die Verwendung des Lexems sowie die Kritik daran. Das nachfolgende Unterkapitel informiert uber Nachhaltigkeit als Ge- genstand des offentlichen Diskurses wie auch die unterschiedlichen Konzeptualisie- rungen von Nachhaltigkeit. Im Anschluss fokussiert das Kapitel 2.2 die Online-En­zyklopadie Wikipedia, es stellt ihre Grundlagen, Prinzipien und Organisation vor und beschreibt so diejenige ihrer Eigenheiten, welche diskursanalytisch von Relevanz sind. Es folgt eine linguistische Auseinandersetzung mit der Struktur dynamischer Hyper- texte in der Wikipedia, bevor schlieBlich in Kapitel 2.3 die Diskurslinguistik und - analyse im Mittelpunkt steht. Mit der Betrachtung der Diskurslinguistik nach Michel Foucault wird die Grundlage fur einen Analyserahmen geschaffen, mit welchem Hy- perdiskurse wie der vorliegende umfassend untersucht werden konnen. Er wird in Ka­pitel 2.3.2 thematisiert. Das darauffolgende Kapitel erortert schlieBlich das Material, auf dessen Basis die Datenerhebung erfolgt. Auch die zu diesem Zweck genutzten di- gitalen Methoden und Tools werden dort besprochen. Kapitel 4 dient dann der Analyse der empirischen Befunde. Es wird mittels einer quantitativ orientierten Analyse zuerst ein Uberblick uber das vorliegende Material geschaffen, anschlieBend steht die quali­tative Analyse von zwei Diskursfragmenten im Fokus. Ihre Ergebnisse werden in den Schlussbemerkungen zusammengefasst, um die Forschungsfrage abschlieBend zu be- antworten.

2. Theoretische Fundierung

Dieses Kapitel hat zum Ziel, einen breiten theoretischen Uberblick zu geben. Auf diese Weise wird eine Basis fur die anschlieBende Erhebung linguistischer Ressourcen und ihre Analyse geschaffen. Zunachst ist es vonnoten, sich dem Diskursgegenstand anzu- nahern. Dies geschieht in Kapitel 2.1 durch die Nachverfolgung der Wort- und The- menkarriere des Lexems Nachhaltigkeit. Es steht die Frage im Vordergrund, welche Bedeutung das Wort hat, wie haufig es vorkommt und welche Kritik seine Verwen- dung hervorruft. Im Anschluss daran wird auf den offentlichen Diskurs eingegangen, welcher in den letzten Jahrzehnten um den Nachhaltigkeitsbegriff herum entstanden ist. Mit diesem Wissen ist es moglich, im darauffolgenden Kapitel zu bestimmen, was die Wikipedia als Projekt sowie als Online-Enzyklopadie ausmacht und in welcher Weise die Hypertexte dort strukturiert sind. So wird zum einen die Anordnung der Hypertexte untereinander in den Blick genommen, zum anderen der typische Aufbau einzelner Wikipedia-spezifischer Hypertextsorten. Diese Einsichten bedingen die Be- rucksichtigung der zuvor ermittelten Besonderheiten der Wikipedia in der Diskursana- lyse. Die Ursprunge der Diskurslinguistik in der Diskurstheorie Michel Foucaults wer- den im nachfolgenden Kapitel 2.3.1 erlautert, bevor die Aufstellung des methodologi- schen Rahmens fur die Hyperdiskursanalyse erfolgt.

2.1 Nachhaltigkeit: Wort- und Themenkarriere

Ob in Wirtschaft, Wissenschaft oder Medien - Nachhaltigkeit ist das Schlagwort der Stunde. Als Begriff zunachst positiv besetzt, [...] klingt er aber auch abstrakt und ver- schwommen [Hervorhebungen im Original] (Pufe 2017: 23)

Diese scheinbar fehlende Greifbarkeit ist ein Grund, weshalb im nun folgenden Kapi­tel zunachst der Nachhaltigkeitsbegriff und dessen „Wort- und Themenkarriere“ (Gredel 2017c: 93) naher betrachtet wird. Zudem dient die Konkretisierung des Le­xems Nachhaltigkeit und das Wissen um dessen historischen Hintergrund als Basis fur die spatere Operationalisierung des Nachhaltigkeitsdiskurses. Folglich steht im Kapi­tel 2.1.1 die Etymologie des Lexems im Vordergrund. Hierbei wird auf die Ursprunge des Nachhaltigkeitsbegriffes eingegangen, seine Entwicklung und die heutige Ver- wendung. Dafur werden qualitative Anhaltspunkte wie die in aktuellen Worterbuchern aufgefuhrten Wortbedeutungen ebenso herangezogen wie quantitative Kriterien in Form von Vorkommenshaufigkeiten. AbschlieBend wird die Kritik an der Begriffsver- wendung erlautert. Das zweite Unterkapitel fokussiert die Entstehung und den Fortgang des Nachhaltigkeitsdiskurses. So werden maBgebliche Schritte auf dem Weg zur Etablierung des Themas in der Offentlichkeit aufgezeigt sowie damit verbundene politische Ziele genannt. Hiernach wird erlautert, inwieweit der Nachhaltigkeitsdis- kurs relevant fur Unternehmen ist und welche MaBnahmen er in diesen nach sich zieht. SchlieBlich werden verschiedene Modelle von Nachhaltigkeit bzw. nachhaltiger Ent- wicklung reflektiert, da diese Auswirkungen auf die Konzeptualisierung des Themas in der Offentlichkeit haben und deshalb von Bedeutung fur die spatere Analyse sind. Auf diese Weise wird der Nachhaltigkeitsdiskurs zwar nicht vollumfanglich, jedoch in einem solchen MaBe erschlossen, dass ein Ausgangspunkt fur das weitere Vorgehen gegeben ist.

2.1.1 Begriffsgeschichte, Verwendung und Kritik

Die Geschichte des Lexems Nachhaltigkeit beginnt mit dessen erster nachweislicher Erwahnung im Werk Sylvicultura Oeconomica Oder Haubwirthliche Nach- richt und NaturmAbige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht des HannB Carl von Carlowitz (vgl. auch Henn-Memmesheimer et al. 2012: 165; Rodel 2013: 118). Der Autor zielt darin u.a. auf die Beantwortung der Frage,

wie eine sothane Conservation und Anbau des Holtzes anzustellen/daB es eine conti- nuirliche bestandige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine unentbehrliche Sache ist/ohnewelche das Land in seinem Effe nicht bleiben mag. [Hervorhebungen der Verfasserin] (von Carlowitz 1713: 105)

In der Forstwirtschaft verursachte der damalige Holzmangel demnach ein auf Lang- fristigkeit ausgelegtes Denken und Handeln, welches einem kunftigen Ressourcen- mangel vorbeugen sollte. Das ebenfalls aus dem Wortstamm nachhalt- resultierende Derivat nachhaltig lasst sich nach dem etymologischen Worterbuch Kluges bis ins 18. Jahrhundert zuruckverfolgen, es ist „uber Nachhalt (eigentlich ,Ruckhalt, was man zu- ruckbehalt‘) abgeleitet von nachhalten ,andauern, wirken, anhalten‘“ (Kluge/Seebold 2012: 645). Eine ahnliche Paraphrasierung findet sich im Grimm’schen Worterbuch (1889), dort werden jedoch insgesamt sechs entsprechende Lemmata aufgefuhrt:

NACHHALT, m. ein halt, den man in reserve hat, ruckhalt [...]

NACHHALTEN, verb.

1) intransitiv.
a) anhalten, nachhaltig sein oder wirken [.]
b) mit dativ, nachfolgen, nachtrachten, nachstellen [...]
2) transitiv.
a) nachtraglich halten: eine versaumte lehrstunde u. s. w. nachhalten.
b) nach einem vorbilde etwas halten, nachthun [...]
c) nachtraglich vorhalten, nachtragen [...]
d) zuruckhalten, reservieren [.]

NACHHALTEND, adv. nachhaltig: dieser mann der kein wort davon merkte, dasz ihm besser und nachhaltender zu muthe war. J. PAUL [.]

NACHHALTER, m. der nachhalt. bei den seilern ein eiserner ring vorne mit einem wirtel, dessen spitze zu einem haken gekrummt ist, auf den der seiler ein paar faden zum bindfaden hangt, wenn er sie zwischen dem vorderrade und dem nachhalter aus- spannen und spinnen will. JACOBSSON 3, 116a.

NACHHALTIG, adj. und adv. auf langere zeit anhaltend und wirkend: nachhaltiger ertrag des bodens wird nur erzielt, wenn der boden in gutem stand erhalten wird. WE­BER ocon. lex. 382a; [...]

NACHHALTIGKEIT, f.: dann legten sie sich auf ihr tagewerk, lagen ihm auch mit groszem fleisz und staunenswerther nachhaltigkeit ob. GOTTHELF erz. 3, 166.

[Hervorhebungen im Original][2]

Als Beispiel fur das Lemma nachhaltig wird hier die Bodenbewirtschaftung aufgefuhrt und somit der Kontext des Wirtschaftens, welcher schon bei von Carlowitz zu finden war, wieder aufgegriffen. „Die Lexeme Nachhalt und nachhaltend werden in neueren Worterbuchern nicht mehr als selbststandige Lemmata aufgenommen“ (Henn-Mem- mesheimer et al. 2012: 160), gleiches gilt fur das Lexem Nachhalter. So finden sich im aktuellen Duden Online nur noch die Lemmata nachhalten, nachhaltig und Nach­haltigkeit sowie die in Rentenversicherungen gebrauchliche Komposition Nachhaltig- keitsfaktor.[3] Fur Nachhaltigkeit werden dort die folgenden Bedeutungen angegeben:

1. langere Zeit anhaltende Wirkung
2. a (Forstwirtschaft) forstwirtschaftliches Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefallt werden darf, als jeweils nachwachsen kann
b (Okologie) Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, kunftig wieder bereitgestellt werden kann[4]

Die ersten zwei Bedeutungen sind bereits im Deutschen Worterbuch belegt, wah- rend die dritte Bedeutung offenbar aus einer jungeren Entwicklung hervorgeht. Dafur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: DWDS-Wortverlaufskurve fur Nachhaltigkeit ab 1945 (Quelle: DWDS)

spricht auch die DWDS-Wortverlaufskurve des Lexems Nachhaltigkeit,[5] die im Fol- genden abgebildet ist. An ihr ist ersichtlich, dass sich ab ca. 1992 die zuvor sehr nied- rige Frequenz pro eine Million Tokens im DWDS-Zeitungskorpus kontinuierlich er- hoht, bevor ab 2012 eine Verringerung eintritt. Wahrend 1991 die absolute Zahl bei vier Nennungen des Lexems lag (Frequenz: 0.21), stieg sie bereits 1992 auf 20 an (Frequenz: 0.35) und erreichte den Hohepunkt 2012 mit 2304 (Frequenz: 10.27) Ver- wendungen.[6] Dies lasst den Schluss zu, dass zu den bereits vorhandenen Bedeutungen des Lexems eine weitere hinzugekommen ist und das Vorkommen erhoht hat. Die neu- esten vorliegenden Zahlen stammen aus dem Jahr 2017, zu diesem Zeitpunkt betragt die Frequenz 8.98 und es liegen 974 Belege fur Nachhaltigkeit vor,[7] das Lexem ist also inzwischen etabliert. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Vorkommenshau- figkeit weiter sinkt oder wieder steigt.

Ein weiterer Punkt, welcher fur das Aufkommen einer weiteren Bedeutung innerhalb der letzten drei Jahrzehnte spricht, ist die Analyse der statistisch signifikanten Wort- verbindungen. Der Blick auf die typischen Verbindungen, welche im DWDS-Wort- profil zum Lexem Nachhaltigkeit aufgezahlt werden, zeigt die Dominanz der zuvor im Duden Online genannten dritten und jungsten Wortbedeutung auf.[8] So werden an vorderster Stelle „Generationengerechtigkeit, Okologie, okologisch, Leitbild und Res- sourcenschonung“[9] als typische Wortverbindungen genannt. Eine Abfrage der Kook- kurrenzen zum Eintrag Nachhaltigkeit des Projektes Deutscher Wortschatz der Universitat Leipzig unterstreicht die getroffene Annahme. Dort werden auf der Basis des „German newspaper corpus (deu_newscrawl_2011)“[10] einerseits die Kookkur- renz-ahnlichen Formen „Umweltschutz | Energieeffizienz | Klimaschutz | Okologie | WirtschaftlichkeiO[11] angegeben, andererseits befinden sich unter den signifikantesten Kookkurrenzen „okologische“, „Thema“, „Umweltschutz“ und „Okologie“.[12] In sei­ner allgemeinen Bedeutung der langfristigen Wirkung oder in Verbindung mit der Forstwirtschaft, so zeigt sich, wird Nachhaltigkeit offenbar seltener verwendet als im Kontext der Okologie. Das Prinzip der ressourcenschonenden Nutzung wurde dem- nach von der Forstwirtschaft auf die Okologie ubertragen und verallgemeinert, wodurch es auf die damit zusammenhangenden Bereiche wie bspw. Umweltschutz oder Energieeffizienz angewendet wird. Lexeme wie Generationengerechtigkeit, Leit­bild oder Thema weisen jedoch noch uber die Okologie hinaus - eine nahere Ausei- nandersetzung mit den Hintergrunden wird am Ende dieses Kapitels sowie in Kapitel 2.1.2 erfolgen.

Nach Pufe kann Nachhaltigkeit auf verschiedene Themenbereiche ubertragen werden, denn das Lexem

beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, dass dieses Sys­tem in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natur- liche Weise regeneriert werden kann. (Pufe 2017: 117)

Diese Anwendbarkeit auf verschiedene Systeme wie bspw. Okologie oder auch Wirt- schaft ist ein Grund, weshalb teils Kritik an der Art der Wortverwendung geubt wird: „Die Bedeutung im Sprachgebrauch ist abstrakter, flexibler und weniger genau fest- legbar geworden“, so bspw. Rodel (2013: 137), der gar eine „Invasion der Nachhaltig- keit“ (Rodel 2013:115) befurchtet. Im gleichnamigen Aufsatz untersucht er die Vor­kommenshaufigkeit von „,nachhaltig" (auch in alien Flexionsformen) bzw. dem Sub- stantiv ,Nachhaltigkeit' und Kompositionen, die das Substantiv ,Nachhaltigkeit' ent- halten“ (Rodel 2013: 129). Er vergleicht deren Vorkommenshaufigkeit in den Nurn- berger Nachrichten 1990 mit der in den Nurnberger Nachrichten sowie der Braunschweiger Zeitung des Jahres 2011 (vgl. Rodel 2013: 129ff.). Aufgrund einer signifikanten Steigerung der Vorkommenshaufigkeit des Lexems (vgl. Rodel 2013: 131) und einer Umfrage zur Rezeption des Begriffes kommt er zu folgendem Schluss:

Die Begriffsgeschichte von ,Nachhaltigkeit‘ ist ein deutliches Beispiel dafur, dass weitgehend abstrakte Lexeme durch ihre inflationare Verwendung in modellierten Kontexten immer mehr an Bedeutung verlieren und schlieblich auch von der inten- dierten Zielgruppe als ,nichtssagend‘ oder gar als ,Mogelpackung‘ empfunden wer­den. (Rodel 2013: 138)

Rodel schliebt hier von einem recht kleinen Korpus und einer ebensolchen, nicht re- prasentativen Umfrage[13] auf einen Bedeutungsverlust des Lexems, welcher mit der im Zeitverlauf stark gestiegenen Vorkommenshaufigkeit begrundet wird, wohingegen Henn-Memmesheimer ganz andere Schlusse zieht. Sie analysiert in ihrer Studie die „Dynamik eines Sprachbildes“ (Henn-Memmesheimer et al. 2012: 159),[14] genauer: die Entwicklung des Lexems nachhaltig. Im untersuchten Pressekorpus - bestehend aus funf uberregionalen Tageszeitungen ab 1983, politischen und wissenschaftlichen Texten (vgl. Henn-Memmesheimer et al. 2012: 163) - zeigen sich „Schwankungen auf einem hohen Niveau“ (Henn-Memmesheimer et al. 2012: 182), aber keine uberproportional steigende Verwendung des Lexems. ^Nachhaltigkeit ist nach einer Phase des kontinuierlich haufiger werdenden Vorkommens bis 2002 heute etabliert“ (Henn-Memmesheimer et al. 2012: 182), weshalb nicht von einer inflationaren Ver­wendung gesprochen werden kann - es handelt sich schlicht um die Etablierung einer B edeutungserweiterung.

Eine solche Bedeutungserweiterung erfahrt der Begriff nicht nur durch die Ubertra- gung auf die Okologie, sondern auch durch seine Verwendung in der Wirtschaft. Im renommierten Gabler Wirtschaftslexikon werden vier Bereiche genannt, welche fur die Okonomie von Belang sind und die jeweils eine andere Bedeutung von Nach- haltigkeit mit sich bringen: „1. Steuerrecht 2. Wirtschaft 3. Ethik 4. Prozessmanage- ment.“[15] Unter dem fur die vorliegende Arbeit (aufgrund der Analyse von Wirtschafts- unternehmen) relevanten zweiten Punkt wird Nachhaltigkeit wie folgt erklart:

2. Wirtschaft

Das in der Forstwirtschaft seit Jahrhunderten angewandte Prinzip der Nachhaltigkeit ist als Art und Weise des Wirtschaftens zu bezeichnen, bei welcher derzeitige Bedurf- nisse befriedigt werden, ohne zukunftigen Generationen die Lebensgrundlagen zu ent- ziehen (Sustainable Development). Kennzeichnung durch langfristig orientiertes Den- ken und Handeln, um ein FlieBgleichgewicht der naturlichen Ressourcen zu erreichen.

Vgl. auch nachhaltige Entwicklung. [Hervorhebungen als Hyperlink im Original][16]

Diese Paraphrasierung nimmt Bezug auf alle im Duden Online erwahnten Bedeutun- gen und erganzt die Ubertragung auf die Wirtschaft noch um einen Verweis auf die englische Entsprechung von nachhaltiger Entwicklung, um den entsprechenden Hy­perlink sowie auf die inharente Intergenerationalitat des Prinzips. So wird hier

die wirtschaftliche Tradition weiter verfolgt mit dem Hinweis, dass sich aus dem Prin­zip der Nachhaltigkeit fur die Wirtschaft eine Strategie ableitet, die auf qualitativem Wachstum beruht (Henn-Memmesheimer et al. 2012: 161f.).

Die Erwahnung des englischen Begriffes sustainable development sowie der Link zum Artikel uber nachhaltige Entwicklung zeigen zudem nicht nur auf, dass die beiden Le­xeme Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung eng miteinander verknupft sind.[17]

Daruber hinaus offenbart dies auch die Relevanz der englischen Begrifflichkeiten, ge- rade in einem so international ausgerichteten Fachbereich wie der Wirtschaft. Zudem hat die Verwendung englischer Lexeme eine weitere Ursache in dem Fakt, dass „die meisten entscheidenden Publikationen [zum Thema Nachhaltigkeit] von globalen Or- ganisationen oder Institutionen verfasst wurden, und die Publikationssprache Englisch war“ (Rodel 2013: 121). Dies verweist auf den offentlich gefuhrten Nachhaltigkeits- diskurs, welcher dem Nachhaltigkeitsbegriff nochmals eine neue Bedeutung verleiht und im nun folgenden Kapitel nachvollzogen wird.

Schlussendlich ist festzustellen, dass das Lexem Nachhaltigkeit eine Begriffsge- schichte hat, die bereits im 18. Jahrhundert beginnt, und dass im Laufe der Zeit eine Differenzierung und Erweiterung der Bedeutung stattgefunden hat. Der Duden On­line fuhrt heute drei Bedeutungen auf. Demnach bezieht sich das Lexem Nachhaltig­keit erstens allgemein auf eine langfristige Wirkung, zweitens auf ein Prinzip aus der Forstwirtschaft zur Vorbeugung von Holzmangel und drittens auf die Ubertragung die­ses Prinzips auf die Okologie im Sinne der Ressourcenschonung. Die dritte dieser Be- deutungsangaben ist fur die vorliegende Arbeit von besonderer Relevanz, denn von der Vorkommenshaufigkeit im Zeitverlauf und den auftretenden Kookkurrenzen kann auf eine Dominanz der letzten und neuesten Bedeutung geschlossen werden. Sie wird auch fur die Okonomie ubernommen und um den Aspekt der Intergenerationalitat und den Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung erganzt.[18] Welche Auswirkungen dies auf den Diskurs uber Nachhaltigkeit hat und welchen Entwicklungen er folgt, steht im Mittelpunkt des folgenden Kapitels.

2.1.2 Nachhaltigkeit als Gegenstand des offentlichen Diskurses

Nachdem deutlich geworden ist, welche Entwicklung das Lexem Nachhaltigkeit ge- nommen hat, wird nun das Thema Nachhaltigkeit und dessen Entstehung sowie Etab- lierung im offentlichen Diskurs[19] naher betrachtet.

Nachhaltigkeit (sustainability) respektive nachhaltige Entwicklung (sustainable deve­lopment) wird zunehmend, wenigstens verbal, in Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft als eine - wenn nicht die - wesentliche neue Leitidee modemer Po- litik verstanden [Hervorhebungen im Original] (Ekardt 2011: 37),

so Ekardt in seiner Theorie der Nachhaltigkeit. Daruber hinaus spielt der Begriff Nachhaltigkeit auch in der Wirtschaft eine immer groBere Rolle, wie bspw. die Listung im Gabler W irt schaftslexikon und von Unternehmen eigens erstellte Nachhaltig- keitsberichte zeigen (vgl. Gredel 2017c: 98). Wo nahm diese Entwicklung ihren An- fang und wie ging sie vonstatten?

Im vorherigen Kapitel konnte gezeigt werden, dass ab Beginn der 1990er Jahre die Vorkommenshaufigkeit des Lexems Nachhaltigkeit aufgrund einer Bedeutungserwei- terung stark anstieg. Dies geschah nicht zufallig, denn das Konzept der Nachhaltigkeit war bereits fruher bekannt, „zu einem ,Jahrhundertthema‘ wurde sustainability jedoch erst seit Ende der 80er Jahre“ (Ekardt 2011: 38). Obwohl bereits in dem 1972 erschie- nenen und vielbeachteten Buch Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit auf die Begrenztheit der Ressourcen hingewie- sen wurde (vgl. Meadows et al. 1972: 12ff.), dauerte es ein weiteres Jahrzehnt, bis 1983 schlieBlich gehandelt wurde. „Die sich erhartende wissenschaftliche Erkenntnis, dass sich die Umweltqualitat weltweit aufgrund wirtschaftlicher Aktivitaten des Men- schen rasant verschlechterte“ (Pufe 2017: 44), war damals der Grund fur die Verein- ten Nationen, eine Kommission mit der Verfassung eines „Perspektivenbericht[s] zu langfristig tragfahiger, umweltschonender Entwicklung“ (Pufe 2017: 42) zu beauftra- gen, der 1987 veroffentlicht wurde. Nach ihrem Vorsitzenden wurde dieser als Brundt- land-Bericht bekannt (vgl. Pufe 2017: 42), er loste mit seinen Handlungsempfehlungen und der folgenden Definition von nachhaltiger Entwicklung - es handelt sich um die „erstmalige Definition des Begriffs [...] in einem politischen Dokument“ (Pufe 2017: 58) - den Nachhaltigkeitsdiskurs aus:

Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die gewahrleistet, dass kunftige Ge- nerationen nicht schlechter gestellt sind, ihre Bedurfnisses zu befriedigen, als gegen- wartig lebende. (Pufe 2017: 42)[20]

Durch die „Verknupfung von ,Nachhaltigkeit‘ mit ,Erhaltung‘“ (Klauer 1999: 88) von Ressourcen zur Bedurfnisbefriedigung weist diese Paraphrasierung ahnliche Grund- zuge auf wie die in Kapitel 2.1.1 genannte Definition von Nachhaltigkeit als „Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils [...] kunftig wieder bereitge- stellt werden kann“.[21] Im Zentrum steht der Blick auf die nachfolgenden Generationen, die „Idee der Erhaltung hangt also eng mit intergenerativer Verteilungsgerechtigkeit zusammen“ (Klauer 1999: 88). Die Lexeme Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwick- lung sind fur den Nachhaltigkeitsdiskurs gleichermaBen relevant, Pufe weist jedoch auf deren Unterscheidung hin:

Nachhaltigkeit verweist auf einen Zustand, Statik und Bestandigkeit; nachhaltige Ent- wicklung impliziert Bewegung, Dynamik, das Prozesshafte sowie das Werdende und Entstehende. (Pufe 2017: 43)

Mit der „Proklamation als zentrales Politikziel“ gewann das Thema Nachhaltigkeit weltweite Aufmerksamkeit, weitere Meilensteine waren „die Rio-Staatenkonferenz uber Umwelt und Entwicklung 1992 und deren Folgekonferenz in Johannesburg 2002“ (Ekardt 2011: 38). Die erste „Konferenz der Vereinten Nationen uber Umwelt und Entwicklung“ (Pufe 2017: 59) hatte zum Ziel, „Forderungen und Vorschlage in ver- bindliche Vertrage und Konventionen zu uberfuhren“ (Pufe 2017: 48) und so eine nachhaltige Entwicklung anzustoBen. Die „Teilnehmer aus insgesamt 178 Staaten“ so­wie zahlreiche „Vertreter von NGOs“ (Pufe 2017: 48) konnten sich schlieBlich auf „die Unterzeichnung von sechs Dokumenten einigen, die die formaljuristische Veran- kerung von Nachhaltigkeit befordert haben“ (Pufe 2017: 49). Dazu gehorten u.a. die „Deklaration von Rio uber Umwelt und Entwicklung“, die „Klimaschutz-Konvention“ sowie die „Agenda 21“ (Pufe 2017: 49). Letztere sollte die jeweiligen Nationen „unter sozialen, okologischen und okonomische Vorzeichen [Hervorhebungen im Original]“ (Pufe 2017: 52) zur nachhaltigen Entwicklung verpflichten - zu dieser Triade an spa- terer Stelle mehr.

Die dringlicher werdende Problematik von „Bevolkerungswachstum und Ressour- cenerschopfung“ (Pufe 2017: 22) sorgte dafur, dass auch die Politik das Thema Nach­haltigkeit aufgriff. Nach Henn-Memmesheimer trug die Partei Bundnis 90/Die Gru- nen in Deutschland entscheidend dazu bei, indem sie das Lexem und das damit ver- bundene Konzept 2002 in ihr Grundsatzprogramm aufnahm (vgl. Henn-Memmeshei­mer et al. 2012: 167). Andere Parteien zogen nach und Nachhaltigkeit „wurde im Kon- text von Parteiprogrammen zum programmatischen Wort aller Parteien“ (Henn-Mem- mesheimer et al. 2012: 168), es ist Bestandteil verschiedener Wahlprogramme.

Auftrieb bekam die Nachhaltigkeitsthematik in jungerer Zeit zudem durch die „Agenda 2030 fur nachhaltige Entwicklung“ (Pufe 2017: 55) 2015. Die wegweisende Agenda „wurde auf einem Gipfel der Vereinten Nationen von alien Mitgliedsstaaten verabschiedet und gilt fur alle Staaten dieser Welt“ (Pufe 2017: 55). Hauptbestandteil sind die insgesamt 17 „Sustainable Development Goals, kurz SDGs“ (Pufe 2017: 55f.), zu sehen in der untenstehenden Abbildung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (Quelle: United Nations 2015)

Diese SDGs reichen von Armutsbeendigung uber Geschlechtergleichstellung bis hin zu nachhaltigem Konsum und folgen „funf Kernbotschaften, die [...] als handlungs- leitende Prinzipien (,5 Ps‘) vorangestellt sind: [.] People, Planet, Prosperity, Peace, Partnership [Hervorhebungen im Original]“ (Pufe 2017: 56). Damit werden nicht nur Handlungsbereiche ausdifferenziert, sondern auch eine ganzheitliche Sichtweise auf nachhaltige Entwicklung geschaffen.

Der Nachhaltigkeitsdiskurs im Allgemeinen und konkrete Ziele wie die SDGs beein- flussen neben der Politik auch die Wirtschaft, denn „Unternehmen sind gesellschaft- lich eingebettete Institutionen, die auf Akzeptanz angewiesen sind“ (Pufe 2017: 183) sowie auf die Verfugbarkeit bestimmter Ressourcen. Es ist demnach in ihrem eigenen Interesse, zumindest grundlegende Nachhaltigkeitsaktivitaten zu verfolgen. „In wirt- schaftsnahen Kontexten konnte der Begriff [der Nachhaltigkeit] Handlungsrelevanz entwickeln“, stellt bspw. Gredel (2017c: 97) fest: So werden seit einigen Jahren „Nachhaltigkeitsbeauftragte eingesetzt, ganze Abteilungen aufgestellt und die Text- sorte der Nachhaltigkeitsberichte entwickelt“ (Gredel 2017c: 97); die „Unternehmen reagieren damit auf die offentliche Diskussion derartiger Themen, die in den letzten Jahren immer lauter geworden ist“ (Gekeler 2012: 17). Die Relevanz bestatigt sich auch in einer Analyse von Nachhaltigkeitsberichten der DAX 30-Unternehmen. Gredel konstatiert dort, dass zum untersuchten Zeitpunkt (2012),

fur fast zwei Drittel der Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit so relevant ist, dass Ressourcen dafur aufgebracht werden, im Rahmen der CSR-MaBnahmen einen Nach- haltigkeitsbericht zu erstellen, der Stakeholder uber die Aktivitaten des Unternehmens in diesem Bereich informiert. (Gredel 2017c: 98)[22]

Seit 2017 ist es nach dem „CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz“ fur „groBe borsenno- tierte Unternehmen mit mehr als 500 Beschaftigten“ (Bundesministerium fur Arbeit und Soziales 2016) sogar Pflicht, einen Nachhaltigkeitsbericht zu veroffentlichen. „[H]eute ist Nachhaltigkeit auch bei Unternehmen noch nicht ganzlich, aber mehrheit- lich aus der ,Oko-Ecke‘ in die Erkenntnis wirtschaftlicher Notwendigkeit diffundiert“ (Pufe 2017: 181f.), schlussfolgert Pufe - wenn auch die Auspragung entsprechender Aktivitaten differiert.

Im Laufe der letzten Jahre wurden verschiedene Modelle von Nachhaltigkeit entwi- ckelt, die „[z]ur Veranschaulichung der Komplexitat dienen“ (Pufe 2017: 110) und sowohl in der Theorie (z.B. Betriebswirtschaftslehre, Okologie) als auch in der Praxis verwendet werden (vgl. Pufe 2017: 115). Diese geben Aufschluss uber die Konzeptu- alisierung von Nachhaltigkeit und haben eines gemeinsam: die bereits erwahnte Triade aus einem okologischen, okonomischen und sozialen Bereich (vgl. Abb. 4 auf der nachsten Seite). Im fruhesten der Modelle, dem Drei-Saulen-Modell, dienen die recht- lichen Rahmenbedingungen als Basis fur die Saulen Umwelt, Wirtschaft und Soziales, und „obwohl der Nachhaltigkeitsdiskurs noch vergleichsweise jung ist, wird dieses

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Nachhaltigkeitsmodelle im Überblick (Quelle: Pufé 2017: 115)

Modell heute schon als ,klassisch‘ bezeichnet“ (Rodel 2013: 125). Dessen Weiterent- wicklung ist das Dreiklangmodell. In diesem werden Okologie, Okonomie und Sozia- les als Kreise dargestellt, welche sich uberschneiden; nur in der Schnittmenge aller Kreise und somit im Zusammenwirken aller Bereiche entsteht eine dauerhafte Wir- kung. Das Nachhaltigkeitsdreieck hingegen zeigt auf, „dass die einzelnen Bereiche operativ abtrennbar, aber logisch zwingend miteinander verbunden sind“ (Pufe 2017: 113). So verweist der diesbezugliche „Begriff der Nachhaltigkeitsdimensionen [...] auf das weitflachige verwobene In- und Miteinander der drei Bereiche“ (Pufe 2017: 100), die Konzeption eines Ganzen tritt in den Vordergrund. Ein solches Nachhaltig- keitskonzept bzw. dessen Kommunikation (z.B. durch Unternehmen oder Medien) wird durchaus kritisiert:

So wird z.B. kaum oder gar nicht die zentrale Gerechtigkeitsproblematik thematisiert, es wird zu stark sektoral berichtet, wenig auf systemische Wechselwirkungen zwi- schen den Nachhaltigkeitsdimensionen eingegangen, und der integrative Blick auf Nachhaltigkeit [...] kommt zu kurz. (Grunwald/Kopfmuller 2012: 222; vgl. auch E- kardt 2011: 40ff.)

Dennoch hat sich die Vorstellung von drei Nachhaltigkeitsbestandteilen im offentli- chen Bewusstsein weitgehend durchgesetzt, auch wenn dies von der Ursprungsidee einer „Generationen- und Globalperspektive“ (Ekardt 2011: 40f.) ablenkt. Dies liegt u.a. daran, dass das „Dreieckskonzept [.] von der Wirtschaft mehr oder weniger be- reitwillig aufgegriffen wurde“, weil „sich die drei Bereiche kommunikativ leicht von einander [sic!] abgrenzen“ (Gekeler 2012: 17) lassen:

Anhand dieses Modells kommunizieren daher viele Firmen die Effekte, die ihre Pro- dukte auf Umwelt und Gesellschaft haben. Auf Internetseiten, in Nachhaltigkeitsbe- richten oder auch Werbeanzeigen rucken sie jeweils einzelne Dimensionen in den Vordergrund (Gekeler 2012: 17)

Allerdings nutzen auch andere offentliche Akteure wie bspw. die Politik und Medien eine solche Konzeptualisierung, um die Idee einer nachhaltigen Entwicklung zu ver- mitteln, sodass eine Abkehr davon aufgrund der groBen Praktikabilitat unwahrschein- lich erscheint.

Schlussendlich ist festzuhalten, dass das Thema Nachhaltigkeit ebenso wie das Lexem seit den 1980er Jahren Karriere gemacht hat, inzwischen „im politischen und wirt- schaftlichen Diskurs im deutschen Sprachraum eine zentrale Position einnimmt“ (Ro- del 2013: 115; vgl. auch Grunwald/Kopfmuller 2012: 221) und „zunehmend im Be- wusstsein vieler Menschen verankert“ (Grunwald/Kopfmuller 2012: 219) ist. Als Folge von Bevolkerungswachstum und Ressourcenmangel wurden verschiedene poli- tische MaBnahmen ergriffen, die von der Proklamation eines Leitbildes fur nachhaltige Entwicklung bis hin zu konkreten Handlungsfeldern wie den SDGs reichen. Angelehnt an die Agenda 21 entwickelte sich parallel dazu die Konzeptualisierung von Nachhal­tigkeit in Richtung dreier miteinander verbundener Nachhaltigkeitsdimensionen aus Okologie, Okonomie und Sozialem. Dieses Konzept wird u.a. von Unternehmen hau- fig aufgegriffen, um ihre Aktivitaten fur nachhaltige Entwicklung nach auBen zu tra- gen und damit eine positive Darstellung des Unternehmens zu erwirken. Da hierbei jedoch die Aspekte der globalen und intergenerationalen Gerechtigkeit aus dem Blick- feld geraten, kritisieren einige diese Art der Nachhaltigkeitskommunikation, obwohl auf diese Weise trotzdem die Idee der Nachhaltigkeit verbreitet wird.

2.2 Die Online-Enzyklopadie Wikipedia

Fur normale Internet-Nutzer, fur die Medien, zunehmend auch fur den Schul- und Universitatsbetrieb ist Wikipedia derzeit eine der wichtigsten Online-Wissensquellen. [...] Wikipedias Rolle als Internet-Nachschlagwerk Nummer eins bestreiten gegen- wartig selbst entschiedene Kritiker nicht. (Schuler 2007: 231)

Dieses Zitat zeigt auf, welch unbestritten groBe Bedeutung die Wikipedia im Internet hat - sowohl national als auch global: Unter den 500 meistfrequentiertesten Internet- seiten nimmt sie in Deutschland Platz 7 und weltweit sogar Platz 5 ein (vgl. Alexa 2018a, 2018b).[23] In diesem Kapitel wird die Online-Enzyklopadie „in ihrer doppelten Existenz als Informationsspeicher und Diskussionsraum“ (Pentzold 2007: 10) mit ihren strukturellen Besonderheiten vorgestellt, um dadurch an spaterer Stelle die Schaffung eines Analyserahmens zu ermoglichen.

In 2.2.1 werden grundlegende Charakteristika der Wikipedia beschrieben. Dazu zahlen Organisationsstrukturen ebenso wie computertechnische Aspekte und die fur die Wi­kipedia geltenden Grundprinzipien. Am Ende des Kapitels wird noch kurz auf die wichtigsten Benutzergruppen und die Benutzerhierarchie eingegangen. Das darauffol- gende Kapitel 2.2.2 fokussiert den Hypertext und seine Merkmale. Da eine Abgren- zung von Text und Hypertext anhand von Textualitatskriterien (vgl. Storrer 2008: 323ff.; Mederake 2016: 29ff.) an dieser Stelle aufgrund der begrenzten Lange der Ar­beit nicht moglich ist, werden stattdessen die Spezifika des Hypertextes am Beispiel der Wikipedia aufgezeigt und erlautert. Auf diese Weise konnen diejenigen Aspekte, welche fur das Verstandnis von Hypertexten besonders von Relevanz sind, fur die spa- tere Analyse aufbereitet werden. Im Zuge dessen wird auch die Anordnung der Hy- pertexte innerhalb der Wikipedia dargestellt. AbschlieBend beleuchtet das Kapitel noch die Strukturen der fur Wikipedia wichtigen Artikel- und Diskussionsseiten sowie ihre stilistischen Unterschiede, da diese bedeutend fur die Diskursanalyse sind.

2.2.1 Grundlagen, Prinzipien und Organisation

Wikipedia [...] ist ein am 15. Januar 2001 gegrundetes gemeinnutziges Projekt zur Erstellung einer Enzyklopadie in zahlreichen Sprachen mit Hilfe des Wikiprinzips. GemaB Publikumsnachfrage und Verbreitung gehort Wikipedia unterdessen zu den Massenmedien. Aufgrund der fur die Entstehung und Weiterentwicklung dieser En­zyklopadie charakteristischen kollaborativen Erstellungs-, Kontroll- und Aushand- lungsprozesse der ehrenamtlichen Beteiligten zahlt Wikipedia zugleich zu den Social Media [Hervorhebungen im Original] (Seite „Wikipedia“).

Bereits der erste Absatz des Wikipedia-Artikels zum Lemma Wikipedia deutet die AusmaBe der Online-Enzyklopadie an. Van Dijk widerspricht der Darstellung in Tei- len, wenn er konstatiert: „Die Wikipedia ist langst kein Projekt zum Aufbau einer En­zyklopadie mehr - sie ist in weiten Teilen bereits eine Enzyklopadie“ (van Dijk 2010: 13). Gestutzt wird diese Aussage durch die von der Wikipedia erhobenen Zahlen. Demnach enthalt bspw. die deutsche Wikipedia mit uber zwei Millionen Artikeln weit mehr Artikel als der Brockhaus, Meyers Konversations-Lexikon oder andere klassische Printenzyklopadien (vgl. Seite „Wikipedia:GroBenvergleich“). Sie ist der- zeit in „295 Sprachversionen (Stand: 1. Marz 2017)“ (Seite „Wikipedia:Sprachen“) abrufbar, wobei diese Versionen nicht einfach Ubersetzungen darstellen, sondern je- weils eine eigene Wikipedia sind. ). Die deutsche Wikipedia ist derzeit mit 2.937.847 angemeldeten Benutzern[24] und 2.193.363 enzyklopadischen Artikeln aktuell die viert- groBte aller Sprachversionen. Alle existierenden Sprachversionen gemeinsam weisen uber 40 Millionen Artikel auf (vgl. Seite „Wikipedia:GroBenvergleich“), somit ist die Wikipedia die „[g]roBte jemals geschaffene Enzyklopadie“ (Ebersbach/Glaser/Heigl 2016: 42) - stets dynamisch und wachsend. Die Wikipedia in all ihren Sprachversio­nen wird heute von der Wikimedia Foundation, einer gemeinnutzigen Stiftung, betrie- ben. Diese betreibt auch noch verschiedene Schwesternprojekte der Wikipedia, z.B.:

Wikimedia Commons (ein Medienarchiv), Wikiquote (Zitate), Wikinews (Nachrich- ten), Wikisource (eine Sammlung von historischen Texten) und Wikibooks (Fach- und Lehrbucher). (van Dijk 2010: 136)

Die Grunder von Wikipedia, Jimmy Wales und Larry Sanger, legten die Wikipedia nach dem bereits zitierten Wiki-Prinzip an. Dabei handelt es sich allgemein um „eine Website, bei der jeder Nutzer die Seiten andern, also zum Inhalt beitragen kann“, wo- hingegen bei klassischen Websites „nur ein Webmaster die Seiten andern“ kann, also jemand, „der vom Betreiber der Website dazu die technischen Zugangsrechte erhalten hat“ (van Dijk 2010: 16). „Das Wort stammt aus der Sprache der Hawaii-Inseln, wo ,wiki wiki‘ so viel wie ,schnell‘ bedeutet“ (van Dijk 2010: 16), was der Dynamik einer solchen kollaborativen Website entspricht. Die Zusammenarbeit von derart vielen Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen und aus verschiedenen Kulturen er- fordert sowohl technische Voraussetzungen als auch soziale Regeln. „Stark simplifi- ziert konnte man sagen, daB [sic!] Wikipedia aus drei Grundbestandteilen zusammen- gesetzt ist“ (Schuler 2007: 41), welche diesen Anforderungen entsprechen „- die Wiki­Software, der sogenannte Neutral Point of View oder kurz NPOV und die Wikiquette“ (Schuler 2007: 41). Diese Bestandteile sowie die vier Grundprinzipien der Wikipedia, zu denen auch der NPOV gehort, werden nun naher betrachtet.

Die MediaWiki-Software ist „ein Computerprogramm zum Betrieb eines Wikis, das speziell fur die Bedurfnisse der Wikipedia entwickelt wurde“ (Pscheida 2010:351). Technisch gesehen sind Wikis wie die Wikipedia „ein Bundel verlinkter Web-Doku- mente“ (Pentzold 2007: 14), die „ein einfaches Editieren von WWW-Seiten erlauben“ (Mederake 2016: 79). Die MediaWiki-Software ermoglicht innerhalb der Wikipedia, dass „Seiten sich uber entsprechende Eingabefenster ohne Kenntnis von HTML oder anderer Programmiersprachen direkt im Browser bzw. am Bildschirm bearbeiten las- sen“ (Pscheida 2010: 351). Damit bildet sie die Grundlage fur den Erfolg der Wikipe­dia, denn so wird jedem Internetnutzer die Gelegenheit geboten, sich direkt an der Online-Enzyklopadie zu beteiligen.[25] MediaWiki steht unter freier Lizenz, d.h. jeder kann sich die Software kostenlos herunterladen und verwenden, z.B. fur die Erstellung eines eigenen Wikis (vgl. MediaWiki 2016).

Die freie Verfugbarkeit von MediaWiki entspricht einem der vier „zentralen und im Kern unveranderlichen“ (Seite „Wikipedia:Grundprinzipien“) Grundprinzipien der Wikipedia: freie Inhalte. Dieses und die anderen Prinzipien, „Wikipedia ist eine En- zyklopadie“, „Neutralitat“, und „[k]eine personlichen Angriffe“ (Seite „Wikipe- dia:Grundprinzipien“), bilden den Minimalkonsens der Wikipedia. Das Prinzip, nach welchem die Wikipedia eine Enzyklopadie ist, erscheint offensichtlich. Dennoch ist die Feststellung vonnoten, da es nicht darum geht, generell Informationen zu sammeln, sondern ausschlieBlich relevantes Wissen. Die Wikipedia

soll eine Allgemeinenzyklopadie mit Fachlexika vereinen und auch Themen der Po- pularwissenschaft und des aktuellen Zeitgeschehens mit abdecken; kein Themenbe- reich ist von vornherein ausgeschlossen (Seite „Wikipedia:Artikel“).

Dennoch gibt es eine Reihe von Relevanzkriterien als einen „Versuch, Aufnahmekri- terien fur bestimmte Themen zu formulieren“ (Seite „Wikipedia:Artikel“). Zudem be- stehen generelle, d.h. themenubergreifende Einschrankungen, welche auf der Website „Was Wikipedia nicht ist [Hervorhebungen im Original]“ (Seite „Wikipedia:Was Wi­kipedia nicht ist“) zusammengefasst werden. Demnach ist die Wikipedia v.a. kein „Worterbuch“ (hierzu dient das Schwesternprojekt Wiktionary), keine „Plattform zur Etablierung“ (von Theorien), ebenso keine „Selbstdarstellungs- oder Werbeplattform“ (etwa fur Unternehmen) und auch kein „Nachrichtenportal“ (Seite „Wikipedia:Was Wikipedia nicht ist“). Artikelbestandteile oder Themen, welche diese Einschrankun­gen missachten, werden umgeschrieben oder als „Loschkandidaten“ (Seite „Wikipe- dia:Was Wikipedia nicht ist“) diskutiert und ggf. geloscht.

Dieses Vorgehen erfolgt ebenfalls bei einer Verletzung des Neutralitatsprinzips der Wikipedia (vgl. Seite „Wikipedia:Neutraler Standpunkt“), nach welchem „ein Neutral Point of View (NPOV) anzustreben [Hervorhebungen im Original]“ (van Dijk 2010: 53) ist. „Dieser Grundsatz besagt, dass die Wikipedia keine politische, religiose oder anderweitige Propaganda verbreiten soll“ (van Dijk 2010: 53) und „eine Thematik we- der mit abwertendem noch mit sympathisierendem Unterton“ (Seite „Wikipedia:Neut- raler Standpunkt“) behandelt werden darf. So ist es durchaus in Ordnung, verschiedene Sichtweisen in Bezug auf ein Thema zu nennen, dies sollte jedoch ohne Wertung und ausgewogen geschehen. Allerdings birgt auch ein solches Vorgehen Risiken:

Die Starke, viele Gesichtspunkte berucksichtigen zu mussen, kann in Open-Editing- Systemen zur Schwache werden. Besonders gefahrlich wird es, wenn aus dem Zwang zur Neutralitat Sachverhalte relativiert werden. Dies kann passieren, wenn bei einem Thema wie ,Holocaust‘ die Aussagen der Leugner gleichberechtigt neben den wissen- schaftlichen Befunden stehen (Ebersbach/Glaser/Heigl 2016: 57)

Dieser Gefahr tritt die Gemeinschaft der Wikipedianer mit einer hohen Dichte von Belegen aus zuverlassigen, d.h. unparteiischen und wissenschaftlich anerkannten Pub- likationen entgegen, aber auch mit einer entsprechenden Thematisierung im Artikel selbst. So ist in dem als Beispiel angefuhrten Artikel zum Lemma Holocaust ein Ab- schnitt namens „Leugnung und Verharmlosung“ (Seite „Holocaust“) vorhanden, in welchem auch deren Strafbarkeit aufgrund von Volksverhetzung erwahnt wird. Somit kann eine Relativierung von Sachverhalten zwar nicht ausgeschlossen werden, doch ihre Wahrscheinlichkeit ist aufgrund der internen Kontrollmechanismen (wie den Ad- ministratoren oder Regularien zur Sicherung der Artikelqualitat) gering.

Das dritte Prinzip der Wikipedia lautet, dass die Inhalte frei sind, doch „[e]ntgegen dem spontanen Verstandnis von ,frei‘ handelt es sich um ein einschrankendes Kon- zept“, da „[n]ur frei lizensierte oder gemeinfreie Inhalte“ (van Dijk 2010: 46) einge- setzt werden durfen. Fur die Bearbeitung eines Artikels in deutscher Sprache hat das bspw. zur Folge, dass samtliche verwendeten Texte, Bilder, Audio- oder Videodateien daraufhin gepruft werden mussen, ob sie dem deutschen Urheberrecht nach gemeinfrei sind, also der Urheber mehr als 70 Jahre verstorben ist oder auf den Schutz des Urhe- berrechts verzichtet (vgl. van Dijk 2010: 22). Dies ist auch relevant fur jemanden, der selbst Texte in der Wikipedia verfasst, denn „wer etwas in der Wikipedia schreibt, der stellt seine Arbeit automatisch unter eine freie Lizenz“ (van Dijk 2010: 21). Ein „vor- formulierter Nutzungsvertrag regelt die Grundlage, auf der man [...] Inhalte beitragt“ (van Dijk 2010: 21), der Verfasser hat nach diesem nicht das alleinige Nutzungsrecht an seinem Text. In der Wikipedia werden nach dem letzten der Grundprinzipien keine personlichen Angriffe geduldet:

[W]er dagegen verstoBt, kann gesperrt werden. Allerdings sind davon in der Regel nur eindeutige SchimpfWorter betroffen, die ubrigens meist auch vor Gericht verwert- bar waren, oder schwere Verleumdungen wie eine angebliche Nahe zum Nationalso- zialismus. (van Dijk 2010: 37)

Dieses Prinzip ist uberdies der erste Grundsatz der Wikiquette (vgl. Seite „Wikipe- dia:Wikiquette“), welche den Umgangston zwischen den Wikipedianern festlegt. Sie besteht aus insgesamt zehn Grundsatzen. Jene reichen von grundlegenden Ratschlagen wie „[s]ei freundlich“ oder „[h]ilf anderen“ (Seite „Wikipedia:Wikiquette“) bis hin zur Erinnerung, dass der Benutzer von den guten Absichten anderer ausgehen sollte und Konflikte teils besser in der privaten Kommunikation gelost werden konnen (vgl. Seite „Wikipedia:Wikiquette“).

Diese auf das soziale Gefuge abzielenden Grundsatze weisen bereits auf die Relevanz der Gemeinschaft fur das Wikipedia-Projekt hin. „Das wichtigste, weil zentralste Ele­ment der ,Organisation Wikipedia sind ihre Akteure“ (Pscheida 2010: 357), weshalb nun abschlieBend auf diese eingegangen wird. Zunachst ist festzuhalten, dass jeder Internetnutzer, der Zugriff auf die Wikipedia hat, diese ohne weitere Voraussetzung nutzen kann. Dies bedeutet, dass ein Benutzer ohne Anmeldung alle Artikel lesen und editieren kann. Die solcherweise zustande kommenden Anderungen an Artikeln wer­den dann mit der IP-Adresse (= Internet Protocol) des unangemeldeten Benutzers ver- zeichnet. Benutzer mussen also nicht automatisch ein Benutzerkonto angelegt haben, um aktiv an der Wikipedia mitzuwirken.[26] Indes ist es moglich und legitim, als Benut­zer mehrere Benutzerkonten anzulegen. Dies kann sinnvoll sein, um bspw. an Artikeln uber Themen mitzuwirken, mit denen man offentlich nicht in Verbindung gebracht werden mochte und uber die man auch nicht mit einem Benutzerkonto schreiben mochte, welches evtl. Personliches preisgibt. Wie vieles hat jedoch auch diese Praxis ihre Schattenseiten, worauf van Dijk hinweist:

Allerdings missbrauchen manche Menschen diese Freiheit, indem sie in Diskussio- nen unter mehreren Benutzernamen auftreten und so den Anschein erwecken, ihre Meinung werde von anderen Wikipedianern geteilt. Bei solchem Missbrauch eines weiteren Benutzerkontos spricht man von einer ,Sockenpuppe‘ (van Dijk 2010: 31f.)

Neben Sockenpuppen gibt es eine weitere Problematik unter den Benutzern, die Trolle. Sie sind kein spezifisches Problem der Wikipedia, sondern von Social Media generell. Als „Use[r], die zwar mitarbeiten, im Endeffekt allerdings mehr StreB [sic!] verursa- chen als sie Nutzen bringen“ (Schuler 2007: 148), werden Trolle von Schuler beschrie- ben, van Dijk spricht von Benutzern, „die durch Meckern, Mausemelkerei und Mob­bing den sozialen Frieden storen“ (van Dijk 2010: 16), also auf emotionale Reaktionen der anderen Benutzer abzielen.

Um solchem Verhalten entgegenzuwirken, besteht die Option, „User temporar oder dauerhaft zu sperren“ (Schuler 2007: 141). Die Macht hierzu haben Administratoren (kurz Admins), die innerhalb der Benutzerhierarchie der Wikipedia weit oben stehen (vgl. Anhang 8.1). Sie haben die Moglichkeit, Benutzer oder Seiten zu sperren oder gar Seiten zu loschen (vgl. van Dijk 2010: 35) und werden von stimmberechtigen Be­nutzern gewahlt.[27] In der deutschen Wikipedia beschrankt sich ihre Zahl auf „ungefahr dreihundert Administratoren“ (van Dijk 2010: 34). „Oberhalb der Administratoren sind weitere Wahlamter angesiedelt, ganz oben befinden sich die Stewards“ (van Dijk 2010: 35), welche projektubergreifend tatig sind und „lokale und globale Benutzer- rechte fur alle Wikimedia-Projekte geben und nehmen“ (Seite „Hilfe:Benutzer“) kon- nen. Es gibt noch eine Vielzahl anderer „Benutzertypen, die abgestufte Rechte und Moglichkeiten haben“ (Seite „Hilfe:Benutzer“), wie z.B. CheckUser, die andere Be­nutzer uberprufen, oder Burokraten, welche „zusatzlich zu ihrer Tatigkeit als Admi­nistrator ein paar spezielle Verwaltungsaufgaben ubernehmen“ (Pscheida 2010: 362). So ergibt sich eine fein abgestimmte Hierarchie innerhalb der Wikipedia-Benutzer- gruppen, welche entsprechende Machtstrukturen zur Folge hat und bei der Analyse von Wissensaushandlungen immer zu bedenken ist.

2.2.2 Zur Struktur dynamischer Hypertexte in der Wikipedia

Fur das Verstandnis von Wikipedia als linguistischem Untersuchungsobjekt ist zu- nachst die Konkretisierung von Hypertexten notwendig. Hyper stammt aus dem Grie- chischen und „bedeutet so viel wie: uber etwas hinaus, ubermafiig“ (Zebrowska 2013: 116). Ein Hypertext deutet demnach uber sich selbst hinaus, eine Moglichkeit hierfur sind Verknupfungen mithilfe von (Hyper-)Links (vgl. Storrer 2008: 318). Van Dijk beschreibt den Hypertext in seiner Einfuhrung zur Wikipedia denn auch als „mit Links gespickter Text“ (van Dijk 2010: 102), doch dies greift zu kurz. Storrers „Basisdefini- tion“ fur Hypertexte ist hier genauer und lautet wie folgt: „Hypertexte sindnicht-linear organisierte Texte, die durch Computertechnik verwaltet werden [Hervorhebungen im Original]“ (Storrer 2008: 318). Auch Zebrowska weist auf den Verwaltungsaspekt hin, zudem sind nach ihr „Hypertexte [...] als Teilnetz in ein groBeres Hypertextnetz ein- gebunden“ (Zebrowska 2013: 117). Demnach kann die mit der MediaWiki-Software verwaltete Wikipedia als Teilnetz des Hypertextnetzes WWW (= World Wide Web) verstanden werden, mit welchem sie durch Hyperlinks verbunden ist (vgl. Storrer 2004: 284). Im Folgenden wird ausgehend von der oben genannten Definition von Storrer naher auf die Merkmale von Hypertexten am Beispiel der Wikipedia eingegan- gen und anschlieBend die Struktur des Teilnetzes Wikipedia und der enthaltenen Hy­pertexte erlautert.

Zentrales und damit obligatorisches Merkmal von Hypertexten ist nach Storrer (2008: 318; 2013: 283) deren Nicht-Linearitat. Damit ist gemeint, dass Benutzer „die Ab- folge, in der die verschiedenen Textbestandteile angezeigt werden, selbst steuern und an ihren Informationsbedarf anpassen konnen“ (Storrer 2013: 284), indem sie bspw. innerhalb eines Wikipedia-Artikels auf einen Hyperlink klicken, um so zu verwandten Themenbereichen zu gelangen. Von Hypertexten zu unterscheiden sind deshalb soge- nannte „E-Texte“, also „linear organisierte Texte, die als solche ausgedruckt und dann gelesen werden konnen“ (Zebrowska 2013: 119; vgl. auch Storrer 2004: 284), wie beispielsweise PDF-Dateien. Die Nicht-Linearitat von Hypertexten ist nicht nur fur die Benutzer, sondern auch fur die Artikelautoren relevant. Fur sie bedeutet es, „dass bei der Textgestaltung mitbedacht werden muss, welche Hyperlinks an welchen Stel- len des Artikels angelegt werden“ (Storrer 2013: 284). In der Wikipedia gibt es hierfur gesonderte Richtlinien, die beschreiben, wo Wikipedia-interne Hyperlinks gesetzt werden und welche Artikel sie verknupfen sollen (vgl. Seite „Wikipedia:Verlinken“). Solche internen Hyperlinks „werden Wikilinks genannt [Hervorhebungen im Origi­nal^ (Seite „Wikipedia:Verlinken“), sie sollten laut der Richtlinien sinnvoll sein, d.h. sparsam eingesetzt werden und „tatsachlich nur dorthin fuhren, wo es entweder Erlau- terungen (Fachbegriffe) oder weiterfuhrende Informationen zum Thema gibt“ (Seite „Wikipedia:Verlinken“). Durch eine derartige „nicht-lineare Textorganisation“ wird „das selektive Lesen“ (Zebrowska 2013: 144) unterstutzt, sodass sich der Benutzer bzw. Rezipient nicht an eine vorgegebene Lesereihenfolge halten muss, sondern „sich individuell einen Weg durch den Hypertext bahnen“ (Zebrowska 2013: 144) kann. „Um diesen Suchprozess zu beschreiben, kann der textlinguistische Terminus Koha- renz brauchbar sein“ (Zebrowska 2013: 144), dieser bezeichnet den textuellen „Sinn- zusammenhang“ (Zebrowska 2013: 144). Die Bildung von Koharenz durch den Be- nutzer der Wikipedia hangt stark von dessen Vorwissen und Fahigkeiten ab (vgl. Ze­browska 2013: 145; Storrer 2004: 285f.), aufgrund derer er den Zusammenhang zwi- schen verschiedenen Wissensbestanden herstellt. Die Herausforderung fur Artikelau- toren besteht demzufolge darin, die Rezeption des Artikels und der gesetzten Hyper­links bei dessen Erstellung zu bedenken.

Neben der Verwaltung durch Computertechnik und Nicht-Linearitat sind „Multimo- dalitat, Interaktivitat und Adaptivitat/Offenheit“ (Storrer 2013: 283) weitere Merkmale von Hypertexten. Multimodalitat bezeichnet die im Hypertext „integrierte Kombina- tion verschiedener medialer Objekte (Text-, Bild-, Audio- und Videodateien)“ (Storrer 2013: 286). Die Wikipedia bietet grundsatzlich die Moglichkeit, Inhalte multimodal in Artikel einzubinden, dies ist sogar ausdrucklich „gewunscht, da es „zum Verstandnis des Artikeltextes beitragen“ (Seite „Wikipedia:Artikel illustrieren“) kann und den Ar­tikel optisch abwechslungsreicher macht. Diese Option wird in manchen Wikipedia- Artikeln ausgiebig, in anderen gar nicht genutzt. Bilder in Form von Fotos, Karten usw. sind scheinbar im Gegensatz zu Video- oder Audiodateien haufiger anzutreffen, da ihre Einbindung vergleichsweise einfach zu bewerkstelligen ist (vgl. Seite „Wikipe- dia:Artikel illustrieren).[28]

Ebenfalls ein optionales Merkmal fur Hypertexte ist nach Storrer Interaktivitat. Dies meint jedoch nicht die Interaktion von Nutzern untereinander, sondern die „zwischen Mensch und Computersystem“ (Storrer 2013: 286). Fur zwischenmenschliche Inter­aktion wird im Zusammenhang mit Hypertexten hingegen der Ausdruck „internetba- sierte Kommunikation“ (Storrer 2013: 287) verwendet. In der Wikipedia wird letzteres bspw. an den Diskussionsseiten deutlich, da dort die Nutzer untereinander kommuni- zieren. Zudem besteht die Moglichkeit, Wikipedia-intern Mails an andere Nutzer zu senden, falls eine private Kontaktaufnahme gewunscht ist. Die hier gemeinte Interaktivitat von Hypertexten hingegen zeigt sich in der Wikipedia an Elementen wie „Links und Suchfunktionen, die vielfaltige Zugriffsoptionen auf die Inhalte eroffnen“ (Storrer 2013: 286) und deren Bearbeitung ermoglichen.

Das Merkmal der „Adaptivitat/Offenheit“ (Storrer 2013: 283) zielt auf die Dynamik von Hypertexten. Adaptivitat bezieht sich auf die Tatsache, dass die Inhalte, auf wel- che der Rezipient zugreift, unabhangig vom Zugriffsmedium wie „Computerbild- schirm, Smartphone, Tablet-Computer“ (Storrer 2013: 287) sind, deren Prasentation jedoch medienabhangig ist (vgl. Storrer 2013: 287). Im Fall der Wikipedia variiert bspw. die Darstellung eines Artikels je nachdem, ob dieser mit einem Mobilgerat oder an einem Desktop abgerufen wird: Wahrend bei der Desktopansicht Text und Bild nebeneinanderstehen, sieht der Benutzer bei der Mobilansicht zuerst - falls vorhanden - den Bildinhalt und erst beim Herunterscrollen den dazugehorigen Text. Demgegen- uber bezieht sich die Offenheit von Hypertexten nicht auf deren Prasentation, sondern ihren Inhalt. Ein Hypertext ist nie statisch, sondern standig in Veranderung begriffen. Die „Wikipedia ist ein Text-in-Bewegung‘“ (Storrer 2013: 287), Artikel beispiels- weise andern sich in Bezug auf ihre Anzahl, Inhalte oder ihren Aufbau immerzu. So- wohl Prasentation als auch Inhalte sind bei einem Hypertext (und damit in einem Hy- pertextnetz wie der Wikipedia) demnach nicht statisch, sondern dynamisch. Welche Schwierigkeiten dies fur eine Hypertextanalyse bedeutet, wird in Kapitel 2.3.2 naher ausgefuhrt.

Nachdem deutlich wurde, welche Merkmale Hypertexte auszeichnen, wird nun ihre Strukturierung innerhalb der Wikipedia dargelegt.

Ein zentrales Element der inhaltlichen Organisationsstruktur der Wikipedia stellen die sogenannten Namensraume dar. Der Namensraum ist ein wiki-typisches Konzept bzw. System zur Gruppierung von Seiten (Pscheida 2010: 354f.).

Bereits die Hauptseite der Wikipedia offenbart neben ihren zahlreichen Nutzungsmog- lichkeiten verschiedene Namensraume wie Themenportale oder Artikel- und Diskus- sionsseiten. Insgesamt gibt es aktuell 27 Namensraume (vgl. Seite „Hilfe:Namens- raume“), welche teils unterschiedlichen Regeln folgen (vgl. van Dijk 2010: 46) und die untereinander meist uber Hyperlinks verknupft sind. Doch „[e]gal welcher Na­mensraum: Eine Seite ist grundsatzlich offentlich, fur jeden Internet-Nutzer sichtbar, also nicht nur die Artikel, sondern auch Benutzer- und Diskussionsseiten“ (van Dijk 2010: 46). Hiermit nennt van Dijk bereits die wichtigsten Namensraume, allen voran den Artikelnamensraum, in welchem „die Generierung und Strukturierung der enzyk- lopadischen Inhalte“ (Mederake 2016: 92) stattfindet. „Anders als die Seiten in ande- ren Namensraumen hat ein Artikel kein Prafix“ (van Dijk 2010: 46), Diskussionsseiten hingegen haben das Prafix Diskussion:, Seiten im MediaWiki-Namensraum das Prafix MediaWiki: usw. (vgl. Seite „Hilfe:Namensraume“). Uber die Prafixe wird also deut- lich, zu welchem strukturellen Bereich der Wikipedia die jeweilige Website gehort. Da Artikelseiten gemeinsam mit den Diskussionsseiten aufgrund hoher Zugriffszahlen besonders relevant fur die Wikipedia sind, werden diese nun ausfuhrlicher betrachtet.

Der Aufbau einer Artikelseite in der Wikipedia folgt einer Struktur, wie sie ahnlich auch in Printenzyklopadien zu finden ist. Als grundlegende Einheiten eines Artikels fuhrt Mederake (2016: 86) die folgenden Bereiche auf:

(1) Artikelstichwort bzw. Lemma
(2) Begriffsdefinition und Einleitung
(3) Inhaltsverzeichnis, das ab drei Uberschriften automatisch angelegt wird
(4) Zwischenuberschrift
(5) Inhaltsbelege in Form von FuBnoten
(6) assoziative Verweise
(7) externe Links mit weiterfuhrenden Informationen
(8) Kategorienzuweisung
(9) Infobox (fakultativ) mit grundlegenden Daten

Diese Artikelbestandteile werden im Folgenden erlautert und um weitere fakultative wie obligatorische Bestandteile erganzt. An oberster Stelle im Artikel steht das Lemma, anschlieBend folgt ein „Satz, der kurz erklart, worum es beim Lemma uber- haupt geht“ (van Dijk 2010: 98). Dies wird erganzt um einen „Kasten mit einem In- haltsverzeichnis“ (van Dijk 2010: 99), falls der Artikel mehr als drei Abschnitte hat, und ggf. um eine Infobox mit den wichtigsten Daten. Auf diese Weise gewinnt der Benutzer schnell einen Uberblick uber den Artikelinhalt. Erscheint auf Hohe des Lem­mas ein kleines blaues Kastchen mit einem L oder ein grunes Kastchen mit einem Stern, so handelt es sich hierbei um die Auszeichnung des Artikels: „Die Wikipedia kennt fur Artikel die bescheidene Auszeichnung ,lesenswert‘ und die hohere Aus­zeichnung ,exzellent‘“ (van Dijk 2010: 76), welche auf besonders gelungene Artikel hinweisen. Optional konnen sogenannte Bewertungsbausteine am Artikelbeginn ein- gefugt sein, sie dienen der Qualitatssicherung und weisen wahrend Wartungsarbeiten auf Mangel am Artikel hin (vgl. Seite „Wikipedia:Bewertungsbausteine“). Die Bewer­tungsbausteine enthalten ein rotes Symbol, sie informieren bspw. uber fehlende Belege oder Informationen und fordern zur Mitarbeit am Artikel auf (vgl. Seite „Wikipe- dia:B ewertungsbausteine).

Der Artikelinhalt selbst ist je nach Thematik verschieden gestaltet und strukturiert. Gemeinsam haben die meisten Artikel neben der Gliederung durch Zwischenuber- schriften jedoch die Tatsache, dass im Artikeltext die bereits erwahnten Wikilinks ver- wendet werden, welche zu anderen Artikeln fuhren. Diese Form von Hyperlinks er- scheint im Text blau unterlegt, wurde ihnen bereits gefolgt, sind sie dunkelblau. Es besteht jedoch auch die Moglichkeit, dass die Wikilinks rot unterlegt sind, was darauf hinweist, dass ein entsprechender Artikel wunschenswert ware, aber bisher nicht exis- tiert. Eine weitere Form von Hyperlinks im Artikel bilden hochgestellte Ziffern, wel­che zu Anmerkungen am Ende des Artikels fuhren. Dort zu finden sind ebenfalls „Ab- schnitte zu den assoziativen Verweisen, der Literatur und den Belegen (soweit es diese Abschnitte gibt)“ (van Dijk 2010: 99). Assoziative Verweise sind Hyperlinks, welche zu anderen Artikeln in der Wikipedia fuhren, „die thematisch zum Artikelgegenstand passen“ (van Dijk 2010: 100), sie sind im Abschnitt mit der Uberschrift ,Siehe auch‘ zu finden. Als weiterer optionaler Abschnitt „verweisen die ,Weblinks‘ auf interes- sante Websites“ (van Dijk 2010: 101). Solche externen Hyperlinks konnen auch im Artikeltext selbst vorkommen, sie „sind oberflachenstrukturell durch das Icon ,Pfeil‘ gekennzeichnet“ (Mederake 2016: 83).

Nicht nur der Artikel selbst, auch die ihn umgebenden Rander sind spezifisch struktu­riert. Beim Aufruf einer Artikelseite werden an deren oberem Rand Reiter angezeigt, mit welchen es dem Benutzer ermoglicht wird, zwischen dem Artikel und der dazuge- horigen Diskussionsseite, dem Lese- sowie dem Bearbeitungsmodus und der Versi- onsgeschichte zu wechseln. Die mit der Artikelseite korrespondierende Versionsge- schichte enthalt (meist) alle alten Versionen des Artikels. „In Ausnahmefallen aller- dings loscht ein Administrator eine Version, namlich bei strafbaren Inhalten und ahn- lichem“ (van Dijk 2010: 65), doch da dies auBerst selten vorkommt, ist es im Allge- meinen zu vernachlassigen. Die Versionen sind in Zeilen nach dem jeweiligen Ande- rungsdatum angeordnet. Beim Anwahlen einer Version wird diese angezeigt. Jede Zeile enthalt Angaben zum Unterschied der jeweiligen alten Artikelversion zur aktu- ellen und vorherigen Version, Uhrzeit und Datum, den Benutzernamen bzw. bei unan- gemeldeten Benutzern die IP-Adresse des Bearbeiters (vgl. van Dijk 2010: 29) sowie Angaben zur GroBe der Version und Anderung der SeitengroBe im Vergleich zur vorherigen Version in Bytes. Wurde eine Anderung vom Bearbeiter kommentiert, er- scheint dieser Kommentar ebenfalls in der Zeile, erkennbar ist er durch Kursivsetzung. Die Versionsgeschichte kann durch den Benutzer mit verschiedenen Werkzeugen ein- gegrenzt werden; ebenso moglich ist ein Vergleich zweier Versionen durch die Mar- kierung der entsprechenden Buttons.

Der linke Artikelrand enthalt neben Rubriken wie Mitmachen, Werkzeuge oder Dru- cken/exportieren optional die „Rubrik In anderen Sprachen, in der die Sprachversi- onen aufgelistet werden, die mit der vorliegenden deutschsprachigen Seite verbunden sind [Hervorhebungen im Original]“ (van Dijk 2010: 115). Uber diesen „,Interwiki- Link‘ oder kurz ,Interwiki‘“ (van Dijk 2010: 115) gelangt der Benutzer demnach zu einem Artikel in der angewahlten Sprache, welcher das Stichwort zum Thema hat, das mit dem deutschen Lemma korrespondiert.[29] Des Weiteren befindet sich am unteren Rand des Artikels fakultativ eine Zeile mit den Kategorien, in welche der Artikel ein- geordnet ist. Kategorien ordnen Artikel nach inhaltlichen Merkmalen ein, d.h. ein Ar- tikel kann mehreren Kategorien zugeordnet werden.

Es wurde bereits dargestellt, dass jede Artikelseite eine dazugehorige Diskussionsseite hat, nicht jede wird allerdings auch genutzt (vgl. Pentzold 2007: 39). Wie im Artikel- namensraum folgen auch die Seiten im Diskussionsnamensraum einer spezifischen, wenn auch weit einfacheren Struktur. Die Benutzer haben die Moglichkeit, die ver­schiedenen Diskussionsthemen nach Abschnitten mit Uberschriften zu gliedern. Ab vier Abschnitten wird automatisch ein Inhaltsverzeichnis von der MediaWiki-Soft- ware erstellt, sodass beim Aufrufen der Diskussionsseite ein Uberblick ermoglicht wird. Die Reiter an den umliegenden Randern sind bis auf die Kategorisierung ebenso vorhanden wie auf der Artikelseite. GemaB ihrer Benennung geht es bei den Diskussi- onsseiten um den Dialog zwischen Benutzern:

Dabei stellt die Diskussionsseite jedoch kein Diskussionsforum im eigentlichen Sinne dar - es geht also nicht um eine Auseinandersetzung uber das Thema an sich, sondern es dient zunachst einmal dazu, den Artikelinhalt zu diskutieren. (Pscheida 2010: 379)

[...]


[1] Aus Grunden der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit auf die Nennung beider Geschlechter ver- zichtet und ausschlieBlich das generische Maskulinum verwendet. Gemeint sind immer beide Ge­schlechter mit gleicher Wirkung.

[2] DWB: Lemma nachhalt-. http://www.woerterbuchnetz.de/DWB?lemma=nachhalt (15.06.2018).

[3] Vgl. die Option ,Blattern‘ (im Alphabet danach) im Duden Online: Artikel zu nachhalten. https://www.duden.de/node/846513/revisions/1100316/view (15.06.2018).

[4] Duden Online: Artikel zu Nachhaltigkeit, die. https://www.duden.de/node/658572/revisi- ons/1337271/view (15.06.2018).

[5] DWDS: Wortverlaufskurve fur Nachhaltigkeit. https://www.dwds.de/r/plot?view=1&corpus=zeitun- gen&norm=date%2Bclass&smooth=spline&gen- res=0&grand=1 &slice=1&prune=0&window=3&wbase=0&logavg=0&lo gscale=0&xrange=1700%3 A2017&q1=Nachhaltigkeit (19.06.2018).

[6] DWDS: Wortverlaufskurve fur Nachhaltigkeit. https://www.dwds.de/r/plot?view=1&corpus=zeitun- gen&norm=date%2Bclass&smooth=spline&gen- res=0&grand=1 &slice=1&prune=0&window=3&wbase=0&logavg=0&lo gscale=0&xrange=1700%3 A2017&q1=Nachhaltigkeit (19.06.2018).

[7] DWDS: Wortverlaufskurve fur Nachhaltigkeit. https://www.dwds.de/r/plot?view=1&corpus=zeitun- gen&norm=date%2Bclass&smooth=spline&gen- res=0&grand=1 &slice=1&prune=0&window=3&wbase=0&logavg=0&lo gscale=0&xrange=1700%3 A2017&q1=Nachhaltigkeit (19.06.2018).

[8] Vgl. Duden Online: Artikel zu Nachhaltigkeit, die. https://www.duden.de/node/658572/revisi- ons/1337271/view (15.06.2018).

[9] DWDS: Wortprofil fur Nachhaltigkeit. https://www.dwds.de/wp/Nachhaltigkeit (15.06.2018).

[10] Leipzig Corpora Collection (2011): German newspaper corpus based on material crawled in 2011. Leipzig Corpora Collection. Dataset. https://corpora.uni-leipzig.de?corpusId=deu newscrawl 2011 (22.06.2011).

[11] Wortschatz: Wort Nachhaltigkeit. http://wortschatz.uni-leipzig.de/de (15.06.2018).

[12] Wortschatz: Wort Nachhaltigkeit. http://wortschatz.uni-leipzig.de/de (15.06.2018).

[13] Die Umfrage unter „73 Studierenden der Germanistik und erganzend bei zwolf [...] Entscheidungs- tragern in der freien Wirtschaft“ (Rodel 2013: 133) bietet aufgrund der geringen Anzahl von Befragten allenfalls Anhaltspunkte fur eine weitere Analyse, jedoch keineswegs belastbare Aussagen zur generel- len Rezeption des Lexems.

[14] Hierbei wird der „Begriff ,Sprachbild‘ [_] sehr weit gefasst als ein im Sprechen, in der je konkreten Formulierung nahegelegter Zusammenhang“ (Henn-Memmesheimer et al. 2012: 159).

[15] Gabler Wirtschaftslexikon: Artikel zu Nachhaltigkeit. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/defini- tion/nachhaltigkeit-41203/version-264573 (15.06.2018).

[16] Gabler Wirtschaftslexikon: Artikel zu Nachhaltigkeit. https://wirtschaftslexikon.gabler.de/defini- tion/nachhaltigkeit-41203/version-264573 (15.06.2018).

[17] Nach Henn-Memmesheimer war die Etablierung des Syntagmas nachhaltige Entwicklung als Uber- setzung fur sustainable development keine Selbstverstandlichkeit, sondern Ergebnis eines Prozesses mit mehreren „konkurrierende Ubersetzungen: Nachhaltige Entwicklung - Nachhaltigkeit - erhaltende Ent­wicklung - umweltvertragliche Entwicklung - zukunftsfahige Entwicklung“ (Henn-Memmesheimer et al. 2012: 172).

[18] Vgl. hierzu auch Rodel (2013: 136): „Fur den offentlichen Diskurs sind einerseits der alltagssprachli- che, historisch ursprungliche und andererseits der zuerst okologisch gepragte politische Gebrauch ent- scheidend“.

[19] Diskurs wird hier zunachst verstanden als „Formationssystem von Aussagen“, „das auf kollektives, handlungsleitendes und sozial stratifizierendes Wissen verweist“ (Spitzmuller/Warnke 2011: 9). Die genaue Erlauterung des zugrundeliegenden Diskursbegriffes erfolgt in Kapitel 2.3.1.

[20] Im Original: „Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ (World Commission on Envi­ronment and Development (1987): Chapter 2, IV. (Conclusion), Paragraph 1).

[21] Duden Online: Artikel zu Nachhaltigkeit, die. https ://www .duden .de/node/658572/revisi­ ons/1337271/view (15.06.2018).

[22] Das Kurzel CSR steht fur ,Corporate Social Responsibility‘ und meint „unternehmerische Gesell- schaftsverantwortung; der freiwillige Beitrag von Firmen zu einer nachhaltigen Entwicklung, die uber die gesetzlichen Forderungen (Compliance) hinausgeht“ (Pufe 2017: 118).

[23] Das Ranking wird uber jeweils einen Monat aus der Kombination von durchschnittlichen taglichen Besucherzahlen und Seitenaufrufen ermittelt (vgl. Alexa 2018a, 2018b).

[24] Von den angemeldeten Benutzern sind 18.196 aktiv - d.h. es handelt sich um „Benutzer mit Bearbei- tungen wahrend der vergangenen 30 Tage“ (Seite „Spezial:Statistik“).

[25] Dieser Erfolg war jedoch nicht vorhersehbar, sondern wurde gerade aufgrund der unbegrenzten Zahl von Beteiligten angezweifelt, wie die folgende Aussage aufzeigt: „Dass trotz dieser uneingeschrankten Offenheit uber freie Kooperationen ein wertvolles Nachschlagewerk entstand, fuhrte bei vielen Be- obachtern zu Irritationen: Die gangigen Annahmen uber die begrenzten Fahigkeiten selbstorganisierter grofler Gruppen waren angesichts des Erfolgs der Wikipedia infrage gestellt“ (Ebersbach/Glaser/Heigl 2016: 54).

[26] Wenn in dieser Arbeit der Begriff Benutzer verwendet wird, so ist damit allgemein der Nutzer der Wikipedia gemeint, egal, ob angemeldet oder unangemeldet, ob aktiv oder passiv.

[27] Stimmberechtigt sind alle Nutzer, die seit „mindestens zwei Monaten registriert [sind] und mindestens zweihundert Bearbeitungen an Artikeln geleistet haben“ (van Dijk 2010: 34; vgl. auch Anhang 8.1).

[28] Diese Einschatzung beruht auf der subjektiven Wahrnehmung der Verfasserin aufgrund der Nutzung der Option „Zufalliger Artikel“ in der linken Navigationsleiste der Wikipedia. Eine Statistik hierzu ist nicht bekannt.

[29] Wie Gredel gezeigt hat, ist dies insbesondere fur Sprach- und Kulturvergleiche im Rahmen kontrasti- ver Diskursanalysen interessant (vgl. Gredel 2018b).

Ende der Leseprobe aus 126 Seiten

Details

Titel
Der Nachhaltigkeitsdiskurs in der Wikipedia
Untertitel
Eine empirische Analyse am Beispiel der 30 DAX-Unternehmen
Hochschule
Universität Mannheim  (Philosophische Fakultät)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
126
Katalognummer
V441011
ISBN (eBook)
9783668793392
Sprache
Deutsch
Schlagworte
DAX 30, Wikipedia, Wikipedistik, Diskurslinguistik, Diskurs, Unternehmenskommunikation, Nachhaltigkeit, CSR, Foucault, Henkel, Covestro, DIMEAN, Enzyklopädie, Wiki, DAX30-Unternehmen, Hyperdiskurs, Hyper
Arbeit zitieren
Eileen Nagler (Autor), 2018, Der Nachhaltigkeitsdiskurs in der Wikipedia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441011

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