Friedrich Schiller hatte sich der Aufklärung im 18. Jahrhundert verschrieben, war Befürworter einer Revolution der Gesellschaft und ein Verfechter der Selbstbestimmung des Individuums. Als Teil der Weimarer Klassik, der vor allem die ästhetische Allianz zwischen Schiller und Goethe und deren gegenseitige Inspiration zu Grunde lag und zu deren wichtigsten Motiven Menschlichkeit und Toleranz zählte, prägte Friedrich Schiller das Genre der moralischen Erzählung neu.
Die vorliegende Hausarbeit setzt sich mit der Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ von Friedrich Schiller intensiv auseinander und konzentriert sich dabei konkret auf die Darstellung des antiken Theaters im Text und klärt inwieweit die verschiedenen Elemente des dargestellten Schauspiels eine aufklärende Funktion zu Gunsten der dargestellten Moralität einnehmen. Dazu wird zu Beginn, der historisch überlieferte Aufbau des antiken Theaters und dessen konkrete Darstellung in der Ballade betrachtet. Es folgt eine kurze Ausführung der Hintergründe der Entstehungsgeschichte und weshalb Schiller für seinen Erzählstoff das Medium der Ballade gewählt haben könnte. Eine Textanalyse auf struktureller und inhaltlicher Ebene wird vorgenommen und dabei besonders auf die Wirkungselemente der Kraniche und des Chores und deren Rolle bezüglich der Aufklärung des Verbrechens eigegangen. Folgend werden Friedrich Schillers moralische und philosophische Ansichten und Überlegungen zu dem Thema herausgearbeitet, primär unter Berücksichtigung seines Aufsatzes „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“. Außerdem wird der Begriff der „Moral“ nach Schillers Empfinden und Interpretation kritisch betrachtet und schließlich die Zusammenhänge zwischen der Ballade und Schillers Idealisierungskonzepts in einem Fazit dargelegt.
Die zu dem Thema existierende und herangezogene Forschungsliteratur konzentrierte sich vor allem auf den Aspekt der Verbindung Schillers zum Theater an sich und dessen philosophische Abhandlungen im Sinne der Aufklärung. Deutlich weniger Interpretationsmaterial ist explizit zu der Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ zu finden und nichts desto trotz lässt sich Friedrich Schillers gedanklicher Ansatz eines Theaters als Hilfskonzept zur moralischen Erziehung erfolgreich auf die Ballade projizieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Aufbau des Theaters in der Antike und dessen konkrete Darstellung in der Ballade
3. Hintergrund und Entstehung
4. Strukturelle Analyse
5. Die Rolle der Kraniche
6. Die Rolle des Erinnyenchores
7. Schillers Schaubühnenaufsatz
8. Der Trugschluss des Begriffs „moralisch“
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Friedrich Schillers Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ im Hinblick auf die Darstellung des antiken Theaters und analysiert, inwiefern die Elemente des Schauspiels eine aufklärende Funktion für die dargestellte Moralität einnehmen. Dabei wird insbesondere Schillers Verständnis des Theaters als „moralische Anstalt“ auf das Werk projiziert.
- Strukturelle Analyse der Ballade in Bezug auf epische, lyrische und dramatische Elemente
- Die Funktion der Kraniche als leitmotivisches und handlungsauslösendes Element
- Die Rolle des Erinnyenchores als Instanz der moralischen Selbstreflektion
- Verbindung von Schillers Dramentheorie mit der inhaltlichen Ausgestaltung der Ballade
- Kritische Beleuchtung des moralphilosophischen Begriffsverständnisses bei Schiller
Auszug aus dem Buch
6. Die Rolle des Erinnyenchores
Die Erinnyen waren in der griechischen Mythologie als die drei Rachegöttinnen bekannt und stellten insbesondere die personifizierten Gewissensbisse dar. Eine von ihnen trägt den Namen Tisiphone – „die den Mord Rächende“. Ihre Attribute waren Geißeln, Fackeln und Schlangen. Sie sind in der Ballade überirdisch konnotiert „So schreiten keine ird’schen Weiber, / Die zeugete kein sterblich Haus!“ (V. 101 f.), ihre Gesichter tragen vermutlich weiße Masken und statt Haare umrahmen Schlangen ihre Gesichter.
„In ihren Wangen fließt kein Blut. Und wo die Haare lieblich flattern, Um Menschenstirnen freundlich wehn, Da sieht man Schlangen hier und Nattern Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.“ (V. 108-112)
Als der Chor aus dem Hintergrund der Bühne tritt und mit seiner Weise beginnt, beschreibt der Erzähler wie der Gesang durch Mark und Bein geht, unheimlich und angsteinflößend dem Rache schwört der gesündigt habe. Die Rachegöttinnen verkünden Unversehrtheit dem der von Schuld frei ist aber Verfolgung und Jagd dem der Mord und schwere Tat vollbracht hat.
„Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle [...] Doch wehe wehe, wer verstohlen Des Mordes schwere Tat vollbracht, Wir heften uns an seine Sohlen, Das furchtbare Geschlecht der Nacht!“ (V. 121-128)
Am Ende des Auftritts der Erinnyen befinden sich die Zuschauer in einem Zustand „zwischen Trug und Wahrheit“ (V. 145 f.). Die Wirkung des Erinnyenchores beruht auf einen Illusionismus, der Zuschauer wird zum Mitspieler, muss seine eigene Reinheit des Gewissens hinterfragen und Position beziehen. So auch die Täter, denen der Mord unterbewusst ins Gewissen gerufen wird und die sich so verraten. Der Chor repräsentiert in der Ballade die moralische Wirkung der Ästhetik, die Kunst als Vergegenwärtigung eines allgemeinen Rachebedürfnisses und seine Wirkung ist nur entsprechend, da er es dank künstlerischer Leistung vermag eine real verängstigende und seine Macht verifizierende Stimmung hervorzurufen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in Schillers Verständnis der moralischen Erzählung ein und legt die Forschungsfrage zur aufklärenden Funktion des Theaters in der Ballade dar.
2. Aufbau des Theaters in der Antike und dessen konkrete Darstellung in der Ballade: Das Kapitel erläutert den historisch-architektonischen Kontext des antiken Theaters und zeigt auf, wie Schiller diese Strukturen in seiner Ballade künstlerisch verarbeitet hat.
3. Hintergrund und Entstehung: Hier werden die Entstehungsgeschichte der Ballade im Jahr 1797 und die enge Zusammenarbeit mit Goethe thematisiert.
4. Strukturelle Analyse: Die Analyse befasst sich mit der dreiteiligen Struktur der Ballade und der Verbindung von lyrischen, epischen sowie dramatischen Elementen.
5. Die Rolle der Kraniche: Das Kapitel untersucht die leitmotivische Funktion der Kraniche als Zeugen des Mordes und als Auslöser für die Selbstoffenbarung der Täter.
6. Die Rolle des Erinnyenchores: Hier wird die Bedeutung des Chores als personifizierter Gewissensbiss und dessen psychologische Wirkung auf das Publikum und die Mörder dargelegt.
7. Schillers Schaubühnenaufsatz: Das Kapitel setzt sich mit Schillers theoretischem Aufsatz „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ und dessen praktischer Umsetzung in der Ballade auseinander.
8. Der Trugschluss des Begriffs „moralisch“: Es wird analysiert, wie sich Schillers Verständnis des „Moralischen“ von heutigen Definitionen unterscheidet und wie er den Begriff im Kontext der Aufklärung einsetzte.
9. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung von Schillers Projekt, Gerechtigkeit durch die ästhetische Kraft des Theaters inszenierbar zu machen.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Die Kraniche des Ibycus, Ballade, Weimarer Klassik, Aufklärung, moralische Anstalt, antikes Theater, Erinnyen, Ästhetik, Gerechtigkeit, Tribunal, Schuld und Sühne, Literaturanalyse, Dramentheorie, Menschenbild.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Friedrich Schiller in seiner Ballade „Die Kraniche des Ibycus“ das antike Theater als Instrument zur moralischen Erziehung nutzt und welche Rolle dabei die theatralen Elemente spielen.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themenfelder sind die Verbindung von Schillers Ästhetik mit seiner Dramentheorie, die Analyse der Balladenstruktur sowie die Bedeutung der mythologischen Elemente für die Aufklärung eines Verbrechens.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel der Arbeit ist es zu klären, inwieweit die verschiedenen Elemente des dargestellten Schauspiels innerhalb der Ballade eine aufklärende Funktion für die Moralität übernehmen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer strukturellen und inhaltlichen Textanalyse sowie der Untersuchung fachwissenschaftlicher Forschungsliteratur und Schillers eigenem dramatentheoretischem Aufsatz.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des antiken Theateraufbaus, die Rollenanalyse von Kranichen und Erinnyenchor, die Anwendung von Schillers Schaubühnen-Theorie sowie die semantische Analyse des Begriffs „moralisch“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Schiller, Aufklärung, moralische Anstalt, antikes Theater, Ballade, Erinnyen, Ästhetik und Gerechtigkeit.
Welche spezifische Rolle spielt der „Erinnyenchor“ für die Handlung?
Der Chor fungiert als Instanz des Gewissens, die bei den Tätern Angst und Selbstreflektion auslöst, was schließlich – im Zusammenspiel mit den Kranichen – zu deren Überführung führt.
Inwiefern unterscheidet sich Schillers Verständnis von „Moral“ von unserem heutigen?
Schiller begriff das „Moralische“ nicht nur als sittliches Handeln, sondern auch im Sinne von geistiger Freiheit und vernunftbasierter Selbstbestimmung, was weit über das heutige Verständnis von Moral als bloße Sittenlehre hinausgeht.
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- Mirjam Bäcker (Author), 2016, "Die Kraniche des Ibycus" von Friedrich Schiller. Eine Analyse im Rahmen des antiken Theaters und der dargestellten Moralität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441062