Von Beginn an ist die Entwicklung eines Kindes ohne die Mutter nicht möglich. Bereits durch die Schwangerschaft und die sich daraus resultierende Geburt sind Mutter und Kind durch ein untrennbares Band verbunden. Dennoch gibt es immer wieder Lebensumstände, die ein gemeinsames Leben gar nicht oder nur unter sehr besonderen Umständen ermöglichen. Die Verbüßung einer Haftstrafe der Mutter ist einer dieser besonderen Umstände. Sie verliert nicht nur ihren sozialen Status, ihre körperliche und wirtschaftliche Freiheit, sondern sie steht vor der Entscheidung wo ihr(e) Kind(er) untergebracht werden soll(en).
Diese Arbeit soll die gemeinsame Unterbringung von Mutter und Kind im Zwangskontext – also in Haft – näher beleuchten.
Die Verfasserin strebt an in dieser Arbeit die Fragestellungen zu klären, welche Auswirkungen sowohl eine langfristige Trennung durch den Aufenthalt der Mutter in einer Justizvollzugsanstalt, als auch eine gemeinsame Unterbringung für das Kind haben kann. Ziel ist es, ein Konzept für eine Einrichtung zu entwickeln, in der sowohl der rechtlich angeordnete Vollzug der Freiheitsstrafe der Mutter, als auch die Bedürfnisse der Kinder berück-sichtigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Mütter und Kinder gemeinsam in Haft
2 Strafvollzug in Deutschland
2.1 Definition Strafvollzug
2.2 Aufbau und Struktur des Erwachsenenvollzuges
2.3 Besonderheiten des Frauenvollzuges
2.4 Statistische Angaben zum Strafvollzug in Deutschland
2.5 Praktische Umsetzung am Beispiel des Frauenvollzuges Chemnitz
3 Bindung von Müttern und Kindern im Strafvollzug
3.1 Bindung – eine Auseinandersetzung mit dem Begriff
3.2 Folgen von Trennung – Frühtraumatisierung
3.3 Bindungsstörungen
4 Lebensbewältigung und Handlungsfähigkeiten von Müttern im Strafvollzug
5 Lebensweltorientierung von Müttern und ihrer Kinder im Strafvollzug
6 Straffällig gewordene Mütter und ihre Kinder - eine alternative Unterbringung zu Strafvollzug
7 Konzepterstellung
8 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen einer Haftstrafe auf die Mutter-Kind-Bindung und entwickelt ein Konzept für eine alternative Unterbringungseinrichtung, die sowohl den Strafvollzug als auch die Bedürfnisse der Kinder integriert.
- Analyse des aktuellen Strafvollzugs in Deutschland mit Fokus auf Frauenvollzug.
- Untersuchung der psychologischen Bindungstheorie und der Folgen von Trennung (Frühtraumatisierung).
- Betrachtung von Handlungsfähigkeit und Lebensweltorientierung inhaftierter Mütter.
- Entwurf eines alternativen Betreuungskonzepts basierend auf bestehenden Modellen wie dem "Seehaus Störmthal".
Auszug aus dem Buch
3.2 Folgen von Trennung – Frühtraumatisierung
Mit der von Bowlby als „ernste Angelegenheit“ bezeichneten Trennung von Mutter und Kind beschäftigte sich Dr. Bettina Bonus, Erzieherin und Doktorin der Medizin, in ihrem Band „Mit den Augen eines Kindes sehen lernen“ sehr intensiv. Sie beschrieb darin die Trennung als eine „Frühtraumatisierung“ die unter anderem dann entsteht, wenn ein Kind in der Zeit zwischen der Keimanlage im Bauch und dem vollendeten dritten bzw. siebten Lebensjahr von der leiblichen Mutter getrennt wird. Die Phase der Kindheit ist besonders dadurch gekennzeichnet, dass wichtige Entwicklungsschritte bewältigt werden müssen. Die Speicherung dieser geschieht zu einem Zeitpunkt, zu welchem das Gehirn noch nicht gefestigt ist. Neuronale Verbindungen werden durch traumatische Erfahrungen geprägt und bestimmen die weitere Entwicklung des Gehirns.
Ein Trauma bzw. eine Traumatisierung tritt grundsätzlich ein, wenn eine Person etwas erlebt, was größer ist „als sie selbst“, also ein Ereignis, bei dem sie nicht mehr in der Lage ist, es aus Kraft ihrer eigenen Persönlichkeit zu verarbeiten. Das hat zur Folge, dass das traumatische Ereignis von dem Bewusstsein des Menschen abgespalten und in die tiefsten Tiefen seiner Psyche verbannt wird, um weiter ohne Belastungen leben zu können. Es kann jedoch passieren, dass das Trauma – um Verarbeitung kämpfend – immer wieder ins Bewusstsein vordringt. In diesen Momenten werden Betroffene schmerzhaft an das traumatische Ereignis erinnert. Diese „Erinnerungsbilder“ werden auch „Flashbacks“ genannt. Gelegentlich wissen die Betroffenen jedoch nicht, wo diese Flashbacks herkommen, da sie sich selbst nicht mehr an das traumatische Ereignis erinnern können, beispielsweise weil sie viel zu jung waren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Mütter und Kinder gemeinsam in Haft: Einführung in die Thematik der untrennbaren Verbindung von Mutter und Kind und die daraus resultierende Problematik der Haftstrafe.
2 Strafvollzug in Deutschland: Detaillierte Darstellung der rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen des Strafvollzugs, inklusive statistischer Daten und Praxisbeispielen.
3 Bindung von Müttern und Kindern im Strafvollzug: Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Bindungstheorie sowie den traumatischen Folgen von Trennungserlebnissen für Kinder.
4 Lebensbewältigung und Handlungsfähigkeiten von Müttern im Strafvollzug: Analyse der psychologischen Folgen der Inhaftierung und des Verlusts der Lebensressourcen auf die Handlungsfähigkeit der Mutter.
5 Lebensweltorientierung von Müttern und ihrer Kinder im Strafvollzug: Anwendung des Modells der Lebensweltorientierung auf die Situation in der "totalen Institution" Justizvollzugsanstalt.
6 Straffällig gewordene Mütter und ihre Kinder - eine alternative Unterbringung zu Strafvollzug: Vorstellung eines alternativen Unterbringungsmodells, das sich am Jugendstrafvollzug in freier Form orientiert.
7 Konzepterstellung: Konkrete Ausarbeitung des Einrichtungsentwurfs anhand einer neunstufigen Checkliste (u.a. Trägerschaft, Personal, Räumlichkeiten).
8 Fazit: Kritische Reflexion der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftige Forschungsbedarfe bezüglich Mutter-Kind-Einrichtungen im Vollzug.
Schlüsselwörter
Strafvollzug, Mutter-Kind-Bindung, Frühtraumatisierung, Lebensweltorientierung, Resozialisierung, Haftstrafe, Bindungstheorie, Handlungsfähigkeit, Frauenvollzug, Seehaus Störmthal, Konzepterstellung, Kindeswohl, Traumatisierung, Sozialarbeit, Inhaftierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Thesis grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Problematik der Unterbringung von inhaftierten Müttern und ihren Kindern und entwickelt ein alternatives Konzept für eine gemeinsame Unterbringung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der deutsche Strafvollzug, die psychologische Bindungstheorie, die Folgen von Trennung für Kinder sowie Konzepte der Sozialarbeit in totalen Institutionen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist die Erstellung eines Konzepts für eine Einrichtung, die den rechtlichen Vollzug der Freiheitsstrafe mit den emotionalen Bedürfnissen der Kinder in Einklang bringt.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Untersuchung der rechtlichen Grundlagen, statistischer Auswertungen sowie der Analyse psychologischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die aktuelle Lage im Strafvollzug, die Auswirkungen von Trennung auf die frühkindliche Entwicklung sowie Strategien zur Lebensbewältigung von inhaftierten Müttern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die wichtigsten Schlagworte sind Strafvollzug, Mutter-Kind-Bindung, Frühtraumatisierung, Lebensweltorientierung und Resozialisierung.
Warum wird das "Seehaus Störmthal" als Vorbild herangezogen?
Es dient als Modell für den Jugendstrafvollzug in freier Form, bei dem auf Mauern verzichtet und stattdessen auf Struktur, christliche Werte und eine familienähnliche Umgebung gesetzt wird.
Welche Rolle spielen Sozialarbeiter in dem neuen Konzept?
Sozialarbeiter sollen als "Hauseltern" in der Einrichtung leben, eine Vorbildfunktion ausüben und Mütter in ihrem Alltag sowie bei der Erziehung und Bindungsarbeit unterstützen.
Warum ist die Trennung von Mutter und Kind vor dem siebten Lebensjahr besonders kritisch?
Laut der in der Arbeit zitierten Theorie erfolgt in diesem Zeitraum die Prägung durch wichtige Entwicklungsschritte; eine Trennung kann hier zu einer schwerwiegenden Frühtraumatisierung führen.
- Arbeit zitieren
- Maria-Kristin Fleischer (Autor:in), 2017, Mutterschaft im Strafvollzug, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441064