Helmut Heißenbüttel. Emotion zwischen Tradition und Innovation


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Heißenbüttels Texte: zwischen Tradition und Innovation

Heißenbüttel und Konkrete Dichtung

Konzept ästhetische Halluzinatorik

Sprache als Material

Analyse Topographien a – Topographie und Chronologie

Textstrategien & sprachliche Mittel

Resümeé

Quellenverzeichnis

Einleitung

Mitte des 20. Jahrhunderts nimmt Helmut Heißenbüttel eine zentrale Rolle in der literaturwissenschaftlichen Forschung ein. Der Literat und gleichzeitig Literaturwissenschaftler und -kritiker kennt die Literatur der Avantgarde wie fast kein Zweiter. Er stellt sie immer wieder in den öffentlichen Diskurs und trägt mit programmatischen Positionen, wie der Debatte um ein neues Subjektverständnis[1] oder dem Zusammenhang zwischen Strukturen der Sprache und der künstlerischen Phantasie[2], maßgeblich zu innovativen Forschungsansätzen bei. Der Text Topographien, im Jahr 1954 erstmals veröffentlicht, entstand vor dieser Zeit und spiegelt trotzdem viele der programmatischen Aspekte Heißenbüttels, die teilweise erst Jahre später wissenschaftlich ausformuliert wurden. Der Text gestaltet sich eindringlich, geradezu aufdringlich emotional obwohl sich keinerlei subjektive Emotionsbeschreibungen darin finden lassen. Diese Hausarbeit soll ein Versuch sein, herauszufinden und möglichst strukturiert dazustellen, welche Aspekte und Hintergründe Heißenbüttels Texte so eindringlich erscheinen lassen und welche Intention damit einhergeht.

Der einführende Teil der Hausarbeit befasst sich mit Helmut Heißenbüttels Textästhetik, die sich als kritischer Versuch einer neuen ‚Poetik’ verstehen lässt in Abgrenzung zu den klassischen Mechanismen von Literatur.

Anschließend wird untersucht, ob und inwieweit sich Heißenbüttel mit dem Begriff der konkreten Dichtung identifizierte und welche Faktoren seiner Dichtung sich dem Konzept der Konkreten Poesie annähern und welche sie davon abgrenzen. Daraufhin folgt eine kurze Vorstellung zweier zentraler Elemente seiner literarischen Ästhetik, die der Halluzinatorik und der des Materialbegriffs, der dem Subjektbegriff diametral gegenüber steht, da sie essentiell für ein grundlegendes und kritisches Verständnis der Texte Helmut Heißenbüttels erscheinen.

Es folgt eine umfassende Untersuchung des Textauszugs Topographien a, unterteilt in eine sprachliche Stilanalyse und eine inhaltliche Analyse, die sich primär auf die Begrifflichkeiten von Topographie und Chronologie stützt. Abschließend werden die Ergebnisse resümierend zusammengefasst.

Heißenbüttels Texte: zwischen Tradition und Innovation

Die zunehmende Vervielfältigung und Zugänglichkeit von Texten und eine Allgegenwärtigkeit von literarischer Sprache, führte im Laufe der Zeit zwangsläufig zu einem gewissen ‚Sprachverschleiß’. Entgegen zu Historisierung und Realitätsanspruch früherer Zeiten, erfährt die Literatur des 20. Jahrhunderts eine „Rückführung und Rückbesinnung der Sprache auf sich selbst“[3].

Wenn die phänomenologische Durchdringung des Gattungsbegriffs nicht mehr zieht, muß man, so scheint es, die Disziplin wechseln. Man muss nicht mehr philosophisch-ästhetisch-philologisch argumentieren, sondern linguistisch.[4]

Nach Helmut Heißenbüttel kommt der Literatur hierbei die aufklärerische Funktion zu, „die angestrebte Befreiung des Menschen aus der Unmündigkeit der hierarchischen und theologischen Systeme zu reflektieren und gleichzeitig voranzutreiben.“[5]

Helmut Heißenbüttel setzt dazu der „formalen Stagnation (der Literatur) [...] jener Epoche“[6], in seinem Werk der Nachkriegsliteratur, eine experimentelle Aufarbeitung und Bedeutungsinnovation von Sprache entgegen. In seiner Textästhetik reduziert er Sprache rational wissenschaftlich auf Material und Methode. Er dekonstruiert dabei das autonome Subjekt des Autors, um dessen Stellung als zentral-ästhetisches Element von Erfahrung, Bewertung und Mitteilung der totalen Autonomie von Sprache zukommen zu lassen. Er probiert sich an neuen sprachlichen Kombinationsmöglichkeiten und erforscht deren Grenzbereiche. Heißenbüttel stellt dabei die klassisch syntaktische Konvention von Subjekt-Objekt-Prädikat, welche er als „Grundmodell“[7] bezeichnet, in Frage, bricht es auf und versucht sich an einer Rede der „zeichenhaften Restpartikel“[8] und probiert sich gleichzeitig daran, die verschiedenen Bedeutungsebenen der einzelnen ‚Sprachpartikel’ zu berücksichtigen und mit einzubeziehen. Nicht Sprache an sich, sondern die Gebrauchsart des Menschen mit ihr soll sich ändern.

Heißenbüttel und Konkrete Dichtung

Während die ersten Texte Helmut Heißenbüttels, bis 1953, noch eher traditionellen literarischen Mustern folgten, findet nun ein Umdenken statt, das seine kritische Auseinandersetzung mit der Materie Sprache zu Folge hat. Die Begegnung mit Eugen Gomringer und dessen Wort-Konstellationen bewirken einen Wandel in Heißenbüttels literarischer Textgestaltung.

Heißenbüttel beschreibt sie als „einen Akt der Befreiung“[9]. Zum ersten Mal trifft er auf eine Person, die Literatur nicht als reine Kommunikationsform betrachtet und Sprache eine, von konventionellen Mustern gelöste, Rolle zukommen lässt.

Er stellt die Autonomie der Sprache in den Vordergrund und setzt auf eine Eliminierung der Subjektivität. („[...] nicht nur auf das Ich als lyrische ‚Gestalt’, sondern auch auf jenes Ego, das sich zu seiner Welt in Beziehung setzt und darauf aus ist, sie erkennend darzustellen.“)[10] Das Subjekt reduziert sich dabei „auf die anonyme Objektivität des menschlichen Sprechens“[11]. Die Dezentralisierung des Subjekts führt dabei nicht „zur sprachlos vegetierenden Namenlosigkeit, sie führt in eine neue Welt, die sich des Halluzinativen bedient, um sich zu konstituieren.“[12]

Durch eine bewusst ausgesetzte Subjektivität und den Bedeutungsverlust von Sprache und deren Rückführung zu einem Selbstzweck verliert sich die Wahrnehmung von Kunst als Medium ästhetischer Darstellung. Der künstlerische Anspruch beruht nun ausschließlich auf dem ästhetischen Potenzial des Materials. Die Vorstellung von der Phantasie des Künstlers als Ausgangspunkt seiner Produktion stellt hierbei nicht mehr die Grundlage künstlerischen Schaffens dar, da die Autonomie des Subjekts nicht mehr gegeben ist.[13]

Auch wenn die Begegnung mit Gomringer und dessen Programmatik für Heißenbüttel eine wichtige Inspirationsquelle war, so distanziert er sich doch klar von einer Zugehörigkeit der Bewegung der Konkreten Poesie. Heißenbüttel stellte insofern einen Gegenpol zur der Bewegung der konkreten Dichtung dar, als dass er sich ausdrücklich davon distanzierte, Sprache als rein phonetisches und graphisches Material anzusehen und dabei die Kausalität und das Element der Vorprägung hinten an zu stellen.

Er sieht Sprache nicht als eine Quantität arbiträr kombinierbarer Elemente, sondern bezieht die Qualität der Bedeutungsebene mit ein. Damit positioniert er sich gegen den „sprachlichen Konstruktivismus“ von zum Beispiel Eugen Gomringer oder der brasilianischen Schule der konkreten Poesie.[14]

Die Begrifflichkeit der experimentellen Literatur, die laut Heißenbüttel im Deutschen fast synonym für den Begriff der konkreten Poesie verwendet wurde, entspricht nicht dem, was Heißenbüttel als experimentell verstand.

Experimentell meint ja nicht erneuernd, aufbrechend oder revolutionär, sondern setzt an die Stelle des zusammengesetzten Vorgangs, der sich, der Überlieferung gemäß, aus dem Ineinander von Methode und Qualität herstellt, etwas Unteilbares, Einziges.[15] [...] Wer experimentell schreibt, könnte ich etwas oberflächlich sagen, der schreibt eben Texte.[16]

Anders, als man in erster Instanz vielleicht annehmen könnte, strebt Helmut Heißenbüttel nicht danach, sich einer bestimmten Gruppe zugehörig zu fühlen oder einen bestimmten Schreibstil den Konventionen entgegenzusetzen und diesen dann als ‚experimentell’ verstanden zu wissen. Vielmehr verschreibt er sich der Erforschung von Sprache und ihrer Rolle und Bedeutungsebenen innerhalb eines Textes oder einer Konstellation.

Den Versuch, Sprache selbst als Poesie zu lesen, im Akt der Einstellung auf einen solchen Versuch, nicht bloß kritisch gegen den korrumpierten kommunen Sprachgebrauch gerichtet, wie es etwa in der konkreten Poesie geschehen ist [...] , diesen Versuch müßte man auffassen als definitive Kapitulation vor dem Bestreben, sprachlich exemplarisch zu dichten [...].[17]

Übereinstimmung zwischen Helmut Heißenbüttel und dem Konzept der Konkreten Poesie herrscht in dem Aspekt des Zurückgehens auf sprachlich Grundsätzliches. Dazu Heißenbüttel zu Konkreter Poesie: „Die syntaktisch und semantisch komplexe Oberflächenstruktur der Sprache, [...] wird aufgeschlossen, unterwandert; reduziert und zugleich erweitert auf das hin, was diese Oberflächenstruktur trägt.“[18] Ebenso das Einbeziehen und Grenzüberschreiten durch sonst eher dienliche Methoden, wie Typographie und lautliche Artikulation haben Heißenbüttel und die Programmatik der Konkreten gemein. Helmut Heißenbüttels Rolle im Konstrukt der Konkreten Poesie sollte somit absolut kritisch betrachtet werden, da er sich zum einen selbst davon abgrenzte und zum Anderen eine abweichende Intention mit seinen sprachlichen Experimenten verfolgte. Außer Frage steht, dass sie sich gegenseitig inspirierten, teilweise die gleichen Werkzeuge innerhalb von Sprache verwendeten und sich außerdem freundschaftlich gegenüber standen und wechselseitig als Ideengeber fungierten.[19]

Konzept ästhetische Halluzinatorik

Um Heißenbüttels Konzept der ästhetischen Halluzinatorik zu verstehen, muss man sich einige Begrifflichkeiten bewusst machen. Dazu gehört, dass Heißenbüttel davon ausgeht, dass zwischen angewandter Sprache und der Realität des Umfelds keine Übereinstimmung mehr existiert. Dass der Mensch sich deswegen über Sachverhalte „nur noch in Form von Wörtern“[20] ausdrücken könne, die sich längst von einer Realität entfernt haben. Heißenbüttel, der sich in seinem Werk zu einer grundlegenden Sprachskepsis und – not positioniert, spricht literarischer Sprache die Fähigkeit ab, Realität adäquat abbilden zu können und unterstellt ihr, die Entfremdung von Realität zu fördern.[21] Grammatik und Syntax vermitteln in einem konventionellen Umgang, anhand von klaren Regeln eine Substituierung der Wirklichkeit. Dem Rezipienten der Texte Helmut Heißenbüttels soll in das Bewusstsein gerufen werden, dass die Wirklichkeitswahrnehmung auf einer verselbstständigten und überprägten Sprachdimension beruht und sich, danach richtend, nur auf eine zweite Dimension der Realität bezieht.

Heißenbüttels Konzept der „Halluzinatorik“ stellt einen literarischen Verwirklichungsmechanismus von sprachlicher Realität dar.

Zwar besteht das Material [Sprache] aus den Benennungen der Realität, aber diese Realität wird gleichsam zurückgestoßen, die Benennungen isolieren sich selbstherrlich in den anonymen Imaginationsraum der Sprache. Eine Art Nominalismus gerät in eine Unabhängigkeit, wie sie niemals vorher in einem Erzeugnis der Sprache zu finden war. Deren Autonomität [...] hat realitätsverdoppelnden Charakter.[22]

Der Autor, als Halluzinierender, ist dabei nicht mehr als kommunikationsbedürftiges Subjekt anzusehen, sondern reproduziert Begrifflichkeiten, die sich ihm aufdrängen. Sprache hat sich in diesem Prozess vollständig von einer empirischen Realität gelöst, sie fungiert nicht mehr als Darstellungsmöglichkeit der Realität, sie ist eine „Welt aus Sprache und sonst nichts“[23].

Heißenbüttel begreift die Halluzinatorik als etwas sinnlich Wahrnehmbares, der halluzinative Raum bezieht sich dabei weder auf eine Realität außer sich selbst, noch fungiert er als Spiegelung von subjektiver Einbildungskraft.[24]

Die Halluzinatorik ist ein Aushalten, das Verharren in einem sprachimmanenten Raum. Es wird eine Eigenwelt geschaffen, die ermöglicht, durch die Historizität des Sprachmaterials, auf die sinnlich wahrnehmbaren Dinge der Welt um uns herum zu verweisen und gleichzeitig diese nicht präzise zu betiteln und mit Bedeutung aufzuladen, so dass Raum für Illusionen geschaffen wird.[25]

[...]


[1] Youn-Suk Hwang: Textästhetik bei Helmut Heißenbüttel. Frankfurt am Main 2003, S. 5 (fortan: T)

[2] T: S. 25

[3] Helmut Heißenbüttel: Über Literatur. München 1970, S. 9 (fortan: ÜL)

[4] Helmut Heißenbüttel: Text oder Gedicht? In: Textsorten und literarische Gattungen. Dokumentation des Germanistentages in Hamburg vom 1. – 4. April 1970. Hrsg. von: Vorstand der Vereinigung der deutschen Hochschulgermanisten. Berlin 1983, S. 11 (fortan: Text oder Gedicht?)

[5] T: S. 12

[6] Michael Klett: Heißenbüttel in Stuttgart. In: Schrift écriture geschrieben gelesen. Hrsg. von Christina Weiss. Stuttgart 1991, S. 8

[7] Heißenbüttel erläutert das „Grundmodell“ wie folgt: „Dieses Grundmodell besagt, dass die sprachliche Auseinandersetzung mit der Welt unter der Voraussetzung geschieht, dass es immer etwas gibt, auf das alles sich bezieht und etwas anderes, das diesem Bezugspunkt gegenübersteht, beides aber in Form von Aktions- und Verhaltensweisen miteinander verwunden ist.“ (ÜL: S. 208)

[8] ÜL: S. 211

[9] H. H.: Eugen Gomringer: Worte sind Schatten, Die Konstellationen 1951-1968. Reinbek bei Hamburg 1969, S. 13

[10] T: S. 14

[11] ÜL: S. 193

[12] ÜL: S. 193

[13] T: S. 24 f.

[14] T: S. 30

[15] Text oder Gedicht? S. 5

[16] ebd. S. 7

[17] ebd. S. 19 f.

[18] Helmut Heißenbüttel: Anmerkungen zur konkreten Poesie. In: Was will Literatur? Band 2: Von 1918-1973. Hrsg. von: Josef Billen und Helmut H. Koch. Paderborn 1975, S. 285

[19] Helmut Heißenbüttel dazu in der Einleitung von H. H.: Eugen Gomringer: Worte sind Schatten, Die Konstellationen 1951-1968. Reinbek bei Hamburg 1969, S. 17: „Konkrete Poesie hat sich seitdem über weite Gebiete verbreitet, sie hat ihrerseits ein Programm entwickelt und ist eine Richtung geworden. [...] Ich selber [...] habe mich nie damit identisch gefühlt und passe auch im strengen Sinne, so meine ich, nicht dahinein.“

[20] Heißenbüttel/Vormweg: Briefwechsel über Literatur. Berlin 1969, S. 29 (fortan: BWL)

[21] T: S. 49

[22] Helmut Heißenbüttel: Kriterien für den Begriff des Gedichts im 20. Jahrhundert. S. 777

[23] ÜL: S. 187

[24] T: S. 90 f.

[25] T: S. 91

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Helmut Heißenbüttel. Emotion zwischen Tradition und Innovation
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V441065
ISBN (eBook)
9783668795396
ISBN (Buch)
9783668795402
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Helmut Heißenbüttel, konkrete Poesie
Arbeit zitieren
Mirjam Bäcker (Autor), 2017, Helmut Heißenbüttel. Emotion zwischen Tradition und Innovation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441065

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Helmut Heißenbüttel. Emotion zwischen Tradition und Innovation



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden