Neuer, schneller, sensationeller. Warum Politik und Bürger im Kampf um Aufmerksamkeit nur verlieren können


Essay, 2006
7 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Es ist Samstag Abend, 20.15 Uhr. Zur besten Sendezeit hat sich ganz Deutschland vor den Fernsehern versammelt, ausgestattet mit Chips und Popcorn lassen sich die passiven Bürger der Demokratie mit Namen Bundesrepublik Deutschland in ihren Sesseln zurück sinken und fiebern dem Show-Event des Jahres entgegen. In greifbarer Nähe liegt bereits das Telefon, es ist zum letzten Überbleibsel politischer Partizipation geworden, der Fernseh-TED ersetzt den Gang zur Wahlurne.

Zur selben Zeit taucht gleißendes Scheinwerferlicht die riesige Bühne des Fernsehstudios in nahezu unwirkliches Licht, Laserblitze zucken, auf einer Großbildleinwand sind die schönsten Bilder aus den Shows der letzten Monate zu sehen. Die Zuschauer jubeln und toben, als der auf Hochglanz getrimmte Moderator erscheint und verkündet: „Liebe Zuschauer hier im Studio und zu Hause an den Bildschirmen, dies heute ist ein ganz besonderer Abend! Nach mehreren Monaten, in denen sich unsere Kandidaten bei den verschiedensten Aufgaben bewähren mussten, fällt heute die Entscheidung. Sie können live dabei sein und Ihre Stimme abgeben. Machen Sie mit, lassen Sie Sich diese Chance nicht entgehen, bestimmen Sie, wer Deutschlands neuer Bundeskasper...“ – irritiertes Schweigen im Studio, der Moderator wirkt verwirrt, doch schon löst sich alles in wohlgefälliges Gelächter auf – „...äh ich meine natürlich Bundeskanzler wird! Erleben Sie nun mit mir den Einzug der Gladiatoren!“

Unter lautem Klatschen und den Klängen von Robbie Williams’ eigens für diesen Anlass umgeschriebenem Song „Let me politain you“ erscheinen die beiden Kandidaten, die es bis ins Finale geschafft haben, auf der Bühne. Sofort geht ein Raunen durch den Saal, die Zuschauer recken ihre Hälse, einige stehen auf, um ja keinen Blick auf die Personen im Mittelpunkt des Interesses zu verpassen. Sofort beginnen auch die Diskussionen vor den Fernsehschirmen: Ist das wirklich die Naturhaarfarbe vom Gerd, oder hat er etwa...? Passt Angies knallroter Lippenstift zu ihrem grasgrünen Blazer? Und überhaupt, seit wann trägt sie Lippenstift? Wird es ein Vorteil sein, das Gerd seine Frau mitgebracht hat, während Angies Mann das Spektakel zu Hause vor dem Fernseher verfolgen will?

So kurz vor dem Ziel sind sie nun, beide wünschen sich nichts sehnlicher als den Hauptgewinn: ein Dauer-Abo auf Auftritte bei Sabine Christiansen, eine eigene Kolumne in der Bild-Zeitung, als Sahnehäubchen gibt es das größte Büro im Bundeskanzleramt mit herrlichem Blick über die Spree dazu, und ab und an darf sogar ein bisschen Regierung gespielt werden. Nur noch einige letzte Aufgaben sind zu bewältigen, dann entscheidet sich, wen die Zuschauer zum besten Politainer des Landes wählen...

Bundestags- beziehungsweise doch eher Bundeskanzlerwahlen im Jahr 20xx? Natürlich, ein überspitzt dargestelltes Szenario, das bestenfalls an die altrömische Brot-und-Spiele-Tradition und im schlimmsten Fall an die orwellsche Vorstellung von Big Brother, der im Hintergrund die Fäden zieht und alle Akteure nach seinem Willen manipuliert, erinnert. Dennoch ist eine nüchternere Betrachtungsweise dieser Vorgänge unter dem Namen „Bühnenmodell“ in der Kommunikations- und der Politikwissenschaft durchaus geläufig.

Gemäß den Annahmen des Bühnenmodells werden die Bürger des Staates als durchweg passives Publikum angesehen, dass die Geschehnisse, die sich ihm darbieten, beobachtet, ohne in sie eingreifen zu wollen oder zu können. Scheinbar aktiv fungieren im Gegensatz dazu die Politiker auf der großen Bühne der neuen, glitzernden Politainment-Welt, doch sind auch sie in Wirklichkeit nur Marionetten, die von einem hinter der Bühne verborgenen Regisseur gesteuert werden, der weder für die Passiv-Bürger noch für die Politik-Darsteller selbst sichtbar ist. Die Medien als geheime Steuerungsmacht? Deuten die Zeichen auf eine solche Entwicklung hin, oder bietet Politainment vielleicht doch wertvolle Chancen und Vorteile, wie manch einer insistiert?

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob die unbestreitbare Annäherung von Politik und Medien, die es zunehmend erschwert, eine Grenze zu ziehen zwischen unterhaltender Politik und politischer Unterhaltung, das Leben für Politiker und Bürger erleichtern würde. Hat die Politik dadurch doch ein Stück weit ihr staubtrockenes Image verloren, wodurch es ihr gelingt, sich als typischer Bestandteil des täglichen Lebens zwischen „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ und „Deutschland sucht den Superstar“ zu etablieren und somit ihre Zielgruppen zu erweitern. Und auch der Bürger muss sich nicht mehr zwangsläufig zwischen Unterhaltung und Information entscheiden, ist die Sparte vom Entertainment übers Infotainment bis hin zum Politainment in den vergangenen Jahren doch erstaunlich breit geworden. Schließlich, und für diese Entwicklung vielleicht am Wichtigsten, profitieren auch die Medien, denen dieser Trend im Moment Einschaltquoten und Werbeeinnahmen bringt und die deshalb den Weg von der drögen Parlamentsberichterstattung hin zur Ubiquität des Quasi-Politischen weiter gehen werden.

Doch was passiert, wenn die Bürger die Politik nur noch als eine Soap-Opera mehr wahrnehmen? Wenn sie nicht mehr in der Lage sind zu differenzieren zwischen Politik und purer Unterhaltung? Wenn die Herstellung allgemein verbindlicher Regeln und Entscheidungen bestenfalls zum Abfallprodukt der Mediendemokratie wird? Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass die Mediatisierung der Politik für alle Beteiligten nur Nachteile birgt.

So ist unbestreitbar, dass sich die dem politischen System zugrunde liegende Funktionslogik deutlich von der des Mediensystems unterscheidet. Geht es in einem ausdifferenzierten, hochkomplexen politischen System wie jenem der Bundesrepublik Deutschland um Kompromissfindung innerhalb der Koalitionen und des Bundestages sowie zwischen dem Bund und den einzelnen Ländern, ist der Prozesscharakter untrennbar mit politischen Entscheidungen verbunden, so lässt sich dies nur schwer mit den Selektions- und Präsentationsregeln der modernen Massenmedien vereinbaren. Ereignisse müssen einen möglichst hohen Nachrichtenwert aufweisen, also möglichst viele Nachrichtenfaktoren wie etwa Prominenz, Personalisierung oder Negativismus in möglichst hoher Dosierung auf sich vereinen, um als berichtenswert auserkoren zu werden. Endlich aus der Nachrichtenflut gefischt und zum medientauglichen Thema geadelt, werden die einmal identifizierten Nachrichtenfaktoren in der Berichterstattung besonders stark akzentuiert, um das Interesse des Publikums zu wecken.

Die Folgen: Um in den Medien präsent zu sein und somit eine Chance darauf zu haben, sich dem Bürger zu präsentieren und dem politischen Gegner ein paar wertvolle Prozentpunkte abzuknöpfen, unterwirft sich die Politik immer stärker den Regeln des Mediensystems. In vorauseilendem Gehorsam wird vereinfacht, verknappt, zerstückelt, dramatisiert, personalisiert und visualisiert was das Zeug hält, auch auf die Gefahr hin, dass politische Entscheidungsprozesse in der Darstellung zerrissen werden und somit als Ganzes nicht mehr verständlich sind, nur um den Medien leicht konsumierbare, für die Rezipienten schon mundgerecht gefertigte Häppchen zu liefern. Die Wirklichkeit wird beschönigt so gut man nur kann, Ereignisse wie Pressekonferenzen oder Parteitage werden für die Medien in Aufbau und Abläufen so stark verändert, bis sie kaum noch als solche erkennbar sind, teilweise werden „Events“ ausschließlich zu dem Zweck, die Medien zur Berichterstattung zu bewegen, ins Leben gerufen. Der Begriff der instrumentellen Inszenierung, geprägt durch den Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger, ist zum allgegenwärtigen, in schöner Regelmäßigkeit zu beobachtenden Phänomen geworden.

Oft sind Argumente zu hören, wonach eine Komplexitätsreduktion durch Selektion und verstärkte Anschaulichkeit dringend notwendig ist, um den Bürgern den Zusammenhang zwischen der Politik und ihrer eigenen, alltäglichen Lebenswirklichkeit zu verdeutlichen. So präsentieren die Medien Stereotype, die beim Bürger aufgrund der vielen auf ihn einstürmenden Informationen und Möglichkeiten noch einmal reduziert werden – nichts anderes meint Walter Lippmann mit seiner Unterscheidung zwischen der „world outside“ und den „pictures in our head“. Doch was, wenn diese Bilder kaum noch etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben? Wenn dabei ein auf Äußerlichkeiten fixiertes Gute-Laune-Bild entsteht, welches den Problemen, den Anforderungen und dem Bedeutungsgehalt politischer Entscheidungen nicht mehr gerecht wird?

Es kann nicht geleugnet werden, dass durch Politainment Themen in den öffentlichen Raum gestellt werden und eine gewisse Anschlusskommunikation durchaus auch stattfindet. Doch haben in den letzten Jahren Diskussionen über die Wandlungen im äußeren Erscheinungsbild Angela Merkels oder die (Natur?)Haarfarbe Gerhard Schröders oftmals deutlich höhere Wogen geschlagen als der Meinungsaustausch über den Umbau des Gesundheitssystems. Doch ist dies schon ausreichend, um qualitätsvolle öffentliche Meinung entstehen zu lassen? Die Vermutung liegt nahe, dass durch solcherlei Kommunikation die Anforderungen, die Jürgen Habermas in seinem Diskursmodell an eine kritische Öffentlichkeit stellt, noch nicht erfüllt sind.

Aber nicht nur die politische Klasse an sich wird instrumentalisiert, auch für den Staat und seine dringlichsten Probleme droht Gefahr. Denn zunehmend bestimmt nicht mehr die Politik die Wichtigkeit der einzelnen Punkte auf der langen Liste zu treffender Entscheidungen, ersetzt wird diese Funktion durch das massenmediale Agenda Setting. Immer öfter sind es die Medien, die bestimmen, welche Themen zu einem bestimmten Zeitpunkt regelrecht hochgespielt werden und somit die Wahrnehmung der Bürger dominieren. Dadurch wird die Politik zum Handeln in eben diesen Bereichen gedrängt, wobei schnelle, möglichst sofort sichtbare Ergebnisse erwartet werden. Langfristige Problemlösungen haben keine Chance, denn genauso unvermittelt, wie die Themen aufgekommen sind, sind sie oftmals auch schon wieder in der Versenkung verschwunden. Das Modell der Themenkarrieren nach Niklas Luhmann verdeutlicht diesen nahezu unausweichlichen Vorgang. Der Politik wird deshalb die Möglichkeit genommen, ihr eigenes Reformtempo zu finden und Probleme gemäß ihrer Dringlichkeit und nicht gemäß ihrer Medienpräsenz abzuarbeiten. Dies könnte nach sich ziehen, dass die Probleme des Staates nicht mehr adäquat gelöst werden können, da niemand sich mehr die Zeit nimmt, Probleme zu identifizieren, zu definieren und einzig und allein gemäß der dazu passenden Strategie zu bewältigen.

Alles deutet somit auf einen Verlust an Definitionsmacht im ganz großen Stil hin. Natürlich, die Medien sind ein wichtiges Element in einer Demokratie, dienen sie doch der Kontrolle und dem kritischen Hinterfragen von Politik sowie der Anprangerung von Missständen, und niemand würde ernstlich fordern wollen, freie, unzensierte Medien abzuschaffen oder unter staatliche Observation zu stellen. Doch kontrollieren die Medien noch die Politik, oder determinieren sie sie schon? Sind sie von der vielfach so bezeichneten „Vierten Gewalt“ mittlerweile zur ersten Gewalt im Staat geworden, der sich die politische Klasse unterordnen muss, wenn es überhaupt eine Chance haben will in dieser Kakophonie der Meinungen, Ereignisse und Inszenierungen?

[...]

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Neuer, schneller, sensationeller. Warum Politik und Bürger im Kampf um Aufmerksamkeit nur verlieren können
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar Demokratie und Öffentlichkeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
7
Katalognummer
V441173
ISBN (eBook)
9783668794924
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politisches System, Medien und Politik, Massenmedien, Politikberichterstattung, Politainment, Mediatisierung, Öffentlichkeit, Demokratie
Arbeit zitieren
Kirsten Petzold (Autor), 2006, Neuer, schneller, sensationeller. Warum Politik und Bürger im Kampf um Aufmerksamkeit nur verlieren können, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441173

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