Warum sollte der Iran nach Atomwaffen streben? Neorealistische, Liberalistische und konstruktivistische Perspektiven


Hausarbeit, 2016
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Literaturbericht

1. Neorealismus nach Kenneth Waltz

2. Interdependenzansatz nach Keohane und Nye
2.1. Die komplexe Interdependenz

3. Konstruktivismus nach Alexander Wendt
3.1. Die Identität
3.2. Die internationale Struktur

4. Das iranische Atomprogramm
4.1. Neorealismus: Die regionale Ordnung als Bedrohung für das überleben Teherans?
4.1.2. Das Nuklearabkommen aus neorealistischer Perspektive
4.2. Der Interdependenz- Ansatz: Sanktionen als Konsequenz asymmetrischer Verwundbarkeitsverteilung?
4.2.1. Sensibilitätsanalyse und Vulnerabilitätsanalyse des Irans
4.2.2. Interessenkonflikt zwischen ökonomischen Kräften und militärischer Macht? - Die komplexe
Interdependenz
4.3. Iran- Ein Schurkenstaat? Eine konstruktivistische Analyse der iranischen Identität
4.3.1. Rollen- und Typenidentität der islamischen Republik
4.3.2. Vom Schurkenstaat zum anerkannten Verhandlungspartner?

5. Zwischen den Perspektiven

Literaturverzeichnis

Einleitung

?Iran seeks constructive engagement with other countries based on mutual respect and common interest“[1] Mit dieser Aussage wandte sich der derzeitige Präsident des Irans Hassan Rouháni 2013 an die Weltöffentlichkeit. Er spricht dabei über das Atomabkommen zwischen dem Iran und den Großmächten Russland, China, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und nicht zuletzt den Vereinigten Staaten. Der Nukleardeal ist ein Meilenstein in der Beilegung des seit 13 Jahren andauernden Konfliktes um das iranische Nuklearprogramm. Teheran wurde mehr als ein Jahrzehnt lang unterstellt, nach Atomwaffen zu streben, was seit den Erfahrungen der zwei Weltkriege und dem Kalten Krieg mithilfe des Nonprofilerationsvertrages eingedämmt werden sollte. Die Forschungsfrage konstituiert sich aus diesem Konflikt: Warum sollte der Iran nach Atomwaffen streben und wie kam es zur Einigung über den Konflikt? Um diese Krise zu untersuchen werden drei verschiedene Ansätze der Theorien der internationalen Beziehungen betrachtet. Dabei wird der Neorealismus von Kenneth Waltz, der Interdependenzansatz von Robert o. Keohane und Joseph Nye sowie die konstruktivistische Theorie Alexander Wendts auf die außenpolitische Strategie des Irans in Bezug auf das Streben nach einer Nuklearwaffe angewandt. Die einzelnen Ansätze werden unter verschiedenen Gesichtspunkten diskutiert und in einem abschließenden Resümee soll deren Erklärungskraft miteinander verglichen werden.

Literaturbericht

Die Literatur in den Theorien der internationalen Beziehungen ist vielschichtig und umfangreich. Zu den großen Strängen der internationalen Beziehungen gehören der Realismus, der Liberalismus und der Konstruktivismus. Die neorealistische Strömung wird durch das Hauptwerk des Wissenschaftlers Kenneth Waltz ?Theory of international politics“ (1979) angeführt. Das Werk ist eine gelungene Einführung zur Orientierung und zum Erlangen von Basiswissen zum Neorealismus. Die Theorie der Interdependenz wird hauptsächlich in dem Werk ?Power and Interdependence“ (1977) von Robert o. Keohane und Joseph Nye entwickelt. Während der Ansatz der Interdependenz dort noch sehr schwammig bleibt und keine vollständige Theorie entwickelt wird, münden die Grundannahmen des Interdependenzansatzes in ?After Hegemony“ (1984) von Keohane in einer vollständigen Theorie zur Kooperation in internationalen Regimen. Widmet man sich in der internationalen Politik den konstruktivistischen Analysen, so gilt Alexander Wendt als einer der Pioniere. In vielerlei Aufsätzen wie ?Constructing International Politics“ (1995“) oder ?Anarchy is what States make of it“ (1992) diskutiert er die Ansätze anderer Politikwissenschaftler und entwickelt konstruktivistische Perspektiven auf die internationalen Beziehungen, die er in seinem Hauptwerk ?Social Theory of International Politics“ (1999) zusammenträgt. Das Werk ist sehr ausführlich, Wendt greift auf die verschiedensten Theorien zurück, ob Politikwissenschaft, Psychologie oder Soziologie und diskutiert gleichzeitig vor allem den Neorealismus und dessen Schwächen. Zur Analyse des Irans und dessen Nuklearstrategie können einige Werke empfohlen werden. Die Monografie ?Konfrontation und Kooperation“ (2009) von Marcus Menzel eignet sich gut, um ein Verständnis für den Konflikt zwischen den USA und dem Iran zu erlangen. Zudem analysiert das Werk Details zum Konflikt mit dem Nonprofilerationsvertrag und den darauffolgenden Initiativen seitens der BRD und der USA. Um den Iran und dessen Gesellschaft zu untersuchen eignen sich die Werke ?Iran“ (2015) von Walter Weiss und das Sammelwerk ?Iran, die Bombe und das Streben nach Sicherheit“ (2014) von Andreas M. Bock. Aktuelle Informationen und interessante Aufsätze findet man unter anderem auf den Intemetseiten des ?Middle East Institute“, des ?Chathamhouse“ und in den Beiträgen der Zeitschrift ?Foreign Affairs“.

1. Neorealismus nach Kenneth Waltz

Der Realismus als Theorie der internationalen Beziehungen entstand Mitte des 20 Jahrhunderts vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges und dem stalinistischen Terror. Er brach mit der vorherrschenden Denkweise des Idealismus und etablierte eine neue Sichtweise auf die Weltordnung.[2] Die klassische realistische Betrachtungsweise arbeitet mit den harten Fakten der Macht- und Realpolitik.[3] Der wichtigste Vertreter des klassischen Realismus, Hans Morgenthau, unterstellt dem Menschen ein unermüdliches Machtstreben und postuliert damit, dass Machterhalt- und Machtmaximierung vor allem im internationalen System dominierende Interessen sind.[4] Das internationale System soll anarchisch aufgebaut und einem ständigen Kampf um die zwischenstaatliche Verteilung um Macht ausgesetzt sein.[5] Mit den Grundannahmen dieser Theorieschule haben sich weitere Wissenschaftler beschäftigt. Im kritischen Umgang und unter dem Gesichtspunkt der zunehmenden Globalisierung in den 70er Jahren wurde eine Fortentwicklung der Grundthesen kreiert. Der sogenannte defensive Neorealismus entwickelt den Gedanken von einem pessimistischen Menschenbild weg und versucht stattdessen zu hinterfragen, wie es zu Krieg und Konflikten im internationalen System kommt und wie stabile Phasen des Friedens und des Krieges etabliert werden.[6] Ein wichtiger Vertreter der neorealistischen Denkschule ist Kenneth Waltz. In seinem bedeutendem Werk ?Theory of International Politics“ greift er die Forschungsfragen des Realismus in systemtheoretischer Vorgehensweise auf und verweist immer wieder auf die Verknüpfung der Struktur des internationalen Systems und das außenpolitische Verhalten von Staaten als wechselseitiges Beziehungsgeflecht.[7] Waltz trägt ein ökonomisches Wissenschaftsverständnis, er geht davon aus, dass die agierenden Einheiten in der internationalen Politik Staaten sind, die rational agieren und grundsätzlich nach dem überleben streben:[8] ?I assume that States seek to ensure their survival.“[9] Das internationale System wird durch die Machtverteilung der Einheiten und durch deren Arrangement, die internationale Struktur, definiert. Die Einheiten sind die Akteure des internationalen Systems, nämlich einzelne Staaten. Nach Waltz müssen die innenpolitischen Entscheidungsprozesse der Staaten nicht betrachtet werden, um das internationale System und dessen Struktur miteinander in Beziehung zu setzen.[10] Waltz arbeitet heraus, dass sowohl die Akteure die Struktur beeinflussen als auch die internationale Struktur die einzelnen Einheiten. ?Structure affects behavior within the system, but does so indirectly. These affects are produced in two ways: through socialization of the actors and through competition among them.“[11] Aus diesen beiden Konditionen ergibt sich das internationale System, das in Anlehnung an realistische Theorien als ?decentralized and anarchic“[12] gilt. Anarchie ist nach Waltz nicht als Chaos zu verstehen, sondem es fehlt eine übergeordnete Instanz mit bindender Entscheidungswirkung. Das internationale System besteht also nach Waltz aus den Staaten als Akteuren und der Struktur, die sich aus der Interaktion und Koexistenz der Staaten ergibt: ?International political systems, like economic markets, are formed by the coaction of self- regarding units. (...] Structure emerges from the coexistence of states.“[13] Im nächsten Schritt erklärt der Theoretiker, wie die sogenannten ?units“[14] für die Systemtheorie charakterisiert werden: ?States are the units whose interactions form the structure of international political systems.“[15] Transnationale Institutionen werden nicht betrachtet, da diese grundsätzlich nicht dasselbe Potenzial wie eine Großmacht entwickeln können, gleichzeitig sind sie verglichen mit Staaten nicht langfristig überlebensfähig.[16] Den Akteuren wird nun eine gewisse Art der Souveränität unterstellt.

Diese Souveränität, meint nicht die völlige Absenz von Abhängigkeit, sondern: ?means that it decides for itself how it will cope with its internal and external problems, including whether or not to seek assistance from others and in doing so to limit its freedom by making commitments to them.“[17] Aber wie können sich Staaten unterscheiden, wenn man von einer grundsätzlichen Souveränität ausgeht und man Staaten als ?Black Boxes“ betrachtet? Trotz der unterschiedlichen inneren Ausgestaltung von Staaten bleiben die Funktionen von Staaten in einem anarchischen System gleich. Das, was die Staaten voneinander unterscheidet, sind allein unterschiedliche ?Capabilities“[18] also Fähigkeiten oder Potenziale und nicht die funktionale Differenzierung.[19] Die Struktur des internationalen Systems wandelt sich also durch Veränderungen der Verteilung von Machtpotenzialen der Einheiten.[20] Gleichzeitig wirken Strukturveränderungen auch auf die Erwartungshaltungen über das Verhalten der Einheiten und über: ?the outcomes their interactions will produce.“[21] Diese Verteilung der Potenziale im internationalen System darf nach Waltz aber nicht als Eigenschaft der Einheiten aufgegriffen werden, und es sollen keine Ideologien oder Regierungssysteme miteinbezogen werden, da es nur um die Möglichkeiten zur Selbsthilfe und damit hauptsächlich um militärische und ökonomische Mittel geht.[22] Da das internationale System ein Selbsthilfesystem ist, wird jede Einheit eine gewisse Anstrengung aufwenden, um sich selbst zu beschützen.[23] Werden Staaten dann mit einer Situation, in der Kooperieren möglich wäre, konfrontiert, fragen diese sich stets, wie der Gewinn aufgeteilt werden soll. Und weil Staaten mit der Angst leben müssen, dass andere Parteien ihre Existenz bedrohen werden, sind sie nicht daran interessiert einen relativen Gewinn durch Kooperation einzunehmen. Auch ein absoluter Gewinn für beide Parteien wird nicht realisiert werden, da die Unsicherheit über die zukünftigen Intentionen und Aktionen die Kooperation schwächt.[24] In any self-help system, units worry about their survival and the worry conditions their behavior.“[25] ökonomische Interessen sind dabei zweitrangig: ?In a self-help system, considerations of security subordinate economic gain to political interest.[26]

Waltz‘ Theorie mündet in der Annahme der ?Balance of Power Politics“, die sich aus den Gegebenheiten des internationalen Systems ergibt und damit die Politik der internationalen Beziehungen bestimmt: ?Balance of Power politics prevail wherever two, and only two, requirements are met: that the order be anarchic and that it be populated by units wishing to survive.”[27] Balancing ist im internationalen System das vorrangig genutzte Mittel um die eigene Position im System beizubehalten, in dem Machtpotenziale anderer durch das eigene Aufrüsten bzw. Erstarken der Machtpotenziale ausgeglichen werden sollen.[28] Dem entgegen steht das sogenannte ?Bandwagoning“,[29] also auf den fahrenden Zug aufspringen, kooperieren. Dieses trägt Risiken mit sich, nämlich dass andere Staaten stärker werden und die Existenz der kleineren bedrohen.[30] Auch wird angenommen, dass sich kleine Staaten eher mit kleineren zusammenschließen als mit Großmächten, da die Großmächte weitaus existenzbedrohlicher sind.[31] Die Form der Kooperation in Allianzen wird nach Waltz nur gewählt, wenn Staaten ein Interesse teilen: “If states have some but not all their interests in common, the common interest is ordinarily a negative one: fear of other states.”[32] Internationale Systeme können aufgrund der Verteilung von Machtressourcen drei verschiedene Formen annehmen: Unipolarität, Bipolarität und Multipolarität. Ein multipolares internationales System ist nach Waltz instabil und führt zu Konflikten, da Bündnisse sich schnell verändern können. In einem bipolaren System sind die eigenen Positionen und Bündnisse und die Gefahren klar, was das Konfliktpotenzial der kleineren Staaten reduziert.[33] Unipolarität wird nicht in seinem Hauptwerk diskutiert, in späteren Erscheinungen beschreibt er den Zustand jedoch als sehr instabil.[34]

Das pessimistische Bild des Neorealismus war lange Zeit vorherrschend in den Theorien der internationalen Beziehungen. Trotz vieler neuer Ansätze und auch konträrer Ideen konnte der Neorealismus nie gänzlich widerlegt werden und aktuelle außenpolitische Entwicklungen sowie neue Konflikte lassen oft die Frage aufkommen, ob der Ansatz nicht wieder an Aktualität gewinnt.

2. Interdependenzansatz nach Keohane und Nye

Mitte des 20 Jahrhunderts wurde durch die zunehmende Welthandelspolitik und internationalen Währungspolitik die internationale Verflechtung als wissenschaftlicher Gegenstand unter Wirtschaftswissenschaftlern und auch Politikwissenschaftlern immer beliebter.[35] Dabei wird die Interdependenz internationaler Beziehungen in den Forschungsmittelpunkt gerückt. Die Interdependenz gilt als eine Veränderung der internationalen Struktur, da durch sie die Handlungsfähigkeit nationaler Staaten beschränkt wird. Mittels der Theorien sollen geeignete politische Instrumente gefunden werden, um auf diesen fortschreitenden Wandel angemessen zu reagieren.[36] Robert o. Keohane und Joseph s. Nye konzeptualisierten mit ihrem Werk Power and Interdependence von 1977 die Interdependenz in den Theorien der internationalen Politik maßgeblich. Jedoch gilt der Interdependenzansatz in der Literatur nicht als vollständige Theorie der internationalen Beziehungen, sondem als Analyseinstrument der zunehmenden Verflechtungen im Weltsystem und ist Vorläufer des Regimeansatzes von Robert Keohane. Die Grundannahmen der Wissenschaftler werden jedoch als relevant eingeschätzt und sollen folgend erörtert werden. Zunächst ist eine Begriffsdefinition von Interdependenz nach Keohane vorzunehmen. Damit Verbundenheit und Interdependenz nicht gleichgesetzt werden, grenzen die Autoren die einfache Abhängigkeit von der Interdependenz ab:

?In common parlance, dependence means a state of being determined or significantly affected by external forces. Interdependence most simply defined, means mutual dependence. Interdependence in world politics refers to situations caracterized by reciprocal effects among countries or among actors in different countries.“[37]

Interdependenz ist also eine gemeinsam erlebte Abhängigkeit, die durch übergreifende Effekte zwischen Staaten gekennzeichnet ist. Interdependente Transaktionen sind durch Transaktionskosten gekennzeichnet, die vor allem dadurch anfallen, dass Autonomie beschränkt wird, eine Anpassungsleistung erfolgen muss und insgesamt ein gemeinsamer Nutzen gezogen werden kann.[38]

Es gibt zwei Konzepte, die die Transaktionskosten, die durch Interdependenz anfallen, definieren: ?Sensitivity und Vulnerability.“[39] Sensibilitätskosten, sind die Kosten, die bei Staat A anfallen, wenn Verändemngen in Staat ? auftreten, und keine Gegenreaktion erfolgt: ?Sensitivity involves degrees of responsiveness within a policy framework- how quickly do changes in one country bring costly changes in another, and how great are the costly effects?“[40] Diese Kosten können sowohl politisch, sozial als auch ökonomisch sein.[41] Unter Verwundbarkeit (Vulnerability) verstehen Keohane und Nye die Höhe der Kosten durch die Veränderung in Staat B, die trotz Gegenreaktionen eines Staates A bei diesem Staat A entstehen. Es verändern sich die politischen Rahmenbedingungen, da Alternativen und Anpassungsleistungen erbracht werden bzw. in Betracht gezogen werden.[42] Hier ist eine strategische Dimension beinhaltet, da unter anderem staatliche Akteure Konzepte entwickeln müssen, die ihre Fähigkeiten und Kosten sowie Alternativen miteinander vergleichen, um ihren Nutzen zu maximieren oder die Möglichkeit eröffnen Einfluss auf andere zu üben.[43] Macht bzw. Stärke spielen eine große Rolle um die Möglichkeiten der Staaten in interdependenten Beziehungen zu fassen. Macht ist hier sowohl die Möglichkeit eines Akteurs andere zu seinem Willen zu zwingen, als auch die Kontrolle über das Ergebnis politischer Entscheidungen und ]Handlungen.[44] Im internationalen System entsteht Macht vor allem in Beziehungen mit asymmetrischer Verwundbarkeitsverteilung. Da also erst die Verwundbarkeit etwas über die Macht von Staaten aussagt, gilt: ?Sensitivity interdependence is less important than vulnerability.“[45] Keohane und Nye entwerfen auf diesen Annahmen aufbauend das Konzept der komplexen Interdependenz. Sie treffen die Aussage, dass dieses Konzept simultan zum Realismus ein idealistisches Konzept ist, und sowohl der Realismus-Ansatz, als auch der komplexe Interdependenzansatz situativ Erklärungskraft besitzen.[46]

2.1. Die komplexe Interdependenz

Diese erste Annahme der komplexen Interdependenz widerlegt die Annahme von Staaten als kohärente Akteure: ?Multiple channels connect societies“:[47] Informelle Beziehungen zwischen governementalen Eliten, zwischen nongovernementalen- Eliten, transnationalen Organisationen wie multinationale Banken und Konzernen formen den politischen Entscheidungsprozess und auch die außenpolitischen Handlungen. Die zweite Annahme der Interdependenzanalysten ist, dass die Agenda der zwischenstaatlichen Beziehungen aus vielen verschiedenen Themen besteht, die in keiner Hierarchie angeordnet sind.[48] [49] Es können sowohl variierende ökologische, soziale als auch ökonomische Anliegen die Agenda bestimmen. Unter der letzten Annahme zur komplexen Interdependenz fassen die Autoren, dass militärische Einsatzkräfte nicht von Regierungen gegenüber anderen Regierungen eingesetzt werden, sobald komplexe Interdependenz vorherrscht. [49] Militärische Stärke ist zwar ein Instrument um das überleben zu sichern, jedoch wird davon ausgegangen, dass die Bedrohungsperzeption zwischen Staaten nachgelassen hat und totale Kriege aufgrund von Abhängigkeiten vermieden werden. Zudem sind militärische Kräfte mit enormen Kosten und unkalkulierbaren Risiken verbunden. Deshalb wird Militär hauptsächlich zur Androhung genutzt, um Macht zu demonstrieren bzw. Einfluss zu gewinnen.[50]

Aus den Annahmen über die komplexe Interdependenz gibt es für die Wissenschaftler Keohane und Nye einen Entwicklungspfad, den das internationale System verfolgt: Da sich die Staaten ihrer Abhängigkeiten bewusst sind, und stets versuchen Transaktionskosten möglichst gering zu halten, wird davon ausgegangen, dass Kooperation und Koalition wirksame Instrumente sind, um Konflikte zu bearbeiten. Kooperation wird nicht automatisch etabliert da die Unsicherheit über Präferenzen der Anderen, Konflikte herbeiführt, gilt aber als mögliche Verringerung von Transaktionskosten. Die Analyse endet in der wachsenden Notwendigkeit internationaler Organisation: Institutionen bieten nach Keohane und Nye Interessenkanäle und Informationsplattformen für die politische Agenda, sie aktivieren potenzielle Koalitionen und bieten die Möglichkeit strategischer Kooperation.[51]

In der Interdependenz- Analyse werden Menschen und Staaten als rationale Kosten-Nutzen Kalkulatoren betrachtet. Aus dem Willen heraus ihren Nutzen zu maximieren und die Kosten zu verringern, gehen die Autoren davon aus, dass jeder Staat je nach seinen Möglichkeiten und Kapazitäten den Weg des geringsten Widerstandes wählt oder versucht durch strategisches Nutzen der Verwundbarkeitsverteilung Macht durchzusetzen. Während der Neorealismus davon ausgeht, dass Staaten keine relativen gemeinsamen Gewinne anstreben, aus Angst vor einem Erstarken des Partners, unterstellt der Interdependenzansatz, dass staatliche Akteure Nutzen aus Kooperation als Vorteil werten. Interstaatliche Kooperation ist so ein Unterschied beider Ansätze. Im Neorealismus ist Kooperation das letzte Mittel zur Selbsthilfe. In der Interdependenzanalyse sollte Kooperation ein gängiges Mittel sein um Kosten- Nutzenkalküle zu optimieren und im Ideal durch internationale Institutionen verankert werden. Zudem werden militärische Mittel im Neorealismus als äußerst wichtige Mittel von Staaten gewogen, wobei in der Interdependenzanalyse hauptsächlich Kosten, also sämtliche materiellen Mittel die internationalen Austauschprozesse bestimmen. Die Perspektiven der bisherigen Theorieschulen gehen von ökonomischen Zielen und dem Menschen als Kosten- Nutzen Kalkulator aus. Einen differenten Ansatz und eine divergierende Methodik bietet der jüngere Sozialkonstruktivismus.

[...]


[1] Hassan Rouháni in der Rede an die Vereinten Nationen 2013

[2] Vgl. Puglierin (2016): lana Puglierin, ״Realismus als IB- Theorie“, in: Wichard Woyke u. Johannes Varwick (Hgg), Handwörterbuch internationale Politik, Bonn, 394H01.: 394

[3] Vgl. Puglierin 2016: 394

[4] Vgl. ebd.: 394

[5] Vgl. ebd.: 397

[6] Vgl. Sülömig 2012: Niklas Sülömig, ״Realismus“, in: Michael Staack (Hg), Einführung in die Internationale Politik. Studienbuch, München, 65—96.: 65f

[7] Vgl. ebd.: 66

[8] Vgl. Waltz 2007: Waltz (2007): Kenneth N. Waltz, Theory of international politics, Boston.: 91

[9] Ebd.: 91

[10] Vgl. ebd.: 72

[11] Ebd.: 74

[12] Ebd.: 88

[13] Ebd.: 91

[14] Ebd.: 91

[15] Ebd.: 95

[16] Vgl. ebd.: 95

[17] Ebd.: 96

[18] Ebd.: 96

[19] Vgl. ebd.: 97

[20] Vgl. ebd.: 97

[21] Ebd.: 97

[22] Vgl. ebd.: 98

[23] Vgl. ebd.: 105

[24] Vgl. ebd.: 105

[25] Ebd.: 105

[26] Ebd.: 107

[27] Ebd.: 121

[28] Vgl. ebd.: 126

[29] Ebd.: 126

[30] Vgl. ebd.: 126

[31] Vgl. Ebd.: 127

[32] Ebd.: 166

[33] Ebd.

[34] Waltz 1993: Kenneth Waltz, ״The New World Order“,Journal of International Studies, V0122, N02: 188f

[35] Vgl. Spindler 2012: Manuela spindler, ״Interdependenz“, in: Michael Staack (Hg), Einführung in die Internationale Politik. Studienbuch, München, 97—130.: 182

[36] Vgl. Spindler 2012: 184

[37] Keohane/Nye (1977): Robert o. Keohane u. Joseph s. Nye, Power and interdependence, warid politics in transition, Boston.: 8

[38] Vgl. Keohane/Nye 1977: 9

[39] Ebd.: 12

[40] Ebd.: 12

[41] Vgl. Ebd.: 12

[42] Vgl. ebd.: 13

[43] Vgl. Keohane/ Nye 1977 : 16

[44] Vgl. ebd.: 11

[45] Ebd.: 14

[46] Vgl. ebd.: 24

[47] Ebd.: 24

[48] Vgl. ebd.: 26

[49] Vgl. ebd.: 26

[50] Vgl. Keohane/Nye 197729

[51] Vgl. ebd.: 35

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Warum sollte der Iran nach Atomwaffen streben? Neorealistische, Liberalistische und konstruktivistische Perspektiven
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Internationale Politik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
29
Katalognummer
V441187
ISBN (eBook)
9783668795570
ISBN (Buch)
9783668795587
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iran, USA, Neorealismus, Interdependenzanalyse, konstruktivismus, Wendt, Waltz, Atombombe, JCPOA, Nonproliferation
Arbeit zitieren
Helene Dötsch (Autor), 2016, Warum sollte der Iran nach Atomwaffen streben? Neorealistische, Liberalistische und konstruktivistische Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441187

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