Barock in der deutschen Gegenwartslyrik

Die Übertragung barocker Motive in ausgewählten Gedichten Jan Wagners


Term Paper, 2017
21 Pages, Grade: 1,0

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Gliederung

1. Einleitung

2. Zeitalter Barock
2.1 Themen des 17. Jahrhunderts
2.2 Merkmale und Motive der Barocklyrik

3. Jan Wagner und sein künstlerisches Schaffen

4. Jan Wagner: „houdini im spiegel“ aus: Achtzehn Pasteten (2007)
4.1 Zur Form
4.2 Analyse

5. Gedichtanalyse: Jan Wagner: giersch aus: Regentonnenvariationen (2014)
5.1 Zur Form
5.2 Analyse

6. Fazit

7. Bibliografie

8. Anhang

1. Einleitung

„Das Gedicht ist tot, wenn der Dämon es nicht lebendig macht.“ (Kolbe 2017)

Die Kritik am gegenwärtigen Lyrikkanon ist groß. Vor allem in der Gesellschaft zeigt sich eher größerer Unmut, wenn es um neuste, lyrische Werke geht: Ein denkbar schlechtes Image. Uwe Kolbe stellt in seiner Rede[1] das Potential moderner Lyrik gänzlich in Frage. Wenn wir uns daher einmal die traditionelle Dichtkunst aus dem 17. Jahrhundert genauer ansehen und sie mit zeitgenössischen Werken vergleichen, treffen wahrlich zwei Gegensätze aufeinander: Während die Lyrik der frühen Neuzeit, speziell des Barocks, von einer obligatorischen Regelpoetik geprägt ist, zeichnen sich die zeitgenössischen Gedichte dagegen vor allem durch Formfreiheit und Experimentierfreude aus. Waren Gedichte also früher besser, weil sie in der Strenge erst ihre Blüte entfaltet haben? Unter der Annahme, dass es möglich ist, zeitgenössisch hochwertige Gedichte zu schreiben, die wieder auf barocke Stilmittel zurückgreifen und alte Schreibkorsette anlegen, wird im Folgenden die Schreibkunst des modernen Lyrikers Jan Wagner genauer betrachtet. Wagner ist beliebt als Dichter, der nah an den Menschen ist, da man ihn, im Gegensatz zu seinen Kollegen, wieder verstehen kann. Seine Poetik wirkt erleichternd, weil sie nicht schwermütig ist. Es wird untersucht, ob und wie barocke Merkmale in seiner Dichtung auftauchen und wirken. Diese Arbeit befasst sich daher mit der zeitgenössischen Wiederkehr von Vorstellungen und Bildern der „Vergänglichkeit“ in den Gedichten Jan Wagners, wie sie in der Lyrik der Barockzeit entwickelt wurden. Um die Motivik näher einzuschränken, wird das zentrale Motiv der Antithetik näher betrachtet und an das Hauptmotiv, Vanitas („alles ist eitel“) angelehnt. Dazu werden zwei Gedichte aus verschiedenen Schaffenszeiten und Gedichtbänden, Achtzehn Pasteten (2007) und Regentonnenvariationen (2014), herangezogen. Um Kolbes Kritik entgegenzutreten, soll Jan Wagners Sammelband „Selbstporträt mit Bienenschwarm“, der beide Gedichte enthält, als beispielhafte Darstellung dafür dienen, wie Lyriker in einer Zeit ohne Leid, Krankheiten und Ängste in einer Mischung aus Tradition und Moderne, nach Kolbe, „dämonisch“ schreiben können. Meine Analyse soll sowohl die Aktualität der Thematik aufzeigen, als auch die Position der zeitgenössischen Dichter verdeutlichen. Diese Arbeit versucht, die Chancen und Grenzen der zeitgenössischen Dichtkunst exemplarisch durch Jan Wagner darzustellen und die Ansätze der Barockdichtung als auch die dichterische Originalität des Poeten aufzuzeigen.

2. Zeitalter Barock

2.1 Themen des 17. Jahrhunderts

Die Epoche des Barocks wurde von einem intensiven Lebensgefühl begleitet. Die Zeit zwischen dem frühen 17. und 18. Jahrhundert war von großen Krisen geprägt, die die Einstellungen der Menschen grundlegend verändert haben. Nicht nur ein aufkeimender Pessimismus, der dem Dreißigjährigen Krieg, Seuchen und Krankheiten geschuldet war, kennzeichneten die Prachtzeit. Zwischen der Renaissance und der Aufklärung entwickelten sich unerschöpfliche, kreative Kräfte und Prozesse. Ausgehend von den gesellschaftlichen Erschütterungen gestalteten sich Gegenreformationen, die sich in allen Lebensbereichen zeigten: Armut und Prachtentfaltung lagen nah aneinander, Krieg und Zerfall standen der Entfaltung und den Neubauten gegenüber. Lebensmut mit neuer Hoffnung und Todesängste durch Hungersnöte und Kriege wirkten dabei als enormer Kontrast. Diese historischen Einflüsse und die Werte der Gesellschaft lassen sich nicht nur in Geschichtsbüchern wiederfinden, auch die Künste spiegelten sie ununterbrochen wider. Daher übernahm auch die Lyrik, als literarische Gattung, Wertefunktionen und die Verantwortung für ein soziales Bewusstsein. Die gesamtgesellschaftliche Moral wurde mit Hilfe der künstlerischen Literatur vorgelebt: Sie sollte unterhalten und belehren (vgl. Lauer 2009:85).

2.2 Merkmale und Motive der Barocklyrik

Vor allem die barocke Dichtung sollte für die Gelehrsam- und Empfindlichkeit der Zeit repräsentativ wirken. Sie war vom Ideal des „gelehrten Dichters“ (Lamping 2011:27) geprägt: Eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Regeln für das Schreiben von Gedichten charakterisierte den künstlerischen Wandel. Verantwortlich für diese Tendenz war nicht zuletzt Martin Opitz (1597-1639), der Hebungen und Senkungen, also betonte und unbetonte Silben einführte. Obwohl nicht alle Regeln, die Opitz in seinem Buch von der deutschen Poetry als Norm ansetzte, auch übernommen wurden, setzte sich die Liebe zur Formalität durch, da die angegebenen Hebungen und Senkungen dem Rhythmus des Deutschen ähnlicher waren als die der romanischen Sprachen. (vgl. ebd.:54) Vor allem diese strenge Regelung zeigte die barocke Gelehrsamkeit, denn die meisten Dichter wünschten sich nicht nur richtungsweisende Leitlinien nach den Wirren des Krieges, sie hatten auch eine hohe akademische Bildung und konnten so mit strikten Vorgaben kreativ umgehen. Dichtung galt vor allem als „erlernbar“ (Rötzer 2011:56), was heute den Ansichten vieler Kritiker widerspricht. Uwe Kolbe, Lyriker und Autor, sieht in einem guten Gedicht vor allem innere Dämonen, die Masken ablegen und als innere Stimme auf den Künstler wirken und ihn vorantreiben. Externe Anreize wirken dann als zusätzliche Inspiration: Dämon und Muse arbeiten als Antreiber im Dichter (vgl. Kolbe 2017). Das Schreiben sei also viel eher affektiv und in gewisser Weise ungezähmter als das erlernte lyrische Korsett, in dem sich Worte von Gelehrten finden. In der Barockzeit galt Gut und Böse durch den Einfluss des Christentums schon als Widerspruch, und so wurden bestimmte Ausdrucksformen und Möglichkeiten der Kunst verdrängt. Aber laut Kolbe seien diese auch „Form der Genieästhetik“ (ebd.) und unbedingt notwendig. Die Polarität zwischen der Regelkonformität und dem inneren Impuls gelte sowieso als integraler Bestandteil der Persönlichkeit. Mit der zusätzlichen Mischung eines gewissen Talents im Umgang mit Sprache und Form kann die „Dämonenästhetik“ wirken und es entstehen große lyrische Werke. (vgl. ebd.)

Lyrische Kunst im 16. Jahrhundert war oft übermäßig naturfroh und fachwissenschaftlich aber auch mystisch und pessimistisch im Sinne der Gegenpolarität. (vgl. Weber 1978:140) Mitunter war der Widerspruch im Gedicht selbst viel aussagekräftiger, als die Worte an sich: Es entwickelten sich regelrechte Stilmittel der Gegensätzlichkeiten. Diese Symbole wurden mit einer besonderen Bildlichkeit und Semantik verknüpft, die sich in vielen künstlerischen Werken der Barockzeit zeigen. Andreas Gryphius (1616-1664), beispielsweise, einer der bekanntesten Vertreter der Barockdichtung, gestaltete ein einziges Thema: die Nichtigkeit alles Vergänglichen und die Hoffnung auf das Jenseits. (vgl. ebd.) Er nutzte hierfür vordergründig das Vanitas-Motiv, das für die Erinnerung an die Nichtigkeit alles Irdischen steht, was somit vergänglich ist. Es korrespondiert mit der Vorstellung der Leere und der Hoffnung, im Jenseits mehr Fülle und Glück zu erfahren. In seinem bekanntesten Sonett Es ist alles eitel heißt es: „Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind / Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt! / Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten.“ Nicht nur die Beschreibung der Nichtigkeit fällt, auch nutzt Gryphius Symbole wie „Schatten“, „Staub“, „Wind“, die als Anspielung auf Vergängliches dienen. Es handelt sich hierbei um ein Sonett, die klassischste Gedichtform des Barocks, die durch besondere Strenge gekennzeichnet ist. Auch die Antithesen, die das Gedicht einrahmen und füllen, sind klassische Merkmale der Barock-Lyrik, denn sie unterstreichen das Lebensgefühl zwischen Angst und Hoffnung nach jahrelangem Krieg. Die Dichter des Barocks neigten demnach „zum Pathos, zur Übersteigerung ins Grandiose.“ (Literaturtipps 2017) Vielleicht trugen sie, nach Kolbe, auch das gewisse Dämonenhafte in sich, das nicht nur sprachlich und traditionell elegant daherkam, sondern auch inhaltlich überzeugen konnte. Doch bei allem Reden über die Traditionen, „bei aller 'handwerklicher' Brillanz“ (Trinckler 2007), zeichnen sich Jan Wagners zeitgenössische Beiträge eher durch Bescheidenheit aus. Das Lebensgefühl und die Umstände des 17. Jahrhunderts haben sich stark gewandelt. Es gibt keine größeren Krisen mehr in unseren Breitengraden. Die Kunst der frühen Neuzeit sucht die großen Themen, die Zerrüttung, die Menschlichkeit; Jan Wagner hingegen sucht das Besondere im Alltäglichen. Auch er zeigt Intelligenz, Witz und spricht über Traditionsliebe, doch die Frage, inwieweit seine moderne Lyrik der des Barocks ähnelt, wird im Folgenden näher untersucht.

3. Jan Wagner und sein künstlerisches Schaffen

Der 1971 in Hamburg geborene Jan Wagner gewann 2015 als erster Lyriker den Preis der Leipziger Buchmesse. (vgl. Wagner 2017) Regentonnenvariationen schaffte es somit als erster Lyrikband, von der Jury zum besten Werk in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet zu werden. Nur zwei Jahre später, im Sommer dieses Jahres, wurde Wagner der Georg-Büchner Preis verliehen: „Jan Wagners Gedichte verbinden spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz“ (DASD 2017), so die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in ihrer Begründung.

Jan Wagner schreibt über aktuelle Themen, die uns im Alltag immer wieder aufsuchen und unseren Zeitgeist ausmachen. Dabei blickt er nicht zunächst auf große Angelegenheiten wie Politik und wirtschaftliche Krisen – es sind eher die unbeachteten Dinge, die groß gemacht werden. (vgl. Arnold 2017) Wagner trägt mehrere Gedichtbände bei sich, in denen er Material sammelt. (vgl. Wagner 2017) Daher finden sich in seinen Werken auch vor allem Hinweise zur Natur, zur Rückbesinnung auf das, was uns am Leben erhält und die Lebewesen und Pflanzen, die uns umgeben: Er „mach[e] die Erfahrung, dass sich die größten Reichtümer in der Natur befinden“ (Jähningen 2015), so sagt Wagner in einem Interview in Berlin.

Seine Gedichte „leben ebenso sehr vom freien Spiel mit der Sprache wie von der Lust an der strengen Form“, so hieß es bei der Vergabe des Mörike-Preises 2015 an Jan Wagner. „Sie öffnen die Augen für die Natur wie für die Rätsel der Dinge, scheuen weder den unreinen Reim noch die barocke Gelehrsamkeit.“ (Müller 2015)

Lange Zeit verbrachte Wagner in Irland, nicht zuletzt deshalb sind seine größten Vorbilder wohl englischsprachige Lyriker wie Walt Whitman (Leaves of Grass) und Dylan Thomas (Fern Hill). Über Letzteren sagt Wagner: „Sie [seine Gedichte Anm. d. V. ] haben mich in diesen Zustand versetzt, der für Dichtung so bezeichnend ist: Dass man wie berauscht ist von Sprache und Klang, und im selben Moment so scharf und präzise und klar sieht wie sonst nie, und das ist wunderbar.“ (vgl. Wagner 2017) So wie sein Vorbild aus dem 19. Jahrhundert widmet sich auch Wagner oft Alltagsthemen und simplen Gegenständen, in denen er das Schöne sieht: „... man tut gut daran, wenn man sich als Dichter auf diese ganz kleinen und sinnlichen Gegenstände konzentriert, die dann eine große poetische Wucht entfalten [...]“ (Wagner 2017).

Doch auch technische Veränderungen prägen den Schreibstil Wagners. Zwischen der Gedichtsammlung von 2007 „Achtzehn Pasteten“ und dem bisher neusten Werk „Regentonnenvariationen“ von 2014 liegen viele Jahre, in denen Jan Wagner „seine Stimme schärfte und seinen Sinn für die Sprache.“ (Großmann 2017) Um den zeitlichen Abstand zwischen den unterschiedlichen Epochen seines Schaffens in den Analysen zu verdeutlichen, befasst sich diese Arbeit mit dem Werk „houdini im spiegel“ aus seinem zehn Jahre alten Band und einem seiner größten Erfolge, „giersch“ von 2014, das zu seinen am häufigsten zitierten Werken zählt. Ersteres steckt voller inhaltlicher Fülle und Assoziationen, letzteres hingegen zeigt die spielerische Leichtigkeit, mit der der Autor klassische Formen und sprachliche Kniffe zum Leben erweckt.

Wagner liebt literarische Traditionen wie Sonette und Oden; vor allem möchte er ihren Ruf wieder verbessern. Er gibt an, dass das Wort Form bereits eine gewisse Altertümlichkeit in sich berge, weshalb die Assoziationen eines zwanghaften, unflexiblen Gedichts hervorgerufen werden. (vgl. Arnold 2006:52) Daher sei es für ihn auch nicht verwunderlich, dass die Kritik an seinen Gedichten vor allem daher rühre, er würde sich an alten klassischen Formen bedienen und somit nicht mehr zeitgemäß sein. (vgl. ebd.:55) Doch gerade die strenge „Form kann zu einem Korsett werden, in dem es sich besonders gut atmen lässt – wenn man sie nicht als Verpflichtung begreift, sondern als Prozess, der die bildliche und gedankliche Entwicklung des Gedichts in vollkommen unerwartete Bahnen lenkt.“ (Wagner 2016:6) Auch seine Vorliebe für Gegenstände, Alltagssituationen und die vermeintliche Umgehung von großen Themen wie Liebe, Politik und Kriegen wird ihm häufig vergönnt. Es ließe ihn etwa emotionslos wirken, mit einem „Mangel an Einfühlung“ (Brôcan 2014). Dem entgegnet Wagner, dass ihm große Begriffe allerdings schlicht zu abstrakt seien und in Gedichten zu leeren „Worthülsen“ werden; er möchte für die großen Themen neue Betrachtungsebenen schaffen und stellt die Welt dar, wie sie sonst niemand zu sehen vermag. (vgl. Wagner 2017) Auch Hammelehle betont: „Ich finde Wagners Gedichte nicht allesamt harmlos. Die großen Fragen, wenn auch weniger die politischen, sind Thema. Mitunter fein versponnen, wie in 'Laken'“ (Keller/Hammelehe 2015). Jan Wagner, als erfolgreicher Vertreter der zeitgenössischen Lyrik, muss sich trotz überwiegendem Lob Kritik von beiden Seiten stellen: Die Traditionalisten, denen er zu ungenau ist und den Vertretern moderner Lyrik, die in ihm einen Traditionalisten sehen, der „... die Erwartungen eines konservativen Publikums bedient.“ (Arnold 2017:1).

[...]


[1] Vgl. Uwe Kolbe: Dämon und Muse – Temperamente der Poesie: Münchner Rede zur Poesie am 07.02.2017 im Lyrik Kabinett. http://www.poetenladen.de/poesie/kolbe.mp3 (19.09.2017). Die Münchner Reden zur Poesie fanden am 07.02.2017 statt. Uwe Kolbe spricht hier über den Antrieb; das inhärente Wesen d. Poesie.

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Details

Title
Barock in der deutschen Gegenwartslyrik
Subtitle
Die Übertragung barocker Motive in ausgewählten Gedichten Jan Wagners
College
University of Hildesheim
Grade
1,0
Author
Year
2017
Pages
21
Catalog Number
V441222
ISBN (eBook)
9783668796850
ISBN (Book)
9783668796867
Language
German
Notes
Eingereicht im Institut für Literarisches Schreiben im Studiengang Kulturvermittlung
Tags
Barock, Jan Wagner, Kulturvermittlung, Lyrik, Gedichtanalyse, modern, Vanitas, memento mori
Quote paper
Katharina Rinio (Author), 2017, Barock in der deutschen Gegenwartslyrik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441222

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