Schule braucht Leben. Theorien für die Förderung einer positiven Entwicklung


Examensarbeit, 2016
74 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Positive Entwicklung
1.1 Zusammenhang der Meta-Kriterien
1.1.1 Achtsamkeit
1.1.2 Emotionale und soziale Intelligenz und Kompetenz
1.1.3 Die Geschichte der positiven Psychologie
1.2 Drei Wege, ein mögliches Ziel

2. Positive Psychologie
2.1 Die Charakterstärken
2.1.1 Von der Tugend zu den Stärken
2.1.2 Charakterstärken und die VIA Classification
2.2 Mit Stärken arbeiten - Die Rolle der Signaturstärken
2.3 Vom Glück zum Wohlbefinden
2.3.1 Flourish - Wie Menschen aufblühen
2.3.2 PERMA
2.3.3 Flourishing - Aufblühen
2.4 Optimismus und Flow
2.4.1 Flow
2.4.2 Erlernter Optimismus

3. Über emotionale und soziale Kompetenzen hin zu einer positiven Entwicklung
3.1 Emotionen im Mittelpunkt
3.1.1 Emotion, Kognition und Motivation
3.1.2 Das Individuum und die Emotion
3.2. Emotionale Intelligenz und Kompetenz
3.2.1 Intelligente Gefühle
3.2.2 Der Nutzen emotionaler Kompetenzen
3.3 Soziale und emotionale Intelligenz
3.4 Der Begriff der Sozialen Kompetenzen
3.5 Fokus sozialer Kompetenzen
3.6. Lebenskompetenz und positive Entwicklung

4. Das Konzept der Achtsamkeit
4.1 . Achtsamkeit zwischen Ost und West
4.2 Achtsamkeit im westlichen Kontext
4.2.1 Achtsames Denken
4.2.1.1 Bildung neuer Kategorien
4.2.1.2 Offenheit für neue Informationen
4.2.1.3 Mehr als nur ein Standpunkt
4.3 Achtsamkeit aus psychologischer Sicht
4.4 Achtsamkeit und Wohlbefinden

5. Theorien für die Praxis im schulischen Kontext
5.1 Schule fördert positive Entwicklung
5.2 Achtsamkeit, Lebenskompetenzen und Positive Psychologie in der Schule
5.2.1 Schule zwischen Bildung und Erziehung
5.2.2 Die Basis für Leistung, Lernen und Motivation
5.2.2.1 Die Rolle der Emotionen im Lern- und Leistungskontext
5.2.2.2 Heterogene Gruppen und Empathie

6. Bestehende Programme und Konzepte im Schulsystem
6.1 Schulfach Glück
6.2 Das Paths/Pfad Programm
6.3 Achtsamkeit in der Schule

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Schule braucht Leben. Mit diesem Satz, welcher auch als Titel dieser Arbeit dient, soll diese Arbeit eingeleitet werden. Er beinhaltet einige Aussagen und Gedanken- inhalte, welche sich dem Leser direkt erschließen oder erst beim weiteren Lesen auftauchen können. Semantisch gesehen stellen diese drei Satzteile eine Forderung dar, welche die Annahme impliziert, dass ein Defizit an Leben in der Schule vor- handen ist, wodurch zur gleichen Zeit eine Kritik geübt wird. Auf der anderen Seite wird eine Aussage über den Begriff Schule selbst getroffen, denn diesem wird die inhärente Eigenschaft zugeschrieben, dass der Begriff Leben ein Merkmal dessen zu sein scheint, wodurch das Abhängigkeitsverhältnis von Schule und Leben ver- deutlicht werden soll. Auch wenn diese Herangehensweise sehr geisteswissen- schaftlich zu sein scheint, trifft sie doch die Kernaussage, die diese Arbeit auszu- drücken versucht, sehr gut. Verdeutlicht werden sollen diese Inhalte jedoch anhand eines erziehungswissenschaftlichen Ansatzes, mit psychologischem Schwerpunkt. Ein weiterer soziologischer Ansatz, der in dieser Arbeit vertreten werden soll und als Motiv für die Auswahl des Themas diente, ist die Aussage, dass ein Identitäts- verlust und ein Defizit an persönlicher Integrität innerhalb der Gesellschaften von vorrangig westlichen Industriestaaten vorherrschen. Durch die Abwendung von früheren sinnstiftenden Institutionen, Werten und Traditionen, hin zu einer ver- mehrten Forderung nach Individualität und Freiheit, scheinen viele Menschen einen Sinn - und Zielverlust innerhalb ihres eigenen Lebens zu erfahren und sich in einer stark pluralistischen Gesellschaftsform nicht zurechtzufinden. Eine Vielzahl von Menschen scheint auch dazu zu tendieren, diesem Sinnverlust mit Materialismus und Drogenkonsum entgegen zu wirken, wodurch keine nachhaltige positive Ent- wicklung erreicht werden kann. Daraus entsteht ein neuer Auftrag, dem das Bil- dungssystem gerecht werden muss und dabei andere Arten von Wissen und Fähig- keiten, die den traditionellen Fächerkanon ergänzen, vermitteln sollte. Hinsichtlich des Bildungssystems ist die dieser Arbeit zu Grunde liegende Kritik auf das weit- verbreitete enge Bildungsverständnis gerichtet, welches als handlungsleitend ange- nommen werden soll und auf kognitive Leistungsindikatoren, wie die Vermittlung von abfragbarem Wissen, reduziert ist. Dem gegenüber steht die in dieser Arbeit plädierte Forderung nach vermehrter Förderung einer positiven Entwicklung für Kinder und Jugendliche in der Schule. Der Begriff der positiven Entwicklung soll hier anhand verschiedener Theorie- und Forschungsbereiche entwickelt werden und ihr Nutzen und ihre Anwendbarkeit für die Schule anhand dieser Theorien legiti- miert werden. Die Hautpansätze sind das Konzept der Achtsamkeit, die Theorien der emotionalen und sozialen Intelligenzen, welche zu einem Kompetenzkonzept erweitert werden, und das Feld der positiven Psychologie, mit Fokus auf die Arbeit von Martin E.P. Seligman. Im Verlauf dieser Arbeit sollen diese in einen Zusam- menhang gebracht werden und die wichtigsten Elemente hinsichtlich der Förderung einer positiven Entwicklung erarbeitet werden. Im zweiten Teil sollen die aus der Bearbeitung der Theorien erhaltenen Inhalte auf den schulischen Kontext, welcher sich hier vorzugsweise auf den Sekundarbereich im Gymnasium bezieht, bezogen werden. Anhand dieser soll einerseits die Notwendigkeit, andererseits der Nutzen der Förderung einer positiven Entwicklung dargestellt werden. Praktische Beispiele für bereits bestehende Anwendungen und der in dieser Arbeit vertretenen Theorie angelehnte Programme werden am Ende der Arbeit zur Orientierung skizziert.

1. Positive Entwicklung

Der Gegenstand dieser Arbeit ist die Untersuchung von drei theoretischen Konzep- tionen und ihrem Nutzen zur Förderung einer positiven Entwicklung in der Schule. Wichtig dabei ist es den Begriff der positiven Entwicklung zu Beginn zu erläutern und ihn von Begriffen wie Wohlbefinden, Zufriedenheit, Glück oder dem gelingen- dem Leben abzugrenzen, aber auch eine Verbindung mit diesen herzustellen. Dadurch soll die Begriffswahl erläutert und der Zusammenhang mit den Konzepten verdeutlicht werden. Der Begriff der positiven Entwicklung wie er hier benutzt und entwickelt werden soll, liegt nicht einer einzelnen Definition eines einzigen Autors zu Grunde. Die Ausgangsgedanken, die einführende Bedeutung und die konkrete Wahl dieses Begriffspaars wurden jedoch aus J. Brandstätters Werk Positive Ent- wicklung: Zur Psychologie gelingender Lebensführung entnommen. Wie aber im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich wird, wird dieser Begriff um verschiedene Komponenten durch die Bearbeitung der einzelnen Theorien erweitert und spezifi- scher auf den erzieherischen und vor allem schulischen Kontext bezogen. Dem an- fänglichen Verständnis einer positiven Entwicklung liegt die Auffassung des Le- bens als Zeitspanne zu Grunde, welches als Gesamtes betrachtet werden muss. In diesem Punkt stehen auch Konzepte mit dem Ziel Glück oder Wohlbefinden in der Kritik, da diese oft rein emotionale Zustände beschreiben, welche nicht dauerhaft sein können und negative Faktoren nicht oder wenig beachten. Daher sollen diese Begriffe nur als Elemente einer positiven Entwicklung dienen, welche neben aver- siven Ereignissen bestehen (Brandstädter 2015, S.2). Letztere dürfen nicht von ei- nem Konzept, welches sich mit dem Leben und der positiven Gestaltung von die- sem beschäftigt, abgegrenzt werden, da der menschliche Lebensraum unkontrol- lierbare oder unvorhersehbare Ereignisse beinhaltet. Der Umgang mit aversiven Er- eignissen sowie negativen Emotionen sind vorhandene Bestandteile des Lebens und aus diesen kann eine positive Entwicklung hervorgehen. Sie beinhalten eine Ist - Soll - Diskrepanz, welche Motive zur Änderung aufweist (Brandstädter 2015, S.2). Dabei soll auch auf die aktive Rolle des Individuums im Entwicklungsgeschehen über die gesamte Lebensspanne hinweg hingewiesen werden, welche die moderne Entwicklungspsychologie betont (Lang & Scheel 2011, S.27). Auch wenn das all- gemeine und individuelle Verständnis einer positiven Entwicklung, neben subjek- tiven Faktoren, von sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Normen beeinflusst wird, geht es darum grundlegende Fähigkeiten auszubilden, welche losgelöst von einem spezifischen Kontext sein sollen und weltweite Gültigkeit für sich beanspru- chen können. Somit ist es wichtig eine positive Entwicklung als Aufgabe zu sehen, die in verschiedenen Lebensabschnitten verschiedene Anforderungen aufweist und die Arbeit mit sich selbst in den Fokus rückt und als lebenslang bezeichnet werden kann. Hier soll der Fokus vor allem auf das Individuum und die notwendigen Kom- petenzen, welche einer positiven Entwicklung zuträglich sind, gerichtet werden. Diese werden aus psychologischer Sichtweise erörtert. Brandstätter beschreibt psy- chologische Konzeptionen und die daraus resultierenden Kompetenzen als Meta- Kriterien, da sie keinen Entwicklungsweg präskriptiv fixieren, sondern die Errei- chung von Zielen unterstützen und die Wahrscheinlichkeit der Erreichung erhöhen (Brandstädter, 2015, S.20). Es geht darum, das eigene Verhalten anzupassen und zu kontrollieren, um es in Einklang mit den eigenen Erwartungen und den vorgegebe- nen Handlungsspielräumen zu bringen. Die Fähigkeiten, welche diesem Ansatz ent- sprechen, werden hier mit Hilfe der drei Bereiche herausgestellt und erläutert. „Aus der lebensspannenbezogenen Perspektive umfasst erfolgreiche Entwicklung menschliche Leistungen wie Anpassung an Verluste und Meisterung von Lebens- aufgaben im jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontext“ (Lang & Scheel 2011, S.33).

1.1 Zusammenhang der Meta-Kriterien

Bevor die im weiteren Verlauf der Arbeit behandelten Konzeptionen erläutert wer- den, sollen diese in den folgenden Abschnitten in ihren geschichtlichen Zusammen- hang gebracht werden, mit dem Ziel die drei Konzeptionen einander näher zu brin- gen und die Auswahl und den Aufbau dadurch zu erörtern. Hinsichtlich des Leit- ziels einer positiven Entwicklung sind alle drei Bereiche von großer Bedeutung und beinhalten ein großes Potential bezüglich der Anwendung im erzieherischen Kon- text.

1.1.1 Achtsamkeit

Zu Beginn sollen die Hintergründe des Konzeptes der Achtsamkeit, dessen Entste- hungsgeschichte am weitesten zurückreicht, betrachtet werden. Schon seit vielen Jahrhunderten bildet die Achtsamkeit die Grundlage vieler buddhistischer Traditi- onen und weiterer Formen der Selbstkultivierung wie Yoga oder Qigon im asiati- schen Raum. Für die buddhistische Psychologie ist Achtsamkeit die Basis für das Verständnis des Daseins und vor allem des Geistes, wobei die Entwicklung einer speziellen Aufmerksamkeit und eines Gewahrseins das Zentrum dieser Lehren bil- den (Nyanaponika 1950, S.19). Wie also fand dieses seit so vielen Jahrhunderten bekannte Konzept seinen Weg in die westliche Wissenschaft, wo es sich inzwischen eines großen Interesses erfreut? Schon Anfang des 20. Jahrhunderts haben Psycho- logen und Psychotherapeuten wie Freud ihr Interesse für fernöstliche Lehren ge- zeigt und das Potential, welches die buddhistische Psychologie hat, bemerkt (Ger- mer, Ronald & Fulton 2009, S.25). Die Resonanz nahm ab dieser Zeit stetig zu und im Bereich der Psychoanalyse entstand ein hohes Interesse für die Anwendung bud- dhistischen Wissens für Behandelten und Behandelnden gleichermaßen. Vor allem der Bereich der Meditation als Zugang zum Selbst wurde immer populärer. Es ent- standen Zusammenarbeiten zwischen buddhistischen Gelehrten und westlichen Wissenschaftlern und daraus erschienen erste Werke, welche den Buddhismus mit westlichen Gedanken zusammenführten.1 Nachdem der positive Einfluss von Me- ditation in der Psychotherapie in vielen klinischen Studien beachtet wurde, begann die Forschung, initiiert durch die American Psychological Association (APA), sich vermehrt mit Meditation zu beschäftigen. Spätestens seit Kabat-Zinn 1979 Acht- samkeitsmeditation in seinem Programm der Mindfull-Based-Stress-Reduction (MBSR) integriert hatte und damit, wie später erläutert, große Erfolge in der The- rapie erzielen konnte, ist Achtsamkeit ein anerkannter Bestandteil in der Psycho- therapie (Kabat-Zinn 2003). Durch die vielen positiven Studienergebnisse wurden viele weitere achtsamkeitsbasierte Therapieformen entwickelt, jedoch ist der Groß- teil von diesen im amerikanischen Raum vorzufinden. In Deutschland haben Acht- samkeit und Meditation noch nicht denselben Stellenwert und bedürfen einer grö- ßeren wissenschaftlicheren Auseinandersetzung, wie im Kapitel zur Achtsamkeit erläutert wird.

1.1.2 Emotionale und soziale Intelligenz und Kompetenz

Das Konzept der Emotionalen Intelligenz kann man als jüngeres Konzept bezeich- nen, wobei es erste Überlegungen dazu schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab. Das Konzept der Emotionalen Intelligenz ist ein vor allem in den 1990er Jahren bekannt gewordener Ansatz, welcher erstmals von Salovey und Meyer (1990) in ihrem Ar- tikel Emotional Intelligence als eigenständige Konzeption genannt wurde. Die The- orie kann als eine Verbindung von Intelligenzkonzeptionen, Emotionsforschung, Persönlichkeitsforschung und sozialer Psychologie beschrieben werden (Freund et al. 2006, S.5). Die Verbindung so vieler Forschungsbereiche ist ein Punkt, welcher diesem Konzept viel Kritik eingebracht hat, da diskutabel ist, ob es als eigenständi- ges Konzept gesehen werden kann oder nicht bereits bekanntes in anderen Worten widergibt. Des Weiteren ist der Gebrauch des Begriffes der Intelligenz sehr um- stritten, wodurch einige Autoren zu den Begriffen emotionale oder soziale Kompe- tenzen übergegangen sind, von welchen auch in dieser Arbeit gesprochen wird (Rindermann 2009, S.9). Der Kompetenzbegriff birgt, neben der Abgrenzung zu anderen Konstrukten, auch in der Messbarkeit einige Vorteile, wobei der Intelli- genzbegriff diese eher erschwert. Als weitere Grundlage für das Konzept der emo- tionalen Intelligenz kann das Konzept der multiplen Intelligenzen aus dem Jahre 1983 von H. Gardner angesehen werden, welcher zwischen sieben Intelligenzen unterscheidet und unter diesen die interpersonelle Intelligenz als eine eigene be- schreibt (Gardner 1983, S.12 f.). Die interpersonelle Intelligenz wird später als so- ziale Intelligenz zusammengefasst, welche in enger Verbindung mit der emotiona- len Intelligenz steht und von manchen Autoren als Vorläufer der emotionalen Intel- ligenz betrachtet wird (Freund et al. 2006, S.7). Der Begriff der sozialen Intelligenz fand bereits 1920 in der Arbeit von Thorndike Erwähnung (vgl. Thorndike 1920). Aus dem bisher genannten wird ersichtlich, dass es schwer ist diese Konstrukte und ihre Herkunft historisch genau einzuordnen, sie beide jedoch grundlegende Kom- petenzen beschreiben und verschiedene Forschungsschwerpunkte vereinen. Spätes- tens seit Goleman 1995 den Begriff der emotionalen Intelligenz verwendet und sei- nen Einfluss im alltäglichen Leben aufgezeigt hat, ist dieses Konzept und das der sozialen Intelligenz wissenschaftlich wie auch in der Öffentlichkeit sehr aktuell. Vor allem im Rahmen einer positiven Entwicklung sind diese Konzeptionen uner- lässlich, da sie Basiskompetenzen für das menschliche Leben beschreiben.

1.1.3 Die Geschichte der positiven Psychologie

Die positive Psychologie, welche als ein Teilbereich der Psychologie beschrieben werden kann, besteht nicht aus einem einzelnen Konzept wie Achtsamkeit oder so- ziale und emotionale Intelligenz. Sie beinhaltet verschiedene Teilbereiche und Kon- zepte, die ihr als Grundlage dienen, hat aber dennoch auch ein individuelles Ziel, nämlich die Erforschung und Förderung von Faktoren, welche eine positive Ent- wicklung bedingen (Brendtro&Steinebach 2012, S.18). Ihre Entwicklung kann man im Rahmen der Geschichte der Psychologie sehr gut nachvollziehen. Seligman be- schreibt 1998 in seiner Rede als neuer Präsident der APA drei wesentlichen Aufga- ben der Psychologie: 1. Die Heilung psychischer Krankheiten, 2. die Unterstützung eines erfolgreichen und erfüllten Lebens und 3. die Förderung von Talenten und Begabungen. Diese wurden vor dem zweiten Weltkrieg in der Forschung und Ar- beit beachtet, jedoch ist dieser Fokus immer mehr in Richtung des pathologischen und defizitorientierten Schwerpunktes verschoben worden (Seligman 2011, S.44). Aus diesem Anlass gründete Seligman zu diesem Zeitpunkt die positive Psycholo- gie. „Positive Psychology is the scientific study of what goes right in life.“ (Peterson 2006, S.4). Sie dient als Ergänzung zum bisherigen Arbeiten und richtet ihren Fokus vor allem auf den präventiven Aspekt durch die Betonung von Tugenden, Stärken, Werten oder Bedürfnissen. Die Bedeutung von positiver Entwicklung und den zu einseitig defizitorientierten Ansatz der angewandten Psychologie erkannten schon einige Jahrzehnte früher Wissenschaftler wie A. Maslow, deren Gedanken heute im Forschungsbereich der Positiven Psychologie Beachtung finden (Brendtro & Steinebach 2012, S18).

1.2 Drei Wege, ein mögliches Ziel

Als Grundgedanke zur Behandlung dieser drei Theoriebereiche dient die Annahme, dass sie alle zu einer positiven Entwicklung beitragen. Unter diesem gemeinsamen Nenner werden diese hier behandelt und sollen für die Arbeit in der Schule legiti- miert werden. Außerdem findet man eine Vielzahl an Überschneidungen der drei Konzeptionen. Achtsamkeit kann als die Basis von emotionaler Intelligenz be- schrieben werden, da sie als grundlegende emotionale Kompetenz beschrieben wird, auf welche viele weitere wichtige Kompetenzen aufbauen (Goleman 1995, S.68; Ciarrochi & Godsell 2006, S.79 ff.). Sie überschneidet sich mit vielen psy- chologischen Konzepten, die sich auf die Wahrnehmung von Gefühls- und Denk- prozessen beziehen. Des Weiteren bildet Achtsamkeit einen Teilbereich innerhalb der positiven Psychologie, was ihre Präsenz innerhalb vieler Werke über die posi- tive Psychologie bestätigt und sie im Zusammenhang mit Positiver Psychologie als kognitive Annäherung diskutiert wird (vgl. Langer 2002; Seligman 2011; Steine- bach et al., 2012). Wenn Achtsamkeit die Basis der emotionalen Intelligenz ist und Teilbereich der positiven Psychologie, korrelieren diese drei Konzepte in diesem Aspekt miteinander. Auch die emotionale Intelligenz wird im Rahmen der positiven Psychologie als emotionsbetonter Ansatz diskutiert und bekommt dadurch seinen Stellenwert innerhalb des Forschungsgebietes (vgl. Caruso et al. 2002). Konzepte die die Förderung von sozialen und emotionalen Kompetenzen und Achtsamkeit betonen, erkennen diese als wichtige Faktoren für eine positive und erfolgreiche Lebensführung im Bereich von Familie, Beziehungen oder der Arbeitswelt an und beinhalten die Komponente der Hoffnung. In diesem Sinne entsprechen diese Kon- zepte der Positiven Psychologie und können hinsichtlich der Gemeinsamkeit dieser als Teilbereiche zugeordnet werden (vgl. Caruso et al. 2002; Langer 2002). Im Rah- men einer positiven Entwicklung haben die drei Bereiche alle eine gleiche Zielfüh- rung, sie beinhalten Kompetenzen, welche angepasstes Verhalten begünstigen. Go- leman (1997), wie auch Seligman (2012) sehen als Hauptprobleme der modernen Gesellschaft den Zerfall von sozialer Integrität und den starken Individualismus, welche beide in der Gesellschaft vermehrt zu beobachten sind. Mit ihrer Arbeit ver- suchen sie diesen Problemen eine Lösung zu bereiten und nehmen das entstandene Leiden als Anlass für ihre Überlegungen. Achtsamkeit als eine Methode der Geis- tesschulung, welche als einziger Weg zur Minderung von Leiden von Buddha be- schrieben wird, hat in diesem Sinne das gleiche Ziel (Nyanaponika 1950, S.1). Hier- bei ist es wichtig zu betonen, dass es nicht um ein Abschaffen von negativen Ereig- nissen oder Zuständen geht, welche oftmals als Leiden verstanden werden können, da sowohl die positive Psychologie als auch das Konzept der Achtsamkeit nicht wertend im eigentlichen Sinne arbeiten. Es geht um das Annehmen, wodurch ein Veränderungspotential und ein Weg hin zum positiven auch im negativen erkannt werden kann (Brendtro & Steinebach 2012, S.19). Eine weitere Gemeinsamkeit ist die weltweite Anwendbarkeit der drei Bereiche, da sie nicht nur eine bestimmte Gesellschaft oder Kultur berücksichtigen. Zusammenfassend muss festgehalten werden, dass die Konzepte der Achtsamkeit und jene der emotionalen und sozialen Intelligenzen, sowie Kompetenzen, in Bezug auf die Förderung einer positiven Ent- wicklung unter dem Konzept der positiven Psychologie zusammengefasst werden können. Aus diesem Grund wird im theoretischen Teil mit dem Feld der Positiven Psychologie begonnen, um später speziell Seligmans Ansatz von positiver Entwick- lung mit den zwei anderen Konzeptionen zu ergänzen. Da die Positive Psychologie als Übergeordneter Bereich beschrieben wurde, definiert diese die Zielführung und das allgemeine Verständnis, unter welchem die anderen Konzepte hier betrachtet werden.

2. Positive Psychologie

Der Ansatz der positiven Psychologie, der von Martin E.P. Seligman 1998 offiziell ins Leben gerufen wurde, stellt den theoretischen Schwerpunkt dieser Arbeit dar. Mithilfe dieses Forschungsfeldes wird die Zielführung hin zu einer positiven Ent- wicklung untermauert und neben den anderen Konzepten bildet sie eine wichtige Grundlage. Die positive Psychologie als eigener Bereich innerhalb der Psychologie hat seit ihrer Gründung einige Veränderungen durchlaufen. Diese Änderungen be- ziehen sich bis auf das Leitziel und die Definition von dieser. Als Ausgangspunkt wird generell der Fokus auf das positive gesehen, wodurch sie sich Grundlegend vom pathologisch orientierten Ansatz der heutigen Psychologie unterscheidet (Se- ligman 2002, S.3). Grundsätzlich kann gesagt werden, dass die positive Psycholo- gie versucht das positive im Menschen zu etablieren, welches durch eine Vielzahl von Faktoren repräsentiert wird. Die Elemente der positiven Psychologie sind Acht- samkeit, Resilienz, Dankbarkeit, Stärken, Sinn, Flow, positive Beziehung und po- sitive Emotionen (Seligman 2012, S.133). Vor allem die Stärken bilden einen wich- tigen Faktor innerhalb der Theorie, welcher die Grundlage für viele andere Ele- mente bildet und diese als Puffer für negative Einflüsse auf das Individuum gesehen werden. Dadurch verschiebt sich auch die Zielsetzung, denn die pathologische Sichtweise arbeitet von einem negativen zu einem neutralen Gesundheitsverständ- nis und greift erst im Falle einer Krankheit ein. Die positive Psychologie dagegen betont das präventive Arbeiten mit dem Ziel einer Entwicklung hin zum positivem (Seligman 2002, S.5). Dieses Positive wurde im Laufe der Entwicklung zum aktu- ellen Ansatz der positiven Psychologie einigen Definitionen unterzogen. Seligman als Begründer selbst hat seinen Ansatz revidiert und ist zu einer neuen Zielsetzung innerhalb der Theorie gekommen. Während er zu Beginn auf das Ziel Glück hin arbeitete, hat er in seinem neusten Werk diesen Ansatz geändert und schlägt eine neue Richtung ein. Dabei hat er nicht nur den Terminus geändert, sondern die Ziel- setzung der positiven Psychologie als Ganzes. Wie auch im Bereich der emotiona- len und sozialen Kompetenzen und der Achtsamkeit, wird das Individuum als Mit- telpunkt der Theorie gesehen und agiert als Entscheidungsträger. Die Annahme ei- nes freien Willens wird vorausgesetzt und der Ansatz entfernt sich von der Idee des Individuums als reines Opfer seiner Umstände. Dennoch spielen auch gesellschaft- liche Institutionen eine Rolle innerhalb der positiven Psychologie, wodurch dieser Ansatz in dieser Arbeit zur Schule und einer positiven Entwicklung unabdinglich ist. Zusammenfassend sind es drei Grundpfeiler, welche den Forschungsbereich der positiven Psychologie repräsentieren: 1. Die Erforschung positiver Emotionen; 2. Die Erforschung positiver Charaktereigenschaften; 3. Die Erforschung positiver Institutionen (vgl. Seligman 2011, S.14).

2.1 Die Charakterstärken

Dieses Kapitel soll die Funktion und die Formulierung der 24 Charakterstärken, welche aus den Tugenden hervorgegangen sind, erläutern. Wie oben bereits er- wähnt, wird innerhalb der positiven Psychologie den Stärken eine besondere Rolle zugeordnet. Einerseits bilden sie den Fokus der zweiten Säule der positiven Psy- chologie, andererseits bilden sie die Grundlage für viele Elemente innerhalb positi- ven Psychologie, was im Laufe dieses Abschnitts weiter erläutert wird.

2.1.1 Von der Tugend zu den Stärken

Der Ursprung für die Definition der Charakterstärken war die Frage nach den Cha- raktermerkmalen, welche den Menschen positiv wachsen lassen und als Puffer ge- gen negative Einflüsse wirken. Wenn man von der Annahme ausgeht, dass der Cha- rakter eine Einflussgröße auf das menschliche Verhalten darstellt, ist es die Auf- gabe der positiven Psychologie die positiven Faktoren zu erforschen und diese als wissenschaftlich messbare Einheit zu definieren (Seligman 2011, S.216). Unter der Leitung von Christopher Peterson erforschte eine Gruppe von Wissenschaftlern die Literatur verschiedenster Kulturen, Religionen und Wissensgebiete auf die Tugen- den, welche weltweit anerkannt sind und kamen dabei auf sechs: Weisheit und Wis- sen, Mut, Liebe und Humanität, Gerechtigkeit, Mäßigung, Spiritualität und Trans- zendenz (Seligman 2011, S.219). Es ist wichtig hier nochmals den ubiquitären Cha- rakter der Tugenden zu betonen, da die daraus folgende Klassifizierung ein kultur- übergreifendes und weltweit anerkanntes Messsystem zum Ziel hat. Jede Tugend kann anders verstanden und erreicht werden, was diese für die Wissenschaftliche Definition unzugänglich machen. Dennoch ist ihre weltweite Präsenz auffallend und Peterson geht so weit ihnen eine evolutionsbiologische Funktion für das Über- leben zuzuschreiben (Peterson 2006b, S.30). Ausgehend von den Tugenden als po- sitive Charaktereigenschaften wurden dann die Charakterstärken als psychologi- sche und messbare Komponenten definiert. Anhand dieser wird es möglich die Tu- gend als vorhandene Charaktereigenschaft zu erkennen und noch wichtiger, diese auszubauen.

2.1.2 Charakterstärken und die VIA Classification

Sowie jeder Bereich der Psychologie sein spezifisches Vokabular und seine Mess- systeme hat, braucht auch die positive Psychologie diese. Des Weiteren ist die Frage nach einer positiven Entwicklung nur dadurch zu beantworten, dass diejenigen Fak- toren, die dazu beitragen, definiert werden. Mit dem VIA-Classification of Chara- cter Strenghts wurde ein Messsystem und eine Zusammenstellung der Charakter- stärken entwickelt, welche die Reliabilität dieser garantieren soll. Im Zuge der Er- stellung arbeitete die Forschungsgruppe um Peterson die Klassifizierung von 24 Charakterstärken heraus, welche jeweils die Wege zu den unterschiedlichen Tugen- den und deren psychologische Komponente darstellen (Peterson 2006b, S.30). Um eine Stärke als diese zu definieren, muss sie einigen Kriterien entsprechen (vgl. Seligman 2011, S.228):

1. Sie stellt ein psychisches Charakteristikum dar und kann als Eigenschaft angesehen werden.
2. Stärken stehen in Verbindung mit positiven Resultaten und werden um ihrer selbst willen angestrebt.
3. Stärken erzeugen authentische positive Emotionen, welche vorzüglich in WinWin-Situationen verankert sind.
4. Gesellschaften und Kulturen beinhalten Stärken in Form von Institutionen, die Tugenden vermitteln.
5. Stärken können durch Rollenvorbilder ausgedrückt werden und sind ubiquitär.

Mithilfe dieser Kriterien sollen die Stärken voneinander als unabhängig betrachtet und mit Hilfe des VIA Fragenbogens bei den Personen ausgewertet werden können.

Eine weitere Intention bei der Erstellung dieser Klassifikation war es eine Ergän- zung im Sinne der positiven Psychologie zum Diagnostic and Statistical Manual (DSM) für psychische Krankheiten zu erstellen, wodurch nicht nur die pathologischen Komponenten definiert sind (Peterson 2006a, S.30).

2.2 Mit Stärken arbeiten - Die Rolle der Signaturstärken

Das Hauptziel ist es die Tugenden zu messen und sie aufzubauen, wofür es ver- schiedene Wege gibt, welche durch die Charakterstärken beschrieben werden kön- nen. Der Ursprung liegt in Forschungsergebnissen die zeigen, dass Charakterstär- ken mit Zufriedenheit und Wohlbefinden korrelieren (Peterson 2006b, S.37). Aus diesem Grund ist es wichtig sich seiner Stärken bewusst zu sein, diese zu reflektie- ren und sie gezielt einzusetzen. Neben Fähigkeiten wie Optimismus, welcher eine wichtige Rolle in der positiven Psychologie spielt, sind die Stärken weitere Ele- mente die erlernt werden können (Seligman 2011, S.222). Ausgegangen wird hier- bei von aufbaufähigen Elementen, welche als Widerstandsressourcen gegen nega- tive Faktoren, die das Individuum beeinflussen, angewandt werden können. Zum einen wird der präventive Charakter dadurch aufgezeigt, zum anderen ist auch das Individuum als Entscheidungsträger von großer Bedeutung. Stärken beruhen auf Willenskraft, was auch ein wichtiges Element in der Psychotherapie ist. Nur wenn der Patient sich als wirksam erlebt und sich selbst eine wichtige Rolle in einer er- folgreichen Intervention zugesteht, kann ein langfristiger positiver Gesundheitszu- stand aufrecht erhalten werden, welcher vor allem eine Steigerung im positiven Sinne beinhaltet. „Menschliche Stärken und Tugenden aufzubauen und sie im all- täglichen Leben einzusetzen ist eine Sache der Entscheidung“ (Seligman 2011, S.225). Verdeutlicht kann der Einsatz von Stärken werden, indem man diesen als Herausforderung beschreibt, welche durch den Einsatz von Willenskraft und per- sönlicher Ressourcen zu einem Hochgefühl und Inspiration führt. Diese positiven Emotionen und der Verlust an Selbstbezogenheit fördern wiederum das Wohlbe- finden, welches im nächsten Kapitel definiert wird. Wenn man daher annimmt, dass die Kenntnis und das Bewusstsein über die eigenen Stärken einen optimalen Zu- stand darstellen, wären psychische Funktionsstörungen die Abwesenheit dieses Be- wusstseins. Die Abwesenheit von Stärken ist wie Pessimismus ein Charakterprob- lem, was einerseits den wiederaufgegriffenen Fokus auf den Charakter legitimiert, andererseits die Notwenigkeit einer anderen Behandlungsmethode als bei psychi- schen Krankheiten aufzeigt (Peterson 2006b, S.36f.). Nicht jede Person besitzt jede Stärke, wodurch es wichtig ist die eigenen Stärken zu erkennen. Diese eigenen Stär- ken werden Signaturstärken genannt. Seligman beschreibt sie folgendermaßen: „Ich glaube, dass jeder Mensch einige Signatur- Stärken besitzt. Diese sind Charakter- stärken, die das Wesen eines Menschen ausmachen. Das weiß der oder die Betref- fende auch selbst, darüber freut man sich, und wenn man es richtig macht im Leben, dann verwirklicht man seine Hauptstärken jeden Tag im Beruf, in der Liebe und in der Kindererziehung“ (Seligman 2011, 258-259). Mit dieser Grundlage soll im fol- genden Kapitel das Perma-Konzept von Seligman erläutert werden, worin die Wechselwirkung und die Funktion der Stärken noch deutlicher werden und deren Rolle für das Flourishing existenziell ist.

2.3 Vom Glück zum Wohlbefinden

Wie bereits in der Einleitung dieses Kapitels erwähnt hat sich die Zielsetzung der positiven Psychologie nach Seligman geändert. Das neue Thema ist Wohlbefinden wobei das Aufblühen-Lassen eines Individuums eine wichtige Rolle spielt. Das Ziel der Forschung ist es, zu untersuchen wie man das Aufblühen verstärken kann, wo- für es wiederum notwendig ist geeignete Messsysteme zu entwickeln (Seligman 2012, S.30). Es wird von mehreren Begriffen gesprochen, die folgend definiert wer- den und vor allem in Beziehung mit den bisher verwendeten Begriffen gesetzt wer- den müssen. In Seligmans Werk Der Glücksfaktor, in welchem er sein damaliges Verständnis zur positiven Psychologie erläutert, ging er noch von einem anderen Ziel, dem authentischen Glück, aus. Dieser Begriff ist jedoch von Kritikern und auch von Seligman selbst als unpassend bewertet worden, da erstens Glück zu ein- seitig mit positiven Emotionen in Zusammenhang steht und zweitens die Theorie des authentischen Glücks, welche auf die Vergrößerung von Lebenszufriedenheit zielt, nicht reliabel ist, da Lebenszufriedenheit zu stark von der momentanen Stim- mung der Testperson abhängt. Als dritten Punkt greift Seligman die Einsicht auf, dass es neben den drei Komponenten positives Gefühl, Sinn und Engagement, wel- che zur Theorie des authentischen Glücks gehören, noch weitere Elemente gibt, die Menschen um der Sache selbst willen wählen (Seligman 2012, S.30ff.). Letzteres bildet eine wichtige Grundlage für die Theorie der positiven Psychologie, da Ele- mente, welche nicht um der Sache selbst willen getan werden, schwer zu definieren und schwer als Teil einer in sich geschlossenen Theorie anzunehmen sind. Auch andere Autoren beziehen sich auf das Problem von Termini wie Glück, Zufrieden- heit und Wohlbefinden als angestrebte Ziele. Brandstädter kritisiert diese Begriffe, da sie sich einerseits auf Zustände beziehen, welche eine Kontinuität ausschließen, und andererseits, da es auch Wege gibt diese Zustände zu erreichen, die nicht als positive betrachtet werden, wie jene die Sucht, zwanghafte Zustände oder Überwer- tigkeit als Motive beinhalten (Brandstädter 2015, S.1). Aus diesen Gründen wäre es zu einseitig einen solchen Begriff als Leitziel zu definieren. Er selbst zieht es vor vom Konzept der positiven Entwicklung zu sprechen, da das Leben immer als Le- bensspanne betrachtet werden muss, welche sowohl positives als auch negatives beinhaltet (Brandstädter 2015, S.2). Auch wenn Seligman Wohlbefinden zum Ge- genstand seiner Theorie macht, beachtet er Überlegungen wie diese und definiert als Endziel Flourishing. Wie er dieses Konstrukt, wie er es nennt, schafft als in sich schlüssige Theorie zu etablieren wird in den folgenden Kapiteln veranschaulicht.

2.3.1 Flourish - Wie Menschen aufblühen

Die wahrscheinlich fundamentalste Aussage Seligmans bei der Beschreibung seiner Theorie des Wohlbefindens ist:

„Die Theorie des Wohlbefindens leugnet, dass das Thema der positiven Psychologie ein wirkliches Ding ist; das Thema ist vielmehr ein Konstrukt, nämlich Wohlbefinden, das wiederum mehrere messbare Elemente hat, die alle ein wirkliches Ding sind und die alle zum Wohlbefinden beitragen, ohne dass sie das Wohlbefinden definieren“ (Seligman 2012, S.32).

Dieser Satz beinhaltet einige wichtige Aussagen darüber, wie man seinen neuen Ansatz einordnen kann. Er definiert neu was das Objekt der positiven Psychologie ist, er schließt Wohlbefinden als Entität aus, wodurch oben genannte Kritik größ- tenteils ausgeschlossen werden kann und er weist darauf hin, dass die Grundlage messbare Elemente darstellen. Diese letzteren gilt es zu definieren um die fassbaren Dinge der Theorie zu erhalten und das Leitziel Flourishing genauer zu verstehen. Um als ein Element des Wohlbefindens zu gelten, muss dieses 3 Kriterien entsprechen: Es trägt zum Wohlbefinden bei, es geht dabei um der Sache selbst willen und es muss sich eigenständig definieren und messen lassen (Seligman 2012, S.34). Daraus resultieren fünf Elemente, welche allen drei Faktoren entsprechen und unter dem PERMA-Konzept zusammengefasst werden.

2.3.2 PERMA

Der Name PERMA ist aus den Anfangsbuchstaben der englischsprachigen Äquivalente der fünf Elemente positives Gefühl, Engagement, positive Beziehungen, Sinn und Zielerreichung entstanden. Diese tragen wie oben erwähnt zum Wohlbefinden bei, definieren es aber nicht. Außerdem entsprechen alle fünf Elemente den oben beschriebenen drei Kriterien. Im Folgenden wird kurz erläutert, was der Autor unter diesen Begriffen versteht (Seligman 2012, S.34-40).

1. Positives Gefühl, was auch als angenehmes Leben bezeichnet wird, ist eine sub- jektiv messbare Komponente. Die Wirkung von positiven und negativen Emotionen wird im Teil über die emotionale Intelligenz dieser Arbeit erläutert und soll dazu dienen dieses Element besser zu verstehen. Bei Seligman werden darüber hinaus speziell die Verbindung der Charakterstärken und Tugenden mit positiven Emotio- nen und generellen Belohnungshandlungen betont (Seligman 2011, S.27). Denn das reine Streben nach kurzzeitigen Belohnungen, also externen Stimuli, wie es bei Konsum allgemein der Fall ist, endet in einem Habituationsprozess. Des Weiteren unterscheidet er innerhalb dieser Kategorie zwischen positiven Emotionen in Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, denen er eine wichtige Rolle beimisst und aus denen Handlungsmotive abgeleitet werden können, die wiederum das Ver- halten beeinflussen (Seligman 2011, S.111).

2. Engagement kann mit Flow gleichgesetzt werden und kann als im Rückblick subjektiv wahrgenommenes positives Gefühl beschrieben werden. Auch hier ist der Zusammenhang mit den Charakterstärken von großer Bedeutung. Die Theorie des Flow wird anschließend etwas ausführlicher dargestellt werden, da sie eine essen- tielle Funktion innerhalb dem Anwendungsbezug hat und themenübergreifend ist.2

3. Sinn beschreibt den Umstand zu etwas zu gehören oder etwas zu dienen, das als größer als unser Ich eingeschätzt wird. Dieses Element hat eine subjektiv und objektiv messbare Komponente. Objektiv ist sie wenn eine unvoreingenommene und objektive Beurteilung von Geschichte, Logik und Kohärenz vorliegt. Der Einsatz der Signaturstärken mit einem höheren Ziel als man selbst, wäre demnach als sinnvoll zu beschreiben. (Seligman 2011, S.388).

4. Zielerreichung als viertes Element, welches auch als sich selbst als wirksam er- leben, beschrieben wird, meint Leistung und Erfolg als Bestandteile des Lebens, die um ihrer Sache selbst willen gewählt werden. Es geht darum etwas zu erreichen und hat als psychologische Komponente das Erleben von Kontrolle über die Umwelt.

5. Als fünftes und letztes Element greift Seligman positive Beziehungen auf und schreibt diesen eine spezielle Bedeutung zu. Der Umgang mit anderen Menschen besitzt das größte Potential um das Wohlbefinden zu beeinflussen. Dies belegen Studien, die freundliche Handlungen als starke Komponenten für die Steigerung des Wohlbefindens nachweisen. Zudem steht ein Großteil unserer Lebensereignisse im Zusammenhang mit anderen Menschen. Auch evolutionsbiologisch muss auf den Nutzen von sozialen Beziehungen hingewiesen werden. Deren Wichtigkeit wird einerseits durch die Beschaffenheit unseres Gehirns, andererseits durch die generelle Annahme, dass das Leben in einer sozialen Gemeinschaft auf dem Plane- ten Erde als höchste Anpassungsform bezeichnet werden kann, betont (Seligman 2012, S.43f.). Der Bezug zu den Stärken wird dadurch deutlich, dass der Großteil der Stärken wie beispielsweise soziale Intelligenz, Menschenfreundlichkeit, lieben und sich lieben lassen, Gerechtigkeit, Fairness, Führung, Bescheidenheit, Dankbar- keit, Vergebung oder Humor nur in Beziehung zu anderen Menschen zur Geltung kommen können.

Aus den fünf Elementen wird das Verständnis über das Wohlbefinden deutlicher. Nicht nur im letzten Punkt sind die Stärken präsent, sondern sie untermauern das Wohlbefinden als Ganzes und dessen Elemente (Seligman 2012, S.46).

[...]


1 Es wird sich bezogen auf Werke von Fromm,Suzuki & DeMartino (1960) oder Horney (1945). 7

2 Siehe Kapitel 2.4.1

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Schule braucht Leben. Theorien für die Förderung einer positiven Entwicklung
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
74
Katalognummer
V441244
ISBN (eBook)
9783668796485
ISBN (Buch)
9783668796492
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Positive Psychologie, Positive Entwicklung, Emotionale Intelligenz, Achtsamkeit, Soziale Intelligenz, Schule, Emotionale & Soziale Kompetenzen, Emotionen, Enticklungspsychologie, Stärken, Glück, Wohlbefinden
Arbeit zitieren
Patri Fischer (Autor), 2016, Schule braucht Leben. Theorien für die Förderung einer positiven Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441244

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