Symbole in Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel"


Hausarbeit, 2017
12 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Idee der Hinführung

2. Symbole
2.1. Die Ungeheuer
2.2. Farbige Erscheinungen
2.3. Eisenbahn vs. Thiel

3. Die Symbiose der Symbole

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Idee der Hinführung

Gerhart Hauptmanns ‚novellistische Studie’ Bahnwärter Thiel ist zuerst im Jahre 1888 in der Zeitschrift ‚Die Gesellschaft’ erschienen.[1] Erst mit diesem Werk begann ein neuer Abschnitt in Hauptmanns Leben, mit dem er als ‚Dichter in die Welt’ trat und wenige Jahre später schon zum bedeutendsten Dramatiker des Naturalismus geworden war.[2]

Da Hauptmann für sein Werk Bahnwärter Thiel den Begriff der novellistischen Studie favorisiert, ist zunächst eine Unterscheidung zwischen dieser und der Novelle vorzunehmen.

Das Wort Novelle bedeutet zunächst ‚Neue Begebenheit’ oder auch ‚Nachricht’ und tritt in der romanischen Welt recht früh als Bezeichnung von Kurzerzählungen auf.[3] Die Novelle hat einen geringen Umfang und behandelt meist auch nur einen kleinen Personenkreis, sowie ein wahres oder als wahr gestaltetes Ereignis.[4] Dieser geringe Umfang zwingt die Novelle sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und die Geschichte zu verdichten.[5]

Mit dem Begriff ‚novellistische Studie’ nimmt Hauptmann jedoch offensichtlich Abstand von der schon klassisch gewordenen Formbindung, er löst sich nicht völlig von ihr, nimmt aber ein Neues herein, das in zwei Richtungen weist.[6] Vermutlich kam Hauptmann der Begriff „Studie“ aus der zeitgenössischen impressionistischen Malerei entgegen, mit der einmal der Versuch, das Experiment gemeint ist – nicht im Sinne des Unvollendeten, aber doch des Wagnisses in ein noch nicht Endgültiges und Festgelegtes hinein.[7] Vor allem aber liegt in diesem Begriff [...] der Akzent auf der unmittelbaren konkreten Beobachtung vor der Natur, d.h. vor der Wirklichkeit des Lebens.[8] Es will also eine am realen Objekt genau beobachtete und erkannte Wirklichkeit aussprechen, welche die Wahrheit des Lebens bedeutet.[9]

Der geringe Umfang der Novelle zwingt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und die Geschichte zu verdichten.[10]

Hierbei gewinnt die symbolische Bildgestaltung an enormer Bedeutung für die Novelle und verleiht bestimmten Situationen einen tieferen Sinn.[11]

Liest man Bahnwärter Thiel bewusst und wiederholt, fällt dem Leser auf, dass es Hauptmann nicht vorrangig um eine detailgetreue Nachahmung der Wirklichkeit ging, sondern vielmehr darum, eine symbolhafte Darstellung, die der Geschichte eine über das Messbare hinaus, tiefere Bedeutung verleiht.[12]

Im Folgenden soll die symbolhafte Darstellung genau analysiert werden, um das tragische Gewicht, welches die Symbole bestimmten Situationen verleihen, aufzuzeigen.

2. Symbole

2.1. Die Ungeheuer

Direkt zu Beginn der Geschichte wird in einer Winternacht ein Rehbock von einem Schnellzug überfahren[13] und zum Ende, kurz bevor Thiel einen Zusammenbruch erlitten hat, kann sich ein Rehbock samt seiner Herde vor dem heranrollenden Zug retten.[14] Der zum Anfang überfahrene Rehbock soll die Gefahr symbolisieren, die von der Eisenbahn ausgeht und auch die Todesursache von Thiels Sohn Tobias vorausdeuten.

Das Rudel Rehe, welches nur einen kurzen Halt auf den Gleisen machte und der Gefahr noch rechtzeitig entkommen konnte, stellt Thiel das eigene Versagen vor Augen. Ihm gelang es nicht, so wie dem Rehbock, seine Familie vor der heranrollenden Eisenbahn rechtzeitig zu schützen.

Zudem symbolisieren die Rehe auf den Gleisen, dass die Natur zunächst friedlich intakt scheint, jedoch durch die Technik der Eisenbahn ins Schwanken gerät.[15]

Auch hat der Pudel eine symbolhafte Rolle in Hauptmanns Werk. Zunächst begegnet Thiel ein alter Pudel, als er nach Hause eilte, um das vergessene Brot zu holen, aber auch weil er ein dumpfes Gefühl hatte, dass es seinem Tobiaschen nicht gut geht.[16]

Letztendlich nimmt die Novelle ihr Ende, als Thiel nach dem Mord an Lene und des Säuglings an den Gleisen sitzt und eine braune Pudelmütze in der Hand hält, die Tobias gehört hat und welche dieser zum Zeitpunkt des Unglücks trug.[17]

Möglicherweise orientiert sich Hauptmann an Goethes Faust, bei dem der Teufel in Gestalt eines Pudels auftritt, denn in beiden Malen symbolisiert der Pudel ein Unglück im Bezug auf Thiels Sohn Tobias.

Ein weiteres Symbol aus der Tierwelt, welchem sich Hauptmann bedient, ist das Eichhörnchen. Es huscht eins vorbei, während Thiel gemeinsam mit seinem Sohn, kurz vor dem Aufprall mit der Eisenbahn, die Strecke gemeinsam abgeht.[18] Tobias erkennt das Eichhörnchen fälschlicherweise als Gott, welches jedoch üblicherweise als Teufelssymbol gilt. Thiel belächelt zuerst den unpassenden Bezug zwischen Eichhörnchen und Gott, übernimmt jedoch nach dem Tod von Tobias dessen Sichtweise. Nach dem Unfall meint er den lieben Gott über den Weg springen zu sehen[19], sieht in ihm ein neues Feindbild[20] und unternimmt daraufhin den ersten Versuch den Säugling umzubringen.

Die für den gewöhnlichen Menschen liebenswürdigen Tiere, die dem Leser üblicherweise Freude anstatt Furcht und Tragik vermitteln, werden von Hauptmann als ein Symbol des Bösen gebraucht, welche seine Familie und sein Leben ruinierten.

2.2. Farbige Erscheinungen

Die Farbsymbolik in Hauptmanns Werk Bahnwärter Thiel spielt eine nicht unbeachtliche Rolle und zieht sich leitmotivisch durch den Text.[21] Vor allem die Farbe Rot ist hierfür eine häufig vorkommende und mit Hinweisen auf den Tod besetzte Farbe.[22]

Neben den Farben Braun, Blau, Schwarz und Weiß erscheint Rot insgesamt 17 Mal in seinem Werk, also häufiger als jede andere Farbe und beschreibt beispielsweise die äußerlichen Merkmale von Tobias, denn dieser hat brandrote Haare [23] und an seiner Wange bemerkt Thiel weiß-rote Fingerspuren [24].

Das Gesicht des Tobias wird als kreidig [25] beschrieben, auch wird er einmal von Thiel beim Kalk essen [26] erwischt und seine Lippen werden als blutlos [27] in der Novelle erwähnt.

Die Farbkombination rot-weiß taucht bei Tobias’ äußerlichen Beschreibungen oft auf und vermittelt dem Leser einen gefahrenträchtigen und lebensbedrohenden Eindruck, da die blutlosen Lippen und das Kalkessen auf einen schlechten gesundheitlichen Zustand hindeuten.

Auch bei Thiel ist die Farbe Rot beziehungsweise die Farbkombination rot-braun einige Male wiederzufinden. Thiel hat rotes Haar [28] und ein vom Wetter gebräuntes Gesicht[29] der Tisch in seiner Wärterbude ist braun gestrichen [30] und außerdem steht darin ein rostiges Öfchen. [31] Krämer sieht in der Farbkombination rot-braun den Zusammenhang von ‚Leben und Tod’, denn durch die Verbindung von weiß, rot und braun sollte der Leser ein selbstverständliches Faktum des Entstehens, Blühens und Verderbens alles Lebendigen verstehen und nachvollziehen.[32]

Die Farbe Rot ist auch bei Natureindrücken allgegenwärtig, sowie der Mond als purpurglühende Kugel [33] leuchtet, das rote Feuer des Abends [34], der rote Nebel [35], sowie die Sonne, die als blutroter Edelstein [36] am Himmel erscheint. All diese naturbezogenen Ansammlungen werden immer in Verbindung mit Thiels Angst um Tobias gebracht.

Das ‚Sparkassenbuch des Tobias Thiel’, ein kleines in rotes Papier eingeschlagenes Büchelchen, trug der Bahnwärter stets in der Brusttasche des Dienstrocks oder hielt es in der Nacht unter seinem Kopfkissen.[37]

Zu allerletzt wurde Tobias nach seinem Unglück in eine rote Fahne [38] eingewickelt. Die Farbe Rot hat also mit der genetischen Übergabe als Haarfarbe angefangen den Tobias zu umhüllen und begleitete ihn schließlich bis zum Tod indem sein toter Körper in rot umschlossen wurde.

Letztlich wird sogar die Eisenbahn mit der Farbe Rot in Verbindung gebracht.

So geht von den zwei roten, runden Lichtern, welche die Dunkelheit durchdrungen haben ein blutiger Schein aus, welcher den Regen in einen Blutregen[39] verwandelt hat.

Auch an dieser Stelle fällt dem Leser auf, dass die Eisenbahn für eine Tragödie verantwortlich sein wird, denn die Bedrohlichkeit der Eisenbahn wird durch den Blutregen, welcher der Situation eine apokalyptische Stimmung verleiht eindeutig gemacht[40], da Tobias von diesem Ungetüm [41] letztendlich erfasst wird und ums Leben kommt.

In der Schilderung des vorbeifahrenden Zuges wird sehr oft die Farbe Schwarz erwähnt, die nach Rot, die am meisten genannte ist. Diese Farbe wird jedoch meistens nicht alleinstehend verwendet, sondern in einem Farbzyklus gebraucht der in ‚schwarz’ seinen Ausgang nimmt und wieder in ‚schwarz’ einmündet.[42]

Endlich bog er in einen breiten Waldweg und befand sich nach wenigen Minuten inmitten des tiefaufrauschenden Kiefernforstes, dessen Nadelmassen einem schwarzgrünen, wellenwerfenden Meere glichen ... Er Fand seinen Weg ... durch die rostbraunen Säulen des Hochwaldes ... Ein bläulicher ... Dunst stieg aus der Erde auf ... Ein ... milchiger Himmel hing tief herab ... Schwarze Wasserlachen füllten die Vertiefungen ... [43]

Krämer ist aufgefallen, dass sich später ein ähnlicher Farbzyklus aus den Farben schwarz-weiß, grün, rötlichbraun und schwarz wiederholt, jedoch fehlt in der wissenschaftlichen Literatur bisher jeder Hinweis auf diese Farbzyklen.[44] Der Leser könnte diesen Farbzyklus jedoch insoweit interpretieren, dass das erste Schwarz des Farbzyklus, mit dem Verlust von Thiels erster großen Liebe Minna in Verbindung gebracht werden kann und der tiefen Trauer, die Thiel auch Jahre nach ihrem Tod, nicht überwunden hat.

Das darauffolgende Grün steht immer in Verbindung zur Hoffnung und diese hat Thiel geschöpft als er Lene traf, da er gehofft hat, dass sie sich um seinen Sohn Tobias gut kümmern könnte.

Die Farbe rötlichbraun beziehungsweise rotbraun kommt öfter in Verbindung mit blau vor, sowohl in der Beschreibung der Natur, als auch in der Beschreibung des Aussehens von Tobias nach dem Unglück, dessen Stirn braun und blau geschlagen [45] war. Auch nach dem Unglück, als Thiel nicht bei vollem Bewusstsein war und zu seiner toten Frau Minna sprach, versprach er ihr, dass er Lene genauso zurichten würde.

Weibchen – ja – und da will ich sie ... und da will ich sie auch schlagen – braun und blau – auch schlagen – und da will ich mit dem Beil – siehst du? – Küchenbeil – mit dem Küchenbeil will ich sie schlagen, und da wird sie verrecken. [46]

Da sich die Farbe Schwarz am Ende des Zyklus wiederholt, ist es im Zusammenhang mit Tobias Tod zu deuten, da dieser ihm genauso nahe geht wie der Tod von Minna. Es gibt nämlich keinerlei Anzeichen dafür, dass Thiel um die verstorbene Lene oder den Säugling trauert, die Trauer um Minna und Tobias bringen ihn jedoch um den Verstand.

[...]


[1] Vgl. Martini, Fritz: Das Wagnis der Sprache. Interpretation deutscher Prosa von Nietzsche bis Benn. ..Stuttgart 1954, S. 59.

[2] Vgl. Hauptmann, Gerhart: Bahnwärter Thiel. Herausgegeben von Max Kämper. Durchgesehene Ausgabe. ..Stuttgart 2013, S. 51. (=Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 6617)

[3] Vgl. Füllmann, Rolf: Einführung in die Novelle, in Gunter E. Grimm und Klaus-Michael Bogdal (Hg.): .. ...Einführungen Germanistik. Darmstadt 2010, S. 7.

[4] Vgl. Wiese, Benno von: Novelle. Stuttgart 1978, S. 1.

[5] Vgl. ebd. S. 65.

[6] Martini: Das Wagnis der Sprache. Interpretation deutscher Prosa von Nitzsche bis Benn, S. 59.

[7] Vgl. ebd. S. 59f.

[8] Vgl. ebd. S. 60.

[9] Vgl. ebd. S. 60.

[10] Vgl. Martini: Das Wagnis der Sprache. Interpretation deutscher Prosa von Nitzsche bis Benn, S. 11.

[11] Vgl. Martini: Das Wagnis der Sprache. Interpretation deutscher Prosa von Nitzsche bis Benn, S. 65.

[12] Vgl. Wiese: Die Deutsche Novelle von Goethe bis Kafka, S. 271.

[13] Vgl. Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 11.

[14] Vgl. ebd. S. 63.

[15] Vgl. Wilhelmer, Lars: Transit-Orte in der Literatur. Bielefeld 2015, S.115.

[16] Vgl. Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 21.

[17] Vgl. Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 67.

[18] Vgl. ebd. S. 47.

[19] Vgl. ebd. S. 58.

[20] Vgl. Füllmann: Einführung in die Novelle, in Gunter E. Grimm und Klaus-Michael Bogdal (Hg.): .. ... ... Einführungen Germanistik, S. 213.

[21] Vgl. ebd. S. 213.

[22] Vgl. Sprengel, Peter: Gerhart Hauptmann. München 1984, S. 193.

[23] Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 13.

[24] Vgl. ebd. S. 15.

[25] Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 13.

[26] Vgl. ebd. S. 17.

[27] Vgl. ebd. S. 16.

[28] Vgl. ebd. S. 4.

[29] Vgl. ebd. S. 4.

[30] Vgl. ebd. S. 27.

[31] Vgl. ebd. S. 27.

[32] Vgl. Krämer, Herbert: Gerhart Hauptmann. Bahnwärter Thiel: Interpretation. München 1980, S. 37.

[33] Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 63.

[34] Vgl. ebd. S. 56.

[35] Vgl. ebd. S. 60.

[36] Vgl. ebd. S. 40.

[37] Vgl. ebd. S. 19.

[38] Vgl. ebd. S. 51.

[39] Vgl. Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 38.

[40] Vgl. Krämer: Gerhart Hauptmann. Bahnwärter Thiel: Interpretation, S. 32.

[41] Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 38.

[42] Vgl. Krämer: Gerhart Hauptmann. Bahnwärter Thiel: Interpretation, S. 33.

[43] Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 19f.

[44] Vgl. Krämer: Gerhart Hauptmann. Bahnwärter Thiel: Interpretation, S. 33.

[45] Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 51.

[46] Hauptmann: Bahnwärter Thiel, S. 57.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Symbole in Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel"
Hochschule
Universität Regensburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V441258
ISBN (eBook)
9783668796508
ISBN (Buch)
9783668796515
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel, Hausarbeit, Symbole, Novellistische Studie, Symbiose
Arbeit zitieren
Simona Cukerman (Autor), 2017, Symbole in Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441258

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