Fiktionalität in Hartmanns von Aue "Erec"


Hausarbeit, 2005

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Begriff „Fiktion“ – eine Arbeitsgrundlage

3 Der Übergang von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit – eine Hypothese

4 Erzählerkommentare als explizite Signale für die Vermittlung von Fiktion im „Erec“ Hartmanns von Aue
4.1 Die Beschreibung von „Enites“ Pferd (Vv. 7265-7766)
4.2 Die Frage nach dem Bettzeug (Vv. 7106-7111)
4.3 Die imperativischen Aufforderungen
4.3.1 Die Verse 8946-49
4.3.2 Die Verse 7182-7286
4.4 Einordnung und Belehrung
4.4.1 Vergleiche mit der Norm
4.4.2 Predigthafte Exkurse
4.4.3 Dichtung als „Kunde“
4.5 Die Joie de la curt Episode

5 Erste Teilbilanz

6 Der Prolog – ein Exkurs

7 Zweite Teilbilanz

8 Fazit

9 Literaturangabe
9.1 Quellenangabe
9.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

Walter Haug behauptet in seinem Buch Literaturtheorie im deutschen Mittelalter von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts, dass der chrétiensche Roman „Erec et Enide“ den ersten volkssprachlichen Roman des Mittealters darstellt, den man als fiktiv bezeichnen kann.[1] Und Thomas Cramer fügt hinzu, dass Hartmann von Aue mit dem „Erec“ die breite Tradition des deutschen Artusroman eröffnet hat und deshalb einen ähnlich hohen Stellenwert besitzt wie Chrétien de Troyes im französischen Sprachraum.[2] Geht man nun von einer, wie auch immer gearteten und bewerteten Übertragung des chrétienschen „Erec et Enide-Stoffes“ durch Hartmann von Aue aus, so stellt sich folglich die Frage, ob und wenn ja welche Indizien sich für das Vorhandensein von Fiktionalität und deren Vermittlung in dessen „Erec“ finden lassen und auf welche Stellen man sich innerhalb des Werkes für den Versuch einer derartigen Beweisführung berufen könnte. – Diese Frage soll Untersuchungsgegenstand der hier vorliegenden Hausarbeit sein.

Aufgrund der Tatsache, dass es sich hierbei um eine Proseminarsarbeit handelt, mussten bestimmte Einschränkungen für die Ausarbeitungen vorgenommen werden, die sich einerseits durch die geläufigen Vorgaben des Umfangs einer solchen Arbeit, anderseits durch die mangelnde intertextuelle Kenntnis, nicht zuletzt der Originaltexte, begründen lassen. Es wurde daher der Versuch unternommen, anhand einer vorläufigen Definition des Begriffes „Fiktion“ und der damit einhergehenden Abgrenzung zu anderen solcher Begriffsbestimmungen den Text Hartmanns in Hinblick auf die dabei aufgestellten Fiktionalitätskriterien zu untersuchen. Ursprünglich sollte sich infolge dessen mit der Frage auseinandergesetzt werden, ob man aus dem Blickwinkel der damaligen Rezipienten einen Umkehrschluss hätte ziehen können, der für die übergeordnete Fragestellung der Arbeit hilfreich gewesen wäre; also ob sich aus der vermeintlichen Auffassung des Werkes seitens der Zuhörerschaft Rückschlüsse auf dessen fiktionalen Charakter hätten ergeben können. Dies wurde aber verworfen, da die Überlegungen bezüglich der damaligen Zuhörer in einen spekulativen Bereich eingedrungen wären, der unter dem Primat eines wissenschaftlichen Anspruchs nicht zu halten gewesen wären. Deshalb soll die aufgeworfene Frage eher unter produktionsästhetischem Fokus untersucht werden. Freilich läßt sich auch hier keine allgemeingültige und objektive Wahrheit herausfiltern, da auch die Frage der Produktion in eine Sphäre reicht, deren Ursprung und die damit verbundene Autorintension nicht mehr gänzlich zu rekonstruieren ist. Dennoch ist durch die „bloße“ Existenz des hartmannschen „Erec-Textes“ ein zu untersuchendes Medium vorhanden, dass auf Seiten der Rezipienten so nicht gegeben ist und an dem man sich folglich nicht, unter der gestellten Frage, hätte abarbeiten können. So soll nach dem bereits genannten Definitionsversuch, der „Erec-Text“ vor dem Hintergrund des Übergangs von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit unter eben dieser zentralen Fragestellung untersucht werden, wobei auf die besondere Rolle des Erzählers näher eingegangen wird. In einem daran anschließenden Exkurs sollen sowohl der chrétiensche „Erec et Enide-Prolog“ als auch die hartmannschen Prologe zum „Iwein“ und „Armen Heinrich“ näher in den Fokus der Untersuchungen rücken. Dabei werden diese ebenfalls unter der Frage subsumiert, ob und wenn ja inwieweit sie eventuelle Aufschlüsse über das Vorhandensein und die Vermittlung von Fiktion geben könnte. Nach jedem der beiden Abschnitte soll eine kurze Teilbilanz die bis dahin vorhandenen Ergebnisse festhalten und mit den fixierten Charakteristika von Fiktionalität abgleichen. In einem Fazit am Ende der Arbeit, sollen die Ergebnisse der Arbeit zusammengetragen werden, wobei ein Bezug zu der übergeordneten Frage hergestellt werden soll.

Auch wenn der Fundus an Sekundärliteratur, unüberschaubar zu sein schien, war, wie oben bereits erwähnt, eine Selektion nicht zu vermeiden. Es wurde sich daher in der hier vorliegenden Arbeit im Wesentlichen auf die Ausführungen G. Grünkorns, G. Gabriels, W. Haugs und I. Strassers bezogen. Des Weiteren wurden u.a. auch U. Pörksen und F. J. Worstbrock zurate gezogen. Alle zitierten Textstellen des „Erec“ entstammen der schon zitierten Ausgabe Thomas Cramers und sollen im Folgenden nicht jeweils einzeln genannt sondern sich lediglich mit der jeweiligen Versangabe bezeichnet werden.

2 Der Begriff „Fiktion“ – eine Arbeitsgrundlage

Wenn im Folgenden der Arbeit über Fiktion und ihre Vermittlung in Hartmanns von Aue „Erec“ Überlegungen angestellt werden sollen, so scheint es zu Beginn der Ausführungen unerlässlich, den Begriff „Fiktion“ einem Definitionsversuch zu unterziehen, mit dem im Weiteren operiert werden kann. Dabei soll sich im Wesentlichen auf die Ausführungen G. Grünkorns und G. Gabriels berufen werden.

Nach den o.g. Autoren wird „Sprache grundsätzlich als Handlung aufgefasst.“[3] Rede ist hier also als Vollzug oraler und (hand-)schriftlicher Sprachäußerung zu verstehen. Diese Handlung (Aussage-, Befehls-, Fragesätze etc.) folgt bestimmten Regeln, Konventionen usw. und ist grundsätzlich intentional gesteuert.[4] Interessant ist die Tatsache, dass nach diesem sprechakttheoretischen Ansatz fiktionale Rede (Dichtung) von Sprache in normalen Sprechsituationen unterschieden wird. Sie konstituiert sich demnach durch „sprachliche Äußerungen mit fehlendem Wirklichkeitsbezug.“[5] Da man sich in bzw. mit fiktionaler Rede auf keinen Gegenstand außerhalb der Fiktion selbst bezieht und diese nicht mit der „Wirklichkeit“ korrespondiert, kann man sie als wahrheitsindifferent bezeichnen. Freilich steht hier nicht zur Debatte, dass auch der Begriff „Wirklichkeit“ einer expliziteren Untersuchung unterzogen werden müsste, lässt sich aber in den hier vorgenommenen Ausführungen insofern ohne Weiteres gebrauchen, als dass sich Sprache immer im Verbund mit einem bestimmten Begriffssystem und Wissenstand verstehen lässt, der eben schon als solcher erkennen lassen muss, welche Differenzen zwischen einer wahren und einer bloß für wahr gehaltenen Aussage liegen.[6] Aussagen in normalen Sprechsituationen werden von den genannten Autoren als wahrheitsbeanspruchende Behauptungen verstanden, die einen eindeutigen Bezug zur Wirklichkeit haben.[7]

Dem gegenüber steht fiktionale Rede. – In ihr können zwar auch auf den ersten Blick Behauptungen enthalten sein, diese entpuppen sich aber beim zweiten Hinsehen lediglich als „Sprechen-als-ob“.[8] Geäußertes in diesem Sinne ist also weder den formal geltenden Referenzregeln noch dem sonst postulierten Wahrheitsanspruch unterworfen. „Fiktionale Rede ist in diesem Sinne also ein Äußern von Behauptungssätzen, bei denen die Regeln, die für die Korrektheit der Behauptungshandlung gelten, außer Kraft gesetzt sind: Es wird nämlich kein Wahrheitsanspruch erhoben.“[9] Oder mit den Worten Gabriels ausgedrückt: „fiktionale Rede heiße diejenige nicht-behauptende Rede, die keinen Anspruch auf Referenzialisierbarkeit oder auf Erfüllung erhebt.“[10]

Aus diesem Fiktionalitätsbewusstsein heraus erklärt sich auch der Tatsache, dass fiktionale Rede nicht mit Lüge zu verwechseln ist oder die beiden Begriffe gar als Synonyme füreinander zu gebrauchen sind, denn eine Lüge ist „eine wider besseres Wissens aufgestellte nicht wahre Behauptung (...)“,[11] wohin gegen fiktionale Rede als solches gar nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden kann; aus o.g. Gründen ja schon per se weder wahr noch falsch ist. Damit vor dem Hintergrund einer Reihe logischer Kritikpunkte[12] diese vorläufige Definition ihre Existenzberechtigung nicht verliert, sind noch einige fundamentale Ergänzungen dazu notwendig. Fiktionale Rede soll nicht nur als behauptungssatzabhängig und regel-suspendierend verstanden werden, sondern als „höherstufige[r] Sprechakt mit eigenen Verwendungsregeln (…), der das Verständnis von nicht-fiktionaler Rede voraussetzt.“[13] Nach Grünkorn stellen diese Verwendungsregeln sicher, dass fiktionale Rede:

1. „(…) ihren spezifischen Status durch ihre Wahrheitsindifferenz [erhält]
2. (…) spezifische Kommunikationsregeln zur Voraussetzung [hat], (…) der Autor den direkten Bezug auf die Wirklichkeit nicht intendiert und (…) der Rezipient dies auch erkennt und Erfundenes nicht für Wirklichkeit hält
3. (…) trotz ihrer wahrheitsindifferenten Rede einen Sinn oder Erkenntniswert [hat]
4. (…) einen distanzierten Freiraum [schafft], der das Durchspielen von Denkmöglichkeiten, Wirklichkeitsentwürfen etc. ermöglicht.“[14]

Auf der Grundlage dieses Fiktionalitätsbegriffes soll im Folgenden untersucht werden, welche Indizien für den fiktionalen Charakter in Hartmanns von Aue „Erec“ vorhanden sind und wie sich die Vermittlung derselbigen darstellt. Es sei an dieser Stelle noch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich hier nicht um eine Begriffbestimmung handeln soll, deren Festsetzung und Vermittlungen despotisch-hegemonialen Charakter besäße, sondern vielmehr um eine solche, der die Fähigkeit zugestanden wird, unter der gegebenen Fragestellung das benötigte Werkzeug für die anstehenden Analysen darzustellen.

[...]


[1] Vgl. Haug, Walter: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 2., überarb. Aufl. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1992. S. 91.

[2] Vgl. Cramer, Thomas: Hartmann von Aue. Erec. Mittelhochdeutscher Text und Übertragung. 25. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2003. S. 445.

[3] Grünkorn, Gertrud: Die Fiktionalität des höfischen Romans um 1200. Hrsg. von Hugo Steger/ Hartmut Steinecke. Berlin: Erich Schmidt 1996 (= Philologische Studien und Quellen, Heft 129). S. 11.

[4] Mehr zum Begriff „Handeln“ Vgl. Luckmann, Thomas: Individuelles Handeln und gesellschaftliches Wissen. In: Wissen und Gesellschaft. Aufsätze 1981-2002. Hrsg. von Thomas Luckmann. Konstanz: Universitätsverlag 2002. S. 69-89. Was Gabriel nicht unter Rede versteht Vgl. Gabriel, Gottfried: Fiktion und Wahrheit. Eine semantische Theorie der Literatur. Hrsg. von Günther Holzboog. Stuttgart/ Bad Cannstatt Friedrich Frommann Verlag 1975 (= problemata, Heft 51). S. 13ff.

[5] Grünkorn, Gertrud: Die Fiktionalität des höfischen Romans um 1200. Berlin: Erich Schmidt 1996. S. 11.

[6] Vgl. ebd., S. 11f.

[7] Mehr dazu, was Behauptungen expressis verbis sind und warum sie nur gelungen sind, wenn sie wahr sind Vgl. Grünkorn, G.: Die Fiktionalität des höfischen Romans. S. 12 und Gabriel, Gottfried: Fiktion und Wahrheit. S. 42ff.; insbesondere S. 45.

[8] Vgl. Gottfried, Gabriel: Fiktion. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Nachbearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Band 1. Hrsg. von Klaus Weimar u.a. 3., neubearb. Aufl. Berlin und New York: de Gruyter 1997. S. 594-598.

[9] Grünkorn, G.: Die Fiktionalität des höfischen Romans. S. 12.

[10] Gabriel, Gottfried: Fiktion und Wahrheit. S. 28.

[11] Gabriel, Gottfried: Fiktion und Wahrheit. S. 49.

[12] Vgl. Grünkorn, G.: Die Fiktionalität des höfischen Romans. S. 13. Insbesondere diskutiert wird hier die Frage ob und wenn ja wie man so tun kann, als behaupte man etwas.

[13] Ebd., S. 13.

[14] Ebd., S. 19.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Fiktionalität in Hartmanns von Aue "Erec"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für germanistische Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hartmanns von Aue "Erec"
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V44151
ISBN (eBook)
9783638418041
ISBN (Buch)
9783638656931
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fiktionalität, Hartmanns, Erec, Hartmanns, Erec
Arbeit zitieren
Marc Partetzke (Autor), 2005, Fiktionalität in Hartmanns von Aue "Erec", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44151

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