Verdrängung oder Vergessen? Eine psychoanalytische Annäherung an die Motive in drei lyrischen Werken von Bertolt Brecht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Literaturpsychoanalyse als Metadisziplin
2.1 Unbewusste Mechanismen in literarischen Werken
2.1.1 Abwehrmechanismen in der Psychologie
2.1.2 Abwehrmechanismen in der Literatur
2.2 Bertolt Brecht und die Psychoanalyse
2.2.1 Brecht und zwischenmenschliche Beziehungen
2.2.2 Brechts Todesangst
2.2.2.1 Brechts Herzneurose
2.2.2.2 Brechts Mutterbeziehung

3. Abwehrmechanismen in Bertolt Brechts lyrischem Werk
3.1 Die Erinnerung an die Marie A
3.1.1 Inhalt und Formanalyse
3.1.2 Psychoanalytische Deutung der sprachlichen Mittel
3.1.2.1 Vergessen oder Verdrängung ?
3.1.2.2 Trennungstrauma und Bindungsangst
3.2 Die Ballade vom Liebestod
3.2.1 Die Verschmelzung als Bedrohung
3.2.2 Todesangst oder Langeweile ?
3.3 Liebeslied aus einer schlechten Zeit
3.3.1 Bürgerliches Konkurrenzdenken oder emotionaler Egoismus ?

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Rezeption verschiedener lyrischer Werke Bertolt Brechts und der dazugehörigen Sekundärliteratur, fielen in der Forschung vermehrt Unstimmigkeiten beim Vergleich verschiedener Interpretationsansätze auf. Während die einen vom ״politischen Dichter Brecht" sprachen[1] und seine Gedichte als Lehrmaterial für den politisch und gesellschaftlich unwissenden Durchschnittsbürger interpretierten[2],sahen andere wiederum seine Autobiografie als ausschlaggebendes Kriterium bei der Analyse der Werke an.

Da weder das Eine, noch das Andere die zahlreichen sprachlichen Mittel und Motive der Gedichte in ihrer Vielschichtigkeit zufriedenstellend interpretieren konnten, wird hier der Versuch unternommen, der von Brecht geforderten ״emotionalen Annäherung bei der Rezeption lyrischer Werke" näherzukommen, indem ein psychoanalytischer Deutungsansatz unter besonderer Berücksichtigung der psychologischen ״Abwehrmechanismen" angewendet wird. Ohne die Grenzen zwischen dem lyrischen Ich und dem Autor verschwimmen zu lassen, sollen die Gefühlswelt des Sprechers durchleuchtet und die dahinter stehenden Mechanismen und Stukturen erkundet werden. Analysiert wurden die Gedichte ״Die Erinnerung an die Marie A.",״Die Ballade vom Liebestod" und das ״Liebeslied aus einer schlechten Zeit", da sie als für den Deutungsansatz repräsentativ erachtet wurden.

2. Die Literaturpsychoanalyse als Metadisziplin

In diesem Kapitel werden zum besseren Verständnis der Materie kurz die Hintergründe und Ansprüche der psychoanalytischen Literaturwissenschaft erläutert. Diese geht davon aus, dass ״jedes Kunstwerk Ergebnis einer psychischen Aktivität und damit Gegenstand psychologischer Forschung ist".[3] Die Psychoanalyse hat sich folglich mit der Literaturwissenschaft zusammengeschlossen, da sie der Auffassung ist, dass ״die Interpretationen von Kunstwerken, wenn sie korrekt sind, sich immer direkt oder indirekt auf psychologische Prozesse beziehen."[4] Die Psychoanalyse ist, wenigstens zum größten Teil, ״eine hermeneutische Disziplin und insofern ebenso geeignet für das Verstehen von literarisch gestalteten wie von realen lebensgeschichtlichen und soziokulturellen Sinnzusammenhängen."[5] Bei der Interpretation eines Werkes aus psychoanalytischer Perspektive geht es nicht darum, die Psychoanalyse mit all ihren Theorien auf den Text anzuwenden, sondern vielmehr unbewusste Rezeptionsprozesse bewusst zu machen und das Werk als solches immer im Kontext der gesellschaftlichen und historischen Lebenssituation zu betrachten sowie es als psychisches Produkt eines Individuums zu sehen.[6] Eine Herausforderung, der sich die psychoanalytische Literaturwissenschaft seit jeher stellen muss, ist das kritische Hinterfragen nach ihrer Geltung und Validität, da es allgemein ״nur sehr wenige Forscher gibt, die sowohl in der Psychologie, wie in der Literaturwissenschaft völlig kompetent sind."[7] Oft wird konkludent davon ausgegangen, dass die psychoanalytische Literaturwissenschaft sich ausschließlich mit der ״Genetik" eines Werks beschäftigt, das heißt, der Erklärung eines Werks nach der Autobiografie des Autors. Dies stellt jedoch nur einen kleinen Aspekt des weiten Spektrums an Methoden dar, derer sie sich bedient. Ferner geht es vor allem um dynamische, topische, ökonomische und adaptive Aspekte, deren ausführliche Erörterung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

2.1 Unbewusste Mechanismen in literarischen Werken

Das Unterbewusstsein oder Unbewusste ist ein sowohl in der Literatur, als auch in der Tiefenpsychologie stets präsenter Begriff. Um eine Annäherung zu ermöglichen, müsste Unbewusstes in menschlichem Verhalten klar zu erkennen sein, doch der Terminus selbst bedingt eine Unmöglichkeit der klaren Interpretation und erschwert die wissenschaftliche Analyse. Als Begründer der Psychoanalyse erkannte Sigmund Freud, dass dem menschlichen Verhalten, das wir beobachten können, offenbar Prozesse zugrunde liegen, die unbewusst ablaufen.[8] Freud erkennt das Unbewusste als System, bestehend aus in der Kindheit verdrängten Ängsten, Wünschen und Erlebnissen.

Der Philologe Carl Pietzcker stimmt mit den Erkenntnissen Freuds über die Existenz verdrängter Erlebnisse überein und erklärt, dass "[sich] Lebensbedürfnisse, Triebe, Wünsche, Traumata, Konflikte, Ängste und innere Spannungen durch Vorstellungen repräsentieren [müssen]"[9] Sie sind aber zunächst unvorstellbar und nicht artikuliert, weshalb ״sie [...] sich noch im Unbewussten [bewegen]"[10] Dieses Unbewusste sieht auch Pietzcker als ein System an, das ״gegen physiologisch-körperliche wie gegen bewusste Vorgänge [abgrenzt][11] ״Dieses Komplexe Vorgehen dient nur einem Zweck : dem Selbstschutz und der Selbsterhaltung.[12] Genau wie Freud ist Pietzcker der Auffassung, dass sich aus diesem verdeckten System des Unbewussten verschiedene Prozesse ins Außen bewegen, um im Bewusstsein stattzufinden. Dies geschieht jedoch nicht ohne die Kontrollinstanzen des - wie Freud es nennt - ״Ich- und über-lch", welche als gesellschaftliche Katalysatoren fungieren und die Zustände des Unbewussten nur in reguliertem Maß in Verhalten umwandeln. Dieser Konflikt zwischen dem Unbewussten, das realisiert werden will und den entgegenwirkenden Kräften des Ich; bildet die ״Systemgrenze zwischen Bewusstem und Unbewusstem", ist ״überlebensnotwendig [und] schützt das Individuum vor Impulsen, die es zu einem schädlichen Verhalten antreiben könnten"[13] Bei der Umwandlung von unbewussten Zuständen in bewusstes Verhalten ist es interessant, dass dies nur durch einen "Kompromiss mit Abwehrprozessen" möglich ist.[14] Eine Neurose ist beispielsweise die Umkehr eines zugrundeliegenden Bedürfnisses in zwanghaftes Verhalten, um dem Individuum die Möglichkeit zu geben, dem ursprünglichen Bedürfnis nahe zu kommen, es aber nicht bewusst zu erleben.[15]

Das Unbewusste kann man demnach niemals sehen, greifen, oder vollständig erklären, was es vor allem für die Literatur äußerst interessant macht. ״Wir können es lediglich aus einer Vielfalt von Phänomenen - aus Traum, Neurose, Psychose, Brauch, Religion, Literatur u.a. - erschließen [...]".[16] In literarischen Texten ist das Unbewusste als solches nicht materiell zu erfassen, vielmehr zeigt der Text das Unbewusste, weil er selbst ein Zeichen ist, ein Medium zur Vermittlung von Botschaften, Wünschen, Ängsten und Träumen. Der Text ״baut aus Wörtern [...] Zeichen vorsprachlicher Art" und "verbindet bewusst wahrnehmbare Wörter [...] mit unbewussten Phantasien und Emotionen"[17]

2.1.1 Abwehrmechanismen in der Psychologie

Den Begriff des ״Abwehrmechanismus" führte Sigmund Freud ein und er beschreibt einen Schutzmechanismus der Psyche, um zugrundeliegende Bedürfnisse abzuwehren, die aus individuellen Gründen nicht zugelassen werden können.[18]. Diese Abwehrmechanismen werden vom ״lch",(Freud'sche Instanz des kritischen Verstandes) unbewusst eingesetzt. Die Gründe für die unbewusste Abwehr verschiedener Affekte (z.B. Wut, Hass, Freude), Triebe (z.B. Nahrungstrieb, Sexualtrieb, Todestrieb), Traumata (z.B. Missbrauch, Vernachlässigung), Wünsche und Ängste liegen meist in der Kindheit.[19] Die Psychoanalyse und Tiefenpsychologie führen verschiedene Abwehrmechanismen auf, wobei die bekanntesten und auch für diese Arbeit relevantesten folgende wären:

Verdrängung: Sie schützt das Ich vor gefährlichen Einflüssen, indem es die bewusste Erinnerung an ein (negatives) Ereignis verhindert. Die damals erlebten Gefühle (z.B. Scham, Schuld, Angst) werden vom Bewussten ins Unbewusste verdrängt.

Verleugnung: Ein unerwünschter Teil der Realität wird verleugnet, also wahrgenommen (Unterschied zur Verdrängung), aber nicht emotional erlebt oder anerkannt.

Vermeidung: Emotionen werden vermieden, indem Schlüsselreize (Trigger) vermieden werden.

Reaktionsbildung■. Unerwünschte Gefühle werden durch gegenteilige ersetzt (z.B. Hass, anstatt Mitgefühl, wenn Angst vor Liebe oder Nähe besteht).

Projektion: Unerwünschte Inhalte werden auf mehrere Objekte verteilt. Das Selbst und die Objekte werden in ״gut" und ״böse" eingeteilt und abhängig davon idealisiert oder entwertet.

Entwertung: unverhältnismäßig schlechte Bewertung eines Objektes, um das eigene Selbstbild zu erhöhen

Sublimierung: Unerfüllte und nichtgewünschte Triebe werden durch gesellschaftlich höher gestellte Handlungen ersetzt oder berfriedigt (z.B. Arbeit, künstlerisches Schaffen).[20]

Im nächsten Kapitel werden die verschiedenen Abwehrmechanismen der Psychologie in den literarischen Kontext integriert, wobei sie sich in ihrer Funktion unterscheiden, in ihren Eigenschaften jedoch gleichen.

2.1.2 Abwehrmechanismen in der Literatur

Zwischen den Abwehrmechanismen in der Psychologie und den literarisch verwendeten Abwehrmechanismen besteht ein großer Unterschied. Wie zuvor bereits erwähnt, befinden sich die Abwehrmechanismen im ״Spannungsfeld zwischen den drei psychischen Instanzen Ich, Es und über-lch und zwischen jeder dieser drei und der dem Individuum äußeren Realität."[21] Sie dienen primär dem Selbstschutz und bewahren den Menschen vor dem (Wieder-) Erleben der eigenen Traumata. Die Abwehrprozesse in der fiktionalen Literatur funktionieren jedoch auf ganz andere Weise. Während der menschlichen Wahrnehmung die eigenen Abwehrmechanismen nicht bewusst sind, spielt die Literatur mit ihnen, arbeitet mit ihnen ״auf unterschiedlichen Stufen der Bewusstheit"[22], ״folgt ihnen blind"[23] oder ״setzt sie [auch] als literarische Techniken ein"[24]. Es geht primär darum, das Ausgelassene und Nicht- Gesagte vermuten zu lassen, beides dem Leser selbst zu überlassen und somit ein Gefühl oder eine Ahnung ihrer Existenz zu vermitteln. Diese Merkmale werden nicht als Symptome eines unbewussten Prozesses vermittelt, sondern literarisch bewusst eingesetzt, ״[um| ihre Nähe spüren [zu lassen]."[25] [26]

Ein häufig genutzer Abwehrmechanismus in der Literatur wäre beispielsweise die Spaltung. Die Spaltung sorgt dafür, ״[...] als unerträglich erfahrene Widersprüche von Selbst- oder Objektbildern dem Bewusstsein dadurch zu entziehen, dass sie den Zusammenhang dieser Bilder auflösen und stattdessen Unvereinbares gegeneinander stellen."[27] Wenn ein fiktiver Charakter eines Dramas beispielsweise ödipale Phantasien über seine Mutter hat, könnte hier eine Aufspaltung der Mutter in die ״Heilige" und ״Hure" folgen um den Leser implizit auf einen inneren Konflikt des Protagonisten aufmerksam zu machen.[28] ״Je bewusstseinsnäher dies [die literarische Verwendung des Abwehmechanismus] stattfindet, desto spürbarer [wird er]."[29] Die wichtigsten Abwehrmechanismen, derer sich die Literatur bedient und mit denen sich die Kapitel im Folgenden beschäftigen werden, sind die Verdrängung, sowie die Verleugnung, Entwertung und Idealisierung. Sie treten gerne in Kombination auf und werden durch verschiedene zugrunde liegende Prozesse bedingt, die sie auslösen.

2.2 Bertolt Brecht und die Psychoanalyse

Carl Pietzcker hat sich in seiner Arbeit ״Die Lyrik des jungen Brecht" an eine psychoanalytische Deutung gewagt, die vor allem die lyrische Schaffensperiode des jungen Brecht durchleuchtet. Nach Pietzcker haben Brechts Gedichte zu dieser Zeit eine stark sexuelle Komponente, so beschreibt er oft die ״versteckten Inzestphantasien"[30], oder auch seine Kastrationsangst, die in verschiedenen Natur-Motiven durch das lyrische Ich implizit beschrieben werden.[31] Auch die Angst vor der Frau ist zentraler Bestandteil seiner Analyse, wie auch bei Ana Kugli in Feminist Brecht?. Im Gegenteil zu Kugli spricht Pietzcker eindeutig von der Angst Brechts vor einer ״Gefühlsüberschwemmung"[32], ״von der er sich bedroht fühlte [und sie auf die] Rezipienten [projiziere] und aus der Rolle des Lehrers das, was ihn bedrohte, an ihnen zu kontrollieren [versuche."[33] Hier stellt er fest, dass Brecht Selbstwahrnehmung meidet und den Leser stellvertretend dazu auffordert, sich seines Gefühlslebens bewusst zu werden.[34] Brecht projiziere quasi seine unterdrückten und nicht zugelassenen Gefühle auf den Leser, was zu einem ״nichtliterarischen Abwehrprozess"[35] führt. Während Pietzcker eindeutig einen psychoanalytischen Deutungsansatz verwendet und die stereotypischen und pornografisches Texte Brechts klar mit psychischen Abwehrmechanismen in Verbindung bringt, sieht Kugli darin ein mangelndes Verständnis des psychoanalytischen Deutungsansatzes Pietzckers, da ״dieser davon ״aus[geht], dass der Autor seine unbewussten Einstellungen und Fantasien unreflektiert zu Papier bringt."[36]

Obwohl Kugli wiederholt davon spricht, dass Brecht bei der Rezeption seiner Werke Emotionalität verlangt,[37] möchte sie (trotz der ständigen Stereotypisierung der Frau in Brechts Werken), einen psychoanalytischen Ansatz nicht in Betracht ziehen und entschuldigt Brecht als ״politischen Autor"[38], der seine ״Formeneperimente als Ausdrucksweise einer bürgerlichen Dekadenzliteratur verstand"[39] und auch seine bewussten Stereotypisierungen und Entwertungen der Frau in den Mechanismen der damaligen Gesellschaft gespiegelt sah.

Die Psychoanalyse Pietzckers ist zwar durchaus interessant, und auch Kugli behält was Brechts politisches und gesellschaftliches Aufklärungsinteresse angeht definitiv Recht, in dieser Arbeit werden die ausgewählten Werke jedoch nicht vollständig auf die Psyche des Autors zurückgeführt, sondern die Gefühlswelt und psychischen Mechanismen des lyrischen Ichs durchleuchtet. Auch Kuglis Interpretation der Motive des Werkes wird durch einen psychoanalytischen Erklärungsansatz widerlegt, der die Komplexität der Werke besser zu erfassen vermag.

2.2.1 Brecht und zwischenmenschliche Beziehungen

Im vorangegangenen Abschnitt wurde bereits erwähnt, dass Brechts lyrische Werke oft das Thema zwischenmenschlicher Beziehungen und vor allem die Beziehung zwischen Mann und Frau behandeln.[40] In Kapitel 2.1 wurden die unbewussten Mechanismen des Menschen durchleuchtet und in 2.1.1 die verschiedenen Abwehrmechanismen spezifiziert. Nicht nur im Alltag, sondern auch in der Literatur sind solche Mechanismen vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen am besten zu beobachten, so beispielsweise in der Spaltung des Protagonisten in Schillers Don Carlos aufgrund seiner Beziehung zur Mutter[41] oder aber auch der Trennung Shen Tes in Brechts Der gute Mensch von Sezuan in eine männliche und eine weibliche Figur aufgrund der hohen Erwartungen ihrer Mitmenschen und der gesellschaftlichen Konventionen.[42]

Viele Literaturwissenschaftler sind der Meinung , dass Brechts Gedichte über Beziehungen, Liebe, Sex und Frauen eine ״Antvithese zur vergeistigten Liebesdarstellung in lyrischen Werken [ihrer] Vorgänger"[43] darstellen, dass Brecht Beziehungen wenigstens nicht nur ״auf jene große sinnlich-seelische Leidenschaft"[44] reduziere, sondern den Mut hat, ״bloße sexuelle Begierden und Erfahrungen zur Sprache [zu bringen], die keineswegs an tiefe oder gar >ewige< Gefühle an einen ganz bestimmten Menschen geknüpft sind."[45] Andere sind wiederum der Auffassung, dass Brechts Entwertung, Asexualisierung und Stereotypisierung der Frau nicht einfach mit einer fortschrittlicheren Form der Liebeslyrik zu erklären seien. So ist Raddatz überzeugt, dass Brechts Frauen keine Frauen seien, Karasek sieht sie als Geschöpfe, denen Brecht das Sinnliche ausgetrieben hat und Knopf empfindet eines der bekanntesten Gedichte Brechts, die Erinnerung an die Marie A. als frauenfeindlich, narzisstisch und menschenverachtend.[46]

Dass Brecht als politischer Dichter gegen die verklärte Liebeslyrik protestieren wollte, ist kein zufriedenstellender Erklärungsansatz für die Vielschichtigkeit und Komplexität seiner Lyrik über zwischenmenschliche Beziehungen, insbesondere nicht für die Liebe zu anderen Frauen. Der rote Faden, der sich durch die strukturelle Einheit seiner Beziehungslyrik zieht, ist vor allem die Angst, die durch entwertende und kühle sprachliche Mitteln nahezu allgegenwärtig ist.[47] Anhand dreier exemplarischer Beispiele soll deshalb der psychoanalytische Deutungsansatz als Grundlage verwendet werden, um verschiedene Motive des lyrischen Ichs in Brechts Gedichten zu analysieren und ferner der Bezug zu den psychologischen Abwehrmechanismen hergestellt werden. Dafür wird im Folgenden auf die möglichen Gründe für die Abwehrmechanismen eingegangen, nämlich die Angststörung Brechts als Motor seines literarischen Schaffens.

2.2.2 Brechts Todesangst

Bei der Rezeption Brechts sogenannter ״Liebeslyrik" fällt bei der genauen Auseinandersetzung und auch dem emotionalen ״Zulassen" der Stimmung der Gedichte auf, dass die politisch-gesellschaftlichen Interpretationsansätze mancher Autoren der Mehrdimensionalität der Texte nicht ganz gerecht werden. Die sprachlich-stilistischen Mittel deuten darauf hin, dass die Selbst-und Objektbilder der Sprecher stark auf einen inneren Konflikt weisen, der oftmals externalisiert und den spezifischen Umständen und der gesellschaftlichen Realität zugeschrieben wird. Hier sprechen wir, wie zuvor erwähnt, in der Psychoanalyse von einer projektiven Identifikation als Abwehrmechanismus, die ihren Ursprung in viel tiefer reichenden, inneren Prozessen hat, als dass die Objektbilder als Erklärung für Emotionalität überhaupt infrage kommen könnten. Auch Carl Pietzcker war bei vielen nicht-psychoanalytischen Interpretationsansätzen skeptisch und analysierte deshalb die verschiedenen Mittel Brechts, um den von Brecht selbst beschriebenen ״Gefühlsverwirrungen" soweit zu entgehen, als dass er sie selbst nicht erleben müsste, sich aber über den Text durch Sublimierung und Intellektualisierung seinen inneren Konflikten nähern und sich so weitestgehend selbst therapieren konnte.[48]

2.2.2.1 Brechts Herzneurose

Der Hauptkonflikt den Pietzcker beschreibt, war ein Kreislauf von Sehnsüchten und Ängsten, der sich bei Brecht pathologisch als Herzneurose erkenntlich zeigte.[49] Die Herzneurose ist bekanntermaßen eine Angstneurose, bei der ״ die ״diffuse unbewusste Angst vor Selbstverlust, eine Todesangst, auf das beschleunigt schlagende Herz verschoben wird. Mit diesem Symptom tritt sie als die konkrete Angst ins Bewusstsein, das Herz bleibe Stehen, also abermals als eine Todesangst. Nun kann die psychisch erzeugte Angst auf eine physische Störung bezogen, also verdinglicht werden."[50] Pietzcker beschreibt hier den klassischen Mechanismus einer Angststörung, die in generalisierter Form auftreten kann oder wie in diesem Fall spezifiziert als hypochondrische Störung (ICD-10). Neurosen wie die Angststörung sind wiederum Abwehrmechanismen der Psyche, um unter anderem nicht verarbeitete Traumata zu bewältigen.[51]

In der Herzneuroseforschung wird zwischen zwei unterschiedlichen Typen unterschieden, dem Typ A, der ״passiv ist und offen von Ängsten überflutet wird"[52], wohingegen der Typ в ״die demütige Situation ohnmächtiger Abhängigkeit von dem frühen Objekt, einem frühen Mutterbild, nicht [erträgt], [sich ihrer] schämt und kontraphobisch [reagiert], also mit einer Flucht nach vorne gegen die Angst. Er verleugnet Angst und Ohnmacht und kompensiert sie durch aktive und leistungsbewusste Selbstständigkeit, setzt auf Willen und Intellekt."[53]

[...]


[1] Ana Kugli : Feminist Brecht ? Zum Verhältnis der Geschlechter im Werk Bertolt Brechts. München, 2006. s. 25, z. 26 f.

[2] vgl. Carl Pietzcker: Psychoanalytische Studien zur Literatur. Würzburg 2010, s. 60, Z.20 ff.

[3] Walter Schönau : Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft. Band 259, Stuttgart 2003, s. 81, Z. 3-4

[4] Ebd. z. 6-8 3

[5] Ebd. s. 82, z. 28 ff.

[6] vgl. ebd. s. 82, z. 3 ff.

[7] Walter Schönau : Einführung in die psychoanalytische Literaturwissenschaft, s. 82, z. 84-85

[8] Sigmund Freud: Studienausgabe. Psychologie des Unbewußten, s. 119, z. 1 ff.

[9] Carl Pietzcker :Psychoanalytische Studien zur Literatur, s. 11, z. 14 ff.

[10] Ebd.

[11] Carl Pietzcker :Psychoanalytische Studien zur Literatur., s. 13, z. 11 ff.

[12] Vgl. ebd.

[13] Ebd. s. 12, z. 21 ff.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. ebd

[16] Vgl. ebd.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Karl König: Abwehrmechanismen. Göttingen 2007, s. 87 z. 1 ff.

[19] Ebd.

[20] Vgl. ebd.

[21] Ebd. s. 22, z. 32 f.

[22] Ebd. s. 26, z. 9f.

[23] Ebd. Z.10

[24] Ebd. z. 11

[25] Ebd. s. 25, z. 12

[26] Vgl. ebd.

[27] Ebd. s. 22, z. 20-22

[28] Vgl. ebd. s. 25, z. 36-37

[29] Ebd. s. 26, z. 14-15

[30] Carl Pietzcker: Die Lyrik des jungen Brecht. Vom anarchischen Nihilismus zum Marxismus. Frankfurt am Main, 1974, s. 204, z. 14 ff.

[31] Eb ■

[32] Carl Pietzcker: Psychoanalytische Studien zur Literatur, s. 28, Z. 1 ff.

[33] Ebd.

[34] Vgl. ebd.

[35] Ebd.

[36] Ana Kugli: Feminist Brecht ? s. 25, z. 26 ff.

[37] Vgl. ebd.

[38] Ebd. S. 1, z. 1-2

[39] Ebd. S.2, z. 3

[40] Vgl. Ulrich Kittstein: Das lyrische Werk Bertolt Brechts. Stuttgart, 2012, s. 1, z. 8 ff.

[41] Vgl. Carl Pietzcker: Psychoanalytische Studien zur Literatur, s. 25, z. 10 ff.

[42] Vgl. Ana Kugli : Feminist Brecht ?, s. 3 ff.

[43] Ebd. s. 50, z. 15 f.

[44] Vgl. Ulrich Kittstein : Das lyrische Werk Bertolt Brechts, s. 1, z. 11 ff.

[45] Ebd. s. 1, z. 13 ff.

[46] Vgl. Jan Knopf: ״Sehr weiß und ungeheuer oben", Erinnerung an die Marie A. In: ders. (Hrsg.): Interpretationen, Gedichte von Bertolt Brecht. Frankfurt am Main 1995, s. 31 ff.

[47] Vgl. Ulrich Kittstein : Das lyrische Werk Bertolt Brechts, s. 257, z. 15 f.

[48] Vgl. Ulrich Kittstein : Das lyrische Werk Bertolt Brechts, s. 261, z. 7 ff.

[49] Vgl. ebd. s. 253, z. 20 ff.

[50] Ebd. z. 29-34

[51] Vgl. H. H. studt, E. R. Petzold: Psychotherapeutische Medizin. Psychoanalyse - Psychosomatik ■ Psychotherapie. Ein Leitfaden für Klinik und Praxis. New York/Berlin, s. 129 z. 1 ff.

[52] Ulrich Kittstein : Das lyrische Werk Bertolt Brechts, s. 254, z. 7 ff.

[53] Ebd. z. 26-30

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Verdrängung oder Vergessen? Eine psychoanalytische Annäherung an die Motive in drei lyrischen Werken von Bertolt Brecht
Hochschule
Universität Augsburg  (Philologisch-Historische Fakultät)
Veranstaltung
Gesten und Gebärden
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V441738
ISBN (eBook)
9783668799905
ISBN (Buch)
9783668799912
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychoanalyse, Bertolt Brecht, Literaturwissenschaft, Lyrik
Arbeit zitieren
Serena Shtrezi (Autor), 2018, Verdrängung oder Vergessen? Eine psychoanalytische Annäherung an die Motive in drei lyrischen Werken von Bertolt Brecht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441738

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