Bei der Rezeption verschiedener lyrischer Werke Bertolt Brechts und der dazugehörigen Sekundärliteratur, fielen in der Forschung vermehrt Unstimmigkeiten beim Vergleich verschiedener Interpretationsansätze auf. Während die einen vom „politischen Dichter Brecht“ sprachen und seine Gedichte als Lehrmaterial für den politisch und gesellschaftlich unwissenden Durchschnittsbürger interpretierten, sahen andere wiederum seine Autobiografie als ausschlaggebendes Kriterium bei der Analyse der Werke an.
Da weder das Eine, noch das Andere die zahlreichen sprachlichen Mittel und Motive der Gedichte in ihrer Vielschichtigkeit zufriedenstellend interpretieren konnten, wird hier der Versuch unternommen, der von Brecht geforderten „emotionalen Annäherung bei der Rezeption lyrischer Werke“ näherzukommen, indem ein psychoanalytischer Deutungsansatz unter besonderer Berücksichtigung der psychologischen „Abwehrmechanismen“ angewendet wird. Ohne die Grenzen zwischen dem lyrischen Ich und dem Autor verschwimmen zu lassen, sollen die Gefühlswelt des Sprechers durchleuchtet und die dahinter stehenden Mechanismen und Strukturen erkundet werden.
Analysiert wurden die Gedichte „Die Erinnerung an die Marie A.“, „Die Ballade vom Liebestod“ und das „Liebeslied aus einer schlechten Zeit“, da sie als für den Deutungsansatz repräsentativ erachtet wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Literaturpsychoanalyse als Metadisziplin
2.1 Unbewusste Mechanismen in literarischen Werken
2.1.1 Abwehrmechanismen in der Psychologie
2.1.2 Abwehrmechanismen in der Literatur
2.2 Bertolt Brecht und die Psychoanalyse
2.2.1 Brecht und zwischenmenschliche Beziehungen
2.2.2 Brechts Todesangst
2.2.2.1 Brechts Herzneurose
2.2.2.2 Brechts Mutterbeziehung
3. Abwehrmechanismen in Bertolt Brechts lyrischem Werk
3.1 Die Erinnerung an die Marie A.
3.1.1 Inhalt und Formanalyse
3.1.2 Psychoanalytische Deutung der sprachlichen Mittel
3.1.2.1 Vergessen oder Verdrängung ?
3.1.2.2 Trennungstrauma und Bindungsangst
3.2 Die Ballade vom Liebestod
3.2.1 Die Verschmelzung als Bedrohung
3.2.2 Todesangst oder Langeweile ?
3.3 Liebeslied aus einer schlechten Zeit
3.3.1 Bürgerliches Konkurrenzdenken oder emotionaler Egoismus ?
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Komplexität der Liebeslyrik Bertolt Brechts durch die Anwendung eines psychoanalytischen Deutungsansatzes zu erschließen. Dabei soll untersucht werden, inwiefern die Verwendung psychologischer Abwehrmechanismen im lyrischen Ich dazu dient, zugrundeliegende Ängste und Traumata, insbesondere vor emotionaler Nähe und Autonomieverlust, zu verarbeiten.
- Analyse unbewusster Mechanismen in literarischen Texten
- Untersuchung von Brechts Herzneurose und Mutterbeziehung als Motor seines Schaffens
- Psychoanalytische Interpretation ausgewählter Gedichte (Marie A., Liebestod, Liebeslied)
- Reflektion über die Wirksamkeit von Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung und Entwertung
Auszug aus dem Buch
3.1.2.1 Vergessen oder Verdrängung ?
Bei genauerer Betrachtung der Sprache des lyrischen Ich wird schnell deutlich, dass es sich keinesfalls um einen bemitleidenswerten Geliebten handelt, der sich der Vergänglichkeit des Lieben und Seins bewusst ist, „nur“ „innerlich tot [ist]“ und schon gar kein „Narziss“. Es ist keineswegs der Fall, dass der Sprecher sich nicht erinnern kann, sondern es vielmehr gar nicht will oder die Geliebte unbewusst verdrängt hat. Das lyrische Ich ist nicht tot, sondern voll unterdrücktem Hass auf die Frau, die er so dringend zu verleugnen versucht. Wenn sogar die Wolke einprägsamer war, als der Kuss, wenn ein Individuum bewusst oder unbewusst einem Objekt der Vergänglichkeit, wie der Wolke, mehr Zeit und Worte schenkt, als einer zwischenmenschlichen Interaktion, muss es einen inneren Konflikt geben, dem eine schmerzhafte Liebeserfahrung zugrunde liegt, vielleicht sogar eine unerfüllte Begierde, die durch verschiedene Abwehrmechanismen blockiert wird. Der Sprecher leugnet seine Verletzlichkeit, indem er distanziert und gefühlskalt von einer im Normalfall sehr tiefgehenden emotionalen Bindung spricht. Vor allem die Rechtfertigungen ab Strophe 2 lassen eine komplexe Gefühlslage vermuten, eine Historie zwischen zwei ehemaligen Geliebten, in der einer (der Sprecher) bitter enttäuscht wurde. Unter diesen Umständen kann ganz klar der Abwehrmechanismus der Verdrängung als Erklärungsansatz für die Darstellungen des lyrischen Ich hinzugezogen werden. Als Rezipient vermag man sich die frühere Beziehung der Protagonisten nur ungefähr auszumalen, die betont distanzierte und unberührte Sprache des lyrischen Ich lässt ganz klar darauf schließen, dass dieses die damals schmerzhaften Erlebnisse ins Unbewusste verschoben hat. Wären ihm die Gefühle, die er zu der „bleichen“ Frau hegt bewusst, hätte es sie zugelassen und verarbeit, hätte die Antwort auf die Frage des unsichtbaren Dialogpartners vielmehr gelautet:
[...]
Ich weiß sehr wohl, ich küsste es dereinst
Und fragst du mich nach mehrer’n blauen Monden,
so wüsste ich - es ist der Schmerz der noch durchscheint.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Unstimmigkeiten in der bisherigen Brecht-Forschung und führt den psychoanalytischen Ansatz unter Berücksichtigung von Abwehrmechanismen als methodische Neuerung ein.
2. Die Literaturpsychoanalyse als Metadisziplin: Dieses Kapitel erläutert theoretische Grundlagen der Literaturpsychoanalyse, definiert zentrale Begriffe wie das Unbewusste und Abwehrmechanismen und verknüpft diese mit Brechts Biografie und Herzneurose.
3. Abwehrmechanismen in Bertolt Brechts lyrischem Werk: Im Hauptteil werden die Gedichte „Die Erinnerung an die Marie A.“, „Die Ballade vom Liebestod“ und „Liebeslied aus einer schlechten Zeit“ auf ihre psychischen Strukturen hin analysiert.
4. Fazit: Das Fazit bestätigt die Validität des psychoanalytischen Zugangs und betont, dass die Analyse psychischer Mechanismen ein tieferes Verständnis für die Gesamtbedeutung der lyrischen Werke ermöglicht.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Literaturpsychoanalyse, Abwehrmechanismen, Verdrängung, Todesangst, Herzneurose, Narzissmus, Liebeslyrik, Bindungsangst, Projektion, Verleugnung, Entwertung, Marie A., Unbewusstes, psychische Instanzen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht ausgewählte lyrische Werke von Bertolt Brecht unter einem psychoanalytischen Aspekt, um unbewusste psychische Muster in der Beziehungslyrik des Autors aufzudecken.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Themen zwischenmenschliche Beziehungen, der Umgang mit traumatischen Erfahrungen, Angststörungen (speziell die Herzneurose) sowie die Darstellung von Liebe und Sexualität in Brechts Gedichten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Vielschichtigkeit und vermeintliche Gefühlskälte in Brechts Texten nicht als bloßes politisches Statement zu lesen, sondern durch die Brille psychologischer Abwehrmechanismen als Ausdruck eines inneren Konflikts des lyrischen Ichs zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet einen psychoanalytischen Deutungsansatz, der Konzepte der Tiefenpsychologie (nach Freud) und moderne literaturpsychoanalytische Erkenntnisse kombiniert, um sprachliche Mittel und Motive zu analysieren.
Welche Aspekte werden im Hauptteil ausführlich behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zur Literaturpsychoanalyse und eine praktische Anwendung auf drei spezifische Gedichte, wobei der Fokus auf dem Wolkenmotiv, der Todesmetaphorik und dem Verhalten des lyrischen Ichs liegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Schlagworte umfassen Abwehrmechanismen, Verdrängung, Todesangst, Narzissmus, Bindungsangst und die spezifische psychoanalytische Untersuchung von Brechts Liebeslyrik.
Inwiefern spielt die "Herzneurose" eine Rolle bei der Interpretation von Brechts Texten?
Die Herzneurose dient als Erklärungsmodell für die pathologische Angst des lyrischen Ichs vor einer Verschmelzung mit dem Objekt (der Partnerin), die als Bedrohung für die eigene Autonomie wahrgenommen wird.
Warum wird gerade "Die Erinnerung an die Marie A." als erstes Beispiel gewählt?
Das Gedicht dient als Paradebeispiel für die Verdrängung, da der Sprecher vorgibt, sich an das Gesicht der Geliebten nicht erinnern zu können, obwohl die emotionale Distanz und die Abwertung der Frau auf eine bewusste oder unbewusste Abwehr von schmerzhaften Erlebnissen schließen lassen.
- Quote paper
- Serena Shtrezi (Author), 2018, Verdrängung oder Vergessen? Eine psychoanalytische Annäherung an die Motive in drei lyrischen Werken von Bertolt Brecht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441738