Systemische Beratung im Gesundheitswesen. Case Management im Krankenhaus


Diplomarbeit, 2005
117 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1 Systemische Beratung
1.1 Begriffsbestimmung
1.1.1 System
1.1.2 Beratung
1.1.3 Systemische Beratung
1.2 Systemtheorie
1.3 Arbeitsweise der systemischen Beratung
1.4 „Grundwerkzeuge“ der systemischen Beratung
1.4.1 Hypothesenbildung
1.4.2 Zirkularität
1.4.3 Kommentare
2 Das Arbeitsfeld „Krankenhaus“ als ein Teil des Gesundheitswesens
2.1 Gesundheit – Krankheit: Begriffsbestimmung
2.2 Das Gesundheitswesen: Begriffsbestimmung
2.3 Die Krankenhauslandschaft in Deutschland
2.4 Der Krankenhausalltag im Wandel
3 Case Management
3.1 Von „Fällen“, Menschen und Management: Begriffsklärung
3.2 Definition von Case Management
3.3 Historische Entwicklung
3.4 Funktionen des Case Managements
3.4.1 Empowerment
3.4.2 Netzwerkarbeit – Die sozialökologische Perspektive
3.5 Ablauf des Case Managements
3.5.1 „Assessment“ - Einschätzung und Bedarfsklärung
3.5.2 „Planning“ - Planung
3.5.3 „Intervention“ und „Monitoring“ - Kontrollierte Durchführung
3.5.4 „Evaluation“ - Be- und Auswertung
4 Case Management im Gesundheitswesen
4.1 Integrierte Versorgung - Eine neue Anforderung an das Gesundheitswesen
4.1.1 Managed Care
4.1.2 Disease Management
4.1.3 Care Management
4.2 Case Management im Schatten von Managed Care?
5 Case Management im Krankenhaus als Anwendungs- möglichkeit systemischen Denkens
5.1 Soziale Arbeit im Krankenhaus
5.2 Das „neue“ Case Management - Eine neue Methode?
5.3 Die Methode des systemischen Case Managements
5.4 Möglichkeiten für Umsetzung von Case-Management-Modellen im Krankenhaus
5.4.1 Case-Management-Modelle
5.4.2 Case Management-Praxis in Deutschland
5.4.3 Das Augsburger Modell - Beispiel eines medizinisch-sozialen CM-Modells

III. Resümee und Ausblick

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„Wenn wir bewahren wollen was wir haben,

müssen wir vieles ändern!“

(Goethe)

Seit etlichen Jahren kommt man im Bereich (Sozial)Pädagogik und Psychologie nicht umhin, sich mit Begriffen wie „systemisch“, „Systemtheorie“ oder Konzepten der systemischen Therapie und Beratung auseinander zu setzen. Es scheint, als ob alles auf gewisse Weise „systemisch“ betrachtet wird. Bei näherer Auseinandersetzung mit dem Thema lassen sich die Stärken des Ansatzes nicht von der Hand weisen, denn eine systemische Sichtweise kann sich in allen Bereichen des menschlichen Miteinanders als durchaus nützlich zeigen. Des Weiteren bemerkt man derzeit in oben genannten Gebieten einen Wandel. Aber nicht nur das deutsche Sozialwesen, sondern auch das Gesundheitswesen befindet sich in einer Umbruchphase, die von Beschäftigten in diesen Bereichen erwartet, ihr Handeln den veränderten Bedingungen anzupassen.

So begann ich darüber nachzudenken, inwieweit auch im spezifischen Arbeitsfeld „Krankenhaus“ Erneuerungen Einzug halten und ob hier vielleicht ebenfalls das Konzept der systemischen Beratung anwendbar sei. Da ich selbst jahrelang in einem Krankenhaus beschäftigt war, liegt mir dieses Thema besonders am Herzen. Besonders interessant fand ich, wie soziale Dienste auf die Veränderungen der Patientenstruktur und auf die Veränderungen des Krankenhausalltags reagieren, um ihren Status behalten und effektiv helfen zu können. Eine systemische Perspektive wird derzeit von Sozialarbeit generell gefordert, folglich müsste sich auch der Krankenhaussozialdienst dieses Konzept aneignen. Eine Konzentration auf Beratungstätigkeiten reicht aber speziell bei der Unterstützung von kranken Menschen nicht aus.

Hier kann nur kompetent geholfen werden, wenn die Arbeitweisen der Situation und Lage des Patienten entsprechen. In einer komplexen Problemsituation ist das, was sonst an einzelner Hilfe aufgebracht werden kann, im Zusammenspiel erforderlich. Die Patienten benötigen also eine Vielzahl von Hilfen, wie ambulante Pflegedienste, Unterstützung bei Anträgen an Krankenkassen oder Reha-Maßnahmen, für die unterschiedliche Dienste zuständig sind. Durch die sich wandelnde Struktur des deutschen Sozial- und Gesundheitswesens sind jedoch viele Maßnahmen nicht mehr finanzierbar. Aus diesem Grund werden die Patienten schneller aus der stationären Pflege entlassen, was oft bedeutet, dass sie auch zuhause noch versorgt werden müssen. Diese veränderte Situation erlebte ich selbst im Krankenhausalltag.

An immer mehr Krankenhäusern entstehen nun genau aufgrund oben genannter Veränderung „Case-Management-Projekte“. Meist wissen die Beteiligten jedoch zuerst nicht, was das für sie bedeutet.

Der Begriff „Case Management“ gewinnt derzeit in der aktuellen Diskussion um die Neu- bzw. Umstrukturierung des deutschen Sozial- und Gesundheitswesens zunehmend an Bedeutung. Angesichts der stetig steigenden Kosten in diesem Bereich und den leeren Staatskassen wird nach neuen Wegen gesucht um den Sozialstaat umzubauen und auch für die Zukunft arbeitsfähig zu halten. Durch den gezielt gesteuerten Einsatz von materiellen und finanziellen Ressourcen sollen betroffene Personen effizienter und kostengünstiger versorgt werden und das bei gleich bleibender Qualität. Diese Ressourcen-Steuerung soll durch einen so genannten „Case Manager“ erfolgen, welcher in Institutionen, Verbänden oder selbstständig arbeitet. Seine Aufgabe ist es, die Bedürfnisse der Adressaten sozialer oder gesundheitlicher Dienstleistungen und die finanziellen Vorgaben von Politik und Gesellschaft zu einer für alle Beteiligten angemessenen Synthese zu führen. Aber nicht nur die finanziellen Probleme des Staates zwingen die Soziale Arbeit zum Umdenken.

Unsere Gesellschaft durchläuft einen demographischen und sozialen Wandel, der neue Zielgruppen, neue Anforderungen und - wenn man so will - neue Klienten für die Soziale Arbeit mit sich bringt. Alte Konzepte gelangen an ihre Grenzen, deshalb müssen neue innovative Modelle und Methoden geschaffen werden, um der stetig wachsende Zahl von Hilfesuchenden zu antworten.

Bei der Frage, was Case Management eigentlich ist, entdeckte ich, dass es im traditionellen Sinne eine gute Möglichkeit bietet, „systemisch“ zu arbeiten und trotzdem den Anforderungen von Seiten der Politik gerecht zu werden - und das nicht nur für die medizinisch-pflegerischen Dienste, sondern gerade auch für die Sozialarbeit. Allerdings wird in der Literatur wenig über die Verbreitung speziell im Krankenhaussozialdienst erwähnt, obwohl sich das Konzept im Bereich des Gesundheitswesens besser etabliert hat als in Sozialen Diensten allgemein.

Das Konzept des „Unterstützungsmanagements“, wie Case Management im Deutschen auch genannt wird, ist in den USA entstanden. Zwar unterscheiden sich die Arbeitsverhältnisse im amerikanischen Sozialwesen erheblich von der mitteleuropäischen Szene, aber die Aufgabe, unter komplexen Bedingungen in der sozialen Berufstätigkeit den Hilfebedarf und die Hilfemöglichkeiten aufeinander abzustimmen und im Gemeinwesen die vorhandenen Dienste und Einrichtungen zur fallweisen Unterstützung koordiniert heranzuziehen, bleibt die gleiche.

Im Rahmen dieser Arbeit soll im Kapitel 1 versucht werden, einen groben Überblick über das Konzept der systemischen Beratung zu geben. Zunächst sollen grundlegende Begrifflichkeiten wie „Beratung“ und „System“ definiert werden, um dann „systemische Beratung“ festzulegen. Als theoretischer Hintergrund sowohl Systemischer Beratung als auch des systemischen Case Managements soll die Systemtheorie verstanden werden, die in ihrer Entstehungsgeschichte erläutert wird. Die vorgestellten „Grundwerkzeuge“ systemischer Beratung sind jene, die später auch in Bezug auf systemisches Case Management von Bedeutung sind.

Insgesamt kann Kapitel 1 im Rahmen der Möglichkeiten dieser Untersuchung nur einen Teilbereich der Methode Systemischer Beratung abbilden und erhebt keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit.

In Kapitel 2 werden zunächst für die Themenstellung relevante Begriffe wie „Gesundheit“ und „Krankheit“ erklärt und das deutsche Gesundheitswesen kurz skizziert. Krankenhäuser als Teil des Gesundheitswesens, in welchen, neben dem öffentlichen Gesundheitsdienst, Sozialdienste zu finden sind, verdienen eine ausführlichere Betrachtung. Als Ausgangspunkt für die folgenden Kapitel soll die sich verändernde Struktur des Krankenhausalltags verstanden werden.

Kapitel 3 beschreibt in aller Ausführlichkeit die Methode „Case Management“. Definition, Genese, Funktionen und schließlich die einzelnen Phasen des Konzeptes werden hier umfassend erläutert.

Kapitel 4 gibt einen Einblick in die Erneuerungen des Gesundheitswesens, welche die Einführung von neuen Versorgungskonzepten, unter die das Case Management fällt, nötig machen. Andere Formen, die in diesem Zusammenhang diskutiert werden, sollen kurz vorgestellt werden, um anhand dieser Darstellung die momentane Position des Case Managements im Gesundheitssektor aufzuzeigen.

Kapitel 5 will schließlich die Synthese zwischen Systemischer Beratung und Case Management bilden und die Möglichkeiten zur Anwendung im Krankenhaus aufzeigen. Zunächst werden hier die Soziale Arbeit im Krankenhaus und die sich in diesem Bereich abzeichnenden Veränderungen vorgestellt, um, ausgehend hiervon, die Vorteile des Case Managements für diesen Bereich zu erörtern. Um diese Methode als neues Konzept darzustellen ist es auch nötig, das wesentlich Neue daran herauszuarbeiten und sich mit der derzeit bestehenden Kritik auseinander zu setzen. Das tatsächlich „systemische“ Vorgehen wird im nächsten Punkt beschrieben.

Abschließend soll dann auf die momentane Anwendungspraxis in Deutschland eingegangen werden, was in der ausführlichen Darstellung eines zertifizierten CM-Projektes, nämlich des Bunten Kreises e. V., mündet.

Die Arbeit endet mit einer zusammenfassenden Stellungnahme und einem Ausblick auf die Zukunft des Case Managements in Deutschland.

Aus Gründen der Einfachheit wurde in dieser Arbeit die männliche Form verwendet. Die weibliche Form steht nur in den Fällen, in denen ich explizit von Frauen spreche.

II. Hauptteil

1 Systemische Beratung

1.1 Begriffsbestimmung

1.1.1 System

Das Wort stammt von dem griechischen Begriff „systema“ ab und bedeutet „das Zusammengestellte“.[1] Paracelsus (1493-1541) etwa definierte System als ein „zusammengesetztes Ganzes, das mehr ist als die Summe seiner Teile“[2]

Heutzutage ist der Systembegriff sehr schillernd, er wird in beliebig vielen Zusammenhängen, auch in beliebig vielen Systemtheorien, für beliebig viele Dinge verwendet. Umgangssprachlich wird „System“ für irgendwie komplizierte, nicht durchschaubare Dinge benutzt. Die Anwender der Systemtheorien neigen dazu, sich nicht darauf festzulegen, was sie unter System verstehen. Deshalb ist es schwierig, eine einheitliche Definition zu geben. Systemiker sind sich bei sehr globalen Definitionen, wie etwa bei der Festlegung von Hall und Fagen (1956 zit. nach v. Schlippe 2003) einig, die System als „Satz von Elementen oder Objekten zusammen mit den Beziehungen zwischen diesen Objekten und deren Merkmalen“[3] verstehen. Diese Definition zeigt das Bestreben der Theoretiker auch für soziale Systeme präzise, wenn man so will mathematische, Begriffbestimmungen vorzunehmen, wenngleich hier aber nur die Integrationsleistung des Systems angesprochen wird. Hier setzt dann auch die Kritik an. Zu einem umfassenden Systemkonzept muss neben dem strukturalen Aspekt auch noch eine funktionale und hierarchische Dimension hinzukommen. Es erscheint nicht sinnvoll, Objekte von ihren Eigenschaften zu trennen, da es doch diese Merkmale sind, die Beziehungen repräsentieren.

Durch den funktionalen Systemaspekt richtet sich der Focus nicht auf Gegenstände oder Dinge, sondern auf ihr Verhalten untereinander. Die Frage ist dann nicht, was das System ist, sondern was es tut. Die inneren Zustände und der Aufbau rücken in den Hintergrund, da sich Systeme nicht nur durch ihr Innenleben definieren lassen, sondern sich erst als solche erkennen lassen, wenn sie von ihrer Umwelt unterschieden werden können, also wenn deutlich wird, was nicht zum System gehört. Systeme können lebender und nicht-lebender Natur sein, wobei die hier herrschenden Dynamiken sehr unterschiedlich sind. Ein nicht-lebendes System wird nicht zu der Frage verleiten, was es selbst dazu beigetragen hat, bestimmte Merkmale aufrechtzuerhalten, wohingegen lebende Systeme aktiv ihre ganz spezielle Eigendynamik erhalten. Lebende Systeme (die hier verstanden werden sollen als eine Systembildung durch Menschen, Anm. d. Verf.) würden sich ohne diese Eigendynamik ständig verändern. Durch bestimmte Vorgänge, Verhaltensweisen, Rituale etc. wird aber das Gleichgewicht wieder hergestellt und der Zustand bleibt stabil. Diese Systeme verfügen über eine unendlich große Bandbreite sich zu verhalten. Es stellt sich dann die Frage, wie es in solch dynamischen Systemen möglich ist, diese potentiell grenzenlose Komplexität zu reduzieren, um überhaupt miteinander leben zu können. Zum einen geschieht dies durch die Bildung von Subsystemen. Dies veranschaulicht die hierarchische Dimension, also die Ordnung eines Systems.[4] Die einzelnen Elemente des Systems bilden innerhalb wiederum (Sub)Systeme und sind somit also ebenfalls „Systeme“. So können sich beispielsweise in einer Familie elterliche, geschwisterliche, männliche oder weibliche Subsysteme bilden. Auch nach außen lässt sich das ganze System wiederum als Teil eines übergeordneten Systems erkennen, z.B. eine Schulklasse als Teil der Schule, diese als Teil des Schulsystems und somit als ein Subsystem der Gesellschaft. Ein System entsteht also dadurch, dass ein Unterschied zwischen Elementen, die innerhalb und außerhalb des Systems sind, gemacht wird.

Dies beinhaltet einen Beobachter, der die Unterscheidung vornimmt und somit bestimmt, was System und was Umwelt ist.

Maturana (1982 zit. nach v. Schlippe 2003) meint hierzu: „Ein System ist nicht ein Etwas, das dem Beobachter präsentiert wird, es ist ein Etwas, das von ihm erkannt wird.“[5]

Willke (1993 zit. nach v. Schlippe 2003) greift dies in seiner Definition auf und legt System fest als einen: „ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, deren Beziehungen untereinander […] produktiver sind als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Dies […] konstituiert eine Systemgrenze, die System und Umwelt des Systems trennt.“[6]

Eine reine Beschränkung auf den Differenzgedanken erweist sich allerdings vor allem für die Pädagogik als problematisch. Es besteht die Gefahr, die Verbindungen zur Systemumwelt zu vernachlässigen. Diese Verhaltensmuster und Beziehungsregeln sind Kennzeichen eines sozialen Systems, die durch sich wiederholende Interaktionen entstanden sind.[7] Trotzdem benötigt ein soziales System diese Grenzen. Sie ermöglichen die Abgrenzung zur Umwelt und damit die Identitätsbildung, da sie verdeutlichen, wie anschlussbereit ein System ist. Dies geschieht durch Vereinbarungen und Regelungen darüber, wer zum System gehören darf und wer nicht, denn durch die Mitglieder bestimmt sich letztlich auch die Identität des Systems und sein „Sinn“.[8] Die Differenz von System und Umwelt ist jedoch nicht empirisch überprüfbar. Systeme sind in der Wirklichkeit kaum faßbar. Sie sind Konzepte, die benutzt werden, um Erfahrungen eine bestimmte Ordnung zu verleihen, „um sich die Wirklichkeit zu konstruieren“. Systeme werden geschaffen, indem der Realität bestimmte Zusammenhänge, Abhängigkeiten, Wechselwirkungen oder Funktionsweisen unterstellt werden. Diese „Soziale Konstruktion der Realität“ ist eine allgemeine menschliche Eigenschaft, die als Vorbedingung der Systemtheorie zu sehen ist und gleichzeitig die Nähe zum Konstruktivismus verdeutlicht.

Da diese gedanklichen Konstrukte aber auf reale Erscheinungen bezogen sind, sind sie „wirklich“ und übernehmen somit die Verantwortung, dass Aussagen der Theorie sich in der Wirklichkeit bewähren.[9]

1.1.2 Beratung

Wenn man den etymologischen Ursprung des Wortes betrachtet, wurde „raten“ im Sinne von „Beschaffung notwendiger Mittel“ verwendet, die spätere Bedeutung war dann Abhilfe und Fürsorge. Das germanische Verb „raten“ bedeutete „sich etwas zurechtlegen“, „überlegen“, aber auch „vorschlagen“, „empfehlen“ und „deuten“. Jemanden zu beraten heißt also - sehr frei interpretiert - jemandem einen Rat zu geben. Davon ausgehend, lässt sich Beratung zunächst verstehen als eine Möglichkeit, mittels Gespräch neue Wege und Chancen zu eröffnen, wobei es nicht nur um kommunikative Probleme geht, sondern eher um die „Besorgung notwendiger Mittel“, also auch um die materielle Dimension.[10]

Beratung ist neben Unterrichten, Informieren, Arrangieren und Animieren eine Grundform pädagogischen Handelns und somit eine zentrale Tätigkeit professionellen sozialen Handelns. Mittlerweile stellt die Beratungstätigkeit ein sehr großes, aber auch diffuses Feld dar. Für fast alle Bereiche des täglichen Lebens gibt es Beratungsinstitutionen und Berater aus unterschiedlichen Disziplinen wie Psychologie, Sozialarbeit, (Sozial-)Pädagogik und anderen mehr. Jede dieser Richtungen hat ihre eigene Definition, die auf die jeweilige Wissenschaft ausgerichtet ist. Trotz aller Unterschiede gibt es aber auch Gemeinsamkeiten, die alle Definitionen auszeichnen.

Beratung ist die am meisten verbreitete Form der Intervention und wird allgemein verstanden als “[…] eine Interaktion zwischen zumindest zwei Beteiligten, bei der die beratende(n) Person(en) die Ratsuchende(n) – mit Einsatz von kommunikativen Mitteln – dabei unterstützen, in Bezug auf eine Frage oder auf ein Problem mehr Wissen, Orientierung oder Lösungskompetenzen zu gewinnen.”[11] Im Focus stehen hier emotionale, kognitive und praktische Problemlösungen sowohl lebenspraktischer Fragen als auch psychosozialer Konflikte und Krisen. Diese Lösungen erfolgen mittels verschiedener theoretischer Ansätze, die oftmals auch mit- und nebeneinander verwendet werden. Neben formellen Beratungsinstanzen kann auch informell, in Alltagsgesprächen, beraten werden. Diese Beratungsform wird seit einigen Jahren unter den Oberbegriffen “natürliche Hilfe” und “soziale Unterstützung” thematisiert. Wie empirische Untersuchungen belegen, wird der größte Teil von Problemen und Krisen durch diese informellen Netzwerke gelöst und bewältigt.[12] Somit ist Beratung heutzutage zu einem “die menschliche Kommunikation prägenden Faktor geworden”.[13] Beratung kann präventiv oder auch rehabilitativ erfolgen, aber ebenso bei aktuellen Problemen zum Zuge kommen. Oft beschränkt sich die Hilfe nur auf eine Abschwächung der aktuellen Konflikte, da viele Situationen sich durch ein Beratungsgespräch nicht bis in letzter Konsequenz lösen lassen. Beratung sollte aber nicht nur mit Ratgeben gleichgesetzt werden. Meist kennt der Klient die verschiedenen Möglichkeiten zur Lösung seines Problems und will sich nur über die unterschiedlichen Konsequenzen austauschen, eigene Unsicherheiten besprechen und diese reduzieren. Beratung will dem Klienten demnach nicht die Lösung seines Problems abnehmen, sondern seine eigenen Kompetenzen fördern oder wiederherstellen.[14] Beratung findet also zwischen Beratern und Ratsuchenden statt, wobei der Klient als Auftraggeber zu sehen ist.

Idealtypisch soll Beratung ein “spezifisch strukturierter, klientenzentrierter und zugleich problem- oder sachorientierter kommunikativer Verständigungsprozess”[15] sein, der theoretisch begründet und durch empirische Forschung ständig überprüft wird.

Beratung kann allgemein durch drei Merkmale gekennzeichnet werden, die für jede Beratungssituation gelten:

1. Beratung beinhaltet immer eine spezifische Rollenbeziehung, das heißt einer der Teilnehmer soll durch den anderen Nutzen erlangen.
2. Beratung erfolgt immer durch ein Gespräch, das wechselseitig über Sprechen, Hören und Verstehen abläuft.
3. Beratung erfolgt nur bei Problemen, die den Klienten nicht völlig hemmen, so dass er die Vorschläge des Beraters auch aus eigener Kraft umsetzen kann.[16]

Unabhängig von der zugrunde liegenden Theorie läuft formelle Beratung in bestimmten Phasen ab. Beratung als „dynamischer, ergebnisoffener Prozess“[17] besteht zunächst aus einem Erstgespräch. Dieses ermöglicht eine erste Diagnose und dient dem Aufbau der Beraterbeziehung. Das Erstgespräch ist von zentraler Bedeutung für die weitere Beratung und sollte deshalb sehr sorgfältig durchgeführt werden. Inhaltlich wird dann in den weiteren Beratungsgesprächen die momentane Situation, die Gegenwart erläutert, also „das was ist“, die Vergangenheit, im Sinne von: „das was war“ und schließlich auch die Ziele und Wünsche für die Zukunft, also „das was sein soll“. Dies erfolgt mit Hilfe verschiedener Techniken, wie Hypothesenbildung, Rückversicherungen, Selbstexploration und anderen. Der Abschluss der Beratung sollte frühzeitig festgelegt und vorbereitet werden. Oft kann das nahe Ende zu Rückfällen führen. Dies kann durch die gezielte Vorbereitung des Abschlusses noch ausreichend bearbeitet werden.[18]

Die am weitesten verbreitete Form von institutionalisierter Beratung ist auch heute noch die klientenzentrierte Gesprächsführung die Carl Rogers (1902-1987) in der Zeit von 1938-1950 entwickelte. Diese stammt zwar eigentlich aus dem therapeutischen Gebiet, wurde aber auch in pädagogische Bereiche übernommen.[19]

Nach Rogers sind die charakteristischen Schritte im Folgenden:

1. Der Klient sollte freiwillig in die Beratung kommen.
2. Der Berater sollte von Anfang an klar stellen, dass er nur „Hilfe zur Selbsthilfe” bieten kann und keine „Patentrezepte”.
3. Der Berater muss versuchen beim Klienten Vertrauen zu erwecken, damit sich dieser öffnen kann.
4. Der Berater wertet nicht, sondern nimmt Aussagen so, wie sie sind und hilft dem Klienten, diese zu verarbeiten und zu strukturieren.
5. Der Berater versucht Gefühle zu klären und aufzudecken.
6. Der Berater bekräftigt Aussagen des Klienten, die einen ersten Schritt in Richtung der Problemlösung ausdrücken.
7. Der Klient entwickelt eine neue Sichtweise seiner Probleme und erarbeitet Lösungsmöglichkeiten.
8. Der Berater wählt zusammen mit dem Klienten die besten Lösungswege aus.
9. Der Klient versucht, diese Möglichkeiten umzusetzen.
10. Dadurch gewinnt er weitere Einsichten für den Umgang mit seinen Problemen.
11. Der Klient soll am Ende der Beratung selbstständig mit dem Problem umgehen können.[20]

Betrachtet man die historische Entwicklung der Methode Beratung, wird ihre enorme Bedeutung im Zusammenhang mit pädagogischem und sozialem Arbeiten deutlich. Der Begriff Beratung wurde bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in den Aufgabenkatalogen der Fürsorgeinstitutionen genannt, aber noch nicht als Methode oder theoretisches Konzept bezeichnet. Für die Fürsorge als Vorläufer der Beratung ging Alice Salomon (1872-1948)[21] noch von einem direktiven Konzept aus. Auf den Klienten sollte direkt eingewirkt werden; der „Fürsorger” übernahm die „Führung”, was sich auch daran zeigte, dass man noch nicht von Beratung, sondern von Behandlung sprach.

Ab den 60er Jahren, als sich die Pädagogik stark an der Psychotherapie orientierte, interessierte Beratung nur noch am Rande. Die rein „medizinische“ Vorstellung von Defiziten, die durch eine Art „abgespeckte“ Therapie zu beheben sind, dominierte.

In den 70er Jahren, bedingt durch die Studentenbewegung und der Hinwendung zu einem gesellschaftskritischem „soziogenetischen Modell“, wurde die Diskussion um das Thema Beratung wieder aufgegriffen. Zentrum der Debatte war zunächst das Verhältnis Therapie und Beratung, da die Grenzen hier oft verschwommen waren. Im weiteren Verlauf kam es zu einer enormen Spezialisierung der Beratung für alle Bereiche und Zielgruppen. Allerdings ging auch hier keine entscheidende Abgrenzung vonstatten, man übernahm immer noch sehr oft therapeutische Konzepte für pädagogisches Arbeiten.[22] Kritiker bemängelten, dass hier nicht beraten wurde, sondern eine verdeckte Therapie stattfand, wie etwa Mangold (1981 zit. nach Neuffer 2002) deutlich macht: “Wir haben ihre Kultur übernommen und unsere dabei aufgegeben.”[23]

Aber nicht nur die Loslösung von therapeutischen Konzepten, sondern auch das Interesse an gesellschaftlichen Ursachen für soziale Probleme, das oben erwähnte „soziogenetische Modell“, veränderte das Gesicht der Beratung. Soziale Benachteiligung wurde mit Familienstrukturen, Sozialisationsbedingungen und materieller Unterprivilegierung in Zusammenhang gebracht, was unter anderem zur Vorstellung einer „Unterschichtsberatung” führte.[24] Diese Sichtweise hielt sich bis in die 80er Jahre hinein.

Mit Beginn der 90er Jahre stellten sich neue Aufgaben. Durch die ökonomische Krise, dem Abbau staatlicher Sicherungen sowie den Veränderungen durch die deutsche Wiedervereinigung kamen auf Beratungseinrichtungen neue Anforderungen zu. Nicht mehr nur Angehörige der Unterschicht, sondern auch so genannte „Modernisierungsverlierer”, die aufgrund oben genannter Faktoren plötzlich in unterprivilegierte Stellungen abgerutscht waren, suchten nun Hilfe. Diese Entwicklung dauert bis heute fort. Dadurch kann sich Beratung ständig weiter entwickeln, ausdifferenzieren und sich den neuen gesellschaftlichen Bedingungen und Anliegen anpassen.[25]

1.1.3 Systemische Beratung

Beratung aus systemtheoretischer Sicht „[…] bezieht sich auf soziale Probleme, den Prozess der Hilfestellung und alle Systemebenen. Ihr Ziel ist eine verantwortete Veränderung der mehrdimensionalen Problemsituation von Personen und Gruppen. Dabei arbeitet sie kontext-spezifisch, lösungs-, zukunfts- und ressourcenorientiert.“[26]

Die Unterschiede zwischen Beratung allgemein und systemischer Beratung im Besonderen erscheinen eher marginal. Es wird dem Begriff „Beratung“ noch das „System“ beigestellt - aber was bedeutet das eigentlich, was macht den entscheidenden Unterschied aus?

Die systemische Beratung basiert, im Gegensatz zu oben genannter Beratung, auf dem Paradigma, dass Phänomene, die verändert werden sollen, ganz gleich welcher Art diese auch sein mögen, nicht isoliert betrachtet werden können. Nur wenn die Wechselwirkungen und Mechanismen des Systems, in dem diese Phänomene auftreten, begriffen und durchschaut werden, können Handlungsalternativen und Entwicklungsmöglichkeiten erzielt werden. Solche Systeme bilden in diesem Kontext Paarbeziehungen, Familien, Gruppen, Arbeitsteams und Organisationen. Um in diesen Systemen Veränderungen voranzutreiben, bietet die systemische Beratung spezielle Methoden an, die sich von allgemeinen Beratungskompetenzen unterscheiden, ohne jedoch gänzlich auf oben genannte Aspekte zu verzichten. Auch systemische Beratung ist eine „Kommunikationsform“ zwischen zwei oder mehreren Menschen. Diese berücksichtigt jedoch die besonderen beziehungsgestaltenden Interaktionsprozesse zwischen Menschen in verschiedenen Systemen. Des Weiteren betrachtet sie die Person als doppelt determiniert: Zum einen stellt der Mensch selbst ein komplexes, autonomes System dar, zum anderen ist er existentiell auf soziale und ökologische Systeme angewiesen, die ihm sein Überleben sichern.[27] Wenn von systemischer Beratung gesprochen wird, kann also festgehalten werden, dass es sich hierbei um eine besondere Form professioneller psychosozialer Praxis handelt, die nicht von der Differenz „krank-gesund“ geprägt ist, da sie nicht „Heilung“, sondern, mittels Gesprächen, Anstöße zur Veränderung bietet.[28]

Das „Besondere“, das oben genannt wurde, liegt in der Entstehungsgeschichte begründet. Systemische Beratung entstand in den USA aus verschiedenen Strömungen der therapeutischen Arbeit mit Familien. Entscheidend war die Entstehung der „Palo-Alto-Gruppe“ im Jahre 1950 um den Anthropologen Gregory Bateson (1904-1980).

In Palo-Alto, im Silicon Valley der USA, wurde systemische Familienforschung betrieben und man bemühte sich um die Aufdeckung spezifischer Kommunikationsstrukturen in Systemen. Weitere Mitglieder, welche für die späteren Entwicklungen der systemischen Familientherapie entscheidend waren, sind Virginia Satir[29] und Paul Watzlawick (*1921). Die Entstehung des so genannten „Mailänder Modells“ in der 70er Jahren um Mara Selvini Palazzoli[30] förderte die Verbreitung systemischen Denkens und Arbeitens in Europa. Dieser Ansatz wurde in Deutschland durch das Heidelberger Team um Helm Stierlin und Fritz Simon weiterentwickelt. In der Literatur findet sich genau wegen dieses Ursprungs oft eine schwammige Abgrenzung von Beratung und Therapie, manche Autoren plädieren sogar dafür, beides synonym zu verwenden.

Wenn hier explizit von systemischer Beratung und nicht von Therapie gesprochen wird, so ist darunter „Hilfe zur Selbsthilfe“ und nicht die Heilung von Krankheit, welche als solche klassifiziert und diagnostiziert ist, zu verstehen. Im Kontext sozialen Arbeitens ist Beratung allgemein und systemische Beratung im Speziellen generell als „nicht-therapeutisch“ zu verstehen.[31] Systemische Beratung ist, im Gegensatz zur Beratung als Grundform pädagogischen Handelns, ein abgrenzbarer Sachverhalt. Theoretisches Konzept und methodisches Vorgehen liefert die Systemtheorie, die im nächsten Punkt ausführlich beschrieben wird.

1.2 Systemtheorie

Vorauszuschicken ist, dass es aus heutiger Sicht „die“ Systemtheorie nicht gibt. Wenn von „systemischem Denken“ gesprochen wird, so kennzeichnet dies ein allgemeines wissenschaftliches Programm oder Paradigma und keine in sich abgeschlossene Theorie. Vor diesem Denkhintergrund werden Menschen als autonom und prinzipiell unverfügbar betrachtet und sie werden als weder vollständig erfassbar, noch beliebig veränderbar bzw. instruierbar verstanden. Die logische Konsequenz daraus ist, dass diese Menschen nur „verstört“, aber nicht manipuliert werden können. Diese Schlussfolgerung ist für die Arbeitsweise systemischer Beratung unerlässlich.

Der „Systemansatz“, wie Huschke-Rhein statt Systemtheorie vorschlägt, entstand aus einer Reihe wichtiger Vorläufertheorien und umfasst heterogene Denkansätze aus verschiedenen Disziplinen.

Der Begriff „Systemtheorie“ stammt von dem Österreicher Ludwig von Bertalanffy (1901-1972). Dieser entwickelte 1949 seine „ General System Theory“, ein Konzept, das den Anspruch erhob, sich auf sämtliche Systeme anwenden zu lassen, unabhängig von ihrer Eigenart, ihren Komponenten und der Kräfte, die im System wirksam sind. Bertalanffys Ansicht nach lässt es sich auf biologische, soziologische, ökonomische und psychologische Fragestellungen beziehen.[32] In dieser Theorie geht es um lebende Systeme, in welchen die Strukturen in wechselseitiger, dynamischer Abhängigkeit stehen und sich nur in der Gesamtheit aller Prozesse beschreiben lassen. Entscheidend ist hier, dass es sich um offene Systeme handelt, die sich in einem Fließgleichgewicht befinden, da sie Energie, Materie und/oder Informationen mit der Umwelt austauschen. Die Bedingungen dieses Fließgleichgewichts, also der Erhalt der „Homöostase“, waren hier von vorrangigem Interesse. Dieser Begriff stammt aus der Physiologie und wurde 1929 von Walter B. Cannon (1871-1945) eingeführt. „ Homöostase “ bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, sich selbst durch Rückkopplung innerhalb gewisser Grenzen in einem stabilen Zustand zu halten.

Das Gleichgewicht wird durch negatives Feedback sichergestellt. Wird eine Abweichung vom Gleichgewicht wahrgenommen, so löst dies eine regulierende Handlung aus um auf den alten Zustand zurückzugelangen. Es wird also ein Soll-Zustand vorausgesetzt, der im besten Fall mit dem Ist-Zustand identisch ist, meist aber eine Minusvariante darstellt, was für das System bedeutet, dass es permanent korrekturbedürftig ist. Durch diese selbstregulierenden Funktionen wird das Überleben des Systems gewährleistet. Zum Durchbruch gelangte Betalanffys Theorie nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Kybernetik des amerikanischen Mathematikers Norbert Wiener (1894-1964). „Kybernetik“ bezeichnet ein wissenschaftliches Programm zur Beschreibung der Regelung und Steuerung komplexer Systeme, es kann also auf alle technischen Regelsysteme angewandt werden. Technische Systeme sind geschlossen, das heißt die Umwelt kommt nur selektiv in das System. Die Kybernetik trifft Aussagen darüber, „wie das System wirklich ist“, was aus heutiger Sicht bedeutet, dass man „so tut, als gäbe es Systeme.“[33] Zentrale Begriffe der Kybernetik sind Macht, Kontrolle und zielgerichtetes Eingreifen. Dies wird heute als „Kybernetik 1. Ordnung“ bezeichnet. Allerdings stellte sich nach wie vor die Frage, ob es denn auch andere Formen von Ordnung gibt, wie sich Systeme organisieren und wie Ordnung überhaupt entsteht. Das Homöostase-Konzept erwies sich hier als unbefriedigend und so wurde weiter nach Antworten gesucht. Diese fanden sich zunächst in naturwissenschaftlichen Theorien. Der belgische Nobelpreisträger Ilya Prigogine (1917-2003) entdeckte bei seinen Forschungen so genannte „ dissipative Strukturen “ in chemischen Systemen. Er stellte fest, dass sich in dynamischen Systemen unter bestimmten Bedingungen spontan neue Ordnungen entwickeln können, ohne dass es Einflüsse von außen gibt.

Dissipative Strukturen sind Systeme, die ihre Stabilität nur dadurch behalten, dass sie offen für äußere Einflüsse sind und sich ständig im Wandel befinden. Wenn sich das System sehr weit vom Gleichgewichtszustand entfernt kann - eventuell nur durch Zufall - ein Wert überschritten werden, der es dem System unmöglich macht, in seinen früheren Zustand zurückzukehren.

Weitgehend ähnliche Phänomene beschrieben auch Tendenzen in der Physik, wie zum Beispiel die Entwicklung der Synergetik durch den deutschen Physiker Hermann Haken (*1927). Auch hier war die Kernfrage, wie Ordnung überhaupt entsteht, also wie von einem (vermeintlichen) Chaos zu einer Struktur übergegangen wird. Die „Synergetik“ untersucht, wie Teile in einem Feld zusammenwirken, so dass daraus eine Ordnung mit bestimmten, sichtbaren Eigenschaften entsteht. Hier fließen auch die Erkenntnisse der Chaostheorie nach Lorenz, Mandelbrot und Poincaré mit ein. Es zeigt sich, dass das Homöostase-Konzept zugunsten der Vorstellung von Systemen fernab jeglichen Gleichgewichts aufgegeben wurde. Es stehen nun vielmehr die Veränderungen im Vordergrund des Interesses.[34] Die nächsten entscheidenden Einflüsse für den Systemansatz kamen mit der Theorie autopoietischer Systeme. Die chilenischen Biologen Maturana (*1928) und Varela (1946-2001) entwickelten Anfang der 80er Jahre Konzepte über die Eigentümlichkeiten lebender Systeme, die diese von physikalisch-chemischen und technischen Systemen unterscheiden. Kernbegriffe der Theorie sind „ Autopoiese “, was soviel heißt wie „Selbsterzeugung“ und „ Autonomie “. Dies besagt, dass bei allen Lebewesen ihre Elemente zu einer sich selbst erzeugenden Organisation verknüpft sind, ohne von außen determiniert zu sein.[35] Der Fokus des Interesses richtet sich nun auf die innere, autonome Selbstorganisationslogik lebender Systeme, auf ihre Abgeschlossenheit und den daraus folgenden Grenzen externer Einflussnahme. Daraus ergibt sich, dass die Umwelt nicht mehr die interventionsmächtige Instanz ist und die Vorgänge im System nicht von außen kontrolliert werden können.

Autopoietische Systeme werden charakterisiert als:

1. strukturell determiniert, das heißt, ihre Struktur bestimmt, wieweit sich das System verändern kann;
2. operationell geschlossen, das heißt sie können nur mit ihren Eigenzuständen operieren und nicht mit systemfremden Komponenten. Geschlossenheit heißt aber nicht, dass Systeme keine Informationen aus der Umwelt aufnehmen können, allerdings wird die Umwelt nur soweit relevant, wie sie im System Eigenzustände anzustoßen vermag.

Außerdem haben autopoietische Systeme keinen anderen Zweck, als sich selbst zu reproduzieren. Ein anderer Sinn wird gemäß des Konstruktivismus durch den Beobachter „konstruiert“. Diese Sichtweisen trugen dazu bei, das Konzept auf soziale Phänomene zu übertragen, wobei die Berechtigung dazu kritisch diskutiert wurde, unter anderem von Maturana und Varela selbst. Allerdings kann sich die Sichtweise, soziale Erscheinungen als autopoietische Systeme zu betrachten, als hilfreich erweisen, z. B. um die Eigenheiten von Klienten zunächst als zu ihrer Struktur passend zu betrachten. Veränderungen sind folglich erst dann möglich, wenn sie ebenfalls zur Struktur passen, was von Helfern verlangt, diese kennen zu lernen und wertzuschätzen.[36] Zeitgleich entwickelte sich das Konzept des radikalen Konstruktivismus. Dieser geht davon aus, dass Beschreibungen der Wirklichkeit keine „fotografischen“ Ablichtungen derselben sind, sondern dass Wirklichkeit ein Konstrukt des Beobachters ist. Die Bilder, die wir uns über unsere Wirklichkeit machen, sagen über uns genauso viel aus wie über das, was wir beschreiben. Nach Ansicht des Konstruktivismus konstruiert sich gewissermaßen jeder Mensch seine eigene Wirklichkeit, wie die „wirkliche Wirklichkeit“ aussieht, kann demnach niemand mit Bestimmtheit sagen oder festlegen. Objektive Forschung erscheint somit zwangsläufig unmöglich, da auch der Forscher individuelle Wirklichkeiten konstruiert. Statt der immer besseren „Erfassung“ von Individuen und Systemen rückt der Erkennende (Beobachter) und seine persönlichen Hintergründe, also seine Vorerfahrungen, Glaubenssysteme, Tabus und „blinde Flecken“ in den Vordergrund.

Seit 1980 spricht man aufgrund oben genannter Entwicklungen des Systemansatzes deshalb auch von „Kybernetik 2. Ordnung“, da nun kybernetische Prinzipien auf die Kybernetik selbst angewendet werden. Das heißt, man entwirft - im Sinne des Konstruktivismus - Theorien über den Beobachter, die das Vorhandensein tatsächlicher, objektiv erkennbarer Systeme anzweifeln und somit den Beobachter und seine Erkenntnismöglichkeiten mit berücksichtigt.[37]

An dieser kurzen Entstehungsgeschichte zeigt sich der Wandel im systemischen Denken. Der Systemansatz gelangt von Kontrolltheorien zu Selbstorganisationstheorien, von der Vorstellung über Möglichkeiten der Außensteuerung zur Vorstellung der Selbststeuerung von Systemen und schließlich von empirischer Systemanalyse zum Konstruktivismus. Der historische Abriss zeigt aber auch, dass die Systemtheorie viele verschiedene Disziplinen vereinen kann. „Die Systemtheorie ist als Integrationsleistung verschiedener Wissenschaftsdisziplinen zu sehen, die Strukturähnlichkeiten ihres Gegenstandes in den Vordergrund stellt.“[38] Der systemische Ansatz wird also als Gegenströmung zur Unterteilung der Wissenschaften in spezialisierte Teilgebiete gesehen, deshalb ist es nicht weiter verwunderlich, dass systemisches Denken in den unterschiedlichsten Bereichen Einzug gehalten hat, so auch im Bereich der sozialen und pädagogischen Arbeit. Allerdings liegen nach über vier Jahrzehnten der Entwicklung zahlreiche Varianten vor, so dass von „einer“ Theorie kaum gesprochen werden kann.

Systemisches Denken ist in Bewegung, ähnlich wie unsere Zeit generell, was vielleicht die Attraktivität dieses Ansatzes erklärt, denn nur durch die Vielfalt von Perspektiven kann man der sozialen Wirklichkeit gerecht werden.

1.3 Arbeitsweise der systemischen Beratung

Der Leitsatz systemischer Beratung „Hilf uns, unsere Möglichkeiten zu nutzen“[39] , beeinflusst das Vorgehen in entscheidender Weise. Der Klient benötigt Anstöße und Anregungen, um sein Problem selbstständig beheben zu können. Die nötigen Ressourcen sind vorhanden und müssen nur aufgedeckt werden. Zentrales Element und ethisches Fundament ist hierbei die absolute Wertschätzung der Klienten. Die Klienten werden als Personen, also „Menschen“ akzeptiert und geachtet, allerdings wird zwischen der Person und ihrem Verhalten unterschieden. Dieses muss nicht immer gebilligt werden. Die Beratung erfolgt aber immer mit der Einstellung, dass Menschen sich ändern können. Der Berater darf nicht vergessen, dass jeder seinen Alltag und seine Handlungen nach eigenen Kriterien interpretiert, wobei der Klient als Experte zu betrachten ist, denn er weiß am besten über seine Probleme und sein Befinden bescheid. Im Sinne der in der Definition genannter „Kontextorientierung“ meint das für den Systemiker, dass er zusammen mit dem Klienten einen Erklärungsrahmen „erfindet“, der das Problem im gesamten System und im Leben des Betroffenen angemessen erscheinen lässt. Kontextorientierung beinhaltet auch, das Problem in einen zeitlichen und sozialen Kontext zu stellen, beispielsweise durch Fragen danach, wann das Verhalten auftritt und wann nicht und wer wie darauf reagiert. Auch der Berater muss sich seines Kontextes bewusst sein, etwa bei der Frage, welche Aufträge die Institution, in der er tätig ist, erteilt und was diese leisten kann.

Ressourcenorientiert ist die Beratung dann, wenn die Annahme vorherrscht, dass dem Klienten „nichts fehlt“, wenn die Defizit-Perspektive zugunsten der Vorstellung aufgegeben wird, dass alle Ressourcen zur Lösung des Problems prinzipiell verfügbar sind, aber bislang nicht genutzt werden. Um diese zu fördern und aufzudecken, muss sich der Klient Ziele setzen, denn dann wird er auch an deren Verwirklichung arbeiten. Dies beinhaltet auch die „Zukunftsorientierung“.

Mittels Hypothesen und zirkulären Fragen können Zukunftsperspektiven entworfen werden, die das Für und Wider des Problems in Zukunft darlegen, die dem Klienten möglicherweise bei der Umsetzung seiner Ziele behilflich sein können. Zukunftsvisionen können aber auch die Gegenwartsgestaltung mit beeinflussen, da sie neue Ideen anregen.[40] Systemisches Denken unterscheidet sich demnach klar von gängigen Defizit-Konzepten psychologischer, biologischer und pädagogischer Herkunft. Der Systemiker interessiert sich nicht dafür, ob es Defizite gibt oder nicht gibt, für ihn sind diese soziale Konstruktionen, die sich im Alltag als nützlich oder schädlich erweisen können. Allerdings sollte dies nicht dazu verleiten, äußere Rahmenbedingungen wie materielle Armut oder juristische Diskriminierung zu vernachlässigen, da sie die Grenzen für Interventionen aufzeigen. Diese „Defizite“ müssen deutlich wahrgenommen werden, um Möglichkeiten zu schaffen, diese zu überwinden.[41]

1.4 „Grundwerkzeuge“ systemischer Beratung

Zur Umsetzung dieser Vorgehensweise bedient sich systemische Beratung vorrangig sprachlicher Mittel. Als zentrale „Grundwerkzeuge“ gelten deshalb Hypothesenbildung, zirkuläres Fragen und (positive) Kommentare.

1.4.1 Hypothesenbildung

„Eine Hypothese ist eine vorläufige, im weiteren Verlauf zu überprüfende Annahme über das, was ist.“[42] In der systemischen Beratung ist sie - im Gegensatz zu den klassischen Wissenschaften - nicht als eine Annahme zu verstehen, die mittels Untersuchungen verifiziert oder falsifiziert werden soll. Hypothesen in der systemischen Beratung sind als Ideen oder Geschichten zu verstehen, die sich als mehr oder weniger nützlich erweisen, um Veränderungen anzuregen.

Sie können über die Entstehung und Aufrechterhaltung von Problemen gebildet werden, über die Funktion von Symptomen, die Nachteile von Veränderungen und über mögliche Lösungen. Sobald sich eine Hypothese als nicht nützlich erweist, wird sie fallengelassen und durch andere ersetzt. Sinnvolle Hypothese sind die Grundlage für zirkuläres Fragen und somit die Basis für Interventionen.[43] Der Wert einer Hypothese liegt also in ihrer Nützlichkeit. Nach Mara Selvini-Palazzoli bemisst sich die Nützlichkeit einer Hypothese zum einen an ihrer Ordnungsfunktion, zum anderen an ihrer Anregungsfunktion.

Als ordnend ist eine Hypothese zu betrachten, wenn sie aus den vielen Informationen des Klienten bedeutsames und irrelevantes herausfiltern kann und somit den Weg zu einer kognitiven Ordnung ebnet.

Anregend ist eine Hypothese dann, wenn sie neue Sichtweisen eröffnet und gewohnten Beschreibungen entgegensteht, wenn sie also nicht nur das überprüft, was besteht und angenommen wird. So geht es also nicht darum, eine richtige Hypothese zu finden, sondern gerade durch eine Vielfalt von Ideen eröffnen sich neue Perspektiven und Möglichkeiten. Eine Hypothese ist mit größerer Wahrscheinlichkeit nützlich, wenn sie möglichst viele Mitglieder eines Problemsystems umfasst und wenn sie in der Lage ist, die Handlungen dieser in wertschätzender Weise miteinander zu verbinden.[44]

Nach Pfeiffer-Schaupp (2002) soll das Hypothetisieren von einer „Grundhaltung des Nicht-Wissens“[45] durchdrungen sein. Hiermit ist nicht gemeint, dass der Helfer so tun sollte, als ob er nichts wüsste, sondern es ist hier vielmehr der Umgang mit dem eigenen Wissen gemeint. Hypothesenbildung soll also nicht aus einer Expertenhaltung heraus vonstatten gehen, sondern eben aus einer Haltung des Nicht-Wissens. Der Berater weiß nicht, was das Beste für den Klienten ist, dies weiß nur der Klient selbst. Der Experte fungiert als „Befähiger und Ermöglicher“, nicht als „Rezeptgeber“. Hypothesen sollen und müssen folglich in Frage gestellt und mit dem Klienten diskutiert und revidiert werden können.

[...]


[1] vgl. Mücke 2001, S. 25.

[2] Paracelsus zit. nach Mücke 2001, S. 25.

[3] Hall; Fagen 1956, zit. nach v. Schlippe u.a. 2003, S. 54.

[4] vgl. Hollstein-Brinkmann S.22f.

[5] Maturana 1982 zit. nach v. Schlippe u.a. 2003, S. 86.

[6] Willke 1993 zit. nach v. Schlippe u.a. 2003, S. 55.

[7] vgl. Huschke-Rhein 1989, S. 194.

[8] vgl. v. Schlippe u.a. 2003, S. 57ff.

[9] vgl. Hollstein-Brinkmann 1993, S. 22ff.

[10] vgl. Pfeiffer-Schaupp 2002, S. 14.

[11] Sickendieck u.a. 1999, S. 13.

[12] vgl. Sickendieck u.a. 1999, S. 21f.

[13] Brunner u.a. 1990, S. 7.

[14] vgl. Sickendieck u.a. 1999, S. 14.

[15] Stimmer u.a. 2000, S. 77.

[16] vgl. Galuske 1998, S. 172.

[17] Belardi 2004, S. 333.

[18] vgl. Belardi 2004, S. 333ff.

[19] vgl. Galuske 1998, S. 179.

[20] Rogers zit. nach Bachmair 1985, S. 27.

[21] Salomon hat die Soziale Arbeit in Deutschland in den ersten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt. Sie eröffnete 1908 in Berlin die erste Soziale Frauenschule, eine Ausbildungsstätte für soziale Berufe, in der Wohlfahrt und Fürsorge erstmals gelehrt wurden. 1926 veröffentlichte sie ihr Buch “Soziale Diagnose“, das Sozialer Arbeit erstmalig ein methodisches Konzept verlieh. (vgl. Engelke 1998, S. 187ff.)

[22] Neuffer 2002, S. 130ff.

[23] Mangold 1981 zit. nach Neuffer 2002, S. 133.

[24] Sickendieck u.a. 1999, S. 27.

[25] vgl. Sickendieck u.a. 1999, S.30f.

[26] Neuffer 2002, S. 134.

[27] vgl. Mücke 2001, S. 20ff.

[28] vgl. Pfeiffer-Schaupp 2002, S. 14.

[29] Die Sozialarbeiterin Virginia Satir (1916-1988) hat die zentrale Bedeutung der Wertschätzung von Klienten als Voraussetzung für Veränderungen erkannt; außerdem gilt sie als Erfinderin der „Familienskulptur“, also des räumlichen Darstellens von Familienbeziehungen. (vgl. Pfeiffer-Schaupp 2002, S. 16.)

[30] Mara Selvini-Palazzoli (1917-1999) gründete 1967, zusammen mit anderen, in Mailand das erste familientherapeutisch orientierte Zentrum. Hier wurde systemische Therapie im engeren Sinn praktiziert, was heute unter dem Begriff „Mailänder Modell“ verstanden wird. Die hier entwickelten Leitlinien systemischen Vorgehens gehören heute zur Standardausrüstung systemischer Therapie. (vgl. v. Schlippe u.a. 2003, S. 28ff.)

[31] vgl. Neuffer 2002, S. 130.

[32] vgl. Hollstein-Brinkmann 1993, S. 27ff.

[33] v. Schlippe u.a. 2003, S. 57.

[34] vgl. v. Schlippe u.a. 2003, S. 61ff.

[35] vgl. Huschke-Rhein 1989, S. 218ff.

[36] vgl. v. Schlippe u.a. 2003, S. 67ff.

[37] vgl. v. Schlippe u.a. 2003, S. 68ff.

[38] Hollstein-Brinkmann 1993, S. 20.

[39] v. Schlippe u.a. 2003, S. 114.

[40] vgl. Neuffer 2002, S. 134ff.

[41] vgl. Hahn u.a. 1993, S. 19.

[42] v. Schlippe u.a. 2003, S. 117.

[43] vgl. Pfeiffer-Schaupp 2002, S. 25.

[44] vgl. v. Schlippe u.a. 2003, S. 117f.

[45] Pfeiffer-Schaupp 2002, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Systemische Beratung im Gesundheitswesen. Case Management im Krankenhaus
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
117
Katalognummer
V44186
ISBN (eBook)
9783638418331
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemische, Beratung, Gesundheitswesen, Beispiel, Case, Management, Krankenhaus
Arbeit zitieren
Birgit Müller (Autor), 2005, Systemische Beratung im Gesundheitswesen. Case Management im Krankenhaus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44186

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