Besonderheiten der Partnersuche in webbasierten Singlebörsen


Magisterarbeit, 2008
139 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

I. Theoretischer Teil
A Formale Strukturen und Vorüberlegungen
1. Einleitung
2. Web 2.0 - Eine Einführung
2.1 Singlebörsen - ein soziales Netzwerk / eine virtuelle Gemeinschaft?
3. Kommunikationsdefinition
3.1 Computervermittelte Kommunikation
3.2 Merkmale computervermittelter Kommunikation in Singlebörsen
4. Singlebörsen und ihre unterschiedlichen Ausprägungen
4.1 Aufbau
4.1.1 Login und Profil
4.1.2 Persönlichkeitstest
4.1.3 Kosten
4.1.4 Foto
4.1.5 Funktionen innerhalb einer Singlebörse
4.2 Zielgruppen
5. Räumliche und zeitliche Prämissen
5.1 „Kommunikation über den Computer“
5.2 Zeitliche Dimension
6. Kommunikationssituation (auf das Gespräch bezogen)
6.1 Kommunikation via E-Mail und Chat
B Interaktion in Singlebörsen
1. Interaktionstypologie
2. Kommunikative Bedingungen
2.1 Paraphrase
2.2 Deixis am Phantasma
2.3 Das Fehlen der Nonverbalität in schriftlicher Kommunikation
3. Identität und Selbstdarstellung in der Singlebörse
3.1 Identität und Selbstkonzept
3.2 Anonymität
4. Soziale Beziehungen im Internet
4.1 Vertrauensaufbau in medial vermittelter Kommunikation
4.1.1 Vertrauensaufbau anbieterseitig
4.1.2 Vertrauensaufbau persönlich
4.2 Funktionen von virtuellen Beziehungen

II. Empirischer Teil
1. Besonderheiten der Partnersuche in webbasierten Singlebörsen - 72 Forschungsleitende Fragen
2. Untersuchungsmethodik und Fragebogen
2.1 Die quantitative Onlinebefragung
2.2 Der Fragebogen
2.2.1 Generierung und Versendung des Fragebogens
2.2.2 Konstruktion des Fragebogens
3. Durchführung der Onlinebefragung und Datenerhebung
3.1 Auswertung
3.1.1 Soziodemographische Angaben
3.1.2 Nutzungsverhalten
3.1.3 Identität
3.1.4 Bewertung von Aussagen durch die Umfrageteilnehmer
3.1.5 Einschätzung des Mediums durch die Umfrageteilnehmer
3.1.6 Funktionsausbau von Singlebörsen
3.1.7 Persönliche Meinung der Befragten zur Partnersuche im Internet.
4. Abschließende Bewertung, Kritik und Ausblick
Anhang: Fragebogen
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis

I. Theoretischer Teil

A Formale Strukturen und Vorüberlegungen

1. Einleitung

Die Partnersuche in webbasierten Singlebörsen erfreut sich steigender Beliebtheit. Ständig werden neue Singleportale eröffnet, eines der neuesten Beispiele ist das Portal liebejz.de, welches am 01. August 20081 seine Pforten öffnete. Mit allein 5 Millionen Mitgliedern in Deutschland ist die Singlebörse neu.de eine der beliebtesten Partnerportale. Bereits 2005 zeigte eine Studie von Nielsen/NetRatings, dass bereits jeder 5. Internetnutzer in Deutschland webbasierte Partnerbörsen besucht2. Die Be- nutzerzahlen zeigen, dass die Partnersuche über das Internet mittlerweile schon gesellschaftsfähig geworden ist. Was früher fast verpönt war, wird heute immer mehr angenommen. Die Suche über das Internet hat einige entscheidende Vorteile, die z.B. eine schriftliche Kontaktanzeige in der Zeitung nicht bieten kann: die Selbstdarstellung einer Person fällt hier sehr viel genauer aus, als die Kontaktanzeige, die sich über nicht mehr als ca. 5 Zeilen erstreckt. Hier entstehen demnach neue Möglichkeiten, einen Beziehungspartner zu suchen und schließlich zu finden.

Die Kommunikation in Singlebörsen ist ein noch recht unbekanntes Feld in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung. Es fehlen immer noch „systematische Vergleichsstudien hinsichtlich der Nutzergruppen und Erfolgsraten von Online- und Offline- Kontaktanzeigen“ (Döring 2000: 451). Die vorliegende Arbeit behandelt demnach die Besonderheiten der Partnersuche in webbasierten Singlebörsen und versucht anhand einer empirischen Untersuchung Trends und Entwicklungen hinsichtlich dieser Form der Suche nach einem Beziehungspartner zu formulieren. Die Forschungsfrage dieser Arbeit lässt sich also folgendermaßen formulieren: Welche Besonderheiten weist die webbasierte Partnersuche auf? Wie gehen die Beteiligten mit der Kommunikation um, die vorerst rein über die Medien E-Mail und Chat erfolgt? Welche kommunikativen Mittel müssen eingesetzt werden, um Verständnis zu erreichen? Wie stellen die Beteiligten sich selbst dar und wie gehen andere Personen mit der dargestellten Identität um? Welche Funktion hat letztlich die Partnersuche im Internet? Die kommunikationswissenschaftlichen Ansätze Gerold Ungeheuers und das Fachverständnis der Essener Kommunikationswissenschaft sollen dabei als Grundlage dienen, um die computervermittelte Kommunikation innerhalb des Rahmens der Singlebörse und deren Eigenheiten zu erforschen. Zugrundegelegt wird dabei der Kommunikationsprozess zweier Individuen, die „sich bei ihren Mitteilungsaktivitäten gegenseitig steuern und beeinflussen, auch wenn dies durch den Einsatz verschiedener Medien und moderner Kommunikationstechnologien asynchron und asymmetrisch erfolgen kann [...]“3 Um diesen Prozess verstehen zu können, wird vor allem der Kontext der beiden Individuen näher betrachtet, d.h. es werden „kulturelle, gesell- schaftliche und historische Rahmenbedingungen“4 zur Beurteilung des Kommunikationsaktes hinzugezogen.

Um einen Einblick in die Singlebörsen dieser Zeit zu bekommen, werden zwei Singlebörsen miteinander verglichen: neu.de und parship.de stellen dabei die teilweise kostenlose (nur für Frauen kostenfrei) und kostenpflichtige Variante der Singlebörsen dar und verfügen über zwei unterschiedliche Ansätze, die im Folgenden näher dargestellt werden sollen.

2. Web 2.0 - Eine Einführung

Der heute bereits als Schlagwort bekannte Ausdruck „Web 2.0“ wurde im Jahre 20045 unter anderem von Tim O'Reilly geprägt. Der Ausdruck markiert eine bedeutende Wende in der Geschichte des Internets: nach dem Börsencrash 2001 und der damit verbundenen Auflösung vieler Firmen, die sich auf Internetdienste etc. spezialisiert hatten, begann ein neues Zeitalter des Internets6. Der Begriff umfasst eine Reihe von Prinzipien, die alle mehr oder minder Teil des Konzeptes „Web 2.0“ sind. Tim O'Reilly beschreibt das Internet als eine Plattform, die viele Ideen und Ansätze miteinander verbindet7:

„Like many important concepts, Web 2.0 doesn´t have a hard boundary, but rather, a gravitational core. You can visualize Web 2.0 as a set of principles and practices that tie together a veritable solar system of sites that demonstrate some or all of those principles, at a varying distance from that core.“8

Das alte Web, oder auch „Web 1.0“ genannt, hatte eine statische Struktur: so wurden Dokumente und Bilder eingestellt, die einmal geschrieben nie mehr verändert wurden. Der Besucher einer Homepage hat keine Möglichkeit, sich an den Inhalten zu beteiligen, d.h. er fungierte als reiner Konsument des Dargebotenen. Das neue Internet ruft die Benutzer auf, sich daran zu beteiligen und mit anderen Individuen (ob bekannt oder fremd) in Kontakt zu treten. Im Vordergrund der neueren Angebote des Web 2.0 steht damit das „verbundene Moment der ‚Interaktivität’“ (Höflich 2003: 7); die aktive Partizipation am Webdienst. Die Einseitigkeit der Massenkommunikation wird aufgehoben und die passiven Rezipienten werden in interaktive Nutzer umgewandelt (vgl. Höflich 2003: 7). Weblogs wie blogger.com, Wikis9 wie z.B. wikipedia.de oder soziale Communities wie z.B. facebook.com oder studivz.net sind nur einige Beispiele für typische Web 2.0-Anwendungen.

Die Teilnahme an Webinhalten wird vorrangig durch die so genannte Social Software gewährleistet; „diese wertet das Abrufnetz WorldWideWeb technisch auf und überführt es in das leicht zu bedienende ‚Internet zum Mitmachen’“10. So können mit Hilfe von Social Software beispielsweise Abstimmungen durchgeführt, Kommentare eingefügt oder Interessengruppen erstellt werden. Interaktion und Kommunikation eines Individuums oder einer Gruppe stehen hier im Vordergrund11. Wenn das Web 2.0 also aus einem Sonnensystem an Webservices unterschiedlichster Ausprägung besteht, dann ist auch der Service einer Singlebörse darunter zu verstehen, denn die Grundbedingungen, mit anderen Teilnehmern kommunizieren zu können und am Dienst - wenn auch eingeschränkt12 - teilzuhaben, sind hier gegeben.

Lediglich das Ziel ist von vornherein anders: hier ist man angemeldet, um einen möglichen Partner für sich selbst zu finden, und nicht, um alte Bekannte wieder zu treffen; nur selten treffen sich hier Personen, die lediglich an neuen Freundschaften interessiert sind und dabei keinen Beziehungspartner suchen. Der Service der Singlebörse ist aufgrund seiner Funktionen eher als ein eingeschränktes Teilnahme- Medium zu sehen: Persönlichkeitsaspekte werden hier per Auswahlkatalog/Drop- Down-Funktion formuliert; Interaktivität entsteht zwischen den Beteiligten nur dort, wo andere Personen kontaktiert oder E-Mails/Chatgesuche beantwortet werden. Daraus ergeben sich zwei gravierende Unterschiede zwischen einem sozialen Netzwerk wie z.B. studivz.net und Singlebörsen: die Wahl des Mediums verändert sich je nach verfolgtem Ziel und damit verbunden ändern sich auch die Möglichkeiten zur Persönlichkeitspräsentation, die beim sozialen Netzwerk eher einen ganzheitlichen Eindruck einer Person hervorrufen sollen13 ; bei einer Singlebörse eher auf die Darstellung einer vorrangig positiven Personenwahrnehmung ausgelegt sind.

2.1 Singlebörsen - ein soziales Netzwerk / eine virtuelle Gemeinschaft?

Die Frage nach der Web2.0 Technologie in Singlebörsen führt direkt zu einer weiteren Problematik, die in diesem Zusammenhang gestellt werden muss. Ist eine Singlebörse ein soziales Netzwerk bzw. eine virtuelle Gemeinschaft? Nach Howard Rheingold macht die virtuelle Gemeinschaft „eine Anzahl von Mitgliedern computervermittelter sozialer Gruppen“ (Rheingold 1994, zitiert nach Bühl 1997: 28) aus. Sie sind als soziale Zusammenschlüsse zu verstehen, die im Netz entstehen, wenn genug Leute an öffentlichen Diskussionen teilnehmen und dabei Gefühle einbringen, um ein Geflecht persönlicher Beziehungen entstehen zu lassen (vgl. Bühl 1997: 28-29). Das soziale Netzwerk definiert sich in ähnlicher Weise: Hierbei handelt es sich um „ein Beziehungsgeflecht, das Menschen mit anderen Menschen und Institutionen sowie Institutionen mit anderen Institutionen verbindet.“14 Eine Singlebörse kann insofern nicht als virtuelle Gemeinschaft bezeichnet werden, da die Mitglieder nicht untereinander vernetzt werden; es werden keine Querverbindungen (wie z.B. beim studivz.net) zu anderen Teilnehmern hergestellt. Diese Art der Vernetzung ist hier nicht möglich bzw. wird von den Seitenbetreibern nicht zugelassen. So kann der Einzelne zwar mit mehreren Gesprächspartnern gleichzeitig Kontakt haben; die verschiedenen Mitglieder werden aber nie voneinander erfahren.

Es handelt sich demnach auch nicht um eine öffentliche Diskussion; die Kommunikation beschränkt sich auf den reinen Dialog zweier Kommunikationspartner. Eine Singlebörse wird erst dann zu einer virtuellen Gemeinschaft bzw. einem sozialen Netzwerk, wenn die beschriebenen Aspekte der Vernetzung mit dem Service der Singlebörse verbunden werden. Ein Beispiel hierfür ist die sogenannte Single- Community voteme.de15, die sich als Freundesnetzwerk versteht, bei der man auch die Möglichkeit der Partnersuche hat.

3. Kommunikationsdefinition

3.1 Computervermittelte Kommunikation

Um die Kommunikationsvorgänge in webbasierten Singlebörsen verstehen zu können, ist es hilfreich, eine vorherige Definition des Begriffes der computervermittelten Kommunikation herauszufiltern. Eine erste Annäherung lässt sich wie folgt formulieren:

„Unter computervermittelter Kommunikation (CVK, englisch „CMC“ für „computer- mediated communication“) verstehe ich Kommunikation, bei der mindestens zwei Individuen in einer Nicht-face-to-face Situation durch die Anwendung eines oder mehrerer computerbasierter Hilfsmittel miteinander in Beziehung treten“ (Köhler 2003: 18 - 19).

Die computervermittelte Kommunikation, im folgenden als CvK16 abgekürzt, ist somit immer ein Prozess, an dem zwei Individuen beteiligt sind, die über ein Medium wie das des Computers miteinander kommunizieren. Höflich erweitert den Begriff und fügt den Bereich der Interpersonalität hinzu:

„Technisch vermittelte interpersonale Kommunikation bedeutet, dass ein technisches Medium in den Prozess der Kommunikation zwischengeschaltet wird. Wesentlich ist hierbei die interaktive Qualität des Mediums, genauer: dessen Potential, Interaktivität zu ermöglichen“ (Höflich 1996: S. 111).

Der Computer ist somit als „technische Ergänzung“ (Höflich 1996: 112) aufzufassen, der in den Kommunikationsakt eingeschaltet wird. Die Interaktivität macht es möglich, dass alle Beteiligten in den Austausch miteinander treten können. Höflich fordert dabei eine andere Betrachtung als seine Vordenker, indem er „die Verbindung von Medien und Kommunikationssituation auf eine intersubjektive Grundlage“ (Höflich 1996: 111) stellt. Dabei sollen vor allem die Individuen im Zusammenhang mit der jeweiligen Kommunikationssituation in den Vordergrund rücken, die sich mit der Kommunikation über den Computer beschäftigen. Für die vorliegende Arbeit ist der Begriff der Interaktivität in besonderem Maße von Interesse, da sich Singlebörsen im Internet genau über diesen Umstand auszeichnen.

Singlebörsen arbeiten in dieser Hinsicht mit unterschiedlichen Kommunikationssystemen (dem Chat und der E-Mail), die sich als zwei Wege der CvK definieren lassen. Die beiden Systeme unterscheiden sich durch einen wesentlichen Punkt voneinander: ihrer zeitlichen Dimension. Somit kann die computervermittelte Kommunikation ferner in die asynchrone und die synchrone computervermittelte Kommunikation eingeteilt werden.

Asychronität

Zur asynchronen CvK gehört z.B. das Kommunizieren über E-Mail, denn hier „lassen sich eher elaborierte Botschaften verfassen und über längere Zeiträume hinweg themenzentrierte Diskurse führen. Die Botschaften haben hier den Charakter in sich abgeschlossener (monologischer) Gebrauchstexte“ (Döring 2003: 43). Die klassische E- Mail besteht dabei meist aus einer Betreffzeile und einem Body. Optional können Anhänge mitgesendet werden. In den meisten Fällen bezieht sich der Body auf die Betreffzeile, so dass meist ein eng gesteckter Themenrahmen gegeben ist. Man spricht in diesem Zusammenhang von Asynchronität, da der Gesprächsverlauf immer zeitlich versetzt vonstatten geht (vgl. Döring 2003: 51ff.). In einer Singlebörse ist das E-Mail- Verfahren vergleichbar mit dem eines reinen E-Mail-Anbieters; hier lassen sich jedoch meist keine Anhänge hinzufügen. Der Fokus liegt hier dementsprechend auf dem reinen Austausch von Text.

Synchronität

Die synchrone CvK ist durch ihren „dialogischen Charakter“ (Döring 2003: 43) gekennzeichnet; dementsprechend lassen sich vor allem Chatsysteme dieser Kategorie zuordnen. Die synchrone Kommunikation gleicht daher am ehesten der Face-to-Face Situation. Die Kommunikation läuft hier fast zeitgleich ab; die Gesprächspartner nehmen gegenseitig sofortigen Bezug auf die schriftliche Äußerung des Anderen. „Der synchrone Austausch lebt also in der Regel eher von Spontaneität und Geselligkeit, weniger von inhaltlicher Elaboration und klarem Themenbezug“ (Döring 2003: 43). Dementsprechend orientieren sich die Sprecher oftmals an der Alltagssprache durch eine „verstärkte Integration von umgangssprachlichen und sprechsprachlichen Wendungen“ (Döring 2003: 43).

Entkörperlichung / Entkontextualisierung

Ein weiteres bedeutendes Merkmal der CvK ist die sogenannte Entkörperlichung. Im Face-to-Face Kontakt, d.h. wenn sich beide Kommunikationspartner in einem gemeinsamen Wahrnehmungsraum befinden, zählen „nicht nur die inhaltlichen, d.h. dezidiert sprachlichen Elemente des Austausches, sondern auch die nonverbalen Zeichen, die gegeben werden, wie Gestik, Mimik, Körperhaltung, Blick usw.“ (Misoch 2006: 56). Der Körper hat in der Kommunikation demnach eine nicht unbedeutende Rolle, die in der CvK durch die räumliche Trennung und damit vorrangiger Textualität der Gesprächspartner nicht zum Zuge kommt. Die Aufmerksamkeit der Teilnehmer richtet sich entsprechend nicht mehr auf den Körper, sondern auf die produzierten Textteile des Partners.

Die Entkörperlichung steht in engem Zusammenhang mit der Entkontextualisierung: durch die Entkörperlichung, die vorrangig durch den Verlust der gemeinsamen Wahrnehmungsgrundlage und des Kontextes entsteht, können Verständigungsprobleme entstehen.

„Entkontextualisierung ist eine Form der Vermittlung, die dann einsetzt, wenn ein Austauschprozeß nicht mehr zeit- und raumeinheitlich stattfinden kann.“ (Faßler 1960: 67).

Beide Kommunikationspartner müssen demnach Aufmerksamkeit walten lassen und Teile, die der Andere nicht sehen kann, verschriftlichen (vgl. Misoch 2006: 60).

3.2 Merkmale computervermittelter Kommunikation in Singlebörsen

Grundsätzlich lässt sich - wie bereits angeführt - feststellen, dass es zwei ganz

unterschiedliche Systeme gibt, mit denen im Bereich der Partnervermittlungen gearbeitet wird: der asynchrone Austausch per E-Mail und die synchrone Kommunikation per Chat. Man kann in diesem Fall vier Typen von interpersonaler Kommunikation unterscheiden, die sich auch auf die beiden Kommunikationsarten in Singlebörsen anwenden lassen. Es wird hierbei davon ausgegangen, „dass Medien keineswegs kommunikativ neutral sind, sondern vielmehr Einfluss auf den vermittelten Inhalt und die Beziehung der Kommunikationspartner haben“ (Höflich 1996: 58):

- Interpersonale mediatisierte Kommunikation: hierzu zählen vor allem die Kommunikation mit Hilfe von Briefen, elektronischer Post, CB-Funk oder auch Audio- und Videokassetten, die in diesem Fall der interpersonalen Kommunikation dienen sollen
- Mediensimulierte interpersonale Kommunikation: diese Art der Kommunikation steht für die para-soziale Interaktion oder Hörerbeteiligung unter dem Aspekt der massenmedialen Kommunikation (Beispiel: ein Hörsaal, in dem neben dem Dozentenvortrag auch noch über einen Beamer, ein Video oder eine Präsentation abläuft, würde als mediensimulierte interpersonale Kommunikation bezeichnet werden können.)
- Person-Computer Kommunikation: sie ist der personalen Kommunikation am nächsten, d.h. sie wird stellvertretend für die interpersonale Kommunikation eingesetzt und wird auch als Kommunikation mit einem Computerprogramm bezeichnet
- Unikommunikation: Die Benutzung von Artefakten, die indirekt der interpersonalen Kommunikation dienen sollen, wie z.B. T-Shirts, Anstecker, Kappen mit Aufdrucken etc. (vgl. Höflich 1996: 58)

Nach diesem Schema kann man also die Kommunikation über einen Chat einerseits als Person-Computer Kommunikation einstufen; denn hier wird unmittelbar über ein Computerprogramm kommuniziert bzw. ein Computerprogramm wie die Singlebörse dazu benutzt, mit einem Kommunikationspartner in Kontakt zu treten. Andererseits zählt die Kommunikation in einer Singlebörse zur interpersonalen mediatisierten Kommunikation, denn hier werden z.B. per Emailsystem persönliche Briefe ausgetauscht. Die Grenze zwischen diesen beiden Kategorien kann nicht ganz klar definiert werden, da Elemente beider Kategorien einen Teil der Kommunikation in Singlebörsen ausmachen.

Nach Manfred Faßler kann man das Internet und damit auch Singlebörsen zu den quartären Medien zählen, da sie „durch das globale System der Fernanwesenheit bestimmt“ (Faßler 1960: 117) sind. Der Computer an sich wird als tertiäres Medium bezeichnet, da hier sowohl technische Sender als auch technische Empfänger vonnöten sind, um Informationen überhaupt weitergeben zu können. Mit tertiären Medien nimmt Faßler die Komponente der Vernetzung über das Internet hinzu, die letztlich auch Interaktivität möglich macht.

3.3 Besonderheiten des Chats

Der Chat innerhalb einer Singlebörse wie neu.de ist keinesfalls mit einem öffentlichen Chat auf Plattformen wie America Online etc. zu vergleichen. Während über AOL viele verschiedene Menschen miteinander und untereinander kommunizieren, sprich an einer Gruppenkonversation teilnehmen, sind im Chat der Partnerbörse nur jeweils zwei Personen anwesend. Es ist innerhalb des Partnerbörsen-Chats also nicht nötig, Aussagen an eine bestimmte Person zu adressieren. Es ist außerdem rein technisch nicht möglich, eine Art „Regieanweisung“ einzugeben, wie sie in öffentlichen Chatrooms vorkommt, denn hier können keine systemgenerierten Befehle (wie z.B.: /col blue; als Befehl eingegeben, wird die Farbe des Nicknamens in die Farbe blau verändert17 ) eingegeben werden. Diese Befehle sind jeweils vom Anbieter vorgegeben, sofern diese existieren und können je nach Chat oder System variieren. Eine Regieanweisung bzw. ein Gefühlsausdruck kann dabei auch ein kursiv gedruckter Text sein, der nach einem Textstrang eingeworfen wird (z.B. „Fee85 lacht laut.“ oder „Theo drückt Eva mal.“). Diese zusätzlichen Eingabemöglichkeiten per Befehlszeile werden innerhalb des Chats in der Singlebörse nicht gewährt; hier ist lediglich die Möglichkeit gegeben, über Emoticons18 Gefühlsregungen zu vermitteln19. Hier steht eine Funktionsleiste zur Verfügung, die Emoticons in Form von Smilies beinhaltet. Zusätzlich können die Nutzer selbst Smilies in Form von Textzeichen wie :-) oder ;-) per Tastatur eingeben, um Gefühle zu verdeutlichen. Das setzt jedoch die Kenntnis der Zeichen durch den Gesprächspartner voraus. Vergleichbar ist diese Situation in etwa mit dem Separée eines normalen Chatrooms, den die Teilnehmer zur persönlicheren Kommunikation nutzen können. Im öffentlichen Chatroom besteht dann aber immer noch die Möglichkeit, einen Chatter, der sich im Separeé befindet, über eine Flüsterfunktion20 zu erreichen. Auch diese technischen Möglichkeiten werden im Chat einer Singlebörse nicht gewährt21 ; es geht hier um den reinen Austausch auf ganz persönlicher Ebene in ungestörter Atmosphäre. Diese Form des Chats begünstigt demnach die Konzentration auf nur einen Gesprächspartner; dennoch ist es durchaus machbar, mehrere Chatrooms zu öffnen, durch die man sich dann mit zwei oder drei Personen unterhalten kann. Fraglich ist jedoch, inwieweit die Gesprächspartner mitbekommen, dass eine bestimmte Person mit mehreren potenziellen Partnern chattet, denn hier kann es zu größeren Verzögerungen im Gesprächsablauf kommen. Der Chat einer Singlebörse verfügt also über eingeschränkte Möglichkeiten, mit anderen Personen zu kommunizieren; insofern ist diese Art nur in wenigen Punkten mit einem öffentlichen Chat vergleichbar.

Dennoch können manche Gewohnheiten und Verhaltensweisen in öffentlichen Chats Aufschluss darüber geben, wie sich die Kommunikation auf virtueller Ebene auf die Personen auswirkt.

3.4 Besonderheiten der E-Mail

Im Falle der E-Mail-Kommunikation kann man von Ongoing Conversation sprechen; d.h. „die E-Mail ist Bestandteil einer längeren Korrespondenz, sie bezieht sich auf zurückliegende Äußerungen und fordert zu mehr oder minder elaborierten neuen Kommentaren und Stellungnahmen auf“ (Döring 2003b: 52). Die Email dient innerhalb von Singlebörsen einer ersten Kontaktaufnahme; so versucht eine Person durch einen möglichst persönlichen Text zu überzeugen. Um den Text zu gestalten, gibt es hier je nach Anbieter mehrere Möglichkeiten. Bei neu.de kann sowohl die Schriftart als auch die Schriftgröße beeinflusst werden. Darüber hinaus kann Text in Fettschrift, kursiv oder unterstrichen abgebildet werden. Auch der farbliche Hintergrund sowie die Textfarbe können verändert werden. Wie auch im Chat, steht eine Funktionsleiste für Smilies zur Verfügung, die je nach Belieben hinzugefügt werden können. Bei parship.de stehen all diese genannten Möglichkeiten zur Textgestaltung nicht zur Verfügung. Hier kann der Nutzer Emoticons und ähnliches lediglich selbst mit Hilfe des ASCII-Zeichensatzes einfügen. Die E-Mail-Kommunikation macht es möglich, sich über Worte und Ausdrücke länger Gedanken zu machen; man kann diese Form des Austausches also mit dem schriftlichen Briefverkehr auf postalischem Wege vergleichen. Insofern kommt die Email dem Kontakt über eine klassische Kontaktanzeige in einem Magazin oder einer Zeitung sehr nah, denn auch hier werden vorab Briefe verschickt, bevor ein persönliches Treffen stattfindet.

Die Art der Kommunikation ist folglich nicht in jeder Singlebörse gleich gelagert; der Austausch von Briefen oder kurzen Mitteilungen per E-Mail-System ist eine unpersönlichere und langwierigere Art der Kommunikation, während der Chat den Eindruck eines Face-to-Face Gespräches vermittelt, auch wenn hier über das Medium Computerprogramm miteinander kommuniziert wird. In beiden Fällen jedoch lässt sich von der Kommunikation über interaktive Medien sprechen, denn die Nutzung dieses Kommunikationsweges setzt „die Teilhabe anderer Kommunikationspartner voraus“ (Höflich 1996: 66). Alle Partnerbörsen sind demnach darauf ausgelegt, die „Kommunikation mit anderen [zu] ermöglichen, d.h. wenn dadurch zwei oder mehr konkrete, bekannte oder unbekannte, Kommunikationspartner zum Zwecke von Realisierung von Kommunikationsabsichten synchron oder asynchron miteinander verbunden sind und wenn dabei notwendigerweise die Potentiale des Systems über die Herstellung von Zwei-Wege-Kommunikation oder eine Quasi-Interaktion hinausgehen“ (Höflich 1996: 66).

4. Singlebörsen und ihre unterschiedlichen Ausprägungen

4.1 Aufbau

Im folgenden Kapitel werden vorrangig die Strukturen von Singlebörsen genauer betrachtet und beschrieben, um einen ersten Eindruck von der Realität in Singlebörsen zu erhalten. Zur näheren Betrachtung wurden explizit zwei Singlebörsen ausgewählt, um zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das Thema Partnersuche untersuchen zu können. neu.de ist dabei eine Singlebörse, die ausschließlich für Frauen kostenlos ist; Männer müssen einen Kostenbeitrag bezahlen, um den vollen Service ausnutzen zu können. Bei parship.de müssen alle Mitglieder bezahlen, sofern sie innerhalb der Partnerbörse mit anderen in Kontakt treten wollen. Die Registrierung sowie der Persönlichkeitstest, der im Folgenden näher beschrieben wird, sind kostenlos, eine Kontaktaufnahme, das Lesen und Beantworten von Mitteilungen ist aber erst nach Zahlungseinverständnis möglich. parship.de bezeichnet sich selbst als eine „Partneragentur“22, die sich durch insgesamt drei grundlegende Aspekte auszeichnet: 1) über den Persönlichkeitstest werden potenzielle Partner ausgewählt und vorgeschlagen und 2) die Anonymität des Einzelnen bleibt gewahrt; es werden anstatt Nicknames ausschließlich Chiffrenummern vergeben23. neu.de hingegen ist eine typische Singlebörse, bei der kein Persönlichkeitstest verlangt wird und bei Anmeldung ein eigener Nickname gewählt werden kann.

4.1.1 Login und Profil

Der Aufbau ist in den untersuchten Singlebörsen neu.de und parship.de ist immer ähnlich. Jede Singlebörse verfügt über einen Login-Bereich, der zu passieren ist, um den Mitgliederbereich betreten zu können.

Als nicht registrierter Benutzer kann man lediglich ein paar Profile von bereits angemeldeten Nutzern ansehen, sobald das Profil jedoch angeklickt wird, fordert ein Automatismus dazu auf, dem Mitgliederbereich beizutreten. Der Benutzer kann sich dann mit einem selbstgewählten Pseudonym24 (bei neu.de) registrieren lassen, und wird nach erstmaliger Anmeldung aufgefordert, ein mehr oder minder ausführliches Profil mit Angaben zur eigenen Person auszufüllen.

Standardmäßige Angaben im Profil von neu.de sind dabei:

- Steckbrief: persönliche Angaben wie Alter, Wohnsitz, Beruf, Bildungsstand, Familienstand, Sternzeichen, Staatsangehörigkeit
- Interessen, sportliche Aktivitäten, Musikgeschmack, Selbstbeschreibung, Sprach- kenntnisse etc.
- Selbstbeschreibung: eigenes Aussehen (wie z.B. Größe, Gewicht etc.) sowie
Charaktereigenschaften (Persönlichkeitsmerkmale, Romantik, Einstellung zur Ehe)
- Lebensstil bzw. Freizeitbeschäftigungen: Musikgeschmack, Haustiere, Ziele, Hob- bys, Ausgehgewohnheiten, sportliche Aktivitäten
- Angaben zum idealen Partner: Familienstand, Kinder, Staatsangehörigkeit, Reli- gion
- Bildungsniveau, Einkommen, Aussehen (Haarlänge, Größe Gewicht etc.)
- Persönlichkeit, Sprachen, Haustiere, Musikgeschmack, Filmgeschmack, sportliche Aktivitäten, Einstellung zu Ehe und Romantik, Raucher oder Nichtraucher, Essensgewohnheiten

Die oben genannten Angaben können anhand von Drop-Down-Feldern angegeben werden. Eine Eingabe von freiem Text ist hier meist nicht möglich. Die Unterscheidung der beiden Singlebörsen liegt unter anderem im Umgang mit einem freien bzw.

mehreren freien Textfeldern. Bei parship.de werden Freitextfelder im Bereich Ich über mich zugelassen; hier kann der Benutzer zu unterschiedlichen Fragen Stellung beziehen. Dabei müssen nicht alle Fragen beantwortet werden, es können auch nur ausgewählte ausgefüllt werden. Bei neu.de kann anstatt eines vorgegebenen Fragenkataloges ein Begrüßungstext formuliert werden. Der Text darf bis zu 2.000 Zeichen25 lang sein und kann als „Werbebotschaft“ genutzt werden, um sich von anderen Profilen bzw. Mitbewerbern abzusetzen.

Standardmäßige Angaben im Profil bei parship.de:

- Steckbrief: Alter, Größe, Familienstand, Beruf, Anzahl der Kinder, Rauchgewohn- heiten, Haustiere, Selbstbeschreibung,
- Lebensstil: Freizeitbeschäftigungen, Interessen, sportliche Aktivitäten, Musik- geschmack, Sprachen, Spielen eines Instrumentes
- Ich über mich: Ein Tag ist für mich perfekt, wenn...; Drei Dinge, die für mich wichtig sind; Fünf Worte um mein Äußeres zu beschreiben; Wenn ich nichts zutun hab, mache ich folgendes; Ich wünschte, ich könnte..., Was mein Partner über mich wissen sollte; Ein Ort, an dem ich mich besonders wohlfühle; Zwei Sachen, von denen ich mich nie trennen könnte; Ich reagiere allergisch auf...

Die Angaben bei parship.de sind im Gegensatz zu neu.de weniger ausführlich, dafür verfügen sie aber über die Möglichkeit, Freitextfelder auszufüllen. Im Rahmen der vorformulierten Fragen hat der Benutzer so die Möglichkeit, sich selbst zu präsentieren und sich damit von anderen Mitkonkurrenten zu distanzieren. Ein Nachteil ist sicherlich, dass durch die Einschränkung in den Fragen kaum Spielraum bleibt, die Persönlichkeit hier in den Vordergrund zu stellen.

4.1.2 Persönlichkeitstest

Wie bereits erwähnt, besteht eine grundlegende Unterscheidung der beiden Partnerschaftsbörsen im Persönlichkeitstest, der bei parship.de direkt bei Registrierung ausgefüllt werden muss. Der Test folgt psychologischen Richtlinien und wird anschließend im Profil gespeichert.

„Das PARSHIP-Prinzip basiert sowohl auf verhaltenstheoretisch orientierten An- sätzen als auch auf psychoanalytischen Theorien über Persönlichkeitseigenschaften. Eine wichtige Rolle spielen die Grunderkenntnisse von Georg Simmel (Soziologe), H. J. Eyseck (Psychologe), Sigmund Freud und C. G. Jung (Psychoanalytiker).“26

Der Test dient dazu, zwischen den angemeldeten Mitgliedern jeweils Persönlichkeitsübereinstimmungen zu ermitteln, die dann innerhalb des Profils als Prozentangabe erscheint. Der Benutzer hat darüber hinaus keinen Einfluss auf die Namensgebung seines Profils; hier sorgt eine Chiffre-Nummer für größtmögliche Anonymität. Durch die Chiffrierung bekommt gerade die Singlebörse parship.de den klassischen Anstrich einer Kontaktanzeige, die in Zeitschriften und Magazinen oftmals auch mit einer Chiffrierung angegeben werden. Da auch das Foto hier erst mal nur anonymisiert angezeigt wird, soll hier allein der Persönlichkeitstest und ein paar freie Angaben über Kontakt oder Weitersuche entscheiden. Die folgende Grafik zeigt den Abgleich zweier Persönlichkeitstests innerhalb des Profils:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Persönlichkeitstest: Testergebnisse der beiden Persönlichkeitsstrukturen werden im Profil miteinander verglichen.

Über das Menü gelangt der Benutzer auf zu den Partnervorschlägen; diese sind mit der Prozentzahl der Persönlichkeitsübereinstimmungen versehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Partnervorschläge und Matching-Punkte: Die Matching-Punkte werden bei parship.de in den Partnervorschlägen sowie im Profil selbst angezeigt. Im Profil werden die Punkte durch drei Charaktereigenschaften visualisiert.

Bei neu.de werden lediglich Angaben zu Übereinstimmungen in den Antworten zum Idealpartner gemacht. Diese sind dann ebenfalls im jeweiligen Profil sichtbar:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Vorschlag eines Idealpartners: Bei neu.de werden die Antworten in bezug auf den Idealpartner abgeglichen und im jeweiligen Profil angezeigt.

Des Weiteren sind auch die Benutzernamen für jede Person sichtbar; hier kann sich jeder einen passenden oder ausgefallenen Nicknamen ausdenken, der hinterher im Profil und in der Suchergebnisliste anderer Benutzer angezeigt wird.

Um sich näher kennen zu lernen, besteht bei neu.de die Möglichkeit, einen weiteren persönlichen Test innerhalb des Profils zu generieren, der dann an andere Mitglieder versendet werden kann. parship.de arbeitet mit einem ähnlichen Prinzip; hier sind es insgesamt 5 festgelegte Fragen, Spaß-Match genannt (siehe Abbildung 4), die beide Partner beantworten können, „und daraus ergibt sich eine bestimmte Form der Übereinstimmung beider Charaktere. Wie ich diese Übereinstimmung interpretiere, bleibt natürlich mir selbst überlassen“ (Kranzlmüller 2007: 196). Die folgende Grafik zeigt das Spaß-Match bei parship.de:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Spaß-Match bei parship.de: Fünf vorgegebene Fragen können an eine beliebige Person geschickt werden.

Was der Einzelne im Profil angibt, bleibt völlig frei; nach Eingabe der Daten behalten es sich viele Seitenbetreiber jedoch vor, die Daten vorab genauer zu prüfen. Eine genauere Identitätsprüfung wurde bis ca. vor einem Jahr nur bei neu.de vorgenommen; diese Möglichkeit existiert jedoch mittlerweile nicht mehr.

4.1.3 Kosten

Auch die erhöhten Kosten der Partnervermittlung parship.de sorgen dafür, dass die Partnersuche hier seriös ablaufen soll. Es ist anzunehmen, dass Männer unter Umständen eher an rein sexuell orientierten Kontakten27 interessiert sind; durch die Gebühr28 (neu.de Pass) speziell für Männer bei neu.de soll dieser Umstand möglichst ausgeschlossen werden. Mittlerweile spricht neu.de sogar eine Qualitätsgarantie für den angebotenen Internetservice aus; sofern ein Benutzer nach Ablauf eines Jahres keinen Partner über neu.de gefunden haben sollte, kann der eingezahlte Mitgliedsbeitrag zurückverlangt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5 Startseite neu.de: die Qualitätsgarantie von neu.de - „Herzklopfen oder Geld zurück“

Es stellt sich jedoch die Frage, ob es aufgrund der technischen Anlagen einer Singlebörse überhaupt möglich ist, einen passenden Partner zu finden. Ohne eine erste Bewertung vorzunehmen, kann dabei folgendes festgehalten werden: Die Selbstdarstellung ist in beiden Partnerbörsen an bestimmte Einschränkungen (z.B. Drop-Down-Felder im Gegensatz zu Freitextfeldern) gebunden. Es gibt nur wenige Möglichkeiten, eine umfassende Selbstdarstellung zu verfassen, um sich von anderen Personen zu unterscheiden. Die meisten Angaben werden durch einen Fragenkatalog abgedeckt, der nur eine Auswahl aus wenigen Kriterien zulässt. Der User „kann nur Informationen eingeben, die vorgesehen sind, und kann nur Daten darstellen, die beim Aufruf des Interface aus der Datenbank ausgelesen werden. Der Programmcode determiniert die Selbstdarstellung“ (Kranzmüller 2007: 197). Ein einheitliches Gesamtbild von einer anderen Person zu bekommen, wird also durch technische Einschränkungen erschwert.

4.1.4 Foto

Zu einer Singlebörse gehört auch, dass der Benutzer ein entsprechendes Foto von sich selbst hochladen kann, um dem Suchenden einen Eindruck von sich selbst zu vermitteln. Das Einstellen eines Fotos ist keinesfalls Pflicht, doch in den meisten Fällen wird vom Betreiber darauf hingewiesen, dass ein Foto die Chancen, einen Partner zu finden, erhöht.

„Veröffentlichen Sie mindestens 3 Fotos von sich, dadurch wird Ihr Profil noch interessanter und Ihre Chancen steigen enorm.“29

So geben sowohl neu.de als auch parship.de an, inwieweit das Profil bereits mit Fotos und Texten bestückt wurde und wie hoch die Chancen dementsprechend für die Partnersuche sind. Das Bereitstellen eines Fotos sowie das Preisgeben vieler Details über sich selbst, so vermitteln es zumindest die Anbieter, macht für potenzielle Bewerber interessanter und man gewinnt innerhalb der Partnerbörse an Aufmerksamkeit. Hier sei angemerkt, dass ein falsches Profilfoto bzw. ein Foto, dass von einer anderen Person stammt, nicht gestattet ist; der Seitenbetreiber behält sich vor, das Profil bzw. das Bild zu löschen, sofern es von anderen Internetseiten kopiert worden ist. Dennoch gibt es Möglichkeiten, hier trotzdem ein nicht authentisches Foto einzusetzen; so kann man z.B. das Foto eines Freundes oder einer Freundin einstellen. Die nachfolgende Grafik zeigt das Profil, wie es sich bei parship.de darstellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6 Profilanzeige bei neu.de und parship.de: Der Status wird jeweils ausführlich angezeigt; Punkte, die noch nicht ausgefüllt wurden, werden mit einem „x“ bei neu.de oder einem Ausrufezeichen bei parship.de angezeigt.

Die beiden Partnerbörsen gehen jedoch von unterschiedlichen Ausgangspunkten aus. Die Partnerbörse neu.de legt den Fokus besonders auf den visuellen Teil des Profils, so können hier bis zu 5 Bilder allein im Profil hochgeladen werden; zusätzlich kann jeder Nutzer ein persönliches Fotoalbum erstellen. Der Benutzer kann sich demnach ein relativ genaues Bild vom Aussehen einer Person machen und vorrangig danach entscheiden, ob eine Person infrage kommt oder nicht. Bei parship.de steht die Persönlichkeit einer Person im Vordergrund, das zeigt nicht nur der überaus ausführliche Persönlichkeitstest, sondern vor allem auch das nicht sichtbare Foto des Benutzers in der Liste der Partnervorschläge. Alle Fotos werden vorab anonymisiert, so dass der visuelle erste Eindruck einer Person ausbleibt bzw. zweitrangig wird. Erst nach dem ersten Kontakt ist es den Benutzern möglich, das Foto freizuschalten, so dass der Gesprächspartner das Foto sehen kann. Die beiden Singlebörsen gehen also in völlig unterschiedlicher Weise an die Kontaktsuche im Internet heran. Gerade bei parship.de sollen dabei in erster Linie Persönlichkeitsmerkmale übereinstimmen, bevor visuelle Merkmale hinzukommen. Identitäten werden dementsprechend unterschiedlich in Szene gesetzt; d.h. der Benutzer wird in beiden Singlebörsen unterschiedlich dargestellt bzw. verkauft. Inwieweit das Vorhandensein eines Fotos einen Einfluss auf die Partnersuche im Internet hat, wird in Teil II. Kapitel 3.1.3 gezeigt.

4.1.5 Funktionen innerhalb einer Singlebörse

Folgende Möglichkeiten stehen dem Benutzer offen, wenn die Registrierung und das Hochladen eines bzw. mehrerer Fotos abgeschlossen sind:

Funktionen bei neu.de:

- Kommunikation per E-Mail und Chat
- Flashen30 (die Möglichkeit, den User ohne persönliche Ansprache auf sich aufmerksam zu machen; das Mitglied wird dann lediglich als Besucher im Profil des Kontaktpartners angezeigt)
- Information darüber, wer das Profil angeschaut hat (über eine einfache Besucher- liste)
- Liste der Mitglieder, die gerade online sind (nur bei neu.de)
- Liste neuer Mitglieder
- Abwesenheitsmanager (nur bei neu.de): Es wird eine Nachricht geschickt, sofern das Mitglied gerade nicht online ist
- Kontaktverwaltung (bei neu.de: Mitglieder können eine gezielte Kontaktanfrage senden; darüber können die Benutzer sehen, ob der Andere gerade online ist)
- Suche anderer Mitglieder über die Datenbank des Seitenbetreibers
- Kontoeinstellungen (z.B. Benachrichtigungen, Kündigung etc.) Funktionen bei parship.de:
- Kommunikation per Email
- Liste der Partnervorschläge (unter Angabe der neuen Mitglieder)
- Liste der Profil-Besucher
- Versendung von Einladungen zum Spaß-Match
- Kontoeinstellungen (wie persönliche Daten, Mitgliedschaft, Benachrichtigungen etc.)
- Einstellung der Suchkriterien, um Partnervorschläge anzeigen zu lassen

Um einen Überblick über die beiden Singlebörsen zu erhalten, soll hier nur auf die wichtigsten Funktionen eingegangen werden: Nach Ausfüllen des Profils bei neu.de wird es möglich, nach über eine ausführliche Suchfunktion nach anderen Benutzern zu schauen. Zusätzlich können andere Mitglieder das eigene Profil einsehen. Alle Felder, die sich auch im Profil wiederfinden, sind hier abgebildet und lassen sich bestimmen. Für wen also z.B. der Musikgeschmack des Anderen übereinstimmen muss, der kann hier die Musikrichtungen eingeben, nach denen gesucht werden soll. Bei parship.de ist die Suchfunktion nicht so sehr ausführlich, da sich die Suche vorrangig nach dem Ergebnis des Persönlichkeitstestes richtet. Hier kann lediglich angegeben werden, welches Alter der Partner haben sollte, welche Größe er oder sie haben darf, ob Raucher oder Nichtraucher und ob Kinder im Haushalt vorhanden sein dürfen. Eine zusätzliche Länder- und Regionenauswahl schränkt die Suche nach Partnern aus einer bestimmten Umgebung ein.

Bei Gefallen eines Profils stehen bei neu.de gleich mehrere Möglichkeiten zur Verfügung: man kann den Benutzer flashen (d.h. auf sich aufmerksam machen, ohne dabei eine persönliche Mitteilung verfassen zu müssen), eine E-Mail senden oder einen Chat einleiten. Beim Flash und beim Chat erhält der angewählte Benutzer jeweils eine Mitteilung, dass jemand ihn/sie geflasht hat oder mit ihm/ihr chatten möchte. Es ist dann immer noch möglich, den Chat abzulehnen bzw. nicht auf einen Flash oder eine E- Mail zu reagieren. Bei parship.de erfolgt die Kommunikation rein über das E-Mail- System des Anbieters; ein Benutzer kann aufgrund der Matching-Punkte, der Besucherliste oder aufgrund des Persönlichkeitstestes eine Nachricht verfassen und dem Mitglied zukommen lassen. Auch hier ist es möglich, nicht auf eine E-Mail zu reagieren.

4.2 Zielgruppen

Um die Kommunikation und Selbstbilder innerhalb von Singlebörsen besser verstehen zu können, ist es notwendig, die Zielgruppen verschiedener Singlebörsen genauer zu betrachten. Natürlich werden mit einer Singlebörse in allererster Linie Partnersuchende angesprochen. Portale dieser Art wenden sich vorrangig an Nutzer, die sich z.B. aus Zeitmangel und Bequemlichkeitsgründen für die Partnersuche im Internet entscheiden könnten. Der vermehrte Umgang mit dem Computer im Alltag und gerade auch im Arbeitsumfeld legt es nahe, auch die Partnersuche auf das virtuelle Medium zu verlagern, um die Chancen und Möglichkeiten in bezug auf die Partnersuche auszuweiten.

Im Sinne Gerold Ungeheuers kann man in diesem Zusammenhang erst einmal von einer Individualhandlung sprechen, die hier ausgeführt wird, denn ein einzelnes Individuum entscheidet sich, zu handeln, in diesem Fall, sich auf Partnersuche zu begeben. Die Individualhandlung ist hier damit verknüpft, eine nachfolgende Sozialhandlung auszuführen, d.h. mit einem anderen Individuum in Kontakt zu treten, also mit ihm oder ihr gemeinsam zu handeln.

„Sprechende und hörende Individuen handeln; und da sie in kommunikativer Intention aufeinander eingestellt sind, fasse ich ihre Interaktionen unter den Begriff ‚Gemeinschaftshandlung’ (auch: ‚soziale Handlung’ oder ‚Sozialhandlung’)“ (Ungeheuer 1987b: 37).

Ungeheuer versteht also unter einer Sozialhandlung (oder Gemeinschaftshandlung), dass beide Individuen sich im Gespräch aufeinander einstellen und dadurch handeln; durch die gegenseitige Aufmerksamkeit füreinander soll das Verstehen gewährleistet werden.

„Die verstehende Erfahrung, auf welche die Kommunikation abzielt, ist innere Handlung des Hörers; die Intention des Sprechers auf das Hörerverstehen ist ebenso innere Erfahrung des Sprechers“ (Ungeheuer 1987f: 316).

Die Kommunikation zwischen den beiden Individuen ist also immer eine Sozialhandlung.

Man kann nach Ungeheuer von einer mit Absicht herbeigeführten Situation sprechen, d.h. von einer quäsitiven Erfahrung, die hier gemacht werden soll (vgl. Ungeheuer, 1987f: 313-314). Dabei zielt der Benutzer der Singlebörse darauf ab, bei erstmaligem Gebrauch eine neue, selbst gewählte Erfahrung zu machen. Nach Alfred Schütz liegt hier ein Handlungsentwurf zugrunde, der durch den Beitritt in einer Singlebörse ausgeführt wird.

„Der jeweilige Handlungsplan gliedert sich in einzelne Teilhandlungen, mit denen ein bestimmtes Ziel, das Handlungsziel realisiert werden soll“ (Krallmann/Ziemann 2001: 184).

Das Handlungsziel ist demnach der Beziehungspartner.

Die Gruppe der Partnersuchenden wird bei den untersuchten Singlebörsen grob in zwei Schichten unterteilt: Singlebörsen wie neu.de legen Ihren Fokus auf eine breite Usermasse (hier zahlen nur die Männer einen Kostenbeitrag zwischen 15 und 25 Euro pro Monate nach Zahlungsturnus), während parship.de sich auf die einkommensstärkere Bevölkerungsschicht konzentriert (alle Mitglieder zahlen je nach Zahlungsturnus einen Beitrag zwischen 30 und 40 Euro pro Monat je nach Zahlungsturnus).

Das wohlhabendere und vor allem ältere Publikum bringt entsprechend andere Vorstellungen von einer Partnerschaft mit (so wird es zumindest vom Seitenbetreiber impliziert).

„Seien Sie ehrlich, Sie suchen nicht irgendeinen Partner. Schließlich sind Sie kein Teenager mehr. Sie haben Ansprüche an Ihre Partnerschaft und suchen jemanden, mit dem sich diese erfüllen.“31.

So geht die Partnervermittlung davon aus, dass die Mitglieder nach einem Partner suchen, der ihren Ansprüchen und schließlich auch ihrem Bildungsniveau entspricht, d.h. bereits im Berufsleben involviert ist und einen gewissen Grad an Wohlstand mitbringt. Der Fokus liegt hier auf Menschen, die an einer langfristigen Beziehung interessiert sind und nicht mehr zu jung sind. Es wird davon ausgegangen, dass der Mensch ab 30 Jahren im Bekanntenkreis keinen potenziellen Partner mehr findet, so dass die zu bezahlende Variante der Partnersuche im Internet eine durchaus sinnvolle Alternative darstellt. Wie der Einführungstext bei parship.de zeigt, wird für die besondere Qualität der Partnersuchenden geworben, die eine „lange, harmonische Partnerschaft“32 suchen; damit ziehen diese Partnervermittlungen eine klare Grenze zwischen eher auf Masse angelegte Singlebörsen wie z.B. friendscout24.de oder neu.de33.

Die Kostenerhebung sowohl bei parship.de als auch bei neu.de zielt zusätzlich darauf ab, die vorrangige Ernsthaftigkeit in der Partnersuche sicherzustellen. Frauen bekommen in rein kostenlosen Singlebörsen des Öfteren eindeutige sexuelle Anfragen, die wahrscheinlich mit der Kostenerhebung minimiert werden sollen. Inwieweit die Kostenerhebung dazu führt, Vertrauen bei den Mitgliedern herzustellen, wird in Teil B, Kapitel 4.2.1 dargestellt. Bei neu.de geht man vermutlich davon aus, dass besonders Männer nicht immer an seriösen Partnerschaften interessiert sind, sondern oftmals nur eine Affäre oder einen kurzen Flirt suchen. Ob die Bezahlung der Singlebörse letztendlich dazu ausreicht, Männer von sexuell ausgerichteten Bekanntschaften abzuhalten, sei dahingestellt. Sicherlich soll der bezahlte Service aber dazu anregen, Ernsthaftigkeit vorrangig bei Männern in bezug auf die Partnersuche zu erzeugen. Letzten Endes zielt neu.de eher auf ein breiteres, disperses Publikum34 ab, denn die Mitgliedschaft ist für Männer im Gegensatz zu parship.de vergleichsweise günstig. Entsprechende Werbeanzeigen sowie die Startseite des Anbieters neu.de zeigen, dass hier vor allem die große Auswahl an potenziellen Partnern in den Vordergrund gestellt wird.

„Mittlerweile ist die meetic Gruppe [Betreiber der Singlebörse neu.de] in mehr als zwanzig Ländern vertreten, u.a. auch in Brasilien und China und hat über 28 Millionen registrierte Mitglieder allein in Europa“35.

Die Entscheidung des Benutzers für ein bestimmtes Medium bzw. einen entsprechenden Dienst „ist auch [immer] die Entscheidung für eine bestimmte Zielgruppe, die mit der Anzeige angesprochen werden soll“ (Riemann 1999: 51). Mit der Auswahl einer bestimmten Singlebörse wird von vornherein ein bestimmtes Klientel ausgeschlossen, während sich für ein anderes entschieden wird.

„Die Wahl des Mediums kann also bereits ein Hinweis auf die Herkunft und die Einstellung des Kontaktsuchenden und auf seine Partnervorstellung sein“ (Riemann 1999: 52).

So ist es möglich, die Person anhand der Mitgliedschaft in einer bestimmten Singlebörse einzuordnen und so Rückschlüsse auf die Einstellung und die Motivation zu ziehen.

5. Räumliche und zeitliche Prämissen

5.1 „Kommunikation über den Computer“

Nach Anmeldung in der Singlebörse läuft die Kommunikation über das Medium Computer. So lassen sich häufig große Distanzen über Kontinente hinweg mit Hilfe dieses Mediums überbrücken. Die Kommunikation läuft in einem imaginären Raum ab, dem sogenannten Cyberspace.

„Cyberspace erscheint hier als von Maschinen generierter neuer Aktionsraum, der sich dadurch auszeichnet, dass er Illusionen evoziert, sich in einer neuen Welt bewegen zu können“ (Höflich 2004: 144).

Beide Kommunikationspartner treffen sich sozusagen in einem dritten Raum, der durch das Programm Singlebörse erschaffen wird. Sofern sich die Beteiligten vorher noch nie im realen Leben getroffen haben, haben sie lediglich eine vage Vorstellung von sich durch ein oder mehrere Fotos und eine Selbstbeschreibung durch das Profil, die ein bestimmtes Bild der jeweiligen Person vermitteln sollen.

Eine Überlegung, inwieweit diese räumliche Trennung einen Sinn hat bzw. einen gravierenden Einfluss auf die Kommunikationssituation haben kann, stellt Höflich an:

„Reale Mauern (räumliche Distanzen) zwischen den Menschen sind schließlich auch soziale Mauern, d.h. Menschen, die geographisch getrennt sind, und sei es, dass sie nur in einem anderen Zimmer arbeiten oder einer anderen Wohnung leben, sind nicht selten auch sozial voneinander getrennt“ (Höflich 2003: 42).

Es stellt sich demnach die Frage, ob Menschen aus verschiedenen Gegenden und Kontinenten überhaupt dazu bestimmt sind, sich in diesen virtuell erschaffenen Räumen zu treffen. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit wären sich diese Menschen im realen Leben nicht über den Weg gelaufen. Höflich benennt damit eine Unnatürlichkeit der Kommunikation über den Computer, die sich erst mit dem Aufkommen des Internets herausgebildet hat.

Letztendlich erfordert der neu erschaffene Raum explizite Verhaltensweisen; d.h. man muss sich den Begebenheiten der Örtlichkeit anpassen. Ein Face-to-Face Treffen im Zuge eines Blind-Dates in einem gehobenen Restaurant würde also bedingen, dass sich beide Partner von ihrer besten Seite zeigen wollen; ihre Kleidung und ihre Umgangsformen dem Anlass und dem Raum entsprechend auswählen. Diese Prämissen sind bei einem Treffen im Chat nicht enthalten; da man sich nicht sehen kann, braucht keine besondere Kleidung ausgewählt zu werden. Lediglich die Schriftsprache muss der Umgebung des Chatrooms angepasst werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von der bereits erwähnten Entkontextualisierung (siehe auch Teil A, Kapitel 3.1) der Kommunikation (vgl. Höflich 2003: 42).

„Kommunikation wird dabei von den Zwängen der realen Orte befreit, zugleich aber auch der gewohnten Orientierungsmöglichkeiten beraubt“ (Höflich 2003: 43).

Die Kommunikation wird aus dem Situationskontext herausgerissen, so dass keine Informationen über den sozialen Status, die räumliche Umgebung oder ähnliches vorliegen. Entkontextualisierung bedeutet jedoch nicht, dass die CvK völlig kontextfrei ist, der Begriff soll lediglich verdeutlichen, dass räumliche Orientierungshilfen und situative Kontexte in der Kommunikation über den Computer wegfallen. Die Kommunikationspartner stehen also in der CvK nicht in direktem Wahrnehmungskontakt, nach Gerold Ungeheuer würden sie im strengen Sinn damit auch nicht zur Kommunikationshandlung gehören (vgl. Ungeheuer 1987e: 133).

Die Entkontextualisierung kann jedoch dazu führen, dass die geknüpften Kontakte eher einen unverbindlichen Charakter erlangen. Die Kommunikationspartner sind sich der Anwesenheit einer zweiten Person zwar bewusst, aber diese Anwesenheit vollzieht sich ausschließlich auf einer rein textlichen Ebene. Damit fällt der visuelle teilweise sowie der nonverbale Kanal komplett weg; auch der auditive und der taktile Kanal werden nicht angesprochen. Sichtbar sind lediglich eines oder mehrere Fotos der Person; das Gespräch ist darüber hinaus sichtbar (anhand der Textzeilen auf dem Bildschirm), aber die Face-to-Face Situation ist nicht gegeben. In der Social Presence Theory werden Interaktionen immer dann unpersönlicher, je weniger Kanäle in einem Kom- munikationsakt einbezogen sind (vgl. Köhler 2003: 26). Der Begriff social presence bedeutet hier „das Gefühl, dass andere gemeinsam in die kommunikative Interaktion involviert sind“ (Köhler 2003: 27). Je weniger Feedback der anderen Person übertragen werden kann, „desto geringer wird die soziale Präsenz bei einer solchen Interaktion sein“ (Köhler 2003: 26). Da sich die beiden Kommunikationspartner nicht in einem gemeinsamen Wahrnehmungsraum befinden, sich also in einem virtuell konstruierten Umfeld aufhalten, können wichtige nonverbale Zeichen nicht vermittelt werden (z.B. Kopfnicken oder -schütteln, Berührungen, Achselzucken etc.). Im Sinne der genannten Theorie können so Beziehungen über CvK nicht ernst genommen werden bzw. werden von den Kommunikationspartnern als unverbindlicher eingestuft als Kontakte aus dem realen Leben. Das Thomas-Theorem, 1928 von William I. Thomas definiert, bestätigt diese Annahme:

„That situations which men define as real, are real in their consequences“ (Thomas 1928: 572).

Wenn die Kommunikationspartner also die Situation innerhalb der Singlebörse als wenig verbindlich einstufen, so hat das reale Konsequenzen: die Interpretation bestimmt in diesem Moment das Handeln des Einzelnen, d.h. auch die Kommunikation wird dadurch oberflächlicher und es kommt unter Umständen zum Kontaktabbruch. Die Kommunikation über den Computer in einem virtuellen Raum bringt verschiedene Schwierigkeiten mit sich: Der vom Anbieter gestellte Chat oder das E-Mail-System kann unter Umständen sehr störanfällig sein, denn das Medium Computer ist zwischengeschaltet. Es kann unter Umständen vorkommen, dass das Chatgespräch zweier Kommunikationspartner unterbrochen wird; aufgrund des fehlenden Wahrnehmungskontakts können die Beteiligten sich nun nicht gegenseitig auf die Störung aufmerksam machen bzw. sich für ihr Nicht-Antworten auf gestellte Fragen, die nicht übermittelt wurden, entschuldigen. Dem informationstheoretischen Ansatz zufolge ist der Computer das Störsignal, das zum Nicht-Verstehen des Kommunikationspartners führen kann.

„Im allgemeinen Falle wird nun der Kanal die Signale nicht ungestört übertragen; der Empfänger wird vielmehr in Abhängigkeit vom Störgrad des Kanals andere Signale empfangen als vom Sender in den Kanal eingegeben worden ist“ (Ungeheuer 1972b: 33).

Im ungünstigsten Fall erhält der Empfänger gar keine Signale, d.h. Nachrichten mehr. Ist der Computer bzw. das Computerprogramm nicht mehr vorhanden, kommt es zum Kommunikationsabbruch zwischen den beiden Kommunikationspartnern.

Durch das Computerprogramm Singlebörse wird es also möglich, dass zwei Menschen - auch wenn sie weit voneinander entfernt sind - miteinander kommunizieren können. Es wird eine neue Wirklichkeit durch den Computer erzeugt, denn es wird sozusagen eine zweite Welt, ein neuer Raum innerhalb der eigentlichen Realität der beiden Einzelpersonen erschaffen.

„Es geht also nicht mehr um die Darstellung von Wirklichkeit, sondern um die Erzeugung von Wirklichkeiten“ (Winter/Eckert 1990: 113).

Mit einem neuen Kommunikationsraum wird gleichzeitig auch eine neue Wirklichkeit, eine andere Art des Kommunizierens, erschaffen.

[...]


1 http://www.holtzbrinck-ventures.com/index.php?liebejz_de. 09.11.2008.

2 vgl. http://www.nielsen-online.com/pr/pr_050825_gr.pdf. 09.11.2008.

3 http://www.uni-duisburg-essen.de/kowi/Fachver.shtml. 07.11.2008.

4 ebd.

5 Prinz, Karl: Aufbruch zu neuen Ufern. Was hinter Web 2.0 wirklich steckt. http://www.screamdesign.de/content/download/chip/Web2-0.pdf. 19.11.2008.

6 vgl. http://www.oreillynet.com/pub/a/oreilly/tim/news/2005/09/30/what-is-web-20.html?page=1. 06.11.2008.

7 vgl. http://www.oreillynet.com/pub/a/oreilly/tim/news/2005/09/30/what-is-web-20.html?page=1. 07.11.2008.

8 http://www.oreillynet.com/pub/a/oreilly/tim/news/2005/09/30/what-is-web-20.html?page=1. 07.11.2008.

9 Wikis rufen jeden Nutzer dazu auf, ihr Wissen mit anderen zu Teilen und zu bestimmten Begriffen Artikel zu schreiben.

10 Fisch, Martin/Gscheidle, Christoph: Mitmach-Netz Web 2.0: Rege Beteiligung nur in Communities. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Online08/Fisch_II.pdf. 06.11.2008.

11 vgl. Döbler, Thomas: Marktchancen durch Social Software. http://www.fazit-forschung.de/fileadmin/_fazit-forschung/downloads/Marktstudie_SocSoft.pdf. 06.11.2008.

12 Funktionen wie das Kommentieren von Inhalten (z.B. in Weblogs), das Bewerten von Bildern,

Pinnwandeinträge (studivz.net) oder das Erstellen beliebig vieler Gruppen und Fotoalben (studivz.net und facebook.com) werden hier nicht zugelassen, so dass man nur von einem eingeschränkten Angebot sprechen kann.

13 Im studivz.net findet man so auch Partyfotos oder ähnliches, die unter Umständen ein eher schlechtes Licht auf die jeweilige Person werfen. In einer Singlebörse findet man solche Darstellungen seltener; hier werden die positiven Aspekte des Selbst in den Vordergrund gestellt, um bei anderen Mitgliedern anzukommen.

14 http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/Projekte/SLex/SeitenDVD/Konzepte/L53/L5385.htm. 07.11.2008.

15 http://www.voteme.de, 07.11.2008.

16 in der gängigen Literatur findet man sowohl die Schreibweise „CVK“ als auch „CvK“; im folgenden wird hier die Schreibweise „CvK“ benutzt.

17 vgl. http://www.chatschaf.net:5002/chatschaf/help/chatcommands.html?Session=&Popup=yes. 09.12.2008.

18 „Das Kunstwort ‚Emoticon’ setzt sich aus dem engl. ‚emotion’ und ‚icon’ zusammen. Unter einem Ikon (griech. Eikon = Bild) werden Zeichen verstanden, die eine Ähnlichkeit zum Bezeichneten aufweisen, wie dies z.B. bei Bilderschriften der Fall ist“ (Misoch 2006: 169).

19 Es ist jedoch möglich, z.B. Großbuchstaben zu verwenden, um einer Zeile Nachdruck zu verleihen bzw. Schreiben auszudrücken. Siehe dazu auch Teil B, Kapitel 2.3.

20 Die Flüsterfunktion ist in öffentlichen Chats dazu da, Beiträge direkt an eine Person zu richten ohne dass andere Mitglieder diese Nachricht lesen können.Vgl. http://www.chatschaf.net:5002/chatschaf/help/chatcommands.html?Session=&Popup=yes. 09.12.2008.

21 Persönliche Beobachtung.

22 http://www.parship.de/start. 05.11.2008.

23 vgl. http://www.parship.de/docs/public/matching/. 05.11.2008.

24 Die Benutzernamen sind für jedes Mitglied sichtbar; hier kann sich jeder einen passenden oder ausgefallenen Nicknamen ausdenken, der hinterher im Profil und in der Suchergebnisliste anderer Benutzer angezeigt wird.

25 Angabe im Profil bei neu.de nach Login.

26 http://www.parship.de/docs/public/matching/basis.xhtml. 20.11.2008.

27 Persönliche Beobachtung: Männer schreiben Frauen teilweise an, um ein rein sexuelles Abenteuer zu erleben.

28 Kosten bei neu.de: 1 Monat: 29,95 Euro; 3 Monate: 59,85 Euro; 6 Monate: 89,70 Euro (vgl. http://www.singleboersen-vergleich.de/analysen/neu.htm. 21.11.2008.)

29 http://neu.de/meetic.php?url=/home/index.php. 09.12.2008.

30 Ein Mitglied kann ein zweites Mitglied flashen, d.h. sich mit einem Klick auf den Flashen-Button auf die Besucherliste setzen lassen. Damit hat das geflashte Mitglied die Möglichkeit, sich bei der jeweiligen Person zu melden.

31 https://www.parship.de/docs/public/matching/. 05.11.2008.

32 https://www.parship.de/docs/public/matching/. 05.11.2008.

33 parship.de wirbt insbesondere damit, dass die Kompatibilität der Partner innerhalb des Dienstes ermittelt wird. Besonders unterstrichen wird dabei die wissenschaftliche Analyse, die zu einem Persönlichkeitsprofil führt. Das System ermittelt dann im anschließenden Prozess eine „stimmige Balance aus Gemeinsamkeiten und Gegensätzen“ (parship.de Startseite, www.parship.de), und garantiert so einen optimal passenden Partner.

34 Der Begriff benennt eine Gruppe von Personen, die sich „einem gemeinsamen Gegenstand - nämlich: den Aussagen der Massenmedien - zuwenden. [...] sie [disperse Publika] umfassen Menschen, die aus verschiedenen sozialen Schichten stammen, deren Interessen, Einstellungen, deren Lebens- und Erlebensweise oft sehr weit voneinander abweichen“ (Burkhart 2002: 169). Die Singlebörse neu.de richtet sich demnach an ein disperses Publikum.

35 http://neu.de/. 06.11.2008.

Ende der Leseprobe aus 139 Seiten

Details

Titel
Besonderheiten der Partnersuche in webbasierten Singlebörsen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
139
Katalognummer
V442095
ISBN (eBook)
9783668807495
ISBN (Buch)
9783668807501
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Singlebörse, Kommunikation, Gesprächsanalyse, empirische Studie, Partnerbörse
Arbeit zitieren
Daniela Konitzki (Autor), 2008, Besonderheiten der Partnersuche in webbasierten Singlebörsen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442095

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