Hitler - Unmensch oder Charismatischer Führer? Die Repräsentation in der "Arbeiter Zeitung" und im "Basler Volksblatt" zur Nazizeit


Seminararbeit, 2003

51 Seiten, Note: gut


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung
DIE HISTORISCHEN FAKTEN

2 Adolf Hitler – Deutscher Politiker und Diktator zur Nazizeit
2.1 Politischer Werdegang
2.2 Hitler als Privatperson

3 Die Schweizer Presse vor und während dem Zweiten Weltkrieg
3.1 Die Schweizer Presse bis
3.2 Der Krieg und die Presse

DER UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND

4 Die beiden Regionalzeitungen „Arbeiter Zeitung“ und „Basler Volksblatt“
4.1 Geschichte der „Arbeiter Zeitung“
4.2 Geschichte des „Basler Volksblattes“
4.3 Die „Arbeiter Zeitung“ und das „Basler Volksblatt“ in der Nazizeit

DIE THEORETISCHE BASIS

5 Die Nachrichtenwerttheorie
6 Die Methode – Die Inhaltsanalyse

DIE EMPIRISCHE ERHEBUNG

7 Fragestellung, Hypothesen und das Kategoriensystem
7.1 Fragestellung
7.2 Hypothesen
7.3 Artikelauswahl und Analyseeinheit
7.4 Kategoriensystem
7.5 Reliabilitätstest

8 Die Resultate der empirischen Erhebung
8.1 Allgemeine Feststellungen betreffend Kategoriensystem
8.2 Quantitative und Qualitative Auswertung und Überprüfung der Hypothesen
8.2.1 Formale Variablen
8.2.2 Inhaltliche Variablen

9 Schlussfolgerungen

10 Bibliographie

10 Anhang

Anhang 1: Das „Basler Volksblatt“ im Jahre 1933 und 1945 – Eine Gegenüberstellung

Anhang 2: Erster Konzeptentwurf

Anhang 3: Codebuch mit Hypothesenkatalog und Kategoriensystem

Anhang 4: Titel der analysierten Meldungen (Variable 3)

Anhang 5: „Arbeiter Zeitung“ - Auswertung aller Jahrgänge zusammen

Anhang 6: „Basler Volksblatt“ – Auswertung aller Jahrgänge zusammen

1 EINLEITUNG

Wie gelang es vor gut 70 Jahren Adolf Hitler, in Deutschland die Macht an sich zu reissen und das Deutsche Volk 1939 in den Zweiten Weltkrieg zu führen? Wieso hatte Hitler auf viele seiner Zeitgenossen eine solche unbeschreibliche charismatische Wirkung trotz seiner grausamen Verordnungen und unscheinbarer Erscheinung? Solche Fragen und das „Phänomen“[1] Nazideutschland mit seinem Führer Adolf Hitler beschäftigen uns noch heute.

Als im Januar 1933 Adolf Hitler von Reichspräsident von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde, rechnete noch niemand mit dem rasanten Erfolg Hitlers, der NSDAP und dessen weitreichenden Konsequenzen. Durch Vorfälle wie der Reichstagsbrand, mit „Sicherheitsinstitutionen“ wie die SS- und SA-Einheiten und einen hervorragend funktionierenden Propagandaapparat konnte sich Hitler inner kurzer Zeit zum alleinigen Herrscher Deutschlands emporschwingen. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kann Hitler schon lange nicht mehr als Reichspräsident bezeichnet werden; vielmehr avancierte er zum Diktator Deutschlands, der Widerspruch und Rebellion gegen seine Politik und Weltanschauung sofort im Keim zu ersticken versuchte – was ihm auch oft, aber nicht immer gelang.

Wie waren nun aber die Schweizer und vor allem die Schweizer Medien zu Hitler als Person eingestellt? Konnten Sie sich seiner Macht und seinem Charisma auch nicht entziehen oder bezogen sie kritisch Stellung zu den Ereignissen in Deutschland? Um der Antwort auf diese Frage auf die Spur zu kommen, befasst sich die vorliegende Arbeit mit der Thematik der Berichterstattung der Schweizer Regionalzeitungen zur Nazizeit; im speziellen mit der Repräsentation Hitlers als Person in den beiden Regionalzeitungen „Basler Volksblatt“ und „Arbeiter Zeitung“ zur Zeit, als Hitler in Deutschland als Reichskanzler und -präsident fungierte. Die zentralen Fragestellungen sind dabei, wie Hitler als Person dargestellt, welche Rolle ihm von den beiden Zeitungen zugeschrieben und welche Stellung - und ob überhaupt Stellung- zu Hitler bezogen wird. Bei der Auswahl der beiden Zeitungen wurde berücksichtigt, zwei auf dem politischen Spektrum an unterschiedlichen Positionen stehende Zeitungen auszuwählen, damit die Untersuchung auch den Einfluss der politischen Gesinnung miteinbeziehen kann. Interessant wäre natürlich auch ein Vergleich zu nationalen Zeitungen wie die NZZ gewesen, was im Rahmen dieser Arbeit aber nicht möglich war. Die „Arbeiter Zeitung“ und das „Basler Volksblatt“ werden mit einer Inhaltsanalyse zum Thema „Hitler als Person“ untersucht. Die Ergebnisse sollen bestenfalls eine Antwort auf die Frage liefern, wie Hitler in den beiden ausgewählten Regionalzeitungen repräsentiert wird und ob das Privatleben Hitlers die Zeitungen interessierte.

Ein Probleme, welches sich bei der Bearbeitung meines Projekts bemerkbar machte, ist die unbestrittene Tatsache, dass zur Nazizeit in der Schweiz strenge Pressezensur vorherrschte und dass viele in den Schweizer Medien veröffentlichte Meldungen vom Deutschen Nachrichtenbüro, welches direkt dem Naziregime und somit auch einer strikten Zensur unterstellt war, stammten. Somit ist die Unterscheidung, von welcher Agentur der Artikel stammt und ob der Artikel eine Agenturmeldung oder eine Eigen-/Redaktionsleistung der Zeitung ist, von Bedeutung. Dem zweiten Aspekt versuchte ich in meiner Inhaltsanalyse Rechnung zu tragen; jedoch konnten im Rahmen dieser Seminararbeit die damals vorherrschende Pressezensur nicht ausgeblendet und die wirkliche Einstellung der bei den ausgewählten Zeitungen tätigen Journalisten nicht eruiert werden.

Ein weiteres Problem, nämlich, dass das Privatleben von Politiker in den damaligen Zeitungen keinen hohen Nachrichtenwert innehielt, tauchte erst bei der Codierung der ausgewählten Meldungen auf. Da sich meine Arbeit aber mit Hitler als Person beschäftigen sollte, war dieses Faktum anfänglich ein wenig enttäuschend, muss aber als Resultat gewertet werden.

Der Aufbau meiner Arbeit lässt sich in vier Hauptteile gliedern. Der erste Teil beinhaltet eine kurze Darstellung Hitlers in der Rolle des Politikers und des Privatmenschens und einen kurzen Abriss der Schweizer Presse vor und während dem Zweiten Weltkrieg. Der zweite Teil befasst sich mit dem Untersuchungsgegenstand, indem er die Geschichte der beiden untersuchten Zeitungen behandelt und deren Ausgaben zur Nazizeit inhaltlich und formal genauer charakterisiert. Danach werden im dritten Teil der theoretischen Basis die Nachrichtenwerttheorie und die Methode der Inhaltsanalyse vorgestellt, damit im vierten Teil der empirischen Erhebung auf diese beiden Grundlagen des Projekts zurückgegriffen werden kann. In diesem vierten Teil wird zunächst das Projekt in seinen Einzelheiten vorgestellt und danach anhand der Resultate und Auswertungen versucht, Antworten auf die Fragestellung zu geben, die Hypothesen zu falsifizieren oder verifizieren und die Erkenntnisse und Resultate zu guter Letzt in den historischen Kontext einzubetten.

DIE HISTORISCHEN FAKTEN

2 ADOLF HITLER – POLITIKER UND DIKTATOR ZUR NAZIZEIT

Da sich die vorliegende Arbeit mit der Darstellung Hitlers als Person in den beiden Zeitungen „Basler Volksblatt“ und „Arbeiter Zeitung“ befasst, werden hier ein kurzer Abriss Hitlers politischer Laufbahn und einige Informationen über seine Persönlichkeit abgedruckt.

2.1 POLITISCHER WERDEGANG

Adolf Hiltler begann seine poltische Laufbahn im Jahre 1919, als er zum ersten Mal an einer Versammlung der Deutschen Abeiterpartei (DAP) in München teilnahm und wenig später der Partei beitrat. 1921 wurde er Vorsteher der nun umbenannten Deutschen Arbeiterpartei, der NSDAP. Zwei Jahre später initiierte Hitler den Marsch durch München, auch Hitler Putsch genannt, weswegen Hitler 1924 wegen Hochverrat für fünf Jahre verurteilt wurde. Jedoch wurde er noch im selben Jahr entlassen. Kurz darauf erschienen die beiden Bände Mein Kampf, in denen er sein politisches Programm offenbarte. Hitler hielt im Jahre 1927 seine erste öffentliche Rede in München, und bereits damals waren die erste Anzeichen seiner Rednerqualitäten ersichtlich. In den Reichstagswahlen vom 14. September 1930 verbuchte Hitler und seine Partei einen grossen Wahlerfolg: Die NSDAP wurde mit 18,3 Prozent der Stimmen zur zweitgrössten Partei im Deutschen Reichstag ernannt (im Jahre 1932 dann schliesslich zur grössten Partei). Im September 1930 schwörte Hitler vor dem Reichsgerichtshof, dass die NSDAP nicht versuchen werde, auf illegale Weise Macht anzustreben. Am 30. Januar 1933 erlangte Hitler das Amt des Deutschen Reichskanzler und konnte sich ein Jahr später schliesslich auch noch das Amt des Reichspräsidenten einverleiben. Nun konnte Hitler als uneingeschränktes Staatsoberhaupt mit einer starken SS und SA im Rücken fungieren. In den 1936 stattfindenden Reichstagswahlen stimmten 99 Prozent der Wählerschaft für Hitler, was somit den Höhepunkt seiner politischen Karriere markierte. Hitler genoss zu diesem Zeitpunkt sowohl aussen- als auch innenpolitische Anerkennung und verzeichnete einige wichtige politische Erfolge. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im September 1939 war Hitler Zielscheibe mehrere Attentate, setzte aber trotzdem seine politische Linie strikt fort. Im Februar 1945 hielt er seine letzte Rede an das Deutsche Volk und schrieb angesichts einer Niederlage am 29. April 1945 sein Testament, in welchem er unter anderem Admiral Dönitz als seinen Nachfolger ernannte und das Deutsche Volk aufforderte, den gnadenlosen Kampf gegen das Judentum fortzusetzten. Als er am 30. April 1945 im von den Alliierten besetzten Berlin definitiv einsehen musste, dass er mit seiner Politik gescheitert war und den Krieg verloren hatte, begann er im Bunker der Reichskanzlei Suizid.

2.2 HITLER ALS PRIVATPERSON

Am 20. April 1889 wurde Adolf Hitler in Braunau am Inn als Sohn eines österreichischen Zollbeamten, Alois Hitler, und seiner Frau Clara geboren. Er durchlebte eine unglückliche Kindheit und Jugend geprägt von Schicksalsschlägen (Von seinen fünf Geschwistern verstarben vier im Kindesalter. Sein Vater starb, als Adolf 14 Jahre alt war; vier Jahre später starb dann auch noch seine Mutter.) Ab 18 lebte er mehrere Jahre in Wien und München und arbeitete als Bauhilfsarbeiter und Zeichner. Hitler war ein unscheinbarer junger Mann; alles deutete auf ein Leben in Unbedeutsamkeit und Mittelmässigkeit hin. Sein Leben als „Nobody“ änderte sich jedoch, als er im August 1914 der Armee beitrat und nach seiner Teilnahme im Ersten Weltkrieg 1918 für seine vorbildhaften Taten ausgezeichnet wurde. Der Erste Weltkrieg kann als eine entscheidende Zeitperiode in Hitlers Leben bezeichnet werden, da Hitler danach mehr Selbstsicherheit entwickelte und persönliche Fähigkeiten entdeckte, die er zuvor nie erkannt hatte. Zum Beispiel genoss er sein Ansehen in der NSDAP, wo er als begnadigter Reder bewundert wurde. Auch wenn Hitler schliesslich als Führer Deutschlands grosse persönliche Erfolge verbuchen konnte, blieb er im Privaten ein unsicherer und psychisch angeschlagener Mensch, was sich auf seine Gesundheit auswirkte: Er litt an chronischen Schlafstörungen, Magenbeschwerden und tendierte zur Hypochondrie. Hitler wurde auch von sogenannter Zeitangst (nach Fritz Redlich, 1999) geplagt und war folglich konstant von der Angst gequält, er würde nicht lange genug leben, um seine Mission zu erfüllen[2]. Hitlers Unsicherheit zeigte sich auch in seinem Umgang mit Frauen. Er lebte nach dem KKK-Prinzip (Kinder, Küche und Kirche) seines Vaters (Redlich, 1999: 260), welches Frauen eine klar untergeordnete Rolle zuteilte. In Hitlers Augen sollten Frauen somit den Männern dienen, reinrassige Deutsche Kinder gebären und ein ansehnliches Äusseres besitzen. Trotzdem hatte er mit Eva Braun, seiner Langzeitgeliebten und schlussendlich seiner Ehefrau, keine Kinder. Dies liesse sich mit einer Aussage der Zeitzeugin Traudl Junge[3] in der Reportage „Im Toten Winkel“ erklären. Sie erzählte, Hitler sei vom Geniegedanken und Grössenwahn besessen gewesen und er habe die Tatsache, dass er keine Kinder haben wollte, mit der Aussage begründet, dass die Nachkommen von einem Genie immer Crétins werden würden.

3 DIE SCHWEIZER PRESSE VOR UND WÄHREND DEM ZWEITEN WELTKRIEG

3.1 DIE SCHWEIZER PRESSE BIS 1930

Die Schweiz besitzt eine dezentralisierte, verschiedenartige und hauptsächlich lokale und regionale Presse. Seit einigen Jahrzehnten findet eine Entwicklung zur grösseren globalen Auflage und sinkender Anzahl verschiedener Titel statt (Bollinger, 1986:5).

Anfangs waren die meisten Zeitungen Organe verschiedener Parteien. Einige haben sich davon lösen können und sind heute an keine Partei mehr gebunden (Das erste parteilose Informationsblatt erschien 1879 in Genf unter dem Titel La Tribune de Genève (Bollinger, 1995:117)). Bis in die 60er Jahre änderte sich die Pressestruktur mit wenigen Ausnahmen nicht mehr. Es blieb bei wenigen allgemeinen Informationszeitungen, da die Schweizer Presse stark segmentiert war. Die CH-Presse erfüllte insgesamt eine staatstragende und staatsgestaltende Funktion (Bollinger, 1995:119).

1930 sah die Aufteilung folgendermassen aus:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Bollinger, 1986:87)

1886 gab es in der Schweiz 338, 1913 bereits 418 und im Jahre 1930 insgesamt 406 Zeitungen. Von diesen 406 Zeitungen wurden 121 täglich herausgegeben (Bollinger, 1986: 86). Mehr als die Hälfte der Zeitungen (278 Titel) war auf Deutsch, 106 waren auf Französisch, 18 auf Italienisch und 4 auf Rätoromanisch (ebenda). 31 Prozent der Zeitungen hatten eine Auflage von 1'000 - 2’000 Exemplaren; nur 7,4 Prozent hatten eine Auflage von mehr als 10'000 Exemplaren. Der Tagesanzeiger für Stadt und Kanton Zürich und die Neue Zürcher Zeitung waren mit 89'000 Exemplaren (Tagesanzeiger) und 53'000 Exemplaren (NZZ) eindeutige Spitzenreiter (ebenda).

3.2 DER KRIEG UND DIE PRESSE

Die Pressefreiheit, in der Schweiz seit 1848 in der Bundesverfassung mit Art. 45 gewährleistet, kam im Zweiten Weltkrieg in Bedrängnis: In den beiden Nachbarstaaten Deutschland und Italien war es bereits selbstverständlich, dass die Presse dem Staat unterstellt war und zu Propagandazwecken eingesetzt wurde (Kreis, 1973:19). Auch die Österreichische Presse war dem Willen der nationalsozialistischen Regierung gebeugt. Zwar versuchte die deutsche Regierung, auch mit der Schweiz ein Stillhalteabkommen zu vereinbaren, doch dies kam nicht zustande (Kreis, 1973: 22). Deshalb wurden zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Deutschland viele Schweizerische Zeitungen verboten, denn das Naziregime wollte nicht, dass die Deutschen Leser Tatsachen erfuhren, über die Deutsche Zeitungen nicht berichten durften. Nach Auffassung der nationalsozialistischen Regierung sollte die Presse eines neutralen Staates ebenfalls zur Neutralität verpflichtet sein. Dies wurde aber von den Schweizer Zeitungen abgelehnt mit dem Argument, dass nur der Staat der Neutralität verpflichtet sei und nicht die Presse, die zum privaten Bereich gehöre (ebenda).

Als Anfangspunkt der Pressekontrolle in der Schweiz gilt der Bundesratsbeschluss vom 26. März 1934: Dieser ermöglichte es dem Staat, „administrative Massnahmen“ gegen Zeitungen zu ergreifen, die sich widersetzten. Damit versuchten die Behörden in erster Linie, eine Entspannung in den Beziehungen zu Deutschland zu erwirken (ebenda). Es konnten auch Presseorgane auf bestimmte Zeit verboten werden, wenn deren Äusserungen die guten Beziehungen der Schweiz zu anderen Staaten gefährdeten (Schmidlin, 1993: 30). Die Schweizer Regierung argumentierte, damit könne gegen fehlbare Zeitungen vorgegangen werden, bevor Druck aus dem Ausland komme (Kreis, 1973: 22). Zwei Monate nach Erlass dieses Bundesbeschlusses wurde dann eine konsultative Pressekommission ins Leben gerufen, bestehend aus fünf Pressevertretern (Kreis, 1973: 22). Die Pressekontrolle wurde dann 1939 an die Armeeführung übergeben, genauer an die APF (Abteilung für Presse und Funkspruch). Diese verbot der Presse in dem so genannten „Grunderlass“ Äusserungen, welche die innere Sicherheit oder die Neutralität der Schweiz gefährden konnten (Kreis, 1973: 25f). Die regionale Überwachung der Pressekontrolle wurde aufgeteilt in Territorialkreise. In diesen Verwaltungsbezirken wurden sämtliche gedruckten Publikationen nach Erscheinen kontrolliert. Auch amtierten die regionalen Pressebüros der Verwaltungsbezirke als Beratungsstellen, bei denen sich Presseschaffende informieren konnten. So unterwarf sich die Schweizer Presse im Zweiten Weltkrieg auch einer Art Selbstzensur (Kreis, 1973: 32f).

DER UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND

4 DIE BEIDEN BASLER REGIONALZEITUNGEN „ARBEITER ZEITUNG“ UND „BASLER VOLKSBLATT“

4.1 GESCHICHTE DER „ARBEITER ZEITUNG“

Bevor 1921 die erste Ausgabe der „Arbeiter Zeitung“ erschien, gab es verschiedene Vorläufer-Zeitungen und Ereignisse innerhalb der politischen Linken, welche die Gründung der „Arbeiter Zeitung“ begünstigt haben. Als ein Anfangspunkt können zum Beispiel mehrere kurzlebige Gründungsversuche sozial-demokratischer Arbeiterzeitungen genannt werden (Brunner, 1994: 2). Vorläufer der Basler AZ[4] waren „Der Arbeiter“, der ab 26. September 1868 erschien, aber am 20. Februar 1869 bereits wieder eingestellt werden musste (Brunner, 1994: 4). Ab 28. August 1886 erschien dann der „Basler Arbeiterfreund“, der zuerst vom Arbeiterbund, dann ab 1890 von der Sozialdemokratischen Partei herausgegeben wurde (ebenda), und ab dem 3. Oktober 1893 die Tageszeitung „Vorwärts“, herausgegeben vom Arbeiterbund und der Sozialdemokratischen Partei. Doch fünf Jahre später wurde die Zeitung „Vorwärts“ eingestellt, und es entstand daraus nahtlos das Blatt “Basler Vorwärts“, das sich als Presseorgan des Arbeiterbundes und der Sozialdemokratischen Partei Basel verstand (Brunner, 1994: 7).

Im Dezember 1920 kam es in der linken Bewegung zu einer Parteispaltung: Die linksradikalen Mitglieder schieden aus der SP aus und gründeten die Kommunistische Partei (Brunner, 1994: 9). Die Basler Sozialdemokraten gründeten daraufhin eine neue Tageszeitung, „Der Sozialdemokrat“ (1921) (Brunner, 1994: 10). Diese Zeitung fusionierte bald mit der „Arbeiterstimme“ der Arbeiter-Union Basel und erschien am 15. Dezember 1921 erstmals unter dem Namen „Basler Arbeiter Zeitung“ (Brunner, 1994: 11). Ab 1928 nannte sich die „Basler Arbeiter Zeitung“ nur noch „Arbeiter Zeitung“, damit sich auch die Leser aus dem Baselland angesprochen fühlten (Brunner, 1994: 14).

Während der Zeit des Zweiten Weltkrieges bekam die „Arbeiter Zeitung“ unzählige Verwarnungen, da sie sich nicht an die Zensurvorschriften hielt. Auch wurden einige Nummern beschlagnahmt (Brunner, 1994: 16).

Ab 1. Juli 1963 bis 1973 war Helmut Hubacher Chefredaktor. Unter seiner Leitung erschien die Zeitung ab November 1963 unter dem Namen „Abend-Zeitung“, da der Begriff „Arbeiter“ politisch nicht mehr aktuell war und sich damit auch keine Zeitung mehr verkaufen liess. Sinkende Auflage und zunehmende finanzielle Schwierigkeiten führten schliesslich dazu, dass die Zeitung Ende August 1992 eingestellt wurde.

4.2 GESCHICHTE DES „BASLER VOLKSBLATTES“

Als Gründungsgeschichte des „Basler Volksblattes“ wird ein Vorfall aus dem Jahre 1873 genannt: Zur Zeit des Kulturkampfes fühlten sich die Katholiken in Basel von der freisinnigen Presse verfolgt und von der konservativen Presse im Stich gelassen. Vor diesem Hintergrund fand in Arlesheim 1873 eine Kundgebung der „Neukirchlichen Bewegung“ statt, die ein Meilenstein auf dem Weg zum liberalen Katholizismus in der Schweiz sein sollte (Baumann, 1988: 19). Da diese Tagung den Katholiken zu weit ging, schickten sie einen Redner aus den eigenen Reihen auf die Bühne. Aus dieser Aktion entstand am 3. September 1973 die Katholische Pressegesellschaft, deren Ziel es war, das „Basler Volksblatt“ einmal pro Woche erscheinen zu lassen. Da sich damals in Basel die Katholiken in der Minderheit befanden und ungenügend akzeptiert waren (Blum, 1993: 41), hatten sie die Wichtigkeit einer eigenen Zeitung erkannt. Deshalb verfolgte das „Basler Volksblatt“ von Anfang an eine Defensivstrategie, um die katholische Gesinnung zu schützen (ebenda).

Am 20. September 1873 erschien eine Probenummer des „Basler Volksblattes“, ab dem 1. Oktober gab es dann jeden Samstag eine Ausgabe. 1888 wurde eine Aktiengesellschaft gegründet, die das „Basler Volksblatt“ herausgab, und 1890 konnte man zur täglichen Ausgabe übergehen. Auf Ende 1941 bildete das „Basler Volksblatt“ mit den Neuen Zürcher Nachrichten eine „Interessensgemeinschaft“, d.h. die Produktion eines gemeinsamen Mantels wurde gestartet. Das „Basler Volksblatt“ war nur noch für die Lokalteile, die Region und für diverse Beilagen verantwortlich. Weitere Bestrebungen um Ausbau führten 1956 zu einer Fusion mit dem „Aescher Volksblatt“ und zu einer engen Zusammenarbeit mit der katholischen „Nordschweiz“.

Im ersten Erscheinungsjahr hatte das „Basler Volksblatt“ eine Auflage von 1‘200 Exemplaren, zu Beginn des 20. Jahrhunderts stieg diese auf 8'000 Exemplare. Im September 1992 wurde die „Nordschweiz“, mit welcher das „Basler Volksblatt“ 1982 fusioniert hatte, bei einer Auflage von 11'000 von der bürgerlichen „Basellandschaftlichen Zeitung“ übernommen. Die letzte Ausgabe des „Basler Volksblattes“, das inzwischen 120-jährig war, erschien am 31. August 1992 (Brunner, 1994: 24).

4.3 DIE „ARBEITER ZEITUNG“ UND DAS „BASLER VOLKSBLATT“ IN DER NAZIZEIT:

Im folgenden Teil wird der Forschungsgegenstand des Projekts detaillierter vorgestellt (so wie er zur Nazizeit publiziert worden ist): Der Untersuchungsgegenstand besteht aus den beiden Regionalzeitungen „Arbeiter Zeitung: offizielles Organ der sozialdemokratischen Parteien und Publikationsorgan der Gewerkschaftskartelle von Basel-Stadt und Baselland“ und „Basler Volksblatt: Katholische Tageszeitung“ (wie beide Zeitungen mit vollständigem Namen in der IDS Basel/Bern – Titelvollanzeige genannt werden).

Die „Arbeiter Zeitung“, die von 1921 bis 1963 täglich erschien, hatte eine Auflage von ungefähr 4’320 Exemplaren und war damals ein sozial-demokratisch ausgerichtetes Blatt, welches grossen Wert auf soziale Themen legte. Das „Basler Volksblatt“ hingegen, das ab Oktober 1873 bis November 1982 publiziert wurde, galt als ein sehr katholisch-konservatives Blatt. Somit konzentrierten sich die ungefähr 4’950 publizierten Exemplare des „Basler Volkblattes“ mehr auf kirchliche Themen und auf Angelegenheiten, die die verschiedenen Kantone der Schweiz betraffen. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges änderte der Themenschwerpunkt natürlich, und sowohl in der „Arbeiter Zeitung“ als auch im „Basler Volksblatt“ nahm die Kriegsberichtserstattung einen relativ grossen Teil der Zeitungen ein.

Die Charakteristika der beiden Zeitungen zwischen den Jahren 1933 und 1945 lassen sich folgendermassen zusammenfassen: Beide Zeitungen enthielten viele stark personalisierte Berichte. Einzelschicksale und Fortsetzungsgeschichten waren gefragt. Totz dieser teilweise starken Personalisierung der Artikel berichtete das „Basler Volksblatt“ generell ziemlich sachlich, neutral und distanziert, währenddes die „Arbeiter Zeitung“ soziale Themen oftmals sehr emotional darstellte, vehement vertrat und somit nicht selten explizit Stellung einnahm.

Betreffend Layout, formales Erscheinungsbild und Gliederung muss der Unterschied erwähnt werden, dass das „Basler Volksblatt“ die Texte hauptsächlich in Fraktur abdruckte, in dessen Ausgaben teilweise eine eigenartige Durchmischung der Textsorten existierte und zeitweise keine klare Strukturierung der Artikel zu erkennen war; die „Arbeiter Zeitung“ ihre Artikel aber besser unterteilte, Sparten zuteilte und die damals sogenannte modernere Schrift Antiqua benutzte. Fotos wurden in beiden Zeitungen abgedruckt, jedoch nur wenige und oftmals von kleinerem Format.

Vom Umfang (durchschnittlich sechs Seiten) und den Abonnements-Kosten (SFR 26-27 im Jahr 1945) lassen sich keine wesentlichen Unterschiede ausmachen.

Die beiden soeben vorgestellten Zeitungen sind als Untersuchungsgegenstand dieses Projektes gewählt worden, da sie auf dem politischen Spektrum zwei sehr gegensätzliche Positionen einnehmen und somit einen Vergleich der Darstellung Hitlers in zwei politisch unterschiedlich ausgerichteten Zeitungen ermöglichen.

DIE THEORETISCHE BASIS

5 DIE NACHRICHTENWERTTHEORIE

Die Nachrichtenwerttheorie wurde 1922 von Walter Lippmann begründet. Seitdem wird sie bei der Berichterstattungsanalyse verwendet. Der Kerngedanke der Theorie ist, dass gewisse Nachrichten veröffentlicht werden und andere nicht. Die Veröffentlichung ist abhängig von journalistischen Selektionsentscheidungen (Friedrich, 2001: 10). Damit Nachrichten journalistischen Kriterien genügen, müssen sie gewisse Nachrichtenwerte verkörpern (nach Bonfadelli / Hättenschwiler, 1999):

- Ablauf: bestimmter Ort und Zeit, sowie klarer Anfang und Ende;
- Anlass: Überraschung, Neuigkeit, Krisen;
- Modalität: Drama, Regelwidrigkeit, Konflikt;
- Folgen: Negativität, Schaden;
- Akteure: Macht, Einfluss, Prestige, Prominenz (Bonfadelli/Hättenschwiler, 1999: 26)

Jasper A. Friedrich zählt ähnliche Faktoren auf (Friedrich, 2001: 13):

- Reichweite / Relevanz
- Schaden / Kontroverse
- Persönlicher Einfluss / Elite-Person / Prominenz
- Kontinuität bzw. Themenetablierung
- Elite-Nation
- Nähe

Dabei spielen zwei Prinzipien eine wichtige Rolle: Das Prinzip der Additivität besagt, je mehr Faktoren auf ein Ereignis zutreffen, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignis zu einer Nachricht wird (Bonfadelli / Hättenschwiler, 1999: 26). Das Prinzip der Komplementarität besagt, dass wenn ein Ereignis einzelne Faktoren nicht aufweist, andere Faktoren umso stärker zutreffen müssen, damit das Ereignis zu einer Nachricht wird (ebenda).

Nicht nur die Nachrichtenselektion aufgrund von strukturellen Gegebenheiten und Nachrichtenwerten ist wichtig: Die Interpretation und Präsentation der Nachrichten ist auch von Bedeutung. Professionelle Kriterien wie W-Fragen (u.a. Wer und Was) und das Rollenverständnis des Journalisten, aber auch die inhaltliche Ausrichtung des Ressorts und das jeweilige Medium spielen wichtige Rollen (ebenda). Bei der Zeitschriftenanalyse sind die Nachrichtenwerte der verschiedenen Faktoren gattungsspezifisch, d. h. in Boulevard-Blättern werden andere Meldungen grösser oder kleiner aufgemacht als in Tageszeitungen (Friedrich, 2001: 12). Das Medium selber beeinflusst also die Selektionsentscheidungen.

[...]


[1] Mit dem Wort ‚Phänomen’ wird an dieser Stelle nur die Bedeutung der ‚Erscheinung’ und nicht des ‚Wunders’, ‚Ungewöhnlichen’ verstanden.

[2] Ein Beispiel dafür wäre die Judenvernichtung: Hitler erachtete die Judenvernichtung in Konzentrationslager als eine bessere Lösung als die Zwangssterilisation, da diese für seine Mission der Judeneliminierung in seinen Augen zu langwierig war.

[3] Traudl Junge war von 1943 bis zum Selbstmord Hitlers eine seiner Privatsekretärinnen. Sie erzählt in der Reportage „Im Toten Winkel“ vieles über Hitler als Person, da sie Momente wie das Stauffenberg-Attentat oder Hitlers Selbstmord miterleben musste. Zeitzeugenberichte wie dieser müssen aber immer als subjektive Aussagen betrachtet werden; jedoch scheint die Reportage „Im Toten Winkel“ ein sehr passendes Bild von Hitlers beinahe schizophrener Persönlichkeit aufzuzeichnen.

[4] Für die „Arbeiter Zeitung“ wird in dieser Arbeit auch die Abkürzung AZ, für das „Basler Volksblatt“ BV benutzt.

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Details

Titel
Hitler - Unmensch oder Charismatischer Führer? Die Repräsentation in der "Arbeiter Zeitung" und im "Basler Volksblatt" zur Nazizeit
Hochschule
Universität Basel  (Institut für Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar
Note
gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
51
Katalognummer
V44210
ISBN (eBook)
9783638418560
Dateigröße
948 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hitler, Unmensch, Charismatischer, Führer, Repräsentation, Arbeiter, Zeitung, Basler, Volksblatt, Nazizeit, Seminar
Arbeit zitieren
Isabelle Fol (Autor), 2003, Hitler - Unmensch oder Charismatischer Führer? Die Repräsentation in der "Arbeiter Zeitung" und im "Basler Volksblatt" zur Nazizeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44210

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