Transformation religiöser Motive in der Modernen Kunst in Hanna Wilkes "Intra-Venus"


Hausarbeit, 2018

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hannah Wilkes „Intra-Venus“
2.1 Krankheitserfahrung und Darstellung von Leid in „Intra-Venus“
2.2 Religiöse Motive in „Intra-Venus“
2.3 „Intra-Venus“ als Feministisches Werk

3. Wilkes Verarbeitung der Traditionellen Deutung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jesus und Maria sind in diesen tausend Jahren die häufigsten Bildmotive der Malerei“ heißt es von Erne und Schüz.1 In der Modernen Kunst spielen diese Motive tatsächlich noch immer eine große Rolle. Allerdings haben sich ihre neuen Deutungen häufig durch die Verarbeitung des Künstlers in einen neuen Kontext oder durch andere künstlerische Absichten weit von der ursprünglichen, traditionellen Bedeutung entfernt. Religiöse Motive werden nicht mehr nur aus reinem Interesse am Glauben genutzt, sondern dienen sogar als Provokation oder Parodie, oder um damit andere Vorsätze und Bildaussagen zu verwirklichen.

Die Künstlerin Hannah Wilke steht kurz vor ihrem Tod, als sie ihr letztes Werk „Intra-Venus“, eine Reihe von fotografischen Selbstporträts, in 1992 veröffentlicht. Sie stellt ihren vom Krebs gezeichneten Körper und den Alltag im Krankenhaus während ihrer Chemotherapie zur Schau. Für den Betrachter eröffnet sich eine Möglichkeit, an einer intimen Erfahrung teilzuhaben, die normalerweise für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. So erzeugt Wilke Authentizität in ihren Bildern, mit denen sich Betroffene und Angehörige möglicherweise identifizieren und trösten können.

Zwei Selbstporträts aus dieser Serie beinhalten die Darstellung von Jesus Christus und der heiligen Maria, die Wilke durch bestimmte Gestiken mit ihren Händen und einer Krankenhausdecke als Kopftuch andeutet. Der kurz bevorstehende Tod sorgt zwar bei vielen Menschen dafür, einen Weg zu Gott zu finden, den sie vorher nie gegangen sind; für Wilkes Verhältnisse erscheint diese Motivwahl in Anbetracht ihrer vorangegangenen, provokanten und sehr stark feministischen Karriere jedoch irritierend. Sorgen die Erkrankung an Krebs und der bevorstehende Tod etwa für einen plötzlichen Sinneswandel bei der Künstlerin, die sich nun dem religiösen Lebensstil zuwendet und durch das Aufgreifen dieser christlichen Inhalte um Vergebung für ihre Sünden bittet? Meine These dazu lautet, dass religiöse Symbolik und Bildmotive längst aus ihrer traditionellen Deutung entankert wurden und in der modernen Kunst passend zu verschiedenen Zwecken und Bildaussagen geändert und neugedeutet werden, wie das Beispiel „Intra-Venus“ von Wilke zeigt: die Künstlerin modifiziert die Identifikation der heiligen Maria und Jesus Christus zu einer feministischen Bedeutung. Sie will damit die Rolle der Frau positiv bestärken und darstellen, dass eine Frau ebenso viel Leid ertragen kann.

Um diese These zu bestätigen, werde ich zunächst einen Blick auf das Lebenswerk von Hannah Wilke werfen, um einen Überblick ihrer Kunst und ihren feministischen Aktivitäten zu geben. Im Anschluss soll das Werk näher betrachtet werden, ehe im letzten Kapitel herausgearbeitet wird, was Wilke aus der traditionellen Deutung in ihrem Kunstwerk „Intra-Venus“ gemacht hat und welche neue Bedeutung sich durch die Verarbeitung ergibt.

2. Hannah Wilkes „Intra-Venus“

Die US-amerikanische Künstlerin Hannah Wilke gilt als Wegbereiterin für die feministische Kunstbewegung der 1960er und 70er Jahre.2 Seit Beginn ihrer Karriere beschäftigt sich Wilke in ihren Werken immer wieder mit dem weiblichen Körper und seinem Geschlechtsorgan und hat es sich zur Aufgabe gemacht, negative Assoziationen zur Weiblichkeit zu beseitigen. Sie nutzt dafür verschiedene Materialien und Medien, um diesen Zweck zu erfüllen. Dabei stellt sie vor allem ihren eigenen Körper oftmals nackt und in aufreizenden Posen zur Schau. Anders als häufig fälschlicherweise angenommen, will Wilke auf diese Weise nicht die Schönheit des Körpers der Frau zelebrieren, sondern viel mehr Sexismus und die Objektivierung von Frauen kritisieren.3 Ein Blick auf Werke von Wilke, die vor „Intra-Venus“ entstanden, soll in den folgenden Kapiteln für eine bessere Erkenntnis und Bestätigung der eingänglichen These sorgen.

In ihrem Werk „S.O.S. - Starification Object Series“ von 1974 zeigt sie in einer Serie aus Selbstportraits die gesellschaftlich niedrigere Stellung der Frau zu dieser Zeit auf, indem sie ihren nackten Oberkörper mit vaginal-förmigen Plastiken aus Kaugummi bestückt, während sie verschiedene Kleidungsstücke und Gegenstände trägt, die auf männliche und weibliche Stereotypen hinweisen. Derartige Plastiken tauchen in ihren Arbeiten vielmals in unterschiedlichen Größen auf, anfänglich mit Terracotta in den 1960ern, wechselt sie das Material häufig.4 Kubitza erklärt die Verwendung von Kaugummi in diesem Fall mit einer metaphorischen Bedeutung für Frauen als „Wegwerfprodukt der Wegwerfgesellschaft“.5 Mit dieser Darstellung hält Wilke der frauendiskriminierenden Gesellschaft einen Spiegel vor und unterstützt damit den Kampf für die Gleichberechtigung der Geschlechter in der zweiten Welle der Frauenbewegung. Außerdem übt sie durch die Darstellung von Makeln in Form von Kaugummi an ihrem Körper Kritik an den herrschenden Schönheitsidealen. Diese Themen sind auch heute noch von großer Bedeutung.

In 1976 zeigt Wilke vor Duchamps „The Large Glass“ einen Striptease, der laut Graw „die eher schematische Repräsentation von Sexualität im Großen Glas [von Duchamp] durch einen real existierenden, nackten Frauenkörper [ergänzt]“.6 Hierbei zeigt Wilke, dass sie in der Lage ist, bedeutsame Werke von männlichen Künstlern zu erweitern und zu verbessern. Es handelt sich also nicht mehr nur um eine Hommage an das männliche Vorbild, sondern um ein neues Konzept. Der Blick auf ihren nackten Körper durch das Glas unterstreicht in diesem Zusammenhang deutlich, dass sie sich in eine unerreichbare Position begibt und dort alle Blicke auf sich zieht, wodurch sie ihr männliches Vorbild weniger Anerkennung zukommen lässt, sondern eher aus seiner Position zu verdrängen versucht.

Wenige Jahre vor ihrem Tod zeigt sie in einer Serie Selbstporträts die Auswirkungen des Krebs, an dem sie erkrankt ist. In ihrer Arbeit „Intra-Venus“ dokumentiert Wilke den Zustand ihres Körpers und Gegebenheiten, die in der Zeit zu ihrem leidvollen Alltag geworden sind. Hier greift sie Posen und Situation aus vergangenen Werken wieder auf, sodass durch den Bezug zur Vergangenheit eine Zeitperspektive entsteht. Die Veränderungen an Wilkes Körper legen ein Verhältnis zwischen Innen und Außen an ihrer Person fest, bei dem klar wird, dass der Zahn der Zeit zwar äußerlich, nicht jedoch an ihrer inneren Schönheit nagen kann. Eine aufreizende Pose über einer Toilette aus der Serie „So Help Me Hannah“ von 1978 - 81, in der sie das Krebsleiden ihrer Mutter dokumentierte, wird beispielsweise in „Intra-Venus“ von der erschöpften und von der Chemotherpie gezeichneten Künstlerin im Badezimmer des Krankenhauses wiederholt.7 Wie auch in früheren Werken zeigt Wilke ihren Körper also ehrlich und ohne Scham und setz damit einen Rahmen um ihre Karriere. Durch die Darstellung ihres mitgenommenen Körpers schlägt sie außerdem eine Brücke zu ihren feministischen Bestreben, da sie eine Frau zeigt, wie sie in den Medien und in den gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Aussehen nicht auftaucht.8 Neben den Rückschlüssen zu vorangegangenen Werken, tauchen aber auch neue Motive auf, die Religiösität darstellen. Die zwei betreffenden Selbstporträts beziehen sich zum Einen auf die Darstellung des Leidenden Jesu Christi, und zum Anderen auf die heilige Maria, die den Forschungsgegenstand dieser Hausarbeit darstellen.9

2.1 Krankheitserfahrung und Darstellung von Leid in „Intra-Venus“

Bevor Hannah Wilke ihre persönlichen Erfahrungen mit einer Krebserkrankung macht, muss sie einige Jahre zuvor miterleben, wie ihre Mutter ebenfalls an Krebs erkrankt und daran stirbt. Wilke begegnet dem Krebs also zuerst als enge Verwandte und Außenstehende, ehe sie selbst erkrankt und eine direkte persönliche Perspektive erfährt. Diese zwei verschiedenen Krankheitserfahrungen fließen jeweils in ihre Arbeit ein. Die Serie „So Help Me Hannah“ von 1978 - 81 zeigt eine Gegenüberstellung des gesunden Körpers von Wilke und ihrer kranken Mutter, die durch die Chemotherapie deutlich mitgenommen ist.10 In „Intra-Venus“ sieht man Wilke selbst, die unter dem Krebs leidet. Gemäß Stricker sind die persönlichen, vielseitigen Erfahrungen von Hannah Wilke mit dem Krebs nicht nur ein biologischer Prozess, der im Körper stattfindet, sondern ein Konflikt und eine Auseinandersetzung mit der Zeit. Eine erkrankte Person erlebt und berichtet von der Krankheit mit persönlichen und emotionalen Eindrücken, sodass eine subjektive Geschichte entsteht.11 In „Intra-Venus“ zeigt Wilke einen Teil ihrer Geschichte.

Anders als den natürlichen Reflex jedes Menschen vor dem Leid zu fliehen zu befolgen12, stellt Wilke ihr Leid und ihre körperliche Veränderung offen zur Schau. Einerseits zeigt sie damit, dass sie ihre Krebserkrankung akzeptiert hat, andererseits ihre Krankheitsgeschichte erzählt und dabei keine Details auslässt. Ihre Selbstporträts erhalten in der Kunst so die Funktion ein Miterleben zu ermöglichen und dem Betrachter eine für ihn neue (oder vertraute) Welterfahrung zu schaffen. Hein erklärt, dass mit jedem Kunsterlebnis gleichzeitig Seelenzustände aufgezeigt werden, die vom Betrachter teilweise sogar erwartet werden und dadurch „ein hohes Maß an authentischer Erfahrung“ erreicht wird.13 Wilke verarbeitet mit „Intra-Venus“ dementsprechend nicht nur ihr Leid für sich selbst, sondern bietet der Öffentlichkeit die Möglichkeit an, neue Erfahrungen zu sammeln, das Leid mitzuerleben und auf diese Weise sogar neues Wissen, Trost und Entlastung zu vermitteln. Hier entsteht eine Beziehung zwischen der Künstlerin und dem Betrachter, von der beide Seiten profitieren. Wilke findet einen Weg mit ihrer Situation umzugehen und Akzeptanz zu entwickeln, während der Betrachter Mitgefühl entwickeln kann, eine traumatische Erfahrung aus Distanz miterleben und mitverarbeiten kann.

Unterstützend für eine intensive Auseinandersetzung mit dieser Situation wirkt das künstlerische Medium der Fotografie. Anders als in der Malerei, Bildhauerei oder Grafik wird bei der Fotografie ein Motiv auf die qualitätvollste Weise festgehalten, Ursprung beschreibt dies als Konservierung des Gewesenen und „räumlichen Abdruck eines Gegenstandes in einem bestimmten Moment“.14 Trotz des hohen dokumentarischen und authentischen Charakters der Fotografie bestehen Möglichkeiten für Bildmontagen durch Programme wie Photoshop und damit Gründe für Misstrauen. Im Falle von „Intra-Venus“ erscheint dieser Gedanke jedoch belanglos zu sein, da Wilke sich teilweise in unästhetischen und intimen Situationen zeigt, die keine Manipulation durch Photoshop gebrauchen. Die unverfälschten Bilder unterstreichen vielmehr das Leid, das die Künstlerin erfährt.

2.2 Religiöse Motive in „Intra-Venus“

Dass es sich in den zwei Selbstporträts von Wilke in „Intra-Venus“ um den leidenden Jesus und die heilige Maria handelt, erkennt man vor allem aufgrund der hohen Ähnlichkeit zu typischen Merkmalen von früheren Darstellungen dieser Motive, nämlich die der Körperhaltung wie in „Christus im Elend“, die Wilke durch die Hände am Gesicht aufgreift, und durch die ikonische Kopfbedeckung der heiligen Maria, die seit dem Mittelalter in vielerlei Gemälden einen Platz findet, die Wilke in ihrem Selbstporträt mit einer Krankenhausdecke nachahmt.15 In der biblischen Überlieferung wird geschildert, dass Jesus mit seinem Tod das Leid der Menschen auf sich nimmt und für sie stirbt. Die heilige Maria erhält als Mutter Jesu besondere Verehrung im Christentum und wird auf vielen Gemälden vor allem als schützende oder trauernde Mutterfigur dargestellt.

Die Selbstdarstellung und Identifikation mit Jesus ist in der Kunst ein weitverbreitetes Phänomen. In der modernen Kunst kann das vor allem provokative und mehrdeutige Gründe haben. Neddens stellt klar, dass Christusbilder in der heutigen Kunst durchaus „komplex und polyvalent“ sind.16 Künstler sind selbst für die Erschaffung ihres Kunstwerks verantwortlich, sodass sie dadurch wie in der Religion die Position Gottes einnehmen.17 Zwar herrscht in der Religion ein Bilderverbot, jedoch wurde der Mensch nach Gottes Abbild geschaffen. Wilke setzt sich selbst an die Stelle von Jesus und der heiligen Maria. Damit zeigt sie, dass sie sich

[...]


1 Erne, Thomas; Schüz, Peter: Der religiöse Charme der Kunst. S. 160

2 Scharlatt, Marsie, Emanuelle, Damon and Andrew: Hannah Wilke Biography. Web

3 The Art Story Foundation: S.O.S. Starification Object Series (1974-75). Web

4 The Art Story Foundation: S.O.S. Starification Object Series (1974-75). Web

5 Kubitza, Anette: Fluxus, Flirt, Feminismus? Carolee Schneemanns Körperkunst und die Avantgarde. S. 176 3

6 Graw, Isabelle: Die bessere Hälfte. Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. S. 43

7 Kubitza: Fluxus, Flirt, Feminismus? Carolee Schneemanns Körperkunst und die Avantgarde. S. 179

8 The Art Story Foundation: Advertisement for an Exhibition at Ronald Feldman Fine Arts (1970). Web

9 Burrichter, Rita; Gärtner, Claudia: Mit Bildern lernen. Eine Bilddidaktik für den Religionsunterricht. S. 169 4

10 Kubitza: Fluxus, Flirt, Feminismus? Carolee Schneemanns Körperkunst und die Avantgarde. S. 175

11 Stricker, Hans-Heinrich: Krankheit und Heilung. Anthropologie als medizinisch-theologische Synopse. S. 161-62

12 Stricker: Krankheit und Heilung. Anthropologie als medizinisch-theologische Synopse. S. 166

13 Hein, Peter Ulrich: Transformation der Kunst. Ziele und Wirkung der deutschen Kultur- und Kunsterziehungsbewegung. S. 294

14 Ursprung, Philip: Die Kunst der Gegenwart. 1960 bis heute. S. 86

15 Burrichter, Gärtner: Mit Bildern lernen. Eine Bilddidaktik für den Religionsunterricht. S. 169

16 Neddens, Christian; Barboza, Amalia; Hüttenhoff, Michael; Lorenzen, Stefanie: Spektakel der Transzendenz. Kunst und Religion in der Gegenwart. S. 190

17 Stollberg, Dietrich: Religion als Kunst. Nachdenken über praktische Theologie und Ästhetik. S. 78

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Transformation religiöser Motive in der Modernen Kunst in Hanna Wilkes "Intra-Venus"
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Kunst / Musik / Textil)
Veranstaltung
Bildtheologie und Bilddidaktik
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V442120
ISBN (eBook)
9783668803886
ISBN (Buch)
9783668803893
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feminismus, Bildtheologie, Bilddidaktik, Kunst, Moderne Kunst, Hannah Wilke
Arbeit zitieren
Anna Dierks (Autor:in), 2018, Transformation religiöser Motive in der Modernen Kunst in Hanna Wilkes "Intra-Venus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442120

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