Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit Aspekten des Relativismus in den Contes von Voltaire. Mir ist keine Arbeit bekannt, die explizit dieses Thema untersucht. Gemeinhin wird in der Literaturwissenschaft erst die Romantik mit dem Konzept Relativismus in Verbindung gebracht. Dieses wird in der Regel, auch außerhalb der Literaturwissenschaft als eine Reaktion auf den Universalismus der Aufklärung verstanden. Vor diesem Hintergrund macht die Anwendung des Konzepts des Relativismus auf die Werke eines der bedeutendsten Autoren der französischen Aufklärung den Reiz des Themas dieser Arbeit aus. Die These dieser Arbeit ist, daß Aspekte des Relativismus auch bereits in den Werken Voltaires nachzuweisen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Analyse des Begriffs Relativismus
2.1 Zur Begriffsgeschichte
2.2 Relativismus im standardisierten Sprachgebrauch
2.2.1 Die Analyse von dt. ‘Relativismus’
2.2.2 Die Analyse von frz. ‘relativisme’
2.2.3 Die Analyse von engl. ‘relativism’
2.2.4 Zusammenfassung der Ergebnisse
2.3 Das Konzept Relativismus in der Philosophie
2.3.1 Die Debatte um das Problem des Relativismus
2.3.2 Der Relativismus als pluralistisches Konzept
2.3.2.1 Probleme einer Definition
2.3.2.2 Probleme einer Typologie
2.3.3 Charakterisierung und Gliederung
2.3.3.1 Charakterisierung des Relativismus
2.3.3.2 Typologie des Relativismus
3. Charakteristika des Denkens von Voltaire
3.1 Einordnung der Philosophie Voltaires
3.2 Voltaires Erkenntnistheorie
3.3 Voltaires Moraltheorie
4. Aspekte des Relativismus in Micromégas
4.1 Einordnung von Micromégas
4.2 Relativistische Strukturen in Micromégas
4.2.1 Der Name des Protagonisten: Petit – grand
4.2.2 Die Erzählperspektive in Micromégas
4.2.3 Vergleiche und Messungen in Micromégas
4.2.4 Wege zur Erkenntnis in Micromégas
5. Aspekte des Relativismus in L’Ingénu
5.1 Einordnung von L’Ingénu
5.2. Relativistische Strukturen in L’Ingénu
5.2.1 Die Namen des Protagonisten in L’Ingénu
5.2.2 Die Ambivalenz der Charaktere in L’Ingénu
5.2.3 Der sauvage in Frankreich
6. Schlußfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das bisher wenig erforschte Vorkommen von Aspekten des philosophischen Relativismus in den Contes von Voltaire. Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass dieses Konzept, das gemeinhin erst mit der Romantik in Verbindung gebracht wird, bereits in Voltaires Werken existiert, und hierfür eine praktikable analytische Systematik zu entwickeln.
- Entwicklung einer Charakterisierung und Typologie des Relativismus für die Literaturanalyse.
- Analyse philosophischer Grundpositionen Voltaires als theoretisches Fundament.
- Untersuchung von Micromégas und L’Ingénu hinsichtlich relativistischer Strukturen.
- Analyse der Rolle von Erzählperspektive, Vergleichen und Wissenskonzepten in den Texten.
- Kritische Auseinandersetzung mit dem Universalitätsanspruch der Aufklärung.
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Der Name des Protagonisten: Petit – grand
Der Name des Protagonisten, der oft schon auch im Titel erscheint, ist in den Contes von Voltaire immer von großer Bedeutung. «Parfois, seul un qualificatif résume leur caractère [...] Ailleurs, Voltaire forge un nom qui suffit pour caractériser son personnage.» Micromégas fällt eindeutig in die Kategorie der noms forgés, und dennoch: Eine klare Charakterisierung liefert der Name nicht. Im Gegenteil, er erscheint zunächst paradox, weil die Verbindung der beiden griechischen Wörter eine semantische Opposition und damit einen logischen Widerspruch in sich trägt. Es stellt sich die Frage, wie die Eigenschaften klein und groß gleichzeitig derselben Person zugeschrieben werden können, zumal es sich um einen Riesen handelt, der «de la tête aux pieds vingt-quatre mille pas» mißt. Auch seine geistige Größe steht außer Frage: «son esprit, c’est un des plus cultivés que nous ayons». Trotzdem insistiert der Erzähler, daß dieser Riese einen Namen habe «qui convient fort à tous les grands», obwohl micro durch nichts in seiner Person gerechtfertigt zu sein scheint. Einen Hinweis zur Klärung dieser Frage gibt einer der menschlichen Philosophen, als Micromégas von Wesen erzählt, die größer sind als er selbst:
Il [un des philosophes] lui [à Micromégas] apprit enfin qu’il y a des animaux qui sont pour les abeilles ce que les abeilles sont pour l’homme, ce que le Sirien lui-même était pour ces animaux si vastes dont il parlait, et ce que ces grands animaux sont pour d’autres substances devant lesquelles ils ne paraissent que comme des atomes.
Aus der Perspektive der Menschen, und also auch aus der des Lesers, ist Micromégas ein Riese, aus der Perspektive anderer Wesen aber nur ein Atom. Die Beschreibung der Saturnier zielt in dieselbe Richtung: Sie werden, in offensichtlichem Widerspruch zur Perspektive des Lesers, als «des nains qui n’ont que mille toises de haut ou environ» bezeichnet. Dasselbe gilt für das «petit microscope de cent soixante pieds de diamètre» des Saturniers.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Relativismus in Voltaires Contes und Erläuterung der methodischen Vorgehensweise.
2. Analyse des Begriffs Relativismus: Untersuchung der Begriffsgeschichte sowie Differenzierung des Konzepts in Standard- und Fachsprache, um ein Modell für die weitere Analyse zu etablieren.
3. Charakteristika des Denkens von Voltaire: Skizzierung der erkenntnistheoretischen und moralphilosophischen Positionen Voltaires als Grundlage für die Untersuchung.
4. Aspekte des Relativismus in Micromégas: Anwendung des erarbeiteten Modells auf Micromégas, wobei insbesondere die Rolle von Perspektive und Vergleich beleuchtet wird.
5. Aspekte des Relativismus in L’Ingénu: Analyse relativistischer Strukturen in L’Ingénu mit Fokus auf die kulturelle Identität und die moralische Ambivalenz der Charaktere.
6. Schlußfolgerungen: Zusammenführung der Ergebnisse, die den Relativismus als integralen Bestandteil von Voltaires Werk bestätigen und die traditionelle Sichtweise der Literaturgeschichte in Frage stellen.
Schlüsselwörter
Voltaire, Relativismus, Micromégas, L’Ingénu, Aufklärung, Epistemologie, Moraltheorie, Erkenntnistheorie, kultureller Relativismus, Erzählperspektive, Anthropozentrismus, Sensualismus, philosophischer Conte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit Aspekte des philosophischen Relativismus bereits in den Erzählungen (Contes) von Voltaire nachzuweisen sind, einem Autor, der primär der Aufklärung zugeordnet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Felder sind die Definition und Typologisierung des Relativismus, die philosophischen Grundlagen Voltaires sowie die literaturwissenschaftliche Analyse der Werke Micromégas und L’Ingénu.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, das Konzept des Relativismus aus der philosophischen Debatte für die Literaturwissenschaft operationalisierbar zu machen und nachzuweisen, dass Voltaire entgegen der gängigen Lehrmeinung bereits relativistische Positionen vertrat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor entwickelt ein analytisches Modell auf Basis von Begriffsgeschichte, Wörterbuchanalysen und philosophischer Fachliteratur, welches anschließend qualitativ auf die literarischen Texte angewendet wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung des Relativismusbegriffs, eine Darstellung von Voltaires Denken sowie eine detaillierte Analyse der relativistischen Strukturen in den ausgewählten Contes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Relativismus, Voltaire, Erkenntnistheorie, kultureller Relativismus, Sensualismus und Anthropozentrismus.
Inwiefern spielt der Name "Micromégas" eine Rolle für die These?
Der Name stellt eine semantische Opposition ("klein-groß") dar, die ein zentrales narratives Mittel ist, um die Relativität von Weltbildern und Erkenntnisperspektiven im Text zu verdeutlichen.
Warum wird Voltaire als "skeptischer Epikureer" bezeichnet?
Aufgrund des Einflusses antiker und zeitgenössischer Philosophie vertrat Voltaire die Ansicht, dass Erkenntnis primär auf Sinneswahrnehmung beruht, einen reinen Gebrauchswert hat und religiöse Mythen hinterfragt werden müssen.
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- Ulrich Jacobs (Author), 2003, Aspekte des Relativismus in den Contes von Voltaire, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44219