"Tue Buße vor unserem Gott!". Die Aufforderung des Bischofs Ambrosius von Mailand zur Kirchenbuße an Kaiser Theodosius I. (390)

Ein Vorbild für mittelalterliche Päpste im Konflikt mit Kaiser und König?


Hausarbeit, 2018

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

A Einleitung1

B Kaiser gegen Bischof – der Konflikt
I. Charakterisierung beider Konfliktparteien
1. Ambrosius von Mailand
2. Kaiser Theodosius I
3. Ausgangssituation
II. Hergang des Konfliktes
1. Der Synagogenbrand von Callinicum
2. Das Massaker von Thessaloniki
3. Reaktionen auf das Massaker
III. Aufruf zur Kirchenbuße
1. Stellungnahme des Ambrosius
2. Einordnung des Aufrufes

C Späteres Verhältnis von Papst und Kaiser
I. Gang nach Canossa
1. Heinrich IV. vs. Gregor
2. Dictatus Papae und Investiturstreit
3. Verhängung des Kirchenbanns
II. Vergleich zu Ambrosius und Theodosius
1. Gemeinsamkeiten
2. Unterschiede
3. Zusammenfassung

D Schlussfolgerung

E Quellen- und Literaturverzeichnis

A Einleitung

„Fehlt einem Staate die Gerechtigkeit, was ist er dann anderes als eine große Räuberbande!“ Dieses Zitat stammt aus der Feder des Hl. Augustinus. In seinem Werk De civitate dei (dt. Vom Gottesstaat) macht der große Kirchenvater mit diesem Satz deutlich, worin sein Anliegen besteht: sicherzustellen, dass die weltliche Gewalt ihr Handeln stets am Maßstab der Gerechtigkeit ausrichtet.

In der Geschichte der Kirche haben sich viele Theologen für den rechten Gebrauch der weltlichen Macht durch den Staat stark gemacht. Nicht selten hat dieser Einsatz dabei Konflikte mit den jeweils amtierenden weltlichen Herrschern hervorgerufen. In einen der bekanntesten dieser Konflikte war auch ein Zeitgenosse und geistiger Mentor Augustins zentral eingebunden: der große Mailänder Bischof Ambrosius (339-397). In der Auseinandersetzung mit dem römischen Kaiser Theodosius trat er diesem immer wieder offensiv entgegen, um auf den Missbrauch der weltlichen Macht durch den Kaiser hinzuweisen.

Im Folgenden werde ich darlegen, ob und inwiefern dieser Konflikt zwischen Bischof und Kaiser für spätere Auseinandersetzungen beider Gewalten im Mittelalter prägend war. Insbesondere werde ich mich dabei auf die Frage konzentrieren, inwieweit Ambrosius‘ und Theodosius‘ Umgang mit ihrem Kontrahenten für spätere Generationen weltlicher und geistlicher Führer Vorbildcharakter gehabt habe. Dazu werde ich dem Bußakt von Mailand einen anderen (sehr bekannten) Fall der Kirchenbuße exemplarisch gegenüberstellen: den Gang nach Canossa. Auf Grundlage dieser Gegenüberstellung werde ich schließlich folgern, inwieweit man in der Vorgeschichte des Mailänder Bußakts Parallelen zu späteren Konflikten zwischen Papst und Kaiser erkennen kann.

Zunächst aber werde ich nun die Ereignisse des Bußakts von Mailand (390) ins Blickfeld nehmen. Um die zeitgeschichtlichen Umstände einordnen zu können, werde ich dazu die Vorgeschichte der Auseinandersetzung aufgreifen. Diese ist jedoch in wesentlichen Zügen nur verständlich, wenn man um die (kirchen-)politische Stellung beider Hauptprotagonisten weiß und deren Relevanz im historischen Geschehen des damaligen Römischen Reiches einordnen kann. Zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich daher kurz die beiden Personen charakterisieren, welche im Aufruf zur Kirchenbuße die zentrale Rolle spielten: Bischof Ambrosius von Mailand und Kaiser Theodosius I.

B Kaiser gegen Bischof – der Konflikt

B.I. Charakterisierung beider Konfliktparteien

Für die Nachwelt (und damit auch für die historische Forschung) ist die Relevanz des im Folgenden geschilderten Konflikts nur verständlich, wenn man beide Konfliktparteien - auch in Bezug auf Einfluss und Macht - historisch einordnen kann. Daher werde ich die Einflusssphären beider Kontrahenten auch anhand zentraler historischer Auseinandersetzungen darlegen.

B.I.1. Ambrosius von Mailand

Die Lebensdaten des Ambrosius von Mailand können in etwa mit 333 – 397 beziffert werden. Unbestritten in der kirchenhistorischen Forschung ist der enorm hohe Einfluss und Bedeutungsgrad des Mailänder Bischofs. Dies sticht dem Leser schon bei der Beschäftigung mit den weiteren bedeutenden Kirchenvätern ins Auge. So ist etwa der eingangs zitierte Augustinus allen voran durch Ambrosius‘ Einfluss zum katholischen Christentum bekehrt worden.[1] Neben seinem Einfluss auf einzelne große Denker der Antike gründet die Popularität des Ambrosius - der vor seiner Wahl zum Bischof (374) im höheren Verwaltungsdienst tätig war und aus dem römischen Beamtenadel stammte - im Allgemeinen auf seiner allegorischen Schriftauslegung sowie seinen frühkirchlichen Hymnen.[2] Letztere dienten dem Klerus bis ins Mittelalter hinein als Inspiration. So fungierte beispielsweise der ambrosianische Hymnus Veni redemptor gentium als Vorlage für Martin Luthers Adventslied Nun komm, der Heiden Heiland.[3]

Neben der dichterischen und theologischen Seite des Ambrosius von Mailand darf jedoch nicht vergessen werden, dass er stets – vor Allem in kirchenpolitischer Hinsicht – auch eine sehr pragmatische Persönlichkeit war. Aus dem Blickwinkel von über anderthalb Jahrtausenden postambrosianischer Kirche scheint sich der Kirchenvater auf den ersten Blick auch in Widersprüche verstrickt zu haben. So trat er zwar einerseits für die strikte Trennung zwischen kaiserlicher und kirchlicher Macht ein, war aber andererseits auch ein vehementer Befürworter einer Zwangspolitik, welche gegen die Anders- und Ungläubigen seiner Zeit gerichtet war.[4] Als ein charakteristisches Beispiel kann die Wiedereinrichtung des Victoriaaltars gesehen werden. Dieser sollte der römischen Siegesgöttin huldigen und hatte bis zur Regierungszeit des Gratian im Sitzungssaal des Senats gestanden. Ambrosius, der die Statue als ein Symbol der Christenfeindschaft gedeutet hatte, bewog Gratian dazu, die Statue aus dem Sitzungssaal zu entfernen. Dieses missfiel vor allem den heidnischen Kräften im Senat, weshalb sie nach dem Tod Gratians (durch die Person des Stadtpräfekten Symmachus) versuchten, den Victoriaaltar erneut aufzustellen. Dem stellte sich wiederum der Bischof von Mailand entgegen und begründete seine Ablehnung der Wiedererrichtung in einem Brief an den damaligen Kaiser Valentinian:

Ein sicheres Heil gibt es nur, wenn jeder den wahren Gott, das heißt den Gott der Christen, der die ganze Welt regiert, aufrichtig verehrt. Er ist allein der wahre Gott, der aus innerstem Herzen angebetet wird. Denn ‚die Götter der Heiden sind Dämonen‘, wie die Schrift sagt.[5]

Bei diesem Streit ging es somit keinesfalls bloß um die Frage, ob der Altar ein angemessenes Ausstattungsstück für das römische Senatsgebäude sei. Vielmehr war der Konflikt symbolischer Natur, weil durch ihn die zentrale Frage ausgetragen wurde, welche Stellung die christliche Religion im Römischen Reich einnehmen sollte. Die Tatsache, dass Ambrosius in diesem Konflikt als einer der Hauptakteure auf christlicher Seite fungierte, ist ein untrüglicher Beweis für seine historische Bedeutung, die sich nicht bloß aus seiner Hymnendichtung und Theologie, sondern auch zentral aus seinem energischen politischen Eintreten für die christliche Kirche speist.

B.I.2. Kaiser Theodosius I.

Auch Theodosius der Große genoss in seiner Jugend die Vorzüge der sozialen Oberschicht im Römischen Reich. Einige Jahre jünger als Ambrosius, war er um das Jahr 347 in der Provinz Galaecia geboren worden und erhielt vermutlich die klassische Bildung der sozialen Oberschicht. Sein Vater, der ebenfalls Theodosius hieß, war ein ranghoher General im römischen Militär.[6] Schon in jungen Jahren begann Theodosius, seinem Vater in militärischen Aufgaben zu assistieren. Der bald folgende rasche Aufstieg des Feldherrn Theodosius gipfelte 379 in seiner Ernennung zum Kaiser im Osten des Römischen Reiches.[7] Ein Markenzeichen seiner frühen Amtszeit war dabei die für ihn charakteristische (christliche) Frömmigkeit, welche sich zum Beispiel in der Ablegung des heidnischen Priestertitels pontifex maximus äußerte.[8] Die erste größere Amtshandlung von Theodosius war im Jahre 380 der Erlass des Glaubensediktes Cunctos populos.[9] Dieses war vorrangig an die Bevölkerung von Konstantinopel gerichtet, hatte jedoch in seiner Kernabsicht verbindlichen Charakter für alle Reichsbewohner: Es sollte eine Bekenntniseinheit aller Christen im Römischen Reich (nach Petrinischer Überlieferung) herbeiführen. Gleichsam verurteilte das Edikt alle Abweichler jener festgelegten Lehre als Häretiker und legte die Strafverfolgung aller Nichtchristen fest.[10] Im darauffolgenden Jahr fand schließlich in Konstantinopel das große - von Theodosius einberufene - Konzil statt, bei dem sich alle im östlichen Teil des Römischen Reiches tätigen Bischöfe versammelten.[11] Stark von Theodosius gelenkt und geprägt, führten einige Lehren dieses Konzils im Westgebiet des Römischen Reiches zu großer Entrüstung, da es dem Bischof von Konstantinopel einen dem Bischof von Rom unmittelbar folgenden Ehrenrang zusprach. Damit brachte es sowohl der Stadt Konstantinopel, als auch deren Bischof eine massive Rangerhöhung ein.[12] Im gleichen Jahr sollte auch im westlichen Teil des Römischen Reiches ein Konzil stattfinden, welches vom dortigen Kaiser Gratian einberufen worden war und die Beschlüsse des Konzils von Konstantinopel nahezu völlig ignorierte. Auch Ambrosius hatte an diesem (westlichen) Konzil entscheidend mitgewirkt und verfasste im Anschluss daran einen Brief an Theodosius, der die Forderung enthielt, ein in Rom stattfindendes Konzil des Gesamtreiches durchzuführen. Weder bei den östlichen Bischöfen noch bei Kaiser Theodosius, der diese beeinflusst hatte, stieß diese Forderung auf besonders viel Gegenliebe.[13] Stattdessen berief der Kaiser in den unmittelbar folgenden Jahren (382/383) zwei weitere Konzile in Konstantinopel ein. Diese Versammlungen haben große Brisanz für die Frage nach der Machtstellung des Theodosius, weil dieser sich durch beide Konzile – wie Adolf Lippold anmerkt – „als Autorität […] in Glaubensfragen bei den Bischöfen des Ostens durchgesetzt hatte“[14]. Damit wird deutlich, dass auch Theodosius eine machtvolle Stellung innehatte, deren Einflusssphären keinesfalls gegenüber denen des Ambrosius von Mailand ins Hintertreffen gerieten.

B.I.3. Ausgangssituation

Somit lässt sich festhalten, dass sowohl Ambrosius als auch Theodosius zur damaligen Zeit eine enorm wichtige macht- und kirchenpolitische Stellung einnahmen. Durch die ablehnende Haltung des Kaisers Theodosius gegenüber einem gemeinsamen Konzil des Römischen Reiches - und der anschließenden zweifachen Neuauflage eines Konzils auf dem Boden der Stadt Konstantinopel - war zudem schon weit vor dem eigentlichen Konflikt das Potenzial für etwaige Spannungen gegeben. Aus diesen Tatsachen heraus lässt sich die Brisanz der Geschehnisse der Folgejahre verstehen, auf die ich im Folgenden eingehen werde.

B.II. Hergang des Konfliktes

Trotz des vorhandenen Konfliktpotenzials zwischen Ambrosius und Theodosius lässt sich konstatieren, dass beide unterm Strich ein sehr herzliches Verhältnis zueinander hatten, welches sogar in eine persönliche Freundschaft mündete. Dass dennoch zwischen diesen beiden Männern immer wieder Konflikte auftraten, lässt sich - vor allem bei Ambrosius - aus einem unbedingten Pflichtbewusstsein herleiten. Dieser sah seine Amtspflichten im Vergleich zu persönlichen Freundschaften als wichtiger an und zeigte in kirchenpolitischen Fragen mitunter eine radikale Unbestechlichkeit. Aus diesem Aspekt heraus lassen sich die im Folgenden beschriebenen Konflikte zwischen beiden historisch wichtigen Persönlichkeiten zentral herleiten, nicht aber aus persönlichen Petitessen.[15]

B.II.1. Der Synagogenbrand von Callinicum

Der erste größere Konflikt zwischen Kaiser und Bischof drehte sich dabei um den Brand der Synagoge von Callinicum. In dieser am Euphrat gelegenen Stadt hatten Christen ein jüdisches Gotteshaus niedergebrannt. Theodosius, welcher die Kultausübung der Juden ausdrücklich schütze, erachtete dies als eine Störung der öffentlichen Ruhe und sah sich somit zum Handeln gezwungen. Nachdem er von dem Brand informiert worden war, forderte er den Ortsbischof von Callinicum zum Wiederaufbau der Synagoge auf. Ambrosius, dem diese Aufforderung missfiel, griff im Konflikt um die Synagoge ein und stellte sich vor seine Glaubensbrüder, besonders vor den dortigen Ortsbischof. Dieser sei nämlich – so argumentierte Ambrosius – durch die Aufforderung des Kaisers in eine Bredouille gebracht worden: Schließlich könne er entweder zum Glaubensverräter werden, falls er nämlich die Synagoge (und damit ein jüdisches Gotteshaus) wiedererrichten würde - oder zum Märtyrer, falls er den Befehl des Kaisers zum Wiederaufbau missachtete und somit die darauf folgenden Konsequenzen zu tragen hätte.[16] Zudem berief sich Ambrosius auf die Tatsache, dass diverse andere Brandschatzungen (z.B. zur Zeit des Kaisers Julian) im Römischen Reich ohne Strafe geblieben waren, darunter auch einzelne Brandstiftungen an Kirchen durch Juden.[17]

In Bezug hierauf lässt sich eine allgemeine Feststellung über das ambrosianische Weltbild treffen. So schreibt Ernst Dassmann – einer der führenden Kirchenhistoriker, wenn es um das Leben des Hl. Ambrosius geht – dass dieser nie besonders großen Wert auf die gleichberechtigte Koexistenz von Christen und anderen weltanschaulichen Gruppen gelegt habe. Stattdessen sei für Ambrosius eine Gleichberechtigung sämtlicher religiöser Gruppen mit der Gleichberechtigung von Wahrheit und Irrtum identisch gewesen. Daher – so Dassmann – sei für Ambrosius eine solche Egalität religiöser Weltanschauungen nie möglich gewesen: das Christentum war für Ambrosius mit der Wahrheit - und andere religiöse Weltanschauungen mit dem Irrtum gleichbedeutend.[18] Nach der Intervention des Bischofs versuchte Kaiser Theodosius unmittelbar, mit versöhnlichen Schritten auf diesen zuzugehen. Ambrosius allerdings war weit davon entfernt, dem Gesuch des Kaisers nachzugeben. Theodosius, der sich zu dieser Zeit im Westen aufhielt, besuchte weiterhin die Gottesdienste des Bischofs und wurde schließlich von diesem in einer Predigt, in welcher Ambrosius an die Vergebung der Sünden erinnerte, in persona öffentlich gemaßregelt.[19] Aus eher pragmatischen Gründen änderte der Kaiser im Anschluss an diese Ereignisse seine Position und nahm seinen Befehl zum Wiederaufbau der Synagoge zurück. Wie jene Rücknahme des kaiserlichen Befehls genau von statten ging, schildert Ambrosius in einem Brief an seine Schwester folgendermaßen:

Als er sich hinsetzte, jedoch kein öffentliches Versprechen ablegte und ich stehen blieb, sagte er, er werde es korrigieren, ich begann darauf zu dringen, dass er den ganzen Prozess fallen lasse, damit der Statthalter nicht sich das Verfahren zunutze mache, um den Christen mit irgendeinem Unrecht zuzusetzen. Er stellte in Aussicht, dass dies geschehen werde.[20]

Aller Voraussicht nach war Theodosius in diesem Schlagabtausch keinesfalls inhaltlich überzeugt worden. Vielmehr lässt sich der Grund seines Zurückweichens in einer pragmatischen Zielsetzung erkennen: Der unangenehme und aufdringliche Bischof von Mailand war Theodosius (vor allem durch seine offensiven Interventionen) ein Dorn im Auge geworden. Um den Einfluss dieses dem Kaiser gegenüber häufig aufsässigen Bischofs zu minimieren und ihn ruhigzustellen, gab Theodosius der Forderung des Bischofs nach.[21] Nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass die Verhinderung von Unruhen im Römischen Reich – wie oben bereits beschrieben - der Hauptgrund für Theodosius‘ erste Intervention gewesen war. Gemessen an dem, was nur wenige Monate später geschehen sollte, schien sich sein Erfolg jedoch merklich Grenzen gehalten zu haben. B.II.2. Das Massaker von Thessaloniki Im Jahr 390 spitzte sich der Konflikt zwischen Kaiser und Bischof zu. Ausgangspunkt des Massakers von Thessaloniki war die Verhaftung eines beliebten, aus Thessaloniki stammenden Zirkusrennfahrers. Dieser war durch den Militärbefehlshaber des Kaisers verhaftet worden, weil er gegen ein Gesetz zum Verbot widernatürlicher Unzucht verstoßen hatte. Die Popularität des Rennfahrers führte dazu, dass das Volk beim nächsten Wagenrennen seine Freilassung forderte. Dieses lehnte der Befehlshaber des kaiserlichen Militärs jedoch ab, woraufhin es zu großen Tumulten kam, bei denen der genannte Militärbefehlshaber zu Tode kam.[22] Diese Geschehnisse lösten großes Missfallen beim Kaiser aus, der zu dieser Zeit ohnehin mit vermehrten Unruhen zu kämpfen hatte (immerhin lag auch Callinicum erst wenige Monate zurück). Diverse kleinere Unruheherde summierten sich zu einer Krisensituation für den Kaiser, der sich schließlich – nach längerer Beratung mit seinen Militärs - dazu durchringen konnte, die Bevölkerung von Thessaloniki zu bestrafen. Auch wenn die Ereignisse des Jahres 390 teilweise im Dunkeln liegen, so scheint doch relativ deutlich zu sein, dass Ambrosius dem Kaiser davon abgeraten hatte, sich an der Bevölkerung der Stadt zu rächen.[23] Offensichtlich versuchte Theodosius daraufhin, den bereits gegebenen Befehl zur Bestrafung der Stadtbevölkerung rückgängig zu machen. Jener Rückruf war allerdings zu spät gekommen: der von Theodosius gegebene Befehl zur Exekution großer Teile der Stadtbevölkerung war bereits ausgeführt worden. Offenbar hatte der Kaiser seinen Militärs gar eine bestimmte Zahl an durchzuführenden Hinrichtungen vorgegeben. So kam es schließlich zum berühmten Massaker von Thessaloniki, dessen Dimension in der historischen Forschung allerdings bis heute umstritten bleibt: die Rede ist von mindestens 7000 getöteten Menschen (Dassmann spricht gar von 7000 – 15000 Toten[24] ), wobei diese Zahl vor dem historischen Hintergrund wohl nicht wörtlich zu verstehen ist. Auch wenn Hetzjagden und die Ermordung von Menschen in der Spätantike keine Seltenheit gewesen seien, so sei diese Zahl – dem Althistoriker Leppin zufolge – dennoch nicht repräsentativ für die Epoche der Spätantike. Zudem widerspräche diese Opferzahl „dem Geist der Zeit und vollends der Politik des Kaisers, der bisher bei solchen Gelegenheiten hatte Gnade walten lassen“[25]. Nichtsdestotrotz lässt die angegebene Zahl erahnen, welche Dimensionen das Massaker angenommen haben musste.

B.II.3. Reaktionen auf das Massaker

Viele Parteien stellte das Massaker vor große Probleme: zunächst den Kaiser selbst, dem die Situation in Thessaloniki entglitten war. Der Rückruf, den er an seine Truppen entsandt hatte, war zu spät gekommen, weshalb es überhaupt erst zum Massaker kommen konnte (siehe oben). Hinzu kam nun, dass in Mailand (immerhin der Bischofsstadt des Ambrosius) eine Synode tagte, welche das Massaker von Thessaloniki ausdrücklich verurteilte. Neben dem Kaiser wurde dort auch Ambrosius für das Massaker mitverantwortlich gemacht: dieser hatte sich im Vorfeld des Massakers (auch im Kontext des Synagogenbrandes von Callinicum) einen Ruf als Bändiger der kaiserlichen Macht eingebracht. Man glaubte (gewissermaßen aus der historischen Erfahrung heraus), Ambrosius könne stets seinen Einfluss auf Theodosius geltend machen und somit etwaige Gnadenentscheidungen des Kaisers herbeiführen. Nun sah Ambrosius die eigene Vermittlungsfähigkeit durch seine Mitstreiter auf der Mailänder Synode infrage gestellt. Weil sein Ansehen zu bröckeln drohte, sah sich Ambrosius selbst zu einer Reaktion dem Kaiser gegenüber gezwungen.[26]

[...]


[1] vgl. Ritter, Adolf Martin, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Bd. 1. Alte Kirche, Neukirchen-Vluyn 2004, S.184

[2] vgl. ebd., S.184

[3] vgl. Zerfass, Alexander, Mysterium mirabile. Poesie, Theologie und Liturgie in den Hymnen des Ambrosius von Mailand zu den Christusfesten des Kirchenjahres, Tübingen 2008, S.140

[4] vgl. Ritter, Adolf Martin, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Bd. 1. Alte Kirche, Neukirchen-Vluyn 2004, S.185

[5] Klein, Richard, Texte zur Forschung. Bd. 7. Der Streit um den Victoriaaltar. Die dritte Relatio des Symmachus und die Briefe 17, 18 und 57 des Mailänder Bischofs Ambrosius, Darmstadt 1972, S.117

[6] vgl. Lippold, Adolf, Theodosius der Große und seine Zeit (= Beck’sche Schwarze Reihe 209), München 1980, S.11

[7] vgl. ebd., S.15

[8] vgl. ebd., S.16

[9] vgl. Ritter, Adolf Martin, Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. Bd. 1. Alte Kirche, Neukirchen-Vluyn 2004, S.178

[10] vgl. Lippold, Adolf, Theodosius der Große und seine Zeit (= Beck’sche Schwarze Reihe 209), München 1980, S.21f.

[11] vgl. ebd., S.25

[12] vgl. ebd., S.26f.

[13] vgl. ebd., S.27

[14] ebd., S.29

[15] vgl. Bardenhewer, Otto u.a., Bibliothek der Kirchenväter I. Bd. 17. Des heiligen Kirchenlehrers Ambrosius von Mailand, Kempten 1914, S.15

[16] vgl. Leppin, Hartmut, Theodosius der Große (= Gestalten der Antike), Darmstadt 2003, S.139

[17] vgl. ebd., S.140

[18] vgl. Dassmann, Ernst, Ambrosius von Mailand. Leben und Werk, Stuttgart 2004, S.186

[19] vgl. Leppin, Hartmut, Theodosius der Große (= Gestalten der Antike), Darmstadt 2003, S.141

[20] ebd., S.141

[21] vgl. ebd., S.143

[22] vgl. Dassmann, Ernst, Ambrosius von Mailand. Leben und Werk, Stuttgart 2004, S.187

[23] vgl. ebd., S.187

[24] vgl. ebd., S.188

[25] Leppin, Hartmut, Theodosius der Große (= Gestalten der Antike), Darmstadt 2003, S.154

[26] vgl. ebd., S.155

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
"Tue Buße vor unserem Gott!". Die Aufforderung des Bischofs Ambrosius von Mailand zur Kirchenbuße an Kaiser Theodosius I. (390)
Untertitel
Ein Vorbild für mittelalterliche Päpste im Konflikt mit Kaiser und König?
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V442331
ISBN (eBook)
9783668803961
ISBN (Buch)
9783668803978
Sprache
Deutsch
Schlagworte
buße, gott, aufforderung, bischofs, ambrosius, mailand, kirchenbuße, kaiser, theodosius, vorbild, päpste, konflikt, könig
Arbeit zitieren
Tobias Laubrock (Autor:in), 2018, "Tue Buße vor unserem Gott!". Die Aufforderung des Bischofs Ambrosius von Mailand zur Kirchenbuße an Kaiser Theodosius I. (390), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442331

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