Paul Fechters Aufsatz "Dichtung & Journalismus"


Essay, 2008
23 Seiten

Leseprobe

1. Inhaltsverzeichnis

2 Fechter, Künstler & Kritiker
2.1 Literatur, Malerei, Musik
2.2 Die Aufgabe der vermittelnden Rezeption

3 Dichtung – Journalismus, ein polarisierendes Modell
3.1 anhand der Zeitachse
3.1.1 Die genetische Herleitung
3.1.2 Die synchrone Perspektive
3.2 vom Adressaten her
3.2.1 „Die Wenigen“
3.2.2 „Die Masse“
3.3 Ein attribuierender Vergleich
3.3.1 Was ist Dichtung?
3.3.2 Was Journalismus?

4 Erweiterung: Rückführung auf das Medium als „Dritten Spieler“
4.1 Das Einzelne & das Ganze
4.2 Die Berufung des Feuilletonredakteurs
4.3 Verwerfung der Trennung

5 Chronologie einer Schicksalhaftigkeit
5.1 „Dialektik der Aufklärung“
5.1.1 Die realistische Basis
5.1.2 Der ideale Logos
5.2 Allgemeine Präliminarien, über den Aufsatz hinausgreifend
5.2.1 Bardenwissen und fahrende Scholasten
5.2.2 Der Buchdruck und die Heilige Schrift
5.3 Emanzipation des Journalistischen
5.3.1 Dt. Idealismus vs. Materialismus, eine Pattsituation
5.3.2 Wegmarken

6 Metakritik, oder die Kritik an der Kritik

7 Ausgewählte Literatur zum Thema

2. Fechter, Künstler & Kritiker

Diese eingängliche Zweideutigkeit ist gewollt, in ihrer Ambiguität zeichnet sie die beiden Pfade bereits vor, in welche sich diese Arbeit bewegen möchte. Denn Paul Fechter, geboren am 14. September 1880 in Elbing, war in der Tat jemand, der sich ausgiebig und jahrzehntelang mit Kunst und Kritik professionell befasste, von Berufs Wegen aber gerade selbst eben hinwiederum auch eines, nämlich Dichter und kritisch Reflektierender in eigener Person gewesen ist. Wobei Dichtung bei ihm mehr Berufung war als Broterwerb, das Schreiben über Dichterisches im weitesten Sinne hingegen, dessen Breite und Tiefe gleich noch erläutert werden wird, diente Fechter wohl wirklich lange Zeit nicht zuletzt zum Lebensunterhalt. Dass aber gerade daran die durchdachte Analyse, das assoziative Strukturieren und auch die normative Wertung keineswegs gebrechen muss, wie es vielleicht ein Schopenhauer[1]noch für eine Philosophie konstatiert, sondern vielmehr durch den Qualitätszuwachs des etablierten Expertentums mitsamt seinem Zugang zu den einschlägigen Kreisen und Szenen eher noch gewinnen kann; auch das möchte dieser kurze Essay wenigstens schemenhaft skizzieren. Doch zunächst einmal: was ist eigentlich gemeint, wenn Fechter von Dichtung spricht?

2.1 Literatur, Malerei, Musik

Denn „Dichtung“, das ist klar, dass ist für ihn zunächst einmal nicht ausschließlich das Geschriebene, wenn auch vielleicht in erster Linie. Der Begriff beinhaltet für ihn, und sicherlich nicht nur für ihn, durchaus mehr, als eine oberflächliche und unhinterfragte Benutzung dieses Terminus vordergründig nahelegt. Denn Dichtung, ohnehin schon vom Epos bis zum Gedicht, von der Lyrik und Poesie bis zur Prosa reichend, kann auch der später vertonte Liedtext sein; und von da ist der Sprung nicht mehr weit, gleich die „Schrift der Noten“ und die akustische Lautmalerei als Ganzes mitaufzunehmen, zum wirklichen Zeichnen gemäß dieser Logik sowieso. Denn wer würde bestreiten, dass die Plastik auch eine Form der Schrift, das Landschaftsbildnis ein Exzerpt aus dem „großen Buch der Natur“ ist? Wie wir aus der Geburt der Venus etwas über die quasi wiedergeborene Lesart des Antiken der bald hereinbrechenden Hochrenaissance erfahren, so können Impressionen einer Südseereise ohne Zweifel als „Abschrift“ von einem großen Kunstwerk gelten; was dem nichts der Natürlichkeit nimmt. Und wirklich: je näher uns die Klangfülle dieses oder jenes Konzerts, gar dieser oder jener musikalischen Eigenleistung und sei sie auch noch so theoretisch wie fachlich dilettantisch, an das Wesen selbst bringt, den Hörer und Artisten näher an die kosmische Sphärenharmonie auf beschwingten Flügeln heranträgt, gegebenenfalls bis zum universalen Crescendo, so kann man dem furiosen Finale des gesamten Orchesters keineswegs absprechen, sich selbst um das Ganze bereichert zu haben und zugleich die himmlische Erhabenheit, sei es nun das Sein oder die Nichtexistenz, belanglos am Gipfel der Komposition eines unikaten Kompositums, um ein zwei, wo sogar um ein paar Akkorde ergänzt zu haben, die ebenso flüchtig wie just noch Eindruck hinterlassend, erneut und fährtenlos ins Jenseits verklingen. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille, isoliert in ihrer Idiographie, ein Idiom ohne Gegenpart, eine in der Leere verrauschende, wenn nicht verrauchende Rede.

2.2 Die Aufgabe der vermittelnden Rezeption

Doch genau davon, vom Gefühl namentlich, soll sich der Vermittler,per definitionemwill man hinzugesellen, freihalten. Nicht „Strohmann“ und nicht Unterhändler, nicht heimlicher Manipulator oder schlimmstenfalls offener Demagoge, sondern in essentiellster Bedeutung des Wortes Medium soll der „Gemeinsame Nenner“ sein, ob der kleinste oder etwa am anderen Extrem das größte Vielfache, sei vorläufig dahingestellt. Vorläufig, und das müssen wir hier nochmals hervorheben, vorläufig derart im imaginären Raume positionieren, denn wie sich noch zeigen wird: das endgültige und absolute Klarheit schaffende Verdikt scheint in dieser Sache noch nicht gefallen, auch der Autor des Aufsatzes selbst wird seine Eingangsthese variieren, ihr in manchen Punkten offen widersprechen, sie gegen Ende seiner Untersuchung dann auch wieder verwerfen. So halten wir diesen Anfang also fest, mit dem Vorbehalt, dass er sowohl eine „evolutionäre“ wie geschichtliche Entwicklung aufzeigen könnte, als auch ein Konzept zu formalisieren bestrebt ist, welches sowohl äußerst schwer fassbar, als auch keineswegs leicht zu umgrenzen ist, vielerorts aus ureigenster Absicht und standesgemäßer Rebellion jedwedem solchen Unterfangen immer schon a priori sich zu entziehen bemüht. Da es aber weder möglich ist, die lebendigen Gegebenheiten zu Fechters Lebzeiten, oder, noch verwegener, diejenigen des Behandlungszeitraums des Aufsatzes zu rekonstruieren und alle Blicke aus gegenwärtiger Perspektive zwangsläufig mit der Gefahr des ungebändigten Anachronismus rechnen müssen, bleibt im Prinzip nichts anderes übrig, als zu erläutern und das immer auch in spezifischer, einzigartiger und im basalsten womöglich nie verständlicher Lesart, was sowohl für den Autor als auch den dieser noch viel bescheideneren Zeilen gelten dürfte. Doch das sind andere Fragen und vom Zweck her mehr Verwahrungen und Verklausulierungen, wie sie nicht im Geringsten auch Fechter selbst hier und da gerne wieder in Erinnerung ruft und auch der nun sich plagende Verfasser ist der Meinung, dass man dem je einzigartigen, subjektiven Aspektimmerkaum zu unterschätzende Geltung entgegenzubringen hat.

3. Dichtung – Journalismus, ein polarisierendes Modell

Und exakt das ist es, was gerade Fechter so interessant im Kräftespiel dieser zwei Mächte werden lässt, ein Routinier beider Welten, der zwar durchaus Stellung bezieht, aber weder ohne eingehendes Kalkül, noch die Fähigkeit zur bleibenden Fairness in der Betrachtung des Gegenstandes ermangeln zu lassen. Ganz im Gegenteil, die Sachlichkeit mit der der versierte Feuilletonist an diese Problematik herangeht, hat in den Anfangspassagen fast etwas Mathematisches, eine Stringenz, Komplexität & das trotzdem in einer Einfachheit, wie man sie sonst vielleicht nur in einer architektonischen Blaupause oder der Versuchsanordnung eines quantenmechanischen Experiments gewohnt ist. Eventuell kein Zufall, wenn man sich vor Augen hält, dass dies ja auch Fechters ursprüngliche „Schule“ war, die man dann aber doch wieder so gar nicht herauszufiltern geneigt ist, wenn man Text und vor allem Kontext weiter folgt. Denn dann offenbart sich schnell, wie die oft in ausschweifendem Bogen über Seiten gespannte Ordnung des rohen Skeletts der Gliederung virtuos mit einer Eloquenz und sprachlichen Üppigkeit, einer stilsicheren ständig neu erfolgenden Generierung der noch so verspieltesten und verziertesten Phrasen beladen wird, dass nichtsdestotrotz zwischen allerlei Brimborium und blühendster, versatilster Lebhaftigkeit der Argumentation der rote Faden der Abhandlung keineswegs im hohlen Säbelrasseln und Brimbasserei verlorengeht, sondern ganz kontraintuitiv sich dem Wahren und Philosophischen zutiefst anzunähern in der Lage ist. Doch genug zum Pathos erstarrter Rede, geschöpft aus den Kavernen des inspirierten Geistes, das wirklich Eigene bleibt dabei auch nicht auf der Strecke, also dass man den Dr. Paul Fechter durchaus wiedererkennt.

3.1 anhand der Zeitachse

Doch wie nun, en detail, dröselt der Protagonist dieses verworrene und dem Anschein nach bis zum Nonplusultra verhedderte Beziehungsgeflecht der beiden zur Debatte stehenden Faktionen auf? Nun, bekanntlich lassen sich die gefürchtetsten Knoten durch schiere Gewalt entzweien, dem hier paradoxerweise mehr eine resultierende Einigung gegenübersteht. Nichtsdestoweniger bleiben auch hier zunächst zwei Hälften, die sich ihrerseits wieder in zwei grobe Bestandteile zerlegen lassen. Zum einem differenziert Fechter mit Hilfe des Kriteriums der Zeit, zum andern mithilfe einer „klassischen“ (in der doppelten Implikation dieses Signifikanten) Vorstellung pyramidaler Gesellschaftsordnung. Und wie, das soll nun ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.

3.1.1 Die genetische Herleitung

Bezüglich des Ereignishorizontes kommt zuvörderst die lapidare historische Perspektive ins Spiel, oder, vielleicht etwas mehr im Sinne eines Weltbildes, welche die Auswirkungen des Darwinismus bereits rezipiert hat (und in Bälde in leider wirkmächtigen Teilen so mancher Nation den Unfug im Sozialdarwinismus auf die Spitze treiben wird), die evolutionäre Sicht, der Dinge in diesem Fall. Soll heißen, auf den Punkt gebracht, der Journalismus entstand im Laufe eines mit ziemlicher Sicherheit unvermeidlichen Entwicklungsprozesses ganz natürlich aus der präformierten Gesamtsituation einer an ihre Grenzen gestoßenen Dichtung, was die Kunstfertigkeit und Beherrschung der Mittel des Genres anbegeht. Wenn man nicht ohnehin der Meinung ist, die „Kunstgeschichte“ an sich (und zwar weniger die Konservierung als die Werke selbst), sei ein einziger, ausgedehnter und schier endloser Kommentar der griechischen und lateinischen Antike und all der Ursprünge, die zumeist unter den Tisch gekehrt werden, wie die Nordistik gerade im akuten auch geographisch von dort stark beeinflussten Gefilde, oder gar das Indische, wenn nicht, noch „exotischer“, Taoistische, bekanntermaßen eine beliebte Mode in der „Avantgarde“ auch und gerade der Zeit, die Fechters Aufsatz behandelt, wenn man also von all diesem Althergebrachten, immer-schon-Dagewesenen und bestenfalls anhand „vorteilhafter Mutationen“ leicht modifizierten absieht, um in der Metapher des Evolutiven zu bleiben (und was vorteilhaft im rein Aesthetischen Raum, der per se, besser, qua conditio sine qua non „sinnlosen“ Kunst bezeichnen will, darüber ließe sich sehr wohl streiten und das scheint „des Pudels Kern“ schon bedrohlich nahe zu liegen), also dass man davon absieht, in einer oftgebrachten Wendung Fechters[2]; selbst dann noch müsste man einräumen, dass mit dem Umsichgreifen der radikalen Analytik, die dann bald schon ihr Zerrbild, ihre im billig nachgeahmten Spiegel entstellte Fratze in dernurnegativen undnursensationslüsternen ParodiewahrerKritik findet, dass mit dem Aufkommenechter Kritikalso, der Entstehungsprozess des Journalismus so richtig an Fahrt gewinnt. Ohne aber schon allzu viel vorgreifen zu wollen, möchte sich dieser Gedanke noch auf ein paar Seiten später vertagen, wo er unter Umständen einen adäquateren Aufenthaltsort finden kann, in ergiebigerer kontextueller Nachbarschaft.

3.1.2 Die synchrone Perspektive

Denn an dieser Stelle sei nun erst einmal der andere Pol des zeitlichen Fokus präsentiert, allein schon der Schlüssigkeit halber. Während nämlich die Wirkrichtung, um erneut den Naturwissenschaften ihren Tribut zu zollen, hic et nunc der Physik im Besonderen, zwischen Dichtung und Journalismus wie eben beschrieben eine kausale zu sein scheint, wird die Lage verkompliziert durch eine diametral entgegengesetzte Zeitdimension und zwar eine sozusagen simultane. Es ist ja schließlich nicht so, dass mit dem Anbrechen der Aufklärung, der sich durchsetzenden Kritik und dem sich konturenhaft manifestierenden Journalismus, das Dichterische plötzlich und mit einem Schlage völlig passé wäre, im Gegenteil, gerade die breitenwirksame Diffusion & Distribution muss auch der „Mutter“ neue Schubkraft verliehen haben. Insofern war es wohl nötig, wohl mehr unbewusst als gewollt, eine Art von Arbeitsteilung, wie sie sich ja um die Zeit herum überall in immer weiterer und weiterer Spezialisierung[3]herauskristallisiert, zu konstituieren, die die Begriffe aber andererseits einer ersten gegenläufigen Annäherung unterzieht. Nun nämlich ist es möglich, beide doch sehr oft oppositionellen Parteiungen auf einer wahrlich gemeinsamen Achse zu platzieren und sich gar zu Behauptungen zu versteigen, man verstehe dies nicht ohne eine gehörige Portion Ironie denn es stimmt allemal, ist plausibel und einleuchtend, Journalismus wäre doch letztlich nichts anderes als die „Dichtung am Tage“. Dies gälte es jetzt noch kurz zu explizieren, etwas präziser kann man dieses Fechter'sche „statement“ wiederum aus zwei Richtungen angehen: beides ist zutreffend, sowohl die Erkenntnis eines Literarischen, welches stets zum Ziel hat „Journalismus im großen Stil“ zu betreiben, beispielsweise einen „Leitartikel“ zu verfassen, der sich gleich mit einer kompletten Zeitströmung befasst, als auch die Aussage, im alltäglichen Zeitungsbericht, an angemessener Stelle selbstverständlich, ließe sich durchaus auch das „Lyrische der Banalitäten“ heraussondieren, eine Rezension über ein belangloses und längst der Vergessenheit anheimgefallenes Theaterstück könnte ohne Probleme kunstvoller und formgewandter sein, als das Kunstgebilde selbst es ursprünglich war.[4]Aber auch diese Betrachtung soll später noch etwas unterfüttert werden.

3.2 vom Adressaten her

Zunächst zu einer zweiten Kategorie. Der temporalen Fallunterscheidung steht schließlich noch eine „bevölkerungstechnische“ zur Seite und so bizarr diese Formulierung auch anmuten mag, läuft es doch de facto darauf hinaus. Fechter und das keineswegs als Pionier und Vorkämpfer, sortiert nämlich die Menschheit und auch das mindestens ein Stück weit zu recht. Ein Shaw-Zitat[5]mag diese kreative Schichtung der Gesellschaft veranschaulichen, auf welches er sich stützt, das aber mit einem Esprit und Sarkasmus, der dem des Zitierten in nichts nachsteht und wobei so viele wechselnde Auslegungen das eigentlich zu Fundierende, Gemeinte mysteriös machen. Shaw spricht in der Tat von dem archetypisch sich verstanden wissen wollenden „Genie“ und dem ebenso aufzufassenden „gewöhnlichen Menschen“, dass er dazu aber ausgerechnet besagte Geistesgrößen als „Inhaber höchst fraglicher Patente und Denkmethoden“ diffamiert und als Fazit anhängt, wer seinen Homer dem Mitschüler an den Kopf werfe, mache noch den vernünftigsten Gebrauch davon, was buchstäblich interpretiert werden will, ist nicht minder grotesk, als Fechters ab und an wieder erfolgender Rekurs im weiteren Verlauf auf eben jene Unterscheidung, bis zu dem Punkt, wo er die selbst provisorisch gezimmerten Grenzen wieder ebenso unverzagt einreißt, nachdem sie ihrer Funktion als erhellender Heuristik Genüge geleistet haben. Doch so weit sind wir noch nicht, denn es bedarf freilich auch hier wieder eines Antagonisten und einer bündigen Beleuchtung beider.

3.2.1 „Die Wenigen“

Insgesamt aber ist dieser Abschnitt etwas heikel, allerdings erst ex post, denn zu Zeit der Herausgabe des Sammelbandes, aus dem hier das Grundlagenmaterial bezogen wird, bahnte sich die katastrophale Wendung einer in erster Linie ganz harmlos zu begreifenden Differenzierung höchstens in einigen wenigen Indizien an. Dass derjenige, der ungefähr anderthalb Jahrzehnte später als Adenoid Hynkel von Chaplin herrlich persifliert werden wird, ein Jahr zuvor putschen wollte, mag eines dieser denkwürdigen, mehr fragwürdigen Ereignisse gewesen sein, doch ein Versuch, ein weiterer muss man sagen, die Weimarer Ordnung zu untergraben, schien vorerst relativ unbesehen nichts Herausragendes.[6]Und wirklich, es ist auf den ersten Blick nicht völlig ersichtlich, wie ein gescheiterter Postkartenmaler aus einem kleinen Dorf am Inn, kurz darauf in der Lage sein wird, die philosophischen Errungenschaften exemplarisch eines Hegel oder Nietzsche zu pervertieren und sich dabei selbst zum „Grofaz“ zu arrondieren. Während nämlich noch deren Aufrufe zum Ablegen des Knechtischen in der „Phänomenologie“[7]oder zur „Wandlung zum Übermenschen“[8](wobei dem flüchtig Besehenden entgehen musste, dass die dritte Metamorphose ja „nur“ wieder das Kind ist und klarerweise nicht jenes mit der Lupe und dem Ameisenhaufen) zweifellos radikal, vermutlich zu scharf ausfielen, hatten sie vom Impetus her trotz allem etwas wahnsinnig Aufklärerisches, vom Imperativ her Befreiendes. Doch leider, so wie auf dem Humus des zeitgenössischen Faibles für das Theosophische, wo nicht Okkulte der naturalistische Fehlschluss gedeihen musste, man hätte dem Ganzen wohl nun den „Untermenschen“ gegenüberzustellen, ist es vielleicht doch etwas einsichtiger, wie noch die um Bismarck sich scharenden „Alten Eliten“ aus dem Bourgeoisen und salonfähiger Herablassung heraus in wenigen Schritten zur „Herrenrasse“ des SA-Niveaus einer Wirtshausrauferei sich emporhangeln konnten. Das galt selbstredend nur von Teilen, wie auch die mediale „Manövriermasse“ ein eher der geschichtlichen Verbrämung zuliebe überlieferter Topos sein wird, wenn auch hier ebenso gemeinplätzig wiederum etwas Wahres daran sein muss. Wer denn nun die eigentlichen Gestalter und Personifikationen ganzer Epochen der Kunst waren, auch darauf soll in geeigneterer textueller Verortung noch kurz überblicksartig eingegangen werden; die Großen Namen, man kennt sie ja ohnehin, wenn sicherlich auch einige dieser Thematik um Dichtung und Journalismus als näherstehend sich erweisen werden, als andere.

3.2.2 „Die Masse“

Und dann wäre da noch die Menge, der Durchschnittsmensch, in ihren negativsten Konnotationen gar die Plebs, der Pöbel, das Proletariat. Weit entfernt davon dieses vertiefend politisieren zu wollen, soll uns nun jedoch nur die Folgerung für die Kunst, Kultur & Kritik beschäftigen, die weniger aus diesem „Weltbild“, sondern schlicht und ergreifend aus einer Anerkennung der normativen Kraft des Faktischen resultiert, obwohl man auch hier wieder einen vermögenden und durchsetzungsfähigen Einwand ins Feld führen kann. Mit anderen Worten ist hier nicht von einer Schichtung des Einkommens, des Prestiges oder gar der Geburt die Rede, der „gewöhnliche Mensch“ nicht nur Shaws zeichnet sich lediglich dadurch aus, dass er künstlerisch einigermaßen unbegabt ist. Es ist also offensichtlich der Fall, dass den Schaffenden, Geistvollen und Trägern der Hauptlast der Kultur ein weitaus größerer Part der Bevölkerung gegenübersteht, der diese Attribute nicht für sich beanspruchen kann. Unter dem humanistischen, altphilologischen Ideal der Zeit gewertet, muss man dies sicher so stehen lassen, doch unter etwas permissiveren Kriterien, was denn nun Kunst eigentlich überhaupt sei, darf man das mit Sicherheit beanstanden, und gerade diese Lockerung der durch die Vorschriften, Kodizes und stillschweigend gültigen Verfahrensweisen der Vergangenheit eingeschnürten Richtlinien des, mit Platon, oder Sokrates, was man ja nie weiß, Schönen, Wahren und Guten – eben jene Lockerung wiederum ist es ja genau, die nicht nur dem aufstrebenden Berufsstand des Zeitungsredakteurs und kunstkritischen Bohèmes vorschwebt, sondern in der Rezeption dieses wichtigen Kurswechsels vor allem auch Fechter selbst, ein Punkt, den er, wie auch immer er persönlich dazu Stellung genommen haben mag, gar nicht oft genug betonen konnte und als die zentrale Veränderung hinter der hier beschriebenen Dynamik ausmacht.[9]Was uns neue Schwierigkeiten eröffnen würde: man denke an die einstige Verachtung des Handwerklichen, welches den „freien Künsten“ immer schon als sklavisch gegenüberstand, ungeachtet der kunstfertigen Höchstleistungen vielleicht eines Goldschmiedes oder Zimmermanns, wo sich so manches akkreditierte „Werk“ unter Umständen bleich und steril, gar seelenlos arm dagegen ausnehmen kann. Auch die Kunst im Alltäglichen, insofern doch exakt dadurch der Journalismus seine Aufwertung, überhaupt erst Entstehung & Etablierung legitimiert, wie sie außerdem im Portefeuille des Hobbymalers oder heimlich Musizierenden vorkommen mag, wird dabei vernachlässigt, obwohl die neueren behandelten Strömungen, um ein wenig vorzugreifen, ja eben diesen Weg einschlagen, bis zu dem Moment, den freilich der vorliegende Text nicht mehr abdeckt, abdecken kann, quasi außerhalb des Relevanten Raum findet (was immer schon Joch und Bürde der Kunst praktisch gemäß einer „Naturgesetzlichkeit“ zu sein hat), wo doch dann der Fettbatzen in der Ecke auf einmal auch Kunst sein kann, Kunst ist, oder gar, fast noch „gewöhnlicher“, die Konservendose. Doch ohne wieder allzu sehr dem Anachronismus zu verfallen und schon dem Kommentierenden Luft zu verschaffen, legt dieser Vergleich zumindest nahe, wenn das Volk nicht immer schon, jedermann, die Möglichkeit hatte und nutzte, in Eigenregie zu kreieren, und oft über das „künstlerische“ des Künstlerischen hinaus, falls man dies also aus welchen Motiven auch immer negieren möchte, so muss man immerhin einräumen, dass diese begriffliche Extension, der Fläche die er zu umgrenzen die Kraft besitzt, wie von nichts Anderem von diesen Prozessen der Rebellion, des Aufbegehrens gegen den „Status Quo“ abgehangen haben muss, bis zu einer banalen Erkenntnis des Heutigen, wo jeder bessere „Bastler“ noch die Kunst altaussehen lassen kann. Was natürlich wieder Eingang in die Überlieferung findet, was nicht apokryph bleibt, oder gar ganz der Vergessenheit zum Opfer fällt, sondern den Weg ins Kanonische antrat, ja, das hinwiederum ist auf einem völlig anderen Vellin geschrieben. Ein letzter, gänzlich verschiedener Ansatz könnte aber auch so lauten: mit dem Erstarken des Journalismus, evtl. auch wegen der gleichzeitig restriktiver werdenden Pressegesetzgebung, setzt auch die Innerlichkeit des Biedermeiers ein und der „Deutsche Michel“ schreibt sich ja das Normale, das Unauffällige, das Gewöhnliche eben mit Stolz auf seine Fahnen, die Rollenzuweisungen des Sozialgefüges, ein später Nachklang einer von Calvin so prägnant formulierten Prädestination, sind um das 19. Jahrhundert einfach noch verbindlicher und auch Fechter entzieht sich dem (religiös umgefärbten) noch nicht so, wie er vielleicht möchte, wenn er später sagen wird, dass Journalismus, für ihn auch und als unumgängliche Voraussetzung die Nähe zum „kleinen Mann“, Berufung, Schicksal und nicht etwa nur und von Hinz und Kunz erlernbare Verdienstmöglichkeit sei, paradoxerweise, muss man auch hier ergänzen, wenn das Kriterium des „Auserwähltseins“ gerade dasjenige ist, den sprichwörtlich „Nicht-Erlesenen“, weniger Belesenen, besonders grün zu sein.

[...]


[1]In der Quellenangabe finden sich über Fechter hinaus einige Werke, die für wichtige Eckdaten seiner Argumentation stehen. So könnten die „Anekdoten“ zum Beispiel für die hoch veranschlagte Skepsis herhalten, die entweder „der protoptypische Journalist“ dort entlehnt hat, oder umgekehrt, oder einfach Spiegel einer beliebter werdenden Denkmethode sein. Freilich ist das rassistische Gezeter und Gekeife dort ein Malus, Schopenhauer, loc. cit.

[2]Vor allem in einem frühen Roman, dann eher selten, gebrauchtes Stilmittel welches vor der prächtigen „Floskelfülle“ dieses Textes schon obsolet ist, andernorts bisweilen aber auch auftaucht, fraglich ob es ein Merkmal ist und durch totale Erkundung, die hier nicht geleistet werden kann, klärbar.

[3]Verweisen wir auf Marx, loc. cit, auch für einen weiteren unten genannten Gedanken. Plötzlich schreibt jemand nicht mehr nur theoretisch, sondern beschreibt einfach auf Seiten über Seiten die unzumutbaren Lebensverhältnisse der Arbeiterschaft, auch das ein Anhaltspunkt für das einsetzende Materialistische.

[4]Was Fechter auch sogleich bewerkstelligt, wenn man dem Autor dieses Textes möglicherweise sein Banausentum auf diesem Sektor verzeihen muss, falls er da dem ein oder anderen hochgeschätzten Bühnenschriftsteller unrecht tut; keineswegs die Intention hinter dem hier Aufzuzeigenden. Vgl. die gelungenen und z. T. vor Witz („wit“) sprühenden Kritiken in Fechter, Große Zeit des dt. Theaters, loc. cit., passim

[5]Siehe Fechter, Dichtung & Journalismus, loc. cit., S.211

[6]Auch sollte man um der historischen Verankerung willen noch zwei weitere Fakten vertäuen und festzurren: zum einen muss die Last eines Versailler Diktats, eines „Schandfriedens“ mitsamt Reparationen, erneut eine Wendung zum (Hoch-)Geistigen begünstigt haben, zum andern beweisen „Dolchstoßlegende“, Straßenkämpfe wenige Jahre zuvor und internationale Isolation, dass nicht nur Deutschland innerlich, wie die Welt äußerlich zerrissen war, in womöglich gar mehr als zwei Gruppierungen, wir werden darauf zurückkommen, eine Situation, die sich nicht nur in dieser dialektischen Bewegung des Textes, der Zeit, ja vielleicht der Menschheitsgeschichte als Ganzes widerspiegeln könnte, sondern vielmehr noch, dass auch dieser Konflikt, als sublimierte fundamentale Problematik, noch nicht ausgestanden gewesen ist, wo doch bereits ein Jahr später die Schwerindustrie schon wieder Pläne für die schnelle Umrüstung der Zivilgefährte in Kübelwägen in den Schubladen parat hält. Und wirklich, die Zukunft bewies, wie sich das Demokratische gegen das Autokratisch-Totalitäre durchzusetzen vermochte, wenn auch nicht überall und unter sehr zu bedauernden Verlusten mehr als tragischen Ausmaßes.

[7]Hegel, loc. cit., S. 153 ff.

[8]Zarathustra beginnt wichtige Quersummen und noch hermetischere Schlüsse als die üblichen kryptischen Äußerungen paasenderweise auch mit „also“, da wo Fechter mit dieser Einleitung Unklares beseitigt. Das Werk ist wichtig für die Umstrittenheit Fechters und als weiterer Meilenstein auf der Zeitbahn des Aufsatzes.

[9]Das Alte zu dem man Distanz gewinnen wollte: paradigmatisch Kant, KdU, loc. cit., Über Anmut und Würde, Über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts in einer Reihe von Briefen & Über naive und sentimentalische Dichtung, in: Schillers Werke, loc. cit., S. 520-710

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Details

Titel
Paul Fechters Aufsatz "Dichtung & Journalismus"
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V442388
ISBN (eBook)
9783668815636
ISBN (Buch)
9783668815643
Sprache
Deutsch
Schlagworte
paul, fechters, aufsatz, dichtung, journalismus
Arbeit zitieren
M.A. Oliver Köller (Autor), 2008, Paul Fechters Aufsatz "Dichtung & Journalismus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442388

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