Künstlerisches Gestalten und psychische Erkrankung


Diplomarbeit, 2001

103 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Künstlerisches Gestalten
1.1 Annäherung an einen komplexen Begriff
1.1.1 Künstlerisches Gestalten und Wahrnehmung
1.1.2 Künstlerisches Gestalten und Ästhetik
1.1.3 Künstlerisches Gestalten und Kreativität
1.2 Kunsttherapie
1.2.1 Allgemeine Darstellung der Kunsttherapie
1.2.2 Ansätze in der Kunsttherapie
1.2.3 Kunsttherapie in der Praxis

2. Psychische Erkrankung
2.1 Endogene Psychosen
2.1.1 Schizophrenien
2.1.2 Affektive Störungen
2.2 Persönlichkeitsstörungen

3. Kunstprojekt
3.1 Sozialpädagogische Didaktik/Methodik nach Johannes Schlling - theoretische Darstellung
3.1.1 Konzeptionelle Überlegungen eines Zielgruppen-Konzeptes
3.1.2 Überlegungen zur Auswertung eines Zielgruppen-Konzeptes
3.2 Zielgruppenkonzept für das Kunstprojekt mit psychisch kranken Menschen

3.3 Beschreibung der einzelnen Kunstangeboten
3.4 Reflexion des Kunstprojektes

4. Künstlerisches Gestalten - auch eine Aufgabe sozialpädagogischer

Arbeitsfelder

Literaturverzeichnis

Einleitung

Bei meiner Arbeit mit den verschiedensten Zielgruppen ( Kinder, Jugendliche, Erwachsene, behinderte und psychisch kranke Menschen ) machte ich während den unterschiedlichsten Gestaltungsangeboten mit den verschiedensten Materialien die Erfahrung, dass künstlerisches Gestalten eine Ausdruckform ist. Dabei stelle ich nicht das WAS sondern das WIE des künstlerischen Gestaltens in den Mittelpunkt. Es geht mir dabei viel weniger um das Ergebnis des Künstlerischen als Kunstwerk, sondern vielmehr um den künstlerischen Prozess an sich, um den Weg dahin. Damit wird klar, dass ich bei dem Begriff „künstlerisches Gestalten“ nicht von einer Definition als solche und Bestimmung der Kunst ausgehe, sondern von dem Schaffungs- bzw. Entstehungsprozess des Gestaltens. Dieser Prozess des Gestaltens ( ob mit Farben, Ton, Gips oder anderen Materialien ) ist meiner Ansicht nach eine Ausdrucksform. Das Ergebnis und der Weg dahin drücken Gefühle und Erlebnisse des Gestaltenden aus.

Ich machte die Erfahrung, dass insbesondere Kinder das Malen von Bildern als Medium der Kommunikation nutzen. Sie drücken in Bildern das aus, was sie in Worten nicht fassen können. Diese Erfahrung ist auch auf andere Zielgruppen übertragbar, auch wenn in einer anderen Form des Vorgehens.

Während meiner fünfwöchigen Arbeit im Sommer 2000 in der Außenwohngruppe „Katharina-Zell-Haus“ - Teileinrichtung des Wohnheimes „Haus an der Christuskirche“ machte ich die Erfahrung, dass psychisch kranke Erwachsene ähnlich wie die Kinder das Malen als Medium des Sich - Ausdrückens nutzten. Ich bot ihnen als Freizeitangebote Malaktivitäten an. An dem Tag des Gestaltens mit Farben erzählten sie mir von ihren Erlebnissen im Verlaufe des Tages. Man konnte deutlich an den Bildern die Verarbeitungsversuche der jeweiligen Erlebnisse erkennen, d.h. sie stellten diese beim Malen in konkreter Form oder symbolisch dar, die sie anschließend erklärten. Auch bei der Farbenauswahl konnte man deutliche Verbindungen mit den jeweiligen Erlebnissen herstellen - war der Tag positiv verlaufen, drückte sich dies in deutlicher Betonung von hellen, warmen Farben aus ( z.B. Gelb, Orange, Grün ). Ich kann mich noch an eine Teilnehmerin erinnern, die sich angespannt und unausgeglichen vor dem Angebot fühlte und nach ca. 30 Minuten konzentriertes und ruhiges Malen den Raum verließ mit den Worten: „Das war gut. Jetzt kann ich schlafen.“. Dies zeigte mir, was für eine erstaunliche Wirkung das Gestalten hat. Diese Erfahrungen im Bereich der Arbeit mit psychisch kranken Menschen zeigte mir, künstlerisches Gestalten ist nicht nur eine Ausdrucksform, sondern zugleich auch eine Verarbeitungsmöglichkeit. Dies führte dazu, mich näher mit dem Thema zu beschäftigen.

Welche psychische menschliche Fähigkeiten, Fertigkeiten sind mit diesem Prozess des Gestaltens verknüpft? Damit sind Voraussetzungen dieses Prozesses angesprochen, aber auch die Wirkung dieser im Bereich des Erlebens, Verarbeitens sowie der Erfahrung. Was ist psychische Erkrankung?; Wie lässt sich ein Kunstprojekt mit psychisch kranken Menschen planen und durchführen? - sind weitere Fragen, die in meiner Arbeit beantwortet werden. Damit umfasst meine Arbeit Grundlagen mehrerer Fachgebiete: Teilaspekte der Ästhetik, der Kunsttherapie, der humanistischen Psychologie, der Psychopathologie und der Sozialpädagogik.

Das Thema „Künstlerisches Gestalten und psychische Erkrankung“ wird in der Literatur lediglich im Rahmen der Kunsttherapie thematisiert, aber nicht im Bereich der Sozialpädagogik. Ein weiteres Problem bei der Literaturrecherche ergab sich bezüglich der Bestimmung des Begriffs „künstlerisches Gestalten“, da der Begriff „Kunst“ sich als äußerst komplex herausstellte und der Begriff „Gestalten“ in der Fachliteratur nur im Zusammenhang mit den entwicklungspsychologischen Stadien der Zeichnung im Kleinkind- und Jungendalter thematisiert wird. Somit übernimmt meine Arbeit eine integrative Funktion.

Diese besteht aus zwei Teilen: einem theoretischen und einem praktischen Teil. Im zweiten - dem praktischen - Teil der Arbeit beschreibe ich die Planung, Durchführung und Auswertung des Kunstprojektes in der Außenwohngruppe „Katharinna-Zell-Haus“, Zweigseinrichtung des „Hauses an der Christuskirche“ - eine gemeindepsychiatrische Einrichtung für psychisch kranke Erwachsene. Das sozialpädagogische Didaktik/Methodik - Modell Schillings dient mir hierzu als Rahmen, als Orientierung. Das Modell stellt im Prinzip den Gesamtrahmen meiner Arbeit dar. Im dem theoretischen Teil der Arbeit erfolgt im ersten Punkt als Einstieg zunächst eine Annäherung an dem Begriff „künstlerisches Gestalten“. Darunter sind die Verknüpfungen dieses künstlerischen Prozesses des Gestaltens mit psychischen Fähigkeiten, Funktionen sowie eine kurze Darstellung der Ästhetik in diesem Zusammenhang aufzuzählen. In dem zweiten Teil des ersten Punktes werden die Darstellung der Kunsttherapie, der Ansätze sowie der Praxis dieser entfaltet. Im zweiten Punkt des theoretischen Teils werden die psychischen Erkrankungen thematisiert, wobei ich mich auf die Illustration der endogenen Psychosen und der Persönlichkeitsstörungen beschränke. Der Grund dieser Eingrenzung der psychischen Erkrankungen liegt in dem Vorhandensein dieser zwei Formen der Störungen bei der Zielgruppe des Kunstprojektes.

Die Ausführungen des künstlerischen Gestaltens, der Kunsttherapie, der endogenen Psychosen und der Persönlichkeitsstörungen sowie die theoretische Skizzierung des Didaktisch/ Methodischen-Modells Schillings bestimmen und thematisieren den theoretischen Teil und damit die Voraussetzungen des Kunstprojektes. Es scheint sich zunächst um drei voneinander unabhängige Gebiete zu handeln. Die Synthese dieser scheinbar voneinander abgekoppelten drei Bereiche wird durch und im Kunstprojekt veranschaulicht. Im Prinzip stellt die praktische Arbeit die Verknüpfung dieser dar.

Schließlich setze ich mich im letzen Punkt meiner Arbeit mit therapeutischen und pädagogischen Aspekten auseinander, um den Unterschied herauszukristallisieren und um zu veranschaulichen, ob künstlerisches Gestalten ein Aufgabengebiet der Sozialpädagogik ist.

1. Künstlerisches Gestalten

1.1 Annäherung an einen komplexen Begriff

Der Begriff „Künstlerisches Gestalten“ impliziert das Wort Kunst und das Wort Gestalten. Was ist Kunst?

„Kunst ist eine menschliche Tätigkeit, die darin besteht, da ßein Mensch durch bestimmteäu ßere Zeichen anderen die von ihm empfundenen Gefühlen bewu ßt mitteilt und da ßandere Menschen von diesen Gefühlen angesteckt werden und sie erleben“ ( Tolstoi 1980 zitiert nach Mäckler 1987, S.121 ).

„Die Kunst ist ein Ausdruck, d.h. sie verdankt ihre Existenz dem Bedürfnis des Menschen, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken“ ( Tatarkiewicz 1980 zitiert nach Mäckler 1987, S.127 ).

„... ; alle Formen und Farben der Kunst sind hervorgetrieben aus dem inneren Bedürfnis, sind die Sprache, das Gewand der Seele, die Offenbarmachung der höchsten geistigen Strebungen des Volkes, seine sichtbar gewordene Geistigkeit; die Kunst ist der Kulturtypus, dargestellt in Marmor, Farbe, Ton, Wort, hörbar, anschaubar, tastbar gemacht“ ( Collischonn 1906 zitiert nach Mäckler 1987, S.126 ).

All diese Definitionen haben etwas gemeinsam: Kunst wird als menschliche Ausdrucksform, als Form der Verständigung verstanden, somit auch als Kommunikation. Den Anspruch jedoch Kunst definieren zu wollen, musste ich aufgeben, denn allein der Versuch würde die Dimension meiner Arbeit sprengen. So erscheint es mir sinnvoller im weiteren Verlauf meiner Arbeit den Begriff „Künstlerisches Gestalten“ zu gebrauchen. Wie aus der Einleitung hervorgeht, ist für mich das Gestalten mit bildnerischen Mitteln ebenfalls eine Form der menschlichen Ausdrucksweise. Ich betrachte das Phänomen des Künstlerischen als ein Prozess des Schöpferischen, in dem der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit tätig und angesprochen wird, d.h. der Mensch handelt, ist gefühlsmäßig beteiligt, er kommuniziert mit der Außenwelt über bzw. durch sein Werk, bestimmte internalisierte Werte, Vorstellungen werden dargestellt und sein Geist wird dabei angeregt. Gestalten ist meiner Ansicht nach nicht notwendigerweise von Kunst zu trennen, wenn ich Kunst als Prozess des Schöpferischen, als Ausdrucksform verstehe. Damit ist das Gestalten ein Teil der Kunst, ohne Kunst als Zielsetzung zu haben.

Unter dem Begriff „schöpferisch“ soll in diesem Zusammenhang, im Sinne von „... aus sich selbst wirkend, schaffend“ ( Wahrig 1991, S.1141 ) und unter „Gestalten“„... einer Sache Gestalt geben, sie formen, bilden, entwickeln, verwirklichen“ ( Wahrig 1991, S.555 ) verstanden werden. Zusammenfassend bezeichnet dann aus meiner Sicht der Begriff „künstlerisches Gestalten“ ein Prozess des Wirkens und Schaffens, in dem der Mensch in seiner Ganzheit tätig und angesprochen wird. Daraus folgt, künstlerisches Gestalten ist mit verschiedenen psychischen menschlichen Funktionen und Fähigkeiten wie beispielsweise der Wahrnehmung verknüpft.

Der Begriff Kunst umfasst auch andere Künste, die Literatur oder die Musik. Im Kontext meiner Arbeit beziehen sich die Darstellungen des Künstlerischen auf die Form des Gestaltungsprozesses im Sinne von Malen und plastisches Gestalten. Damit ist künstlerisches Gestalten, Arbeiten mit ästhetischen Mitteln gemeint. Diese Arbeit beinhaltet Aspekte der Kreativität und ist an die menschliche Wahrnehmung gebunden. Zusammenfassend stelle ich die folgende These als Ausgangspunkt meiner weiteren Darstellungen auf: Künstlerisches Gestalten beinhaltet bzw. ist verknüpft mit der Wahrnehmung, der Kreativität und Aspekten der Ästhetik. Damit beziehe ich diesen Begriff auf das Gestalten mit bildnerischen Mitteln.

Das bildnerische Gestalten umfasst im wesentlichen die Tätigkeiten Zeichnen, Malen und Formen. Ziel dieser Betätigung ist nicht die Kunst, sondern die bildnerische Bewältigung einer Innen- und Außenwelt. Damit kann der Mensch durch bildnerische Mittel sich selbst, sein Wahrnehmen, Fühlen, Denken sichtbar zum Ausdruck bringen ( vgl. Bareis 1982, S.5 ). Für Bareis ( 1982 ) findet das Kind eine Sprache in dem bildnerischen Tun, in der es ohne Worte reden, sich artikulieren kann. Ich vertrete die Ansicht, dass dies auch auf Erwachsene zutrifft.

Das Gestalten mit Ton, Gips, Stiften oder anderen Materialien ist also eine Ausdrucksform. Der Mensch verleiht seinen Eindrücken, Erlebnissen, Empfindungen mittels des Materials Ausdruck. Man könnte dies als sinnliches Phänomen bezeichnen. Sinnlich, weil über die Sinne menschliche Empfindungen entstehen und weil bei dem Prozess des Gestaltens die Sinne angeregt werden. Um dieses Phänomen zu begreifen, ist das Wissen über den Prozess der Wahrnehmung notwendig.

1.1.1 Künstlerisches Gestalten und Wahrnehmung

Die Innen- und Außenwelt des Menschen ist an die innere und äußere Wahrnehmung gekoppelt. Die Sicht der Außenwelt entsteht u.a. durch das Erfassen dieser über die Sinnesorgane.

Ohne Wahrnehmung gibt es keine Empfindungen und umgekehrt auch nicht. Jeder genügend starke Reiz, der eines unserer Sinnesorgane trifft, erzeugt eine Empfindung ( vgl. Rohracher 1988, S.126 ). „Aus dem Zusammenwirken verschiedener Sinnesempfindungen und dem Wissen, das davon zurückbleibt, entstehen die Dinge, die uns umgeben; dazu kommt noch ihre ‚ Bedeutung ’ : der Sinn, den sie in unserer Welt haben“ ( ebd.).

Die Wahrnehmung spielt eine entscheidende Rolle. Ohne die Wahrnehmung wäre menschliches Verhalten und Erleben nicht möglich. Wir sind auf die Deutungen und Bedeutungen der Wahrnehmung angewiesen, um uns ausdrücken zu können. So ist beispielsweise ein Stück Ton ein Medium, mittels dessen die eigenen Erlebnisse dargestellt werden können. Dies wäre ohne die Wahrnehmung nicht möglich. Die Menschen begegnen der Wirklichkeit über Empfindung und Wahrnehmung.

Was ist Wahrnehmung?

Unter Wahrnehmung werden in der Psychologie „... alle Prozesse der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Sinneseindrücken zusammen“ gefasst ( Altenthan u.a. 1994, S.79 ). „Mit Wahrnehmung wird jedoch nicht nur der Prozess, sondern auch das Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung bezeichnet“ ( ebd. ).

Nach Zimbardo ( 1992 ) umfasst der gesamte Wahrnehmungsprozess unterschiedliche psychische Vorgänge wie Zusammenfügen, Urteilen, Schätzen, Erinnern, Vergleichen und Assoziieren. Er unterscheidet drei Stufen des Wahrnehmungsprozesses: Empfinden, Wahrnehmen und Klassifizieren. Die sensorische Empfindung bezieht sich auf die erste Stufe. Auf dieser wird physikalische Energie, wie Licht oder Schallwellen, in die neurale Aktivität von Gehirnzellen, in der Informationen über die Art der Stimulation der Rezeptorgane verschlüsselt sind, umgewandelt. Schon hier werden Reize ausgewählt und Transformationen durchgeführt. Gehirnzellen entnehmen aus dem Input, den sie von den Ganglienzellen der Netzhaut bekommen, Informationen über Merkmale und räumliche Verteilungen ( vgl. Zimbardo 1992, S. 137 ).

Wahrnehmung im engeren Sinn bezieht sich auf die nächste Stufe, auf der eine innere Repräsentation eines Gegenstandes und ein erfahrenes Perzept ( = das, was wahrgenommen wird ) des äußeren Reizes gebildet wird. Es handelt sich um eine innere Repräsentation. Die Information von untergeordneten Gehirnprozessen wird durch übergeordnete Gehirnprozesse organisiert und modifiziert, so dass Eigenschaften und Bestandteile der Reize in erkennbare Muster und Formen umgewandelt werden. So werden beispielsweise drei Linien als Buchstabe H oder Zahl III identifiziert, je nachdem welche Information der Kontext bereitstellt. Klassifikation als dritte Stufe bedeutet, dass die Eigenschaften der wahrgenommenen Gegenstände in vertraute Kategorien eingeordnet werden. Die Klassifikation beruht eher auf inneren Prozessen höherer Ordnung ( d.h. in der Vergangenheit erworbenem Wissen, Erwartungen, Schlussfolgerungen ), während die Wahrnehmung auf einer Kombination von sensorischen Informationen und Klassifikationen beruht ( vgl. Zimbardo 1992, S. 137f.).

Zur Befriedigung der Triebe muss der Mensch zur Außenwelt in Beziehung treten. Diesem Zweck dienen die Sinnesorgane. Diese sind „Einrichtungen“, die den Menschen darüber informieren, was außerhalb und innerhalb des eigenen Körpers vor sich geht; dazu gehören die Augen und Ohren, die Riech-, Tast- und Geschmacksorgane mit den dazugehörigen nervösen Systemen und die kleinen, über den Körper verteilten Organe, deren Reizung Kälte und Wärme, Druck und Schmerz erzeugt. Zur Erfassung der Außenwelt gehört auch die Zusammenfassung des bisher Erlebten in Begriffen sowie dies in Worten zum Ausdruck zu bringen. Dadurch werden bisherige Erfahrungen eingeordnet, indem diese in Gedanken übertragen und diese Gedanken sprachlich formuliert werden. All diese „Einrichtungen“ haben die Aufgabe, die Ziele zu erreichen, die ihnen von den Trieben, Interessen und Willenserlebnissen gesetzt werden. Die Sinnesorgane und die Organe, mit Hilfe derer wir uns im Raum bewegen können, erzeugen bewusste Empfindungen und Wahrnehmungen. Aus diesen entsteht dann unsere Außenwelt. Die Sinnesorgane erzeugen in uns Empfindungen, die sich mit den bisherigen Erfahrungen zu Wahrnehmung verbinden, aus denen sich unsere Außenwelt aufbaut ( vgl. Rohracher 1988, S.103ff ). Wenn die Außenwelt aus dem Zusammenwirken von Sinnesempfindungen und bisherigen Erfahrungen entsteht, so muss diese für jeden Menschen unterschiedlich sein. Das bedeutet, die Wahrnehmung ist subjektiv. Das, was wir von der Beschaffenheit der Außenwelt wissen, entsteht dadurch, dass ein Reiz auf unsere Sinnesorgane einwirkt. Durch einen Reiz werden Empfindungen ausgelöst, die durch bisherige Erfahrungen zu Wahrnehmungen verarbeitet werden. Von unseren Sinnesorganen wird nur ein sehr kleiner Teil der physikalischen Vorgänge erfasst, die sich ständig in unseren Umgebung abspielen. Viele Reize sind zu schwach, um eine Empfindung hervorzubringen; sie müssen einen bestimmten Grad von Stärke erreichen, damit wir etwas von ihnen bemerken. Die menschliche Wahrnehmung ist somit begrenzt, da: - wir keine Atome, Moleküle wahrnehmen sondern Farben, Dinge, Geräusche usw. - nur ein kleiner Teil der Wirklichkeit auf diese Weise wahrnehmbar wird - nur diejenigen Vorgänge bewusst werden, die einen bestimmten Stärkegrad erreichen und diese wiederum uns in ihren Verschiedenheiten nur ungenau bewusst werden ( z.B. Unterschiede zwischen Farben müssen eine bestimmte Größe erreichen, damit wir sie erkennen ).

Die Beschränkungen bedeuten aber Vorteile, denn sonst wäre man ständig durch Eindrücke gestört ( vgl. ebd. ).

Die Wahrnehmung bezieht sich aber nicht nur auf die Wahrnehmung von Objekten, sondern auch auf die von Personen, die in der Sozialpsychologie als soziale Wahrnehmung bezeichnet wird. Teil der sozialen Wahrnehmung ist die Personenwahrnehmung. Diese Personenwahrnehmung ist sehr subjektiv, denn „... wir sehen keine Menschen, sondern Lehrer, Schüler, Fu ßballer, Bankbeamte, Politiker, Frauen, Franzosen, Deutsche...“

( Altenhan u.a. 1994, S.93 ).

Das bedeutet, dass die Wahrnehmung von Personen von dem sozialen Zusammenhang bestimmt wird, in welchem diese wahrgenommenen Personen stehen ( vgl. ebd. ). Diese Wahrnehmung ist aber nie einseitig, sondern gegenseitig, denn „Man kann nicht, nicht kommunizieren“ ( Watzlawick 1974, S.53 ); somit stehen die Menschen in kontinuierlicher Interaktion miteinander. Dies hat eine Auswirkung auf die eigene Selbstwahrnehmung.

„Nicht nur hinsichtlich der Körperwahrnehmung, sondern beim Selbstbewusstseinüberhaupt lernen wir zwischen interner Erfahrung und externer Erfahrung zu unterscheiden. Interne Erfahrung entstammt der eigenen geistigen, bewu ßtseinsm äß igen Aktivität, externe Erfahrung geht auf Ereignisse in der Umwelt zurück“ ( Oerter 1974, S.134 ). Damit unterscheidet Oerter ( 1974 ) zwischen dem eigenen Ich und der sozialen Umwelt. Indem das Individuum zwischen diesen beiden Komponenten unterscheidet, nimmt es sich selber wahr in Abgrenzung zur Umwelt und zwar mittels des Selbstbewusstseins. Mit der Selbst-Theorie befasste sich Carl Roger ( 1997 ). Er entwickelte eine Selbst-Theorie, deren wichtigsten Aussagen sich wie folgt zusammenfassen lassen:

- Wie ein Mensch sich verhält, ist von der Art und Weise abhängig, wie er die Ereignisse wahrnimmt.
- Jeder Mensch hat ein Bedürfnis, seine Möglichkeiten und Fähigkeiten zu verwirklichen. In diesem Zusammenhang hat das Individuum ein starkes Bedürfnis nach positiver Wertschätzung durch andere Personen und nach Selbstachtung.
- Jedes Individuum entwickelt ein Selbstkonzept. Es strebt nach Kongruenz zwischen der inneren und äußeren Erfahrung, d.h. die Diskrepanz zwischen dem Selbstkonzept und der Realität gering zu halten.
- Besteht eine Inkongruenz, eine starke Abweichung zwischen diesen zwei Variablen, dann kommt es zu emotionalen Problemen und psychischen Störungen.
- Rogers unterscheidet bei dem Selbstkonzept zwischen realen Selbst und idealen Selbst. Das Realselbst ist die Art und Weise, wie man sich selbst empfindet und sieht, d.h. wie man sich selbst wahrnimmt. Das Idealselbst ist das Ideal, das das Individuum für sich selbst als Ziel setzt.
- Stimmen das Real- mit dem Idealselbst überein, handelt es sich um eine gesunde Persönlichkeit. Dies ist davon abhängig, wie jemand empfindet, wie ausgeglichen und glücklich er sich fühlt.

Die Sinneswahrnehmung und die Selbstwahrnehmung sind somit die Voraussetzung für das Gestalten mit bildnerischen Mitteln. Ich möchte diese Verknüpfung an einem Beispiel verdeutlichen. Ein Stück Ton, das verarbeitet wird, kann als Reiz gesehen werden, der durch das Kneten, Formen aber auch seinen Geruch bestimmte Empfindungen in Gang setzt. Diese Empfindungen wiederum werden mit früheren Erfahrungen verglichen, es werden beispielsweise Assoziationen mit Kindheitserlebnissen hergestellt. Es entsteht ein Prozess des Erinnerns, Vergleichens und damit auch der Verarbeitung. Erlebnisse, die durch den Prozess der Wahrnehmung in Gang gesetzt wurden, werden durch das bildnerische Gestalten dargestellt bzw. bewältigt. Es handelt sich um ein Wechselspiel zwischen der inneren und äußeren Erfahrung. Die Frage ist, wie das Individuum beim Prozess des Gestaltens sich selbst und die Umwelt wahrnimmt. Der Prozess des Gestaltens mit bildnerischen Mitteln ist somit der Versuch der Bewältigung der inneren und äußeren Welt, wie Bareis ( 1982 ) es bereits formulierte.

Der Mensch setzt sich also durch den Prozess des künstlerischen Gestaltens mit sich selbst und seiner Umwelt auseinander. Er macht bestimmte Erfahrungen durch das Sehen der Farben, das Fühlen, Riechen des Materials - der Mensch macht Materialerfahrung -, diese Erfahrung kann zu einem Prozess der Erkenntnis über sich selbst führen, da der Mensch sich hier mit Dingen und den Reaktionen anderer auseinandersetzt. Dadurch ist das künstlerische Gestalten auch eine ästhetische Aktivität.

1.1.2 Künstlerisches Gestalten und Ästhetik

Was versteht man unter dem Begriff „Ästhetik“?

Baumgarten begründete die Ästhetik als Theorie der freien Künste und als Kunst des schönen Denkens. Er sieht den Nutzen der Ästhetik als Kunstlehre vor allem darin, dass sie u.a. den Wissenschaften, die auf Verstandeserkenntnis beruhen, geeignete Materialien bereitstellt und die Verbesserung der Erkenntnis vorantreibt ( vgl. Baumgarten 1983, S.2 ).

Kant setzt den Bezugsbereich des Ästhetischen zum Schönen in Relation. Für ihn ist das Geschmacksurteil ästhetisch: „Um zu unterscheiden, ob etwas schön sei oder nicht, beziehen wir die Vorstellung nicht durch den Verstand auf das Objekt zum Erkenntnisse [...] ( Kant 1963, S.67 ). „Das Geschmacksurteil ist also kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondernästhetisch [...]“ ( Kant 1963, S.68 ),

Auch im Alltag wird das Attribut „ästhetisch“ im Sinne von „geschmackvoll“ verwendet. Dies ist aber eine eingeschränkte Sichtweise des Ästhetikbegriffs.

„‚Ä sthetik ’ bezeichnet genauer die Wissenschaft des Sinnes, des Empfindens [...]“ ( Hegel 1955, S.13 ).

Ästhetik „[...] ist manchmal blo ßder spontane, sinnliche oder gar körperbetonte Ausdruck momentaner Situationen oder Stimmungen“ ( Rupp 1998, S.37 ). „Knapp formuliert, ist Ä sthetik die Lehre von der Sinneserkenntnis und ihren Elementen“ ( Braun 1998, S.21 ). Diese Lehre geht auf Aristoteles und Plato zurück. Die reine Sinneswahrnehmung führt nach Plato noch zu keiner Erkenntnis, aber sie spielt eine Vermittlerrolle zwischen der Welt der geistigen Überlegungen und der Welt der Dinge. Für Aristoteles stellt die Sinneswahrnehmung auch eine Verbindung zur Seele dar. Die Sinneswahrnehmung ist noch keine Erkenntnis, kein Verstehen und Wissen, aber durchaus der Beginn dieser kognitiven Leistungen ( vgl. Braun 1998, S.21f. ).

„Ä sthetik ist also eine sinnliche Erkenntnistätigkeit, die eine notwendige Voraussetzung rationaler Erkenntnistätigkeit ist. Mit der sinnlichen Erkenntnis wird sozusagen die erste Stufe des Wissens betreten. Indem in das jeweils Wahrgenommene eine Bedeutung, ein Sinn, ein Zusammenhang interpretiert und eine geistig - seelische Beziehung zu dem Wahrgenommene hergestellt wird, erhält jede Wahrnehmungserfahrung einen rationalen und einen emotionalen Aspekt“ ( ebd. ).

Hier wird die Einbeziehung der Wahrnehmung in den Ästhetikbegriff deutlich. In einem Punkt zuvor erklärte ich die Wahrnehmung als ein Prozess, in dem durch einen Reiz Empfindungen ausgelöst und diese mit früheren Erfahrungen verglichen werden. Auf der Stufe der „Klassifikation“ ( Zimbardo 1992 ) des Wahrnehmungsprozesses gelangt der Mensch auf die Stufe der inneren Prozesse, d.h. der Mensch zieht Schlussfolgerungen.

Auch für Erwachsene ist die sinnliche Erfahrung als Voraussetzung rationaler Erkenntnis ein wichtiger Erkenntnisprozess. Die ästhetische Erfahrung wäre dann zwischen der Kognition und der reinen Sinneserfahrung anzusiedeln; sie bezieht in den komplexen Erkenntnisprozess emotionale Elemente mit ein ( Braun 1998, S.24f. ). Nach Braun ( 1998 ) sind die Darstellungen von Kindern ein Ergebnis sinnlicher Erfahrung und kognitiver Erkenntnistätigkeit. Meiner Ansicht nach trifft dies ebenfalls auf die Darstellungen Erwachsener zu. Ein Erwachsener, der sich mit beispielsweise Wachskreide, Ton auseinandersetzt, macht eine sinnliche Erfahrung. Er setzt sich mit Farben auseinander, er fühlt die Beschaffenheit des Tons. Dies wiederum wird mit bestimmten Emotionen in Verbindung gesetzt, die durch das Gestalten ausgedrückt und auch ausgelöst werden. Es entsteht eine Form als Ausdruck des emotional Erlebten. Dieser Ausdruck wäre ohne die Deutung des Wahrgenommenen nicht möglich. Der Mensch gewinnt Eindrücke, die er in einem Prozess des Handelns ausdrückt. Einsichten werden über Eindrücke gewonnen. Der Ausdruck führt erneut zu Eindrücken und zu neueren Erkenntnissen. Diese werden dann wiederum zum Ausdruck gebracht ( vgl. Braun 1998, S.25 ).

Dabei folgt der Mensch dem eigenen Denken und Handeln. Wenn er durch das Malen und/oder Formen den Gefühlen, den Erkenntnissen Ausdruck verleiht, ist der Mensch kreativ, denn er gelangt vom individuellem Denken zu einem individuellem Bild, zu einer individuellen Form.

1.1.3 Künstlerisches Gestalten und Kreativität

Mit Kreativität ist die fortgesetzte Fähigkeit, Neues zu erschaffen, gemeint. Kreativität und damit die Möglichkeit der Neuerung und die Neuerung des Möglichen ist nicht nur auf Kunst beschränkt ( vgl. von Hentig 1985, S. 75f. ). Nach Hartmut von Hentig „...ist schon Wahrnehmung kreativ, nicht erst die Produktion“ ( ebd. ).

In der Kreativitätsforschung wird zwischen dem kreativen Prozess, der kreativen Persönlichkeit und dem kreativen Produkt unterschieden.

Der kreative Prozess wird durch eine Vier - Phasen - Einteilung beschrieben: die Vorbereitungsphase, die Inkubationsphase, die Einsichtsphase und die Verifikationsphase ( vgl. Landau 1974, S.66 ).

Die Forscher sind sich einig, dass es sich dabei um Phasen bzw. Zustände handelt, die nicht immer klar voneinander abgetrennt sind, da sie sich oft überschneiden können. Die Vorbereitungsphase ist die Zeit der Ansammlung von Wissen, von Material. Wie dieses Wissen zur Erfahrung wird, bedingen zwei Charakteristika dieser Phase:

Sensitivität in der Wahrnehmung der Umwelt und Naivität, diese Wahrnehmung zu interpretieren. Das Individuum nimmt in dieser Phase alles auf, ohne zu zensieren, abzuwägen, was wichtig oder unwichtig sein könnte ( vgl. Landau 1974, a.a.O. ). Im Prozess des künstlerischen Gestaltens durchlaufen die Erwachsenen diese Phase mit der Sammlung von Material anders als die Kinder. Aufgrund ihres Abstraktionsvermögens sind sie in der Lage, gedanklich ihre Materialsammlung anzulegen, um dann vor Beginn der Durchführung das Material gezielt auszuwählen ( vgl. Braun 1998, S. 35 ).

Auf der nächsten Stufe des kreativen Prozesses - die Inkubationsphase - beschäftigt sich das Individuum mit dem gesammelten Material, es sucht nach Lösungen. Diese Phase ist durch Unruhe und Frustration gekennzeichnet ( vgl. Landau 1974, S.66 ). Ein zu starker Erfolgsdruck führt zu verkrampften und verbissenen Versuchen. Dies verhindert wiederum den Durchbruch zur Erkenntnis. Je nachdem wie stark die Frustrationsgefühle sind, ist ein Aufgeben sehr naheliegend ( vgl. Braun 1998, S.36 ). Die Einsichtsphase ist das „Aha-Erlebnis“. Es ist ein Moment, in dem das Material sich zu einer sinnvollen Erkenntnis verwandelt. Diese Erfahrung wird von starken Gefühlen begleitet, die oftmals verdrängt oder gehemmt werden ( vgl. Landau 1974, S.67 ). Im Prozess des Gestaltens wird diese Phase sichtbar durch z.B. Äußerungen wie: „jetzt weiß ich, was ich male!“ ( vgl. Braun 1998, S.37 ).

Die Verifikationsphase ist der abschließende Teil des kreativen Prozesses. In dieser Phase werden die neuen Einsichten geprüft, getestet, bis sie dem Individuum und der Umwelt adäquat sind. Die schwierigste Aufgabe dieser Phase ist die Kommunikation, die darin besteht, „... die subjektive Einsicht in objektive symbolische Formen ( z.B. Schrift oder Sprache ) zuübersetzen“ ( Landau 1974, S.67 ).

Die Lösung wird der Umwelt präsentiert und aus den Reaktionen der Umwelt können Rückschlüsse bezüglich der Qualität des Ergebnisses gezogen werden. Wichtig ist in dieser Phase, die fertigen Produkten des Gestaltens zu würdigen und das Individuum auch dazu zu ermutigen, seine Werke zu präsentieren ( vgl. Braun 1998, S.37f. ).

Das künstlerische Gestalten ist damit ein kreativer Prozess. Im Prozess des Gestaltens mit beispielsweise Farben wählt das erwachsene Individuum gedanklich schon das Material ( z.B. Wasserfarben ), so dass es zu Beginn des Arbeitens mit Farben gezielt diese auch aussucht. Diese Vorbereitungsphase vollzieht sich so schnell, dass sie uns manchmal gar nicht bewusst ist. In der Inkubationsphase experimentiert dann das Individuum mit den Wasserfarben, weiß aber noch nicht genau, was es damit gestalten soll. Das Individuum beginnt mit den Wasserfarben zu malen, den Verlauf dieser zu beobachten, ohne genau zu wissen, was daraus wird. Es ist vielleicht zunächst frustriert, malt aber weiter. Plötzlich hat das Individuum während des Gestaltens eine Idee, es hat ein „Aha-Erlebnis“. Auf dem Malpapier werden gewünschte Formen erkennbar. In der Verifikationsphase präsentiert das Individuum stolz oder unsicher sein Werk den anderen Teilnehmern und möchte u.U. wissen, ob sein Werk schön ist, die Formen erkennbar sind, die gewünschte Wirkung erzielt usw. Künstlerisches Gestalten ist ein kreativer Prozess des Suchens, Experimentierens, der Findung und Durchführung sowie des Überprüfens.

„Jedes Phasenmodell des kreativen Prozesses liefert nur die grobe Beschreibung eines Vorgangs, der höchst unterschiedlich verlaufen kann“ ( Goleman 1997, S.23 ).

Doch wer besitzt kreative Fähigkeiten?

Csikszentmihalyi geht davon aus, dass kreative Persönlichkeiten zehn

Eigenschaftskombinationen besitzen, von denen jede eine gewisse Polarität beinhalten:

- Kreative Persönlichkeiten besitzen eine physische Energie ( d.h. sie sind aktiv ) und sind zugleich ruhig und entspannt
- Kreative Persönlichkeiten sind weltklug und naiv zugleich
- Kreative Persönlichkeiten vereinen in sich die Fähigkeit zur Disziplin und zum Spielerischen
- Kreative Individuen wechseln zwischen Imagination und Phantasie auf der einen und einem Realitätssinn auf der anderen Seite
- Kreative Individuen vereinen Tendenzen auf dem Spektrum zwischen Extraversion und Introversion
- Kreative Individuen besitzen die Fähigkeit zur Demut und Stolz zugleich
- Kreative Persönlichkeiten haben die Neigung zur Androgynität, d.h. aggressiv und fürsorglich, sensibel und hart, dominierend und nachgiebig zugleich zu sein
- Kreative Individuen sind traditionell aber auch rebellisch und bildstürmerisch
- Kreative Individuen bringen Leidenschaft für die Arbeit, aber auch Objektivität für sie
- Kreative Persönlichkeiten vereinen Extreme von Leid und Freude in sich ( vgl. Csikszentmihalyi 1997, S.89ff ).

„[...] vermutlich ist es eine laienhafte Idee, da ßder schöpferische Mensch mit einer bestimmten Eigenschaft, die durchschnittliche Leute nicht besitzen, besonders begabt ist. Von Psychologen kann diese Vorstellung sehr wahrscheinlich einmütig aufgegeben werden .Nach allgemeiner psychologischer Ü berzeugung scheinen Menschen, mit Ausnahme von pathologischen Fällen, bis zu einem gewissen Grade sämtliche Fähigkeiten zu besitzen. Man kann deshalb von fast allen Menschen kreative Akte, wie schwach oder wie selten auch immer, erwarten“ ( Guilford 1950, In: Mühle u.a. 1970, S.18 ).

Würde dies bedeuten, dass alle Menschen die Fähigkeit zur Kreativität besitzen, bis auf die „pathologischen Fälle“? Leo Navratil ( 1976 ) entkräftet die Behauptung, dass der Gestaltungsvorgang bei psychisch Kranken , speziell bei schizophrenen Persönlichkeiten und Gesunden verschieden sei. Die psychische Dynamik des Schöpferischen ist bei Gesunden und psychisch Kranken gleich. „Wahrscheinlich mu ßjeder Mensch immer wieder durch originale Leistungen sein Ich verwirklichen“ ( Navratil 1976, S.296 ).

Das künstlerische Gestalten ist folglich ein kreativer Prozess, der zu einem kreativen Produkt führt und in diesem Prozess ist eine kreative Persönlichkeit involviert. Jeder von uns ist dazu in der Lage kreativ zu sein. Kreativität ist nicht gleich zu setzen mit Talent.

Nach Navratil ist das Schöpferische vom Talent verschieden. Talent ist eine Fähigkeit zur Nachahmung und steht unter Kontrolle des Ichs. Dagegen ist die Gestaltungskraft vom bewussten Ich unabhängig. Diese Gestaltungskraft gibt Originalität, d.h. Veränderung, Wandel ( vgl. Navratil 1976, S.296f. ).

Was ist also künstlerisches Gestalten?

Die Quintessenz der Begriffsbestimmung lässt sich wie folgt darstellen:

- Künstlerisches Gestalten ist eine Ausdrucksform, d.h. es ist Kommunikation auf verbaler und nonverbaler Ebene. Durch das künstlerische Gestalten werden Gefühle, Emotionen ausgedrückt, die sich oftmals nicht in Worte fassen lassen.

- Künstlerisches Gestalten ist an die Sinnes- und Selbstwahrnehmung gebunden bzw. ist eine Wahrnehmungserfahrung. Sie führt zur Außen- und Innenwelterfahrung.

- Künstlerisches Gestalten ist eine ästhetische Aktivität, d.h. sie ermöglicht Eindrücke über Erkenntnisse, die durch das Gestalten zum Ausdruck gebracht werden. Der Ausdruck führt wiederum zu neuen Erkenntnissen.

- Künstlerisches Gestalten ist ein kreativer Prozess, der zu einem kreativen Produkt führt und somit eine kreative Persönlichkeit fördert.

„Künstlerische Tätigkeit [...] dient der Ichfindung - und das Ich der Beziehungsnahme zur Welt - wenn auch dieses Ziel nicht immer erreicht wird“ ( Navratil 1976, S.297 ).

Mit diesem Zitat beende ich die Beschreibung des Phänomens des künstlerischen Gestaltens und wende mich der nächsten Frage zu, ob das Gestalten mit bildnerischen Mitteln eine therapeutische Wirkung hat?

1.2 Kunsttherapie

1.2.1 Allgemeine Darstellung der Kunsttherapie

Die Kunsttherapie wird als relativ junge Wissenschaft bezeichnet. Ihre Anfänge gehen zurück in die Zeit um 1920, obwohl schon Mitte des 19.Jahrhunderts Ärzte feststellten, dass durch bildnerisches Gestalten bei vielen Patienten eine Besserung des psychischen Gesundheitszustandes erreicht werden kann ( vgl. Kraus 1996, S.16 ).

Im 19.Jahrhundert erwachte das Interesse am bildnerischen Schaffen der psychisch Kranken. Der erste, der auf die bildnerisch-produktive Tätigkeit der „Geisteskranken“ aufmerksam wurde und die Zeichnung eines Schizophrenen veröffentlichte, war der französische Gerichtsarzt A.A. Tardieu ( 1818-1879 ). Die erste umfassende Monographie über einen schizophrenen Künstler verfasste 1921 W. Morgenthaler. Ihm folgte 1922 H. Prinzhorn mit seinem Werk „Bildnerei der Geisteskranken“ ( vgl. Biniek 1982, S.16 ).

Prinzhorn setzte sich in seinem Werk vor allem mit der Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung auseinander. Er trug in der Zeit von 1919 bis 1921 rund 5000 Bilder, Zeichnungen, Skulpturen, Collagen und andere Objekte psychisch kranker Patienten zusammen und zeigte sie der Öffentlichkeit. Aber schon vor Prinzhorn, ca. ab 1910 hatten Psychoanalytiker wie beispielsweise Anna Freud damit begonnen, sich mit den bildnerischen Arbeiten ihrer Patienten auseinanderzusetzen ( vgl. Kraus 1996, S.17 ).

In der Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert gelangt die Psychotherapie mit S. Freud zu einem Durchbruch. S. Freud sah in der künstlerischen Gestaltung eine Ersatzbildung, d.h. „da ßalleästhetische Lust, die uns der Dichter verschafft, den Charakter der Vorlust trage und aus der Befreiung von Spannungen in unserer eigenen Seele hervorgehe“ ( Biniek 1982, S.20 ).

S. Freud verglich die Kunst mit den Träumen als Ausgangspunkt für die Interpretation. Man kann nur darüber spekulieren, wie die Entwicklung der Kunsttherapie verlaufen wäre, wenn S. Freud seinen Patienten gestattet hätte, ihre Träume zu malen, statt sie zu erzählen ( vgl. Dalley 1986, S.15 ).

Der nachhaltige Anstoß zur Verwendung gestalterischer Mittel in der Psychotherapie Erwachsener hat C.G. Jung ( 1879-1961 ) gegeben. Er war es, der seine Patienten zum Malen anhielt und das „Gestaltenlassen“ zu einer eigener tiefenpsychologisch fundierten therapeutischen Technik werden ließ. Das Zeichnen, Malen, Modellieren, aber auch der Tanz sind nach ihm ein Weg, unbewusste Inhalte bewusstseinsfähig und damit wirksam werden zu lassen ( vgl. Biniek 1982, S.24 ).

Mit dem Aufkommen der medikamentösen Therapie bei psychischen Erkrankungen und dem Sieg der Psychopharmaka in den 50er Jahren trat diese Art des Zugangs zur Seele erstmals in den Hintergrund. Erst in den etwa letzten 15 Jahren erfolgte eine Rückbesinnung auf die Kunsttherapie, die sich als therapeutisches Verfahren immer mehr durchsetzte ( vgl. Kraus 1996, S.17 ).

Es stellt sich die Frage: Was ist Kunsttherapie? Ist Kunsttherapie Therapie mit gestalterischen Mitteln? Ist sie Therapie über die Kunst? In der Literatur werden Kunst- und Gestaltungstherapie häufig als Synonym verwendet oder es wird zwischen den zwei Begriffen unterschieden, um sich dann letztendlich doch auf die „Kunsttherapie“ als Oberbegriff zu einigen.

Menzen macht darauf aufmerksam, dass die synonyme Verwendung des Kunst- und Gestaltungstherapeutischen darauf hinweist, „... da ßkünstlerisch - angeleitet mit bildnerischen Mitteln der Patient zu einem neuen gestalthaften Ausdruck seiner Befindlichkeit käme“ ( Menzen zitiert nach Kuhlmann, In: van Andel u.a.1990, S.76 ).

Für Biniek ist Gestaltungstherapie, Psychotherapie mit gestalterischen Mitteln. Er geht dabei davon aus, „... da ßdie Verwendung gestalterische[ r ] Mittel in der Psychotherapie nicht auf eine bestimmte Verwendung dieser Mittel und damit auf eine bestimmte Arbeitsweise festgelegt ist, mit anderen Worten, da ßsie offen für verschiedene Arbeitsweisen und therapeutische Ziele ist“ ( Biniek 1982, S.5 ).

E. Tomalin und P. Schauwecker sind der Ansicht, „... da ßTherapie und Selbsterfahrung durch Malen und Gestalten nicht Kunsttherapie, sondern Gestaltungstherapie hei ßen sollte. Nachdem aber im englischen Sprachraum art therapie längst zum festen Begriff geworden ist und sich in Westdeutschland allem Anschein nach auch die Bezeichnung Kunsttherapeut durchsetzt, ist es m üß ig, daran festzuhalten. Letztlich lösen Bezeichnungen keine Probleme“ ( Tomalin/Schauwecker 1989, S.19 ).

Es besteht keine Einigung darüber, was genau Kunsttherapie und was genau Gestaltungstherapie ausmacht und vor allem, wo die Unterschiede zwischen den zwei Bereichen liegen.

Die Kunsttherapeuten/innen selbst grenzen sich gegenüber der Beschäftigungstherapie ab. Was die Bewertung der Ärzte wie auch die Absichten der Kunsttherapeuten/innen betrifft, begibt sich die Kunsttherapie im Rahmen des Gesamtbehandlungsplanes in eine Mittlerposition zwischen Beschäftigungs- bzw. Arbeitstherapie einerseits und Psychotherapie andererseits ( vgl. Kuhlmann , In: van Andel u.a.1990, S.51 ). Die Institutionen, die in der Deutschen Gesellschaft für Kunsttherapie zusammengeschlossen sind, benennen ihre Weiterbildungsangebote fast übereinstimmend mit Kunsttherapie. Ausnahmen bilden z.B. das Weiterbildungsinstitut in Stuttgart, das von Gestaltungstherapie, und das Institut für Kunst und Therapie in München, das von Kunst- und Gestaltungstherapie spricht ( vgl. Kuhlmann, In: 1990, S.80 ).

Auch in der Art der Ausbildung und Verwendung der Methoden wird eine Unterscheidung zwischen Gestaltungs- und Kunsttherapie erschwert bzw. unmöglich gemacht.

Das Institut für Weiterbildung im Deutschen Arbeitskreis Gestaltungstherapie e.V. versteht beispielsweise unter tiefenpsychologisch fundierter Gestaltungstherapie eine Therapie mit bildnerischen Mitteln auf tiefenpsychologischer Grundlage. Diese Gestaltungstherapie basiert auf theoretischen Modellen der Psychoanalyse, der Ich - Psychologie und auf Erkenntnissen der analytischen Psychologie nach C.G. Jung ( vgl. Kuhlmann, In: 1990, S.10 ).

Diese theoretischen Modelle der Psychoanalyse, der Ich - Psychologie und die Erkenntnisse Jungs werden aber auch als Grundlage, als Ansätze und Richtungen in der Kunsttherapie angesehen ( vgl. Dannecker 1996, S.29ff, 47ff und Baukus/Thies 1993 ). Auch bei den Methoden der Gestaltungs- bzw. Kunsttherapie scheinen die Autoren keine Unterschiede zu machen.

Das Dialogische Gestalten wird sowohl als Methode der Gestaltungstherapie ( vgl. Biniek 1982, S.51 ) als auch der Kunsttherapie ( vgl. Wichelhaus 1991, S.40ff ) betrachtet.

So werde ich im folgenden den Begriff der Kunsttherapie verwenden und seine Kernaussage darstellen.

Den Gebrauch von Kunst und anderen visuellen Medien in einem therapeutischen Rahmen könnte man als Kunsttherapie bezeichnen. In der Therapie steht das „gute Bild“ nicht so sehr im Vordergrund, vielmehr wird die Kunst zum Zweck der nicht- verbalen Kommunikation benutzt. Somit werden in der Therapie die Person und der Prozess zu den wesentlichen Elementen. Die Kunst stellt ein Medium bereit, durch das sich eine Person bewusst als auch unbewusst Ausdruck verschaffen kann. Das Wesen der Kunsttherapie liegt in dem therapeutischen Ergebnis einer schöpferischen Betätigung. Aber nicht jede künstlerische Betätigung ist heilend. Nicht nur der zeichnerische Prozess selbst ist ein therapeutisches Mittel, denn die Kunsttherapeuten/innen sind nicht einfach dazu da, Menschen zum Malen zu animieren. Es geht dabei viel mehr darum, dass die Person durch die kreative Betätigung lernt, d.h. durch Kunst werden Gefühle, Gedanken zum Ausdruck gebracht und anschließend mit dem Kunsttherapeuten diskutiert, so dass die Person Einsicht gewinnt, indem sie die Bedeutung des Bildes mit ihrer Lebenssituation verknüpft. Der Betreffende ist im Prozess der Kunst aktiv und physisch engagiert. Wenn künstlerische Betätigung als wohltuend und therapeutisch angesehen werden kann ( der Schaffensvorgang baut einen Dialog innerhalb des Ichs ), so ist die Frage, warum ist sie nicht so sehr anerkannt? Im allgemeinen ist Kunsttherapie wenig bekannt, wird unterschätzt und ihre Ziele werden oft missverstanden ( vgl. Dalley 1986, S.10ff ).

Warum? Zum einen weist ihr die Mehrdeutigkeit der Kunst eine Randstellung zu, die vom wesentlichen Gang der Kommunikation losgelöst ist. Zum anderen haben viele Personen zu wenig Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, eine Bedeutung oder Botschaft verstehen zu können ( vgl. Dalley 1986, a.a.O. ).

Außerdem liegt diese ganze Problematik auch an der Uneindeutigkeit einer begrifflichen Bestimmung, wie ich bereits anmerkte.

Die ganze Bandbreite der Kunsttherapie liegt zwischen den Bereichen der Bildenden Kunst, der Kunstpädagogik, der Psychologie und Psychotherapie. Kunstpsychotherapie, Gestaltungstherapie, Therapie mit bildnerischen Mitteln, Kreativtherapie - diese Sammlung von Bezeichnungen weist auf die Vielfalt der Ansätze und Verfahren, „... die sich das kreative Gestalten als therapeutisches Instrument zu eigen gemacht haben“ ( Dannecker 1996, S.7 ).

Die Kunsttherapie benutzt ästhetische Medien, um dem Ausdrucksbedürfnis eines Klienten entgegenzukommen und es therapeutisch zu nutzen. Dadurch unterscheidet sie sich sowohl von der verbalen Psychotherapie als auch von der Beschäftigungstherapie und der Kunstpädagogik. Die Kunsttherapie ist gekennzeichnet durch die Beziehung zwischen dem kreativen Prozess und dem therapeutischen Prozess, wo es um Ausdruck und das Verständnis vom Selbst durch visuelle Kunst geht. Kunsttherapie ist die therapeutische Anwendung von Kunst, d.h. visuelle Produkte werden gestaltet, die symbolische Äquivalente für Erfahrungen, Gefühle, Gedanken und Phantasien bilden. Dadurch wird den Klienten geholfen, ihre bewussten und unbewussten Konflikte wahrzunehmen, zu definieren, zu kommunizieren, indem diese Konflikte nach außen projiziert werden. Diese Erschaffung von Produkten verhilft auch dazu, viele Ich - Funktionen zu mobilisieren, indem die handwerklichen, imaginativen und intellektuellen Fähigkeiten eingesetzt werden. Die Analyse dieser Produkte sowie des Verhaltens des Klienten in Beziehung zu den ästhetischen Mitteln und Prozessen wird dann vom Kunsttherapeuten zur Diagnose und Therapie eingesetzt. Eine wichtige theoretische Grundlage der Kunsttherapie bildet somit u.a. die Psychoanalyse ( vgl. Dannecker 1996, S.10ff ).

Es haben sich sieben verschiedene Ansätze der Kunsttherapie gebildet, die von unterschiedlichen Erkenntnissen ausgehen und sich dennoch häufig überschneiden. Baukus und Thies ( 1993 ) haben in dem von ihnen herausgegebenen Buch „Aktuelle Tendenzen in der Kunsttherapie“ diese Kunsttherapieansätze in Form einer Sammlung von Aufsätzen verschiedener Autoren wunderbar dargestellt. Ich möchte auf diese im nächsten Punkt grob eingehen, um dem Wesen der Kunsttherapie näher zu kommen.

1.2.2 Ansätze in der Kunsttherapie

Baukus und Thies ( 1993 ) stellen in ihrem Buch Beiträge verschiedener Autoren vor, aus denen sich folgende Gliederung nach sieben unterschiedlichen kunsttherapeutischen Ansätzen ergibt, die ich übernehmen werde:

- Psychiatrischer Ansatz
- Künstlerisch-kunstpädagogischer Ansatz · Heilpädagogischer Ansatz
- Psychotherapeutischer Ansatz · Anthroposophischer Ansatz · Rezeptiver Ansatz
- Integrativer Ansatz

Psychiatrischer Ansatz

Der psychiatrische Ansatz der Kunsttherapie geht von neurobiologischen Erkenntnissen aus und davon, dass der Mensch einen angeborenen, in der neurobiologischen Struktur seines visuellen Systems verankerten Grundkatalog von allgemeinsten Formen besitzt, durch die hindurch er die Welt wahrnimmt. Die reale Welt bleibt dennoch nicht erkennbar, denn visuelle Wahrnehmung ist schon immer Interpretation. In der Krankheit, vor allem bei schizophrenen Personen ist dieses System der Interpretation gestört und somit kommt es zu einer veränderten Wahrnehmung. Man geht hier von einem Drei-Welten-Konzept aus ( vgl. Baukus 1993, S.12ff ).

Welt 1 ist die Welt physischer Objekte und Zustände. Dazu gehören auch das menschliche Nervensystem, die Sinnesorgane und die neurale Basis der endogenen Bildmuster1. Welt 2 ist die subjektive Wirklichkeit: Gefühle, Bewusstseinszustände, Phantasien, endogene Bildmuster als subjektive Erkenntnisstrukturen. Welt 3 ist die Welt des Wissens im objektive Sinne; zu ihr gehört auch die Kunst. In allen drei Welten treten immer die gleichen o.g. Muster auf. Die endogenen Bildmuster spielen in allen drei Welten eine zentrale Rolle; sie stehen zwischen den Strukturen der realen Welt und den Strukturen der Kunst. Bei einer schizophrenen Erkrankung wirkt sich die Störung in Welt 1 auf Welt 2 aus und findet ihren Niederschlag in Welt 3 in Form bildnerischer Produktionen. Vorrangiges Ziel der Kunsttherapie ist der rückläufige Weg: in Welt 3 werden Strukturen der realen Welt angeboten, sie wirken dann auf Welt 1 und von dort aus auf Welt 2 ( vgl. Baukus 1993, a.a.O. ).

In der Praxis soll durch das Nachzeichnen von realen Strukturen das deformierte Wahrnehmungssystem verbessert werden. Das Formenzeichnen ist zentrierend und Ichbildend in der Wirkung ( vgl. Wolfrum, In: Baukus/Thies 1993, S.18f. ).

Künstlerisch-kunstpädagogischer Ansatz

Vertreter dieses Ansatzes gehen von den Gestaltungslehren der Bauhauszeit ( 1919 - 1933 ) aus. Man beschäftigt sich dabei mit den Fragen: Welche Farben, welche Formen können verwendet werden, um etwas Bestimmtes auszudrücken? Wie wirkt das Dargestellte auf den Betrachter? Vor allem Bauhauskünstler wie Johannes Itten, Wassily Kandinsky, Paul Klee u.a. haben sich intensiv mit diesem Themenbereich auseinandergesetzt. Ittens Kunstpädagogik basiert auf der grundlegenden Idee, dass das Zusammenspiel von Formen und Bewegung, von Seele, Geist und Körper vielmehr im emotionalen Bereich die maßgebenden Kriterien für künstlerisches Schaffen sein müssten. Kandinsky charakterisierte die einzelnen Farbwerte und -wirkungen. Klees Gedanken zur Kunst greifen in einen abgehobenen, sphärischen Bereich ein: Er erweitert den Bereich Kunst um sein Inneres, um die gesamten Gesetze des Lebens, um seine irdische und kosmische Weltverbundenheit ( vgl. Bader, In: Baukus/Thies 1993, S.27ff ).

Ein Beispiel für eine erlebnisorientierte kunsttherapeutische Methode ist das „messpainting“. Hier steht nicht das fertige Bild, sondern der Malprozess und das persönliche Erleben im Vordergrund. Der einzelne wird dabei aufgefordert ein möglichst großes „Durcheinander“ zu malen. Es geht darum, eine „formlose“ Form zu malen. Für jedes Bild stehen nur zwei Minuten zur Verfügung und in dieser Zeit sollen über 70% der Malfläche, in großen Bewegungen aus dem Schultergelenk, bedeckt werden. Es geht um ein Sich-gehen-lassen, um ein Erlauben, Gefühle, die dabei entstehen, auszudrücken. Dieser Prozess trägt dazu bei, Hemmungen und Blockierungen abzubauen. Die Teilnehmer berichten, was sie erlebt und erfahren haben. Bilder und Prozess eines jeden werden eingehend besprochen ( vgl. Schottenloher, In: Baukus/Thies 1993, S.37ff ).

Heilpädagogischer Ansatz

Die Heilpädagogik widmet sich hauptsächlich behinderten Menschen. Im heilpädagogischen Ansatz der Kunsttherapie steht die nonverbale Kommunikation im Vordergrund. Auf diese Weise werden soziale Kompetenzen durch die Beschäftigung mit bildnerischen Mitteln gefördert ( vgl. Menzen, In: Baukus/Thies 1993, S.99ff ).

Psychotherapeutischer Ansatz

Die klassische Psychoanalyse deutete jede andere Ausdrucks- und Kommunikationsform ( z.B. Malen, Körpersprache ) als das gesprochene Wort als Agieren. Dies änderte sich vor allem mit C.G. Jungs Einbeziehen der bildnerischen Ausdrucksarbeit in seine Analysen. In diesem Zusammenhang hat die Kunsttherapie den Ausdruck als einen der Schwerpunkte. Im Vordergrund steht der gestalterische Prozess als solcher. Bei der psychoanalytischen Kunsttherapie steht der Erkenntnisprozess im Vordergrund. Das Erkennen und Bewusstwerden bezieht sich auf alle aus der Psychoanalyse bekannten und vertrauten psychischen Abläufe. Gemeint sind Funktionen des Ichs, der Abwehrmechanismen, der Übertragung, der Gegenübertragung und des Widerstands ( vgl. Schmeer, In: Baukus/Thies 1993, S.113ff).

Einen anderen psychotherapeutischen Ansatz hat Bettina Egger entwickelt. Die therapeutische Arbeit nach Bettina Egger geschieht immer unmittelbar während des Malen des Bildes und nicht während des nachträglichen, interpretativen Gespräches darüber. Das bedeutet, dass die Maltherapeutin direkt in den Entstehungsprozess des Bildes eingreift. Sie weist z.B. auf undeutliche Darstellungen und Widersprüche hin und ermutigt die Malende, das Bild ganz zu Ende zu führen. Diese Vorgehensweise wird „Begleitetes Malen“ genannt und bei dieser Methode überlässt die Maltherapeutin die Themenwahl ganz dem Malenden ( vgl. Egger, In: Baukus/Thies 1993, S.119ff und Egger, In: Kraus 1996, S.46 ).

Das „Geführte Zeichnen“ ist eine weitere psychotherapeutische Methode der Kunsttherapie. Auf großen Papieren, mit beiden Händen und mit geschlossenen Augen versucht der Zeichnende, sich dem Spiel der Hände zu überlassen, d.h. er versucht sich von spontanen Impulsen führen zu lassen. Es entstehen elementare Formen und Symbole durch die Bewegungen, die Empfindungen anregen und umgekehrt drängen die Empfindungen zum Bewegungsausdruck hin. Was sich im Geführten Zeichnen darstellt, sind Urformen wie Kreise, Schalen, Bögen, Wellen, Spiralformen, Linien. Hier wird der Krankheitsbegriff nicht so sehr in den Vordergrund gestellt. Auf dem nonverbalen Weg wird der Gestaltbildungsprozess aufgegriffen und gefördert ( vgl. Deuser, O., In: Baukus/Thies 1993, S.124ff ).

Eine weitere Methode des psychotherapeutischen Ansatzes der Kunsttherapie ist die „Arbeit am Tonfeld“ nach Heinz Deuser. Bei dieser Methode handelt es sich um Arbeiten mit sechs Kilogramm Tonerde in einem flachen Kasten und zwar mit geschlossenen Augen. Hier ist das Sinnesgebiet der Haptik entscheidend. Das weiche Material erlaubt einen Wandlungsprozess. In diesem Prozess kann sich der einzelne in seiner Bewegung wahrnehmen und wandeln an dem, was ihn bewegt ( vgl. Deuser, H., In: Baukus/Thies 1993, S.131ff ).

Anthroposophischer Ansatz

Die Anthroposophie als Geisteshaltung, die eine ganzheitliche Sichtweise des Menschen vertritt, wurde von Rudolf Steiner entwickelt. Rudolf Steiner gründete gemeinsam mit Ita Wegman die anthroposophische Medizin. Die anthroposophische Kunsttherapie sieht ihre Aufgabe darin, die Selbstheilungskräfte des Klienten anzuregen, ihn von außen zu stützen und so weit zu begleiten, bis er die Krankheit im Wesentlichen selbst überwinden lernt. In der Anthroposophie besteht der Mensch aus Physischem Leib, Ätherleib2, Astralleib3 und Ich-Organisation4. Mit Hilfe äußerer

Anwendungen und homöopathischer Heilmittel können diese Kräfte ( die zum Ausgleich geführt werden sollen ) differenziert zur selbstheilenden Eigenaktivität angeregt werden. In der Kunsttherapie geht es darum, das Zusammenspiel der zuvor genannten Kräfte ( Leibe des Menschen ) zu harmonisieren. Das „Geführte Zeichnen“, aber auch das Arbeiten mit Ton ( möglichst ohne Werkzeuge ) sind zu wichtigen Methoden dieses Ansatzes geworden ( vgl. Pütz, In: Baukus/Thies 1993, S.164ff ).

Rezeptiver Ansatz

Fast zu allen Zeiten lässt sich in östlichen wie in westlichen Kulturen die nonverbale Heilwirkung der Kunst als Medikament zur Beeinflussung der Befindlichkeit von Leidenden nachweisen. Kunstwerke, die wir betrachten, wirken auf uns. Kunst, Musik, Symbol und Ritual helfen im Glauben und können hilfreich zur Heilung sein. Wir finden in dem Kunstwerk etwas ausgedrückt, was wir nicht in Worte fassen können, oder das Bild drückt genau den eigenen affektiven Zustanden aus. Von dieser Erkenntnis macht z.B. das Ev. Krankenhaus in Bad Godesberg Gebrauch, indem in Krankenzimmern, Gängen verschiedene Bilder aufgehangen sind , die therapeutisch in den verschiedenen Phasen der Krankheitsbehandlung eingesetzt werden ( vgl. Ott, In: Baukus/Thies 1993, S.176ff ).

Integrativer Ansatz

Ein wesentliches Merkmal integrativer Ansätze ist es, nicht eindimensional zu arbeiten. Im integrativen Ansatz wird nicht so scharf getrennt zwischen krank und gesund. Vertreter dieses Ansatzes betrachten die Möglichkeit des Krankwerdens als sinnvolles und notwendiges Moment des Organismus. Krankheit gehört zum Wesen des Organismus dazu. Krankheit als Chance begriffen, führt durch die Auseinandersetzung mit der Störung zu einer Steigerung der Gesundheit. Kunsttherapie wird hier als nicht - manipulatives Vorgehen verstanden. Der therapeutische Prozess ist ein autonomer und spontaner Ablauf. Der integrative Ansatz kann dabei verschiedene Ansätze und Methoden verbinden, wie z.B. Maltherapie, Poesietherapie, Musiktherapie, Verhaltenstherapie ( vgl. Petersen, In: Baukus/Thies 1993, S.189ff ).

Lerntheoretische Prinzipien beispielsweise in der Kunsttherapie werden angewendet, um unter den Aspekten der Belohnung, Bestrafung und des Modelllernens den therapeutischen Zielen näher zu kommen. Während der Gestaltungsphase werden unterstützende Maßnahmen auf sprachlicher Ebene eingesetzt. Eine eher spielerische Vorgehensweise in der Gruppe und eine Verlagerung des Interesses des Klienten weg vom Produkt und hin zum Prozess kann zusätzlich selbstverstärkend wirken ( vgl. Haussmann, In: Baukus/Thies 1993, S.219ff ).

Thies verbindet die Kunsttherapie auch mit der Religiosität/dem Glauben. Die Menschen haben ihren Glauben nicht verloren auch, wenn sie zunehmend der Kirche fernbleiben. Kunsttherapie gilt als Weg zur Selbstfindung. Dieser Prozess der Selbsterkenntnis kommt aber zu keinem Ende, sondern führt in das Mysterium der Seele hinein. Der Weg der inneren Erfahrung gelangt dann zur Transzendenz. Transzendenz bezeichnet u.a. das Unfassbare, das Überschreiten des natürlichen Wissens und Fühlens. Durch die Religiosität versuchen die Menschen eine Beziehung zur Transzendenz einzugehen und Antworten auf Sinnfragen u.a. zu finden ( vgl. Thies 1993, S.225ff ).

Die dargestellten Ansätze machen deutlich, zwischen welchen Spannungspolen sich die Kunsttherapie bewegt und dass es durchaus Überschneidungen gibt, die eine klare Abtrennung der Ansätze unmöglich machen. Zu den jeweiligen kunsttherapeutischen Ansätzen stellte ich auch einige Methoden vor, diese machen aber nur einen kleinen Teil der Vielzahl der Methoden aus.

Wie sieht die Kunsttherapie in der Praxis aus, wenn man sich für einen der Ansätze als Basis entschieden hat?

1.2.3 Kunsttherapie in der Praxis

Eine Vielfalt von Klienten wird zur Kunsttherapie verwiesen, die dann einen integralen Bestandteil ihres Behandlungsprogramms darstellt: z.B. Menschen mit schweren geistigen oder körperlichen Behinderungen, Menschen mit einer psychischen Störung ( Neurose, Psychose, Persönlichkeitsstörung ), verhaltensauffällige Kinder, Suchtkranke, Menschen mit Essstörungen ( vgl. Kraus 1996 und Dalley 1986 ).

Die kunsttherapeutischen Sitzungen untergliedern sich insgesamt nach Dalley in zwei Phasen. Die erste Phase umfasst eine Zeit des Malens oder einer anderen kreativen Tätigkeit. Diese erste Phase vermittelt zunächst ein Gefühl der Isolation und Entfremdung, da die Beteiligten sich in einem Prozess der Selbstreflexion zurückziehen. Dieser Phase folgt eine Phase der Diskussion, die sich auf die Herstellung der Kunstform konzentriert und darauf, welche Gefühle sie in dem Klienten auslöst, d.h. inwieweit sich der Prozess der Schöpfung eines Werkes auf die Situation des betreffenden Individuums bezieht. Der Therapeut muss sich aber für einen therapeutischen Ansatz entscheiden. Er muss sich auch dafür entscheiden, ob er sich lenkend verhalten will. Die Sitzung kann gelenkt sein, indem sie sich auf ein bestimmtes Thema konzentriert. Der Therapeut kann aber auch ohne Direktiven arbeiten; er überlässt die Wahl des Themas dem Klienten ( vgl. Dalley 1986, S.18 ).

Die Kunsttherapie findet entweder in Einzel- oder Gruppensituationen bzw. in projektbezogener Arbeit statt. Eine weitere Möglichkeit, vor allem im Bereich der ambulanten Vor- und Nachsorge, ist die kunsttherapeutische Atelierarbeit, d.h. die offene Gruppe. In der Einzeltherapie steht die Beziehung zwischen dem Patienten und dem Therapeuten in dem Vordergrund. Vor allem für unkonzentrierte und leicht ablenkbare Personen ist die Einzeltherapie eine gute Methode. Die Gruppentherapie bietet einen Schutzraum durch die Gruppe, denn der einzelne steht nicht im Mittelpunkt, sondern kann sich innerhalb der Gruppe zurückziehen. Die Einzelnen machen hier die Erfahrung, dass sie nicht allein mit ihren Problemen und Schwierigkeiten stehen; gleichzeitig aber stehen die Bedürfnisse des einzelnen hinter denen der Gruppe zurück. Die projektbezogene kunsttherapeutische Arbeit ist zeitlich begrenzt und/oder hat ein bestimmtes Ziel. Dabei kann sowohl frei als auch themenbezogen gearbeitet werden. Es entsteht in der Regel ein Wir-Gefühl, eine Bindung das beim offenen Atelier vermieden wird ( vgl. Kraus 1996, S.30ff ).

Am offenen Atelier im ambulanten Bereich nehmen verschiedene Personengruppen teil, es gibt keine spezielle Zielgruppe. Jeder kann gestalten was und wie er will, bekommt jedoch fachliche Anleitung. Jeder kann ( muss aber nicht ) die Inhalte der Bilder und aktuelle Probleme mit den Therapeuten eingehend besprechen ( vgl. Kraus 1996, a.a.O.).

Ist das Gestalten frei, bedeutet dies, dass der Klient freie Wahl in Bezug auf den Inhalt bzw. auf den Gegenstand seiner Darstellung, die Art der Durchführung und möglichst auch des Mittels hat, mit dem er sich ausdrücken möchte. Freies Gestalten bedeutet auch, dass sich der Klient offen hält für die in ihm aufsteigenden Gefühle, Erinnerungen oder Phantasien. Damit ist aber nicht jede rationale Kontrolle ausgeschlossen. Zu den Techniken des freien Gestaltens, die dies bezwecken, gehören z.B. die Kritzeltechniken. Die verschiedenen Methoden des Dialogischen Gestaltens erlauben und erfordern sogar eine gewisse rationale Kontrolle ( vgl. Biniek 1982, S.41 ).

Was ist Dialogisches Gestalten?

Dialogisches Malen ist eine kunsttherapeutische Methode und bedeutet, dass zwei Personen gemeinsam ein Bild gestalten und somit in einen nonverbalen Dialog treten. Im therapeutischen Setting treten in der Regel Therapeut und Klient oder auch zwei Klienten gemeinsam in einem Bild in Kontakt. Nach Wichelhaus ( 1991 ) sollte der bildnerische Dialog ohne gleichzeitige verbale Kommunikation erfolgen. Beim gemeinsamen Gestalten wird die Fähigkeit zur Kooperation, Empathie, Flexibilität gefördert und die Ambiquitäts- Frustrationstoleranz geübt. Dialogisches Gestalten ist ein wechselseitiger averbaler Handlungsprozess. Beim Dialogischen Malen kann das Gleichgewicht zwischen Assimilation und Akkomodation wiederhergestellt werden. Dies ist eine notwendige Voraussetzung für die Dialogfähigkeit. Hier kann der Klient lernen, dass er die Möglichkeit hat, aktiv auf die Umwelt bzw. sein Gegenüber einzuwirken und gleichzeitig ist es notwendig sich anzupassen. Sowohl in der Diagnostik als auch im therapeutischen Prozess kann mit dem nonverbalen Dialog gearbeitet werden ( vgl. Wichelhaus 1991, S.40ff ).

Es gibt verschiedene Techniken des Dialogischen Malens. Ich werde hier nur einige vorstellen. Das Schnörkelspiel nach D.Winnicott ( 1973 ) eignet sich sehr gut, um zu Beginn der Therapie Kontakt mit dem Klienten aufzunehmen. Der Therapeut beginnt das Spiel, indem er mit Bleistift einen oder mehrere „Schnörkel“ auf das Blatt setzt. Der Klient soll aus diesem „Schnörkel“ etwas entwickeln. Anschließend kann umgekeht verfahren werden.

Das zweifarbige Partnermalen nach Wichelhaus ( 1991 ) gibt kein Thema vor. Dieses entsteht während dem Gestaltungsprozess. Jeder Partner wählt eine andere Farbe, dadurch bleibt erkennbar, wer, was gemalt hat. Gemalt wird nebeneinander und zwar im Wechsel. „Dominanzen werden durch formgebende, gegenüber lediglich ausmalenden Aktivitäten sichtbar“ ( Wichelhaus 1991, S.41 ). Da es keine Themenvorgabe gibt, kommt diesem Verfahren nach Wichelhaus ein spielerischer Charakter zu, wodurch eine lockere, entspannte Atmosphäre und eine primärprozesshafte Gestaltungsweise unterstützt werden. Diese Technik fördert das Eingehen auf die Motive des anderen. Durch das Warten auf den Partner können Spannungen provoziert werden. Eine Variante dieser Technik ist das gleichzeitige Malen. Eine weitere Technik dieser kunsttherapeutischen Methode des Gestaltens nach Wichelhaus ist das Malen mit „geöffneter Türe“. Hierzu wird das Blatt in der Mitte durch eine Linie mit einer Öffnung ( „Tür“ ) in zwei Bildhälften geteilt. Die Partner sitzen sich beim Malen gegenüber und gestalten gleichzeitig. Die Farbwahl ist frei ( vgl. Wichelhaus 1991, S.41f. ).

Im Vordergrund steht die Auseinandersetzung mit dem Partner, denn es entsteht ein Konfliktpotential dadurch, dass jeder den anderen durch die „Tür“ besuchen und auf dessen Seite mitarbeiten kann. Die Toleranz und Akzeptanz der Aktivitäten des Malpartners werden hier gefördert ( vgl. ebd. ).

Das gelenkte Gestalten in der Kunsttherapie bedeutet, dass Lenken sowohl über das Material als auch über Inhalte, d.h. thematische Vorgaben, möglich ist. Das „geführte Zeichnen“ von Hippius ist eine Methode des gelenkten Gestaltens. Das „geführte Zeichnen“ geht von der Beobachtung aus, die zeigt, dass einfache formale Elemente eine induzierende Wirkung auf seelische Integrationsprozesse haben können. Einfache formale Elemente sind der offene Halbkreis, der je nachdem, ob seine Öffnung nach oben oder unten zeigt, Schale oder Gewölbe ist. Es geht nicht um das Ausdrücken, sondern zunächst einmal um das Ein-Bilden ( vgl. Biniek 1982, S.55ff ).

Eine entscheidende Rolle spielt in der kunsttherapeutische Praxis das Material. Jolande Jacobi beschreibt in ihrem Buch „Vom Bilderreich der Seele“ die Bedeutung des verwendeten Materials beim Malen. Der Bleistift wird in der Kunsttherapie oft als Einstiegsmaterial verwendet. Der Gestaltende muss sich hierbei nicht festlegen, da das von ihm Gezeichnete sich wieder ausradieren lässt und somit nicht endgültig ist. Sowohl eher unsichere als auch rational betonte Menschen bevorzugen häufig das Arbeiten mit Bleistift. Das Zeichnen mit Bleistift ermöglicht eine strukturierende und stabilisierende Wirkung sowie ein rational kontrolliertes und sekundärprozesshaft gesteuertes Gestalten. Greift der Klient trotz eines Farbangebotes zum Bleistift, lässt dies auf einen emotional gehemmten Ausdruck schließen ( vgl. Jacobi 1982, S.54f. ). Beim Zeichnen mit Bunt- und Filzstiften ist bis zu einem gewissen Grad der Ausdruck von Gefühlen möglich. Dieses Material hat eine unterstützende Wirkung im Prozess der Stabilisierung, Strukturierung, Ordnung und Abgrenzung. Viele Klienten haben Angst sich beim Gestalten schmutzig zu machen und bevorzugen deshalb die festen Farbstifte. Bunt- und Filzstifte lassen eher sekundärprozesshaftes Gestalten zu und werden daher besonders gerne von rational betonten Menschen verwendet ( vgl. Jacobi 1982, S.56f. ). Die Verwendung von Kreide oder Pastell erlaubt satte, weiche, oft primitive „dickflüssige“ Gefühle zur Schau zu stellen. Ölkreide ermöglichen in ihrer Farbintensität einen vielseitigen und differenzierten Ausdruck von seelischen Zuständen. Sie ermöglichen sowohl geplantes, strukturiertes Gestalten als auch einen experimentierenden, spielerischen und entlastenden Umgang. Fingerfarben dagegen sind weich, dickflüssig, feucht und werden oft als schmutzig empfunden. Die taktile Sinneswahrnehmung wird damit gefördert und besonders Wut und Aggression lassen sich mit diesem Material gut ausleben. Fingerfarben können entlastende, spannungsreduzierende Qualitäten zugesprochen werden. Diese werden eher von Kindern bevorzugt. Wasserfarben sind am besten dazu geeignet, um Seelisches differenziert auszudrücken, da sie einen fließenden, transparenten Charakter haben, der es erlaubt, feinsten Seelennuancen und der Ambivalenz von Konflikten Ausdruck zu verleihen. Dieses Material erlaubt einen experimentierenden, spielerischen Umgang und hat spannungsreduzierende, entlastende Qualitäten ( vgl. Jacobi 1982, S.58f. ).

Das plastische Gestalten und Modellieren ermöglicht eine eher spielerische, experimentelle Auseinandersetzung mit dem Material. Der Gestaltende macht Materialerfahrungen, die dann wiederum Erfahrungen der eigenen Möglichkeiten, aber auch Grenzen ermöglichen. Zum Modellieren und Bauen bietet sich ein großes Spektrum an Materialien an: Ton, Gips, Holz, Stein, Naturmaterialien usw. Ton ist ein vielfältiges Medium. In dem Augenblick, in dem man mit Ton gestalten will, werden seine materiellen Qualitäten von Bedeutung. Ton kann hart, trocken und spröde sein. Er kann ebenso nass, weich und schmierig sein. Sein augenblicklicher Zustand hängt von der Zusammensetzung des Tons und seinem Reifegrad ab. Eine der wichtigsten Eigenschaften des Tons im Hinblick auf seine Be- und Verarbeitung ist seine Plastizität oder Bildsamkeit. Ton trocknet an der Luft und lässt sich nach einer gewissen Zeit nicht mehr bearbeiten; er verliert seine Schmiegsamkeit. Wenn er zu feucht ist, verliert er die Form, die man ihm gegeben hat. Um mit Ton arbeiten zu können, ihn zu begreifen oder ihn „in den Griff zu bekommen“ ist all dies für das Gestalten notwendig ( vgl. Biniek 19982, S.80 und Riedinger 1988, S.11ff ). Ton erlaubt einen spielerischen Umgang. Man muss nicht unbedingt das endgültige Produkt antizipieren. Ton erlaubt Experimentieren, Veränderungen, die am Schluss nicht mehr sichtbar sind. Durch den spielerischen Umgang mit Ton lassen sich seine Eigenschaften und Grenzen erkunden ( vgl. Riedinger 1988, S.11 und Dannecker 1996, S.54 ).

Man kann den Ton schlagen, werfen, streichen, kneten und damit hat er eine beruhigende Wirkung und führt zur spontanen Kreativität ( vgl. Biniek 1982, S.84 ). In der Praxis der Kunsttherapie werden aber auch andere Materialien verwendet wie beispielsweise Gips/Gipsbinden und Pappiermache. Gips ist ein reinweißes Material, somit fehlt ihm die „schmutzige“ Farbe. Gipsbinden ermöglichen plastisches Gestalten über einem Gerüst ( z.B. aus Draht ) und so bleibt der Ausdruck kontrollierbar. Dieses Material bietet Sicherheit und Form und ermöglicht ohne großen technischen Aufwand das Herstellen von stabilen Objekten ( vgl. Kappler 1983, S.9 und S.47ff ). Stabile Objekte lassen sich auch mit kaschierter Pappmache herstellen. Hierzu werden mehrere Papierstreifen auf einem Gerüst ( aus Papier, Draht oder auch Luftballons ) mit Kleister übereinander geklebt ( vgl. Grünebaum 1993 ).

Das Material ( Papier und Kleister ) hat einen „schleimigen“ Charakter, das zum lustvollen Matschen einladen kann. Jedes Material kann regressiv5, aggressiv und schöpferisch eingesetzt werden. Jedes Material ist ein Stück Realität, das der Klient erfährt. Im Prinzip kann jede Art von Material eingesetzt werden, die Frage ist nur dabei, welche Ziele der Therapeut verfolgt ( vgl. Biniek 1982, S.84ff ).

Künstlerisches Gestalten hat eine therapeutische Wirkung, aber Vorsicht! - Nicht jeder, der ein Stück Papier und einen Stift bereitstellt, ist gleich ein Therapeut. Im letzen Punkt meiner Arbeit setze ich mich ausführlicher mit der Unterscheidung zwischen dem Therapeutischen und Pädagogischen auseinander.

Damit möchte ich die Darstellung der Kunsttherapie und des künstlerischen Gestaltens abschließen und mich im folgenden den psychischen Erkrankungen bzw. den endogenen Psychosen und den Persönlichkeitsstörungen widmen. Diese stellen eine weitere theoretische Voraussetzung meiner praktischen Arbeit mit psychisch kranken Menschen dar.

[...]


1 endogene Bildmuster = Grundformen jeglicher visueller Wahrnehmung: z.B. Striche und - konfigurationen, Bogen, Kreise, Wellenlinien, Mehrfachmuster ( vgl. Baukus 1993, S.2ff ).

2 Ätherleib = physiologisch-lebendige Tätigkeiten des Menschen ( vgl. Pütz, In: Baukus/Thies 1993, S.164 ).

3 Astralleib = seelisch-affektive Tätigkeiten des Menschen ( vgl. ebd. ).

4 Ich-Organisation = geistig-individuelle Tätigkeiten des Menschen ( vgl. ebd. ).

5 Regression = R. besteht in der Rückkehr der Person auf frühere Phasen der Motiventwicklung. R. als Teil des schöpferischen Prozesses kann als „Regression im Dienste des Ego“ bezeichnet werden ( vgl. Arnold u.a. 1994, S.1868 ).

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Künstlerisches Gestalten und psychische Erkrankung
Hochschule
Hochschule Koblenz (ehem. FH Koblenz)  (Fachbereich Sozialpädagogik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
103
Katalognummer
V4426
ISBN (eBook)
9783638127417
Dateigröße
2004 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ist künstlerisches Gestalten auch ein Aufgabe sozialpädagogischer Arbeitsfelder? Diese Arbeit ist für alle Berufe in der sozialen Arbeit geeignet, die sich des künstlerischen Gestaltens aus sozialpädagogischer Sicht mit Teilaspekten u.a. der Kunstherapie annehmen möchten.
Schlagworte
Kunsttherapie, endogene Psychosen, Ästhetik
Arbeit zitieren
Silvia-Gabriela Baumgärtner (Autor), 2001, Künstlerisches Gestalten und psychische Erkrankung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4426

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