Wie sieht eine Kindheit in Namibia aus?


Hausarbeit, 2015

33 Seiten, Note: 1,2

Anna Schäfer (Autor)


Leseprobe

Inhalt

Liste der Abbildungen

Vorwort

1. Einleitung

2. Die Begriffe Kindheit und Kind

3. Überblick Namibia

4. Kindheit in Namibia
4.1. Kindheit im Kontext des namibischen Staates
4.1.1. Schulwesen
4.1.2. Sprachpolitik
4.1.3. Gesundheitswesen
4.1.4. Kinderfürsorge
4.1.5. Kinder im Kontext anderer staatlicher Organe
4.2. Kindheit in kulturellen namibischen Kontexten
4.2.1. Die Volksgruppen der San
4.2.2. Kindheit in der deutschsprachigen Gemeinschaft
4.2.3. Verheiratete Kinder, Polygamie und externe Erziehung
4.3. Kinderarbeit

5. Fazit

6. LITERATURVERZEICHNIS

Liste der Abbildungen

Abbildung 1. (Seite 6): Bevölkerungspyramide Namibia Zensus 2011

Namibia Statistics Agency (NSA). 2013b: Namibia 2011 Population & Housing Census Main Report. Republic of Namibia, Windhuk, Figure 2.2.1.4.1.,

Abbildung 2. (Seite 8): Einschulungsrate von Kindern (7-13 Jahre) an Grundschulen nach Wahlkreis und Region 2011

Namibia Statistics Agency (NSA). 2013a: Namibia 2011 Census Atlas. Republic of Namibia, Windhoek, Karte 6.3.

Abbildungen 3. bis 5. (Seite 14): Schülerheime (von links) in Donkerbos, Eiseb und Helena in der Omaheke Region Fotos von Barbara Scharfbillig 2010 und 2011, Omaheke Region

Vorwort

Januar 2015.

Alfred Schäfer beginnt sein Vorwort des Kapitels „Kindheit und Jugend in Afrika“ im Handbuch Kindheits- und Jugendforschung mit dem Satz:

„Als Einheit existiert Afrika vor allem in der Imagination des durchschnittlichen

Europäers:“ (Schäfer 2010, S.417)

Dieser Satz trifft meiner Meinung nach auch auf Namibia zu. So wie der Kontinent Afrika ist auch das Land Namibia keine Einheit, sondern ein geografischer und politischer Rahmen indem verschiedenste Volksgruppen mit unterschiedlicher Geschichte, Gesellschaftsform und Sprache neben- und miteinander existieren.

Daher nähere ich mich - wie auch Schäfer vor mir - auf der Suche nach der namibischen Kindheit von verschiedenen Blickwinkeln und zeige in dieser Arbeit unterschiedliche Möglichkeiten und Facetten auf.

Trotz der Bemühung um inter-subjektivität, sind die Auswahl der Blickwinkel sowie ihre Beispiele geprägt von meinen persönlichen Erfahrungen in Namibia, vornehmlich in der Omaheke Region. Sie sind daher nicht frei von möglicher Einseitigkeit.

1. Einleitung

Namibia ist wie viele Länder Afrikas ein geografisch abgestecktes Gebiet, welches auf der Berliner Afrikakonferenz im Jahr 1885 seine Grenzen erhalten hat. Die in Namibia lebenden Volksgruppen unterscheiden sich nicht nur in Sprache und Kultur, sondern auch in ihrer Geschichte voneinander. Geprägt durch die langandauernde Unterdrückung und Trennung eines Großteils der Bevölkerung während der Apartheit, leben Namibier heute in sehr unterschiedlichen Umständen und Einkommensverhältnissen.

Dementsprechend ist die Betrachtung von Kindheit durch die unterschiedlichen Kulturen und wirtschaftlichen Bedingungen stark kontextabhängig. Die Heterogenität von Lebenswelten in Namibia und die verschiedenen Gestaltungsvarianten von Kindheit soll diese Hausarbeit widerspiegeln.

Auch wenn es die Kindheit nicht gibt, bestehen doch einige Besonderheiten, die viele namibische Kinder gemein haben. Ein ausgeprägtes Internatswesen, eine für Afrika ungewöhnliche Sprachpolitik, der Umgang mit marginalisierten Bevölkerungsgruppen und die hohe Einkommensungleichheit sind prägend für Namibia.

Um die verschiedenen Kindheiten in Namibia zu beleuchten wurden überwiegend Dokumente der Nambian Statistics Agency, von Hilfsorganisationen, dem Bildungsministerium sowie ethnografische Arbeiten als Literatur herangezogen. Auf diesem Wege wurde der staatliche Rahmen für Kinder sowie wirtschaftliche und kulturelle Faktoren beleuchtet. Zudem wurden Gespräche mit Erzieher_innen und Lehrer_innen aus Namibia geführt.

2. Die Begriffe Kindheit und Kind

Kindheit wird im Rahmen dieser Hausarbeit nicht als entwicklungspsychologisch rekonstruierbare Kategorie, sondern als Zeitraum von der Geburt bis zum Erlangen der rechtlichen oder kulturellen Mündigkeit gesehen.

Namibia hat die UN-Kinderrechtskonvention ratifiziert und betrachtet damit jede Person unter 18 Jahren als Kind (The African Child Policy Forum, 2013, S. 4).

Laut namibischer Verfassung endet die Kindheit mit dem Erreichen des 16. Lebensjahres. Dies steht jedoch im Gegensatz zum Volljährigkeitsgesetzt; hier beträgt das Alter 21 Jahre. Im namibischen Kinderschutzgesetzt wird diese Definition erneut widerrufen und die Volljährigkeit auf 18 Jahre herabgesetzt. Weiter verwirrend sind unterschiedliche Altersgrenzen in unterschiedlichen gesetzlichen Kontexten die deutlich von den UN-Kinderrechten abweichen: Mädchen dürfen laut Gesetz in Namibia ab 15 Jahren verheiratet werden, Jungen jedoch erst ab 18 Jahren. Für beide Geschlechter ist sexueller Kontakt ab 16 Jahren erlaubt. Strafmündig können Kinder bereits ab sieben Jahren sein, dürfen jedoch erst ab 16 Jahren inhaftiert werden. Ab dem 14. Lebensjahr ist eine Vollzeitarbeitsstelle im Minensektor möglich (CoN 1990, S.12), jedoch werden Kinder bis zum 16. Lebensjahr vor Schwerstarbeit (wie z.B. im Minensektor) geschützt.

Insgesamt fehlt im nationalen Kontext eine einheitliche und an die Kinderrechte angelehnte Definition.

Neben der staatlichen Gesetzgebung besteht das Common Law, eine traditionellen Gesetzgebung, die von Volksgruppe zu Volksgruppe unterschiedlich sein kann. Obwohl die staatliche Gesetzgebung das höhere Recht ist, scheint die Common Law in ländlichen Gebieten teilweise präsenter zu sein. Altersgrenzen werden hier individuell definiert. Zum Beispiel ist sexueller Kontakt sowie eine Heirat teilweise ab 12 Jahren erlaubt und ein Kind, das verheiratet ist, gilt als Erwachsen ungeachtet seines Alters (The African Child Policy Forum, 2013, S. 4).

Zusätzlich zu beiden Gesetzgebungen gibt es nicht schriftlich erfasste Normen und Rituale, die in verschiedenen namibischen Kulturgruppen die Kindheit ausleiten, ungeachtet des Alters der Person. Eine einheitliche Definition von Kindheit in den unterschiedlichen namibischen Kontexten ist aus diesen Gründen nicht möglich. Daher richtet sich diese Hausarbeit bei der Definition von Kindheit nach der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen als höchste Instanz (BMF 2010, S.12). Damit wird jede Person unter 18 Jahren als Kind betrachtet. Kindheit ist der Zeitraum von der Geburt bis zum vollendeten 18. Lebensjahr. Abweichende Festlegungen der Begriffe Kindheit und Kind werden an entsprechender Stelle erläutert (siehe Kapitel 4.2.).

3. Überblick Namibia

Namibia liegt im Süden des afrikanischen Kontinentes, ist doppelt so groß wie Deutschland und hat 2.113.077 Einwohner (NSA 2013a, S.7). Es ist in 14 Verwaltungsregionen eingeteilt[1]. Fast die Hälfte der Bevölkerung lebt im subtropischen wasserreichen Norden des Landes, in der sogenannten 4-O Region[2], ein weiteres Drittel in der Landeshauptstadt Windhuk. Im Gegensatz dazu ist der übrige Teil des Landes, der von der Namibwüste, der Kalahariwüste und einer trockenen Buschsavanne bedeckt wird, kaum bewohnt und hat ein arid-trockenes Klima. Wasser spielt für die meisten Bewohner eine zentrale Rolle. Im Zentrum und Süden sind die Niederschläge sehr gering, während der Norden regelmäßig von Überschwemmungen heimgesucht wird. Im Norden gibt es ausreichend Oberflächenwasser, während der übrige Teil des Landes von Salzpfannen und Trockenflüssen durchzogen ist. In Windhuk und Walfishbay wird daher ein Großteil des Trinkwassers in modernen Aufbereitungsanlagen aus Abwässern hergestellt[3].

Namibia ist mit 2,6 Einwohnern pro Quadratkilometer auf Platz drei der am wenigsten besiedelten Länder (NSA 2013a) und gehört zudem zu den trockensten Staaten der Erde.

Vorfahren der heutigen Damara und San-Völker lebten auf dem Gebiet des heutigen Namibia, bevor bantusprachige Gruppen im Mittelalter von Norden her einwanderten. Im 19. Jahrhundert ließen sich Europäer und Volksgruppen aus dem südlichen Afrika nieder und es kam vermehrt zu kriegerischen Konflikten. 1885 wurde ein Großteil des heutigen Namibias auf der Afrikakonferenz in Berlin zum deutschen Kolonialgebiet erklärt. Die deutsche Besatzung führte mehrere Völkermorde und Vertreibungen durch, um ihren Anspruch zu legitimieren. Nach dem ersten Weltkrieg übernahm Südafrika die Verwaltung des Landes und führte eine strickte Rassentrennung, die Apartheit ein. Erst 1990 wurde Namibia nach einem Befreiungskampf durch die South West African Peoples Organisation (SWAPO) unabhängig. Seither ist es eine politisch stabile und wirtschaftlich wachsende demokratische Republik, die faktisch ein Einparteienstaat ist. Als Folge der andauernden Unterdrückung der nicht-weißen Bevölkerung hat das Land hohe Bildungs-, Einkommens- und Besitzunterschiede. Namibia hatte 2013 weltweit die höchste Ungleichheit in der Einkommensverteilung zwischen Armen und Reichen (CIA 2013)[4].

Die Wirtschaft Namibias konzentriert sich auf den Diamanten-, Minen und Bergbausektor sowie den Fischfang. Ein Großteil des fruchtbaren Landes gehört kommerziellen Großfarmern, die Landwirtschaft, Tourismus oder Jagd betreiben. Die Subsistenzwirtschaft spielt vor allem im dicht bewohnten Norden des Landes eine wichtige Rolle.

Namibia gehört zu den ersten Ländern, die den Naturschutz in ihrer Verfassung verankert haben. 2011 standen 41,5% des Landes unter Naturschutz[5].

Das Land hat ein sehr gut ausgebautes und gepflegtes Straßennetz, sowie eine - im regionalen Vergleich - gute Infrastruktur und das beste Arzt-Einwohner-Verhältnis in Afrika (Mendelsohn 2009). Die Amtssprache Namibias ist Englisch, dreizehn weitere Sprachen sind als Nationalsprachen anerkannt (NSA 2013b). Nach den friedlichen Wahlen im Dezember 2014 wird am 21. März 2015 Hage Gottfried Geingob als Präsident vereidigt werden.

4. Kindheit in Namibia

Die Hälfte von Namibias Bevölkerung ist unter 21 Jahren alt (NSA, 2013b S. 28).

Die Geburtenrate ist zwar rückläufig, liegt jedoch bei 29,4% (NSA 2013bS. 40), was zu einer breiten Bevölkerungspyramide führt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1. Bevölkerungspyramide Namibia Zensus 2011

Glaubt man den Statistiken über Kinder in Namibia ergibt sich folgendes Bild:

Das durchschnittliche namibische Kind ist ein Mädchen, hat drei Geschwister, spricht eine Oshiwambosprache und lebt im Norden Namibias. Es wohnt in einem Steinhaus, das noch nicht an das staatliche Stromnetz angeschlossen ist und ein Wellblechdach hat. Es teilt seinen Schlafraum mit einer weiteren Person, kann Radio hören sowie ein Mobiltelefon nutzen. Es hat Zugang zu einer Toilette[6] und erhält Trinkwasser aus einem Wasserhahn außerhalb seines Zuhauses. Es besucht eine staatliche Schule mit weiß-grauer Schuluniform, beendet diese erfolgreich nach der siebten Klasse und lernt nie schwimmen. Es hat alle Kinderimpfungen erhalten, ernährt sich von Maisbrei, hört die Musik von Ryanna und Mushe und spielt Netzball. Es gehört einer christlichen Kirche an, kann die Nationalhymne auswendig singen und hat noch nie einen Nationalpark besucht[7].

Aber so unterschiedlich Namibia in seiner Einkommensverteilung, seiner Landschaft und seinen Lebenswelten ist, so unterschiedlich kann auch eine Kindheit im „Land der Mutigen“[8] sein:

4.1. Kindheit im Kontext des namibischen Staates

Namibia hat die UN-Kinderrechtkonvention 1990 sowie die Charta afrikanischer Länder zu Kinderrechten 2004 ratifiziert. Im Jahr 2000 ratifizierte es die Minimum Age Convention für Kinderarbeit (ILO 2014), 2000 und 2006 wurden zudem Gesetze über Menschen- und Kinderhandel und betreffend Menschen mit Behinderung ratifiziert. Trotzdem ist der Child Act, das wichtigsten namibische Dokument, das die Unterstützung von Kindern reguliert, nicht an internationale Gesetzgebungen angepasst (Kangandjela & Mapaure 2009, S121).

Im namibischen Sozialsystem sind benachteiligte Kinder klar definiert und erhalten staatliche Unterstützung. Ein Kultur-, Sport-, Justiz- und Gesundheitssystem mit eigenen Regularien für Kinder kommt hinzu. Die wichtigste Instanz, die wie keine andere in Namibia die Kindheit bestimmt, ist jedoch das Bildungs- und Schulwesen. Kinder, die keine Schule besuchen, haben auch mit anderen staatlichen Institutionen wenig Kontakt und haben eine geringere Chance gefördert oder überhaupt als namibischer Bürger erfasst zu werden.

4.1.1. Schulwesen

Wie in fast allen Ländern der Welt herrscht auch in Namibia Schulpflicht. Diese erstreckt sich entweder vom sechsten bis zum 16. Lebensjahr oder bis zum Ende der Grundschulbildung nach der siebten Klasse, je nachdem was zuerst erreicht wurde. Die Einschulung erfolgt in dem Jahr, in dem das Kind sieben Jahre alt wird (Republik of Namibia 2001: 53).

Im Jahr 2011 waren 87% aller Kinder zwischen 7 und 13 Jahren in einer Grundschule eingeschult. Insgesamt besuchen mehr Mädchen als Jungen eine Schule, wobei es starke Unterschiede je nach Region gibt (NSA 2013b, S. 52). Die größte Wahrscheinlichkeit bis zum 25. Lebensjahr keine Schulbildung zu erhalten, besteht für Jungen, die in der Kunene Region leben (NSA 2013a, vgl. S. 64, 65 u. 72).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2. Einschulungsrate von Kindern (7-13 Jahre) an Grundschulen nach Wahlkreis und Region 2011

Die Einschulungsrate ist im nördlichen Kunene und östlichen Otjuzonjupa am niedrigsten (siehe Abbildung 2.). Beide Regionen verfügen über eine vergleichsweise schlechte Infrastruktur, in beiden Regionen leben marginalisiertesten Volksgruppen (OvaHimba und San) und in beiden Gebieten werden überwiegend Sprachen gesprochen, für die es kaum Lehrpersonal und Material gibt (Matundo Reyk 2007).

Die Alphabetisierungsrate der Bevölkerung ab dem 5ten Lebensjahr liegt bei 85,4% (NSA 2013b S. 49) mit regional großen Unterschieden (Khomas 95%, Kunene 59,4%). Zwei Drittel aller Namibier schließen die Grundschule erfolgreich ab (NSA 2013b, S. 50). Vorschulbildung ist aktuell freiwillig, soll aber in Zukunft obligatorisch werden. Sowohl Grund- als auch Vorschule sind in Namibia seit 2013 kostenlos. Kinder deren Eltern bis 2013 kein Schulgeld zahlten erhielten teilweise keine Zeugnisse oder wurden vom Schulbesuch ausgeschlossen (Ministry of Gender Equality and Child Welface 2010, S. 18). Generell hängt die Qualität der Schuldbildung vom Einkommen der Eltern ab, da auch an staatlichen Schulen Zusatzgebühren erhoben werden dürfen. Der Besuch einer weiterführenden Schule ist fakultativ und kostenpflichtig. Immer mehr Grundschulen werden zu Combined Schools, um den Weg zur sekundären Bildung für die Schüler zu erleichtern.

Parallel zum stattlichen Schulwesen existiert für alle Altersstufen ein breites Angebot an Privatschulen. Kinder, die nicht in der Reichweite einer Schule leben, können zudem - mittels Fernunterricht - bis zum High School Abschluss lernen. Dieser ist meist an eine kostenpflichtige Einrichtung gekoppelt, welche die Kinder in regelmäßigen Abständen zu Prüfungen aufsuchen. Das namibische Schuljahr beginnt Mitte Januar kurz vor der großen Regenzeit und endet meist an den ersten Dezembertagen.

4.1.1.1. Vorschule

Das Vorschulwesen wird durch den Early Childhood Development (ECD) Plan bestimmt. Dabei sollen alle Kinder bis zum 5. Lebensjahr, die bei Tagesmüttern oder in Kindergärten betreut werden, durch ein staatlich festgelegtes Programm gefördert werden. Die Betreuung erfolgt in Gruppen von max. 20 Kindern. Die Erzieher_innen sollen die Muttersprache der Kinder sprechen und eine Ausbildung in frühkindlicher Förderung haben. 2011 hatten 13% aller Kinder zwischen 0 und 4 Jahren Zugang zu ECD. In den Regionen Omaheke und Kunene hatten nur 7% der Kinder Zugang, ein Großteil davon in privaten kostenpflichtigen Kindergärten (NSA 2013b, Seite 47). Ein Jahr vor der Einschulung kommen Kinder in eine Vorschulklasse.

Bereits im Vorschulalter legen die meisten Kinder ihren Schulweg eigenständig oder unter der Aufsicht älterer Kinder zurück. 2013 wurde in einem Experiment festgestellt, dass namibische Vorschulkinder eine deutlich bessere räumliche Orientierung haben als altersgleiche Kinder in Deutschland (Monzel & Scharfbillig 2013).

4.1.1.2. Grundschule

Die namibische Grundschule beginnt für Kinder ab dem sechsten Lebensjahr und umfasst sieben Schuljahre. Zur Registrierung eines Kindes an der Schule ist eine Geburtsurkunde (oder ein vergleichbares Dokument) notwendig[9]. Die Grundschule teilt sich in lower Grades (Klassen, 1-4) und upper Grades (Klassen 5-7) ein. Der Unterricht beginnt meist zwischen 6.45 Uhr und 7.30 Uhr und endet für die unteren Klassen zwischen 12 Uhr und 13 Uhr. Nachmittags- und Abendunterricht beginnt in den upper Grades. Eine Schulstunde dauert 40 Minuten. Es gibt meist zwei größere Pausen. Fast alle namibischen Kinder erlernen Steinspiele, die auf Geschicklichkeit, Koordination oder Taktik beruhen und die in Schulpausen gespielt werden. Dort wo Klassenräume oder Lehrer fehlen, werden Kinder oft im Schichtbetrieb unterrichtet[10]. Auch Zelte sowie Schatten spendende Bäume dienen an manchen Schulen als Unterrichtsraum[11], so dass Schüler_innen während des Unterrichts der Witterung ausgesetzt sind.

Der Besuch einer Grundschule ist seit 2013 kostenlos, dennoch werden weiterhin Gebühren für Kopien und Lehrbücher erhoben. Hinzu kommt, dass die verpflichtende Schuluniform sowie alle Schulmaterialien von den Eltern gestellt werden müssen.

In einer Schülerumfrage zeigte sich 2011, dass namibische Schüler_innen ihre schulische Bildung als sehr wichtig ansehen und eine positive Einstellung zur Schule haben (Harris 2011, S. 55). Kinder können während ihrer Grundschulbildung nur zweimal sitzen bleiben und werden dann ungeachtet ihrer Leistungen versetzt. Trotz dem Recht auf muttersprachlichem Unterricht, müssen viele Kinder ihre Schullaufbahn oft in einer Fremdsprache beginnen (Matundo & Reyk 2007). Die Klassengröße darf laut Ministerium 30 Kinder nicht überschreiten, es finden sich jedoch Klassen mit bis zu 55 Kindern (Suni e.V., 2014b).

[...]


[1] Bis 2013 war Namibia in die 13 Regionen: Caprivi, Erongo, Hardap, Karas, Kavango, Khomas, Kunene, Ohangwena, Omaheke, Omusati, Oshana, Oshikoto und Otjozondjupa eingeteilt. 2013 änderte sich der Name Caprivi zu Zambezi, Karas zu !Karas und die Region Kavango wurde in Kavango West und Kavango Ost geteilt. In dieser Arbeit werden die Namen aus der jeweiligen zugehörigen Literatur zitiert.
Quelle: The Namibian (2013): President announces new region. Zugriffsdatum 30.2.1015, http://www.namibian.com.na/indexx.php?archive_id=112766&page_type=archive_story_detail&page=

[2] Die 4-O-Region besteht aus den vier bevölkerungsdichtesten Regionen Namibias: Omusati, Oshana, Oshikoto und Ohangwena.

[3] Lahnsteiner & Lempert (2005): Water Management in Windhoek/Namibia. Windhuk

[4] Der Gini-Koeffizient gilt als Index für Einkommensverteilung. Aufgrund fehlender Daten (Kriege, Naturkatastrophen und Relevanz der Länder) wurde dieser 2013 nur für 76 Länder bestimmt (CIA 2013).

[5] 16,7 % sind staatlich geschützte Nationalparks und Wildreservate, 6,1 % private Wildparks, 17,8% kommunale Hegegebiete. Quelle: Namibian Association of Community Based Natural Resource Management Support Organisation (2013): Namibias communal conservancies. Windhoek

[6] Als Toilette gilt hier jede spezielle Vorrichtung vom Wasserkloset bis Abortkübel (NSA 2013b).

[7] Die Darstellen eines „typischen“ namibischen Kindes wurden aus Daten der Namibia Statistics Agency (2013a und 2013b) sowie dem Atlas of Namibia (Medelsohn u.a. 2009) erstellt. Dabei wurden entweder Median- oder Durchschnittswerte genutzt, letztere wurden aufgerundet. Die Sportart bezieht sich ausschließlich auf Mädchen. Zusätzliche Quellen: Namibia Single Charts. Zugriffsdatum 31.1.2015. http://www.oljo.de/charts/namibia-top10-singles-hitparade.php und Best Artist. Zugriffsdatum 31.1.2015. http://www.nama.com.na/profiles/blogs/and-the-winners-for-nama-2014-are

[8] Die Nationalhymne Namibias beginnt „Namibia, Land of the braves (…)“

[9] Die Autorin erhielt 2007 Einsicht in Schulakten einer Grundschule in der Omaheke Region. Hier waren unter anderem Kopien von Taufurkunden oder des Mutterpasses anstelle einer Kopie der Geburtsurkunde abgeheftet.

[10] Bei einem Besuch einer Grundschule 2010 in der Omaheke Region wurde aufgrund fehlender Gebäude von 7.00 bis 12.00 Uhr eine Grundschulklasse unterrichtet und von 13.00 bis 18.00 Uhr im gleichen Klassenraum eine andere.

[11] 2013 waren Lehrer und Schüler die Gobabis Project School in Gobabis für ein Jahr in Zelten untergebracht. An der Otjivero Primary School in Omitara erhielt die Vorschulklasse bis 2013 Unterricht auf einer Veranda. An der Nossob Combined School in Witvlei zimmerte das Kollegium aus Wellblech einen zusätzlichen Raum, um eine Schulklasse zu beherbergen.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Wie sieht eine Kindheit in Namibia aus?
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,2
Autor
Jahr
2015
Seiten
33
Katalognummer
V442611
ISBN (eBook)
9783668814639
ISBN (Buch)
9783668814646
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Namibia, Kind, Kindheit, Schule, Kalahari, Omaheke, Pädagogik, Schulwesen, Mädchen, Bildungswesen, Afrika
Arbeit zitieren
Anna Schäfer (Autor), 2015, Wie sieht eine Kindheit in Namibia aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442611

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