„Europa liegt im Koma.“ Im gesamten Gebiet der Europäischen Union fanden in letzter Zeit Abstimmungen bezüglich der Ratifizierung der europäischen Verfassung statt. Doch noch haben nicht alle Mitgliedsstaaten abgestimmt. Nach dem „Nein“ Frankreichs und kurz darauf dem „Nein“ der Niederlande, sagte Großbritannien seine Abstimmung ab. Das „Nein“ zur EU-Verfassung lässt bereits jetzt mutmaßen, dass die Verabschiedung einer gemeinsamen Verfassung scheitert. Denn wenn nicht alle 25 EU-Staaten für die Einführung der Verfassung Europas stimmen, kann diese nicht verabschiedet werden. Jetzt scheint der gesamte Ratifizierungsprozess zu scheitern. Das wirft die Frage auf, ob Europa „noch nicht so weit ist“. Besteht die Europäische Union aus vielen nationalen Öffentlichkeiten oder ist sie auf dem weg eine Einheit zu werden? War die Absage der französischen Bevölkerung wirklich nur ein Protest gegen ihre derzeitige Regierung oder bedeutet sie gleichzeitig, wenn vielleicht auch nicht beabsichtigt, einen Rückschritt für ein einheitliches Europa. Aus diesem Grund soll in dieser Hausarbeit anhand politikwissenschaftlicher sowie soziologischer Literatur der Frage nachgegangen werden, ob und inwieweit in Europa eine gemeinsame Öffentlichkeit existiert.
Sehen sich die Bürger der EU- Mitgliedsstaaten als „Europäer“ oder spielt für sie ihre jeweilige Nation die entscheidende Rolle? Wie ähnlich sind sich die verschiedenen Kulturen Europas? Kommunizieren die mannigfachen nationalen Öffentlichkeiten überhaupt ausreichend miteinander? Werden in den einzelnen europäischen Ländern dieselben Themen auf die gleiche Weise diskutiert? Ist der Informationsstand derselbe? Kurz um: Sprechen die Bürger Europas mit einer Stimme, sind also eine homogene Öffentlichkeit? Oder besteht Europas Öffentlichkeit aus mehreren nationalen Öffentlichkeiten? Zum Beantworten dieser Fragen ist es zu Beginn notwendig, den Begriff Öffentlichkeit zu definieren und eine Aussage darüber zu treffen, was mit „europäische Öffentlichkeit“ gemeint ist. Im Hauptteil wird zuerst die Bedeutung der Massenmedien dargelegt, wobei diese immer in Bezug zu dem darauf folgenden Kapitel, den vier Komponenten von Öffentlichkeit nach der Definition von Luhmann, gebracht werden. Hier soll versucht werden, die Frage nach einer europäischen Öffentlichkeit hinsichtlich deren vier Elemente so gut wie möglich zu beantworten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definitionen
2.1 Definition von Öffentlichkeit
2.2 Erweiterte Definition: Europäische Öffentlichkeit
3 Gibt es eine europäische Öffentlichkeit?
3.1 Bedeutung der massenmedialen Kommunikation für eine europäische Öffentlichkeit
3.2 Bestandaufnahme der vier Komponenten von Öffentlichkeit
3.2.1 Ökonomie
3.2.2 Politik
3.2.3 Recht
3.2.3.1 Exkurs: Die Verfassung der Europäischen Union
3.2.4 Kultur
4 Fazit
5 Anhang
5.1 Erklärung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht auf Basis politikwissenschaftlicher und soziologischer Literatur, ob und inwieweit eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit existiert, und analysiert hierfür die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Teilsystemen und Massenmedien.
- Definition des Begriffs Öffentlichkeit im europäischen Kontext
- Bedeutung massenmedialer Kommunikation als Integrationsfaktor
- Analyse der vier gesellschaftlichen Teilsysteme: Ökonomie, Politik, Recht und Kultur
- Der Einfluss der europäischen Verfassungsdebatte auf das europäische Gemeinschaftsgefühl
- Die Rolle von Sprachbarrieren für die mediale Öffentlichkeit
Auszug aus dem Buch
3.1 Bedeutung der massenmedialen Kommunikation für eine europäische Öffentlichkeit
Eine besonders wichtige Bedeutung, wenn es darum geht, die Existenz von Öffentlichkeiten zu klären, kommt den Massenmedien zu. Denn „Öffentlichkeit wird durch Zwischenschaltung von Massenmedien einem dispersen Publikum zugänglich gemacht“ und ist nicht an bestimmt Orte oder Akteure gebunden. Das aus dem lateinischen stammenden Wort „medium“ bedeutet nichts anderes als „Mittler“, „Vermittelndes“ oder freier übersetzt auch „Öffentlichkeit“.
Im Gegensatz zu einer Präsenzöffentlichkeit ist eine Medienöffentlichkeit zeitlich und räumlich nicht so sehr oder gar nicht eingeschränkt. Durch die zunehmende Modernisierung im Bereich der Medientechnologie ist es immer leichter möglich, sämtliche Pressemitteilungen und Fernseh-Aufnahmen zu archivieren und auf Dauer zugänglich zu machen. Auch werden räumlich Entfernungen einfacher überwunden.
Da durch die Medien die Vielzahl von vorhandenen Informationen für den Bürger gesammelt und aufbereitet werden, ist die Veröffentlichung von Meinungen ein wichtiger Teil der Öffentlichkeit. Man kann also behaupten, ohne Massenmedien existiere keine Öffentlichkeit.
Zugespitzt formuliert, ohne in ganz Europa anerkannte Medien kann keine europäische Öffentlichkeit existieren. Denn in einem Staatenverbund ist eine “übernationale Kommunikation der unterschiedlichen Funktionseliten“ notwendig, um eine „kritische Öffentlichkeit“ herzustellen. Das heißt für die Existenz einer europäischen Öffentlichkeit sind allgemein etablierte und akzeptierte Massenmedien erforderlich. Es stellt sich also die Frage, ob in Europa ein gemeinsames Mediennetz existiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Krisenstimmung innerhalb der EU nach den gescheiterten Referenden zur europäischen Verfassung und leitet die zentrale Forschungsfrage nach der Existenz einer europäischen Öffentlichkeit ab.
2 Definitionen: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Öffentlichkeit und erörtert verschiedene theoretische Modelle, insbesondere die Systemtheorie von Niklas Luhmann, um das Verständnis von europäischer Öffentlichkeit zu schärfen.
3 Gibt es eine europäische Öffentlichkeit?: Der Hauptteil analysiert die Rolle der Massenmedien sowie die vier Teilsysteme Ökonomie, Politik, Recht und Kultur, um zu bewerten, wie stark diese in der EU ausgeprägt sind.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass eine europäische Öffentlichkeit zwar noch nicht existiert, aber stückweise durch eine Annäherung der Teilsysteme vorhanden ist.
Schlüsselwörter
Europäische Öffentlichkeit, Massenmedien, Europäische Union, Politische Kommunikation, Politische Soziologie, Luhmann, Demokratiedefizit, Europäische Verfassung, Ökonomie, Politik, Recht, Kultur, Integration, Kommunikation, Medienöffentlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, ob eine einheitliche europäische Öffentlichkeit existiert oder ob Europa lediglich aus vielen nationalen Öffentlichkeiten besteht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf das Zusammenspiel von Massenmedien und den vier gesellschaftlichen Teilsystemen: Ökonomie, Politik, Recht und Kultur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, anhand politikwissenschaftlicher Literatur zu prüfen, inwieweit die Voraussetzungen für einen grenzüberschreitenden politischen Diskurs in der EU gegeben sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Literaturanalyse, basierend auf dem Modell der vier gesellschaftlichen Teilsysteme nach Niklas Luhmann.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der massenmedialen Infrastruktur sowie eine detaillierte Bestandsaufnahme der vier Teilsysteme, inklusive eines Exkurses zur EU-Verfassung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind europäische Öffentlichkeit, Demokratiedefizit, Medienwirkung, Systemtheorie und europäische Integration.
Welche Rolle spielt die Kultur bei der Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit?
Laut Peter Häberle ist die Kultur die wichtigste Säule; sie verbindet die Menschen, steht jedoch vor der Herausforderung der Sprachenvielfalt als potenzielle Barriere.
Warum wird im Rahmen der Analyse ein Exkurs zur EU-Verfassung gemacht?
Der Exkurs verdeutlicht die Aktualität der Thematik und zeigt auf, wie der Ratifizierungsprozess als Gradmesser für den Zustand der europäischen Öffentlichkeit und des Gemeinschaftsgefühls dient.
- Quote paper
- Verena John (Author), 2005, Existiert ein europäische Öffentlichkeit?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44263