Friedrich Schillers 'Wilhelm Tell' - Die Apfelschusslegende als internationaler Wanderstoff


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rezeption des „Wilhelm Tell“ als historische Persönlichkeit:

3. Der Apfelschuss als literarisches Wandergut:
3.1 Die internationalen Quellen der Apfelschusslegende
3.1.1 Die nordischen Quellen:
3.1.2 Die englischen Quellen:
3.1.3 Die deutschen Quellen:
3.2 Der Weg der Apfelschusslegende in die Schweiz:

4. Analyse der dritten Szene im dritten Aufzug des „Wilhelm Tell“:
4.1 Die Stellung der Apfelschussszene innerhalb des Dramas:
4.2 Der „Popanz“ auf der Stange:
4.3 Der Apfelschuss:
4.4 „Wäre ich besonnen, so hieß ich nicht der Tell“:

5. Schlussbemerkungen:

Bibliographie

1. Einleitung

Der Nationalheld der Schweizer ist zweifelsohne Wilhelm Tell. In zahlreichen Er­zählungen, Dramen und Geschichtschroniken wird der historischen Kampf der Schweizer Urkantone, unter der Führung des Wilhelm Tell gegen die Tyrannenherr­schaft der Österreicher geschildert. Die Tellskapelle und die Rütliwiese stehen stell­vertretend für die große Zahl der Denkmäler rund um den Vierwaldstädter See, für einen Helden, der den Schweizer Ur­kantonen ihre Freiheit brachte. Geschichtser­zählungen, wie das „Chronicon Helveti­cum“ von Tschudi, scheinen für die Authenti­zität des Wilhelm Tell zu bürgen. Doch bei genauerer Analyse der historischen Fak­ten, muss man zu dem Schluss kommen, dass eine historische Persönlichkeit Wil­helm Tell niemals gelebt hat. Das ist keine neue Erkenntnis der neuzeitlichen Wis­senschaft, schon Goethe, von dem Schiller den Anstoß zur poetischen Bearbeitung des Tell Stoffs bekam, schreibt auf seine dritten Schweizer­reise im Herbst 1797 in einem Brief an Schiller:

„Ich bin fast davon überzeugt daß die Fabel vom Tell sich werde episch behan­deln lassen, und es würde dabey, wenn es mir, wie ich vorhabe, gelingt, der sonderbare Fall eintreten daß das Mährchen durch die Poesie erst zu seiner vollkommenen Wahrheit gelangte, an statt daß man sonst um etwas zu leisten die Geschichte zur Fabel machen muß.“[1]

Goethe war sich, ungeachtet der zahlreichen Kultstätten des schweizerischen Frei­heitshelden durchaus bewusst, dass er es bei Wilhelm Tell eher mit einer sagenhaften Gestalt, als mit einer realen Persönlichkeit zu tun hatte. Ob und inwieweit Friedrich Schiller sich dieser Tatsache bewusst war, klärt deshalb das Ka­pitel zur Rezeption Wilhelm Tells als historische Persönlichkeit. Ob die Authentizität Wilhelm Tells für Schiller von Bedeutung war zeigt ein ersten Hinweis auf seine Geschichtstheorie, nach dieser ist es völlig legitim „leere Stellen“ der Geschichte aufzufüllen.

Wie der Titel dieser Arbeit schon sagt, geht es in der Untersuchung hauptsächlich um das Motiv des Apfelschusses als ein internationales, literarisches Wandermotiv. Es begegnet uns zum ersten Mal in der nordischen Sage und ist in ganz Europa verbrei­tet, es gibt sogar Forscher, die in der Apfelschusssage eine alte orientalische Erzäh­lung sehen.[2] Ich werde mich hier, aus Gründen der Überschaubarkeit vor allem mit den nordischen Überlieferungen der Apfelschusslegende beschäftigen. Deshalb be­schäftigt sich die Arbeit auch nicht mit den unmittelbaren Schweizer Quellen Schil­lers, sondern mit den verschiedenen literarischen Erscheinungen des Apfelschuss­motivs in ganz Europa. Ziel ist es durch die Untersuchung von Gemeinsamkeiten und Abweichungen festzu­stellen wie der Apfelschuss den Weg in die schweizerische Geschichtsschreibung fand.

Nach den Untersuchungen zu den verschiedenen Fassungen der Apfelschusslegende soll das Drama Schillers in den Vordergrund gerückt werden. Die dritte Szene im dritten Akt zeigt Schillers Verarbeitung des Apfelschusses. Die Szene kulminiert noch einmal die Folgen der Tyrannenherrschaft Österreichs und macht deutlich in welchem Ausmaß das Unrecht in die Idylle der Schweiz einbricht. Es wird zu klären sein, inwieweit die Stellung der Szene innerhalb des Dramas von Bedeutung ist, denn nicht der Apfelschuss, sondern der Schwur auf dem Rütli, der ohne Wilhelm Tell stattfindet, bildet die intellektuelle Kernszene innerhalb des klassischen Dramenauf­baus. Weiter wird die Figur Wilhelm Tells bei Schiller zu untersuchen sein, hier werde ich dann noch einmal auf die anderen Überlieferungen der Apfelschussle­gende zurückgreifen, um zu zeigen dass in den unterschiedlichen Überlieferungen auch den Meisterschützen unterschiedliche Attribute zugeschrieben werden. Daraus erhält man einen weiteren fruchtbaren Zugang zur Interpretation der Apfelschuss­szene innerhalb Schillers „Wilhelm Tell“.

2. Die Rezeption des „Wilhelm Tell“ als historische Persönlichkeit

Im nachfolgenden Abschnitt beschäftige ich mich mit einem kurzen historischen Abriss der Tellrezeption.

In der Einleitung wurde schon erwähnt, dass Goethe den Tellstoff als „Mährchen“ bezeichnete. Es stellt sich danach die Frage, wie Schiller den Stoff des Schweizer Freiheitshelden betrachtete. In einem Brief an Körner, vom 9.9.1802 schreibt Schiller folgendes:

„Ob nun gleich der Tell einer dramatischen Behandlung nichts weniger als günstig scheint, da die Handlung dem Ort und der Zeit nach ganz zerstreut aus­einander liegt, da sie großentheils eine Staatsaction ist und (das Mährchen mit dem Hut u. Apfel ausgenommen) der Darstellung widerstrebt, so habe ich jetzt soviel poetische Operation damit vorgenommen, dass sie aus dem historischen heraus u. ins poetische eingetreten ist.“[3]

Ihm war also ebenfalls bewusst, dass es sich nicht um einen historischen Stoff in unserem heutigen Verständnis handeln musste, die Aussage des Dichters spricht durchaus dafür, dass er den Tell als eine sagenhafte Gestalt sah.

Die Quellen Schillers, hier vor allem Müllers „Geschichte der Eidgenossen“ und Tschudis „Chronicon Helveticum“, scheinen allerdings für eine geschichtliche Exis­tenz des Wilhelm Tell zu sprechen. Sie verbinden den Kampf der Schweizer Urkan­tone um ihre Freiheit, ein historisches Faktum, das sich aus Urkunden beweisen lässt, mit der sagenhaften Gestalt des Wilhelm Tell.

Nach den historisch, wissenschaftlichen Erkenntnissen könnte man den „Wilhelm Tell“ als Mythos abtun und nicht weiter behandeln. Dagegen spricht allerdings die unter­schiedliche Auffassung von Geschichte heute und zur Zeit der Entstehung der schweizerischen Chroniken. Geschichte wird demnach nicht als das Aufzählen von histori­schen Fakten gesehen, sondern vielmehr als eine Vergewisserung der eigenen Her­kunft. Eine ähnliche Auffassung findet sich zum Beispiel in den Antikenromanen des Mittelal­ters, die antiken Stoffe werden in den Erzählungen aktualisiert und an das christliche Mittelalter angepasst. Die Schilderung der Geschichte dient dabei der Bestätigung der eigenen Kultur, sie darf nicht mit Geschichtsschreibung in unserem heutigen Sinne verglichen werden.[4]

Wie sehr die Figur des Wilhelm Tell aber in das schweizerische Nationalbewusstsein übergegangen ist, zeigt die Reaktion der Urner auf die Schrift „Wilhelm Tell. Ein Dänisches Mahrgen“ von Gottlob Emanuel von Haller, die 1760 erschien. Wie der Titel schon sagt, bezweifelte Haller die Existenz Wilhelm Tells, er stützt sich dabei auf eine ältere Abhandlung des Pfarrers Uriel Freudenberger, der schon auf die Ge­meinsamkeiten mit der Dänischen Sage hinwies. Die Abhandlung Hallers rief zu­nächst einen Sturm der Empörung unter den Urnern hervor und wurde dann dem Henker von Altdorf übergeben, der sie öffentlich verbrannte. Und auch noch hundert Jahre später wurde eine Nachbildung von Josef Eutych Kopp auf dem Rütli ver­brannt, weil er den Tell-Mythos bezweifelt hatte.[5]

Ob die Historizität Wilhelm Tells für Schiller so eminent war, darf angezweifelt werden, denn Schiller definiert die Arbeit des Historikers in seiner Jenaer Antritts­rede „Was heisst und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ wie folgt:

„Jetzt also kommt ihr der philosophische Verstand zu Hülfe, und, indem er diese Bruchstücke durch künstliche Bindungsglieder verkettet, erhebt er das Aggregat zum System, zu einem vernunftmäßig zusammenhängenden Gan­zen.“[6]

Der Historiker hat also die Aufgabe die dunklen Stellen der Geschichte durch Analo­gien aufzufüllen, um die Geschichte dadurch für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Diese poetische Leistung ist Schiller zweifelsohne mit dem „Wilhelm Tell“ gelungen. In vielen Stellen nähert der Dichter sich eher wieder an die nordischen Quellen der Apfelschusslegende an, wo seine schweizerischen Vorlagen davon entfernt hatten. Auch wenn Wilhelm Tell nie wirklich gelebt hat, dem Dichter, der niemals selber die Schweiz bereiste, gelang ein Drama mit „wirklichkeitsbildende[r] Kraft“[7].

3. Der Apfelschuss als literarische Wandergut

3.1 Die internationalen Quellen der Apfelschusslegende:

In den folgenden Abschnitten werden die verschiedenen Quellen für die Apfel­schusslegende dargestellt, dabei gehe ich auf drei Herkunftsorte ein. Zuerst werden die nordischen Quellen behandelt, danach die englischen und zum Schluss gehe ich auf die deutschen Darstellungen ein.

Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, werde ich nicht auf sämtliche Quellen eingehen, in der Einleitung wurde ja schon eine mögliche Verbindung bis in den Orient erwähnt, der Vollständigkeit halber werde ich kurz alle Quellen mit Ver­fas­ser, kurzer Beschreibung und dem Erscheinungsjahr angeben.

Die wohl bekannteste und auch deutlichste Parallele zum Tellstoff findet sich in der Dänenchronik des Klerikers Saxo Grammaticus, im zehnten Buch der „Gesta Dano­rum“[8]. Hier schildert Saxo die Geschichte des Meisterschützen Toko, dieser brüstet sich vor dem König „Blauzahn“ und muss daraufhin einen Apfelschuss ausführen. Zur Ausgestaltung der Handlung später mehr. Die Dänenchronik war 1219 abge­schlossen.

Einen weiteren nordischen Meisterschützen findet man in der Gestalt des Heming Aslaksson.[9] Hier gibt es eine isländische Fassung, die Flateyjarbók, eine historische-chronistische Zusammenstellung aus dem 14. Jahrhundert (entstanden um 1360), außerdem wird Heming Aslaksson noch in einer norwegischen und in einer faröi­schen Ballade aufgeführt, diese gibt es wiederum in verschiedenen Variationen. Eine letzte Bearbeitung dieses Meisterschützen findet man in den isländischen Hemings­rímur, diese Form bildet eine Verschmelzung altheimisch-skaldischer und europä­isch-mittelalterlicher Formen. Diese Dichtgattung ist ganz auf die Erprobung einer neuen Form ausgelegt und weicht inhaltlich nicht von den genannten Bearbeitungen ab.

Eine weitere Geschichte aus der Fateyjarbók, ist die von Eindridi Breitferse, sie spielt zur Zeit des norwegischen Königs Olaf Trygguason, der um das Jahr 1000 lebte.

Die letzte hier zu untersuchende nordische Umsetzung des Apfelschussmotivs findet man im Wielandro­man der Thidrekssaga, die um 1250/60 von Dietrich von Bern zusammengestellt wurde.

In England wird der Apfelschuss in der Ballade von „Adam Bell, Clim of the Clough and William of Cloudesly“ aufgegriffen. Der Held William of Cloudesly muss vor dem König den Apfelschuss ausführen. Von dieser Ballade vom Typ der Robin-Hood-Balladen stammt der älteste, fragmentarische Druck aus dem Jahr 1536.

In Deutschland findet man wiederum zwei Quellen, die den Apfelschuss aufgreifen. Zum einen die holsteinische Sage vom Wilstermarscher Bauernführer Henning Wulff, das älteste Zeugnis der Sage ist ein Aufsatz von G. Niemann, der im Jahre 1798 erschien.

Zum anderen taucht im Malleus maleficarum, dem sogenannten Hexenhammer, der Freischütze Punker auf. Der Hexenhammer wird den Dominikanern Heinrich Instito­ris und Jacob Sprenger zugeschrieben, die ihn im Jahr 1487 vollendeten.

Soweit die verschiedenen Quellen, die das Apfelschussmotiv, bzw. einen Meister­schützen aufgreifen, im Weiteren werde ich auf einzelne Quellen und gerade bei den nordischen Quellen, auf ihre Verknüpfung und gegenseitige Beeinflussung eingehen, um die Frage nach einer möglichen Urfassung der Apfelschusslegende zu erhellen.

[...]


[1] Schillers Werke. Hg. von Oellers, Norbert und Stock, Frithjof. Band 37, I Briefe an Schiller, S. 159.

[2] Vgl. Merz, Elsbeth: Tell im Drama vor und nach Schiller. Nendeln/Liechtenstein, 1970, S.12 f.

[3] Schiller, Friedrich: Briefwechsel. Schillers Briefe. Nationalausgabe Band 31. Herausgegeben von Stefan Ormanns, Weimar 1985. S.159 f.

[4] Zum Literaturbetrieb im Mittelalter: Vgl. Bumke, Joachim: Höfische Kultur. München, 1986.

[5] Vgl.: Piatti, Barbara: Tells Theater. Eine Kulturgeschichte in fünf Akten zu Friedrich Schillers Wilhelm Tell. Basel, 2004. S. 48 f.

[6] Schiller, Friedrich: Werke und Briefe in zwölf Bänden. Hrsg. von Otto Dann, Axel Gellhaus u. a. Frankfurt a. M., 1992-2002. Bd. I. S. 427.

[7] Piatti, Barbara: a.a.O., S. 72.

[8] Aus Saxo Grammaticus, Taten der Dänen, Buch X. In: de Boor, Helmut: Kleine Schriften II. Berlin, 1966.

[9] Bei den weiteren genannten Texten beziehe ich mich weiter auf die Veröffentlichung in: de Boor, Helmut: Kleine Schriften II. Berlin, 1966, S. 152-174.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Friedrich Schillers 'Wilhelm Tell' - Die Apfelschusslegende als internationaler Wanderstoff
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V44265
ISBN (eBook)
9783638418980
ISBN (Buch)
9783640858132
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Schillers, Wilhelm, Tell, Apfelschusslegende, Wanderstoff
Arbeit zitieren
Jan Beckers (Autor), 2005, Friedrich Schillers 'Wilhelm Tell' - Die Apfelschusslegende als internationaler Wanderstoff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44265

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