Klassischer Realismus und Neorealismus. Ein Theorienvergleich anhand des Ost-West-Konflikts


Masterarbeit, 2015
119 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der klassische Realismus nach Morgenthau
2.1 Der Ursprung des klassischen Realismus
2.2 Die Biographie Morgenthaus als Baustein des klassischen Realismus
2.3 Grundannahmen und Kernthesen des klassischen Realismus
2.3.1 Die sechs Grundsätze des klassischen Realismus
2.3.2 Das „Menschenbild“ des klassischen Realismus
2.3.3 Die „Anarchie“ im klassischen Realismus
2.3.4 „Moral und Völkerrecht“ im klassischen Realismus
2.3.5 Die Bedeutung von „Macht“ im klassischen Realismus
2.3.6 Möglichkeiten zur „Begrenzung der Macht“ im klassischen Realismus
2.3.7 Die „Balance of Power“ im klassischen Realismus

3. Der Neorealismus nach K. N. Waltz

3.1 Der Ursprung des Neorealismus
3.2 Grundannahmen und Kernthesen des Neorealismus
3.2.1 Ein systemtheoretischer Ansatz für das Feld der internationalen Politik?
3.2.2 Die „Anarchie“ im Neorealismus
3.2.3 Der strukturelle Dreisatz nach Waltz: „ordering principle“, „qualities“ und „capabilities“
3.3 Die „Balance of Power“ des Neorealismus

4. Der Kalte Krieg aus der Perspektive des Realismus und des Neorealismus
4.1 Die Formierung der Gegensätze
4.2 Die Entstehung der Machtblöcke und die Eskalation des Ost-West-Konflikts
4.3 Die Ost-West-Polarität in der politischen Ideologie und der Ökonomie
4.4 Eine Zeit der relativen Entspannung?

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis .

Abkürzungsverzeichnis

1. Themenspezifische Abkürzungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Allgemeine Abkürzungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Hans J. Morgenthau wurde von den Studenten der internationalen Beziehungen als der kräftigste und scharfsinnigste Sprecher der realistischen Schule betrachtet [...] Bemerkenswert und bewundernswert waren seine Bestimmtheit, Illusionen, Wunschdenken, zerfranste Analyse und fromme Hoffnungen auszutreiben [...] Generationen von Studenten wurden von Morgenthau selbst oder von seinen Schülern gelehrt. Viele Mitarbeiter des auswärtigen Dienstes gestehen seinen intellektuellen Einfluss auf sie zu. Die wesentliche Botschaft – keine Außenpolitik ohne adäquaten Machtmitteleinsatz – wurde von jedem politischen Entscheidungsträger, von jedem gut informierten Bürger übernommen“ (Hoffmann 1987: zit. n. Rohde 2004: 35).

Mit diesem Zitat des Politikwissenschaftlers Stanley Hoffmann wird die Bedeutung Hans J. Morgenthaus und seiner als „klassischer Realismus“ bezeichneten Theorie für die Lehre von den Internationalen Beziehungen[1] evident. Obwohl sich die Theorienlandschaft der IB in einem Prozess ständiger Ausdifferenzierung befindet und das Nebeneinander von z. T. konkurrierenden Theorien, Perspektiven und Ansätzen einen kaum noch überschaubaren „Theorienpluralismus“ bildet, kommt dem politischen Realismus nach Morgenthau eine große Bedeutung zu. Denn er hat die aktuelle Auseinandersetzung mit der Außenpolitik und das gegenwartsbezogene Studium der internationalen Beziehungen zu einem grundlegenden Wissenschaftszweig gemacht, da alle, die sich mit dem Feld der internationalen Politik auseinandersetzen – unabhängig davon, ob sie Morgenthaus Annahmen befürworten oder ablehnen – an seinen Annahmen orientieren (vgl. Kindermann 2010: 41).

Vor dem Hintergrund der Theoriedebatte zwischen Idealisten und Realisten kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges (1914-1918) und unter den Eindrücken des aufsteigenden Totalitarismus (Faschismus und Stalinismus) in Europa wendete man sich innerhalb der neu gegründeten politikwissenschaftlichen Disziplin der „Internationalen Beziehungen“ (1919) vermehrt der Frage zu, wie man künftig Kriege und internationale Konflikte verhindern und Frieden sichernde Mechanismen entwickeln könnte. Dabei herrschte von ca. 1919 bis etwa 1947/48 eine vom Idealismus geprägte Lehrmeinung vor. Im Zuge des Scheiterns des Völkerbundes gegenüber der neuerlichen Aufrüstung und den Expansionsbestrebungen von Japan, Italien und Deutschland sowie den fürchterlichen Ereignissen während des Verlaufs des Zweiten Weltkrieges, kam es zu einer schrittweisen Ablösung des Idealismus durch den Realismus. Doch erst der offene Ausbruch des Ost-West-Konflikts leitete in der Weltpolitik eine realistische Phase ein, in deren Verlauf der Realismus zum vorherrschenden Paradigma innerhalb der Disziplin der IB aufstieg und es bis dato noch ist (vgl. Menzel / Varga 1999: 38-41).

Für die Entstehung des klassischen Realismus kommt dem Werk „Politics among Nations“ (1948) von Morgenthau eine elementare Bedeutung zu, da es ein zentrales Fundament des als „politischen Realismus“ bezeichneten Paradigmas darstellt und eine Art Vorläufercharakter der als realistische bzw. neorealistische aufgefassten Denkansätze der IB besitzt. In diesem Werk wendet sich Morgenthau explizit gegen den idealistischen Fortschrittsglauben, das idealistische Weltbild und das positive Menschenbild des Idealismus. Morgenthaus Intention war es, eine Theorie zu entwickeln, die frei von Dogmatismus eine realistische und nüchterne Betrachtung und Erklärung der internationalen Politik liefern kann, in der auch die Machtzentriertheit der Außenpolitik angemessen berücksichtigt wird. Vor diesem Hintergrund entwickelte er seine „sechs Grundsätze“ des politischen Realismus, durch die er eine Art Katalog für die wissenschaftliche Auseinandersetzung und praktische Anwendung der internationalen Politik erschuf. In diesen Grundsätzen kommen seine wesentlichen theoretischen Annahmen zum Tragen, die sich in der Hauptsache auf sein Menschenbild, die Anarchie, seine Verantwortungsethik, den Faktor ‚Macht’ und seine Ansichten zur Begrenzung eines ungezügelten Machtstrebens stützen (vgl. Morgenthau 1963: 48ff.). Obwohl sein Theorieansatz noch bis in den 1970er-Jahre das führende Paradigma der „IB“ war, wuchs die Kritik an seiner Theorie.

Aus der kritischen wissenschaftstheoretischen Auseinandersetzung mit dem klassischen Realismus entstand der „Neorealismus“ oder auch „strukturelle Realismus“ von Kenneth N. Waltz, da er unmittelbar von der Struktur des internationalen Systems auf die Verhaltensweisen der Staaten schließt. Waltz veröffentlichte 1979 sein Werk „Theory of International Politics“ und seine Intention war es, eine Theorie der „IB“ zu entwickeln, die mit möglichst wenig Variablen auskommt und durch ihre Kompaktheit und Einfachheit das Verstehen der internationalen Politik ermöglicht. Der zentrale Faktor für die außenpolitischen Handlungen der Staaten ist für Waltz die Struktur des internationalen Systems, da sie die relative Position der Staaten im System und die Wahrung dieser Position determiniert. Für Waltz wird die Struktur durch das Ordnungsprinzip des Systems, die Anarchie, bestimmt, die immer wiederkehrende Verhaltensmuster der Staaten initiiert. Zur Erklärung seiner theoretischen Annahmen bedient sich Waltz der ökonomischen Modelllogik, indem der die internationale Politik als Feld gewinnorientierter Austauschprozesse um Sicherheit ansieht. Obwohl er viele Annahmen Morgenthaus als unwissenschaftlich ablehnt, wird an mehreren Stellen auch seine Nähe zum klassischen Realismus offensichtlich (vgl. Krell 2004: 161ff.).

Die Intention für die Auseinandersetzung mit diesen zwei einflussreichen Theorien der IB ist es, die relativen Stärken und Schwächen der jeweiligen theoretischen Konzeptionen herauszuarbeiten und am Beispiel des Ost-West-Konfliktes zu illustrieren. Denn vor dem Hintergrund der derzeitigen spannungsgeladenen Auseinandersetzungen zwischen den westlichen demokratischen Nationen der EU sowie den USA und Russland im Ukrainekonflikt, bei der man unweigerlich an diverse Erscheinungsformen der Spannungen zwischen den ehemaligen Blockführungsmächten USA und Sowjetunion während des Kalten Krieges erinnert wird, erscheint es sinnvoll, sich mit den Theorien der „IB“ auseinanderzusetzen, die sich bereits in der Vergangenheit intensiv mit den Phänomenen der Außenpolitik zurzeit des Ost-West-Konfliktes auseinandergesetzt hatten. Immer wieder kann man in den öffentlichen Medien vernehmen, dass diplomatische Vermittlungsversuche zwischen den moskaufreundlichen ukrainischen Separatisten und der Ukraine scheitern, abgeschlossene internationale Verträge und Vereinbarungen – wie etwa das „Minsker Abkommen“ – nicht eingehalten werden, wirtschaftspolitische Sanktionen relativ wirkungslos bleiben und die Kommunikation zwischen den beteiligten Fraktionen von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist. Wie beim damaligen Ost-West-Konflikt ist das Konfliktpotenzial im Ukrainekonflikt sehr hoch und zwischen den antagonistisch beteiligten Parteien scheint ein unüberwindbarer historisch und politisch begründeter Gegensatz zu bestehen. Auch die Positionen der USA, der EU und der NATO auf der einen Seite und der Russlands auf der anderen Seite in diesem Bürgerkrieg zeigen Parallelen zum Kalten Krieg, wie sie sich z. B. an der jeweiligen Unterstützung für eine der am Bürgerkrieg beteiligten Parteien ablesen lassen.

Das Ziel dieser Masterarbeit ist es daher, die zwei bekanntesten Paradigmen realistischer Schule, den klassischen Realismus nach Morgenthau und den Neorealismus nach K. N. Waltz anhand geeigneter Literatur theoretisch vorzustellen, zu analysieren und gegeneinander abzuwägen, damit die Forschungsfrage: „Wie unterscheiden sich die zentralen Analysekategorien des klassischen Realismus und des strukturellen Neorealismus?“ so detailliert wie möglich beantwortet werden kann.

In diesem Zusammenhang soll diese Hypothese aufgestellt werden:

Vom klassischen Realismus mit seinen zentralen Analysekategorien von „Macht und Machtstreben“ der Staaten – basierend auf dem Wesen des Menschen und einer rationalen Außenpolitik der Staaten – gibt es eine grundlegende Verschiebung hin zu den zentralen neorealistischen Analysekategorien der Struktur des internationalen Systems, der Anarchie und der staatlichen Notwendigkeit der Selbsthilfe.

In diesem Zusammenhang sind die Analysen der Stärken und Schwächen beider Paradigmen von Bedeutung, um herauszufinden, ob die Konzeption des Neorealismus im Vergleich zum klassischen Realismus brauchbarere Möglichkeiten zur Analyse, Deutung und Erklärung der internationalen Politik bietet.

Zunächst werde ich im ersten Kapitel auf die Entstehung, die Grundannahmen bzw. Grundsätze und die zentralen Begrifflichkeiten des klassischen Realismus eingehen, um ein möglichst genaues Bild seiner theoretischen Annahmen und Konzeptionen internationaler Politik zu zeichnen. Die Darstellung dieser Elemente in Morgenthaus Theorie dient zum Einem zum Verständnis seiner Annahmen und zum Anderen bilden sie die Ausgangsbasis für den Theorievergleich mit dem Neorealismus, was so genau wie möglich erfolgen soll.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit dem Ursprung, den Grundannahmen und den zentralen Begrifflichkeiten des Neorealismus nach K. N. Waltz. Dabei soll an geeigneten Stellen der Bezug zu den Annahmen des klassischen Realismus aufgezeigt werden. Das Ziel dieses Kapitel ist es, den Neorealismus zu erklären und einen Vergleich zentraler Kategorien beider Theorien vorzunehmen.

Im weiteren Verlauf der Arbeit sollen die wesentlichen Annahmen beider Theorien der „IB“ am Beispiel von einigen „Stationen“ des Ost-West-Konfliktes exemplarisch dargelegt werden, um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede am konkreten Gegenstand zu zeigen. Hierzu ist anzumerken, dass es sich hier um eine politikwissenschaftliche und nicht um eine geschichtswissenschaftliche Arbeit handelt. Zu diesem Zweck sollen an geeigneten Stationen des Ost-West-Konfliktes die einzelnen Thesen beider Theorien zum Tragen kommen. Die Hauptaufgabe dieses Kapitels ist es, die Beantwortung der Forschungsfrage zu unterstützen. Daher ist es nicht möglich, eine Ursachenforschung zum Ost-West-Konflikt zu betreiben oder alle Stationen des Konflikts in ihrer Ausführlichkeit nachzuzeichnen.

Zum Abschluss dieser Masterarbeit sollen die Forschungsfrage aufgegriffen werden und anhand der eruierten Ergebnisse der Versuch unternommen werden, diese zu beantworten und die aufgestellte Hypothese zu bewerten.

2. Der klassische Realismus nach Morgenthau

Die wissenschaftliche theoretische Auseinandersetzung mit den Kausalitäten von Krieg und Frieden innerhalb der Lehre von den IB führt zu vier Idealtypen bzw. Paradigmen, in die sich die gesamte Theorie der IB aufgliedern lässt. Dabei handelt es sich um die Paradigmen des Institutionalismus, des Idealismus, des Strukturalismus und des Realismus. Der Realismus ist demnach keine spezifische Theorie innerhalb der IB, sondern ein facettenreiches Paradigma zur Deutung und Erklärung außenpolitischer Phänomene auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen bzw. der internationalen Politik (vgl. Menzel 2001: 20). „Die wichtigste Unterteilung des Realismus in der heutigen IB-Theorie ist die zwischen dem ‚klassischen Realismus’ auf der einen und dem ‚strukturellen Realismus’ oder ‚Neorealismus’ auf der anderen Seite, oder einfach zwischen ‚Realismus’ und ‚Neorealismus’. Edward Hallet Carr und Morgenthau rechnen zum klassischen Realismus, Kenneth Waltz hat den strukturellen Realismus oder Neorealismus begründet; Herz liegt dazwischen…“ (Krell 2004: 146f.). In den folgenden Kapiteln sollen zunächst der Ursprung des klassischen Realismus nach Morgenthau und anschließend die Kernthesen, die Grundannahmen sowie die zentralen Analysekategorien des klassischen Realismus und letztlich der Begriff ‚Macht’ nach dem Verständnis Morgenthaus vorgestellt werden.

2.1 Der Ursprung des klassischen Realismus

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ist der Realismus das dominante Paradigma innerhalb der politikwissenschaftlichen Disziplin der IB. Im Anschluss soll nun der historische Verlauf beschrieben werden, der zum klassischen Realismus nach Morgenthau führte.

Bereits kurze Zeit nach der Gründung der IB als autonome Disziplin der Politikwissenschaft im Mai 1919 kam es zu einer ideengeschichtlichen Auseinandersetzung zwischen den Idealisten auf der einen und den Realisten auf der anderen Seite um die Frage, wie in der Zukunft eine Friedenssicherung auf zwischenstaatlicher Ebene möglich sein könnte (vgl. Gu 2000: 18f.). Dabei herrschte zunächst eine idealistisch beeinflusste Denkrichtung innerhalb der IB vor, die gekennzeichnet war durch den Glauben an die Möglichkeit zum Aufbau „[...] einer Weltgemeinschaft, die auf einer alle Menschen umfassenden Rechtgemeinschaft beruht“ (Gu 2000: 20). In diesem Kontext geht der Idealismus von einem Menschenbild aus, wonach der Mensch vernunftbegabt im Sinne einer rationalen Argumentation und rationalen Handelns sei sowie prinzipiell die Veranlagung zur moralischen Vervollkommnung besäße. Für die Etablierung des Idealismus als akademischer Zweig der Lehre von den IB waren der als Kreuzzug für die Demokratie verstandene Kriegseintritt der USA (1917) unter dem 28. Präsidenten der USA Woodrow Wilson (1856-1924) und die vom ihm 1918 verfassten „Vierzehn Punkte“ des politischen Programms des Idealismus sowie die Gründung des Völkerbunds im Jahre 1919 entscheidend (vgl. Menzel 2001: 21 und 69).

„Doch dieser Fortschrittsglaube geriet angesichts der geschichtlichen Ereignisse ab den 1930er Jahren und vor allem seit dem zweiten Weltkrieg immer mehr ins Wanken. Bereits das Scheitern des Völkerbundes und die Weltwirtschaftskrise hatten den Blick dafür geschärft, dass die Sicherung des Weltfriedens nicht allein als organisatorisches Problem betrachtet werden konnte“ (Jacobs 2010: 41f.).Weitere Ereignisse, die als Scheitern idealistischer Außenpolitik angesehen werden können und letztlich auch zur schrittweisen Ablösung des Idealismus durch den klassischen Realismus führten, waren zum Einen die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland (1933) und der damit verbundene Antisemitismus und Faschismus sowie die deutschen Versuche, die Vertragsbestimmungen des Versailler Vertrages (1919) zu nivellieren und zum Anderen die imperialen Bestrebungen neuer Industrienationen wie etwa die Kolonialpolitik Japans, die in den 1930er-Jahren beispielsweise zum Scheitern des „Washingtoner Flottenabkommens“ von 1922 zur Begrenzung der Seestreitkräfte im Pazifischen Ozean und zum Wirtschaftskrieg zwischen Japan und den USA führten (vgl. Menzel / Varga 1999: 41). In die Kritik geriet auch das Menschenbild des Idealismus und das Festhalten am Glauben an die Erlangung idealistischer Ziele wie etwa des Wohlstands aller Nationen, einer weltweiten Demokratie, ewigen Friedens, des Schutzes der Umwelt vor rücksichtsloser Ausbeutung und der Wahrung der universellen Menschenrechte. Zu den führenden Kritikern an den Ideen des Idealismus gehörte der englische Historiker Edward Hallet Carr (1892-1982), der als Begründer der „Englischen Schule“ bzw. des liberalen Realismus gilt und der 1946 in der zweiten Auflage seines Werkes „The Twenty Years Crisis“ (1939) kritisierte, dass weder der Völkerbund und die Appeasement-Politik noch eine idealistische Politikberatung den Weltfrieden herbeigeführt hätten (vgl. Menzel 2001: 33 und 70 sowie Krell 2004: 149) „Die Wirklichkeit, so Carr, sei nicht durch die idealistischen Vorstellungen des Völkerbundes, sondern durch neue Aufrüstung, Weltwirtschaftskrise, Rückkehr zum Protektionismus und Wirtschaftsnationalismus, durch Ausbreitung des Faschismus und neuerliche imperiale Expansion von seiten Japans, Italiens und Deutschlands gekennzeichnet. Insbesondere letzterem habe der Völkerbund, da ohne wirkliche Sanktionsmittel, machtlos gegenüber gestanden“ (Menzel 2001: 70f.).

In dieser ideengeschichtlichen Kontroverse kommt dem 1948 veröffentlichten Werk Morgenthaus „Politics among Nations“ eine große Bedeutung zu, denn er lehnt ebenfalls die idealistischen Überlegungen als unrealistisch und utopisch ab und benennt die Faktoren ‚Macht’ und ‚staatliches Interesse’, die in einer Zweck-Mittel-Relation zueinander stehen, als die Kräfte, die das nationalstaatliche Handeln in der internationalen Politik determinieren (vgl. Siedschlag 1997: 49f.). Morgenthau stellt sich in „Politics among Nations“ bewusst gegen das positive Menschen- und Weltbild des Idealismus und kritisiert die auf dem Idealismus beruhende US-amerikanische außenpolitische Illusion der weltpolitischen Omnipotenz der USA als utopischen Legalismus im Sinne einer ideologischen Kreuzzugsmentalität, geprägt von einer moralischen Selbstgerechtigkeit von führenden amerikanischen Theoretikern und Politikern (vgl. Kindermann 1981: 13). Morgenthau geht es in „Politics among Nations“ vielmehr darum, die – seiner Meinung nach – von vielen Beobachtern der Außenpolitik nicht beachtete Machtzentriertheit der internationalen Politik durch die Natur des Menschen und die anarchischen Strukturbedingungen des internationalen Systems zu deuten und anhand seiner Mächtegleichgewichtstheorie einleuchtend zu erklären. Ferner fordert er in seinem Werk, sowohl für die Theorie der IB wie auch für die Praxis der Außenpolitik der Nationalstaaten im internationalen System, eine nüchterne und realistische Betrachtung der internationalen Politik (vgl. Rohde 2004: 226f. sowie Gu 2000: 38f.). Die in „Politics among Nations“ geäußerten Ansichten Morgenthaus beruhen letztlich auch auf seiner Überzeugung „[...], daß es eine objektive und universell gültige Wahrheit in politischen Dingen gibt, daß der menschliche Verstand diese Wahrheit erfassen kann, und daß diese in den wechselnden Gestalten aufeinander folgender historischer Prozesse verkörpert wird“ (Kindermann 1963: 9). Obwohl „Politics among Nations“ zu den wichtigsten Werken der Lehren von den IB zählt, soll nicht unerwähnt bleiben, dass Morgenthau bereits in seinem 1946 veröffentlichten Werk „Scientific Man vs. Power Politics“ einige Grundannahmen aus „Politics among Nations“ geäußert hat und in dem 1951 veröffentlichten Werk „In Defence of the National Interest“ noch einmal aufgreift bzw. modifiziert.

Das realistische Denken Morgenthaus wie auch Carrs war jedoch nicht neu, denn „obgleich die Entstehung des Realismus in den 1930er und 1940er Jahren auf konkrete Zeitumstände und Krisenerfahrungen zurückzuführen war, steht das realistische Denken in einer langen geisteswissenschaftlichen Tradition, als deren wichtigste historische Denker in der Regel Thukydides und Niccolo Machiavelli, ferner Thomas Hobbes, Friedrich Nietzsche und Max Weber genannt werden“ (Jacobs 2010: 40). Zum Beispiel sieht bereits Thukydides (460-400 v. Chr.) in den Kategorien ‚Macht’ und ‚Gewalt’ Instrumente zur Durchsetzung politischer Interessen und erhebt den Begriff ‚Macht’ zum regulierenden und konstituierenden Faktor des politischen Handelns. Darüber hinaus bezieht Machiavelli (1469-1527) die Faktoren ‚Ethik’ und ‚Moral’ in seine Überlegungen ein, entwickelt eine historische Auffassung von der Abfolge kausaler Zusammenhänge, die gedeutet und erklärt werden können und bereitet mit seiner Forderung, die tatsächlichen Ursachen für die Entstehung politischer Phänomene zu erforschen, das analytische Leitbild des Realismus im 20. und 21. Jahrhundert vor (vgl. ebd.: 40f.). In dieser Tradition steht auch der klassische Realismus nach Morgenthau, obwohl er einige Begriffe der oben genannten Autoren nach seiner Auffassung und Intention modifiziert und als Analysekategorien der internationalen Politik verwendet. Beispielsweise: „Während Macht nach Weber als Chance zu verstehen ist, ‚den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht’, versteht Morgenthau unter Macht die Fähigkeit zur Beherrschung und Beeinflussung des Denkens und damit des Handelns der anderen. Daß beide Theoretiker das Vermögen zur Durchsetzung eigenen Willens als konstruktives Element der Macht betrachten, ist naheliegend“ (Gu 2000: 39). Nach Morgenthau kommt vor allem dem christlichen Realismus des Theologen Reinhold Niebuhr eine übergeordnete Rolle bei der Entwicklung seines Paradigmas zu, da dieser ihn sowohl mental als auch fachlich am meisten beeinflusst habe. Von einigen Autoren wird daher das dualistische Menschenbild des christlichen Realismus nach Reinhold Niebuhr als eine Säule des klassischen Realismus angesehen (vgl. Siedschlag 1997: 52). Dennoch weicht Morgenthau im Bezug auf die Verortung der Gewaltursachen von Niebuhr ab, da er – in Anlehnung an Thomas Hobbes „Leviathan“ (1651) – die zerstörerischen Elemente der menschlichen Existenz bzw. des menschlichen Handelns in der Natur des Menschen bedingt sieht und diese für ihn somit biologisch begründet sind und nicht wie bei Niebuhr als Resultat der Vergesellschaftung anzusehen seien ( vgl. Jacobs 2010: 47).

2.2 Die Biographie Morgenthaus als Baustein des klassischen Realismus

Die Entstehung des klassischen Realismus ist auch eng mit der Biographie und den Lebenserfahrungen Morgenthaus verbunden, die nachfolgend bis zum Jahr 1951 skizziert werden sollen. Dieser Zeitabschnitt war prägend für seine Ansichten und Erfahrungen, die in seine Theorien des klassischen Realismus einflossen. Morgenthau wurde 1904 im oberfränkischen Coburg als einziges Kind jüdischer Eltern geboren. Obwohl es ihm materiell an nichts fehlte, war seine Kindheit und Jugend geprägt von Einsamkeit, permanentem Kränkeln und den ständigen Repressalien seines streng autoritären Vaters Ludwig (vgl. Frei 1993: 15f.) Er äußerte sich in diesem Zusammenhang einmal über das Verhältnis zu seinen Vater wie folgt: „I had a rather neurotic and oppressive father. [...] And my father put it in my head that I really was no good, that I was with no gifts. He certainly had a destructive influence on me“ (Thompson / Meyers 1984: zit. n. Frei 1993: 16). Von 1910 bis 1914 besuchte Morgenthau die Bürgerschule in Coburg, wo er bereits ein frühes Interesse an außenpolitischen Themen zeigte. 1914 wechselte er für weitere neun Jahre auf das Herzogliche Gymnasium Casimirianum in Coburg, wo sein Schulbesuch vor allem vom Ersten Weltkrieg (1914-1918) beeinflusst wurde. Er setzte sich stark mit den politischen, ideologischen und militärischen Aspekten des 1. Weltkriegs auseinander und verarbeite seine Eindrücke in mehreren Aufsätzen und Tagebucheinträgen. Das eigentliche Heranwachsen seines Bewusstseins datiert er selbst auf die Jahre 1918-1923, in denen eine geistige Verselbstständigung und die einsetzende Entwurzelung von der Familie und dem Heimatland Deutschland stattgefunden hätten. Neben der Mangelwirtschaft der Nachkriegszeit, die auch Coburg betraf, war es insbesondere der seit den frühen 1920er-Jahren aufkommende Antisemitismus der Nationalsozialisten, unter denen Morgenthau zu dieser Zeit zu leiden hatte (vgl. Frei 1993: 19-25). Eines der prägendsten Ereignisse für den jugendlichen Morgenthau während des Antisemitismus der Weimarer Republik war das alljährliche Ereignis der Rede zu den Feierlichkeiten zur Ehren des Begründers des Gymnasiums, Herzog Johann Casimir. Traditionell sollte der Klassenerste der Unterprima, der 1922 Morgenthau war, der Statue des Herzogs per Leiter einen Lorbeerkranz aufsetzen und die Abschiedsrede für die abgehenden Abiturienten halten. Am Morgen des Feiertages, am 11.04.1922, wurden daraufhin Flugblätter mit der Aufforderung, Morgenthau eine Lektion zu erteilen, an die Coburger Bevölkerung verteilt. Er beschrieb seine Situation an jenem Tag wie folgt: „Nobody would speak to me […]. And people would spit at me and shout at me. People would shake their fists at me and shout imprecations or antisemitic insults and so forth. It was absolutely terrible, absolutely terrible, […] probably the worst day of my life [...]“ (Thompson / Meyers 1984: zit. n. Frei 1993: 25). Das der ehemalige Herzog, Carl Eduard, sich während der Feierlichkeit als Ausdruck der Verachtung für den „stinkenden Juden Morgenthau“ die Nase zuhielt, zeigt wie sehr Morgenthau als Jude in Deutschland der sozialen Ächtung ausgesetzt war (vgl. Frei 1993: 25).

Nach der Erlangung des Abiturs im Jahre 1923 begann Morgenthau mit seinen Studien der Rechts- und Staatswissenschaften in Frankfurt a. M., Berlin sowie München und nach dem erfolgreichen Abschluss seines Doktorrats des Völkerrechts (1929) wechselte er an das Institut für Internationale Studien nach Genf, wo er nach kurzer Tätigkeit als Richter am Arbeitsgericht Frankfurt und von 1932-1935 an der Universität Genf, Öffentliches Recht lehrte. 1935 erhielt Morgenthau einen Ruf an die Universität Madrid, wo er bis zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges (1936) Völkerrecht lehrte (vgl. Rohde 2001: 76). Die Lehrtätigkeiten in den Bereichen des Völker-, des Öffentlichen und des internationalen Rechts sind insofern von Bedeutung, da Morgenthau zu der Ansicht gelangte, „dass das internationale Recht eine besonders schwache Art von Recht darstellt, so entdeckte ich jetzt, dass die Hauptquelle der Schwäche in der Beeinflussung durch die internationale Politik lag. Von dieser Erkenntnis war es nur ein kleiner Schritt hin zur Folgerung, dass das, was in den Beziehungen zwischen Nationen wirklich zählte, nicht internationales Recht war, sondern internationale Politik“ (Frei 2001: 9; zit. n. Rohde 2001: 76). Für Morgenthau bedeutet dieser Sachverhalt eine funktionale Abhängigkeit zwischen den jeweiligen sozialen Rahmenbedingungen der internationalen Politik und der Anwendbarkeit des internationalen Rechts, die er zu einem argumentativen Stützpfeiler seines klassischen Realismus erhob (vgl. Morgenthau / Thompson 1985: 463-472).

1937 wanderte Morgenthau, nach einer durch die politischen Umstände des Spanischen Bürgerkrieges erzwungenen Odyssee durch Europa, in die USA aus und erlangte 1943 deren Staatsbürgerschaft. In den USA lehrte Morgenthau zuerst am Brooklyn-College der Universität New York (1937-1939), anschließend an der Universität von Kansas City (1939-1943) und 1943 wurde er Professor für Politikwissenschaft an der Universität von Chicago, wo er bis 1971 lehrte. Ferner nahm Morgenthau zwischendurch Gastprofessuren an den Universitäten von Harvard und Yale sowie Columbia an, war von 1949-1951 als Berater des US-amerikanischen Außenministeriums tätig und wurde 1951 Direktor des Chicagoer Center for the Study of American Foreign Policy (vgl. Kindermann 1963: 45f.). Von 1971 bis zu seiner Emeritierung 1974 lehrte er an der Universität in New York, wo er 1980 auch starb.

Doch auch in den USA hatte es Morgenthau zunächst nicht leicht, denn er hatte große berufliche, finanzielle und auch sprachliche Anlaufschwierigkeiten. Nach seiner Ankunft in den USA unternahm er mehrere erfolglose Versuche, eine Anstellung an einer amerikanischen Universität zu erhalten, wobei seine Bemühungen fast immer mit denselben Begründungen abgewiesen wurden: „’You haven’t got any teaching experience in America, so we can’t give you a job.‘ And of course – how can you get teaching experience if nobody gives you a job. And others said: ‘We have never had a Jewish faculty member.‘ This was quite frequent at that time. “ (Thompson / Meyers 1984: zit. n. Frei 1993: 72). Erst als sich Morgenthau aus der Not heraus auch auf nicht-akademische Anstellungen bewarb, gelang es ihm, am erwähnten Brooklyn-College eine Anstellung als Aushilfslehrer an der staatswissenschaftlichen Fakultät zu bekommen. 1939 nahm Morgenthau die Gelegenheit wahr, an der Universität von Kansas City zu lehren. Obwohl sich sein Gehalt verdoppelte, war es kein finanzieller Durchbruch und Morgenthau litt ferner unter den schlechten Arbeitsbedingungen an der Universität von Kansas City, so dass er sich beim Präsidenten der Universität schriftlich über sein Büro, ein kleines und umgebautes Bad mit Toilette, beklagte (vgl. Frei 1993: 75f. sowie Rohde 2001: 77). Doch die Arbeitsbedingungen an der Universität von Kansas blieben für ihn – wie auch für viele seiner Kollegen an der Universität – weiterhin sehr schlecht. Als Morgenthau zum Mitglied des dreiköpfigen Gremiums gewählt wurde, das die schlechten Arbeitsbedingungen und den autokratischen Führungsstil des Präsidenten untersuchen und öffentlich machen sollte, kam es zu unüberwindbaren Spannungen zwischen ihm und dem Präsidenten Clarence Decker, was zur Beendigung des Arbeitsverhältnisses im August 1943 führte (vgl. Frei 1993: 76ff.) . Morgenthau musste noch einmal alle Ängste, Enttäuschungen und Unsicherheiten der erfolglosen Stellensuche durchleben, bevor er die Chance erhielt, den erkrankten Quincy Wright an der Universität von Chicago für die Dauer von sechs Monaten und zu einem vierfachen Honorar – im Vergleich zur letzten Anstellung in Kansas – zu ersetzen. In der Folgezeit gelang es Morgenthau sich an der Universität von Chicago zu etablieren und es wurde ihm 1945 ein endgültiger Lehrauftrag zugestanden. Das auf Dauer angelegte günstige Arbeitsumfeld in Chicago schuf bei ihm ein von Sicherheit geprägtes Lebensgefühl, in Folge dessen Morgenthau eine Schaffenskraft entwickelte, die sich u. a. in den zwischen 1946 und 1951 veröffentlichten sechs Büchern und in vierunddreißig Artikeln sowie unzähligen Buchbesprechungen und Zeitungskommentaren quantitativ und qualitativ manifestieren sollte (vgl. Frei 1993: 80-83 sowie Rohde 2001: 77). Es erscheint an dieser Stelle schlüssig und nachvollziehbar, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der passiv erfahrenen Machtausübung im Leben Morgenthaus – wie auch weiteren Anhängern des Realismus jener Zeit – und der Entstehung seines auf staatliche Macht fokussierten klassischen Realismus gibt, auch wenn dessen Entstehung – vor allem aus wissenschaftlicher Sicht – weitaus komplexer gewesen ist.

Zur Verbreitung des klassischen Realismus trug auch die Motivation Morgenthaus zur Schaffung einer Theorie der internationalen Politik bei. „Die Motivation Morgenthaus zur Konstruktion einer generellen Theorie internationaler Politik war nicht genuin akademischer Natur. Morgenthau wollte eine politische Theorie konzipieren, die praktische politische Prozesse theoretisch verstehbar machen und die gerade deshalb einen Leitfaden für politische Praktiker darstellen könne“ (Rohde 2004: 77).

2.3 Grundannahmen und Kernthesen des klassischen Realismus

Im folgenden Teil sollen die Grundannahmen und Kernthesen des klassischen Realismus herausgearbeitet werden, was durch die Darstellung der sechs Grundsätze und wesentlicher Begriffe des klassischen Realismus erfolgen wird.

2.3.1 Die sechs Grundsätze des klassischen Realismus

In „Politics among Nations“ unternimmt Morgenthau den Versuch, aus der Kritik am Idealismus eine rationale Theorie der internationalen Politik zu kreieren, für die es die wichtigste Herausforderung sei, die „ideologische Verbrämung zu durchschauen, die wirklichen politischen Kräfte und Erscheinungen, die dahinter liegen, zu erfassen [...]“ (Morgenthau 1963: 122). In diesem Sinne fordert der klassische Realismus für seine Theorie einen universellen Geltungsanspruch, d. h. mithilfe der realistischen Theorie bzw. des realistischen Paradigmas sollen Aussagen über das Verhalten der Akteure in den verschiedenen Bereichen der internationalen Politik gemacht werden können, die keinerlei zeitlich-epochalen, technologischen oder kulturellen Begrenzungen unterliegen (vgl. Rohde 2004: 55). Die Konstruktion seiner Theorie gestaltet Morgenthau nach normativen und hermeneutischen Gesichtspunkten und unter Anwendung einer hermeneutischen Gesamtschau analysiert er historische Phänomene der internationalen Politik, woraus er Gesetzmäßigkeiten ableitet, die einen normativen Charakter in Form von a-priori-Satzungen besitzen, wie sie sich z. B. in den sechs Grundannahmen des klassischen Realismus manifestieren (vgl. Behrend / Noack 1984: 24). Die wichtigsten Begriffe und Analysekategorien des politischen Realismus nach Morgenthau werden in den sechs Grundsätzen des (klassischen) Realismus evident und daher sollen zunächst diese sechs Prinzipien skizziert werden. Anschließend sollen die Begrifflichkeiten näher erläutert werden, die diesen Grundsätzen als Basis dienen und einer genaueren Erklärung bedürfen. Morgenthau selbst bemühte sich stets darum, seine Grundannahmen so offen wie möglich zu präsentieren, um sie einer breiten Kritik und einer permanenten Korrektur auszusetzen (vgl. Kindermann 1965: 293f.) Die sechs Grundsätze des politischen Realismus sind:

1. Die Existenz objektiver, sozialer Gesetze in der Politik

Morgenthau äußert durch diese Grundannahme seine Überzeugung, dass „political realism believes that politics, like society in general, is governed by objective laws that have their roots in human nature. In order to improve society it is first necessary to understand the laws by which society lives. The operation of these laws being impervious to our preferences, men will challenge them only at the risk of failure“ (Morgenthau / Thompson 1985: 4). Morgenthau geht demnach davon aus, dass auch die internationale Politik von objektiven Gesetzen des sozialen Handelns bestimmt werde, die ihren Ursprung in der menschlichen Natur bzw. im Wesen des Menschen habe und die sowohl überregional als auch temporär gleichbleibend seien. Ferner biete der klassische Realismus durch die objektive Analyse dieser Gesetzmäßigkeiten die Möglichkeit, theoretisch begründete Aussagen über politische Phänomene auf das Wesen der internationalen Politik zu generalisieren, was neben dem Menschenbild des politischen Realismus die Untersuchung objektiver, sozialer Gesetze in der Politik zu einer der zentralen Analysekategorien des klassischen Realismus macht. Als logische Konsequenz wählt Morgenthau den Nationalstaat zum relevanten Akteur innerhalb der internationalen Politik, wobei der Realismus den Staatsmännern in ihrer Eigenschaft als den außenpolitisch Verantwortlichen des Staates einen großen Stellenwert beimisst, da aus dessen Blickwinkel der Realist versuche, die Absichten und Handlungsweisen der Staatsmänner im internationalen System zu deuten und zu erläutern. Dementsprechend führt Morgenthau an: „Für den Realisten besteht Theorie darin, Tatsachen festzuhalten und durch Vernunft Sinn zu verleihen. Er geht davon aus, daß etwa das Wesen einer Außenpolitik nur durch die Prüfung bereits erfolgter politischer Handlungen und deren vorhersehbarer Konsequenzen erkannt werden kann. So kann das tatsächliche Verhalten von Staatsmännern festgestellt werden, und die vorhersehbaren Konsequenzen ihrer Handlungen lassen Schlüsse auf ihre möglichen Absichten zu“ (Morgenthau 1963: 50). Morgenthau gelingt es in „Politics among Nations“, dieses theoretische Konzept durch den Hinweis auf das historisch belegte Bild vom konkreten Verhalten ausgewählter Staatsmänner schlüssig und nachvollziehbar darzustellen (vgl. Rohde 2004: 56).

2. Macht und Interesse als Prinzipien politischen Handelns

Morgenthau benennt in diesem Grundsatz die wesentlichste Analysekategorie des klassischen Realismus, den im Sinne von Macht verstandenen Begriff des Interesses. Der Begriff dient ihm als Brücke zwischen der Vernunft, die sich anschicke, die staatliche Außenpolitik zu verstehen, und der beobachtbaren Realität der internationalen Politik, die von den zu bewältigenden außenpolitischen Problemen und Erfordernissen determiniert werde (vgl. Morgenthau 1963: 50). Zur Bedeutung dieses Grundsatzes heißt es bei Morgenthau: „The concept of interest defined in terms of power [...] makes the theoretical understanding of politics possible. On the side of the actor, it provides for rational discipline in action and creates that astounding continuity in foreign policy which makes American, British, or Russian foreign policy appear as an intelligible, rational continuum, by large and consistent within itself, [...]“ (Morgenthau / Thompson 1985: 5f.). Durch das theoretische Konzept des „im Sinne von Macht verstandenen Begriff des Interesses“ schafft Morgenthau eine zentrale Analysekategorie, die es dem objektiven Analytiker oder dem politischen Praktiker ermöglichen solle, das Denken und Handeln von Staatsmännern nachzuvollziehen, weil es zu einer rationalen Ordnung führe, die unabhängig von moralischen Beweggründen, intellektuellen Fähigkeiten oder sonstigen Motiven der Staatsmänner sei (vgl. Morgenthau 1963: 51). Daher müssten Staatsmänner immer zwischen den politischen Grundsätzen, welche ihr Amt erforderlich mache, und ihren jeweiligen Normen und Werten differenzieren können, weil diese Normen und Werte der Rationalität internationaler Politik entgegenstehen könnten (vgl. Morgenthau / Thompson 1985: 8).

3. Das nationale Interesse und seine wissenschaftliche Bedeutung

„Realism assumes that its key concept of interest defined as power is an objective category which is universally valid, but it does not endow that concept with a meaning that is fixed once and for all. The idea of interest is indeed of the essence of politics and is unaffected by the circumstances of time and place“ (Morgenthau / Thompson 1985: 10). Der Begriff des Interesses – verstanden im Sinne von Macht – ist für Morgenthau also kein endgültiger Begriff, denn welches spezifische Interesse das situationsgebundene politische Handeln determiniere, sei von den jeweiligen kulturellen und politischen Zusammenhängen abhängig, die die internationale Politik bestimmten, was analog auch für den Begriff ‚Macht’ zutreffe (vgl. Morgenthau 1963: 54). Auch wenn Morgenthau das Problem der Konkretisierung eines nationalen Interesses unterstreicht, ist er dennoch der Ansicht, dass in einer Welt, in der „[...] souveräne Nationalstaaten in einem Machtkampf zueinander [sic!] stünden [sic!], die Sicherung des Überlebens das Minimalerfordernis und den Grundkern des nationalen Interesses von Staaten bilden würden“ (Rohde 2004: 61). Nach Morgenthau sei nur die Ebene besagter Grundinteressen der Staaten empirisch zugänglich und auf der grundlegendsten Ebene werde das nationale Überleben der Staaten eins mit dem nationalen Interesse dieser Staaten, wobei die Staaten in Verlauf ihrer Historie Grundkonzepte des außenpolitischen Handelns zur Verteidigung ihrer Souveränität, wie etwa das Gleichgewicht der Mächte, das Wettrüsten oder die Bildung von Allianzen, herausgebildet hätten. Durch das methodische Instrument der Grundkonzepte könnte „[...] abstraktes nationales Interesse in konkrete, realisierbare Außenpolitik überführt werden. [...] Die zusätzlichen, über die außenpolitisch lebensnotwendigen Interessen hinausgehenden, innerstaatlich gebildeten Interessen (sekundäre Interessen) sind so vielschichtig, dass sie einer allgemeinen Theorie der internationalen Beziehungen nicht zugänglich sind, [...]“ (ebd.).

4. Die Grenzen universaler Moral

„There can be no political morality without prudence; that is without consideration of the political consequences of seemingly moral action. Realism, then, considers prudence – the weighing of the consequences of alternative political action – to be the supreme virtue in politics“ (Morgenthau / Thompson 1985: 12). In diesem Punkt warnt Morgenthau vor den eingeschränkten Möglichkeiten der Anwendung eines universalen Moralbegriffes, da die Staatsmänner niemals ihre subjektiven Moralvorstellungen zur Basis ihrer außenpolitischen Handlungen machen dürften. Die Hauptaufgabe der Staatsmänner ihren Staatsbürgern gegenüber sei es vielmehr, durch ein rationales politisches Handeln, die Souveränität und das Überleben des eigenen Staates zu gewährleisten (vgl. Morgenthau 1963: 55f.).

5. Die Differenz zwischen nationaler und universaler Moral

„Politischer Realismus lehnt es ab, das sittliche Streben einer bestimmten Nation mit den sittlichen Gesetzen, die die Welt beherrschen, gleichzusetzen“ (Morgenthau 1963: 56). Es sei ein zentrales Problem, dass die Nationalstaaten ihre jeweiligen Moralvorstellungen als universell ansehen, was im klassischen Realismus konsequent abzulehnen sei. Wenn alle Nationalstaaten nach dem gleichen Maßstab ihren Interessen nachgehen würden, könnten die Staaten im internationalen System, die außenpolitischen Handlungen der anderen Nationalstaaten sachlich und ohne jegliche moralische Beurteilung zu verfolgen. Für den Realismus seien Interessen diskussions- und kompromissfähig, die moralischen Universalitätsansprüche jedoch nicht. Diese Sichtweise könne dazu beitragen, dass ein blinder Kreuzzugseifer der Nationalstaaten, der Zivilisationen und Nationen gleichermaßen zerstört, vermieden würde (vgl. Krell 2004: 155 sowie Rohde 2004: 63). Als einzigen Faktor, der im internationalen System in der Lage sein könne, eine rücksichtslose Machtpolitik der Einzelstaaten zu begrenzen, benennt Morgenthau an anderer Stelle eine rationale, moralbasierte Verantwortungsethik der Staatsmänner, auf die im Verlauf dieser Arbeit noch eingegangen werden wird (vgl. Morgenthau 1963: 450ff.).

6. Politik als autonome Sphäre

Die Herstellung einer politischen Sphäre ist die wesentlichste methodische Neuerung des klassischen Realismus, da es Morgenthau damit gelingt, eine Definition des Gegenstandbereiches der Politik und des zu analysierenden außenpolitischen Phänomens zu sichern. Damit erkennt er neben den politischen auch die Existenz weiterer wesentlicher gedanklicher Maßstäbe an, die bei der Analyse oder der Ausführung internationaler Politik keine Berücksichtigung finden sollten. Morgenthau möchte mit der methodischen Eigenständigkeit der Politik nicht andere Gedankenkonstruktionen kritisieren, jedoch fordert er ausdrücklich, dass jede Methode auf ihren eigenen Gegenstandsbereich und auf ihre spezifische Funktion reduziert bleiben solle (vgl. Morgenthau 1963: 13f.).

Diese vorgestellten sechs Prinzipien bezeichnen die wesentlichsten Grundannahmen des politischen Realismus und dienen als Ausgangspunkte, von denen aus eine empirisch-wissenschaftliche Untersuchung der Fragestellung nach Macht und Interesse in der internationalen Politik erfolgen müsse. Im folgenden Abschnitt sollen nun die wichtigsten Begriffe des klassischen Realismus dargestellt werden, da sie die zentralen Analysekategorien des politischen Realismus nach Morgenthau bilden. Dabei soll zunächst auf das Menschenbild des klassischen Realismus eingegangen werden, weil Morgenthau seine Theorie stark anthropologisch untermauert und für ihn das menschliche Wesen die entscheidende Triebfeder für das Streben nach Macht auf nationalstaatlicher Ebene darstellt.

2.3.2 Das „Menschenbild“ des klassischen Realismus

Von entscheidender Bedeutung für Morgenthaus Theorie ist „das Menschenbild des klassischen Realismus“, denn für ihn seien, so Rohde, die Träger sämtlicher gesellschaftlicher Kräfte immer nur Einzelmenschen und von den Erkenntnissen ihres Wesens aus sollte deshalb das Wesen des Politischen erschlossen werden (vgl. Rohde 2004: 80). Morgenthau vertritt die Ansicht, dass das Streben nach Macht unter kollektiven Bedingungen stark von der Natur des Menschen geleitet werde. „Die Welt, so unvollkommen sie vom Standpunkt der Vernunft aus sein möge, ist das Ergebnis von Kräften, die der menschlichen Natur innewohnen“ (Morgenthau 1963: 49). Wie bereits im ersten Abschnitt beschrieben, entleiht Morgenthau sein Menschenbild vom theologischen Realismus des protestantischen Theologen Reinhold Niebuhr (1892-1971), der dieses Menschenbild in seinem Werk „Moral Man and Immoral Society“ (1932) dargelegt hat, und projiziert es auf die Ebene der Nationalstaaten (vgl. Gu 2000: 42). Bei der Übertragung des menschlichen Wesens auf die Ebene der Nationalstaaten wird eine weitere Grundannahme des Realismus evident, denn für den klassischen Realismus sind Staaten Körperschaften, die ein ähnliches außenpolitisches Verhalten zeigen (vgl. Menzel 2001: 78). Die zentralen Akteure im internationalen Milieu seien nach Ansicht Morgenthaus die Nationalstaaten, wobei auch den führenden Staatsmännern eine große Bedeutung zukomme, denn nur durch die Analyse ihres außenpolitischen Handelns, könne internationale Politik zuverlässig analysiert werden (vgl. Masala 2005: 27). Dennoch: „Hauptakteur der internationalen Politik ist somit der nach Macht strebende, souveräne Nationalstaat, der seine eigenen Interessen gegen die Interessen anderer Staaten durchzusetzen versucht“ (Jacobs 2006: 48), wobei den Verhaltensweisen von Staatsmännern als den primär Verantwortlichen ihrer Politik ein elementarer Stellenwert zukomme (vgl. Rohde 2004: 89).

Unter der Prämisse, dass sich die Grundformen menschlichen Agierens und Reagierens seit der Antike mit dem Beginn der Aufzeichnung der politischen Historie nicht elementar geändert haben, könnten nach Morgenthau durch das dualistische Menschenbild des klassischen Realismus einerseits politische Verhaltensweisen rational nachvollzogen werden und könnte andererseits erklärt werden, warum es im politischen Verhalten von Menschen und Staaten keine lineare Weiterentwicklung gegeben habe, wie sie z. B. in Naturwissenschaft und Technik stattgefunden hätten (vgl. Kindermann 2010: 42). Denn dieses dualistische Menschenbild hebt nicht nur – wie z. B. das Menschenbild im Idealismus – die positiven Eigenschaften des Menschen hervor, sondern berücksichtigt auch die negativen Charaktereigenschaften der menschlichen Natur und transformiert sie auf die Ebene der Staatsmänner der Nationalstaaten im System der IB. Demzufolge ist der Mensch nicht nur friedliebend, gut, solidarisch und lernfähig, sondern auch streitsüchtig, schlecht, egoistisch und triebgesteuert. Der Mensch werde nach Morgenthau von seinen Trieben, vor allem vom Fortpflanzungs-, Selbsterhaltungs- und Machttrieb, nachhaltig beeinflusst und diese Triebe sollten durch Vernunft und Erziehung unter Kontrolle gehalten werden. Da dies nicht immer gelinge, sei ein äußerer Zwang mithilfe der Gewalt oder Gewaltandrohung ein geeignetes Mittel zur Kontrollierung der destruktiven Natur des Menschen (vgl. Menzel 2001: 77f.). Der Selbsterhaltungstrieb des Menschen sei nach Morgenthau dafür verantwortlich, dass Menschen „[...] die Kräfte aller fremden Gegenstände aus der Natur und andere Menschen als potenzielle Bedrohung für ihre Existenz und Entfaltung […] betrachten“(Gu 2000: 43). Damit der Mensch diese Bedrohung beseitigen oder zumindest reduzieren könne, seien der Fortpflanzungs- und der Selbsterhaltungstrieb dafür verantwortlich, dass er dazu neige, andere dem eigenen Willen zu unterwerfen. Demnach sei der Machttrieb des Menschen eine logische Konsequenz des Fortpflanzungs- und Selbsterhaltungstriebes und der Machttrieb entspringe einer ständigen Unsicherheit betreffend seiner eigenen Existenz und zwinge ihn dazu „[...], durch Erwerb von Macht die potentielle Unsicherheit des Lebens in Sicherheit zu verwandeln“ (ebd.: 44). Durch eine heuristische Gesamtschau und eine induktive Vorgehensweise überträgt Morgenthau dieses theoretische Konstrukt auf die Ebene der Nationalstaaten (vgl. Behrend / Noack 1984: 24). „Morgenthau calls it ‘the human essence’, also ‘human nature’, and we can translate this into human imagination and agency and their impact on, and constitution of, political reality” (Behr / Rösch 2012: 38). Dennoch ist das Menschenbild des klassischen Realismus einer starken Kritik ausgesetzt, da es nur eingeschränkt einen kollektiven Willen innerhalb eines Nationalstaates geben kann und es kann nicht automatisch davon ausgegangen werden, dass die internationale Politik eines Nationalstaates gleichzusetzen ist mit den Willen einzelner Individuen (vgl. Hartmann 2009: 27). Vor diesem Hintergrund ist anzumerken, dass hier vorrangig der Wille der Staatmänner gemeint ist, denn aus realistischer Perspektive ist die öffentliche Meinung der Bürger in außenpolitischen Fragen nicht von Belang, da sich die einfachen Bürger keine qualifizierte Meinung zu nationalstaatlichen Interessen bilden würden und eher dazu neigten, sich den Meinungen führender Staatsmänner anzuschließen (vgl. Schoen 2006: 177).

Inwieweit das Menschenbild des klassischen Realismus für außenpolitische Verhaltensweisen der Staatsmänner im internationalen System von Bedeutung ist, lässt sich an folgenden Beispielen darlegen. Der Diplomat und Vertreter einer realistischen Außenpolitik der USA, George F. Kennan, sieht beispielsweise in der rücksichtslosen Expansionspolitik der UdSSR unter ihrem totalitären Führer Stalin in den Jahren 1945-1947 die Ursache für den „Ost-West-Konflikt“, da der USA außenpolitisch keine andere Wahl blieb, als ab 1947 der sowjetischen Expansion mit einer „Eindämmungs-Politik“ – dem „Containment“ – entgegenzutreten, wenn man die eigene Position im internationalen System wahren wollte und durch eine Außenpolitik der Stärke einer eventuellen Vernichtung durch die Sowjets entgegenzuwirken (vgl. Kennan 1982: 450). In diesem Sinne deuten Vertreter des politischen Realismus z. B. das Ende des „Kalten Krieges“ (1947-1989) als das Ergebnis der durch Michael Gorbatschow initiierten Veränderung des sowjetischen imperialistischen Verhaltens aufgrund zeitpolitischer Gegebenheiten (vgl. Rohde 2004: 21).

2.3.3 Die „Anarchie“ im klassischen Realismus

Die „Anarchie“ und das „anarchische Umfeld“ sind weitere, elementare Begriffe in Bezug auf die zentrale Analysekategorie des klassischen Realismus, das als Macht verstandene Interesse der Akteure und das daraus resultierende Machtstreben der Einzelstaaten. Der klassische Realismus geht davon aus, dass die Nationalstaaten innerhalb eines Milieus der internationalen Politik handeln, in dem Anarchie herrscht und das sich im Naturzustand befindet, da eine übergeordnete Sanktionsinstanz fehlt, die durch Zwang für Stabilität und Ordnung in den internationalen Beziehungen sorgt. Das Ordnungsprinzip des internationalen Systems ist für Morgenthau daher die Konkurrenz um Macht zwischen den Staaten aufgrund der vorherrschenden Anarchie im internationalen System. Denn diese Dominanz der Anarchie trage nach Morgenthau dafür Verantwortung, dass sich die Staaten – als die relevanten Akteure – mit Unsicherheit und Misstrauen im internationalen Umfeld begegnen würden. Die Staaten versuchten durch ihre Staatsmänner und Regierungen – die ihrem menschlichen Wesen entsprechend ängstlich und unsicher seien – ihre Unsicherheit in Bezug auf die Gefahren und das eigene Überleben im internationalen Milieu durch ein ständiges Streben nach Macht zu reduzieren (vgl. Auth 2008: 20 sowie Walt 1997: 931f.). Demnach resultiert aus dieser Anarchie „[...] die Konfliktträchtigkeit des internationalen Systems, die als endemisch betrachtet wird. Wie die Menschen streben auch die Staaten nach Sicherheit. Sicherheit wird ihnen verliehen durch Macht über andere Staaten“ (Menzel 2001: 78). Die Verortung der jeweiligen staatlichen Machtposition im internationalen Umfeld kann z. B. durch die militärische Kraft, die geographische Lage, die Bevölkerungszahl, die territoriale Größe oder die Wirtschaftskraft eines Staates geschehen, da diese Faktoren laut Morgenthau als Indikatoren der Macht anzusehen sind und durch die Vergrößerung dieser Machtfaktoren ein Staat an „Possibilität“ zur Abschreckung möglicher Feinde gewinne (vgl. Auth 2008: 21). Obwohl sich die Mittel des außenpolitischen Machtstrebens im Laufe der Zeit verändern, sei für Morgenthau das Ziel der internationalen Politik stets das Machtinteresse der einzelnen Staaten, da nur aus einer starken Machtposition heraus ein gewisser Einfluss auf die Außenpolitik anderer Staaten erzielt werden könne. Demnach habe politische Macht nach Morgenthau auch immer eine psychologische Kausalität (vgl. Morgenthau 1963: 71). Morgenthau geht bei dieser Annahme von einem Hobbes’schen System aus, bei dem die Staaten analog zu den Staatsmännern als den verantwortlichen, politisch handelnden Menschen betrachtet werden müssten. Vor dem Hintergrund der chaotischen politischen Verhältnisse des 16. und 17. Jahrhunderts in Großbritannien entwickelte Hobbes in seinem Hauptwerk Leviathan (1651) seine Vorstellung von einem dauerhaften Staat, der als absoluter Souverän innerhalb eines anarchischen Umfeldes ein friedliches und sicheres Zusammenleben garantiert. „Hobbes geht davon aus, dass sich die Menschen im Naturzustand immer im Krieg untereinander befinden; [...]. Die Menschen des Naturzustandes sind prinzipiell in jeder Beziehung gleich, was nicht bedeutet, das alle gleich stark sind, was aber so viel bedeutet, dass jeder in der Lage ist, den anderen umzubringen. Daher ist Furcht eine der anthropologischen Konstanten im Naturzustand, d. h. die Furcht um das Eigentum und das eigene Leben [...]“ (Bevc 2007: 62f.). Diese in der Hauptsache innenpolitisch motivierte Theorie von Hobbes überträgt Morgenthau auf das internationale Milieu, wobei explizit angeführt werden muss, dass innenpolitische Faktoren in Morgenthaus Theorie von der internationalen Politik keine Berücksichtigung finden, sondern nach dem Vorbild der Black-Box-Theorie ausgeklammert werden (vgl. Rohde 2004: 36). Das staatliche Verhalten im anarchischen Umfeld erklärt Morgenthau vielmehr durch eine rationale Entscheidungsfindung anhand einer Kosten-Nutzen-Analyse sowie des Ziels der Gewinnmaximierung an Macht. Denn nach Morgenthaus Auffassung würden alle Nationalstaaten in ihrer internationalen Politik gleichermaßen rational handeln, wobei innenpolitische Faktoren wie etwa das politische System oder die jeweilige Wirtschafts- und Gesellschaftsform genauso aus der Betrachtung ausgeschlossen werden müssten wie auch ein eventueller religiöser oder politischer Dogmatismus. Daher spielten auch allgemein-moralische und internationale juristische Normen im anarchischen Umfeld lediglich eine sekundäre Rolle, da sie immer nur eine untergeordnete Berücksichtigung im Vergleich zu dem als Macht verstandenen Begriff des Interesses finden würden (vgl. Legro / Moravcsik 1999: 12f.). In einem so feindlichen Milieu basiere die Außenpolitik der Staaten auf einem nationalen Interesse, das entweder auf die „[...] Machterhaltung (Status quo), Machterweiterung (Imperialismus) oder auf Machtdemonstration (Prestigepolitik) abzielt“ (Auth 2008: 21). Beispielsweise handle es sich bei der US-amerikanischen Außenpolitik der Jahre 1945-1953 nach dem Verständnis realistischer Politiker wie G. F. Kennan oder H. A. Kissinger um eine Status-quo-Politik durch die „Eindämmung“ der aggressiven Expansionspolitik der UdSSR, die sich jedoch im Anschluss zu einer amerikanischen Politik der Machterweiterung (Imperialismus) wandelte, die erst durch den verlorenen Vietnamkrieg endete (vgl. Velbinger 1977: 44-49). Nach realistischer Sichtweise ist der Grund für dieses Phänomen der Politik das durch die Anarchie im internationalen System hervorgerufene konkurrierende Machtstreben der Staaten.

Die Anarchie im internationalen Milieu führe nach Morgenthaus Ansicht zu einer inhärenten Konkurrenz zwischen den Nationalstaaten in Bezug auf das Ziel der internationalen Politik, die Erlangung von Macht, und somit analog auch auf die Sicherung ihrer Existenz sowie die Wahrung ihrer Souveränität und die Stärkung ihrer Stellung im internationalen Milieu. Nach Morgenthau resultiere daraus einerseits ein Misstrauen zwischen den Staaten, da ein Vertrauensbruch seitens eines Nationalstaates im schlimmsten Fall zur Vernichtung des anderen Staates führen könne. Andererseits müsse jeder Nationalstaat sein Sicherheitsproblem selbst in die Hand nehmen, da kein anderer Staat seine Sicherung gewähren könne. Denn alle anderen Staaten im internationalen Milieu könnten eine Bedrohung der eigenen Existenz darstellen und es gebe keine internationale Institution, die eine Aggression effektiv sanktionieren könne (vgl. Mearsheimer 1990: 12).

2.3.4 „Moral und Völkerrecht“ im klassischen Realismus

Der Begriff ‚ Moral’ ist ein weiterer Terminus, der für das Verständnis und die Anwendung der sechs Grundsätze des klassischen Realismus von Bedeutung ist. Der klassische Realismus erkennt zwischen dem rechtlichen bzw. sittlichen Gebot und den Erfordernissen eines erfolgreichen Handelns in der Außenpolitik einen nicht zu vermeidenden Gegensatz (vgl. Morgenthau 1963: 55). Zwar erschienen formale Rechte und Pflichten des „Völkerrechts“ sowie die auf spezifischen Prinzipien basierenden Morallehren für die internationale Politik auf den ersten Blick als attraktiv und wünschenswert, doch nach Morgenthaus Ansicht sind solche Normenkataloge und Morallehren reines Wunschdenken, das bei der Durchführung einer erfolgreichen Außenpolitik sogar hinderlich sein könne. Wer sich beim Ziel einer erfolgreichen Außenpolitik von Normen und Moral leiten lasse und sich in einem anarchischen Umfeld nicht dem Machtstreben aussetze, verkenne die zu erwartenden Konsequenzen und läuft laut Morgenthau letzten Endes Gefahr, sich der eigenen Vernichtung durch andere Staaten auszusetzen. Denn das elementare Ziel staatlicher Außenpolitik sei das Überleben des eigenen Nationalstaates (vgl. Auth 2008: 21). „Kluge Staaten lassen sich in ihrem Denken und Handeln nicht von bürgerlicher Moral oder formalrechtlichen Geboten, sondern nur von Machtinteressen und Pragmatismus leiten, berücksichtigen dabei aber auch die Konsequenzen ihres Tuns. [...]. Das heißt jedoch nichts anderes, als dass rechtliche/moralische Normen in ihrer Eigenschaft als integrale Bestandteile der Situation zwischen den relevanten Akteuren, den Großmächten, wirken, und zwar als Machtrecht bzw. Machtmoral“ (ebd.). Es wird deutlich, dass Morgenthaus Verständnis von Moral innerhalb der internationalen Politik stark vom anglo-amerikanischen Pragmatismus geprägt ist, denn er stellt die politische Klugheit, d. h. das Abwägen von Konsequenzen diverser moralischer und amoralischer Handlungsmöglichkeiten über die Anwendung moralischer Werte und Normen. Auf der internationalen Ebene unterscheidet der klassische Realismus nicht zwischen „gut und böse“ oder einem moralischen „richtig oder falsch“, sondern nur das Endergebnis der staatlichen Außenpolitik ist im politischen Realismus von Belang und nicht die Art der Erlangung dieses Ziels. Morgenthau erhebt diesen politischen Pragmatismus über jede Form des Dogmatismus, sei sie nun religiöser, moralischer, juristischer oder auch politischer Natur. Damit steht Morgenthau in starkem Gegensatz zu Immanuel Kant, der als Urheber des Verständnisses von Recht und Moral im politischen Idealismus angesehen werden kann (vgl. Rohde 2004: 226). Morgenthau überlässt es den Staatsmännern durch den Einsatz von Balance, Toleranz und Selbstbeschränkung – im Sinne einer situationsbedingten Ethik – für eine ethisch-moralische Instrumentalisierung der Macht zu sorgen, die das Ziel des Überlebens des eigenen Staates zwar über alle anderen Interessen stelle, dem uneingeschränkten Machtstreben durch den rationalen Einsatz von Moral in Form einer Verantwortungsethik aber ein eindämmendes Element entgegenstellt (vgl. Hacke 2004 sowie Gebhardt 2008: 272f.). Ähnlich wie Max Weber ist Morgenthau in Fragen der Ethik also der Ansicht, dass sich ethische Werte und Grundsätze in abstrahierender Art und Weise nicht auf außenpolitisches Handeln übertragen ließen, denn: „Abstrakte Ethik beurteilt Handlungen nach ihrer Übereinstimmung mit dem abstrakten Sittengesetz; politische Ethik beurteilt Handlungen nach ihren konkreten politischen Folgen“ (Morgenthau 1963: 56). Im Gegensatz zu den ethischen Ansichten des Idealismus führten gute Absichten im politischen Handeln nach realistischer Auffassung nicht zwangsläufig zu positiven Ergebnissen. Ferner seien sämtliche Nationalstaaten der Verlockung ausgesetzt, ihre Außenpolitik in ein Gewand moralisch-sittlicher Ziele zu kleiden, was zu einer oberflächlichen Gleichsetzung von schicksalhaften Handlungsaufträgen der Vorsehung und eines spezifischen Nationalismus führe und dadurch destruktive Wirkungen entwickeln könnte (vgl. Kindermann 2010: 43).

[...]


[1] Nachfolgend auch IB genannt und sonst in Großschreibung nur im wissenschaftlichen Kontext.

Ende der Leseprobe aus 119 Seiten

Details

Titel
Klassischer Realismus und Neorealismus. Ein Theorienvergleich anhand des Ost-West-Konflikts
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
119
Katalognummer
V442790
ISBN (eBook)
9783668807976
ISBN (Buch)
9783668807983
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik Geschichte Kalter Krieg
Arbeit zitieren
Olaf Borgmeier (Autor), 2015, Klassischer Realismus und Neorealismus. Ein Theorienvergleich anhand des Ost-West-Konflikts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442790

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Klassischer Realismus und Neorealismus. Ein Theorienvergleich anhand des Ost-West-Konflikts


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden