Wahlplakate 2002: Ein Vergleich von Selbst- und Fremddarstellung


Hausarbeit, 2005

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Funktion der Wahlplakate

3. Der Vorgang der Repräsentation

4. Analyse der Wahlplakate
4.1 Die Methode
4.2 Die Situation der Gesellschaft
4.3 Die Wahlplakate
4.3.1 CDU/CSU
4.3.2 Bündnis 90 die Grünen

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

I. Panofsky’s Schema

II. Müller: Die Sinnesebenen der Bildinterpretation

1. Einleitung

Grundlage einer jeden Demokratie ist die Volkssouveränität; die Macht besitzt nicht der durch das Volk legitimierte Vertreter, sondern das Volk selbst. Von entscheidender Bedeutung für diese demokratische Vorstellung ist dabei der Vorgang der Repräsentation. Der Begriff der repräsentativen Demokratie beinhaltet bereits diesen Terminus und weist auf die fundamentale Bedeutung der Repräsentation hin. So kann beispielsweise ein Vertreter des Volkes als der Repräsentant desselben gelten. Dieses wird wiederum zu den Repräsentierten. Eine ausführlichere Definition dieses Vorgangs folgt im dritten Kapitel.

Die oben gewonnene Erkenntnis ist elementar für die zentrale Fragestellung dieser Arbeit: Ziel ist es, herauszufinden, welche Anforderungen potentielle Repräsentanten im Wahlkampfjahr 2002 erfüllen mussten. Um dies zu analysieren, beziehe ich mich auf Wahlplakate aus der Bundestagswahl des selben Jahres, die den damaligen CDU/CSU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber abbilden. Dabei konfrontiere ich Abbildungen seitens der eigenen Fraktion (Selbstdarstellung) mit Abbildungen auf Wahlplakaten der Partei Bündnis 90 die Grünen (Fremddarstellung) (vgl. Kapitel fünf).

Grundlegende Annahme für meine Ergebnisse ist, dass bei der Selbstdarstellung Elemente hervorgehoben werden, die für das Volk eine positive Rolle spielen, bei der Fremddarstellung dagegen solche, die allgemein als negativ angesehen werden.

Vergleicht man diese beiden Plakate so können zumindest Aussagen darüber getroffen werden, welche Eigenschaften von einem Repräsentanten erwünscht bzw. abgelehnt werden. Eventuell sind auch Rückschüsse über das Demokratieverständnis der bundesdeutschen Bevölkerung möglich.

Problematisch erweist sich allerdings, dass im Rahmen dieser Arbeit lediglich Einzelfälle analysiert werden können. So ist es schwierig, die späteren Erkenntnisse zu verallgemeinern. Schließlich kann es sich um Eigenschaften handeln, die speziell für die jeweilige Partei, für das Jahr oder für den einzelnen Kandidaten von besonderer Bedeutung sind, bei weitem aber noch keine Allgemeingültigkeit besitzen. Diesem Anspruch kann ich in dieser Arbeit nicht gerecht werden, aufbauend auf die hier gemachte Analyse müssten verschiedene Plakate unterschiedlicher Kandidaten und Parteien aus unterschiedlichen Wahlkämpfen herangezogen werden.

Des weiteren hoffe ich auch bildnerische Mittel festzustellen, die benutzt werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Den Anspruch, eine tendenzielle Ikonographie des Wahljahres 2002 zu ermitteln, kann ich allerdings nicht stellen.

Grundlage für die Untersuchung der Bilder sind einerseits politikwissenschaftliche und andererseits kunstwissenschaftliche Erkenntnisse. Im wesentlichen übertrage ich eine Analyse von Marion G. Müller zu Bildstrategien im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf auf den deutschen Raum. Detaillierter wird die Methode im vierten Kapitel dargestellt. Welche Funktion das Wahlplakat einnimmt wird im folgenden Kapitel diskutiert.

2. Funktion der Wahlplakate

Massenmedien spielen in demokratisch Organisierten System eine entscheidende Rolle: Sie haben die Aufgabe, den Informationsfluss aufrechtzuerhalten und dafür zu sorgen, dass ein jeder Staatsbürger sich eine auf Fakten gestützte Meinung bilden kann. Ohne dieses Element wäre die Idee der Volkssouveränität hinfällig.

Ulrich Sarcinelli unterscheidet dabei vier unterschiedliche Schemata: Information, Appellation, Partizipation, politische Bildung. Für die späteren Bildanalysen sind vor allem Information und noch mehr Appellation von Bedeutung. Sarcinelli versteht unter Letzterem einen Informationsgehalt, der „in spezifischer Weise reduziert und symbolisch verdichtet“ ist.[1]

Wie die Rolle der Wahlplakate im System der Massenmedien aussieht, werde ich im Folgenden genauer darlegen. Zunächst muss man berücksichtigen, dass die Partei bei Wahlplakaten die Chance hat ihre eigenen Ansichten zu präsentieren (Selbstdarstellung), also nicht auf die Vermittlung und Einstellung von Dritten (Fremddarstellung) angewiesen ist. Allerdings wird in dieser Arbeit der spezielle Fall aufgegriffen, dass eine Partei auf ihren Wahlplakaten nicht sich selber, sondern den Kontrahenten darstellt. Auch in diesem Fall gilt zumindest, dass die eigenen Ansichten dabei ohne die Einmischung vermittelnder Journalisten publiziert werden können.

Ferner sind Wahlplakate umso wirksamer, als dass es für die Bürger schwierig ist, sich ihnen zu entziehen. Mag die Wahrscheinlichkeit, dass etliche Bürger Informationen aus dem Fernsehen oder der Zeitung nicht wahrnehmen, noch relativ groß sein – Wahlplakate werden mit Sicherheit von den meisten bemerkt.[2]

Umso wichtiger ist es zu analysieren, wie die Rolle der Wahlplakate konkret aussieht, wobei ich mich aus praktischen Gründen auf Kandidatenporträts beschränken muss. Bereits angesprochen wurde der appellative Charakter, bei diesem ist die Politikvermittlung „nicht in erster Linie auf Information, sondern auf Suggestion, Faszination und Emotionalisierung ausgerichtet.“[3] Die politischen Botschaften müssten „durch Werbung in eine bürgernahe Sprache gebracht, strukturiert, vereinfacht, gebündelt und in Worte und Bilder übersetzt werden“.[4]

Diese hier genannten Eigenschaften treffen großteils auf politische Wahlplakate zu. So stellt Sarcinelli fest, dass gerade Wahlkämpfe immer wieder „mehr oder weniger gelungene Beispiele für symbolische Verdichtungen in Form von Begriffen, Formeln oder optischen Signalen“ liefern.[5] Wobei der Schwerpunkt in Bezug auf Wahlplakate in erster Linie wohl auf den visuellen Botschaften liegt. Es gebe schließlich genug Beispiele, in denen durch ein Bild, durch einen Begriff, ein Symbol oder durch eine griffige Formel komplexe politische Sachverhalte repräsentiert, komprimiert und Denkanstöße gegeben werden könnten.[6] Visuelle Politik arbeite „weniger mit Hilfe diskursiver Argumente“ sondern vielmehr „mit Hilfe visueller Inszenierungen oder optischer Reizwerte“.[7]

Allerdings müssen all diese etwas allgemeinen Eigenschaften, die von mir auf das Medium „Wahlplakat“ transformiert wurden, noch ergänzt werden. Hierzu berufe ich mich auf Martin Warnke, der einen besonderen Stellenwert der Bilder im politischen Leben festgestellt hat.[8] Üblicherweise gebe der Besteller bzw. Auftraggeber dem jeweiligen Künstler exakte Anweisungen über seine Absichten und Ansichten, was aber noch lange nicht bedeutet, dass die Interessen des Adressaten nicht einfließen:

„Eine politische Ikonographie, welche den Bildern eine aktive Rolle im politischen Raum zutraut, berücksichtigt jedoch, daß auch bei Bildern ein Sender, der einem Empfänger etwas mitteilen will, die sprachlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten, die mentalen Dispositionen, die Bedürfnisse und Erwartungen, Normen und Wertvorstellungen dieser Empfänger kennen und aufnehmen muß, wenn seine Botschaft die Chance einer Wirkung haben soll.“

Das könne z.B. bedeuten, dass ein Bild zwar von „oben“ in Auftrag gegeben werde, in Wirklichkeit aber Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse von „unten“ enthalte. Das Volk müsse sich angesprochen fühlen und wiedererkennen können.[9]

Diese Erkenntnis ist von zentraler Bedeutung für die Ergebnisse dieser Arbeit. Auch der Cultural Studies Approach zielt in diese Richtung: Hier erscheint Kommunikation „als etwas, was auf die Gemeinsamkeit von beiden [Kommunikator und Rezipient] Bezug nimmt.“[10]

So können anhand der Eigenschaften von Wahlplakaten Rückschüsse auf das Volk an sich gemacht werden – zumindest auf das, das der jeweilige Kandidat von dem Volk annimmt. Folgt man dieser Argumentation, können aus der positiven Selbstdarstellung des Kandidaten Werte abgeleitet werden, die im Wahlkampf 2002 für die deutschen Staatsbürger von positiver Bedeutung waren. Hingegen müsste die Fremddarstellung der politischen Konkurrenz auf Eigenschaften hinweisen, die allgemein als negativ akzeptiert sind.

Aus einem abschließenden Vergleich der beiden Analysen müsste sich das Idealbild des deutschen Volkes von einem Kanzler-Kandidaten ergeben. Dessen Eigenschaften wiederum Auskunft geben, über Werte und Normen, die in einer Gesellschaft vorherrschen.

3. Der Vorgang der Repräsentation

„Das Wort Repräsentation ist einer der fundamentalen Ausdrücke jeglicher Demokratietheorie, ist es doch der Terminus, mit dem alle indirekte Herrschaftsausübung durch das Volk umschrieben wird.“[11] Mit diesem Satz bringt Heinz Rausch die Bedeutung der Repräsentation[12] auf den Punkt. Auch Adalbert Podlech, der sich auf Bluntschli beruft, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: „Ohne Repräsentation kann heute kein politisch-gebildetes Volk mehr leben.“[13]

Für die folgenden Bildanalysen ist dieser Begriff ebenfalls von einschneidender Bedeutung. Deshalb soll an dieser Stelle der Vorgang der Repräsentation genauer definiert werden. Benjamin Haller weist auf den „Legitimations- und Zurechnungszusammenhang“ hin, damit sei Repräsentation die „institutionelle Mediatisierung der Volkssouveränität“.[14] Auf andere Aspekte konzentriert sich Carlo Ginzburg: Er spricht in Bezug zur Repräsentation von einem „außergewöhnlichen Ding“, das „feste Gestalt“ annimmt und ein „konkretes Symbol der Abstraktion des Staates“ sei.[15]

[...]


[1] vgl. Sarcinelli, Ulrich „Politikvermittlung und demokratische Kommunikationskultur“. In: Sarcinelli, Ulrich (Hrsg./1987) “Politikvermittlung”, Bonn. S. 26.

[2] Ziel dieser Arbeit ist allerdings nicht die Wirkung von Wahlplakaten, sondern vielmehr deren Inhalt und bildnerische Darstellung.

[3] Sarcinelli (1987), S. 33.

[4] „Warum verkaufen sich Politiker, Herr von Mannstein?“, in: FAZ-Magazin vom 2. August 1985, S. 26. Zitiert nach: Sarcinelli (1987), S. 33.

[5] Sarcinelli (1987), S. 33.

[6] Sarcinelli (1987), S. 34.

[7] Warnke, Martin „Politische Ikonographie“. In: Beyer, Andreas „Die Lesbarkeit der Kunst: Zur Geistes-Gegenwart der Ikonographie”, (Hrsg./1992), Berlin. S. 28.

[8] vgl. Warnke (1992), S. 26.

[9] Warnke (1992), S. 27.

[10] Krotz (1992), S. 430.

[11] Rausch, Heinz „Vorwort“. In: Rausch, Heinz (Hrsg./1968) „Zur Theorie und Geschichte der Repräsentation und Repräsentativverfassung“, Darmstadt. S. VII-XVII.

[12] Beim Vorgang der Repräsentation handelt es sich um einen äußerst komplexen Vorgang, im Folgenden können nur für diese Arbeit relevante Aspekte dargestellt werden.

[13] Podlech, Adalbert „Repräsentation“. In: Brunner, Otto/Conze, Werner/Koselleck, Reinhart (Hrsg./1984) „Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland“, Band 5, Stuttgart. S. 543.

[14] Haller, Benedikt (1987) „Repräsentation: Ihr Bedeutungswandel von der hierarchischen Gesellschaft zum demokratischen Verfasungsstaat“, Münster. S. 121.

[15] Ginzburg, Carlo „Repräsentation“. In: Freibeuter (1992), Berlin. S. 20.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wahlplakate 2002: Ein Vergleich von Selbst- und Fremddarstellung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V44309
ISBN (eBook)
9783638419369
ISBN (Buch)
9783638836159
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlplakate, Vergleich, Selbst-, Fremddarstellung
Arbeit zitieren
Moritz Förster (Autor), 2005, Wahlplakate 2002: Ein Vergleich von Selbst- und Fremddarstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44309

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