Kyot und Flegetanis in Wolframs "Parzival". Fiktionaler Fundbericht und jüdisch-arabischer Kulturhintergrund


Exzerpt, 2017
4 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Exzerpt

ERNST: Kyot und Flegetanis in Wolframs „Parzival“

Fiktionaler Fundbericht und jüdisch-arabischer Kulturhintergrund

Textgrundlage: ERNST, Ulrich. Kyot und Flegetanis in Wolframs Parzival. Fiktionaler Fundbericht und jüdisch-arabischer Kulturhintergrund. Wirkendes Wort Düsseldorf, 1985, 35. Jg., Nr. 3, S. 176-195.

- Fragen:

- Ist Wolfram ein origineller Textproduzent mit eignem Konzept?

- Ist er bloßer Übersetzer einer verlorengegangenen Vorlage

- Ist er ein Quellenforscher, der sich zur Täuschung seines Publikums auf eine Autorität beruft, die nur in seiner Phantasie existiert?

- Ist er ein genialer, fast modern anmutender Erzähler, der hächst reflektiert mit fiktionalen Quellenangaben operiert?

- Selbstaussagen Wolframs im Parzival:

- Kyot der berühmte Meister habe die Urfassung der Erzählung in einer unbeachteten arabischen Handschrift in Toledo gefunden

- Zuvor habe er der karakter a b c gelernt

- Konnte in dieser Schrift nie niedergelegten Geheimnisse des Grals verstehen

- Urform der Gralsgeschichte von dem heidnischen Astrologen und Naturforscher Flegetanis verfasst

- Mütterlicherseits ein Jude und von Salomon abstammend

- Den Namen des Grals in den Sternen gelesen

- Berichtet von Engeln als Gralshüter vor und getauften Christen als Gralshütern nach der Geburt Christi

- Kyot sucht nach dem zum Schutz des Grals berufenen Volk der Christen

- Durchsucht Chroniken von Britaninien, Frankreich, Irland und anderen Ländern

- Findet in Anschouwe die gesuchte Geschichte von Mazadan und dessen Nachkommen Titurel, Frimutel, Amfortas und Herzeloyde

- à Forschung: z.T. der Auffassung, die Kyot-Erzählung entspricht in vollem Umfang der historischen Realität

- à ABER: innere Widersprüche und unglaubwürdige Angaben, Vermutung eine fiktiven Stammbaum Konstruktion

- Sowohl Flegetanis als auch Kyot werden als berühmte Autoren charakterisiert, doch außer Wolfram sind sie niemandem bekannt

- Beide Autoren werden durch biographische Details zu allererst vorgestellt

- Flegetanis hat schon von Parzival geschrieben, später wird der Eindruck suggeriert Flegetanis habe in der Zeit vor Christi Geburt gelebt

- Kyot fahndet in lateinischen Chroniken nach Angehörigen des christlichen Geschlechts der Grashüter, nachdem Flegetanis bereits in seinem arabischen Trakat von Prazival berichtet hat

- Kyot habe das Ende der Parzivalgeschichte referiert, an anderer Stelle lässt Wolfram verlauten, dass niemand außer ihm bisher den Abschluss der Erzählung vernommen habe

- Kyot habe ihn unmittelbar in mündlicher Form informiert, an einer anderen Stelle deutet er einen mittelbaren Transfer des Stoffes von der Porvence nach Deutschland an

- Einige Angaben lassen sich leicht falsifizieren oder sind total unglaubwürdig:

- Wolfram beruft sich bei dem Namen Liddamus auf Kyot, der Name stammt aber aus dem „Polyhistor“ des Solinus

- Flegetanis ließt Namen des Grals in den Sternen

- Kyot soll en franzois gedichtet haben, was für einen Provenzalen zu dieser Zeit exzeptionell wäre

- à Vermutung, dass Kyot und Flegetanis Erzählermasken Wolframs sind, die zur Autorisierung seiner gegenüber Chrétien neuen Interpretation und Gestaltung der Parzivalgeschichte dienen

- Funktion der imaginären Quellenangaben

- Anregung von realen Gegebenheiten

- Historische Persönlichkeiten als Modelle

- Voraussetzung: Name muss einen Menschen, keine Schrift widerspiegeln + konkreter Zusammenhang zwischen den Personen + Namensähnlichkeit

- Hochberühmter jüdischer Astronom, Astrologe, Mathematiker, Philosoph, Exeget und Übersetzter arabischer Schriften Abraham bar Chija

- Namenähnlichkeit zwischen Chija und Kyot

- Wolframs Vorliebe für Endsilbe ót

- Chija verfügte über eine große Reputation als Astronom und Astrologe

- Verfasste selbst mehrere sternkundliche Werke

- Kyot verfügt, außer großem Interesse für das strologische Schriftum, über Kenntnisse der Sternkunde. Sonst hätte er nicht den astrologischen Trakat des Flegetanis verstehen können

- Chija repräsentiert das jüdische Traditionselement, was in der Kyotlegende bei der Charakterisierung Flegetanis besonders akzentuiert wird

- Chija hatte einen festen Wohnsitz in Barcelona, bereiste lange Jahre die Provence und Frankreich

- Chija zitiert als magister noster

- Entspricht extakt dem Typus des poyglotten Gelehrten mit Sprachkenntnissen in Arabisch, Hebräisch, Provenzalisch, Französisch und Lateinisch à wie Kyot

- Zweiter Kyot, Herzog Kyot von Katelangen (Katalonien), als Vater Sigunes voll in die epische Handlung integriert à unsicher, ob identisch oder nicht

- Chija kommt als Prototyp für beide Kyots infrage

- Enge Beziehung zum Fundort des Gralbuches

- Toledo = Schmelztiegel arabischer, jüdischer und christlicher Kultureinflüsse

- = Hochburg der Geheimwissenschaften (Astrologie)

- Chija = Repäsentant der magischen Astrologie

- Kyot = Zauberer

- Fragwürdig: Wie konnte Wolfram in Deutschland von dem vornehmlich in Nordspanien und Südfrankreich eilenden jüdischen Astronomen Chija Kenntnis erlangen?

- Unwahrscheinlich, dass Wolfram selbst über Hebräische Kenntnisse verfügte

- Kulturelles Klima und Umfeld, in dem Wolfram die Genese der Parzivalgeschichte situiert hat

- Biographische Kyotforschung

- Rezeption der arabischen Astrologie

- Nennung Arabischer Planetennamen

- Auch Plato von Tivoli und Abraham bar Chija bezeichnen in ihrer lateinischen Übersetzung der „Tetrabiblos“ des Ptolemäus die Sterne und Sternbilder mit arabischen Namen

- Autoren, die Chija vorrangig übersetzt: Al-Fergání, Al-Battání à Flegetanis

- Namensveränderung = Prinzip der anagrammatischen Silbenverschiebung

- Technik des Anagramms = erfährt in der im 12. Jh. in der Provence entstehenden mystischen Strömung der Kabbala eine besondere Blüte

- Wolfram wendet besondere Sorgfalt bei der Behandlung von Namen auf

- Wendet das Verfahren der etymologisierenden Allegorese an

- Spielt mit Namen

- Verfremdung und Permutation von Namen

- Planmäßige Anagramme

- à Wolfram empfang bei der Konzeption seiner fiktional-narrativen Auffindungslegende entscheidende Impulse von realen Persönlichkeiten seiner Epoche

- à Ausgehend vom jüdischen Gelehrten Abraham bar Chija wurde ein Einblick in jene gemischte arabisch-jüdisch-christliche Kultur- und Literaturszene in Spanien vermittelt

- Poetische Funktion der Rahmenerzählung, Konsequenzen für die Werkdeutung

- Fiktive Quellenangabe dient der Absicherung der impliziten astrologischen Geschichtstheologie des Parzival

- Funktion der Berufung auf Kyot besteht in der Legitimation der besonderen Erzählform (bogenschlagendes Erzählen, Verschweigens und später Enthüllens)

- Theoretisches Modell der analytischen Erzählung

- Orientalische Provenienz der Gralerzählung beglaubigt die Integration der Orientmotive (Verdichtung besonders in Vor- und Nachgeschichte)

- Religionsthematisierung

- Verbindung von islamischer, jüdischer und christlicher Religion

- Überwindung einer Schwarz-Weiß-Zeichnung von Heiden und Christen

- Wahl der Ortes Spanien als Lokalisation der Gralsgeschichte

- Spanien in dieser Zeit am ehesten das Land, das ein Modell bieten kann für eine friedliche Koexistenz von Mohammedanern, Juden und Christen

- Fiktive Quellenangaben als poetologisches Programm, dass sich von dem übermächtigen franz. Vorbild Chretien und dessen Nachfolger Hartmann von Aue absetzt à Profilierung als Autor

- Gezielte Adaptation arabischer Wissenschaft, um Parzivalgeschichte auf rechte Weise zu beenden à Form der Naturwissenschaft mit teilweise magisch-superstitösem Charakter

- Arabisches Wissenschaftsverständnis: Astrologie, magisch-allegorische Lithologie, Alchemie, magische Medizin

- Gottfried von Straßburg bezeichnet Wolfram als vindaere wilder maere

- Anspielung auf die Auffindungslegende, die als durchsichtige Fiktion das Kriterium dichterischer Originalität zum Hochziel einer impliziten Poetik erhebt

- Polemisiert gegen die sich von Chretiens Vorbild entfernende, das Erzählsubjekt inthronisierende und die Vorlage hermetisierende analytische Erzählform Wolframs

- Vergleich mit einem alchemistischen Betrüger und Scharlatan

- Nähe Wolframs zu den Geheimwissenschaften

- Deutung des Grals als Stein mit magischen Potenzen nach Art eines Talismans

- àInterpretationsmodell, das Namen, Motive und Aussagestrukturen der Auffindungslegende weitgehend aus dem Vorbild berühmter Repräsentanten der jüdischen und arabischen Astrologie des Mittelalters zu erhellen sucht (Abraham bar Chija, Al-Fergani, Al-Battani)

- Typos des polyglotten Gelehrten mit hoher Mobilität

- Nähe zur Astrologie und anderen Arkandisziplinen

- Das jüdisch-kabbalistische Traditionselement

- Die Beziehung zur Übersetzungsliteratur des 12. Jh.

- Die Bindung an Toledo und die Provence

- àModell ist offen konzipiert, bleibt kombinierbar, tritt ohne Absolutheitsanspruch auf, lässt Raum für die Suche nach weiteren Parallelen und Einflüssen

- à Intensive Rezeption arabischer Gelehrsamkeit war ein seriöser Trend der abendländischen Naturwissenschaft im 12. Jh.

[...]

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Details

Titel
Kyot und Flegetanis in Wolframs "Parzival". Fiktionaler Fundbericht und jüdisch-arabischer Kulturhintergrund
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V443105
ISBN (eBook)
9783668811409
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kyot, flegetanis, wolframs, parzival, fiktionaler, fundbericht, kulturhintergrund
Arbeit zitieren
Elena Schreer (Autor), 2017, Kyot und Flegetanis in Wolframs "Parzival". Fiktionaler Fundbericht und jüdisch-arabischer Kulturhintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443105

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