Eine Kritische Betrachtung von Rawls Theorie der Gerechtigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Rawls Theorie der Gerechtigkeit
II.1 Die Grundstruktur einer gerechten Gesellschaft
II.2 Der Gesellschaftsvertrag
II.3 Gerechte Verteilung von Gütern

III. Nozicks Anspruchstheorie
III.1 Kritik an Rawls Konzept der distributiven Gerechtigkeit
III.2 Das Wilt Chamberlain Argument

IV. Gerechtigkeit zwischen Egalitarismus und Anspruchstheorie
IV.1 Ein Gedankenexperiment der Theorie der Gerechtigkeit
IV.2 Gleiche Freiheit für alle
IV.3 Gerechtigkeit durch das Differenzprinzip

V. Schlussbetrachtung

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Mit seinem Werk Eine Theorie der Gerechtigkeit setzte Rawls 1971 nicht nur einen Meilenstein für die politische Philosophie, sondern wiedersprach auch weitestgehend der, zu seiner Zeit vorherrschenden philosophischen Strömung, dem Utilitarismus. Ihm gegenüber nimmt er beinahe eine entgegengesetzte Meinung ein. Die Grundidee seiner Theorie ist es, die Grundprinzipien einer gerechten Gesellschaft darzulegen. Rawls Idee einer gerechten Gesellschaft ist eine Form des Egalitarismus, des jede Ungleichheit auf einem minimalen Maß reduzieren soll. In einer fairen Ausgangssituation sollen alle Mitglieder der Gesellschaft gleichberechtigt die Prinzipien bestimmen, nach denen eine gerechte Grundstruktur der Gesellschaft entstehen soll. Rawls nimmt den Gedanken des klassischen Gesellschaftsvertrags in der Tradition Thomas Hobbes, John Lockes, Jean-Jacques Rousseaus oder Immanuel Kants wieder auf und erweitert ihn um ein Gedankenexperiment.

In der Theorie in sich stimmig findet, findet Rawls Theorie der Gerechtigkeit in der Praxis seine Gegner. So kritisiert Robert Nozick in seinem 1974 veröffentlichten Werk Anarchy, State and Utopia fast alle Zentralen Punkte von Rawls Gerechtigkeitstheorie.[1]

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit Rawls Theorie der Gerechtigkeit, auseinandersetzen. In diesem Sinn werde ich die Frage behandeln, inwiefern man berechtigte Kritik an der Theorie der Gerechtigkeit üben kann.

In einem ersten Schritt werde ich nun Rawls Gerechtigkeitstheorie darstellen. Als zweites skizziere ich Nozicks Kritik an Rawls. Als drittes werde ich eigene Argumente in die bereits skizzierte Debatte einbringen. Schließlich werde ich das Resultat meiner Untersuchung zusammenfassen.

II. Rawls Theorie der Gerechtigkeit

II.1 Die Grundstruktur einer gerechten Gesellschaft

Rawls Projekt ist es die Grundstruktur einer gerechten Gesellschaft zu schaffen. Dabei stellt er sich die Aufgabe, die Grundsätze für eine „wohlgeordnete“ Gesellschaft zu entwickeln. Dabei geht es ihm weniger um die Gerechtigkeit von Individuen, sondern um ein gerechteres Regelsystem.[2] Rawls möchte mit seiner Theorie zeigen, „wie die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen Grundrechte und -pflichten und die Früchte der gesellschaftlichen Zusammenarbeit verteilen“[3]. Rawls bezeichnet die zu verteilenden Grundgüter als

Dinge, von denen man annehmen kann, dass jeder vernünftige Mensch sie haben will. Diese Güter sind gewöhnlich brauchbar, gleichgültig, was jemand für einen vernünftigen Lebensplan hat. Der Einfachheit halber sollte man annehmen, die hauptsächlichen Grundgüter der Gesellschaft seinen Reche, Freiheiten, und Chancen so wie Einkommen und Vermögen.[4]

Daher kann man sagen, dass die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft vernünftig vorgehen, wenn sie sich so viele Grundgüter wie möglich sichern. Die nun entstehenden Interessenskonflikte sollen gelöst werden, in dem eine gerechte Grundstruktur der Gesellschaft festgelegt wird, die als Grundsätze der wesentlichen gesellschaftlichen Institutionen entwickelt werden sollen.[5]

II.2 Der Gesellschaftsvertrag

Rawls nimmt an, dass die Gerechtigkeit die wichtigste Tugend sozialer Institutionen ist.[6] Mit Hilfe eines Gesellschaftsvertrags versucht er eine gerechte Grundstruktur einer Gesellschaft zu schaffen. Ausgangssituation dieses Vertrags soll ein Zustand sein, in dem alle Mitglieder der Gesellschaft zum Wohl der größtmöglichen Gerechtigkeit und nicht zum eigenen Vorteil entscheiden. Um herauszufinden wie sich eine solche Grundstruktur gestalten würde, also eine, in der wir frei und ohne eigene Interessen entscheiden könnten entwirft Rawls folgendes Gedankenexperiment; Der Gesellschaftsverstrag wird in einer fiktiven Entscheidungssituation geschlossen, in dem die Gesellschaft sich im Urzustand auch Originale Position (original Position) genannt, befindet.[7]

Dieser Urzustand kommt dadurch zu Stande, dass die Bürger der Gesellschaft durch den Schleier des Nichtwissens, alle Informationen darüber, welchen Stand in der Gesellschaft, welches Geschlecht, welches Alter und welche natürlichen Fähigkeiten sie haben, vergessen. So befinden sich alle in der Gleichen Ausgangsposition. Durch den Schleier des Nichtwissens sind die verschiedenen Parteien gezwungen frei von ihrer individuellen Lebenssituation zu entscheiden.[8]

Gleichberechtigt stellen sie nun Regeln für eine gerechte Grundstruktur der Gesellschaft auf. Jeder entschiedene Grundsatz wird also auf der Basis einer fairen Übereinkunft geschlossen.[9]

Bekannt ist den Akteuren nur, dass es verschiedene Klassen und einen Status in der Gesellschaft gibt. Zudem „...verstehen [sie] politische Fragen und die Grundzüge der Wirtschaftstheorie, ebenso die Grundfragen der gesellschaftlichen Organisation und die Gesetze der Psychologie des Menschen.“[10] Den Akteuren ist also bewusst, dass sich die unterschiedlichen Entscheidungen, die sie treffen, zu Gunsten verschiedener Gruppierungen auswirken könnten. Da sie aber nicht wissen, welchen Status sie später mal in der Gesellschaft einnehmen werden, ist es für sie am sinnvollsten Entscheidungen so zu treffen, dass sie egal, in welcher Position der Gesellschaft sie später stehen, akzeptable Bedingungen herrschen. Mit anderen Worten, die Grundstruktur der Gesellschaft wird darauf ausgelegt, dass jede Position der Gesellschaft akzeptabel ist. Da ein solches Arrangement der Entscheidungssituation als fair angesehen wird, weil jeder dieselben Voraussetzungen hat und über dieselbe Verhandlungsmacht verfügt, wird das Argument Gerechtigkeit als Fairness genannt.

II.3 Gerechte Verteilung von Gütern

Die Gerechtigkeitsgrundsätze werden von den Akteuren im Urzustand festgelegt. Die, als vernünftig angesehenen Akteure entscheiden nun gemeinsam über Grundgüter (primary goods)[11], die jedem Menschen, ungeachtet seiner Position in der Gesellschaft, zustehen. Gemeinsam einigen sie sich nun auch zwei Grundprinzipien:

„Jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist.“[12] Es wird das größtmögliche Gut an Freiheiten und Rechten für jeden verlangt. Besonders wichtig sind hier politische Freiheit, so wie Rede- und Versammlungsfreiheit, persönliche Freiheit, Gedankenfreiheit und Schutz vor körperlicher Unterdrückung.[13]

Der zweie Grundsatz lautet folgendermaßen: „Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, dass (a) vernünftigerweise zu erwarten ist, dass sie zu jedermanns Vorteil dienen, und (b) sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind, die jedem offenstehen.“[14] Ungleiche Verteilungen sind also nur dann zu rechtfertigen, wenn sie zum Wohl der am schlechtesten gestellten stattfindet.

Schließlich kann man Rawls Theorie der Gerechtigkeit so zusammenfassen, dass, in einer Situation in der alle Beteiligten gleich und zum Wohl der größtmöglichen Gerechtigkeit entscheiden, alle primären Grundgüter in der Gesellschaft, also Freiheiten, Eigentum und die Grundlagen der Selbstachtung gleich verteilt werden. Die einzige Ungleichheit liegt in der Bevorteilung der in der Gesellschaft am schlechtesten gestellten.

III. Nozicks Anspruchstheorie

III.1 Kritik an Rawls Konzept der distributiven Gerechtigkeit

In seinem Werk Anarchy State and Utopia entwickelt Nozick eine Theorie, die zu großen Teilen die Idee der gerechten Verteilung von Rawls kritisiert. In diesem Teil werde ich nun die Kritik Nozicks in Bezug auf die beiden Grundprinzipien der Gerechtigkeit, die Rawls aufgestellt hat untersuchen.

Nozicks libertäre Sicht einer legitimen Staatsmacht unterscheidet sich signifikant von der Rawls. Letzterer schreibt in seiner Theorie der Gerechtigkeit dem Staat so viel Macht zu, dass er seinen Bürgern die primären Grundrechte und den Frieden sichern kann. Eines seiner Prinzipien der distributiven Gerechtigkeit ist, dass die einzigen Ungleichheiten in der Verteilung zu Gunsten den am schlechtesten gestellten gemacht werden dürfen. Für Nozick stellt sich hier eine falsche Vorstellung der Verteilungsgerechtigkeit dar.

Seiner Meinung nach stellt Rawls ein Muster von distributiver Gerechtigkeit dar, das zu einem bestimmten Zeitpunkt, nämlich dem Urzustand dargestellt ist.

Seine Kritik bezieht sich dabei darauf, dass Rawls den geschichtlichen Kontext Vernachlässigt, dessen umstände die Entwicklung der Güterverteilung beeinflussen. Dazu kommt auch, dass man die Tatsache, dass diejenigen, die am härtesten arbeiten am meisten verdienen, als natürliche Art der Verteilungsentwicklung, nicht vernachlässigen kann. Nozick geht also davon aus, dass dem Menschen von Natur aus, gewisse Rechte zukommen. Zu Ihnen zählt er Leben, Gesundheit, Freiheit und Eigentum.[15] Somit steht Ihnen also ein absolutes Recht darauf zu, über ihr Eigentum zu bestimmen. Somit ist jede Verteilung von Gütern (holdings)[16] in Nozicks Verständnis gerecht, wenn sie die drei folgenden Prinzipien berücksichtigt:

[...]


[1] Esser (2004), S. 1.

[2] Esser (2005), S. 2.

[3] Rawls (1971), S. 23.

[4] Rawls (1971), S. 83.

[5] Vgl. Esser (2005), S. 3.

[6] Vgl. Rawls (1971), S. 3.

[7] Vgl. Rawls (1971), S. 80.

[8] Vgl. Hinsch (1992), S. 11.

[9] Vgl. Rawls (1971), S. 15.

[10] Rawls (1971), S. 81.

[11] Vgl. Rawls (1971), S. 81.

[12] Rawls (1971), S. 53.

[13] Rawls (1971), S. 82

[14] Rawls (1971), S. 81

[15] Esser (2005), S. 15.

[16] Nozick (1974), S. 61.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Eine Kritische Betrachtung von Rawls Theorie der Gerechtigkeit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Einführung in das Werk John Rawls
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V443136
ISBN (eBook)
9783668808157
ISBN (Buch)
9783668808164
Sprache
Deutsch
Schlagworte
praktische Philosophie, Gerechtigkeitstheorie, Rawls, Nozick, Kontrakturalismus
Arbeit zitieren
Freya Gerz (Autor), 2018, Eine Kritische Betrachtung von Rawls Theorie der Gerechtigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443136

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