Die Natur in Arnold Fancks Film "Das Wunder des Schneeschuhs"


Hausarbeit, 2015
13 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Vom Film: „Das Wunder des Schneeschuhs“

III. Von der Flucht in die Welt der Berge

IV. Vom Mythos der reinen Natur

V. Von der Natur als Bühne, Kulisse und Architektur

VI. Von der Bezwingung der Natur und dem archaischen Heroismus

VII. Fazit

VIII. Anhang

I. Einleitung

Verschneite Berghänge, eisige Gipfel und die schwarzen Silhouetten dahingleitender Skifah- rer über einem weißen Meer aus Wolken zeichnen den 1919 entstandenen Film Das Wunder des Schneeschuhs aus. Der Regisseur und Bergfilmavantgardist Arnold Fanck (1889 - 1974) verursachte mit diesem Bild von Natur in seinem Erstlingswerk eine jahrelange, immer wie- der aufflammende Diskussion über das im Film vermittelte Verhältnis von Mensch und Natur. „Wie fast immer entgeht dem Schöpfer seine eigene Bedeutung und Wirkung. Fancks Werk repräsentiert die ikonographische Summe unseres verqueren Naturverhältnisses.“ 1 Der Film zeige eine Funktionalisierung, Ideologisierung und Remythologisierung von Natur und ver- mittele ihre Beherrschbarkeit durch den Menschen und die Gerechtigkeit der Naturgewalten.2 Dies sind nur einige der Kritikpunkte, die der Filmwissenschaftler Thomas Brandlmeier ge- genüber Fancks filmischem Werk äußert. Groß war der Anklang, den Fanck mit seinen Berg- Filmen im zeitgenössischen Publikum fand. Dennoch scheint der Film „Das Wunder des Schneeschuhs“ kritikwürdig. Entging dem Schöpfer, der vor allem für seine Bewegungs- und Tatsachenobsession unter Kritikern bekannt ist, tatsächlich seine eigene Bedeutung und Wir- kung? Welche Verhältnisse vom Menschen zur Natur im filmischen Werk Arnold Fancks tatsächlich zu entdecken sind, soll im Folgenden erörtert werden. Repräsentativ für das fanck- sche Bergfilmgenre bzw. für sein filmisches Schaffen war während meiner Arbeit der zweiteilige Schwarzweiß-Stummfilm Das Wunder des Schneeschuhs und Das Wunder des Schneeschuhs - eine Fuchsjagd durchs Engadin mit dem Fanck nicht nur große Debatten unter Filmkritikern auslöste sondern auch eine „Explosion der Skifahrerei“ 3 bewirkte. Zu- nächst sollen Fancks Gründe und Ansichten betrachtet werden, die ihn dazu bewegten die Filme in dieser Form herzustellen.

II. Vom Film: „ Das Wunder des Schneeschuhs“

Der erste Teil des Schneeschuhwunders führt den Zuschauer in die Welt der Berge, wo vor dem Hintergrund einer schneebedeckten Winterlandschaft alle möglichen Varianten der Nut- zung von Skiern vorgestellt werden, manchmal auch über der Wolkendecke. Diese reichen von verschiedensten Sprüngen und Fortbewegungsarten bis hin zum Formationsfahren und dem Überwinden gefährlicher Hindernisse, wie z.B. einer Felsspalte. Dabei heben sich die Skifahrer durch das schwarz-weiß Bild in ihrer schwarz wirkenden Kleidung immer in deutli- chem Kontrast von der weißen Schneelandschaft ab, die im Hintergrund teilweise zu einer Ebene verschwimmt. Dialoge oder eine Handlung sind nicht vorhanden. Das ändert sich jedoch mit dem zweiten „Wunder des Schneeschuhs - eine Fuchsjagd durchs Engadin“, der aufgrund des großen Erfolges des ersten Teils wieder mit Fancks Freunden Deodatus Tauern (Regie), sowie Fanck selbst, und Sepp Allgeier (Kamera) gedreht wurde. Hier siegt der Ski- profi Hannes Schneider (von sich selbst gespielt) im Skispringen und erhält in der anschließenden Fuchsjagd die Rolle des Fuchses, der von den anderen Skifahrern gejagt werden muss. In dieser einfachen Handlung sind alle artistischen Skikunststücke, die schon im ersten Film vorkamen, neu verpackt. Beide Filme, auf die noch viele Weitere folgen soll- ten, machten Fanck zum Pionier und Avantgardisten des Bergfilmgenres. Ihr Erfolg veranlasste Fanck zur Gründung der „Berg- und Sportfilm GmbH Freiburg.“

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden seine Filme verboten, weil er sie nach langem Zögern schließlich doch in den Dienst der Propaganda gestellt hatte und der NSDAP beigetreten war. Daraufhin fehlten wesentliche finanzielle Mittel für weitere Filme. Erwähnenswert ist außer- dem Fancks Entdeckung und Förderung der späteren Filmemacherin Leni Riefenstahl.

III. Von der Flucht in die Welt der Berge

„Ganz allein, in eisiger Höhe über den Wolken, nah der Sonne.“4 So beschreibt später der Enkel Matthias Fanck die Seelenlandschaft seines Großvaters. Arnold Fanck hatte vor seinem Regiedebüt Geologie studiert und promoviert. Er litt trotz der guten Verhältnisse in denen er als Sohn eines Zuckerindustriellen aufwuchs, an schwerem Asthma, einer häufigen Erkran- kung im Zeitalter der Hochindustrialisierung. Dieses Leiden sollte ihn in die Welt der Berge verschlagen, in der er aufgrund der besseren Luftverhältnisse um Freiburg und Zürich, von seinem Leiden verschont blieb. „Sport und Bewegung [und vor allem das Ski fahren] in der Natur: das war das wichtigste“5 berichtet Arnold Fanck. Sein Aktionismus und sein Drang nach immer neuen und größeren Herausforderungen führen ihn schließlich in die Berghöhen des Engadins bei St. Moritz, die noch „Neuland für den Schneeschuh“6 waren. Dort war er „der entfremdete Bürger, der die Natur ganz anders [sah]“7, denn „es gibt nichts Fantastische- res als die Natur, in der wir nicht zu Hause sind.“8 1913 trägt er seine eisigen Erlebnisse von der Besteigung des Monte Rosa im Engadin in Form einer ersten Dokumentation mit ins Tal. „Die Natur zu zeigen, wie sie ist, so schön und fruchtbar, so sonnig und so düster, starr und bewegt - ganz einfach das Erlebnis Natur zu vermitteln - das war die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, als ich mich von den Naturwissenschaften der Naturkinematographie zuwand- te.“9 Mit dieser Aussage zeigt Fanck seine Sicht auf die Natur als Erlebnis und weist vor allem auf die extremen Kontraste und Gegensätze hin, welche dieses Naturerlebnis ausma- chen, wie z.B. die Schönheit der Landschaft, in der aber auch Gefahren, wie eine Felsspalte lauern können. Die Natur soll damit als abenteuerliche, aufregende Erlebniswelt funktionali- siert werden, die dem Stadtmenschen des 20. Jahrhunderts nicht bekannt war und die es mithilfe des Schneeschuh - Films zu entdecken galt. Von dieser inneren Differenz zwischen Industriestadt und Land spricht auch Fanck: „Was ich […] mitbrachte, war ein Verwach- sensein mit den Bergen, und doch ein innerer Kontrast zu ihnen, da ich eigentlich ein Kind der Industriestadt war.“10 Um die Jahrhundertwende herum baute Fanck genau auf diesem Kontrast und der damit verbundenen Naturbegeisterung, sein Vertrauen in den Erfolg des Films. Die Natur konnte nur als aufregende Erlebniswelt dienen, da die Bergwelt den Bewoh- nern der Industriestädte in der Form, wie Fanck sie ihnen präsentierte noch gänzlich unbekannt war. „Hier drückte sich die Sehnsucht des Städters aus, nach Licht und Sonne und Schnee und Bergen und überhaupt nach der Natur, die er großenteils sonst so weitgehend entbehren muss.“11 Der höchste Zweck seiner Kunst, so Fanck, sei vielmehr „der Sehnsucht des eigenen Volkes nach höheren Lebensinhalten zu dienen“12 Diese Natursehnsucht erinnert stark an die des romantischen Eskapismus um 1800. Umso offenkundiger ist der Eindruck, die Naturdramen bzw. die Bergfilme Fancks stünden in der visuellen Tradition der Gemälde Caspar David Friedrichs und die Skifilme in der Tradition der Gemälde Joseph Anton Kochs.13

[...]


1 Brandlmeier, Thomas . In: Jan-Christopher Horak (Hg.) (1997): Berge, Licht und Traum. Dr. Arnold Fanck und der deutsche Bergfilm, München,, Bruckmann, S. 69-73.

2 Ebd.

3 Fanck, Matthias (2009): Weisse Hölle - Weisser Rausch. ARNOLD FANCK. Bergfilme und Bergbilder 1909 - 1939, Zürich: AS Verlag und Buchkonzept AG.

4 M. Fanck, 2009.

5 Ebd.

6 Fanck, Arnold 1928: Veröffentlichtes und Unveröffentlichtes. Die Zukunft des Naturfilms (1928). In: JanChristopher Horak (Hg.) (1997): Berge , Licht und Traum. Dr. Arnold Fanck und der deutsche Bergfilm, München, Bruckmann, S. 143-146.

7 Brandlmeier, 1997.

8 Balàzs, Bélas (1931): Der Fall Dr. Fanck. In: Arnold Fanck (1931): Stürmeüber dem Montblanc. Basel, Concordia Verlag, S. 287-291.

9 A. Fanck, 1928.

10 Ebd.

11 Gabel (1992) Zit. n. Kreimeier, Klaus: Naturmagie und Technik-Faszination. Arnold Fancks Berg- und Sportfilmwerkstatt, in: Ders./Ehmann, Antje/Goergen, Jeanpaul (2005): Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland, Bd. 2 Weimarer Republik 1918-1933, Stuttgart, S. 474-492.

12 Ebd.

13 Vgl. Brandlmeier, 1997.

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Details

Titel
Die Natur in Arnold Fancks Film "Das Wunder des Schneeschuhs"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Kulturwissenschaft)
Veranstaltung
Science is Fiction. Naturverhältnisse im frühen Film
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V443266
ISBN (eBook)
9783668808171
ISBN (Buch)
9783668808188
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arnold Fanck, Das Wunder des Schneeschuhs, früher Film, Film, schwarzweiß Film, deutscher Film, Naturfilm, Skifahren
Arbeit zitieren
Bachelos of Arts Marie Elisabeth Becker (Autor), 2015, Die Natur in Arnold Fancks Film "Das Wunder des Schneeschuhs", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443266

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