Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege

Arbeitsskript für die Fortbildung in der außerklinischen Intensivpflege und Beatmung


Fachbuch, 2018

115 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zur Einführung

Aggression und Gewalt – Grundlagen

Gewalt und Aggression in der Pflege

Formen von Zwang, Misshandlung und Gewalt nach ABEDL®

Mensch versus Gewalt und Aggression

Fragebogen zur Erfassung von Aggressivitätsfaktoren

Erleben einer Stresssituation

Professionelles Verhalten in der Gewaltprävention

Lernen Sie Ihre Toleranzschwelle kennen

Allgemeine Grundregeln der Deeskalation

Rechtliche Aspekte mit Fallbeispielen

Medikamente als Aggressionsförderer

Zwangsmaßnahmen in der Pflege

Aggressionsformen und mögliche Reaktionen

Übersicht der Landesgesetze

Deutsche Rechtsprechung

Literaturauswahl

Zur Einführung

Die Gewalt fängt nicht an, wenn einer einen erwürgt. Sie fängt an, wenn einer sagt: „Ich liebe dich: du gehörst mir!“

Die Gewalt fängt nicht an, wenn Kranke getötet werden. Sie fängt an, wenn einer sagt: „Du bist krank: Du musst tun, was ich sage!“

Die Gewalt fängt an, wenn Eltern ihre folgsamen Kinder beherrschen, und wenn Päpste und Lehrer und Eltern Selbstbeherrschung verlangen.

Die Gewalt herrscht dort wo der Staat sagt: „Um die Gewalt zu bekämpfen darf es keine Gewalt mehr geben außer meiner Gewalt!“

Die Gewalt herrscht wo irgendwer oder irgend etwas zu hoch ist oder zu heilig, um noch kritisiert zu werden.

Oder wo die Kritik nichts tun darf, sondern nur reden, und die Heiligen und die Hohen mehr tun dürfen als reden.

Die Gewalt herrscht dort wo es heißt: „Du darfst Gewalt anwenden!“ Aber auch dort wo es heißt: „Du darfst keine Gewalt anwenden!“

Die Gewalt herrscht dort, wo sie ihre Gegner einsperrt und sie verleumdet als Anstifter zur Gewalt.

Das Grundgesetz der Gewalt lautet: „Recht ist, was wir tun. Und was die anderen tun, das ist Gewalt!“.

Die Gewalt kann man vielleicht nie mit Gewalt überwinden, aber auch nicht immer ohne Gewalt.

(Fried 1985)

1.

Fragen zur Selbstreflexion / Gruppenarbeit

- Versuchen Sie die Begriffe »Aggression« und »Gewalt« für sich zu definieren.
- Welche Schwerpunkte haben Sie bei Ihrer Definition gewählt?
- Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede fallen Ihnen auf?
- Aggression - verstehen alle dasselbe darunter?
- Inwieweit werden verbale und nonverbale Aggressionen auf Ihrem Arbeitsort toleriert?
- Gibt es in Ihrem Team klare Regelungen dazu, wie auf das Verhalten von aggressiven Patienten reagiert werden sollte?
- Können Sie in Ihrem Team über Gefühle wie Angst und Aggression offen sprechen? Gibt es einen Rahmen dafür?
- Beschreiben Sie, welche Regelungen Sie in Ihrem Team zum Umgang mit aggressiven Patienten haben.
- Beschreiben Sie, welche Uneinigkeiten in Ihrem Team bestehen und wie diese den Umgang mit aggressiven Patienten bestimmen.
- Welche Teamkultur in Bezug auf den Umgang mit aggressiven Patienten wünschen Sie sich?
- Haben Sie die Möglichkeit, in Ihrem Team offen über ihre Ängste und Aggressionen zu sprechen?
- Mit wem sprechen Sie, wenn Sie Angst haben?
- Was würde geschehen, wenn Sie im Team über Ihre Ängste berichten würden?
- Wenn Sie von einem Patienten verletzt wurden - seelisch oder körperlich - wie verhalten Sie sich?
- Mit wem können Sie über diese Verletzungen sprechen?
- Welche Teamkultur in Bezug auf den Umgang miteinander wünschen Sie sich?

Aggression und Gewalt – Grundlagen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.

Fragen zur Selbstreflexion

- Wann fühlen Sie sich provoziert?
- Beschreiben Sie konkrete Erfahrungen aus Ihrer Lebensgeschichte, bei denen Sie sich provoziert fühlten.
- Was hat das in Ihnen ausgelöst?
- Welche Gedanken, Gefühle und Reaktionen oder Handlungsimpulse haben Sie bei sich in diesen Situationen wahrgenommen?
- Wie erlebe ich eine Gewaltsituation?
- Wie erleben Kollegen, Angehörige, Freunde des Patienten oder Mitpatienten das aktuelle Verhalten des Patienten?

3.

Fragen zur Selbstreflexion

Können Sie sich an Erfahrungen mit Gewalt in Ihrem Leben erinnern? Beschreiben Sie Situationen in denen Sie »Opfer«, »Täter« oder »Zuschauer« von körperlicher bzw. psychischer Gewalt waren und tragen Sie diese in folgende Tabelle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gewalt und Aggression in der Pflege

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.

Formen von Zwang, Misshandlung und Gewalt nach ABEDL®

(Vorlage zur Diskussion / Gruppenarbeit)

Kommunizieren können

1) unaufgefordertes Duzen
2) Kritik vor anderen Menschen
3) Rügen wie z.B. „Haben Sie sich schon wieder vollgemacht?“
4) abfällige Äußerungen wie z.B. „Frau X sabbert.“
5) Lautes Reden, besonders bei Schwerhörigen
6) Verwendung von Schimpfwörtern
7) Bevormundung
8) Zwang zur Kommunikation
9) Sprechverbot
10) Verweigern von Hörgeräten oder des Putzens der Brille
11) Entzug von Zuwendung
12) Konfliktvermeidung und/oder -unterlassung
13) Unaufmerksamkeit, Nichtbeachtung, Desinteresse
14) Unterschätzung
15) Unterhaltung mit Dritten über den Kopf des älteren Menschen hinweg
16) Vermeidung von Blickkontakt auch beim Sprechen
17) Verniedlichung des Namens, respektlose Anreden wie z.B. „Oma“

SICH BEWEGEN KÖNNEN

1) Liegenlassen im Bett
2) Fixierung (körperlich, medikamentös)
3) Einschränkung des Bewegungsspielraums aufzwingen - indirekte Fixierung, z.B. durch an den Rollstuhl dauerhaft angebrachten Tisch oder Sessel zu eng an den Tisch schieben
4) Blockieren der Ausgänge
5) unangemessene Unterstützung der Bewegungen (zu fest, zu grob, zu unachtsam)
6) unangemessene Form der Berührung
7) zwanghafte Lagerung
8) Zwangsmobilisation
9) Verweigerung bzw. Nichtanpassung von Gehhilfen
10) Verweigerung eines speziell angepassten Rollstuhls
11) Nichtanpassung an motorische Fähigkeiten (z.B. beim Gehen: zu schnell gehen, mitziehen)
12) Ausführen von ruckartigen Bewegungen
13) Anbringen eines „Bewegungsmelders“ wider Willen

VITALE FUNKTIONEN DES LEBENS AUFRECHTERHALTEN KÖNNEN

1) „Durchzug machen“, Lüften bzw. zu viel Lüften
2) Lüften, wenn jemand nackt ist
3) schlechte Gerüche belassen
4) Wassertemperatur bestimmen
5) den Bedürfnissen nicht angepasste Kleidung anziehen (zu warm oder zu kalt)
6) falsches Bettzeug zuteilen
7) Rationalisierung von geäußerten Bedürfnissen: z.B. „Sie brauchen keine Decke, es ist doch nicht kalt draußen“

SICH PFLEGEN KÖNNEN

1) nächtliches Waschen
2) Zwang zur Körperpflege, Vollbad, Dusche oder Haarwäsche oder Organisation einer „Waschstraße“
3) zwanghafte Anwendung eigener Hygienevorstellungen
4) feste Einrichtung eines Badetags
5) unzureichendes oder übertriebenes Abfrottieren
6) Haare / Fingernägel schneiden gegen den Willen
7) ungewolltes Rasieren bzw. Belassen eines Bartes
8) Zwangsparfümierung
9) ungewollte Anwendung von Babypflegemitteln

ESSEN UND TRINKEN KÖNNEN

1) Vorenthaltung von Ess- bzw. Trinkhilfen
2) Missachtung gewohnter Esssitten und Essgewohnheiten
3) Anwendung von Lätzchen oder Plastikgeschirr
4) Einflößen von Nahrung
5) Stopfen, zu schnelle Nahrungsgabe
6) Verwendung des Wortes „Füttern“
7) nicht ausreichend Nahrung bzw. Flüssigkeit geben
8) unerreichbare Platzierung des Essens
9) durch starre Essenszeiten in festen Tagesablauf zwingen
10) Verabreichung des Essens auf dem Nachtstuhl
11) Anwendung von keiner oder zu viel Mundpflege
12) Vorenthaltung der Zahnprothese
13) Festlegung des Speiseplans
14) routinemäßige Verabreichung passierter Kost

AUSSCHEIDEN KÖNNEN

1) Sitzen lassen auf der Toilette
2) Anbringen eines „Dauerkatheters“
3) Einrichtung von „Abführtagen“
4) Einführen von „Analtampons“
5) Waschen auf dem Toilettenstuhl
6) zu wenig Toilettengänge
7) Verabreichung von Abführmitteln an Stelle von entsprechender Kost

SICH KLEIDEN KÖNNEN

1) Einschließen von Kleidung
2) Anziehen gegen den Willen
3) Anziehen von ungewollter Kleidung
4) ungewolltes Anziehen von Jogginganzügen, Morgenmänteln oder Strumpfhosen statt Strümpfen
5) auch tagsüber nur Nachthemden bzw. Nachtkleider anziehen
6) Verwendung von „Strampelsack“
7) generell Kleider von Verstorbenen als Stationskleider anbieten
8) Verweigern von Miederwäsche

RUHEN, SCHLAFEN UND ENTSPANNEN KÖNNEN

1) zu zeitiges Wecken
2) nächtliches Waschen
3) Verabreichung von Schlafmitteln ohne Information oder ungewollt
4) Anstrahlen der Bewohner mit Taschenlampen während der Nachtwachen
5) Verordnung von Zwangsruhe oder Mittagsschlaf
6) Verweigern des Mittagsschlafes
7) Heimbett statt eigenes Bett
8) Heimbettwäsche statt eigener Bettwäsche

SICH BESCHÄFTIGEN LERNEN UND SICH ENTWICKELN KÖNNEN

1) Vorenthalten von Orientierungshilfen
2) Kindergartenspiele
3) Missachtung der persönlichen Sphäre (z.B. nicht anklopfen)
4) Anstaltsmöbel
5) keine Möglichkeit zur Eigenmöblierung lassen
6) Zwang zum Einhalten eines starren Tagesablaufs
7) Zwang zum Feiern bzw. Fröhlich-Sein
8) Vorenthalten von Feiern
9) älteren Menschen Tätigkeiten aufzwingen die üblicherweise junge Menschen gerne tun (z.B. Basteln mit Salzteig, Seidenmalerei usw.)
10) private Möbel ungefragt zum Sperrmüll geben
11) Verkümmern lassen von geistigen Aktivitäten

SICH ALS MANN ODER FRAU FÜHLEN UND VERHALTEN KÖNNEN

1) Verhindern von zwischengeschlechtlichen Beziehungen
2) Schneiden von Einheitsfrisuren
3) Frauen ungewollt in „Jogginghosen stecken“
4) Schamgefühl verletzen
5) Waschungen im Intimbereich ohne Sichtschutz oder bei offener Tür
6) sexuelle Äußerungen älterer Menschen negativ kommentieren oder belächeln
7) Anbringen eines Katheters
8) Die Art des Anbringens eines Urinalkondoms
9) unreflektierter Einsatz von Inkontinenzmaterial, Netzhosen
10) keine Beachtung des jeweiligen Geschlechts bei der Zuteilung des beim Waschen behilflichen Pflegepersonals

FÜR EINE SICHERE UND FÖRDERNDE UMGEBUNG SORGEN KÖNNEN

1) Fixierung bzw. Bettgitter
2) Überversorgung
3) Entzug von Maßnahmen zur Sicherheit
4) Vertrauensbruch
5) Nichteinhaltung von Verabredungen
6) unterstützende Mittel vorenthalten (z.B. Brille in den Nachtschrank legen oder Gehhilfen wegstellen)
7) defekte Steckdosen nicht reparieren
8) Legen eines Kabels mitten durchs Zimmer
9) Entwenden der Klingel
10) zu feuchtes Wischen des Bodens
11) Stehen lassen von Wasserlachen
12) Uhren und Kalender nicht aufhängen
13) keine Handläufe anbringen

SOZIALE BEREICHE DES LEBENS SICHERN UND BEZIEHUNGEN GESTALTEN KÖNNEN

1) jemand sich selbst überlassen
2) „aus dem Zimmer werfen“
3) Beaufsichtigung („ins Zimmer setzen“)
4) Mehrbettsäle einrichten
5) „Taschengeld“ verweigern
6) Einrichten von festen Besuchszeiten
7) keine Außenkontakte ermöglichen oder fördern
8) reizarmes Umfeld

MIT EXISTENTIELLEN ERFAHRUNGEN DES LEBENS UMGEHEN KÖNNEN

1) Missachtung oder Nichtbeachtung der Religiosität
2) Vermitteln von Hoffnungslosigkeit
3) Verbreiten von plumpem Optimismus, .B. in Form von Floskeln wie: „Na, das wird schon wieder!“
4) „Negativgespräche“
5) Abblocken von Gesprächen
6) Versuch, Gespräche über das Sterben und den Tod zu unterdrücken.

Mensch versus Gewalt und Aggression

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5.

Fragen zur Selbstreflexion

- Wie kann gewalttätigen Situationen vorgebeugt werden und wie kann Sicherheit schon im Vorfeld geschaffen werden?
- Wie kann konkret in aggressiven und gewalttätigen Situationen mit den Patienten so umgegangen werden, dass sie sich professionell und respektvoll, behandelt fühlen?
- Wer trägt in der Institution welche Art von Verantwortung für den professionellen Umgang mit aggressiven Patienten?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

6.

Fragen zur Selbstreflexion

- Wie erleben Sie Angst?
- emotional (eigene Gefühle)
- kognitiv (eigene Gedanken)
- vegetativ (körperliches Empfinden)
- Wie gehen Sie mit ihrer Angst um?
- Wie haben Sie in der Vergangenheit Angstsituationen im beruflichen Alltag erlebt und bewältigt?
- Welches Verhalten von Patienten ärgert Sie?
- Woran erkennen Sie, dass Sie unter Stress stehen?
- Sind Sie von Ihrem Aussehen her darauf vorbereitet, mit Menschen zu arbeiten, die aggressiv werden können?
- Wie hat Angst Ihr Verhalten im beruflichen Alltag beeinflusst?
- Wie können Sie in solchen Situationen Ihre Selbstkontrolle bewahren oder zurückgewinnen?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

7.

Fragen zur Selbstreflexion

- In welchen Situationen und wie hat sich in der Vergangenheit Ihre Aggression geäußert?
- emotional (eigene Gefühle)
- kognitiv (eigene Gedanken)
- vegetativ (körperliches Empfinden)
- Wie sind Sie in der Vergangenheit mit Ihrer Aggression umgegangen?
- Welches Verhalten ärgert Sie an Patienten?
- Wie hat Ihr Ärger Ihren Umgang mit Patienten beeinflusst?
- Wie fühlen Sie sich, wenn Sie Macht haben?
- Wie fühlen Sie sich, wenn Sie hilflos sind?

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege
Untertitel
Arbeitsskript für die Fortbildung in der außerklinischen Intensivpflege und Beatmung
Autor
Jahr
2018
Seiten
115
Katalognummer
V443772
ISBN (eBook)
9783668854147
ISBN (Buch)
9783668854154
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prävention, Gewalt, Aggression, Pflege, Beatmung, Intensivpflege, außerklinische Beatmung, Gembala
Arbeit zitieren
Dr. h.c., Dipl.-Theol. Bronislaw Gembala (Autor), 2018, Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443772

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