Liberia. Land of the free? Liberias Transformation zwischen 2003 und 2006 in der empirischen Studie "Freedom in the World"


Hausarbeit, 2008
14 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Liberia – ein afrikanischer Sonderfall?

3. Wahrnehmung Liberias und dessen Entwicklungsprozess in der empirischen Studie Freedom in the World
3.1. Methoden und Forschungsziele
3.2. Qualitative und numerische Bewertung Liberias 2003 und 2006
3.2.1 Liberia anno 2003
3.2.2. Liberia anno 2006

4. Bewertung der Ergebnisse und spezifische Schwierigkeiten mit dem Fall Liberia
4.1 Das Problem der Staatlichkeit
4.2 Das ökonomische Problem: Freiheit in Armut?
4.2.1 Gegenbeispiel: Bertelsmann Transformations Index
4.3 Das Methoden-Problem: Messen von individuellen Freiheiten ohne das Individuum

5. Schluss – Land of the free?

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Nach zwei blutigen Bürgerkriegen und der autoritären Herrschaft unter dem gerade in Den Haag angeklagten Warlord Charles Taylor scheint Liberia eine Entwicklung einzuschlagen, die nach der chaotischen Lage, die seit den 1980er Jahren im Land herrscht, nicht für möglich gehalten wurde. Unter starker Präsenz der UNOMIL-Schutztruppe und unabhängigen Beobachtern, wurde nach dem überraschenden Einstellen der nicht enden wollenden Gemetzel in Liberia, Ellen Johnson-Sirleaf im Jahre 2005 zur ersten afrikanischen Präsidentin gewählt. Nach Beobachtern wurden demokratische Wahlgrundsätze weitgehend eingehalten und auch von oppositionellen Gruppen das Wahlergebnis anerkannt. Liberia hat eine der höchsten Arbeitslosenquoten der Welt, Infrastruktur und Wirtschaft wurden im Bürgerkrieg fast gänzlich zerstört. Dennoch ist Liberia ein Land, auf das die westliche Welt mit Hoffnung blickt. Trotz hoher ethnischer Diversität, einer erst langsam wiederkehrenden Zivilgesellschaft und brennenden sozialen und ökonomischen Problemen scheint sich die Lage unter der neuen Regierung zu stabilisieren. Verschiedene empirische Indikatoren, zur Messung von Demokratisierung und verschiedener Aspekte von Governance im Ländervergleich zeichnen diese Entwicklung Liberias durch einen Anstieg in den Bewertungen aus. In dieser Arbeit soll der Indikator von Freedom House Freedom in the World und dessen Messungen anhand des in Transformation befindlichen Liberia untersucht werden. Ein besonderes Augenmerk soll daraufgelegt werden, wie das Projekt zum empirischen Ländervergleich mit den offensichtlichen Veränderungen in Liberia umgehen, ob diese überhaupt einleuchtend erfasst werden können und ob die Bewertungen einzelner Aspekte der Transformation zu negativ oder auch zu positiv ausfallen. Hierbei soll durchaus kritisch geprüft werden in wie weit die Methode der Untersuchung ein annähernd realistisches Bild der Regierungsführung in Liberia abgeben kann. Ein Land, mit einer einzigartigen Geschichte, indem effektive Regierungsführung durch undurchsichtige Kriege und Konflikte für Jahrzehnte zwischen gewalttätig autoritär und de facto nicht-existent hin und her wechselte. In dieser Arbeit soll die Transformation Liberias zwischen den Jahren 2003 und 2006 Gegenstand des Vergleichs von numerischer Bewertung und qualitativen Aussagen von Freedom in the World sein. Der Zeitraum ist zum einen zum Vergleich gewählt, zum anderen ist dieser Zeitraum für die Transformation Liberias äußerst interessant. Mit der Flucht des autoritären Warlords Charles Taylor im Jahre 2003 beginnt in Liberia eine neue Ära. Mit dem Gewaltmonopol in den Händen der VN-Schutztruppe (UNOMIL) gelingt es eine Entwicklung in Gang zu bringen, die im Oktober 2005 zu demokratischen Wahlen führt. Wie dieser Weg von dem Indikator von Freedom House bewertet wird soll hier untersucht werden. Im nächsten Kapitel soll kurz die Geschichte der Entwicklung Liberias vom quasi-kolonialen artifiziellen Staatsgebilde zu einem der schrecklichsten Kriegsschauplätze in den 1990er Jahren und zu einem der westafrikanischen Hoffnungsträger für Frieden und demokratischer Transformation, dargestellt werden.

2. Liberia – ein afrikanischer Sonderfall?

Hier soll kurz die Geschichte Liberias, dessen einzigartige Staatsbildung durch amerikanische „Sklavenheimkehrer“ und des verheerenden Bürgerkriegs von 1989 bis 2003 und die Folgen für Liberias Staatlichkeit dargestellt werden. Jeremy Levitt schreibt zusammenfassend zur Entwicklung Liberias: „Prior to 1980, Liberia experienced its share of authoritarian regimes, statesponsored violence, and corruption, but the brutally violent and repressive character of order that accompanied Doe and Taylor redefined bad leadership. The Liberian state has yet to undergo genuine democratization for democracy's sake, rather than public acquiescence in democratic processes due to war fatigue. Conceivably, Liberia's legacy of conflict is the outgrowth of historical structural faults, as its political system was not designed nor even restructured to accommodate the will of the majority of its population. The grand assumption that a unitary and majoritarian state system is best suited to meet the needs and intrests of Liberia's diverse population may have to be reevaluated“ (Levitt 2005, S. 256f).

So lässt sich feststellen, dass durch historische und sozioökonomische Besonderheiten eines Staates jedes politische System einen Sonderfall darstellt, was die empirische Erfassbarkeit von Regierungsführung und Effektivität der Systeme nicht gerade einfacher macht. Die Geschichte Liberias ist allerdings ein besonderer Sonderfall. Im Gegensatz zu den meisten afrikanischen Staaten hat Liberia keine europäische Kolonialherrschaft erdulden müssen und eine besondere Staatsgründung durch den Kauf und die Besiedlung des Gebietes – ohne Rücksicht auf indigene Bevölkerungsgruppen - durch amerikanische Siedler hinter sich. Als 1847 die erste liberianische Republik nach US-amerikanischen Vorbild ausgerufen wurde, war im Vorfeld schon viel Blut vergossen worden. Zwischen 1820 und 1847 waren es allein sechs bewaffnete Konflikte zwischen den neuen Siedlern und den liberianischen Ureinwohnern. (Vgl. Levitt 2005, S. 31–85) Aus der elitären Gemeinschaft der ameriko-liberianischen Bevölkerung, die sich hauptsächlich an der Küste niederließ, wurde ein oligarchischer, stark paternalistisch geprägter Staat, der mit der Ausnahme, dass die neuen Herrscher schwarze Siedler waren, ähnlich autoritär wie andere afrikanische Kolonien geführt wurde. Die erste Republik überlebte, trotz vieler Konflikte und Aufstände gegen die Minderheitenregierung der Amerikoliberianer immerhin 158 Jahre lang und wurde mit einem Staatsstreich von Samuel Doe 1980 beendet. Der letzte Präsident der Republik, Tolbert versuchte zwar endlich notwendige Reformen am System vorzunehmen, um die verschiedenen Bevölkerungsgruppen nach 158 Jahren autoritärem Paternalismus endlich einzubinden, scheiterte aber an den über Jahrzehnte hinweg aufgebauten Spannungen, die von sozioökonomischen Bedingungen noch verstärkt wurden. Liberia ist insofern ein Sonderfall, da es unter der ameriko-liberianischen Herrschaft durchaus eine Art demokratische Tradition entwickelt hat, die jedoch von Exklusion der indigenen Stämme bis zum Ende des Regimes geprägt war. Der Umsturz erfolgte wie in so vielen früheren Kolonien, und de facto muss Liberia auch als solche angesehen werden, sehr blutig und stürzte, wie andere frühere Kolonien, das Land in ein Jahrzehnte langes Chaos. Nach dem Sturz Does durch Charles Taylor und weiteren Jahren Bürgerkriegs, steht Liberia im Jahre 2003 an einem Scheideweg. Das Land ist nahezu komplett zerstört, die Zivilbevölkerung in unvorstellbarem Maße geschunden und kriegsmüde. Die UNOMIL-Blauhelmtruppe hat das Gewaltmonopol inne und stellt bis heute den Hauptteil der liberianischen Sicherheitskräfte. Dennoch begann mit den Präsidentschaftswahlen 2005 der langsame Aufbau eines neuen demokratischen Liberias. Wie diese Entwicklung von Freedom in the World abgedeckt wird, soll nun veranschaulicht werden.

3. Wahrnehmung Liberias und dessen Entwicklungsprozess in der empirischen Studie Freedom in the World

Die empirische Studie der Organisation Freedom House „Freedom in the World“ will nicht weniger als „an annual evaluation of the state of global freedom as experienced by individuals“ (Freedom House 2005, S. 1) sein. Was deutlich machen soll, dass hier die Durchsetzung und Verwirklichung von persönlichen und politischen Freiheiten und Rechten aus der Perspektive der Rechtsträger bewertet werden sollen. Es geht also weniger um die Bewertung von Regierungen und ihrer Effektivität, als um die Möglichkeiten der Individuen in den bewerteten Ländern ihre Freiheiten auszuüben. Der Staat, bzw. die Regierung kommt entweder als Förderer oder als Hindernis von diesen Individualrechten vor. Bei FRH handelt es sich nicht um Befragungen von den betreffenden Akteuren, also der Bevölkerung oder der Regierung, sondern um eine Studie, die durch Teams von Experten anhand von einem Leitfaden mit Fragen und deren Bewertung erstellt werden. Wie wichtig die Durchsetzung und vor allem das Tolerieren der Rechte und Freiheiten innerhalb der Bevölkerungsgruppen in Liberia ist und sein wird beschreibt John Yoder so: „Extending respect for the opinions, deeds, and motives of others is essential for civil tranquility. Fair play, or the willinngness to apply the same rules and standards to everyone on an equal basis, is also a key ingredient for peace. The regard for the worth and basic rights of others – especially the rights of outsiders, people of different ethnic backgrounds or religions, dissidents and criminals – is another mark of secure and tolerant polity“ (Yoder 2003, S. 179). Tatsächlich ist es eine interessante Frage, ob in einem Staat, in dem über Jahrhunderte, Stabilität auf Kosten der persönlichen Freiheiten und dem Minderheitenschutz mit Hilfe autoritärer Staatsführung erhalten worden ist, der Sprung zu einer Politik der gegenseitigen Toleranz geschafft worden ist, oder ob es sich bei den positiven empirischen Ergebnissen nur um eine kurzfristige Erholung wegen Kriegsmüdigkeit handelt.

3.1. Methoden und Forschungsziele

Wie gesagt, will die FRH Studie einen weltweiten Überblick über den Stand von politischen Rechten und persönlichen Freiheiten in 192 Ländern und 14 sog. Territorien geben. Am Ende jeder Auswertung erstellt Freedom House eine Liste von den untersuchten Ländern, auf der sie in den zwei Überkategorien Political Rights und Civil Liberties mit je einer Skala von 1 – 7 (wobei 7 das Schlechteste und 1 das Beste Ergebnis darstellt) bewertet werden. Das kombinierte Durchschnittsergebnis der beiden Indikatoren ergibt dann eine Einstufung des Landes in die drei Kategorien Free, Partly Free und Not Free. Es entsteht also eine komplette politische „Map of Freedom“, die durch die grobe Endbewertung und Einteilung leicht überschaubar und verständlich das Ergebnis veranschaulicht. Die Bewertung wird von einer Gruppe von Analysten vorgenommen. Das Team besteht aus zwei Dutzend Analysten und knapp mehr als einem Dutzend so genannten senior-level academic advisors. Jeder Analyst ist für verschiedene Länder einer Region zuständig, und erstellt seine Bewertung, die später in einer Reihe von Treffen und Abstimmungsprozessen zwischen Analysten, Freedom House Mitarbeitern und wissenschaftlichen Beratern festgelegt wird. Außer der numerischen Bewertung der Analysten per Fragebogen, wird ein eher qualitativer Bericht zum Zustand der Freiheitsrechte für jedes Land verfasst, in dem auch politische und historische Hintergründe kurz dargestellt werden.

3.2. Qualitative und numerische Bewertung Liberias 2003 und 2006

Um es schon vor weg zu nehmen, die Veränderungen in der Bewertung und den qualitativen Aussagen für Liberia bei Freedom in the World sind weit reichend. Die Gründe hierfür sind einleuchtend. Die Veränderungen in dem west-afrikansichen Land sind unübersehbar. Allerdings muss Freedom House sich fragen, ob ihre Ergebnisse tatsächlich den Grad persönlicher Freiheiten für die liberianische Bevölkerung darstellen, oder doch mehr die Veränderungen der Rahmenbedingungen über die verwendeten Quellen abfragt. Auf solche Probleme mit der Bewertung Liberias soll aber noch in einem extra Kapitel eingegangen werden.

3.2.1 Liberia anno 2003

Wenn in dieser Arbeit von der Bewertung für 2003 oder 2006 gesprochen wird, dann sind jeweils die Studien von 2004 bzw. 2007 gemeint, die den genannten Zeitraum untersuchen. Auf das abdecken der Transformation ab der Flucht Charles Taylors im Jahre 2003 bis zu ersten Ergebnissen der neuen Präsidentschaft von Johnson-Sirleaf wird besonderen Wert gelegt. Der Freedom House Bericht von 2004 spiegelt die Lage im von 14 Jahren Bürgerkrieg zerstörten Land wieder. Eine Übergangsregierung wurde installiert, die Wahlen für das Jahr 2005 vorbereiten sollte. Der Bericht beschäftigt sich hauptsächlich mit den Repressionen des Taylor-Regimes mit einem Hauptaugenmerk auf die Freiheit der Medien: „Liberia's independent media have survived at the cost of extensive self-censorship. Employees have suffered from constant surveillance, harassment, threats, detentions, and beatings. Taylor owned KISS-FM, the only countrywide FM radio station. State television and one private station broadcast only irregulary.“ (Freedom House 2004) Die Wahlen von 1997 werden als frei und fair bezeichnet. Die Religionsfreiheit wird nach dem Bericht respektiert. Die Freiheit der Wissenschaft war unter Taylor eingeschränkt, wobei erwähnt wird, dass geflohene Studentenführer wieder ins Land zurückkehren. Das Justizsystem Liberias leidet unter Beeinflussung durch die Exekutive und weit verbreiteter Korruption. Die Diskriminierung mancher ethnischen Minderheiten, die im Taylor-Regime zur Regierungspolitik, zählte setzt sich teilweise fort. Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist, obwohl von der Verfassung garantiert, kaum verbreitet. Außerdem hatten Frauen in Liberia besonders unter dem Krieg zu leiden, da sie in einem unüberschaubaren Ausmaß Opfer von Vergewaltigungen und Unterdrückung waren, was sich im Jahre 2003 wegen fehlender Polizeikräfte und Gesetzesgrundlagen vor allem in schwer erreichbaren Gebieten teilweise fortsetzt. Der Bericht beschreibt den Trend für Liberia folgendermaßen: „Liberia received an upward trend arrow due to a cease-fire and the departure of President Charles Taylor that led to an easing of violence and repression.“ (Freedom House 2004) Wie der Bericht erwarten lässt, fällt die numerische Bewertung ähnlich schlecht aus. Der Bereich Political Rights und Civil Liberties wird jemals mit der zweit schlechtesten Bewertung 6 bewertet und der Einstufung Not Free.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Liberia. Land of the free? Liberias Transformation zwischen 2003 und 2006 in der empirischen Studie "Freedom in the World"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Demokratie und Regierungsführung (Governance) in empirischen Ländervergleichen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V443776
ISBN (eBook)
9783668812253
ISBN (Buch)
9783668812260
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liberia, Governance, Demokratiemessung, Freedom House, Freedom in the World, Bertelsmann Transformations Index, Menschenrechte, Freiheitsrechte, Rechtsstaalichkeit, Demokratie, Good Governance, Failed State, Afrika
Arbeit zitieren
Benjamin Peschke (Autor), 2008, Liberia. Land of the free? Liberias Transformation zwischen 2003 und 2006 in der empirischen Studie "Freedom in the World", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443776

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