Militärtradition in der Deutschen Bundeswehr und die Struktur der Streitkräfte im internationalen Kontext zwischen historischer Kontinuität und Diskontinuität

Eine Geburtstagsschrift für den Militärsoziologen Prof. Dr. Dietmar Schößler und im Gedenken an 60 Jahre Bundeswehr - Eine Einführung


Wissenschaftliche Studie, 2018
190 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Der Autor

Zum Thema

1 Einleitung

2 Analyse des Begriffs Tradition im Allgemeinen wie militärgeschichtlichen Sinne

3 Die Bundeswehr: Kontinuität und Diskontinuität der Deutschen Militärgeschichte und Militärtradition- Ist die Bundeswehr eine Akkumulation der Geschichte und Gegenwart?
3.1 Der Aufbau neuer Streitkräfte und die Suche nach einer neuen Tradition
3.2 Religion als traditionsstiftendes Fundament innerhalb des Eides
3.3 Die Suche nach einem traditionswürdigen Erbe
3.4 Die Bundeswehrtradition eine Tradition im Rahmen des Verteidigungsauftrags von demokratischen Werten und Normen
3.5 Der Staatsbürger in Uniform und der Kampf zwischen Reaktionären und Reformern in Bezug auf das Innere Gefüge der Bundeswehr
3.6 Der Primat der Politik
3.7 Die Gesellschaft als maßgeblicher Teil der Militärtradition

4 Die Deutsche Militärtradition als ständig wandelnder Prozess und die Frage: Was ist von ihm übernehmensfähig?
4.1 Das Mittelalter und die Militärtradition
4.2 Der Bauernkrieg als mögliche Tradition in Gegenwart und Zukunft
4.3 Der Dreißigjährige Krieg und die wallensteinische Traditionsbildung als Vorboten einer nicht übernahmefähigen Militärtradition
4.4 Lazarus von Schwendi und Johann Jacob von Wallenhausen als Vordenker des tugendhaften und eigenverantwortlichen Söldners
4.5 Das Monarchenheer als Kontinuitätsbruch in der Militärtradition und im gesellschaftlichen System
4.6 Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und die Reichsarmee als traditionelle Verteidigungsarmee und als mögliche traditionswürdige Streitkraft
4.7 Die Habsburgermonarchie und ihre bewaffnete Macht- Könnte sie traditionsstiftend sein?
4.8 Die preußische Armee des 18. Jahrhunderts und ihre fragwürdige Tradition

5 Die Zeit der Nationalisierung und Institutionalisierung der militärischen Tradition
5.1 Der frühe Nationalismus als Kontinuitätsbruch in der europäischen und deutschen Militärtradition
5.2 Die preußische Armee als Vorbild für die Reformfreudigkeit innerhalb der Militärtradition in Form einer gesamtgesellschaftlichen Reformierung
5.3 Die Umsetzung der Reformtheorie in die Praxis
5.4 Die Reaktion und die Verteidigung der Reformer in der Revolution von 1848/49
5.5 Die Institutionalisierung der bewaffneten Macht und ihrer Tradition in Staat und Gesellschaft
5.6 Die bewaffnete Macht und ihre Tradition im Ersten Weltkrieg nur noch als Selbstzweck- Die Umkehrung des clausewitzianischen Fundamentalsatzes
5.7 Tradition wird größtenteils durch Ideologie aufgesogen oder ersetzt - Tradition in der Reichswehr bzw. Wehrmacht
5.8 Die militärische und zivile Opposition und das letzte Aufbäumen einer alten Tradition

6 Die Neuausrichtung der Bundeswehr zwischen Finanzierbarkeit, Demografiefestigkeit und fehlender strategischer Kultur
6.1 Die Bundeswehr als fast reine multinationale Einsatzarmee
6.2 Macht ist auch im 21. Jahrhundert ein zentraler politischer Faktor
6.3 Der Sicherheitsbegriff muss Teil des Machtbegriffs sein
6.4 Streitkräftetransformation im 21. Jahrhundert
6.5 EU und die strategische Kultur
6.6 Der Rechtsstaat und die Frage der Anwendung von militärischen Gewalt

7 Die Neuorganisation der Deutschen Bundeswehr
7.1 Die militärische Führungsebene
7.2 Das Heer
7.3 Kampf im Verbund und seine Probleme
7.4 Die Luftwaffe
7.5 Die Bundesmarine
7.6 Der zentrale Sanitätsdienst
7.7 Die Streitkräftebasis als tatsächliche Reserve der Streitkräfte
7.8 Das Personalamt als Fundament für die fehlende Personalgewinnung
7.9 Das AIN und das Problem der Ausrüstung
7.10 Die Reserve der militärischen Streitkräfte als Hohe Relevanz für die militärische Schlagkraft

8 Die französische Armee und ihre Neuausrichtung im internationalen Geflecht
8.1 Die nationale Sicherheit als Evolution der militärstrategischen Neuausrichtung
8.2 Die Neuausrichtung der französischen Streitkräfte auf Grundlage der geopolitischen Beurteilung
8.3 Militärische Eigenständigkeit steht im Vordergrund der französischen Verteidigungsplanung
8.4 Die Landstreitkräfte
8.5 Die französischen Seestreitkräfte
8.6 Die Luftstreitkräfte
8.7 Die Spezialkräfte in Form der nationalen Gendarmerie
8.8 Die Rüstungsplanung

9 Kurzer Exkurs: Tunesien und seine Streitkräfte in der Krise
9.1 Tunesien nach der Revolution – zwischen Transformation und Reaktion
9.2 Die tunesischen Streitkräfte im militärischen Dilemma

10 Die Neujustierung des Rechtssicherheitsstaates in der Geschichte
10.1 Religionsfundamentalismus vs. Säkularisierung
10.2 Grundlagen zum Export von Kriegsmaterial
10.3 Handelsketten in Rüstungskomplexen
10.4 Militärkomplexe und die geopolitische Einordnung
10.5 Die Internationalität von Militärkomplexen in Konfliktlagen
10.6 Der Maghreb und die neuen Verteidigungsstrukturen für Nord-Afrika

11 Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Widmung

Diese einführende militärsoziologische Analyse ist neben Prof. Dr. Dietmar Schößler zu seinem Geburtstag, General Matz und General v. Sandrat und damit der 1. Pz.-Div. gewidmet, genauso wie der Theresien- Militärakademie von Wiener Neustadt und Herrn Präsident Reifenscheid und der Bundeswehrakademie Mannheim, die mich auf meinem Werdegang immer unterstützt haben

Genauso danke ich hier herzlich Yannick Stöhr der mich bei der Vollendung dieser Analyse sehr unterstützt hat.

Zudem widme ich dieses Werk

Semih Özdemir, Burak Yücel, Steeven Junior Sanfillippo, Pierre Preto und Dominik Blim und ganz besonders Shahin, Ibrahim und TarikYildirim

Abkürzungsverzeichnis

Hier ggf. Abkürzungsverzeichnis einfügen

BMVG: Bundesministerium der Verteidigung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Darstellung zur Tradition

Abbildung 2 - Stufen der deutschen Militärtradition

Abbildung 3- Internationale Rüstungshandelswege

Abbildung 4 - Militärkomplex Frankreichs und ihre Verkaufszone an Rüstungsgütern

Abbildung 5 - Militärkomplex Russlands und ihre Verkaufszone an Rüstungsgütern

Abbildung 6 - Militärkomplex der USA und ihre Verkaufszone an Rüstungsgütern

Abbildung 7 - Positive Haltung der Jugend zur Bundeswehr

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 - Vergleich des friderizianischen und napoleonischen Systems

Tabelle 2 - Vergleich der Heere um 1914

Der Autor

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zarrouk, Ilya wurde am 27.05.1981 in Mannheim geboren, besuchte von 1988 bis 1992 die Almenhof-Grundschule, von wo er dann ab 1992 auf die Schillerhauptschule wechselte. Diese schloss er 1998 mit der Mittleren Reife ab. Ab 1998 besuchte er dann das Friedrich-List­ Wirtschaftsgymnasium in Mannheim, das er dann mit der Allgemeinen Hochschulreife abschloss. Ab Oktober 2002 studiert er an der Universität Mannheim Wirtschafts- und Sozial-Geschichte/ Neuere Geschichte und Politikwissenschaft auf Magister und ab 2012 Verwaltungswissenschaften an der Verwaltungsuniversität Speyer. Beides schloß er mit dem Magistertitel ab. Die hiesige Analyse basiert auf der im Jahre 2007 verfassten Magisterarbeit über die Deutsche Militärtradition, welche mit der Note 1,5 (Sehr gut) abgeschlossen wurde. Da diese Arbeit im Jahre 2007 in Kooperation mit der Bundeswehrakademie unter Leitung des Oberstleutnants i.G. Rudolf Hartmann und dem dortigen Stab absolviert wurde, erhielt der Autor den Titel eines Leutnant h.c.

Zudem besuchte er regelmäßig die Vorlesungen von Hr. Prof. Dr. Schössler zum Thema "Militär und Politik". Zudem beschäftigte sich Zarrouk, llya während seines Studiums sehr intensiv mit den Maghrebstaaten und dem Nahen Osten, sowie der dortigen Krise. Hierzu verfasste er eine umfangreiche Forschungsarbeit 2014 zum Thema: Der Transformationsprozess der arabisch-islamischen Diaspora unter militärsoziologischer und völkerrechtlicher Berücksichtigung, diese wurde in Kooperation mit Zentrum Innere Führung abgeschlossen.

Zum Thema

Das Thema: Deutsche Militärtradition zwischen geschichtlicher Kontinuität oder Diskontinuität- Eine Analyse zum 60jährigen Bestehen der Bundeswehr und ihrer Tradition, wurde aufgrund des 60jährigen Jubiläums der Bundeswehr angedacht. Hierbei soll hauptsächlich erfasst werden, welche historischen Gegebenheiten für die Bundeswehr, die sich momentan auch in einer transformatorischen Phase befindet, traditionsstiftend sein können und welche nicht.

Hierbei wird analysiert, wo man in der deutschen Militärgeschichte mit ihrer Vielzahl von Traditionen eine gewisse Kontinuität bzw. Diskontinuität orten kann. Dabei werden in der Hauptsache nun nicht, wie vielleicht mancher erwartet, alle möglichen Militärtraditionen aufgezählt, sondern es wird hinterfragt, weshalb die Militärtradition im Allgemeinen in ihrem geschichtlichen Verlauf in manchen historischen Phasen ihren Aufstieg erlebte und weshalb sie in manchen Phasen völlig unterging, um dadurch entweder eine Reformation zu erleben oder ein völliges "Absterben".

1 Einleitung

"Einziges Ziel der deutschen Wiederbewaffnung ist es, zur Erhaltung des Friedens beizutragen. Die Angehörigen der Streitkräfte sind Kinder dieses Volkes, dessen Geist und Lebensart auch ihre Persönlichkeit geprägt hat. Der allgemeine Zeitgeist wird sich deshalb stets in den Soldaten widerspiegeln. In ihrer Gesamtheit, als Einrichtung des Staates, unterstehen die Streitkräfte wie jeder andere Zweig der staatlichen Exekutive dem Vorrang der politischen Führung." (Konrad Aderrauer am 20. Januar 1956 zitiert nach dem Intr@net aktuell der Bundeswehr - archivierte Nachrichten 2005: 1) Wie dieses Zitat aus einer Rede vom ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland will sich auch diese Arbeit mit der Tradition innerhalb der Bundeswehr auseinandersetzen. Hierbei soll ein historischer Rückblick gewagt werden, inwiefern die Geschichte auf die heutige Bundeswehr gewirkt hat? Oder besser, in wieweit der Zeitgeist - wie Konrad Aderrauer es formuliert hat - die Tradition der Bundeswehr nach 60 Jahren ihres Bestehens geprägt hat?

Es wird in dieser Abhandlung sehr wichtig sein, den Versuch zu wagen, Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Militärgeschichte darzustellen, damit wir auch verstehen können, warum die Bundeswehr diese oder jene Tradition gewählt und warum sie diese oder jene nicht berücksichtigt hat. Ich möchte auch kritisch hinterfragen, ob es dem Zeitgeist entspricht, dass die jeweiligen Traditionen, die gewählt worden sind, passend für die Gegenwart und Zukunft und warum bestimmte Traditionen nicht übernahmewürdig sind?

Dabei wird sich hauptsächlich auf die Geschichte des deutschen Heeres als den Hauptträger der militärischen Tradition stützen. Es wird im Laufe der Analyse darauf ankommen, die Rolle Gesellschaft innerhalb der militärgeschichtlichen Betrachtung genauer zu untersuchen, um auch zu verstehen, warum es Traditionen in der deutschen Militärgeschichte gab, die man kaum übernehmen konnte. Bei der Erläuterung wird sich in der in der Hauptsache auf die Traditionserlasse der Bundeswehr von 1965 und 1982 bezogen. Mit der Rückkopplung in die geschichtliche Betrachtung ist auch die Frage, warum die Bundeswehr diese oder jene Tradition übernommen hat, dargestellt in der Hoffnung auf diese eine explizite Antwort zu finden.

Mit dieser Arbeit soll nach 60 Jahren Bundeswehr ein Beitrag zum besseren Verstehen der Bundeswehr und ihrem Auftrag, wie ihn Konrad Aderrauer dargestellt hat, geleistet werden. Viele Menschen in der Bundesrepublik glauben nämlich immer noch, dass die Bundeswehr ihre Tradition in der Hauptsache aus der Wehrmacht bezieht und auch weiterverfolgt. Gerade in Zeiten der Transformation der Bundeswehr und einer Rezessur ist es umso wichtiger, die allgemeine Anschauung etwas ins richtige Bild zu rücken.

Das Erste Kapitel beschäftigt sich dementsprechend zunächst einmal mit der Definition des Wortes Tradition, allgemein wie auch in der militärgeschichtlichen Betrachtung. Dabei ist darauf zu verweisen, dass dies nicht eine einfache Worterklärung ist, sondern eine Definition, die sich sehr tiefgreifend mit diesem Begriff beschäftigt. Im Zweiten Kapitel wird der Aufbau der Bundeswehr erläutert, um dann im Folgenden der Frage nachzugehen, warum die Bundeswehr 1955/56 jene Traditionen, die sie übernommen hat, als traditionswürdig erachtet. Im Dritten Kapitel findet dann der Übergang zur Historie statt. Zunächst werde ich am Beispiel des Spätmittelalters zeigen, welche Rolle die Gesellschaft im Militärsystem spielt. Dieses Kapitel endet dann mit der Betrachtung der fragwürdigen Tradition der preußischen Armee unter Friedrich dem Großen und den großen Kurfürsten vor ihm. Im letzten Kapitel werde ich mich mit dem Beginn der Französischen Revolution dem modernen idealistischen Traditionsbegriff in der Militärgeschichte zuwenden. Dieses Verständnis wurde dann größtenteils in der Tradition der Bundeswehr aufgenommen, historisch, wie vierte Kapitel darstellen wird, mehrfach unterging, ja bis 1945 sogar ausgelöscht wurde.

2 Analyse des Begriffs Tradition im Allgemeinen wie militärgeschichtlichen Sinne und strukturelle Frage des militärischen Aufbaus

"Tradition ist Überlieferung des Erbes der Vergangenheit. Traditionspflege ist Teil der soldatischen Erziehung. Sie erschließt den Zugang zu geschichtlichen Vorbildern, Erfahrungen und Symbolen; sie soll den Soldaten befähigen, den ihm in Gegenwart und Zukunft gestellten Auftrag besser zu verstehen und zu erfüllen ... Tradition ist die Überlieferung von Werten und Normen. Sie bildet sich in einem Prozess wertorientierter Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ... Tradition verbindet die Generationen, sichert Identität und schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft."[1]

Soweit die Definition des Wortes Tradition aus der Sicht der beiden Traditionserlasse, die uns zeigen, dass es nicht einfach mit einer Kurzdefinition aus dem Brackhaus oder Duden getan ist! Dies zeigt bereits das erste Zitat aus dem 1. Punkt des Traditionserlasses von 1965, wenn hier nämlich von Tradition als Teil der soldatischen Erziehung gesprochen wird. Oder gar davon, dass der Teil der Vergangenheit, der zum militärischen Erbe auserkoren worden ist, den Soldaten der Bundeswehr helfen soll, ihren Auftrag besser in die Tat umzusetzen. Im Traditionserlass von 1982 wird die Definition des Begriffes Tradition sogar noch konkretisiert und präzisiert. Tradition ist damit nicht nur die Überlieferin eines Erbes aus der Vergangenheit, sondern auch Trägerin von Werten und Normen. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass sich Tradition nur durch kritische Reflexion mit der Geschichte strukturieren lässt. Nur so kann sie eine Verbindung, eine Verknüpfung, zwischen Vergangenheit und Zukunft werden. Dies bedeutet für die weitere Arbeit, dass Tradition im deutschen Militärwesen seit dem Spätmittelalter nicht nur als militärtechnokratischer Komplex betrachten werden kann, sondern die deutsche Militärtradition in ihrer Reflexion eines geschichtlichen Systems analysiert werden muss.

Deshalb ist es auch unzureichend, wenn Manfred G. Messerschmidt einen Aufsatz mit dem Titel "Tradition als Last" schreibt, um damit zu versuchen, die Wurzel allen Übels in der deutschen Militärgeschichte zu bekämpfen, die zu falschen Traditionen geführt hat. Dies gilt vor allem dann, wenn die gesandte deutsche Militärtradition einfach von der militärtechnokratischen Definition her betrachtet wird und nicht aus ihrem gesamten historischen Umfeld heraus. Welche Tradition als Last oder als Gewinn zu gelten hat, ist nur sehr schwer festzulegen. Grundsätzlich kommt es aber darauf an, immer den gesellschaftsgeschichtlichen und staatspolitischen Rahmen mit zu berücksichtigen. Ebenso müssen der Raum im Zeitlauf und der Zeitlauf im Raum mit in die Analyse einfließen, in dem Tradition zum Erbe wurde bzw. die Traditionen zu Gunsten anderer innovativer Errungenschaften aufgegeben wurden. So trifft in Bezug auf diese Erkenntnis ein Spruch Goethes zu: "Wenn wir bewahren wollen, was wir haben, werden wir vieles ändern müssen."[2]

Genau dies geschah eben nicht erst mit dem Aufbau der Bundeswehr 1955/56, sondern dieser Prozess, wie er im Traditionserlass von 1982 genannt wird, wiederholte sich in der deutschen Geschichte mehrfach, so dass der Begriff "Tradition" auch oft verändert wurde. So sieht Eberhard Birk in der Tradition folgendes: "In Zeiten des Umbruchs und der Auflösung kollektiver Erinnerungskulturen durch sozioökonomische und gesellschaftliche Veränderungen- insbesondere auch heute im Zuge der Globalisierung - geben Traditionen ein gewisses Maß an Orientierung und Sicherheit, mentaler Stabilität und Gewissheit."[3] Dieser Befund ist sicherlich für die Gegenwart von immenser Bedeutung, wichtig jedoch ist auch, dass Tradition in den Gesellschaftsstrukturen der Vergangenheit ebenso Orientierung, Sicherheit sowie mentale Stabilität und Gewissheit geliefert hat. Insofern formte Tradition, als gültiges Erbe der Vergangenheit, immer die Strukturen der Gesellschaft wie auch der Ökonomie und relativierte damit auch die Politik eines Staates oder gar eines ganzen internationalen Systems. Somit muss ich Birk zustimmen, wenn er schreibt, dass die Gesellschaft immer auf der Suche von "Kontinuitätslinien"[4] ist, die ihnen ihre Identität widerspiegeln und dies möglichst über Jahrhunderte und Jahrzehnte.

Wie gestaltet sich aber die Tradition im deutschen Militärwesen in der historischen Betrachtung wirklich und was kann die Bundeswehr bis heute davon übernehmen, wie ist Tradition im Militärwesen zu verstehen? Birk kommt hier zu einer sehr interessanten Erkenntnis: Während in anderen europäischen Staaten es Kontinuitätslinien in der Militärtradition gibt, sind solche im deutschen Fall kaum auffindbar. "Dies heißt im Klartext, dass die militärische Traditionsbildung sich - grundsätzlich und besonders in Deutschland - schwieriger gestaltet, dennoch aber nicht weniger interessant ist."[5] Hiermit wird deutlich, dass es hier nicht um irgendeine Materie geht, sondern mit einer hoch komplexen, wenn nicht sogar nicht definierbaren Materie. Deshalb darf man den Traditionsbegriff nicht einfach so verstehen wie es beide Traditionserlasse im ersten Punkt dargestellt haben. Birk schreibt: "Nicht selten wird für das Spannungsfeld Militär und Tradition eine Metapher bemüht, wonach Armeen ohne Tradition Bäumen ohne Wurzeln gleichen."[6] Birk hat mit dieser Aussage eigentlich den Kern der ganzen Definition des Begriffs Militärtradition getroffen. Es ist im Grunde genommen fast undenkbar, dass es Armeen ohne Traditionen gibt. Die Tradition ist für das Militär im Spezifischen und die gesamte Gesellschaft im Allgemeinen der Schutz vor dem Auflösen bestimmter Werte und Normen im Krieg wie im Frieden. So sieht Birk auch zu Recht noch eine Bedeutung für das Synonym der Wurzel für den Begriff Tradition im Militärwesen wie in der Gesellschaft, nämlich jene Wurzel steht auch dafür, dass die Pflanze, die diese Wurzel hat, später auch mal eine reiche Ernte trägt.

Geschichte muss - wie der Traditionserlass von 1982 richtig erkannte - als die eine Seite der Medaille der Tradition im Militärwesen als ein Mechanismus in Richtung Gegenwart und Zukunft zur Kenntnis genommen werden, welcher aber nur dann eine positive Entwicklung in Bewegung setzen kann, wenn die Wurzel einigermaßen gesund ist. "Transferiert man nun diese Überlegungen in die Wegweisungen, die die Geschichte anbietet und fragt nach der Bedeutung für Gegenwart und Zukunft, so könnte man auch ein Sinnstiftungsangebot entnehmen."[7] Die Geschichte als Sinnstiftungsangebot schlägt also Birk in Bezug auf ein gültiges Erbe im Militärwesen, wie auch im gesellschaftlichen Rahmen für Gegenwart und Zukunft vor.

Versucht man seinen Gedankengang im Rahmen dieser Definitionsanalyse etwas genauer nachzuvollziehen: Ohne die Zuhilfenahme der Geschichte ist es im Grunde genommen unmöglich, Tradition als Tradition vor allem in einer globalisierenden Welt zu begreifen. Wichtiger erscheint jedoch die Erkenntnis, dass Tradition für die westliche Hemisphäre einen anderen Stellenwert einnimmt als in der Dritten Welt oder besser gesagt in den ehemaligen Kolonialstaaten, was sich wiederum auf die jeweiligen Militärtraditionen niederschlägt.[8] Geschichte muss aber auch als eine Materie begriffen und reflektiert werden, die nicht nur einfach als eine Geschichte aufgenommen werden darf. Geschichte setzt sich wie jede Fachrichtung aus Elementen und Determinanten zusammen und kann somit auch nur so als sinnstiftend verstanden und erkannt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Darstellung zur Tradition[9]

Wenn wir also Tradition als Teil der Geschichte verstehen wollen, bedeutet dies nach dieser Grafik auch Werte zu haben. Geschichte bzw. Militärgeschichte kann also sinnesstiftend sein, wenn man das politische Netz versteht. Politik ist quasi das Mittel zum Ziel. Ohne ein Politikverständnis in der Gegenwart kann sich auch kein Verständnis für Geschichte bzw. Militärgeschichte und somit am Ende auch keine Tradition entwickeln. Es ist hierbei jedoch nicht unbedingt notwendig, dass die Elemente bzw. Werte in der Betrachtung der Zeit Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und Demokratie seien müssen. Die Elemente können auch andere sein und trotzdem eine positive durchaus übernehmenswürdige Tradition bilden. Für die gegenwärtige Zeit jedoch ist festzuhalten, dass die Tradition in unserem heutigen Verständnis vor allem auf diesen drei Faktoren fußt. Birk stellt hierbei jedoch zu Recht fest, dass man der Historie nicht für alle Zeiten quasi einen absoluten Bestand zuschreiben darf.[10]

Die Geschichte ist als Teil der Tradition, als Materie der Zeit zu verstehen, was auch bedeutet, dass Zeit, Raum und Ort, die Gesellschaft und ihre Institutionen verändert werden, sprich auch die bewaffnete Macht einer Veränderung unterliegt. "Alles Geschehene unterliegt dem Diktum der zeitabhängigen Interpretation."[11] Dieses Faktum darf bei der hiesigen Analyse nicht aus den Augen verloren werden. Wenn man nämlich, so Birk, Geschichte als "gültiges Erbe"[12] praktisch so vermarktet, dass sie aus einer reinen Kontinuität entsprungen sei, um damit eine Tradition für sich in der gegenwärtigen Zeit zu propagieren, kann dies zu einer falschen Betrachtungsweise führen. So ist nach Birk immer wieder ein "Übersetzungsprozess"[13] von Vergangenheit in die Gegenwart gefragt, um den eigenen Rahmenbedingungen gerecht werden zu können. Leistet man diese Anstrengungen nicht, kann dies vorzeitig eigene Lösungsansätze ausschließen.

So sind zwar "Geschichte und Tradition verwandt, aber nicht identisch"[14], wie wir auch aus der obigen Grafik entnehmen können. So sieht auch Günter Roth Tradition wie Geschichte miteinander verwoben. "Die Voraussetzung für diesen Prozess ist, dass es hinsichtlich der zu übernehmenden Wertvorstellungen einen Konsens der Gesellschaft gibt. Lässt sich der Traditionsbegriff nach der positiven Seite als Anpassung von Bewährten an die Forderungen der Gegenwart und nach der negativen Seite als Erstarrung im Vergangenen abgrenzen, so ist in dem Hinweis auf den Konsens der Gesellschaft die Gefühlskomponente mit enthalten."[15] Dies schließt natürlich die Erkenntnis mit ein, dass die Tradition - nach Roth - nicht einfach nach einem willkürlichen Prinzip festgelegt werden kann. Interessant ist dennoch, dass die Begriffe Geschichte und Tradition sich dem Militärwesen bzw. der bewaffneten Macht, um es deutlicher auszudrücken, anpassen, wie kein anderes Begriffspaar in der militärgeschichtlichen Betrachtung.

Es kann aber nicht nur eine Zweierverbindung von Geschichte und Tradition ausgemacht werden, sondern auch eine Dreierbeziehung. Denn Tradition wird nicht nur in der Gesellschaft und ihrem System geprägt, sondern auch in deren Kultur. Geschichte, Tradition und Kultur bilden somit das Fundament des "Gemeinschaftssinnes"[16] in einer Gesellschaft. Mit der Gesellschaft werden auch die Identität ihrer Institutionen und Organisationen von der jeweiligen Tradition und die dadurch hervorgerufene Kultur mitgestaltet.

So muss grundsätzlich auch die deutsche Militärtradition im Laufe der Zeit in ihrer kulturellen Spezifität betrachten werden. Die deutsche Militärgeschichte entwickelte eben auch, weil sie sich aus einer anderen Kultur heraus formte, auch eine andere militärische Kultur und damit auch ein anderes geschichtliches Erbe. Genau dies muss zur Kenntnis genommen werden, wenn man die deutsche Militärtradition bis hin zu den Traditionserlassen als Filter des Erbes analysiert und nüchtern betrachtet. Dies sieht auch Birk so, wenn er schreibt: "Da militärisches Handeln, in der Regel zielgerichtet ist, muss man dies auch für den hier zu behandelnden Themenkreis annehmen dürfen."[17]

Wenn man dies aber genauso zur Kenntnis nimmt wie hier beschrieben, so fällt unumgänglich auf, dass die deutsche Militärkultur mit ihrer Tradition zwei gänzlich unterschiedliche Spezifika aufweist: Zum einen das "naiv-romantische" zum anderen das "rationale"[18]. Diese Erkenntnis impliziert damit auch, dass aus sozialwissenschaftlicher Perspektive heraus die Kontinuität zur Herausbildung einer Identität für die Sozialgruppe Militär erst bestimmt werden kann, wenn man regressiv das historisch-politische Fundament analysiert und durchleuchtet. Hierbei ist es von größter Bedeutung sich selbst zu vergewissern, was als Tradition gelten kann und was eher nicht. Deshalb kann man nicht pauschal eine Tradition als Last bezeichnen! Bei dieser Auffassung und Betrachtung muss jedoch, so Birk, mit äußerster Vorsicht vorgegangen werden, denn Geschichte und Tradition seien in unserem spezifischen Fall nur "siamesische Zwillinge"[19], mehr jedoch auch nicht.

So bietet der Begriff der Tradition ein viel höheres Niveau an Rückkopplung und Erkenntnis für die Gegenwart an, als die Geschichte. Geschichte ist somit nur ein Teil der Bildung von Traditionen in ihrer jeweiligen Zeit. Die zweite Seite, die nach Birk die wesentlich bedeutsamere ist, beruht auf der jeweiligen moralischen wie der politischen Auffassung der Gegenwart. Beschäftigen wir uns etwas genauer mit dieser These! Geschichte ist demnach die Initialzündung über bestimmte Elemente einer Tradition nach zu denken und diese somit in ihrer Gesamtheit zu relativieren. Kommt man dann zu einer bestimmten Tradition, hält an ihr fest oder entwickelt sie sogar fort, bedeutet dies nicht von vornherein, dass dieses Erbe der Vergangenheit von der Gegenwart anerkannt wird. Dies liegt wohl auch an der Definitionsüberlegung, dass sich mit der Geschichte die Wertvorstellungen, sprich auch das Weltbild, verändern und damit auch durchaus positive Erbstücke über Bord geworfen werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 - Stufen der deutschen Militärtradition[20]

Die Form, sprich die Elemente der Tradition, die durch die Geschichte entsteht, verändert sich. Hierbei spielt bei dem Themengebiet der Militärtradition und der Militärgeschichte die Überzeugung eines ganz bestimmten Wertesystems eine entscheidende Bedeutung, wodurch die Form der jeweiligen Tradition auch in Bezug auf die bewaffnete Macht zunimmt und der Inhalt also quasi das Sein abnimmt. Die Form muss also mit den moralischen und politischen Gegebenheiten interagieren können, sonst kann gültiges Erbe für weitere Generationen auch nicht entstehen. Denn wenn der Inhalt überwiegt, sprich bestimmte Faktoren einer Tradition zum Dogma werden, ist - gerade im Hinblick auf die deutsche Militärtradition in der Militärgeschichte - die Gefahr sehr groß, dass der Zweck und damit auch der Wert der bewaffneten Macht, sprich also die Form innerhalb des militärischen Körpers, verloren geht. Entsprechend wendet sich auch Birk dem Begriffspaar "Tradition und Brauchtum"[21] zu.

Das Brauchtum stellt praktisch den Kern einer Tradition dar. So kommt er auch richtigerweise aufgrund des hiesigen Netzwerkes von analytisch relevanten Komponenten innerhalb des Komplexes Militärtradition zu der Erkenntnis, dass wenn man eine Tradition bildet oder weiterentwickelt auch bedenken sollte, auch mit bestimmten Traditionen im Sinne einer Tradition zu brechen. So steht, nach Birk, das Militär in einem ständigen Spannungsverhältnis von "Integration und Desintegration", was bedeutet, dass das Militär nur dann ein hohes Ansehen in der Gegenwart genießt, wenn es sich in den gesamtstaatlichen und gesamtgesellschaftlichen Rahmen einfügen lässt.[22] Dies gilt aber nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit, wie wir im Laufe der Analyse noch intensiver feststellen werden.

Dies zeigt auch was der Militärsoziologe Dietmar Schößler deutlich macht, nämlich, dass das Militär in verschiedensten Kategorien zu betrachten ist und nicht nur als militärischen Macht. Sie ist unter anderem ein administratives und technologisches Momentum.

Geradezu falsch ist die häufige Auffassung, dass Militär sich vor allem jetzt in der Gegenwart und in der Zukunft mit ihrem Traditionsverständnis anpassen muss, weil es dies in der Vergangenheit versäumt hätte. Denn, "[d]as Traditionsverständnis des Militärs ist ein Indikator dafür, wie sich Armeen zu den politischen Gemeinwesen stellen, die sie zu verteidigen haben."[23] Dies gilt jedoch nicht ausschließlich für die Gegenwart, es gilt ebenso für die Vergangenheit. Jede Armee hat in ihrer Zeit ihr Verständnis von Tradition so artikuliert, wie dies zur Gesellschaftsstruktur passte.

Genauso formte sich vor allem in der Vergangenheit das Gemeinwesen nach der staatspolitischen Räson der Armee. So bringt Birk die Suche nach einer gültigen Militärtradition, wie sie in ihrem definitorischen Kern begriffen werden muss, auf folgende Grundsatzfrage: Versteht sich die Armee als verankerter Bestandteil des Staates oder der Nation oder weist sie das Staatsystem bzw. die Staatsstruktur von sich?[24] Wobei man diesen Fundamentalsatz immer historisch zeitgebunden sehen muss, wie dies auch die Grafik des vormodernen Traditionsmodells verdeutlicht. Dies schließt natürlich auch den Aktionsraum mit ein, welchen der bewaffneten Macht innerhalb des politischen Gesellschaftssystems gewährt wird.

Das vormoderne Traditionsmodell erschwert eher eine Integration in das jeweilige Gemeinwesen, weil nur eine geringe Reflexion mit der jeweiligen Tradition möglich ist und nach dem "römischen Erbrecht"[25] Tradition nur nach ihrem Inhalt so weitergeleitet werden kann, wie sie ist.[26] Das moderne Traditionsmodell hingegen erleichtert, so Birk, eine Integration. Wir werden jedoch sehen, dass dies nicht ganz für die deutsche Militärgeschichte und ihrer Tradition zutrifft. Wenn man allerdings mit dem Bezug auf die Gegenwart argumentiert, so ist sicherlich das vormoderne Traditionsmodell nicht ausreichend, um positive Traditionen aus dem Militärwesen der Vergangenheit auf die Gegenwart so zu beziehen, so dass sich auch Synergieeffekte zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erkennen lassen. Hierzu, ist für die Analyse das moderne Traditionsmodell sicherlich besser geeignet. "Dieser Ansatz kann dabei die Wahrnehmungen von Diskontinuitäten nicht ausschließen, da die in der jeweiligen Gegenwart gültigen Werte durch historische Veränderungen des Menschen- und Gesellschaftsbildes nicht zu jeder historischen Zeit mit den heutigen Vorstellungen identisch waren."[27]

Diese Beobachtung gilt aber nicht nur für das Interagieren zwischen Gegenwart und Vergangenheit, sondern auch in der Geschichte selbst, wie bei den Umbrüchen in der Traditionsbildung und deren Weiterentwicklung festzustellen ist. So sind in der Vergangenheit selbst Synergieeffekte entstanden, welche bestimmte Werte und Normen innerhalb einer Tradition obsolet werden ließen. So ist denn auch eine definitorische Festlegung eines militärischen Traditionsbegriffs nicht einfach zu bestimmen. Es gibt, so Birk, viel Literatur über Geschichte, Brauchtum, Tradition und Tugenden im Militärwesen, aber ohne eine eindeutige Definition der Begrifflichkeiten. So ist es für Birk zunächst einmal sehr wichtig, eine Grenzlinie zur Geschichte zu ziehen. "Neben unzähligen Theorien über Geschichte, ihre Subdisziplinen sowie deren Spann- und Tragweite mag hier als Arbeitsbegriff genügen, sie als die geistige Form, in der eine Kultur oder Nation sich Rechenschaft über ihre Vergangenheit gibt, zu verstehen, womit sie sich wieder von der unterschiedslosen Ansammlung von "Vergangenheit" unterscheidet.[28] Hierbei sieht Birk zu Recht die Vergangenheit als einen beendeten Prozess an, wobei die Geschichte an sich die mentale Rekapitulation der Vergangenheit darstellt.

Die Forschung zur weiteren Definitionsanalyse, so Birk, verändert wiederum das Geschichtsbild wie auch das Geschichtsbewusstsein, wodurch auch dies sich auf die Traditionsentstehung auswirkt. Der Traditionsbegriff muss dementsprechend, wie im Laufe dieses Kapitels schon mehrfach betont worden ist, in seiner Sinnstiftung und nach seiner Integrationskraft hinterfragt werden, wobei sich das Zentrum des Diskurses zwischen der geschichtlichen Auffassung und Kenntnis sowie auch dem politischen Selbstverständnis bewegt. Beide Faktoren bilden im Grunde genommen die Hülle für den Motor Tradition.

So ist das politische Verständnis der Gegenwart als die entscheidende Frage an die Geschichte anzusehen, was denn nun traditionsstiftend sein kann und was nicht. "Traditionsbildung wird somit zu einer in die Geschichte verlagerten und verlängerten Kontinuitätslinie, die über die Brücke der wertbezogenen Auswahl Maßstäbe der geistigen Orientierung für die Gegenwart bietet."[29] Dies muss die Grundlage der hiesigen Arbeit sein, nämlich genau diese Kontinuitätslinie zu erkennen und eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu schlagen. Wobei, nach Birk, dies selbstverständlich einem ständigen Überprüfungsprozess unterzogen werden muss.

So sucht sich logischerweise ein neues politisches Verständnis neue identitätsstiftende Traditionslinien heraus. Tradition ist demnach ein "Prozess der immer zeitbezogen und damit auch begründungspflichtig sein muss." (Von mir etwas abgeändert; Birk 2004: 17) So liegt quasi die Traditionsbestimmung in den Händen des jeweiligen Betrachters in der Gegenwart, aber auch zu jeder Zeit in der Vergangenheit. Jeder Betrachter der Gegenwart, Vergangenheit, wie auch der Zukunft legte und legt die Tradition, die er für richtig und wichtig erachtet, so fest wie es mit seinem Werterahmen kompatibel war und ist. Es ist demnach eine Selbstverständlichkeit, dass der bewaffneten Macht die Normen innerhalb eines Gemeinwesens bekannt sein müssen, um auch die daraus resultierenden politischen Ideale der Gesellschaft reflektieren zu können und damit auch zu verstehen, warum man dieses System verteidigt, so jedenfalls Birk.

Jedoch sollte auch das Gemeinwesen die Normen und Werte ihrer bewaffneten Macht, die für sie ihr Leben einsetzt, kennen. Ohne diese Synergie bleibt die Armee eine unverankerte Armee im Gemeinwesen.[30] "Tradition ist deshalb auch keine innermilitärische Aufgabe. Für die militärische Traditionsbildung ist nicht nur das Militär, sondern auch die Politik, die Öffentlichkeit, die Gesellschaft zuständig."[31] Dies darf man aber nicht nur im Gegenwartsbezug als gegeben hinnehmen, sondern auch in der Betrachtung Vergangenheit. Bisher war dies eine ständige synergetische Interaktion zwischen den Streitkräften, insbesondere dem Heer auf der einen Seite und der Politik wie der Gesellschaft auf der anderen Seite.

Allerdings gelangt man dabei zu der nüchternen Erkenntnis, dass aus dieser Interaktion aus der jeweiligen Zeit heraus positive, durchaus auch heute noch verwertbare Traditionen, entstanden, aber auch Traditionen, die nicht zur Übernahme geeignet sind. Geschichte ist nach Birk demnach die Grundlage für die Traditionsverwertung, wobei man immer den Werterahmen der jeweiligen staatlichen Ordnung niemals aus den Augen verlieren darf! Für die Bundeswehr gilt in diesem Fall, dass nichts eine Tradition begründen kann und darf, was nicht mit der Verfassung in Einklang zu bringen ist. So sieht Birk für die Bundeswehr in zwei Modellen die Möglichkeit, eine Brücke zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft eine Brücke für die Bundeswehr zu schlagen. Es muss jedoch die kritische Anmerkung erlaubt sein, warum gerade die Elemente dieser beiden Modelle ausschließlich für die Traditionsbildung und deren Weiterentwicklung ausschlaggebend sein sollen, wo doch "Tradition ... weder Dogma noch Rezept (...), " ist.[32]

3 Die Bundeswehr: Kontinuität und Diskontinuität der Deutschen Militärgeschichte und Militärtradition- Ist die Bundeswehr eine Akkumulation der Geschichte und Gegenwart?

Der Aufbau der neuen Streitkräfte führte nicht nur zu einem Widerstreit verschiedenster Traditionsbilder, sondern auch zu unterschiedlichen Strukturauffassungen. Die Folge dessen wird nachgehend ausgiebig erläutert.

3.1 Der Aufbau neuer Streitkräfte und die Suche nach einer neuen Tradition

In den ersten Jahren der Nachkriegszeit spielte die militärische Tradition so gut wie keine Rolle in der Debatte um den Aufbau von nationalen Streitkräften innerhalb eines Europäischen Verteidigungsbündnisses. Als jedoch 1954 mit der französischen Nationalversammlung der EVG-Vertrag abgelehnt wurde und somit der Vertrag auch scheiterte, stand die Bundesrepublik Deutschland nun vor dem Problem eigene nationale Streitkräfte ohne europäische Kontrolle aufzubauen. Hiermit begann auch das Problem, eine neue militärische Tradition ins Leben zu rufen. Dies wurde dadurch noch erschwert, dass sich die neuen Streitkräfte mit einem völlig neuen Kriegsbild konfrontiert sahen, in dem jetzt nicht mehr nur konventionelle Streitkräfte eine Rolle spielten, sondern mit zunehmenden Masse nuklear bewaffnete Streitkräfte immer mehr an Bedeutung gewannen. Donald Abenheim schreibt hierzu: ... [d]ie Angst vor einem Wiederaufleben antidemokratischer Strömungen, die Probleme der deutschen Teilung und die politische Besorgnis im eigenen Land über die Stellung des Soldaten in der jungen Demokratie der Bundesrepublik...", verschärften noch die Problematik einer gültigen militärischen Tradition.[33] Hinzu kam, so Abenheim, das die Planer bezüglich dieser Frage nicht immer einer Meinung waren. Zudem entstanden auch Probleme in Bezug auf die materiellen Neuausstattung der Streitkräfte, Personalbesetzung und Infrastruktur. "Der innerhalb der Führung der Bundeswehr unternommene Versuch der Schaffung eines "gültigen Erbes" erwuchs [somit] aus dem Problem der neuen Streitkräfte im ersten Jahrzehnt nach ihrer Aufstellung." (Abenheim 1989: 36)

Mit dem Ausbruch des Koreakrieges wurde immer deutlicher, dass der Aufbau westdeutscher Streitkräfte nicht nur notwendig war, sondern dass " die rechtliche Grundlage für die Stellung des Militärs in der Gesellschaft [auch neu festgelegt werden müsse]."[34] Dies implizierte nach Abenheim auch, dass Zivil- sowie Militärgesetze nicht wieder vom Staat missbraucht werden konnten. Somit musste die Armee Anfang der 50er Jahre auch auf eine neue Grundlage gestellt werden. Dieses Fundament musste so gestaltet sein, dass ihm trotz einer stark vorhandenen Skepsis und Furcht vor einer neuen deutschen Armee im Inland und bei den europäischen Partnern zugestimmt werden konnte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 - Zustimmung zu den Einsätzen der Bundeswehr im Ausland

Wenn wir uns diese Grafik im Hinblick auf die Frage anschauen, wie es um die Bündnistreue in der Bundesrepublik steht, die auch zu den wesentlichen Strukturelementen von Militärkomplexen zählt, so müssen hier mehrere Faktoren gleichzeitig festgestellt werden. Zum einen hängt die Befürwortung oder Ablehnung von Bündnissen, als Teil von Tradition und Struktur, meist von der jeweiligen politischen Situation ab. Ist die Zustimmung für die Bündnisverpflichtung gerade im NATO-Verbund hoch, so sinkt sie, wahrscheinlich auch aufgrund der weltpolitischen Lage kontinuierlich. Damit hängen Strukturfragen auch maßgeblich von situativen-geopolitischen Lagebildern ab.

Im März 1951 begann das Amt Blank (Blank war Beauftragter des Bundeskanzlers für die Wiederbewaffnung), sich verstärkt mit dem Thema militärische Tradition auseinander zu setzen. In diesem waren viele Militärs, die dem Widerstand vom 20. Juli 1944 angehört hatten. Unter ihnen war auch General Graf von Baudissin (im Zweiten Weltkrieg hatte er den Dienstgrad eines Majors), der in Nordafrika 1941 gefangengenommen worden war und der seine Gedanken bezüglich des Zusammenwirkens zwischen dem Militär, Politik und der Gesellschaft neu überdacht hatte. Er sollte eine neue Schule gründen, die bis zum heutigen Tag Geltung hat. Seine Grundüberlegung war nach Abenheim, das Militärische mehr auf das protestantische Gedankengut abzustützen. Dies bedeutete, dass nicht nur der Primat der Politik Geltung haben sollte, sondern mehr noch der Primat der protestantischen Religion. Sie sollte eine wichtige Rolle in der Zukunft der Bundeswehr spielen.

3.2 Religion als traditionsstiftendes Fundament innerhalb des Eides

So ist es auch kein Wunder, dass im „Handbuch für Innere Führung“ aus dem Jahre 1964, also knappe acht Jahre nach der Neuaufstellung der Streitkräfte, zu einer der wichtigsten militärischen Traditionen in der Deutschen Militärgeschichte, nämlich dem Eid, unter der Überschrift "Gott mehr gehorchen", folgendes steht: "Dieses Versprechen [der Eid] aber wird von der höchsten und letzten Instanz dieser Welt geleistet; vor einer absoluten und unbestechlichen Instanz. Wir verpfänden damit nicht nur unseren Ruf, unsere materielle und bürgerliche Existenz, nicht nur das Leben, sondern schlagen das ganze Dasein in die Schanze. [...] Doch liefert uns der Eid nicht total den Menschen aus. Es ist nicht Wille des Höchsten, dass der Verteidigte seine sittlichen Massstäbe nunmehr vom Eidträger bezöge, dass seine Verantwortung nur noch eine begrenzte und mittelbare wäre, dass sein Gewissen von jetzt ab zu Schweigen hätte und dass somit derjenige, der den Eid hält seine Existenz als sittlich gegründete Person zutiefst gefährdete oder gar aufgäbe. Für den Christen kann und darf darüber kein Zweifel bestehen, dass der von Gott geleistete Eid auch eindeutig die Grenzen und das Ende der übernommenen Verpflichtung setzt. Wenn wir Gott mehr gehorchen sollen als den Menschen, kann der Eid nicht zum Bruch von Gottes Gebot verpflichten. Aber auch der, der nicht an einen personalen Gott glaubt, muss sich darüber im Klaren sein, dass er den Eid vor einer letzten Instanz ablegt. Wer aber keine sittlichen Werte erkennen und anerkennen kann, stellt sich selbst im Grunde ausserhalb unserer Ordnung."[35] Wir werden später noch sehen, welche Bedeutung diese wichtige Veränderung der militärischen Tradition, die das Fundament einer jeden militärischen Institution ist, im historischen Vergleich hat. Interessant ist allerdings hier schon, dass der militärische Eid hier zum ersten Mal nicht auf irgendeine Person, sondern auf die Bundesrepublik und auf eine höhere Gewalt, nämlich auf Gott, geleistet wird. Was für eine wichtige Rolle die Religion neben dem Primat der Politik spielt, unterstreicht auch ein Auszug des Vortrages von Helmut Jermer während des Deutschen Evangelischen Kirchentages aus dem Jahre 1985. Jermer stellt hier eindrucksvoll die Frage, was die Bundeswehr eigentlich wolle. Seine Antwort darauf lautet, dass die Soldaten der Bundeswehr auch Christen seien und somit einen Gehorsam basierend auf ein Gewissen vor Gott und somit auch vor ihren Mitlebenden hätten. Hiermit würden sie, so Jermer, ein klares Bekenntnis zu einem würdevollen und freiheitlichen Leben abgeben, dass aus der Sicht der Bundeswehr nur in einem wahrhaften Frieden fundamentiert seien kann. Jermer erklärt weiter, dass er wohl wisse, dass es eine Spannung zwischen dem Ist und dem Sein, zwischen dem vom Menschen versuchten und dem von Gott verliehenen Frieden auf Erden gibt. Er kommt zum Schluss zu dem Fazit: "Wir versuchen eine Antwort auf die Frage zu geben, warum wir glauben, dass Christen Soldaten und Soldaten Christen seien können."[36] Baudissin hat sich also mit etwas vollkommen Neuern in der Deutschen Militärgeschichte durchgesetzt, zumal das religiöse Element in der Militärtradition Deutschlands bzw. des Deutschen Reiches so gut wie unterging. Er wollte auf alle Fälle verhindern, dass der Gehorsam gegenüber einer Person noch einmal so fatale Folgen haben könnte, wie dies auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkrieges der Fall war. Denn selbst der 20. Juli 1944 war für viele Offiziere problematisch, wie sich dann auch bei General Erich Fromm zeigte, nicht wegen dem Aufstand gegen die Gewissenlosigkeit eines zum größten Teil atheistischen und mythologisch geprägten SS-Kult-Regimes, sondern wegen dem Bruch des Eides. Hierbei darf man nicht vergessen, dass der Eid als eine der wichtigsten Traditionen ein bestimmtes Treueverhältnis zwischen dem Oberbefehlshaber - sei er Monarch, Politiker oder Diktator -und den Streitkräften darstellt. Somit war man sich in den 50er Jahren voll bewusst, dass dem Eid eine neue und wichtige Rolle in der Tradition der Bundeswehr zukommen musste. Der Traditionserlass von 1965 macht dies in Ziffer 13 deutlich, indem er ausführt: "Gehorsam und Pflichterfüllung gründen stets in der Treue des Soldaten zu seinem Dienstherrn, der für ihn Recht, Volk und Staat verkörpert. Diese Treue wird im Eid gelobt. Er bindet beide, Soldaten wie Dienstherrn, im Gewissen. Der Bruch des Eides durch den Dienstherrn rechtfertigt Widerstand aus Verantwortung. Widerstand kann und darf jedoch nicht zum Prinzip werden."[37] Interessant ist bei diesem Punkt, dass zum ersten Mal in einer Militärverordnung der Militärgeschichte das Wort Gewissen explizit genannt wird und dass sich der Soldat im schlimmsten Fall auch darauf berufen kann. Zwar hat es bis zum Dritten Reich kein Zweifel darüber gegeben, dass der Soldat gegenüber seinem Dienstherrn zwar Rechtssicherheit hatte, aber er konnte bei einem unsittlichen oder widerrechtlichen Befehl kaum Widerstand leisten, weil eben der Begriff des Gewissens fehlte. Diese Überlegungen hatten auch die Verfasser der so genannten Himmeroder Denkschrift (das Kloster Himmerod war der erste Tagungsort ehemaliger Offiziere der Wehrmacht, um einen Neuaufbau deutscher Streitkräfte zu diskutieren). Sie wollten "ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht [... etwas] grundlegendes Neues schaffen"[38] und formulierten: "Ebenso wichtig wie die Ausbildung des Soldaten ist seine Charakterbildung und Erziehung. Bei der Aufstellung des Deutschen Kontingents für die Verteidigung Europas kommt damit dem inneren Gefüge der deutschen Truppe große Bedeutung zu. Damit sind die Voraussetzungen für den Neuaufbau von denen der Vergangenheit so verschieden, dass ohne Anlehnung an die Formen der alten Wehrmacht heute grundlegend Neues zu schaffen ist." (Hans-Jürgen Rautenberg 1977: 53)

Man erkannte also schon fünf Jahre vor der Wiederbewaffnung, dass die neuen westdeutschen Streitkräfte nur Anerkennung im In- wie im Ausland erhalten würden, wenn es im Inneren der Truppe gelang, einen neuen Erziehungsgeist ohne Traditionsgegebenheiten der Wehrmacht zu etablieren. Dies bedeutet somit im Rückschluss, dass man der Wehrmacht ein nicht allzu großes Erbe beimaß. Vielmehr baute man auf die neuen zukünftigen Werte der Bundesrepublik und ihrer Bürger.

So steht im Punkt B der Himmeroder Denkschrift, dass der Soldat der Bundeswehr in Zukunft sowohl die Freiheit als auch die soziale Gerechtigkeit im Sinne der Selbstbestimmung verteidigen werde. Hier treffen zunächst einmal alte Normen auf neue Normen. Die Frage der Selbstbestimmung galt schon 1918/19, bloß nicht im Sinne der Freiheit und sozialen Gerechtigkeit, sondern im Sinne einer rein militärischen wie machtpolitischen Stärke. Die beiden neu zu verteidigenden Normen, die bis heute noch gelten, gleichen sich, wie wir eindeutig erkennen können, dem noch heute geltenden und vorhin bereits rezipierten Eid an. Sie machten und machen dem Soldaten der westdeutschen Streitkräfte also mehr als bewusst, dass diese Werte der deutschen Gesellschaft der 50er Jahre auch für die Soldaten bedeutsam sind. Es galt mit diesen im Eid manifestierten Werten auch zu verstehen, dass eine andere Zeit angebrochen ist. Es ging und geht nun eben nicht mehr um eine militärische Raumerweiterung, sondern um die Sicherung eines bestimmten Wertesystems. Graf von Baudissin stellt hier 1969, also vier Jahre nach dem ersten Traditionserlass, in einem Vortrag mit dem Titel: "Der Beitrag des Soldaten zum Dienst am Frieden", zu Recht fest, dass durch das Aufkommen einer pluralistischen Industriegesellschaft, sich auch, dass Verhältnis zwischen Gesellschaft, Staat und Armee geändert hat. Er gleicht hier seine Argumentation dem Begriff Ralf Dahrendorfs an, der die deutsche Gesellschaft, ob Soldat oder nicht, als eine Gesellschaft auf der Suche nach einer "neuen sozialen Figur"[39] bezeichnet. Baudissin ist der Auffassung, dass auch die Bundeswehr in diesem neuen sozialen Gefüge seit der Stunde null ihre Bewährung sucht. Aus dieser Feststellung wird auch klar, warum in der Himmeroder Denkschrift Konsequenzen aus der Vergangenheit gezogen werden. So wird auch in dieser verlangt, dass die deutschen Streitkräfte ihre Namen wie z.B. Kasernennamen und Symbole wie Zeremonien auf die neuen Werte abzustimmen haben. Zudem habe es "... die demokratische Staats- und Lebensform zu bejahen."[40] Hiermit wolle man, so führt die Denkschrift aus, eine neue Streitmacht verhindern, die rein ein Staat im Staate bildet.

Die Frage, die im „Handbuch der Inneren Führung“ aus dem Jahre 1964 auf diese im Aufbau befindliche demokratische Gesellschaft mit ihren neuen Normvorstellungen und einer nach integrationssuchenden Armee gestellt wird, ist höchst interessant: "Wie kann die deutsche Bundeswehr in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem Instrument von höchster Schlagkraft gestaltet werden?"[41] Damit ist auch die Frage verknüpft, wie die Bundeswehr auch nicht zu einem Staat im Staate wie 1918/19 werden sollte? Baudissin sagt dazu in seinem Vortrag folgendes: "Abschreckung ist die militärische Strategie einer Politik der Kriegsverhinderung; auch die Politik der Friedenserhaltung und Friedensgestaltung wird auf absehbare Zeit der Abschreckung nicht entraten können." (Baudissin 1969: 38) Er ist also der Meinung, dass auch die militärische Abschreckungspolitik die Soldaten der Bundeswehr zu einer demokratischen Grundeinstellung führen könnte. Ihnen war also klar zu machen, dass sie die Selbstbestimmung auf Freiheit und soziale Gerechtigkeit, wie die Himmeroder Denkschrift klar gemacht hat, allein schon durch ihre Anwesenheit verteidigen würden. Dies ist zwar, so sagt General Baudissin selbst, etwas grotesk, weil dies ja bedeutet, dass der Soldat bereits schon im Frieden in Kriegsbereitschaft stehen würde. Dennoch ist diese synergetische Gegebenheit für die Soldaten ein "... aufreibender, "unheroischer" und für einige gar nicht ungefährlicher Friedensdienst" und damit "... eine ernst zu nehmende und befriedigende Aufgabe."[42] Hier wird also ziemlich deutlich, dass die Bundeswehr eine Armee mit einem völlig neuen Ethos ohne Pathos werden sollte.

Albert Weinstein hat hierzu ein kritisches Buch mit anderen Soldaten verfasst, das den Titel "Armee ohne Pathos" trägt. Weinstein und die Mitverfasser dieses Buches waren 1951 der Meinung, dass die neue Armee nicht ausschließlich eine völlig "traditionslose" Armee sein sollte, die auf gar kein Erbe aufbauen könnte. Zur selben Zeit stellt Baudissin in Hermannsburg fest, dass man sich, wie Alfred Weber es dargestellt hat, von der bisherigen Geschichte verabschieden müsse und dann weiter: "In dieser Lage (er bezieht sich hier auf die Planung einer Wiederbewaffnung) wäre es sträflich, eine Restauration zu versuchen; aber wohl auch unangebracht, einen rein revolutionären Weg zu beschreiten. Wir haben eine reformatorische Aufgabe vor uns, die in Anerkennung des historischen Gefälles dem neuen Staats- und Menschenbild gerecht wird und den speziellen Aufgaben der Streitkräfte im gegebenen Falle Rechnung trägt."[43] Er knüpft hier also voll und ganz auf seine auf den vorherigen Seiten erwähnten Überlegungen an. Aber nicht nur auf seine, sondern wohl auch explizit auf die der Himmeroder Denkschrift. So steht in Bezug auf das, was Baudissin hier als Reformation im Militärwesen bezeichnet, in der Denkschrift des Jahres 1950 unter Ethisches (Punkt C), dass die neue Armee sich selbst zu reinigen habe. Dies sei für die Disziplin der Truppe und aus geistigen Gründen innerhalb der Gesellschaft im In- wie im Ausland geradezu unersetzlich.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass es nach Vorstellung der deutschen Gesellschaft ein Gleichgewicht zwischen fundamentalen Inhalten und leicht zusammenhängenden Formen einer "neuen Tradition" sowie der veränderten Form des Soldaten im Alltag geben müsse. Das deutsche Kontingent sollte den "soldatischen Erfahrungen und Gefühlen des deutschen Volkes" Rechnung tragen.[44] Welche Traditionen bzw. welche Erfahrungen und Gehilfe sollten aber das deutsche Kontingent, neben dem sehr wichtigen Eid, einbringen?

3.3 Die Suche nach einem traditionswürdigen Erbe

Wir haben bereits im Ersten Kapitel uns an einer Begriffsdefinition über das Wort Tradition im militärischen Sinne geübt. Unter dieser Prämisse und unter der eben gestellten Frage versucht Baudissin im Jahre des Aufbaus der Bundeswehr mit mehreren Thesen in einem Aufsatz mit dem Titel: "Soldatische Tradition und ihre Bedeutung in der Gegenwart", die Frage der militärischen Tradition ansatzweise zu klären.

Zunächst kommt er in seiner ersten These zu einer sehr eindrucksvollen Erkenntnis, dass man nur dann das Problem "Tradition" beheben werde, wenn man die Werte herausnimmt, die eine gewisse Traditionswürdigkeit aufwiesen. Das heißt, man filtert praktisch die zeitgebundenen Normen und lässt die durchkommen, die auch für die Zukunft von Relevanz seien könnten. Er lehnt hierbei das Festhalten an zweitrangigen Werten oder Konventionen ab.

In seiner zweiten These stellt er fest, dass es nur eine Tradition geben kann. Hierbei ist ihm aber auch klar, dass Traditionen immer durch ein gewisses Konkurrenzverhalten zwischen Traditionalisten und Innovatoren entstanden sind.

Deshalb, so seine dritte These, kann in jener Situation auch nur ein Wettkampf in der Traditionsauslegung selbst vor sich gehen und niemals können Traditionen untereinander im Wettbewerb sein.

Ein traditionelles Erbe, so Baudissin in These vier, kann demnach nur von Erben weiter getragen werden. Dieses Erbe, so stellt er im Umkehrschluss fest, kann aber genauso gut von den Erben verspielt werden. Diese These ist eine nähere Erläuterung wert. Im Grunde genommen müssten alle seine Thesen umfangreich erläutert werden, weil sie eben genau das erfassen, was Geschichte und Politik, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit einander verbindet. Er stellt in These vier im Grunde genau das fest, was bis zum heutigen Tag die militärische Zeitgeschichte beschäftigt. Es gab nämlich vom Mittelalter über den Dreißigjährigen Krieg bis hin zu den Befreiungskriegen, der Reichsgründung, dem Ersten Weltkrieg und dem alles vernichtenden Zweiten Weltkrieg, Erben von traditionellen Werten, die aber diese Werte oft nicht so bewahrt haben, wie sie sie übernommen hatten. Häufig modifizierten sie diese, wobei in der deutschen Militärgeschichte auch Graf v. Baudissin zu Recht festgestellt hat, dass sie meistens jene für Unsittlichkeiten modifiziert haben, so dass das Erbe verspielt wurde.

Die fünfte These muss aus meiner Sicht sogar wörtlich zitiert werden, weil ihr Gehalt so wertvoll ist, dass man sie nicht einfach zusammenfassen kann! "Unsere soldatische Tradition ist eine Überlieferung des Dienens, nicht des Herrschens. Sie gibt daher keine Berechtigung des Hochmuts und der Anmassung; sie stellt vielmehr erhöhte Anforderungen an den, der sich beugt. So ist Ritterlichkeit nicht etwas, was nur dem Ritter eignet und ihm besonderen Nimbus verleiht; sie ist heute vielmehr zu einem allgemein verbindlichen Wertbegriff geworden und bedeutet Dienstbereitschaft, persönliches Verantwortungsbewusstsein und Hilfsbereitschaft."[45] Hier knüpft Baudissin sehr deutlich an mittelalterliche und preußische militärische Wertebegriffe an, erhebt sie aber zugleich zu einer neuen Tradition, da er zum ersten Mal im Militärischen eine Sache des Dienens und nicht des Herrschens sieht, wie es schon unter Friedrich dem Großen der Fall gewesen war. Er knüpft aber an die preußischen Reformer des Jahres 1806/07 an, die sich klar vom hochmütigen Auftreten im Vergleich zu späteren Zeiten distanzierten. Stattdessen war Demut die Maxime des preußischen Soldaten der Befreiungskriege. Seine hiesige These trifft aber auch voll auf das zu, was im Traditionserlass von 1965 wie 1982 zum Ausdruck kommt. Explizit steht dies im Punkt 19 des Traditionserlasses des Jahres 1965: "In die Tradition der deutschen Bundeswehr gehören neben den soldatischen auch alle anderen Überlieferungen der Geschichte, die von der Bereitschaft berichten, für Freiheit und Recht Opfer zu bringen. Sie bestätigen die Grundhaltungen, auf die es für den Soldaten ankommt: Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Achtung vor der Würde des Menschen, Großherzigkeit und Ritterlichkeit, Kameradschaft und Fürsorge, Mut zum Eintreten für das Rechte. Tapferkeit und Hingabe, Gelassenheit und Würde in Unglück und Erfolg, Zurückhaltung in Auftreten und Lebensstil, Zucht des Geistes, der Sprache und des Leibes, Toleranz, Gewissenstreue und Gottesfurcht."[46] Dasselbe steht in etwas veränderter Form im Traditionserlass von 1982.[47] Im Handbuch für Innere Führung aus dem Jahre 1964 wird unter dem Stichwort "Tradition des Dienens", Baudissins These sogar wortwörtlich übernommen, was die Bedeutung dieser These nochmals deutlich hervorhebt.

In seiner sechsten These stellt Baudissin dann fest, dass die in der vorherigen These aufgezählten Werte gar keine soldatischen, geschweige denn deutsche Traditionswerte sind, vielmehr seien es abendländische, an die sich der Soldat halten müsse. Nur so könnte er seiner schwierigen Aufgabe innerhalb und außerhalb der Gesellschaft gewachsen sein. Deshalb sei es geradezu fatal, so Baudissins siebte These, wenn der Soldat die Tradition als sein Eigentum betrachtet. Denn entweder desintegriert er sich dann oder er flüchtet sich in Selbstbetrug. Bindet er sich zudem an Leitbilder einer anderen Sozialordnung, die - so er wortwörtlich- "andersgeartet"[48] sind, dann ist die Gefahr sehr groß, dass der Soldat ins Abseits zu seinem Dienstherren gerät und zudem noch die Realität verliert. Somit wird eine solche Tradition auch einen reinen Ausstellungscharakter haben.

Auch die achte These muss aufgrund ihres Gehalts wortwörtlich zitiert werden:" Der Angriff des dialektischen Materialismus zielt bewusst auf die Grundlagen unserer Überlieferungen, unserer Überlieferung als tragenden Kräfte freiheitlicher Ordnung."[49] Hier wird deutlich wo die Rückkopplung im historischen Sinne bei Baudissin festgemacht wird, so dass es in der Gegenwart kaum mehr möglich ist, sich aus der militärischen Eigenverantwortung in der Gesellschaft zu verabschieden.

3.4 Die Bundeswehrtradition eine Tradition im Rahmen des Verteidigungsauftrags von demokratischen Werten und Normen

Die Eidesformel, die wie schon erwähnt auch im Handbuch der Inneren Führung von 1964 niedergeschrieben steht, war demnach nicht nur eine Schutzmaßnahme, um zukünftige Alibis bei Menschenrechtsverletzungen während militärischer Auseinandersetzungen zu vermeiden, sondern sie war auch der Übergang zu einer völlig neuen deutschen militärischen Streitkraft in der Öffentlichkeit, die sich in ein völlig neues Traditionsgebilde einfügte. Daraus resultiert auch die Notwendigkeit die Streitkräfte mit genügenden finanziellen Mitteln auszustatten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 - Vergleich der Finanzierung von militärischen Kräften in Europa[50]

Wenn wir die Eidesformel: "Ich schwöre der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, so wahr mir Gott helfe," zu dieser Grafik ansehen, so fällt auf, dass die Mehrheit des deutschen Volkes scheinbar tatsächlich relativ bereit ist "das Recht und die Freiheit des Deutschen Volkes" also die Lebensform an sich zu verteidigen. Man ist sich also durchaus in der Öffentlichkeit bewusst, dass es sich bei der Bundesrepublik um etwas vollkommen Neues handelt und dass es allein deshalb wert ist, das Neue - nämlich die Freiheit und das Recht - zu verteidigen. Wir werden im späteren Verlauf dieser Arbeit sehen, woher diese beiden Werte stammen.[51]

Dies zeigt uns aber noch nicht, welchen Wert die deutsche Nachkriegsbevölkerung dem Soldaten der neuen Bundesrepublik beimaß. So konnten auch Baudissin und der Himmeroder Kreis noch nicht wissen, ob sie sich auf dem richtigen Weg befinden.

Die Grafik macht deutlich, dass die Mehrheit der befragten Männer im Oktober 1950 dem Soldatenstatus ziemlich reserviert gegenüberstand. Dies war so kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs nicht überraschend. Die doch sehr hohe Zahl der zum Soldatendienst bereiten Männer und die Unentschiedenen deuten jedoch auch darauf hin, dass die Abneigung bei der Vorbereitung zum Aufbau neuer Streitkräfte vor dem Hintergrund der Weltkriegserfahrungen überraschend gering war.

General Baudissin und seine Mitstreiter hatten mit der Zuspitzung auf übermilitärische Werte ein neues Bild von Streitkräften in die Öffentlichkeit gebracht, das nicht unbedingt auf Intoleranz stieß. Blank selbst bezeichnete im Juni 1955 im Deutschen Bundestag die Situation des Neuaufbaus so: "Wir müssen Streitkräfte aus dem Nichts heraus neu aufbauen[...]. Wir bauen sie zudem in einem Staat auf, der an einer kaum bewältigten Vergangenheit zu tragen hat, in einer jungen Demokratie, die um ihr Ansehen oft noch im eigenen Volk zu ringen hat."[52]

Um jedoch aus dem hier aufgeführten Dilemma heraus zu kommen, schwebten Blank und seinen Mitarbeitern aus seinem Amt eine "demokratische Volksarmee bzw. ein Staatsbürger in Uniform"[53] vor. Nicht umsonst sah er sich in der Rolle eines, so Abenheim, zweiten Gneisenau oder Scharnhorst.

3.5 Der Staatsbürger in Uniform und der Kampf zwischen Reaktionären und Reformern in Bezug auf das Innere Gefüge der Bundeswehr

Somit wurde der Staatsbürger in Uniform neben dem neu auszusprechenden Eid zu einem weiteren wichtigen Baustein im neuen Traditionsgefüge der Bundeswehr. Im Handbuch für Innere Führung 1964 steht zu diesem Aspekt folgendes: "Streitkräfte ohne hinreichende parlamentarischer Kontrolle stören das Gleichgewicht einer Demokratie, deren Grundprinzip es ist die dem Menschen in die Hand gegebene Macht nicht auf eine einzige Person zu vereinigen, sondern die Macht so zu verteilen, dass sie in der Balance bleibt. Eine Sonderstellung der Streitkräfte würde sogar der Demokratie den Boden entziehen. Wenn totalitäre Regime den Untertanen zuerst Pflichten auferlegen und dann erst, möglicherweise, auch Rechte zugestehen, dann muss ein freiheitliches im Gegensatz dazu seinen Staatsbürgern primär das Recht auf ein Leben in Freiheit garantieren. Dann erwächst diesen Staatsbürgern daraus die Pflicht, diese Freiheit täglich zu wahren und sie nicht zu missbrauchen."[54] Damit ist gleichzeitig beantwortet, welche Werte der Soldat in der Demokratie verteidigen soll: "Verteidigenswert ist, was lebenswert ist."[55]

Auch dieses ganze Prinzip geht auf eine historische Perspektive zurück, wie man im Laufe der Analyse noch sehen wird.

Die Grundüberlegungen Baudissins aus einem protestantisch-religiösem Weltbild heraus militärisch zu handeln, kommen hier klar zum Vorschein. Denn mit dem Finalsatz „verteidigenswert ist, was lebenswert ist“ wird praktisch das hervorgehoben, was zum einen im Art. 1 GG steht und zum anderen im Neuen Testament mehrfach erwähnt wird. Nämlich, dass man Leben nicht einfach vernichten darf und wenn jemand dies tut, dann muss man sich zur Wehr setzen. Somit hatte nach Blank auch kein Soldat mehr eine Perspektive in den neuen Streitkräften, der wie Erich Maria Remarques Feldwebel "Himmelstoß" verfuhr. Jeder Unteroffizier und Offizier musste verstehen lernen, dass der zukünftige Soldat als ein freier Bürger zu behandeln sei, der die Freiheit und Recht des deutschen Volkes verteidigte.

Jedoch war nicht jeder im Blank-Amt Blanks und Baudissins Meinung. Es gab, so Abenheim, durchaus Kritiker, die nicht das neue preußisch-religiöse Gedankengut mittragen wollten. Sie bauten auf den grundlegenden Satz auf: "Alles, was gut ist, ist nicht neu; und alles, was neu ist, ist nicht gut."[56]

So zeigte der Fall Bonin nach Dietrich Genschel, dass die Reformen nicht nur von allen gut gefunden wurden, sondern es durchaus auch reaktionäre Kräfte gab. Oberst von Bonin gehörte während des Dritten Reiches zum engeren Kreis der Widerständler. Gerade als sich die Bundeswehr in der schwierigen Aufbauphase befand und damit auch vor der Frage, wie sie sich traditionell entwickeln soll, erließ von Bonin, der im Amt Blank das Referat 11 führte, einen Erlass. In diesem beanspruchte er nicht nur die Abteilung Inneres Gefüge für sich, sondern er hatte - so Genschel - diese Verfügung in einem für das Amt Blank ungewöhnlich scharfen militärischen Akzent verfasst. Er wollte also eine Rückkehr zu einer zentraleren militärischen Führung mit dem entsprechenden militärischen Stil dazu. Dies widersprach eindeutig den reformerischen Ansätzen eines Grafen Baudissin und eines Theodor Blank. So schreibt auch Genschel, dass die meisten Mitarbeiter im Amt Blank dies auch in der Tat als einen Verstoß gegen die allgemeine Auffassung des Inneren zukünftigen Gefüges der gesamten Bundeswehr auffassten. Es dauerte auch nicht lange, dass die Öffentlichkeit dies als einen Konflikt zwischen von Bonin und den reformerischen Kräften um Graf von Baudissin zur Kenntnis genommen hatte, der zwischen restaurativen und reformerischen Kräften stattfand. Im Hinblick auf die obigen Grafiken und den analysierten gesellschaftlichen Verhältnissen in der jungen Bundesrepublik konnte dies natürlich kein positiver Impuls für die Wiederbewaffnung sein. So ist es in diesem Kontext auch verständlich, warum viele Deutsche nichts von einer Wiederbewaffnung hielten und somit auch nichts von einem Verteidigungsbeitrag. General Heusinger versuchte dementsprechend die Wogen dieses Konfliktes - so Genschel - zu glätten. In einem Zitat von ihm zu diesem problematischen Vorgang sieht man aber auch, dass in der Tat neue Normen in der sich im Aufbau befindenden Armee des Jahres 1952/53 Einzug fanden: "Es habe sich nicht um die Konfrontation zwischen "Reaktionären und Reformern" gehandelt, sondern um eine notwendige Meinungsauseinadersetzung, da die ungeistige und geistige Richtung im Offizierskorps von jeher nebeneinander bestanden hätten. Allerdings habe die Verfügung des Obersten von Bonin eilige Dinge enthalten, "die nach Auffassung verschiedener Leute doch nicht ganz stichhaltig waren."[57]

Wir sehen hier auch wieder historische Bezüge, wenn General Heusinger sagt, dass schon jeher zwei geistige Strömungen im deutschen Offizierskorps vorgeherrscht hätten. Wir können diese historischen Wurzeln vor allem in den schwierigen preußischen Reformen von 1806/07 bis 1815/16 und im Gewissenaufstand des 20. Juli 1944 sehen. Nicht umsonst hat sich ja der erste Verteidigungsminister der Bundesrepublik- so Abenheim- mit dem Vater der preußischen Reformen von 1806/07 Generalleutnant Scharnhorst verglichen. Blank schloss sich, so Genschel, im Übrigen den Worten von General Heusinger an. Entscheidend ist hier nach Genschel jedoch, dass dieser Konflikt ziemlich rasch gelöst worden ist. Die Verfügung wurde nämlich wegen der Verstöße revidiert und von Bonin zudem auf sein Fehlverhalten aufmerksam gemacht. Dies musste, so Genschel, wiederum positive Signale innerhalb der Gesellschaft in Bezug auf die Wiederbewaffnung haben. Dies sehen wir ebenfalls in der Ambivalenz der obigen Statistiken. Dass man der Bundeswehr einen völlig neuen traditionellen Geist vermitteln wollte und jene, die grundsätzlich diesen Geist nicht mittragen wollten, auch nicht auf diesen Weg mitnahm und mitnehmen konnte, zeigt sich gerade am Fall des Obersten von Bonin. Dieser wurde nämlich im Jahr der Bundeswehraufstellung, weil er sich eben nicht an die Rahmenbedingungen hielt, so Genschel, fristlos entlassen.

Dies zeigt eine klare Absage an eine erneute Armee als Staat im Staate. Sie zeigt aber auch den Wert eines Soldaten, der nicht dem Staat und seinem Dienstherren alleine verpflichtet ist, sondern dem Gesellschaftsgefüge als Ganzes. Der Soldat stellt mit eine Säule der Demokratie dar und trägt damit eine immense Verantwortung für das Gelingen des demokratischen Staates, wie bereits an der "Schule Baudissin" gesehen. Von Bonin schien die Umkehrung dessen gewollt zu haben, nämlich die Militarisierung und Zentralisierung des Inneren Aufbaus bzw. Gefüges der Streitkräfte. Er verstand wahrscheinlich nicht, dass das Innere Gefüge der Bundeswehr das Gesellschaftsgefüge bedingte und umgekehrt. Im Grunde genommen stellt eine demokratisch-westdeutsche Streitmacht selbst einen gesellschaftlichen Teil dar. Der einzelne Soldat ist nicht mehr nur Soldat, sondern wie Baudissin und Heusinger es richtig formuliert haben, ein Staatsbürger in Uniform. Dies war eine völlig andere normative Richtung, als jene, die von Bonin vorschwebte. Die Bundeswehr sollte ein aufgehender Teil der Demokratie in der jungen Bundesrepublik sein. Dies verstand jedoch nicht nur Oberst von Bonin scheinbar nicht, sogar der engste Kreis um Graf von Baudissin rieb sich an dem reformatorischen Weg. Dies zeigt sich, so Genschel, an der so genannten "Karst-Denkschrift"[58] vom 1. August 1955. Karst war der Stellvertreter von Baudissin. Genschel sagt über die Denkschrift, dass sie zum Teil in einem polemischen Stil geschrieben worden sei. „Politische Kontrolle gegenüber der Exekutive werde im Falle der Wiederbewaffnung als Kontrolle des Zivilisten gegenüber dem Soldaten missverstanden. Nicht der Staatsbürger in Uniform, sondern "der Soldat im Ghetto, den man bei schärfster Kontrolle, magerer Kost und schlechtem Gehalt im Zaum halten will", scheine Leitvorstellung zu sein."[59] Hier sieht man wiederum eindeutig auch einen reaktionären Stil innerhalb des Amtes Blank. In dieser Argumentation verkennt Karst nach Genschel die politische Situation in der sich Westdeutschland in den fünfziger Jahren befand. Jedoch blieb es nicht bei diesen Äußerungen. Karst setzte mit der Feststellung fort, dass man zu vorsichtig sei und immer auf die Weimarer Republik zurückschauen würde. Dies tue man, obwohl, "…die Mehrzahl der ehemaligen Berufssoldaten sich nach dem Zweiten Weltkrieg von der politischen Vergangenheit gelöst hätten."[60] Der Glaube, dass die Mehrzahl der deutschen Bundeswehrsoldaten sich von der politischen Vergangenheit gelöst hätte möge, so Genschel, zwar stimmen. Interessant erscheint ihm aber, dass die Denkschrift Karsts auf eine allgemeine Zustimmung bei ehemaligen Soldaten stieß. Diese Grundstimmung kommt in folgender Meinung zum Ausdruck: "Eine Truppe aber, deren Führerkorps sich als Paria im Staate behandelt fühlt, von Misstrauen, Angst und allgemeiner Ablehnung eingekreist, schlägt sich nicht."[61]

Genau diese Ansicht vertraten einige ehemalige Soldaten, die, so Genschel, Angst um ihre einstigen gesellschaftlichen Vorrechte hatten und somit jene Ängste zu Ressentiments gegenüber einem demokratischen Staatsgebilde aufbauten. Zudem sahen sie sich durch die neue Staatsführung, die ein neues Wertesystem innerhalb den gesamten gesellschaftlichen Institutionen aufbauen wollten, diskriminiert, diffamiert ja ausgeschlossen. Je näher der Wiederaufbau der Streitkräfte rückte und je deutlicher wurde, die neue Streitmacht unter einer deutlichen politische Kontrolle zu rekonstruieren, umso stärker wurde die Ablehnung der ehemaligen Soldaten gegenüber den neuen Streitkräften.

Man muss diesen Konflikt aber auch etwas in einem anderen Kontext betrachten. Karst scheint von der alten Militärelite gedrängt worden zu sein, eine Darstellung zu verfassen, die auf den Großteil des Amtes Blank und den im Aufbau befindlichen Streitkräften nicht zutraf. Dies spiegelt sich auch im folgenden Zitat wieder: "Es würde aber unausdenkbare Folgen haben, wenn die halbausgestreckte Hand der Soldaten nicht angenommen und dadurch geöffnet, sondern zurückgezogen und damit geballt würde."[62]

Diese, so Genschel, wortwörtlich "kritisch-polemischen Bemerkungen", die sich auch als Drohungen auffassen lassen könnten, konnte nicht die Auffassung eines einzelnen seien.[63] Hier treffen wir wieder auf die Feststellung des General Heusinger, der auf die historische Ambivalenz innerhalb des Offizierskorps hingewiesen hat. Aber genau dieser Diskurs war für die Traditionsformung innerhalb der Streitkräfte notwendig. Nur so konnte Richtiges und Wichtiges von Falschem und Vergänglichen getrennt werden.

Interessant ist auch im Fall Karst, dass der Konflikt schnell gelöst wurde. Karst wurde nicht wie von Bonin entlassen. Graf von Baudissin und Theodor Blank, die Karsts Vorgehen kritisierten, stellten sich jedoch vor ihn. Genschel bemängelt diese Art der Reaktion der beiden reformatorischen Köpfe. Man muss jedoch bei der Beurteilung in diesem Fall berücksichtigen, dass dieser Konflikt nur im Parlament höhere Wogen schlug. Das Parlament war sich über die Bedeutung dieser Denkschrift durchaus bewusst und verurteilte empört die Auffassung Karsts. Jedoch gaben sie dem Minister für Verteidigung mit auf dem Weg, dass bei den ersten Lehrgängen für die Streitkräfte unter anderem eine Unterrichtseinheit über das parlamentarische Staatssystem abgehalten werden sollte. Dies hebt die völlig neue Intention für die Wiederbewaffnung nochmals eindeutig hervor. Die Streitkräfte sollten mithelfen, den neuen Staat und seine Elemente besser zu verstehen.

Ein weiterer Konflikt drehte sich um die Erziehungsleitsätze des einzelnen Soldaten. Bei dieser Auseinandersetzung wurde deutlich, welche normativen Schwierigkeiten der Aufbau der Streitkräfte mit sich brachte. Der Dienstellenleiter der zivilen Sektion im Ministerium Blank, Ernst Wirmer, verfasste in den fünfziger Jahren ein Exposé zur Frage der soldatischen Erziehung. Dieses war gegen die Sektion Innere Führung gerichtet. Hier beklagte Wirmer, dass die Streitkräfte sich scheinbar nicht mit der gegebenen Ausbildung eines jeden Soldaten zufrieden geben würden. Stattdessen, so Wirmer, verlange die Sektion Innere Führung einen deutlichen Erziehungsauftrag für ihre Offiziere und Unteroffiziere. Möglicherweise, so Wirmer, sollte gar die Erziehungsweitergabe vor der Ausbildungsweitergabe rangieren. Dies käme einem "Totalitätsanspruch der Streitkräfte gleich, was der Bedeutung des Wehrdienstes jedoch nicht gerecht werden würde."[64] Zudem wären die Wehrpflichtigen bereits im Sinne des Staates erzogen, nämlich als mündige Staatsbürger. Außerdem, so Wirmer zu dieser Frage, wären die Kommandeure selbst mit dem Erziehungsauftrag überfordert. Dass der Erziehungsauftrag den Militärs übereignet werden sollte, "...berge die Gefahr, dass der Wehrdienst erneut als "Schule der Nation" nicht nur angesehen werden würde, sondern auch tätig werden möchte."[65] Zudem fehle in den Leitsätzen zur Erziehungsfrage innerhalb der Inneren Führung Bezüge auf das "Wehrmotiv, das Vaterland, Heimat und Familie sowie auf andere Werte.“[66] Diese Beschwerde wurde von Blank an den Leiter der Inneren Führung General Graf von Baudissin weitergeleitet, wobei Blank gleichzeitig Wirmer zu verstehen gab, dass nach seiner Auffassung "Erziehung und Ausbildung nicht voneinander zu trennen seien...".[67] Wir sehen auch hier wieder wie schwierig die Reorganisation der bewaffneten Macht war. Auch dieses Problem hat, wie wir in den weiteren Kapiteln sehen werden, historische Wurzeln.

Jedoch schien man sich hier im Vergleich zur Vergangenheit durchaus bewusst zu sein, dass die militärtraditionellen Probleme auch mit der militärischen Erziehung zusammenhängen. Dies wird auch in dem Entwurf für das "Innere Gefüge der Streitkräfte."[68] hervorgehoben, den General Graf von Baudissin am 30. Juni 1952 unterschreibt.

In ihm sieht Graf von Baudissin, Herausgeber von "Soldat für den Frieden", die Möglichkeit gegeben, dass in den neu geformten Streitkräften eine staatsbürgerliche Lebensweise ihren Eingang findet. Denn, so die Gedanken Baudissins, mit dem Einrücken der Rekruten in die Kasernen ist noch keine Garantie damit verbunden, dass damit auch Staatsbürger in diesen Kasernen einrücken. Somit setzt der Entwurf von 1952 nicht den Staatbürger voraus, aber er will ein Stück dazu beitragen, dass er es möglicherweise wird. So steht in diesem Entwurf, an dem General Baudissin einen großen Anteil hatte, auch unter Punkt 2 "Militärgerichtsbarkeit, Disziplinarordnung und Beschwerderecht", was mit der Erziehungsteilhabe der Unteroffiziere und Offiziere gemeint ist.[69] "Der disziplinare Bereich sollte nach folgenden Gesichtspunkten gestaltet werden: Der nächste Disziplinarvorgesetzte, d. h. für Unteroffiziere und Mannschaften der Kompaniechef, für Offiziere der Bataillonskommandeur, übt im Grundsatz die Disziplinargewalt aus als der für die Erziehung verantwortliche Vorgesetzte...".[70]

Es handelte sich also nicht wie in der Vergangenheit um eine Erziehung im Sinne des zivilen Sektionsleiter Wirmer. Dies war eben keine Erziehung im Sinne der Nation mit vollkommener Gehorsamkeit ihr gegenüber. Somit war es eben keine Schule der Nation. Es war vielmehr zunächst einmal eine Reformerziehung gegen den gewöhnlichen traditionellen, militärischen Weg. Es handelt sich hier nämlich um eine Disziplinarerziehung, die bei Vergehen im Sinne der Demokratie maßregelte und bei guten Leistungen belohnte. Es handelte sich also wie anfangs erwähnt um eine Erziehung im Sinne der Demokratie und damit einer neuen Wertekombination. Man könnte hier nach Baudissins Auffassung auch vom Wehrdienst als Schule der Demokratie sprechen. General a. D. Ulrich de Maiziere sagte in einem Interview der Zeitschrift für Innere Führung auf die Frage: "Welche Grundüberlegungen leiteten die Planer in den 50er Jahren bei der Gestaltung des Konzepts (Innere Führung)?", folgendes: "Die Soldaten der Bundeswehr waren dazu aufgerufen, die neu erworbene Freiheit zu verteidigen. Deshalb sollten sie auch Freiheit erleben dürfen, soweit dem nicht militärische Erfordernisse entgegenstanden."[71] Dies deckt sich vollkommen mit dem was im Handbuch für Innere Führung aus dem Jahre 1964 unter dem Stichwort freie Streitkräfte steht. "Das innere Gefüge freiheitlicher Streitkräfte wird die Grundrechte nicht nur möglichst wenig einschränken, sondern sie im Gegenteil so deutlich wie möglich hervortreten lassen - zumal diese Werte für viele unserer Soldaten in der Bundeswehr zum ersten Mal lebendige Wirklichkeit werden."[72]

Wir sehen also m beiden Zitaten im historischen Vergleich einen deutlichen Traditionsumbruch. Dieser entstand wie Ulrich de Maiziere ausgeführt hat durch die neu gewonnene Freiheit. Jene Gegebenheit, die Ulrich de Maiziere so hervorragend in seiner Antwort formuliert hat, steht auch im Handbuch für Innere Führung unter der Überschrift "Streitkräfte in der Demokratie". "Wir müssen uns allerdings mit aller Entschiedenheit darüber klar werden, dass Streitkräfte in einer Demokratie, Streitkräfte in einem freiheitlichen Rechts- und Verfassungsstaat, wesenhaft anders aussehen als in obrigkeitsstaatliehen oder totalitären Systemen. Im Obrigkeitsstaat heißt das: Die Entscheidungen den Herrschenden überlassen, vertrauensvolles Nichtbekümmern um das politische Leben im weitesten Sinn - häufig bis in das Sittlich - Rechtliche hinein und damit ein Dasein in Isolierung und Gleichförmigkeit...“ Die Demokratie dagegen verlangt vom Staatsdiener auch und gerade vom Soldaten - wachsames Interesse und tätige Verantwortung inmitten der staatlichen Gemeinschaft. Ganz abgesehen davon, dass sich in einer Demokratie soziales Ansehen ohne Übernahme von Verantwortung auf die Dauer nicht erhalten lässt."[73] Wirmer hat diesen Traditionsbruch auch in der Erziehungsbeziehung, wie er hier in mehreren Formen vorgestellt worden ist, scheinbar nicht erkannt. Baudissin, der die Beschwerde von Theodor Blank erhalten hatte, erklärte in seiner Stellungnahme zu der wichtigen Frage, warum auch in einer Demokratie militärische Erziehung sich nicht von der militärischen Ausbildung trennen lässt: "Betrachte man die Erziehung als Nebenwirkung der Ausbildung, so sei damit dem "Komiß" Tür und Tor geöffnet. Angesichts der neuen Kampfformen, die nicht selten Kampf in eigener Verantwortung forderten, sei die Beachtung des erzieherischen Aspekts von Anbeginn des militärischen Dienstes notwendig."[74] Diese Ausführungen sind wie wir hier sehen identisch mit den Ausführungen aus dem Handbuch für Innere Führung sowie den Antworten des Generals a. D. Ulrich de Maiziere. Baudissin sieht scheinbar sehr eindeutig in dieser Konfliktfrage die Weimarer Republik vor sich, in welcher der Soldat eben nicht als Soldat der Demokratie und deren Werten erzogen wurde.

Am Anfang dieses Kapitels ist ja durch den General Baudissin klar geworden, dass aufgrund des veränderten Kriegsbildes sich auch Werte und Normen ändern müssen. Somit gibt es im Traditionsverständnis der Bundeswehr reformatorische Ansätze der Schule Baudissin, die im veränderten Staatssystem und Kriegsbild begründet sind. Beides hat die bewaffnete Macht nach Baudissin zu berücksichtigen. Dies sollte sich eben nicht nur im Eides- und Treueverhältnis niederschlagen, sondern auch in der disziplinarischen, militärischen Ausgestaltung. Baudissin entkräftete auch Wirmers Behauptung, die militärischen Führer würden selbst mit der Erziehung überfordert sein und vielleicht wieder zu alten Formen der militärischen Führung zurückgreifen, durch die Feststellung, dass derjenige, der nicht eine gewisse Erziehung weitergeben könne, auch nicht zum Führen geeignet sei. Der Konflikt wurde schließlich durch die politisch-militärische Ebene geregelt, nämlich dadurch, dass man sich hinter die Auffassung Graf von Baudissins und der Inneren Führung stellte.

Ulrich de Maiziere antwortete auf die oben aufgeworfene Interviewfrage in Bezug auf die Gedanken, die Baudissin hier geäußert hat, unter anderem, dass "[d]as Konzept der Inneren Führung mit dem Begriff "Staatsbürger in Uniform" eng verknüpft ist. Es ging um die Durchsetzung des Primats der Politik gegenüber dem Militärischen."[75] Genau dies versuchte man in eine neue Traditionsform zu gießen, wobei man immer wieder in die Geschichte blickte, um zu sehen, was man von ihr übernehmen kann und was eben hinfällig geworden war. Aus den dargestellten Konflikten formte sich dabei eine neue Traditionsauffassung herausformte.

3.6 Der Primat der Politik

Dass der Primat der Politik hierbei eine wichtige Rolle einnahm, haben wir anband der aufgeführten Konflikte bereits gesehen. Deutlicher jedoch, tritt er durch die Arbeit des Sicherheitsausschusses des Deutschen Bundestages hervor. Genschel stellt in seinem Buch "Wehrreform und Reaktion" hierzu fest, dass der Sicherheitsausschuss zwar nur große weit gefächerte Beiträge zum Konzept des Inneren Gefüges der westdeutschen Streitkräfte geliefert hat, dennoch beschäftigte sich der Ausschuss sehr intensiv mit den ideellen Grundzügen der Bundeswehr. Hierbei war für den Ausschuss von vornherein klar, dass Begrifflichkeiten wie: "Volk, Vaterland, Europa"[76] als grundlegende Begriffe der neuen Streitkräfte und deren Werterahmen, sprich auch und vor allem ihrer Tradition anzusehen seien. Dies war auch selbstverständlich, nachdem sich andere normative Begriffe durch die historischen Ereignisse abgenutzt hatten. Es war von Anfang an klar, dass die Begriffe Volk, Vaterland und Europa nur einen antreibenden-traditionellen Rahmen darstellen konnten, auf dem die Bundeswehr in ihrer Anfangsphase aufbauen sollte und konnte. Dieser sollte letztendlich, zur Verteidigung der Freiheit, des Rechts und der Menschenwürde dienen. Wortwörtlich stellt Genschel zur Frage des Primats der Politik in diesem Kontext fest: "In einer kompromissartigen Zusammenfassung einigte man sich im Ausschuss darauf, dass vor einem dreifachen Problem stünde: Freiheit, Recht und Menschenwürde seien die entscheidenden Grundwerte; man erstrebe deren Verwirklichung m einem neuen demokratischen Deutschland als dem Vaterland; man sehe dies eingefügt in den Zweckverband Europa, weil nur noch in einem solchen Verband nationale Selbstverwirklichung möglich sei."[77] Man sieht hier einen deutlichen hierarchischen Aufbau der neuen Traditionsvorstellungen innerhalb der Politik.

Jene Vorstellungen sind jedoch nicht neu. Selbst ein Ökonom wie Friedrich List hatte die Vorstellung das Volk an sein gemeinsames vereintes Vaterland heranzuführen und dann in Europa aufgehen zu lassen, so Hans-Werner Hahn. Die Ideale, die hier dem Sicherheitsausschuss als tonangebende Kraft des militärpolitischen Handelns vorschwebten, fanden denn auch ihren Niederschlag im Traditionserlass von 1965 wie auch 1982. 1965 steht im Punkt 10 des Erlasses folgendes: " Nationales Bewusstsein ist eine Triebkraft, die sich seit frühen Anfängen in der europäischen Geschichte entfaltet hat; wir Deutschen haben an dieser Entwicklung teilgenommen. Das nationale Bewusstsein macht auch heute noch wirksame Kräfte innerhalb und außerhalb Europas frei. Die Übersteigerung und Entartung des Nationalbewusstseins hat aber fälschlich die eigne Nation zum Maß aller Dinge gemacht. Solcher Nationalismus hat in unserem Jahrhundert die Welt in das Unglück zweier großer Kriege gestürzt. Wissenschaft, Technik und Wirtschaft, das Mühen um Frieden und nicht zuletzt gemeinsame Vorstellungen von Auftrag, Würde und Glück des Menschen führen heute zu übernationalen Zusammenschlüssen freier Völker, die zu ihrer gemeinsamen Verantwortung finden. Die Einbeziehung der Bundesrepublik in das Atlantische Bündnis führt die Soldaten der Bundeswehr in die Kameradschaft und in die geistige Auseinandersetzung mit Soldaten anderer Nationen; sie gibt ihnen Gelegenheit, zur Verständigung der Völker beizutragen und daran mitzuwirken, dass der Schutz von Frieden und Freiheit als gemeinsame verstanden wird."[78]

Im Traditionserlass von 1982 stehen die vom Sicherheitsausschuss geäußerten militärischen Ideale in den 50er Jahren nicht mehr so explizit wie 1965. Es wird im Punkt 8 und 16 nur noch auf die formulierten Ideale des Ersten Traditionserlasses in diesem Rahmen hingewiesen. Interessant ist jedoch bei beiden Erlassen, dass man sich auf eine neue Tradition, die sich hier eindeutig herauslesen lässt, konzentrierte. Diese unterschied sich vor allem von der vorhergehenden deutschen Militärtradition dadurch, dass sie schon das Problem der Globalisierung mit ins Auge fasste. Zudem erkannte der Primat, dass der Zweck neue Streitkräfte zu unterhalten, nicht hauptsächlich in der Erneuerung des nationalen Bewusstseins und der Vaterlandsliebe liegen kann, zumal jene Begriffe isoliert scheinbar ins Verderben führen. Trotzdem stellen die Erlasse fest, dass es nationales Empfinden aus der Historie heraus gibt und dieses ein wichtiges Element für jede Nation und ihre Armeen darstellt. Jedoch kann dies, wie Baudissin und Ulrich de Maiziere sowie die Mitglieder des ersten Sicherheitsausschusses festgestellt haben, nur fruchten, wenn es einen anderen Traditionsgeist gibt, der nicht alles aus der Vergangenheit verdammt, aber dennoch sich vielem neuen öffnet. Dazu gehörte und gehört auch die Zusammenarbeit mit anderen nationalen Streitkräften. Er fordert letztendlich nicht nur das Verständnis der nationalen Freiheit in der Einigung, sondern auch die Verteidigung der demokratischen Werte in der Gemeinschaft. Damit wird auch das Friedensmonument, das schon bei Stressemann und Briand deutlich geworden ist, hier fertig gegossen. So ist die Verteidigung einer Nation nach den Erlassen nicht nur mehr eine Frage eines Volkes, sondern die Frage vieler Völker, so dass der Krieg allgemein von Beginn an nicht das erste Mittel der Politik sein kann.

3.7 Die Gesellschaft als maßgeblicher Teil der Militärtradition

Die neue Tradition war also tendenziell, wie am Anfang dieser Analyse angedeutet, auf den Frieden ausgerichtet. Dies bedeutete aber auch, wenn man diese Erlasse genauer zur Kenntnis nimmt, dass es hier nicht mehr um reine Verteidigung im traditionellen Sinne der Kriegführung sowie der militärischen Konzeption ging. Hauptsächlich ging es, so muss man die Erlasse verstehen, um die Friedenswahrung, womit auch die allgemeine Verteidigung der demokratischen Werte verbunden war.

Baudissin sieht die aufgeworfene Frage, welche neuen und alten Traditionswerte zu verteidigen sind, aus dem Blickwinkel, welcher die Ansichten der Erlasse und des Ausschusses für Sicherheit stützt. Er stellt zunächst in einem Artikel in der Fachzeitschrift Foreign Affairs aus dem Jahre 1955 unter dem Titel "Die neue Deutsche Bundeswehr" fest, dass das Bekenntnis zur Demokratie, wie es beispielsweise im Eid oder im Gelöbnis zum Ausdruck kommt, nicht ausreicht, um eine Demokratie zu festigen. Hierzu bedarf es eines reinen parlamentarischen Systems, das auch überlebensfähig ist. Diese Erkenntnis kann nur zum Erfolg führen, so Baudissin, wenn eine demokratische Tradition mit dem Volk aufwächst. Diese Tradition kann nur zur Tradition werden, wenn das gesamte Volk diese als allgemeine Norm anerkennt. Er ist hiermit auch der Auffassung, dass somit die Bundesrepublik kein Versuch eines guten Willens zur Demokratie sein kann, w1e es die Weimarer Republik war. Dies setzt aber nach Baudissin auch voraus: "[Dass w]ir (Deutschland) das Grenzvolk der freiheitlichen Welt geworden sind. ... Mit anderen Worten: Welches tatsächliche Potential die deutschen Streitkräfte der europäischen und atlantischen Verteidigung zufuhren, ist aufs engste mit der Frage verbunden, was die freiheitliche Lebensform uns Deutschen heute und morgen bedeuten wird und wieweit der deutsche Soldat sich mit seinem Staat zu identifizieren bereit ist."[79]

Hier wird deutlich, welch analytischer Kopf Graf von Baudissin war. Die Erkenntnis, dass eine neue Militärtradition nur aus alten und neuen Elementen zum Tragen kommen kann, wenn das gesamte Volk eine allgemeine neue Tradition trägt und erkennt. Im Grunde ist das Grenzvolk der Freiheit und Demokratie die Voraussetzung für die Identifizierung mit dieser Tradition und die Kampfbereitschaft der Armee. Dieser Grundsatz hat etwas Historisches. Zur selben fundamentalen Erkenntnis kam schon der Militärtheoretiker Clausewitz nach der Niederlage von Jena und Auerstedt. Um die Synergieeffekte zwischen alter und neuer Militärtradition hervorzuheben, sollen hier noch einige Gedanken von Clausewitz einfließen. Beatrice Heuser stellt in ihrer Analyse über sein Werk "Vom Kriege" fest, dass Clausewitz erkannte, dass die französischen Armeen Napoleons nur geschlagen werden können, wenn ein großer Teil der Bevölkerung die Kriegsanstrengungen allgemein unterstützt. "Um Frankreich zu schlagen, trat er für die Aufstellung einer Volksmiliz, der Landwehr, ein; seine Schriften zu diesem Thema belegen, dass er um das Potenzial für eine gesellschaftliche Revolution wusste, dass die Mobilisierung der Massen mit sich bringen kann."[80] Er hofft jedoch im Gegensatz zu Baudissin, den Patriotismus innerhalb eines monarchisch strukturierten Staatsgebildes zum Leben erwecken zu können. Dennoch lässt sich bei ihm feststellen, dass die Bürger an ihren Monarchen glauben, mit ihm in der Nation eine Vereinigung finden. Hierdurch soll die Verteidigung ein Prinzip finden. Jedoch spricht er hier unter anderem, so Beatrice Heuser, nicht von einer gleichberechtigten Zusammenarbeit im Sinne der Freiheit für die Nation, sondern er spricht von bürgerlicher Gehorsamkeit, die den Monarchen als gegeben hinnimmt. Allerdings sollte der Monarch sich mit Vertretern des Volkes umgeben. Hier schwebt ihm, so Heuser, das oligarchische Modell des damaligen britischen Parlamentes vor. Clausewitz als Anhänger der Konterrevolution erkennt nämlich, dass "nur die Könige, die in den wahren Geist dieser großen Reformation eingehen, ihr selbst voranzuschreiten wissen, [...] sich erhalten können."[81]

Man sieht also schon hier, welchen Stellenwert die Gesellschaft innerhalb des Militärwesens einnahm. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts wurde also erkannt, dass eine effektive Verteidigung nur dann Erfolg haben würde, wenn das Gemeinwesen ein Fundament für die Verteidigung bot. Das schloss die gegenseitige Interaktion mit ein. Das Verstehen von den Normen des Staates und der Geschichte als Leitfaden für Militär und Gemeinwesen musste gegeben sein, um eine Tradition für die Verteidigung der Nation lebendig werden zu lassen. Gesellschaft und Militärwesen sind also demnach, wie schon bei der Definitionsanalyse herausgearbeitet, nicht getrennt, sondern als Netz der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zur Kenntnis zu nehmen. Sicherlich sieht das Zusammenspiel zwischen Gesellschaft und Militärwesen im 19., im 20. Jahrhundert und auch in allen vorherigen Jahrhunderten etwas anders aus. Die Militärtradition entspringt jedoch immer aus demselben Verständnis zwischen dem politischen Selbstverständnis der Gesellschaft und des Militärs als ausführende Gewalt der Politik und damit wiederum aus dem politischen Selbstverständnis.

Somit ist dieser analytische Kreislauf nicht einfach durch die Gegenwart zu ersetzen oder gar abzuschaffen. "Für Baudissin ist dementsprechend die gesamtgesellschaftliche Situation durch einen intensiven sozialen Wandel gekennzeichnet. "Mobilität" und "Dynamik" sind für das gesellschaftliche Leben konstitutiv, das sich insofern von den überschaubaren, Halt vermittelnden Ordnungen früherer Gesellschaftssysteme unterscheidet."[82]

Dies zeichnete auch die Diskussion über die Innere Führung aus. Die Dynamik und Mobilität prägten das Gemeinwesen sowie damit auch die nach Orientierung suchenden Streitkräfte, was sich dann auch in den Traditionserlassen von 1965 und 1982 widerspiegelt. Da dieser Sachverhalt so bis heute noch viel intensiver von Bedeutung war und ist, lehnt, so Genschel, Baudissin die Theorie ab, dass in einer Demokratie die Willensbildung sich allein von unten nach oben bewegt. Somit ist es nach Baudissin sehr wohl notwendig, dass es auch in der politischen Systematik innerhalb einer Demokratie die Möglichkeit für eine Hierarchie als System der politischen Arbeitsteilung geben muss. Dies bedeutet jedoch nicht, dass dadurch der Staat undemokratisch konstituiert ist. So sind für ihn essentielle Wertvorstellungen, wie die "Achtung der freiheitlichen Person und der Rechtsschutz, sowie Überzeugungstreue gegenüber dem politischen System, Verantwortungsbewusstsein im Sinne des Systems und Initiativergreifung für die demokratische Staatsstruktur", die Faktoren, welche der jungen Demokratie in Deutschland und darüber hinaus Stabilität verschaffen.[83] Diese Normen zeichnen damit auch die Grundzüge der Militärtradition der Bundeswehr nach, die auch in den Traditionserlassen verankert sind. Im Traditionserlass von 1982 wird allerdings im Punkt 20 nicht mehr explizit auf die Geschichte Bezug genommen: "Die Bundeswehr pflegt bereits eigene Traditionen, die weiterentwickelt werden sollen. Dazu gehören vor allem:

- der Auftrag zur Erhaltung des Friedens in Freiheit als Grundlage des soldatischen Selbstverständnisses;
- der Verzicht auf ideologische Feinbilder und auf Hasserziehung;
- die Einbindung in die Atlantische Allianz und die kameradschaftliche Zusammenarbeit mit den verbündeten Streitkräften auf der Grundlage gemeinsamer Werte;
- das Leitbild des "Staatsbürgers in Uniform" und die Grundsätze der Inneren Führung;
- die aktive Mitgestaltung den Soldaten als Staatsbürger;
- die Offenheit gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen und die Kontaktbereitschaft zu den zivilen Bürgern;
- die Hilfeleistungen für die Zivilbevölkerung bei Notlagen und Katastrophen im In- und Ausland.

Das sind unverwechselbare Merkmale der Bundeswehr."[84] Wenn wir diese Aussagen mit Punkt 19 des Traditionserlasses von 1965 vergleichen, so stellen wir fest, dass beide Punkte ein Dutzend Faktoren aus der Vergangenheit berücksichtigen. Deshalb ist es sehr fragwürdig, dass der Traditionserlass von 1982 die im Punkt 19 des Traditionserlasses von 1965 genannten Elemente einer von der Bundeswehr weiter zu pflegenden Tradition aus der Geschichte heraus nicht mehr nennt. Es sind ebenso traditionswürdige Bausteine für das Militärwesen innerhalb des demokratischen Staatssystems. Sie sind genauso wie die genannten Traditionselemente von 1982 geeignet, um die Bundeswehr heute wie auch gestern im politischen Selbstverständnis des demokratischen Gemeinwesens aufgehen zu lassen. Der Punkt 20 rührt daher nicht gerade von der Mobilität und Flexibilität her, die Baudissin für das demokratische Gemeinwesen dargestellt. Schließlich ist nach General Wust Tradition weder Dogma noch Rezept. Somit kann man in Bezug auf diese Erkenntnis Baudissin nur zustimmen, wenn er sagt: "Auch das aufrichtige Bekenntnis zur Demokratie kann nicht ersetzen, was ein parlamentarisches System lebensfähig macht: das langsame Wachsen demokratischer Traditionen, die selbstverständliche Sicherheit eines auch ins Unterbewusstsein des Volkes gedrungen freiheitlichen Lebensstils."[85]

Man sollte sich diese These etwas genauer vornehmen. Was Baudissin hier aufzeigt ist im Grunde genommen jene Darstellung, die wir als "Vormodernes Traditionsmodell" kennen gelernt haben. Sie bietet das Abschließen eines historischen Verlaufs, nämlich die Suche nach der Mitwirkung der bewaffneten Macht an dem politischen Selbstverständnis. Deshalb muss man auch den militärischen Traditionsprozess immer auch als dynamischen Prozess begreifen. Das Selbstverständnis eines neuen politischen Systems mit einem neuen gemeinschaftlichen politischen Selbstverständnis, setzt wie Baudissin richtig analysiert, noch nicht die Entwicklung einer deckungsgleichen Tradition voraus. Deshalb, und dies kann man hier nur noch mal betonen, ist es so gut wie unmöglich, eine vergangene Tradition als Last oder Gewinn generalisierend festzulegen, wie es Manfred G. Messerschmidt getan hat. Militärtraditionen gedeihen somit genau in die Richtung, in welche sie das Gemeinwesen lenkt. Natürlich kann es wie bei jeder anderen Materie auch Abschweifungen geben, die jedoch nicht grundsätzlich negativ besetzt sein müssen, genauso wie ein Erbstück der Vergangenheit nicht in Gänze negativ sein muss! Deshalb hat uns auch in Kapitel 2 das "Moderne Traditionsmodell" den Weg gewiesen, den wir fortlaufend gehen sollten, aber nicht so, dass wir alles, was in der deutschen Militärgeschichte einmal geschehen ist, von vornherein als traditionsunwürdig bezeichnen. Denn Traditionen unterliegen nun Mal dem ständigen Prozess der Überprüfung, wie es Baudissin richtig erfasst hat. Dazu gehört auch, dass neue Traditionsformen wachsen und gedeihen. So können nach der richtigen Analyse von Baudissin Normenvorstellungen, wie beispielsweise "Vaterland, Volk, Reich oder Ehre der Nation"[86] nicht mehr in ihrem Gehalt so erfasst werden, wie dies in der Vergangenheit der Fall gewesen ist. Sie müssen differenzierter betrachtet und grundlegend anders interpretiert werden. So hat er denn auch den Weitblick, diese Theorie noch weiter zu fassen, wenn er zum einen von "letzten Werten" und zum anderen von einer "objektiven sittlichen Ordnung"[87] spricht. Die Suche nach den letzten Werten für eine dem Selbstverständnis des Gemeinwesens entsprechende Militärtradition ist im Grunde genommen das Fundament einer Tradition für die Bundeswehr, die wiederum eine Tradition in sich selbst darstellt. Sie kann kaum von einer anderen Tradition ersetzt oder abgesetzt werden, zumal dies in einer objektiven Analyse der sittlichen Ordnung entsteht.

Dieses Traditionsfundament ist, wie Baudissin hier zu Recht dargestellt hat, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit der Suche nach den "letzten Werten in einer objektiv sittlichen Ordnung" ist es demnach auch möglich, dass Begriffe wie Vaterland, Volk, Reich und Ehre der Nation in der objektiv sittlichen Ordnung mit ihrem historischen Gehalt aufgehen können. So ist Genschels These, dass "das Baudissins Wertvorstellungen zugrunde liegende liberale Bild vom autonomen Individuum ... härtere Anforderungen in Bezug auf Entscheidungs- und Risikowilligkeit"[88] impliziert, mehr als nur nachvollziehbar. Denn neben den letzten Werten in der objektiven, sittlichen Ordnung, gilt es eben auch die Sittlichkeit zu erhalten. Dies ist aber umso schwerer, je autonomer die Ordnung in sich selbst ist, denn die Entscheidungsfreiheit wird, so die Auffassung Genschels, durch die absolute Autonomie des Einzelnen im Rahmen des Gesetzes "Freiheit nach sittlicher Bindung"[89] eingeengt, was auch logischerweise die Risikofreude minimiert. Dies gilt für die gegenwärtige Zeit noch mehr und muss im Prozess der ständigen Traditionsüberprüfung mit einbezogen werden. "Im Vordergrund steht der Spannungszustand, in dem sich das Individuum heute zwischen dem Zuwachs an Freiheit einerseits und andererseits der mangelhaften Fähigkeit, diese Chance zu erkennen, sie als positiv zu werten und sie aktiv zu nutzen, befindet. Die geistige, politische und militärische Entwicklung stellt den Einzelnen vor Entscheidungen, die ihm früher abgenommen wurden."[90]

Genau aus diesem Grundverständnis heraus muss die Möglichkeit gegeben sein, auch Werte aus vergangenen militärischen Traditionen zu übernehmen, die vielleicht aus den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen heraus zunächst einmal beim ersten betrachten eher als negativ, einzustufen sind. Aber das setzt eben die Erfassung des Geschichtsbildes und hier explizit der Militärgeschichte voraus. Mit dieser Erfassung muss auch das Verständnis der historischen Begrifflichkeiten nicht nur in ihrer Bedeutung mit einhergehen, sondern vor allem müssen diese Begrifflichkeiten als vernetztes Spektrum, quasi als universelle Begrifflichkeiten, verstanden werden. Hierzu reicht es nicht sich des Brockhauses oder Dudens zu bedienen. Die historischen Begrifflichkeiten und das Verstehen der geschichtlichen Verläufe als gesamtgesellschaftlichen Prozess müssen gerade dazu dienen, wie Baudissin hier zu Recht dargelegt hat, die politische und damit auch militärische Entwicklung zu begreifen und für sich selbst die Entscheidung zu treffen, ob man an dieser Entwicklung teilhaben möchte oder nicht. Damit geht aber auch mit einher, ob man sich dem jeweiligen Gemeinwesen zugehörig fühlt oder eher parallel zur Gesellschaft lebt! Entscheidet man sich gegen die Teilhabe an der gegenwärtigen wie auch zukünftigen Entwicklung "mangels Erkenntnis", so kann dies nach Baudissin zur Folge haben, dass der Einzelne vereinsamt, "der seine eigene Situation und seine Umgebung nicht versteht, sich mehr und mehr seiner Umgebung entfremdet, gegenüber Staat, Organisationen und auch Mitmenschen ein tiefes Misstrauen entwickelt und seiner steigenden Lebensangst durch eine Flucht in die private Sphäre Herr zu werden versucht."[91] Dies kann natürlich im Umkehrschluss, dann auch zu einer falschen Traditionsentwicklung oder gar Begründung führen. Gerade deshalb sollte man nicht vergangene militärische Traditionsvermächtnisse oder gar militärgeschichtliche Ereignisse von vornherein ausschließen, wie wir anhand des Traditionserlasses von 1982 mehrfach erfahren haben und noch sehen werden.

Das Wachhalten militärgeschichtlicher Gegebenheiten, welches Baudissin hier fordert, ist für die Gegenwart und Zukunft sowie für die Bundeswehr von gestern und heute von grundlegender Bedeutung für den richtigen Traditionsprozess. So kommt Baudissin auch zu der wegweisenden Erkenntnis im Sinne dieser Analyse, dass eine freiheitliche Ordnung niemals "fertig" (1972: 44) sein kann. "Das Fertige ist der Traum eines perfektionistischen Planes" (Baudissin zitiert nach Genschel 1972: 44)

Hiermit wird aber auch die Theorie zu Grunde gelegt, dass die Traditionsentwicklung weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart fertig sein kann. Die Tradition kann demnach auch niemals einem perfektionistischen Plan unterliegen. Die baudissinsche Schule impliziert damit auch zu Recht, dass Tradition niemals Last wie auch niemals Gewinn sein kann. Für die baudissinsche Schule bilden die Streitkräfte demnach das Fundament, zwei Funktionen zu erfüllen. Erstens der Schutz des Staatssystems nach außen. Zweitens die Mitwirkung an der Fortentwicklung des Gemeinwesens. "Diese Doppelfunktion ist nur erfüllbar als Ergebnis eines gesellschaftlichen Integrations- und Identifikationsprozesses. Die Voraussetzung hierfür ist ein den parlamentarischen Grundsätzen entsprechender Einbau der Streitkräfte in das Verfassungsgefüge."[92]

Dementsprechend erfasst Baudissin richtiger Weise, dass die Armee in der Gegenwart wie auch der Zukunft niemals Selbstzweck sein kann, denn sie muss als Organisation der integrierten politischen Ordnung verstanden werden, womit sie als funktionaler Träger des politischen Systems im nationalen wie globalen Sinne verstanden werden muss. Hiermit wird uns letztlich klar, was die Tradition der Bundeswehr in der Gegenwart begründet. Es ist die Vielzahl von historischen und funktionalen Aspekten, welche die neue und bis heute gültige Tradition von der baudissinschen Schule und seiner geistigen Mitstreiter gründete. Sie muss Maß für die weitere Entwicklung der in der Transformation befindlichen Bundeswehr sein. Dies darf aber keinesfalls dazu führen, dass man alle militärgeschichtlich-relevanten Gegebenheiten als obsolet abtut, sonst ist die Gefahr sehr groß, dass Militärtradition in ihrer Gänze im Gemeinwesen niemals reflektiert wird. Die Bundeswehr der baudissinschen Schule muss wie die Schule von Scharnhorst, Gneisenaus und auch Clausewitz immer ihre geschichtlichen Wurzeln im Blickfeld behalten, sonst kann sie nur sehr schwer ihre eben aufgezeigte Doppelfunktion erfüllen. So bleibt hier auch die Frage, die schon im Ersten Kapitel gestellt wurde, offen, warum man nach den Traditionserlassen von 1965 und 1982 die Traditionslinie der Bundeswehr nur in den drei historischen Säulen, der Reformer von 1806/07, dem Widerstand des Zeitraumes von 1933-1945 und der Gründung der Bundeswehr und ihrem eignen geschichtlichen Verlauf ab 1955 sieht? Weshalb können nicht andere Erbteile der Vergangenheit in die Traditionsgegenwart der Bundeswehr übernommen werden und warum müssen es gerade die drei Traditionssäulen sein? Müssen wir nicht kritisch anhand der Militärgeschichte im gesellschaftsgeschichtlichen Gesamtkomplex überprüfen, ob es nicht möglich ist, noch andere Traditionselemente der Vergangenheit in die Gegenwart zu transferieren? Vielleicht ist es sogar möglich, dass die drei in den Erlassen genannten Traditionen anhand der geschichtlichen Empirie, gar nicht der gegenwärtigen politischen Auffassung bzw. dem politischen Selbstverständnis des Gemeinwesens entsprechen! Diesem gilt es nun in der weiteren Erläuterung des Themas genauer auf den Grund zu gehen.

4 Die Deutsche Militärtradition als ständig wandelnder Prozess und die Frage: Was ist von ihm übernehmensfähig?

Die deutsche Militärgeschichte unterliegt, wie im Folgenden zu analysieren ist, einem ständigen Kontinuitäts- und Diskontinuitätsprozess, der sich von anderen militärgeschichtlichen Ereignissen in der Weltgeschichte unterscheidet.

4.1 Das Mittelalter und die Militärtradition

"Das Verhältnis von Tradition und Neuordnung“, als ein gravierendes Problem deutscher Militärgeschichte und deutscher Politik begann schon mit dem Westfälischen Frieden 1648.[93] So blieben nach Marwitz beispielsweise die Söldner in den damaligen Söldnerheeren über mehrere Jahrzehnte nach dem westfälischen Frieden und auch je nach Region des Reiches mehr ein Eigentum der Kommandeure, also den Obristen, als dass sie ein Eigentum bzw. ein Heer des Fürsten waren. Erst mit den veränderten Beziehungsgrundlagen zwischen dem Fürsten und dem Heer veränderte sich auch das Befehls- und Traditionsverhältnis.

Einer der wichtigsten Traditionswerte in der deutschen Militärgeschichte war die Treue zu einem bestimmten Befehlshaber oder zu einer Institution. Sie hatte für militärische Zwecke sicherlich einen sinnvollen disziplinarischen Wert, aber sie hatte auch im Laufe der politischen wie militärischen Geschichte Deutschlands, wie wir noch sehen werden, mehr als einmal verheerende Folgen. Im Traditionserlass von 1965 steht im Punkt 13 zu diesem Traditionswert folgendes: "Gehorsam und Pflichterfüllung gründeten stets in der Treue des Soldaten zu seinen Dienstherren, der für ihn Recht, Volk und Staat verkörperte. Diese Treue wird im Eid gelobt. Er bindet beide, Soldaten und Dienstherren, im Gewissen. Der Bruch des Eides durch den Dienstherren rechtfertigt Widerstand aus Verantwortung. Widerstand darf jedoch nicht zum Prinzip werden. In unserem Rechtsstaat bleiben beiderseitige Treue und Repräsentation der Bundesrepublik Deutschland und der Soldaten der Bundeswehr Grundlage des Dienstes. Der so geforderte Gehorsam des Soldaten ist dem Recht im Gesetz unterworfen und an das Gewissen gebunden."[94]

Dieser Punkt, den wir schon im Kapitel 3.7 ausführlich erläutert haben, zeigt uns auf welches Fundament der Soldat der Nachkriegszeit die Verteidigung von Recht und Freiheit des Deutschen Volkes stützen sollte, nämlich auf die Treue zu der geographischen Institution die Bundesrepublik. Schauen wir auch hierzu ins Handbuch für Innere Führung aus dem Jahr 1964: " Wozu verpflichtet der Eid? Er verpflichtet zum treuen Dienst an dieser unsere Bundesrepublik. Also kein Phantom, für keine abstrakte Idee, sondern für diese Wirklichkeit mit all ihren Unzulänglichkeiten und Belastungen."[95] Hier wird praktisch der obige Fakt ebenfalls aufgeführt, dass sich der Treueschwur mit der Bundeswehr eben nicht an eine Person richtet, die den Dienstherren darstellt, sondern an den Staat. Dieser war nun der Dienstherr. Er war damit aber auch keine Fata Morgana, sondern echte Realität. Warum musste dies in den Anfangsjahren der Bundeswehr so betont werden?

Wenn wir uns das Leitbild des Treueverhältnisses zwischen Söldner bzw. Soldat und seinem Dienstherren ansehen, so sehen wir im Laufe der Militärgeschichte, dass dieses sehr wechselvolle Gegebenheiten durchgemacht hat. Schon im Mittelalter war die Treue zum Kriegsherren, so Marwitz, eine der wichtigsten traditionellen Tugenden. "Die Adligen, deren Beruf es wurde, Kriege zu führen, ließen sich ihrerseits für ihre Dienste in der Königsgefolgschaft mit Herrschaftsrechten und Verfügungsgewalt über Grund, Boden und menschliche Arbeitskraft entlehnen. Für die Königsgefolgschaft galt der sogenannte Treuevorbehalt, der besagte, dass die dem König von allen Reichsangehörigen, insbesondere aber allen Kronvasallen geschuldete Treuepflicht jeder anderen Treuepflicht voran ging."[96]

Schon hier ist interessant, dass die Treue, die die Vasallen dem König schworen, praktisch das höchste Gut war, denn sie ging jeder anderen Treue voran. Es ist aber nicht klar, ob der Vasall im Falle eines militärisch unrechtmäßigen Befehls, wie er beispielsweise im Punkt 13 des Traditionserlasses von 1965 aufgeführt wird, verweigern konnte oder aber diesen Befehl unabhängig von seiner Rationalität ausführen musste. Denn, so Marwitz, die Treuepflicht wurde in einem personenbezogenen Treu- und Mannschaftseid abgelegt. So ist der Gedanke der absoluten Allbindung an die oberste militärische und politische Führungselite nicht erst eine Erfindung der Neuzeit und damit ist die Ausnutzung dieses Treueverhältnisses auch nichts Neues. Gerade weil der Vasall ein enger Vertrauter des Kriegsherrn durch die Treueverbindung war, genoss er ein außerordentliches Ansehen, das er natürlich nicht einfach verlieren wollte. Hier schwingt schon ein gewisser Unterton von der militärischen Treuetradition des 19. und 20. Jahrhunderts mit. Denn auch in den Armeen dieser Jahrhunderte spielte der Treueid auf den Dienstherren eine immense Rolle, ja eine so große Rolle, dass er eine andere Tugend, nämlich das militärische Gewissen, ausschalten konnte. Die Dienstmannschaften hingegen hatten nach Marwitz in der mittelalterlichen Zeit keinen Treueid abzulegen, sie unterlagen einer Dienstpflicht. Das bedeutet aber auch, dass die Söldnertruppen nicht wie etwa in der Neueren Geschichte zu sehr an ihren Obersten Befehlshaber gebunden waren, sondern eher freier agieren konnten. Dies hatte natürlich für das militärische Agieren im Bereich der Menschenrechte, wie es z. B. Baudissin formuliert hatte, seine Vorteile. Denn hier konnten Söldner auch nach ihrem Gewissen und der Vernunft in militärischen Aktionen agieren. Was das allerdings für die Disziplin für Folgen hatte, lässt sich hier natürlich schwer sagen. Deshalb, so Marwitz, reichte auch nicht die wirtschaftliche und herrschaftliche Verfügungsgewalt über unabhängige Söldnerheere aus. Vielmehr baute der militärische Führer seine, „…Legitimation auf einem religiös gedachten Charisma, das ihm die Mannschaften zuerkannten, auf.“[97]

Hier sehen wir einen Teil des Gedankenmodels Baudissins, der auch, wir erinnern uns am Anfang der Wiederbewaffnungsdiskussion, an das Fundament der protestantische Religion dachte. Allerdings muss man dies natürlich relativieren. Das hiesige religiöse Monument wird auf den militärischen Führer zugespitzt, während die religiöse Tugend bei der Bundeswehr auf die höhere Gewalt Gottes ausgerichtet ist. Inwieweit die Religion in der Frage des mittelalterlichen Kriegswesens eine Rolle spielte, zeigt ein kirchliches Dekret aus dem Jahre 1140, an das sich die weltliche Kriegsherrschaft hielt. In diesem Dekret stand folgendes:

"1. Das Recht zum Krieg steht nur der Landesherrschaft und der Kirchenführung zu. Ein privates Kriegsrecht ist nicht gegeben, die Selbsthilfe ist nur in unmittelbarer Bedrohung statthaft.
2. Der Krieg hat die Rechtswahrung nach außen und Rechtssicherung nach innen zum Ziel und ist ein Mittel zur Friedenssicherring.
3. Das Kriegführen findet auf Befehl des Herrschers statt, dem Befehl legitimiert die Kriegsteilnahme. Ein unrechtmäßiger Befehl wird dem Kommandierenden, nicht dem Ausführenden als Sünde angerechnet.
4. Heerfolge muss auch dann geleistet werden, wenn Zweifel über den Kriegsgrund besteht."[98]

Wir sehen an diesem Katalog einmal, dass der Krieg mit seiner gesamten Militärmaschinerie, nicht nur eine Frage des einzelnen Treueverhältnisses zwischen Söldner und Kriegsherren ist, sondern eine gesamtgesellschaftliche, ja eine globale Angelegenheit. So kann man hier den Krieg nicht mehr als ein Instrumentarium der Außenpolitik ansehen, genauso wenig, wie man ihn als Instrumentarium der Innenpolitik ansehen kann. Vielmehr ging es, wie Michael Geyer in seinem Buch "Deutsche Rüstungspolitik 1860-1980" feststellt, hierbei auch immer um die Umverteilung der materiellen wie personellen Ressourcen. Die Institution, die die meisten Reserven in sich vereinigen konnte, hatte selbstverständlich auch die Möglichkeit, gesellschaftlich so zu wirken, dass sie ein Monopol innerhalb des Staatsgefüges nicht nur im nationalen Sinne erlangte, sondern eben auch im globalen Sinne! Diese Tendenz scheint schon im Mittelalter ihren Verlauf zu vollziehen und endet im Grunde genommen in ihrer Gesamtheit Anfang bzw. Mitte des 20. Jahrhunderts. Hier wurde eine Tradition erhoben, die in der deutschen Militärhistorie nicht nur militärisch betrachtet werden darf, sondern vor allem gesellschaftlich und wenn möglich global. Deshalb möchte ich hier schon andeuteten, dass Manfred G. Messerschmidts Aufsatz, „Tradition als Last" nur eine Komponente der Traditionsproblematik innerhalb der deutschen Militärhistorie untersucht, nämlich rein die militärtechnokratische innerhalb der Deutschen Wehrmacht. Er betrachtet weder die gesamte Chronik der Deutschen Militärgeschichte, noch den gesellschaftlichen Rahmen in der jeweiligen Epoche, der zu den jeweilig auftretenden Phänomenen innerhalb der Deutschen Militärtradition in ihrer historischen Betrachtung einige wesentliche Erklärungen liefern kann! Die Punkte drei und vier in dem obigen Dekret sollten uns hier am meisten interessieren. Sie geben darüber Aufschluss, wie es mit dem Treueverhältnis zwischen Vasallen, König und den Söldnern aussah. Wenn wir den zweiten Satz der 3. Ziffer anschauen, stellen wir fest, dass wie 1945 die Möglichkeit eines Alibicharakters bei Kriegsverbrechen enthalten ist. Im Grunde genommen konnte sich der adlige Kommandeur von seinem Befehl aufgrund seines Treueids in Bezug auf den Kriegsherrn genauso herausreden, wie der einfache Söldner sich von der Ausführung des Befehls lossagen konnte, weil er dienstlich gebunden war.

Dies wird erst recht durch die 4. Ziffer des Dekrets untermauert, denn keiner durfte Widerspruch gegen den zu führenden Krieg erheben. Die Berufung hierbei auf Gott und die christlich Religion - egal ob katholisch oder später protestantisch-evangelisch - war für viele Militärs ein zusätzliches Fundament traditioneller Orientierung. Dies nahm · nach Marwitz natürlich in späterer Zeit dort zu, wo Wertefaktoren und Vorbilder verfielen. Hier sehen wir die gesamte gesellschaftliche Brisanz der Kriegsführungsauffassung. Die Kirche war praktisch für lange Zeit die Institution, die den Militärapparat ordnete und vertrat. Sie bestimmte militärische Vorgänge, ob sie nun kriegsrechtlich rechtens oder unrechtes waren. Sie legitimierte quasi für das gesamte Gesellschaftssystem.

Was später als Institutionsrahmen des Reichsnationalismus für das deutsche Militär traditionsbewahrende Gegebenheit sein sollte und quasi als Ersatzreligion fungierte, war früher die christliche Religion, welche die militärische Tradition fundamentierte und damit auch auf eine spezielle Weise die Kriegführung, zumal keiner den Krieg als Rechtsmittel der Herrschaftsausübung in Frage stellen durfte. "Die Auswahl und die Herausstellung des bewährten christlich-ritterlichen Treue- und Dienstbegriffs, von dem man eine gesicherte historische Vorstellung zu besitzen glaubte, dienten vor allem aber dem Zweck, das seit dem 15. Jahrhundert vom freien Söldnerturn geprägte deutsche Kriegswesen, sittlich und disziplinär zu festigen."[99] Es war also keineswegs so, dass der Söldner ungebundener mit Befehlen umgehen konnte als der neuzeitliche Soldat des stehenden Heeres oder der Wehrpflichtarmee. Disziplin wurde bereits in der mittelalterlichen Zeit als ein wichtiger Wert der Kriegsmaschinerie angesehen. Man erkannte also hier schon, dass ohne Treue wohl auch keine ausreichende Disziplin im Heer vorhanden sein konnte. Um diese in dieser Epoche zu erreichen, setzte man mehr als in der späteren Militärgeschichte auf die Religion als das beste Fundament.

4.2 Der Bauernkrieg als mögliche Tradition in Gegenwart und Zukunft

Dass die Religion als traditionelles Fundament, für die Treue und Disziplin nicht immer ausreichte zeigt uns der Bauernkrieg von 1525. Wenn wir uns die folgende Karte der revolutionären Ereignisse ansehen, so stellen wir zunächst einmal fest, dass diese, wie sie Peter Blickle deutet, eine "kleindeutsche Volksbewegung" war.

In diesem kriegerischen Aufstand tauchte zum ersten Mal das Wort Volk und Freiheit auf. In diesem Aufstand kämpfte nach Blickle nämlich der "gemeine Mann" dafür " ...dass die frome Männer, die disen Spann nach gottlieber Geschrift wissen zu urteilen und ze entschaiden, anzaigen und verordnen welle."[100] Wenn man diese Zeilen genauestens verinnerlicht, so muss man erkennen, dass zum einen der göttliche Gedanke auch Baudissins Vorstellungen entsprach, denn auch er ging ja, wie wir aus Kapitel Ü. wissen, von dem Selbsturteil eines jeden Angehörigen der Bundeswehr über die jeweiligen militärischen Befehle Kraft des Eides zu Gott und der göttlichen Schrift aus; zum anderen finden wir diese Art der Selbstentscheidung des Bürgers in Uniform auch im Punkt vierzehn des ersten Traditionserlasses wieder: "Nach deutscher militärischer Tradition beruhen Leistungen und Würde des Soldaten in besonderem Masse auf seiner Freiheit im Gehorsam."[101]

Interessant jedoch ist nach Blickle, dass mit die Forderung der Bauern selbst im Namen der göttlichen Schrift entscheiden zu können, selbst eine Tradition, die mehrere hundert Jahre bestanden hatte, durchstieß, nämlich, das Alte katholische Recht. Dies sollte nun durch das neue Evangelium ersetzt werden und zudem zu einer "neuen gerechten Ordnung''[102] führen. Wir sehen auch hier wieder Theorieteile Baudissins und aus den neuen Traditionsverordnungen der Bundeswehr. Dass die zwölf Artikel, die in Frankenhausen in Oberschwaben von den dortigen Bauern formuliert worden sind unter anderem die Wehrpflicht, Freizügigkeit sowie die freie Besetzung der Gerichte beinhalteten, zeigt, dass der liberale Gedanke des 19. und 20. Jahrhunderts nichts neues war. Diese stellten Tugenden dar, die bis heute unsere Staats- und Wehrform tragen. Interessant jedoch findet Blickle, dass zum ersten Mal eben nicht nur der gemeine Mann für Freiheit und Recht wie Gerechtigkeit gekämpft hat, sondern ein Volk, wenn auch nur im kleindeutschen Raum. War bis dahin, das Wort Volk so gut wie unbekannt- aller höchstens als Begriff eines "Kriegsvolkes oder Volk Gottes nach reformatorischer Sichtweise" (Blickle 1998: 45) - so trat hier zum ersten Mal die Vereinigung des gemeinen Mannes als Volksmann hervor. Der Bundschuh oder die christliche Vereinigung, die Blickle in seinem Buch hier nennt, waren Volksvereinigungen und nicht nur Bauernvereinigung, die sich zum Kampf für die Freiheit zusammengeschlossen hatten. "Der Gemeine Mann bezeichnet etwas Allgemeines, nicht unähnlich der gemeinen Christenheit, den gemeinen Nutzen und dem gemeinen Pfennig (von allen zu entrichtende Reichssteuer). So gewinnt der Aufstand des Gemeinen Mannes eine weitere klassifikatorische Schärfe."[103]

So schreibt auch Günther Franz einer der besten Kenner des Bauernkrieges berechtigt: " Den ("wohlhabenden") Bauern sei es darum gegangen, "die Stellung im politischen Leben der Nation zu erringen Volk, Bauern und Nation verschachteln sich [hier]. Sie stehen in der Tradition nationaler Geschichtsschreibung."[104] Diese Begriffe stehen aber im Grunde nicht nur als ein Exempel für eine traditionell nationale Geschichtsschreibung, sondern auch für eine deutsche Militärgeschichtsschreibung. Die Deutlichkeit dieses Faktums werden wir später noch in den preußischen Militärreformen Scharnhorsts und den revolutionären Ereignissen des Jahres 1848/49 und ihre Rückwirkungen auf das Militär sehen. Es ging wie 1807-1815 im Grunde genommen um die Veränderung einer gesamten Gesellschaft. Umsonst ist die Traditionsgeschichte des Militärs nicht auch ein Teil der Gesellschaftsgeschichte wie Hans-Ulrich Wehler in seinem vier bändigen Werk "Deutsche Gesellschaftsgeschichte" erkannte. Leopold Ranke, so Blickle, sah 1839 im Bauernkrieg von 1525 mehr als nur liberal-nationales Gedankengut, so dass er Teile davon in "dem Heilbrauner Programm für eine Reichsreform aufnahm."[105] Jene Elemente, sollten, so Ranke, erst wieder in der Französischen Revolution auftauchen.[106] Auch Wilhelm Zimmermann sah 1840 im Bauernkrieg eine liberale Tradition begründet. Aber neben den neuen militärischen Traditionselementen Freiheit und Nation, die durch den gemeinen Bauernsöldner scheinbar begründet worden sind, spielte weiterhin die Religion eine mehr als dominante Rolle.

[...]


[1] Traditionserlasse 1965 u. 1982 zitiert nach Abenheirn 1989: 225 u. 230.

[2] Goethe zitiert nach Eberhard Birk, 2004: 12.

[3] Birk, 2004: 12.

[4] Birk, 2004: 12.

[5] Birk, 2004: 12.

[6] Birk, 2004: 12.

[7] Birk, 2004: 12.

[8] Basam Tibi: Er verweist darauf, dass viele Militärtraditionen des deutschen Militärs vor allem aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in die ehemaligen Kolonialmächte Afrikas und des Nahen Ostens eingeflossen seien. Dies sieht man gerade im Sozialmilitarismus Ägyptens, Algeriens und Libyens.

[9] Die Abbildung wurde durch den Autor eigens erstellt.

[10] 2004:13.

[11] Birk 2004: 13.

[12] 2004: 13.

[13] 2004: 13.

[14] Birk 2004: 13.

[15] Roth 1986: 11.

[16] 1986: 13.

[17] Birk 2004: 13.

[18] 2004: 13.

[19] 2004: 13.

[20] Die Abbildung wurde durch den Autor eigens erstellt.

[21] 2004: 13.

[22] Ebd.

[23] Ebd.

[24] Ebd., Clausewitz: in seinem Werk: Vom Kriege macht Clausewitz deutlich, dass der Primat der Politik die maßgebende Komponente für das Militär und dessen Tradition darstellt

[25] Birk, 13.

[26] Siehe hier Otto Depenheuer: der Rechtsstaat ist auch ein Sicherheitsstaat, der sich gegen mögliche Angriffe von Innen und Außen schützen muss. Verweis auf das Grundgesetz.

[27] Birk, 15.

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] Clausewitz: das Gemeinwesen sieht Clausewitz als den wesentlichen Faktor des Militärkörpers an, zumal dieser durch die Wehrpflicht ein Teil seines Gesellschaftswesens zu einem Großteil der bewaffneten Macht übergibt.

[31] Ebd.

[32] General Wust in Birk 2004.

[33] Abenheim 1989, 34.

[34] Ebd., 56.

[35] BMVG 1964, 9/10.

[36] Jermer 1987, 34.

[37] BMVG FüB I 4 1965: Ziffer 13.

[38] Abenheim 1989, 39.

[39] Baudissin 1969, 35.

[40] Rautenberg/Wiggerhaus 1977, 53.

[41] BMVg (Hrsg.) 1964, 17.

[42] Baudissin 1969, 39.

[43] Baudissin 1951, 24.

[44] Abenheim 1989, 9/10.

[45] Baudissin 1956, 83.

[46] BMVg FüB I 4 1965, Ziffer 19.

[47] BMVg FüS I 3 1982, Ziffer 7.

[48] 1956, 84.

[49] 1956, 84.

[50] Hanke/ Hildenbrand, Artikel des Handelsblatts vom 13.07.2017, online: https://www.handelsblatt.com/politik/international/achse-zwischen-deutschland-und-frankreich-freunde-ruesten-auf/20056336.html?ticket=ST-4086557-bCBpEitCTYF6Lnleo7oa-ap2 (06.09.2018).

[51] HdB. f. I. F. 1964, 13.

[52] Stenographischer Bericht aus dem Deutschen Bundestag 1955 zitiert nach Abenheim 1989, 51.

[53] Abenheim 1989, 51.

[54] HdB. f. I. F. 1964, 23.

[55] HdB. f. I. F. 1964, 23.

[56] Der Deutsche Soldatenkalender zitiert nach Abenheim 1989, 63.

[57] Heusinger zitiert nach Genschel1972,143.

[58] Genschel1972, 149.

[59] Karst zitiert nach Genschel 1972, 150.

[60] Genschel 1972,150.

[61] Karst zitiert nach Genschel 1972, 51.

[62] Karst zitiert nach Genschel 1972, 151.

[63] Ebd. 1972, 151.

[64] Wirmer zitiert nach Genschel 1972, 154.

[65] Genschel 1972,155.

[66] Ebd., 155.

[67] Ebd., 155.

[68] Graf Baudissin 1969, 133.

[69] Baudissin 1969, 135.

[70] Baudissin 1969, 135/136.

[71] Ulrich de Maiziere 2005, 4.

[72] HdB. f. I. F.1964, 23/24.

[73] HdB. f. I. F. 1964, 22.

[74] Genschel 1972, 155.

[75] Ulrich de Maiziere 2005, 5.

[76] Genschel 1972, 166.

[77] Ebd, 166.

[78] BMVg FüB I 4 1965, Ziffer 10.

[79] Baudissin 1969, 156/157.

[80] Beatrice Heuser 2005, 64.

[81] Clausewitz zitiert nach Heuser 2005, 64.

[82] Baudissin zitiert nach Genschel 1972, 39.

[83] von mir abgeändert, Baudissin zitiert nach Genschel 1972, 40.

[84] BMVg FüS I 3 1982, Ziffer 20.

[85] Baudissin zitiert nach Genschel 1972, 41.

[86] Baudissin zitiert nach Genschel 1972, 41.

[87] Ebd., 41.

[88] Ebd., 42.

[89] Ebd.

[90] Ebd.

[91] Ebd., 42/43.

[92] Ebd., 45.

[93] Ullrich Marwitz 1986, 19.

[94] BMVg FüB I 4 1965, Ziffer 13.

[95] HdB. f. I. F. 1964, 10.

[96] Marwitz 1986, 21.

[97] Ebd., 22.

[98] Ebd., 23.

[99] Ebd., 24.

[100] Blickle 1998, 20, 128.

[101] BMVg FüB I 4 1965, Ziffer 14.

[102] Blickle 1998, 21.

[103] Ebd.

[104] Ebd., 46.

[105] Ebd., 121.

[106] Ebd., 125.

Ende der Leseprobe aus 190 Seiten

Details

Titel
Militärtradition in der Deutschen Bundeswehr und die Struktur der Streitkräfte im internationalen Kontext zwischen historischer Kontinuität und Diskontinuität
Untertitel
Eine Geburtstagsschrift für den Militärsoziologen Prof. Dr. Dietmar Schößler und im Gedenken an 60 Jahre Bundeswehr - Eine Einführung
Autor
Jahr
2018
Seiten
190
Katalognummer
V443829
ISBN (eBook)
9783668841345
ISBN (Buch)
9783668841352
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Militärtradition, Militärstrukturen, französische Streitkräfte, Bundeswehr, Maghreb, Militärkomplexe, Rüstungsindustrie, Wehrpflicht, Geostrategie
Arbeit zitieren
Ilya Zarrouk (Autor), 2018, Militärtradition in der Deutschen Bundeswehr und die Struktur der Streitkräfte im internationalen Kontext zwischen historischer Kontinuität und Diskontinuität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443829

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