Der Dreißigjährige Krieg hat wie kein anderes Ereignis das Leben und Denken des 17. Jahrhunderts geprägt, und auch die Kunst, ob Literatur oder bildende Kunst, konnte sich diesem Einfluß nicht entziehen. So nimmt es nicht Wunder, daß auch das gesamte Werk Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens von der Kriegsthematik durchzogen ist; man darf in ihr sogar die Triebfeder seiner literarischen Produktion vermuten. Längst ist aber ebenfalls bekannt, daß seine Kriegsschilderungen weniger der eigenen Anschauung entspringen, sondern sich großenteils auf literarische Vorlagen zurückführen lassen. Vereinzelt ist es sogar Grimmelshausen selbst, der - freilich im Kontext der Erzählung - die Quelle seiner Inspiration andeutet und dabei nicht nur rein literarische Vorbilder anführt, sondern auch auf das Medium der Buchillustration zurückgreift. Man befände sich also sozusagen auf autorisiertem Gebiet, sollte man sich darum bemühen, weitere bildliche Quellen für Grimmelshausensche Kriegsschilderungen ausfindig zu machen. Dieser Ansatz gewinnt noch an Reiz vor dem Hintergrund, daß sich auch Grimmelshausen selber als autodidaktisch gebildeter Maler und Zeichner versucht hat.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Zur Biographie Jacques Callots
III. Les Misères et les Malheurs de la Guerre“
III. 1 Die Daten
III. 2 Forschungsgeschichte und Interpretationen
III. 3 Die Struktur der „Misères“
III. 4. Die künstlerische Ausführung der „Misères“
III. 4. 1 Elemente der Bühne und des Theaters in Callots Œuvre
III. 4. 2 Bühnenhaftes in den „Misères“
IV. Grimmelshausen und sein „Simplicissimus“
IV. 1 Zur Biographie Grimmelshausens
IV. 2 „Der Abentheurliche Simplicissimus Teutsch“
V. Callot und Grimmelshausen – ein direkter Vergleich
V. 1 Die Plünderung des Spessarter Bauernhofes (Kap. 4) – „Le pillage d’une ferme“ (Lieure 1343)
V. 2 Plünderung und Brandschatzung eines Dorfes (Kap. 13) – „Pillage et incendie d’un village“ (Lieure 1345)
VI. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der bildgewaltigen Kupferstich-Serie „Les Misères et les Malheurs de la Guerre“ von Jacques Callot auf die literarische Kriegsdarstellung in Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens „Simplicissimus“. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Callots bühnenhafte Inszenierung von Gewalt und Leid als ästhetisches und inhaltliches Vorbild für die Schilderung von Plünderungsszenen im „Simplicissimus“ gedient haben könnte.
- Wechselwirkung zwischen bildender Kunst und Literatur im 17. Jahrhundert
- Strukturelle Analogien zwischen Callots Stichfolge und barocken Dramen
- Die Rolle des "Kindes" als distanzierter Beobachter bei Grimmelshausen
- Theaterkonzepte des Barock als prägende Gestaltungselemente
- Vergleichende Analyse spezifischer Plünderungsszenen in Bild und Text
Auszug aus dem Buch
III. 4.2 Bühnenhaftes in den „Misères“
Das zunächst zu betrachtende Bild ist „Le pillage d’une ferme“, die vierte Szene des Zyklus. Der erste Blick auf das Geschehen vermittelt, ähnlich dem Szenenbild zum „Soliman“, den Eindruck eines wüsten, chaotischen Durcheinanders; die Handlung ist in viele Einzelszenen aufgeteilt, die simultan ablaufen. Im Vordergrund, der durch Licht- und Schatteneffekte praktisch noch einmal in zwei Gründe unterteilt ist, sind vier Figurengruppen zu sehen. Rechts und in der Mitte, die, leicht nach links verschoben und damit den Blick auf die Bettstatt freigebend, durch einen Vorratstisch/-schrank markiert ist, sind Söldner mit dem Hervor- bzw. Herabholen der Vorräte beschäftigt. Das Kleinvieh liegt schon erschlagen am Boden bzw. auf dem Tisch. Links im heller gehaltenen Teil des Vordergrundes ist einer der Marodeure im Begriff, ein hilfloses Opfer zu erdolchen, ein weiterer ergreift eine fliehende Frau bei den Haaren. Eine Tür auf der rechten Seite gewährt einen Blick nach draußen, wobei die Türe selber nur als Schatten wahrnehmbar ist, der Blick wird ins Helle geleitet. Nur undeutlich kann eine Vergewaltigungsszene ausgemacht werden.
Der erhellte Hintergrund hält weitere Grausamkeiten für den Betrachter bereit. Der rechte Teil ist durch ein stark qualmendes Feuer beherrscht, welches auch als theatralischer Vorwand für die Ausleuchtung dieser Bildebene dienen kann, im Bild aber als Folter- bzw. Tötungsinstrument benutzt wird: Eines der Opfer hängt in Flammen und Rauch, befestigt an der Kochvorrichtung, ein zweites wird durch Verbrennen der Fußsohlen gefoltert. Das Zentrum des Hintergrundes bildet die riesige, leicht erhöhte Bettstatt, auf der zwei Marodeure mit der Vergewaltigung eines weiblichen Opfers beginnen. Auf der linken Seite bietet eine geöffnete Tür einen Einblick in den „Weinkeller“ des Hauses, der ebenfalls geplündert wird. Links neben der Tür ist eine weitere Mordszene abgebildet: Das Opfer liegt auf den Knien und hat flehend die Hände erhoben, während der Dolch schon über seinem Kopf schwebt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Kriegsthematik bei Grimmelshausen ein und stellt die Hypothese auf, dass Jacques Callots Stichfolgen als bildliche Inspirationsquelle für Grimmelshausen dienten.
II. Zur Biographie Jacques Callots: Dieses Kapitel zeichnet den Lebensweg des lothringischen Künstlers nach, von seiner Ausbildung in Italien bis zu seiner Tätigkeit als Hofillustrator unter dem Einfluss barocker Theaterkonzepte.
III. Les Misères et les Malheurs de la Guerre“: Dieses Hauptkapitel analysiert die Stichfolge Callots, ihre Struktur, den historischen Kontext der Rezeption sowie die bewusste Nutzung theatralischer Inszenierungselemente.
IV. Grimmelshausen und sein „Simplicissimus“: Das Kapitel bietet einen Abriss der Biografie Grimmelshausens und ordnet seinen „Simplicissimus“ in den Kontext der zeitgenössischen Literatur über den Krieg ein.
V. Callot und Grimmelshausen – ein direkter Vergleich: Anhand ausgewählter Szenen werden die inhaltlichen und strukturellen Parallelen zwischen der Plünderung des Bauernhofes und des Dorfes bei Callot und Grimmelshausen unmittelbar gegenübergestellt.
VI. Resümee: Die Arbeit fasst die Untersuchungsergebnisse zusammen und bestätigt die enge Verknüpfung von Callots visueller Darstellungstechnik und Grimmelshausens literarischer Schilderung des Krieges.
Schlüsselwörter
Jacques Callot, Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, Dreißigjähriger Krieg, Simplicissimus, Les Misères et les Malheurs de la Guerre, Barocktheater, Literaturgeschichte, Bildquelle, Plünderungsszenen, Kriegsliteratur, Kupferstich, Inszenierung, Gewalt, Distanz, Perspektive
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die mögliche Inspiration des Dichters Grimmelshausen durch den Kupferstecher Jacques Callot bei der Darstellung von Kriegsszenen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bildsprache Callots, der Struktur von Grimmelshausens „Simplicissimus“ und dem Einfluss barocker Theaterkonzepte auf beide Künstler.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Es soll gezeigt werden, wie Callots visuelle „Les Misères“-Serie als Vorlage für die erzählerische Gestaltung von Plünderungs- und Gewaltszenen bei Grimmelshausen gedient hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine biografische Analyse beider Künstler mit einer vergleichenden Bild- und Textanalyse unter Einbeziehung zeitgenössischer kunst- und theatergeschichtlicher Diskurse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Callotschen Stichfolge (Struktur und Ästhetik), die Biografie Grimmelshausens sowie einen direkten Vergleich spezifischer Szenen (Plünderung des Bauernhofes und des Dorfes).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Begriffe wie Kriegsdarstellung, visuelle Inspiration, Barocktheater, Distanz und narratologische Struktur des Simplicissimus beschreiben den Kern der Untersuchung.
Warum wird Grimmelshausens „Simplicissimus“ im Zusammenhang mit Callot so intensiv analysiert?
Weil beide Künstler trotz unterschiedlicher Medien (Kupferstich vs. Roman) eine ähnliche „distanzierte“ Beobachterhaltung einnehmen und identische Bildmotive der Zerstörung verwenden.
Inwiefern spielt das „Theater“ eine besondere Rolle in dieser Forschungsarbeit?
Die Arbeit weist nach, dass Callot als Bühnenbildner geprägt war und seine Stiche bewusst nach dramaturgischen Mustern des Barocktheaters choreografierte, was Grimmelshausen zur literarischen Umsetzung anregte.
Wird im Fazit eine definitive Bestätigung für die Nutzung als Vorlage gefunden?
Die Arbeit stellt fest, dass eine inspirative Verbindung aufgrund inhaltlicher und struktureller Parallelen sehr wahrscheinlich ist, obwohl der direkte bibliografische Nachweis für Callots Stiche im Umkreis Grimmelshausens noch aussteht.
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- Sabine Ley (Author), 2002, Callot und Grimmelshausen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44385