Das Bildungsverständnis Luther anhand seiner Schrift "An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen"


Seminararbeit, 2017

23 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Hintergrund – das Bildungswesen im Mittelalter bis zu den Anfängen der Reformation

3. Vorstellung der Schrift ,,An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen‘‘ von Martin Luther und dessen Entstehungskontext

4. ,,An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen‘‘ - Der Bildungsbegriff Luthers
4.1 Einleitung
4.2 Der Misserfolg der Eltern
4.3 Die Anweisung an die Räte
4.4 Der Aufruf zum Erlernen der Sprachen zum Erhalt des Evangeliums
4.5 Die Schande der Väter
4.6 Der Vorteil einer Schulbildung für das weltliche Regiment
4.6.1 Inhalt der Schulbildung
4.7 Die Notwendigkeiten von Bibliotheken
4.8 Schlussrede

5. Zusammenfassung: Luthers Bildungsvorstellungen

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Literatur

1. Einleitung

,,Aufs erst erfaren wir jezt inn‘ deutschen Landen durch und durch, wie man allenthalben die Schulen zur gehen lesst […].‘‘[1] Mit diesen klaren Worten beschreibt Luther, die zu seiner Zeit herrschende Situation des Bildungswesen. Denn es bestand eine starke Wissenschaftsfeindlichkeit, bei der die Schulen zu Grunde gingen und Universitäten weniger besucht wurden. Dies wurde ausgelöst durch die Bildungsabneigung seiner Gegner.[2] Um dem entgegen zu wirken, schrieb Martin Luther seine Schrift ,,An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen.‘‘[3] im Jahr 1524 mit dem Ziel, die weltliche Obrigkeit darauf aufmerksam zu machen, wie wichtig Schulen seien, nicht nur für das geistliche sondern auch für das weltliche Regiment. Luther wollte eine Erneuerung des Bildungswesens schaffen, um somit die Kinder zu fördern. Sein Anliegen war zum Einen das Verständnis des Evangeliums zu bewahren und zum Anderen geschickte Leute in den Städten auszubilden um das weltliche Regiment zu führen. Luthers Schrift an die Ratsherren ist von besonderer Bedeutung, da durch diese die allgemeine Schulpflicht vorbereitet wurde und somit der Grundstein einer Schulbildung für jedermann gesetzt wurde.[4] Er stellt in seiner Schrift, im Vergleich zu den Vorstellungen des Schulwesens der damaligen Zeit, eine vollkommen neue Bildungsstruktur vor und bezieht dabei verschiedene neue Aspekte mit ein Das Ziel meiner Arbeit ist das Bildungsverständnis Luthers anhand der Ratsherrenschrift zu klären und im Kontext seiner Zeit einzuordnen. Ich werde zunächst die Grundzüge des damalig herrschenden Schulsystems skizzieren, im Anschluss den Entstehungskontext seiner Schrift erläutern und gleichzeitig diese vorstellen. Folgend werde ich seine Schrift auslegen und interpretieren. Dabei möchte ich erläutern, welche neuen Vorschläge Luther einbringt um das Schulsystem zu verbessern und attraktiver für die Kinder zu gestalten.

2. Geschichtlicher Hintergrund – das Bildungswesen im Mittelalter bis zu den Anfängen der Reformation

Das Mittelalter, die Epoche zwischen Altertum und Neuzeit, umfasst den Zeitraum zwischen dem 5. und dem 15. Jahrhundert. Mit der Ausbreitung des Christentums nahm sich die Kirche der Aufgabe der Erziehung und der Bildung an. Während Bauernkinder meist keine schulische Ausbildung genossen, wurden die Kinder der Kleriker in Dom- und Klosterschulen geschickt. Um den Nachwuchs an Mönchen und Priestern zu sichern, förderte die Kirche diese Schulen. Am Ende ihrer schulischen Ausbildung sollten sie Lesen und Schreiben gelernt haben, die Psalmen aufsagen und die kirchlichen Festtage berechnen, sowie eine Messe halten können. Selbstverständlich sollten sie auch das Vater Unser und das Glaubensbekenntnis in lateinischer Sprache aufsagen können.[5] Später richteten die Klöster eine scholae interiores und eine scholae exteriores[6] ein. Alle Schüler die vorhatten im geistlichen Amt tätig zu werden besuchten die scholae interiores. Die anderen, bei denen die Eltern die Absicht hatten, dass ihre Kinder dem weltlichen Zweck dienen sollten, gingen in die scholae exteriores. Bei der letzt genannten Schulform wurden die Schüler streng getrennt vom Kloster und bekamen lediglich die niederen Weihen. In beiden Formen des Schulsystems war der Alltag hart, Stockhiebe gehörten zur Norm, sowie das stundenlange Schweigen. Spielstunden wurden nur an Sonn- und Feiertagen zugelassen. Später wurden an größeren Schulen auch die sieben freien Künste unterrichtet, wobei auch hier nur die leistungsfähigsten Schulen das Trivium und Quadrivium lehrten. Das Trivium bestand aus Grammatik, Rhetorik und Dialektik. Die Arithmetik, die Astronomie, die Musik und die Geometrie[7] gehörten zu dem Quadrivium. Nachdem mit dem 12. Und dem13. Jahrhundert die Zeit der Stadtgründungen angebrochen ist und sich so ein ausgebildetes organisatorisches Stadtwesen entwickelt hat, zeigte sich ein neues Interesse nach Bildung in dem jeweiligen Handwerk, im Handel und im Geldwesen. Der Grund hierfür war die Bildung einer Geldwirtschaft und das Zurückgehen der Tauschwirtschaft.[8] Somit bildeten sich die Stadtpatrizier, eine Schicht wohlhabender Kaufleute, die Träger des Fernhandels waren und somit angewiesen auf Schriftlichkeit. Sie suchten nach Klerikern, die Lesen und Schreiben konnten, um Aufgaben zu erfüllen, wie beispielsweise Verträge abzufassen, Briefe zu schreiben oder Rechnungen zu stellen. Anfangs nutzte man hierfür die klerikalen Schreiber und Absolventen von der scholae exteriores. Allerdings brauchte man nun Kenntnisse im weltlichen Recht und musste den Preis der Ware bestimmen und nicht nur den Ortstermin verstehen. Somit sahen sich die Magistrate veranlasst selbst Schulen zu errichten. Diese Schulen unterschieden sich nicht in der Sprache oder den Lehrern von den Dom- und Klosterschulen, sondern im Blick auf das Wissen, welches nach dem Kriterium seiner berufspraktischen Nützlichkeit in Handel und Gewerbe ausgewählt wurde. Die somit neu entstandenen Schulen hießen Rats-, Latein oder auch Trivialschule, da das Trivium unterrichtet wurde. Es wurde eine Alternative geschaffen, für all diejenigen, die einen weltlichen Beruf ausüben wollten oder ein Studium in der Jurisprudenz oder Medizin anstrebten. Davon ausgehend entstanden Schulen, die den Nachwuchs von Kleinhandwerkern sichern sollten. Hier wurde allerdings nicht mehr in Latein unterrichtet, sondern in der Nationalsprache. Das Unterrichtsprogramm reduzierte sich auf das Lesen und Schreiben. Deshalb bekamen diese Schulen den Namen ,,Schreibschulen‘‘. Mit dem Untergang des Mittelalters brach eine neue Epoche an, die Neuzeit von 1450-1550. Man befand sich nun nicht mehr in einem Feudalstaat, bei dem man seinem Lehnsherren verpflichtet war, sondern in einem Territorialstaat. Neue Forschungen und die Erweiterung der Astronomie brachte das mittelalterliche Denken zum Einstürzen. Monumental dafür sind die Entdeckungen Kopernikus und Galilei. In dieser Zeit entstanden die Renaissance und der Humanismus aus Italien kommend, welcher von dem anthropologischen Optimismus geprägt war. Zentral waren hier die Persönlichkeit und das Individuum, sowie die Hinwendung zur Antike. In Deutschland wurde die starke Neigung zur Antike besonders durch das Interesse an den alten Sprachen gefördert, welche zugleich die Sprachen der Bibel und der Theologen waren. Die Reformation förderte die Wesenszüge der Renaissance und des Humanismus. Sie versuchte somit den weltlichen Bereich von einer religiös-kirchlichen Bevormundung freizuhalten. Als Gegenteil hat man in der Reformation einen anthropologischen Pessimismus vorgefunden, bei dem der Mensch als unter der Macht des Bösen stehend und als absolut unfähig angesehen wird. Er muss auf den gnädigen Willen zur Erlösung von Gott und Jesus Christus hoffen.[9] Das zentrale Anliegen der Reformation war somit das Verhältnis des Menschen zu Gott. Dabei kommt Gott in Jesus Christus auf den Menschen zu und nimmt ihn mit seinen Sünden an. Dabei musste der Mensch die Gnade Gottes begreifen und annehmen wollen. Das Medium dabei war das Evangelium. Somit erschloss sich nach reformatorischem Verständnis nur demjenigen die Gnade Gottes, der fähig zur eigenständigen Erkenntnis des Wortes Gottes war. Dazu gehörte nicht nur das Zuhören, sondern eben auch das Lesen.[10] Das allerdings aufgrund der Reformation ein Schwund von Schulen festzustellen war, stellte sich vor diesem Hintergrund als Problem dar. In den protestantischen Gebieten wurden die Klöster aufgehoben, wodurch das durch die Kirche getragene Schulsystem zusammenbrach. Auch gegenüber den weltlichen Schulen war man kritisch eingestellt. Diese Bildungskrise konnte man allerdings alsbald durch Neugründungen vieler Schulen überwinden. Charakteristisch für diese Schulen war es, dass diese Neugründungen von den Landesfürsten und den städtischen Magistraten vorgenommen wurden. Das uns heute bekannte selbstverständlich staatliche Schulwesen in Deutschland nimmt mit der Reformation ihren Anfang. Somit können wir mit Sicherheit feststellen, dass ,,obwohl ein zentrales wichtiges Motiv für die Entstehung der Schulbildung im reformatorischen Zeitalter im religiösen Bereich beheimatet ist, so ergibt sich dann doch aus den kirchlich-politischen Verhältnissen in reformatorischer, wie auch nachreformatorischer Zeit zwingend, dass auch die staatlichen Gewalten in die Pflicht genommen werden, was den Auf- und Ausbau eines in ihrem Einflussbereich liegenden Bildungs- und Schulsystem anbelangt.‘‘[11] Es ist mit der frühneuzeitlichen Territorialentwicklung verbunden, da das Interesse der Landesherren an den Schulen nicht von religiöser, sondern politischer Natur war.

3. Vorstellung der Schrift ,,An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen‘‘ von Martin Luther und dessen Entstehungskontext

Luthers Schrift ,,An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen‘‘ wurde Anfang Februar, wenn nicht sogar schon im Januar 1524 fertig gestellt. Dies lässt sich an der Tatsache begründen, dass Michael Hummelberg, ein Humanist aus Rabensburg, an Joachim Fabian in St. Gallen einen Brief vom 28. Februar 1524 übersendet, in dem es um die Ratsherrenschrift von Luther ging. Folgende Worte machen dies deutlich: nunc libellum aedidit ad Germanici imperii civitates de constituendis scholis et exercitandis studiis literarum.[12] Diese Gelegenheitsschrift sollte für die Ermahnung an den Obrigkeiten, den Eltern und allen Deutschen dienen. Seine Intention war, dass das Schulsystem wieder an Bedeutung erlangt und die Eltern sowie die weltliche Obrigkeit erkennen, wie bedeutsam die Bildung für die Kinder ist. In den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts stellte man zeitgleich mit dem Anfang der Reformation auch eine Krise des Schulwesens fest. Dass es zu einer großen Verachtung der Dichtung durch die Jugend kam, lag unter anderem an der politischen Hetze von Prädikanten.[13] Von der Frequenzkrise der 20er Jahre waren alle Universitäten und Schulen betroffen. Ihre allmähliche Überwindung erfolgte nicht automatisch, sondern nur durch die emsigen organisatorischen und finanziellen Hilfsmittel. Diese Bildungskrise von 1520 bis 1530 veranlasst Luther seine Schrift ,,An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen‘‘ zuschreiben. Damit signalisiert Luther, dass er sich der akuten Gefahr bewusst geworden ist und versucht sie zu stoppen. Er erkannte zu dem, dass die Krise auch das Trivialschulwesen erfasste und somit nicht nur dem geistlichen Regiment schadete, sondern auch dem Weltlichen. Die Schuld lag nicht bei der Reformation, aber sie war die Ursache. Sie zerstörte den Zusammenhang zwischen Schulbesuch und kirchlichen Pfründenerwerb und bewirkte so einen Verfall der Immatrikulationen an den Universitäten. Außerdem wurden die Klöster, welche Hauptträger des Schulsystems waren, in den protestantischen Gebieten geschlossen. Viele Schüler besuchten die Schulen nicht mehr.[14] Deshalb hat Luther schließlich selbst die Eltern ermahnt ihre Kinder zu erziehen und sie in die Schule zu schicken. Der weltlichen Obrigkeit hat er die Aufgabe gegeben, Schulen zu errichten und zu unterhalten. Luthers Haltung zu der Zeit in der er seine Schrift verfasst wird folgend beschrieben: ,,Im Grunde stand so Luther [..] doch solchen Männern fremd gegenüber, die, mit schwärmerischer Begeisterung in die antike Litteratur versenkt, ihre aristokratischen, schöngeistigen Bildungsinteressen als höchsten Lebenswert und Lebensgenuß ansahen und dadurch vielfach den nationalen Bildungstrieben der großen Menge des deutschen Volkes sowie einer opferfreudigen Anteilnahme an den sittlich-religiösen Aufgaben sich entfremdeten.‘‘[15]

[...]


[1] WA 15; 28, 5-6

[2] Vgl. Brecht: Martin Luther, 140

[3] WA 15, 27-53

[4] Vgl. Beutel: Luther-Handbuch, 271

[5] Vgl. Konrad: Geschichte der Schule. Von der Antike bis zur Gegenwart, 30

[6] Vgl. Konrad: Geschichte der Schule. Von der Antike bis zur Gegenwart, 29

[7] Unter Geometrie verstand man die Lehre der Erdbeschreibungen und der Erdkunde. Vgl. Konrad: Geschichte der Schule. Von der Antike bis zur Gegenwart, 34

[8] Vgl. Rupp: Art. Schule/Schulwesen ,TRE 30, 596

[9] Vgl. Rupp: Art. Schule/Schulwesen ,TRE 30, 597

[10] Vgl. Konrad: Geschichte der Schule. Von der Antike bis zur Gegenwart, 43

[11] Vgl. Rupp: Art. Schule/Schulwesen ,TRE 30, 600

[12] Vgl. WA 15, 9

[13] Vgl. Hammerstein: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band 1, 15. Bis 17. Jahrhundert. Von der Renaissance und der Reformation bis zum Ende der Glaubenskämpfe, 256-257

[14] Vgl. Hammerstein: Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Band 1, 15. Bis 17. Jahrhundert. Von der Renaissance und der Reformation bis zum Ende der Glaubenskämpfe, 258

[15] Vgl. WA 15, 13

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Bildungsverständnis Luther anhand seiner Schrift "An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V443880
ISBN (eBook)
9783668812277
ISBN (Buch)
9783668812284
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reformation, Luther, Bildung, Religion, An die Ratherren
Arbeit zitieren
Sophie Schönherr (Autor), 2017, Das Bildungsverständnis Luther anhand seiner Schrift "An die Ratherren aller Städte deutsches Lands, daß sie christliche Schulen aufrichten und halten sollen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443880

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