1984. Ist der Überwachungsstaat nur Fiktion oder bereits Realität?

Die Betrachtung der Rezeptionsgeschichte und die Auswertung der Überwachungsmethoden von George Orwells Roman "Nineteen Eighty-Four"


Term Paper (Advanced seminar), 2018
20 Pages, Grade: 2.0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Überwachungsmechanismen
2.1 Die Struktur des Überwachungsstaates und deren Funktionen
2.2 Die Sprachmanipulation als Machtinstrument
2.2.1 Neusprech
2.2.2 Doppeldenk
2.3 Kontrolle und Überwachung
2.4 Machtsicherung durch Strafen bei Verstößen
2.5 Widerstandshandlungen

3. Die Rezeptionsgeschichte von
3.1 Die ersten Reaktionen bei seiner Neuerscheinung
3.2 Das mediale Interesse an George Orwells dystopischem Meisterwerk
3.3 Die Rezeption in Deutschland
3.4 Die Aktualität des Werks im 21. Jahrhundert

4. Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

In ,1984` wird eine hierarchische Machtstruktur mit Big Brother als absolutem Herrscher an der Spitze des totalitären Regimes dargestellt. Diese Dystopie trägt sich im Landefeld Eins, der wichtigsten Stadt des früheren Englands, zu, wie von George Orwell erzählt wird. Dieses ist ein Teil von Ozeanien. Im Jahre 1984 ist die Welt in drei verfeindete Machtblö>Es wird eine bestehende Oligarchie in ihren Wesenszügen näher gebracht. Der Protagonist Winston Smith ist in dieser nicht länger erwünscht, weil er die manipulativen Instrumente des Regimes durchschaut und sich gegen diese stellt. Er widersetzt sich diesem Regime, das stets als idealer Staat bzw. als ideale Gesellschaft suggeriert wird, da er erkennt wie totalitär es mit seiner Überwachung, der Propaganda und der Gedankenkontrolle im Grunde ist und von seinem Leiter: ,,Big Brother“ (Großer Bruder) und der herrschenden Partei minuziös bis ins kleinste Detail geplant ist und gesteuert wird. Winston Smith soll deshalb ausgeschaltet werden. Zuvor programmiert ihn jedoch sein Gegenspieler O`Brien zu einem regime-konformen Anhänger um.

Das Hauptaugenmerk der zugrunde liegenden wissenschaftlichen Arbeit wird zunächst auf die Überwachungsmethoden in 1984 gerichtet werden, um daran anknüpfend zu analysieren, wie weit sie evtl. in die Zukunft reichen und absehbar waren. Wer überwacht wie aus welchem Grund lauten die zusammenhängenden Schwerpunkte, denen man sich in diesem Part auseinanderzusetzen hat.

Um aufzuzeigen, wie 1984 von seinem Erscheinungsdatum an bis heute rezipiert wurde, hat der zweite Teil zum Aufgabenbereich die Rezeptionsgeschichte von 1984 zu skizzieren. Ein besonderes Interesse gilt dabei, durch die Nachzeichnung dieses historischen Verlaufs Schlüsse zur Aktualität des Werkes und seines Einflussfaktors zur modernen Zeit zu ziehen.

2. Die Überwachungsmechanismen

2.1 Die Struktur des Überwachungsstaates und deren Funktionen

Der streng reglementierte Staatsapparat wird durch die folgenden vier Ministerien überwacht und kontrolliert: dem Ministerium für Wahrheit, dem Ministerium für Frieden, dem Ministerium für Liebe und dem Ministerium für Überfülle. Sie alle nehmen unterschiedliche Funktionen mit einem entscheidenden Konsens, den sie resigniert verfolgen sowie propagieren, ein, der sich in diesem Leitsatz pointiert abbildet: ,,Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, Unwissenheit ist Stärke.“[1] Dabei ist die Inner Party als Leitinstanz für die Indoktrination einer konsensuellen, im Sinne des Staates ausgelegten politischen Haltung und Denkweise des Kollektivs zuständig, welche durch diese vier aufgeführten Ministerien erreicht werden sollen. Innerhalb dieses politischen Gebildes stellt das Ministerium für Wahrheit eine unentbehrliche Funktion dar, weil sie von Outer Party-Mitgliedern geführt wird, die damit beschäftigt sind, etliche Bücher, Zeitschriften u.Ä. aus der Vergangenheit an die gegenwärtigen politischen Interessen der Partei zu modifizieren. In diesem Institut werden von Winston Smith und seinen Teamkollegen Nachrichten-, Unterhaltungs- und Erziehungswesen sowie die schönen Künste akribisch inspiziert und be-/überarbeitet. Zusätzlich zu seinem dortigen Beschäftigungsfeld, nämlich dem der Illustration einer verfälschten Wahrheits-/Tatsachenbehauptung, ist Winston in der Miniwahr tätig und ein etabliertes Mitglied der Outer Party. Somit ist es vonseiten des Staates äußerst wünschenswert, dass die Menschen sehr engagiert und zeitintensiv mit dem Staat zusammenarbeiten, zumal man postulieren könnte, dass diese Hingabe nicht nur wünschenswert, sondern bedingungslos von allen Bürgern eingefordert wird. Dabei bilden Propagandazwecke und Massenmanipulationen das Grundgerüst für eine akkurat funktionierende Diktatur, in dem gegen den Staat gerichtete Plädoyers nicht zugelassen werden sollen. Insofern wird mit allen Mitteln und Methoden versucht, kein revolutionäres, autonomes Gedankengut aufwallen zu lassen.[2]

Das Ministerium für Liebe hingegen sorgt für die Einhaltung von Verordnungen wie Geboten und Verboten sowie für die Aufrechterhaltung von Richtlinien bzw. alles in allem sorgt sie mit ihrem tatkräftigen Einsatz für Sicherheit und Ordnung. In Abstraktion zum Ministerium für Wahrheit ist sie angesichts ihrer architektonischen Inszenierung sogar noch ominöser als diese konstruiert, welcher bereits nachgesagt wird, einen furchteinflößenden Baustil zu haben. An diesen beiden Ministerien wird deutlich, dass im Staat alles systematisch geplant und durchorganisiert ist. Der Grundgedanke des Staates und seiner Mitglieder soll darin bestehen, das Ideal zu verfolgen, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und uneingeschränkt in vollem Umfang der Gesellschaft zu dienen. Dem Individuum kommt dieser Ideologie zufolge ohne die Gesellschaft kein Wert zu, weshalb es als dessen Gefüge und stets in diesem Abhängigkeitsverhältnis zu betrachten ist als auch sich selber in diesem Netz zu sehen hat. Dieses Regime strebt also keinen Individualismus, sondern eine Gruppendynamik mit Gruppenmitgliedern an, die davon überzeugt sind, dass das Gruppeninteresse konstant und reibungslos als höchstes Gut zu gewährleisten ist, und die als Konsequenz dieser Einstellung, den eigenen Präferenzen keine Vorrangstellung einräumen dürfen.[3]

Die Perfektion der Gesellschaft wird wiederum vom Big Brother, einer gottesgleichen fiktiven Figur, gesteuert, der die oberste Instanz im Machtapparat einnimmt. Er ist der totale Herrscher über das ganze System und verwaltet, bestimmt, kontrolliert, überwacht und herrscht mit dem Einsatz verschiedener Herrschaftsinstrumente über alles und jeden innerhalb dessen. Er vereint alle übersinnlichen, übermenschlichen Attribute in sich zu einem großen Ganzen in extremster Ausdehnung, nämlich die Kompetenz der Allmächtigkeit, der Allwissenheit und der Allgegenwärtigkeit, die nur einem Gott zukommen kann. Diese heroische Aufwertung dürfte laut der Idee des Panopticons genügen, um ihn als Herrscher, ergo als Führerfigur zu legitimieren und zu huldigen.[4]

2.2 Die Sprachmanipulation als Machtinstrument

Da die Sprache tief im Bewusstsein verankert ist und als Interaktionsmittel fungiert, hat es sich der Staatsapparat zur Aufgabe gemacht, auch an dieser Ebene anzusetzen. Eine weitere Überwachungstechnik fußt also in der Bedienung der Sprache, da sie das Denken formt und für den Austausch mit anderen Menschen unentbehrlich ist. Diesbezüglich visiert Big Brother zwei Sprachkonzepte an, die darauf gründen, die Sprache, worunter als Qualitätsmerkmale die Sprachbildung und Sprachverwendung zu subsummieren sind, zu planen. Die Intention dieser beschränkten Sprachmöglichkeiten ist darin behaftet, eine umgestaltete Sprache zu schaffen, die verfälscht sowie möglich substanzlos ist, als Vorbedingung dafür, dass sie mit aller Vehemenz keinen Nährboden für Aufklärungen und/oder Boykottierungen darbieten soll. Anzumerken ist, dass das Gesagte und Gesprochene aber nur insofern als substanzlos gilt, als dass es nicht vernunftgeleitet und kein Resultat der eigenen Denkfähigkeit ist, sondern ein Produkt der totalitären Staatsgewalt und in diesem Sinne der Ideologie des Staates nicht schaden soll. Die durch den Staat eingeleiteten Sprachkonzepte, von denen die Rede ist, werden als: Newspeak (=Neusprech) und Doublethink (=Doppeldenk) tituliert.[5]

2.2.1 Neusprech

Dieser sprachlich verrückte Realitätssinn äußert sich bei Neusprech dadurch, dass sie die neue und einzige Sprache werden soll, die in Ozeanien bis zum Jahre 2050 zu beherrschen und zu sprechen ist. Das Verständnis von Neusprech basiert darauf, das individuelle Denken durch die Eindämmung eines für gewöhnlich permanent expandierenden Wortschatzes möglichst großflächig und schnell zu eliminieren und ihr diese Tendenz zu nehmen. Es wird mit dem Grundgedanken vorgegangen, dass stattdessen das nationale Denken erstrebenswert zu sein hat. Die sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten sollen neben der reduzierten Sprache und der Vernichtung von Wörtern auch durch eine grammatische und semantische Beschränkung erfolgen. Diese sprachpolitisch umgestaltete Sprache steuert letztlich ein komplexes Machtkonstrukt an, indem intendiert wird: die Tatsachen zu verschleiern; die eigentlichen, insgeheimen Ideologien der Führenden zu bemänteln; die Auflehnung gegen das System zu verhindern; den Gedankenspielraum der Menschen einzuengen und allem Voran die totale Herrschaft abzusichern.[6]

2.2.2 Doppeldenk

Während Neusprech als Vorgehensweise und als Endziel hat, die alltägliche Sprache zu steuern sowie zu zensieren, soll durch Doppeldenk eiligst gewährleistet werden, dass der Denkprozess so sehr paralysiert ist, dass selbst gegen die Regeln der Logik verstoßen wird. Somit transformieren die Menschen zu abhängigen, eingeschränkten und sabotierten Maschinen bzw. Sklaven der vorantreibenden Diktatur und zwar ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn es ist eine psychologische Manipulation, die hier betrieben wird. Selbst offensichtliche Lügen oder Paradoxien werden als Dogmen lanciert, wodurch jede Lüge zur Wahrheit verdreht wird. Diese Form der sprachlichen Indoktrination soll als positive Bilanz, die absolute Gehorsamkeit und den Nationalgeist eines Jeden generieren. Zudem können durch diese präventive Strategie keine aufklärerischen, eigeninitiierten Gedanken zum Tragen kommen, die Widersprüchlichkeiten im System erkennen und in Frage stellen lassen.[7]

2.3 Kontrolle und Überwachung

Die wirksamsten und furchteinflößendsten Machtinstrumente machen, wie bereits referiert wurde, die Kontrolle und Überwachung aus. Denn die physischen Apparate, die an vielen Standorten verstreut montiert und anderweitig präsent sind, sind nicht nur räumlich begrenzt zu erfassen, sondern haben darüber hinaus auch die Grenzen der Lokalität durchbrochen, indem sie sich zwangsweise im Unterbewusstsein als allgegenwärtiges geistiges Gedankengut aller Bürger Ozeaniens etabliert haben. Diese sind durchdrungen von dem Gedanken, dass sie ausgespäht und ihnen hinterher spioniert wird. Dieses psychische Brandmarken setzt ihnen schwer zu, denn aus der permanenten Beeinflussung resultiert, dass sie sich in ihrem Wesen nicht frei entfalten können, ständig von der Angst auf potentielle Gefahren und Risiken bezüglich ihrer Existenz umgeben sind und sich ihr Verhalten stark nach den Richtlinien, den Prioritäten und dem hierarchischen Führungsstil der Parteilinie richtet. Dieses Bündel an Parteiregeln und angeforderten Standards werden von der Partei unweigerlich als Mindestnormen postuliert, denen sich niemand entziehen kann und deshalb immer Folge zu leisten hat.

2.4 Machtsicherung durch Strafen bei Verstößen

Weil die Parteimitglieder lernen mussten die Parteiregeln strikt einzuhalten, haben sie diese mit der Zeit als profundes (Über-) Lebenselement begriffen und internalisiert. Motiviert wurden sie dabei durch den Gedanken, der sie ständig begleitete, dass Widrigkeiten gegen Parteigesetze und Verstöße ihnen nichts außer Ärger einbringen würden. Bekräftigt wurde ihre diesbezügliche Vegetation hinlänglich eines Boykotts gegen die diktatorischen Mächte bzw. Unterdrücker zudem durch Opfer der Partei. Jegliche Zweifel und jedweder Argwohn am System sind tabuisiert, gleichwohl und geringfügig sie ausfallen. Von den Parteimitgliedern wird völlige Gehorsamkeit und darüber hinaus ein absolutes Dogma des Parteieifers sowohl psychischer und als auch physischer Natur eingefordert.[8]

Orwell ist darum bedacht, einen repressiven Überwachungsstaat zu kreieren, in dem die Beteiligten zu parteikonformen Anhängern des autoritären Systems, schon möglichst früh ansetzend, erzogen und geformt wurden. Die Vision der offensichtlichen Diktatur ist es von Anbeginn an, ein tendenziell homogenes Ganzes angeführt durch Oligarchen zu schaffen. Die negativ besetzte Gefühlskulisse aus einem Zusammenspiel von Angst und Hass repräsentiert den inneren Charakter der Partei und zeigt auf, durch welche Erfolgsdomäne das Konstrukt aufrecht bleibt. Angeleitet und eng umgrenzt von einwirkenden Kräften: der Dauerkontrolle, den ununterbrochenen Kriegen, den Bespitzelungen und den Denunziationen hält das totalitäre Regime die Macht unter Kontrolle und kann seine Bürger beherrschen. Dies inkludiert auch die sozialen, geistigen und wirtschaftlichen Lebensbereiche der hierarchisch untergeordneten Majorität.[9]

Nach der Devise des Maßnahmevollzugs: “Wer nicht hören will, muss fühlen.“, werden Staatsfeinde durch vehemente und konsequente Gegenmaßnahmen gehörig gemacht, indem die Verräter lange und harte Strafen zu erdulden haben. Diese Disziplinarmaßnahmen sollen jene davor abhalten, noch einmal in diesen Teufelskreis abseits der totalitären Dynamik zu geraten und sie sowie andere davor abschrecken in Versuchung oder überhaupt den Gedanken einer Gegenbewegung zu erwägen. Alle nicht-systemkonformen Verhaltensweisen münden demzufolge strengstens in Repressalien, die Leid und Schmerzen verursachen. Sie schaden dann sowohl der Seele als auch dem Körper. Diese erbarmungslose Intervention wird für notwendig empfunden, um das System nicht zu gefährden und zum Einsturz zu bringen. Denn wo eine Volksrevolution nicht unterdrückt wird, hat die Diktatur keine Zukunft.[10]

[...]


[1] Orwell, George (2004): 1984, S. 10

[2] Yeo, Michael (2010): Propaganda and Surveillance in George Orwell´s Nineteen Eighty-Four: Two Sides of the Same Coin, S. 52

[3] Schmidt, J. (1949): George Orwell: Nineteen eighty-four, 1949, S. 240 ff.

[4] Schmidt, Jürgen (1949): George Orwell: Nineteen eighty-four, 1949, S. 236

[5] Wagenrad, Elektra. (2016): Serenität, S. 40 f.

[6] Wagenrad, Elektra. (2016): Serenität, S. 40 f.

[7] Schmidt, Jürgen (1949): George Orwell: Nineteen eighty-four, 1949, S. 239

[8] Orwell, G. (2004): 1984, S. 338

[9] Orwell, G. (2004): 1984, S. 320

[10] Orwell, G. (2004): 1984, S. 320

Excerpt out of 20 pages

Details

Title
1984. Ist der Überwachungsstaat nur Fiktion oder bereits Realität?
Subtitle
Die Betrachtung der Rezeptionsgeschichte und die Auswertung der Überwachungsmethoden von George Orwells Roman "Nineteen Eighty-Four"
College
University of Duisburg-Essen  (Germanistik)
Course
Literatur und Überwachung
Grade
2.0
Author
Year
2018
Pages
20
Catalog Number
V443946
ISBN (eBook)
9783668811645
ISBN (Book)
9783668811652
Language
German
Tags
1984, George Orwell, Überwachung, Rezeption, Rezeptionsgeschichte, Dystopie
Quote paper
Zeynep Ataman (Author), 2018, 1984. Ist der Überwachungsstaat nur Fiktion oder bereits Realität?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443946

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