Am 28. April 2004 wurden erstmals Fotos im US-Fernsehen veröffentlicht, die die Folterungen und Misshandlungen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib dokumentieren. Auf vielen dieser Fotos ist die Soldatin Lynndie England deutlich zu erkennen. Offenbar hatte Lynndie England sich an den Misshandlungen irakischer Gefangener beteiligt.
Darin kann man den Anstoß für die weltweite Debatte über die Folterszenen im Irak begründet sehen. Der Empörung konnte kaum Einhalt geboten werden. Interessant scheint der Grund für das Unverständnis. Ist es eine Empörung aufgrund der generell erfolgten Misshandlungen, wie sie von mehreren US-Soldaten im Irak begangen wurden? Oder ist es eine Empörung, die sich in großem Maße der Abbildung einer Frau, die foltert widmet? Noch immer stößt die Vorstellung von gewaltfähigen und gewaltbereiten Frauen auf Unverständnis und Widerspruch. Durch Lynndie England wurde eine bereits sehr lang andauernde Debatte in der deutschen Frauenforschung wieder zu neuem Leben erweckt. Die Frage nach der Schuldhaftigkeit von Frauen.
Der Ursprung dieser Debatte ist schon in der frühen NS-Forschung begründet, die den Frauen im Nationalsozialismus keine für diesen bedeutende Rolle beimaßen und Frauen dementsprechend in ihre Betrachtungen nicht miteinbezogen. In den siebziger Jahren, nachdem man sich zunehmend der Rolle der Frauen bewusst wurde, suchte man lediglich nach Widerstandskämpferinnen und versuchte ausnahmslos das Bild der leidtragenden Frau als eine Art Überlebensarbeiterin zu prägen. Erst seit Mitte der achtziger Jahre sind Zweifel an dieser Freisprechung der Frauen von jeglicher Schuld deutlich geworden. Berechtigte Zweifel an einer möglichen „Gnade der weiblichen Geburt“. Stück für Stück versuchten Historikerinnen seither zu beweisen, dass es sich bei der Rolle der Frauen um eine zweidimensionale Rolle handelt. Sie waren nicht nur Opfer der nationalsozialistischen Politik, sondern machten auch andere zu Opfern. Es galt und gilt zu beweisen, dass die Täterrolle der Frauen keine Ausnahmeerscheinung war und ist. Diese Frage über die Täterschaft der Frauen während des Nationalsozialismus ging als „Historikerinnenstreit“ in die Literatur ein. Dabei geht der Historikerinnenstreit in seinen Konsequenzen bei weitem über den Nationalsozialismus hinaus. Seine tragenden Motive sind Klärungen bezüglich der Fragen nach Trennschärfe und noch vorhandener Tragfähigkeit der Geschlechterdifferenz.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Heide Oestreich schreibt über Lynndie England in der taz
3. Die Opfer-Täter-Betrachtungen in der Frauenforschung
3.1. Margarete Mitscherlich und ihre Theorie der weiblichen Täterschaft
3.2. Karin Windaus-Walsers These der Täterschaft von Frauen
3.2.1. allgemeine Kritik am Diskurs über die Täterschaft von Frauen
3.2.2. Kritik an Margarete Mitscherlich
3.2.3. Karin Windaus-Walsers These der weiblichen Täterschaft
4. Resümee
4.1. Das Milgram-Experiment
4.2. Das Stanford-Prison-Experiment
4.3. Anwendung der psychologischen Experimente
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Umgang mit weiblicher Schuld und hinterfragt kritisch die psychoanalytischen Erklärungsmodelle für weibliche Täterschaft im Nationalsozialismus sowie aktuelle Fälle wie den Folterskandal von Abu Ghraib. Ziel ist es, die Vorstellung einer per se humaneren Weiblichkeit zu dekonstruieren und anhand empirischer psychologischer Erkenntnisse aufzuzeigen, dass auch Frauen zu schwerem Fehlverhalten in Extremsituationen fähig sind.
- Analyse der medialen Berichterstattung über Lynndie England
- Kritische Auseinandersetzung mit der Opfer-Täter-Debatte in der Frauenforschung
- Gegenüberstellung der Theorien von Margarete Mitscherlich und Karin Windaus-Walser
- Konfrontation psychoanalytischer Thesen mit psychologischen Experimenten (Milgram/Stanford)
- Untersuchung von Rollenbildern und Gewaltpotenzial bei Männern und Frauen
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Am 28. April 2004 wurden erstmals Fotos im US-Fernsehen veröffentlicht, die die Folterungen und Misshandlungen im irakischen Gefängnis Abu Ghraib dokumentieren. Auf vielen dieser Fotos ist die Soldatin Lynndie England deutlich zu erkennen. Offenbar hatte Lynndie England sich an den Misshandlungen irakischer Gefangener beteiligt.
Darin kann man den Anstoß für die weltweite Debatte über die Folterszenen im Irak begründet sehen. Der Empörung konnte kaum Einhalt geboten werden. Interessant scheint der Grund für das Unverständnis. Ist es eine Empörung aufgrund der generell erfolgten Misshandlungen, wie sie von mehreren US-Soldaten im Irak begangen wurden? Oder ist es eine Empörung, die sich in großem Maße der Abbildung einer Frau, die foltert widmet? Noch immer stößt die Vorstellung von gewaltfähigen und gewaltbereiten Frauen auf Unverständnis und Widerspruch. Durch Lynndie England wurde eine bereits sehr lang andauernde Debatte in der deutschen Frauenforschung wieder zu neuem Leben erweckt. Die Frage nach der Schuldhaftigkeit von Frauen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in den Kontext der Foltervorfälle von Abu Ghraib ein und verknüpft die mediale Wahrnehmung der Soldatin Lynndie England mit der historischen Debatte über die Täterschaft deutscher Frauen im Nationalsozialismus.
2. Heide Oestreich schreibt über Lynndie England in der taz: Das Kapitel analysiert Heide Oestreichs Artikel, in dem Lynndie England sowohl als Täterin als auch als Opfer innerhalb eines männlich dominierten militärischen Systems beschrieben wird.
3. Die Opfer-Täter-Betrachtungen in der Frauenforschung: Hier werden die theoretischen Positionen der Frauenforschung zur weiblichen Täterschaft dargelegt und kritisch hinterfragt.
3.1. Margarete Mitscherlich und ihre Theorie der weiblichen Täterschaft: Das Kapitel stellt Mitscherlichs psychoanalytischen Ansatz vor, der weibliche Täterschaft primär als Anpassung an ein männlich geprägtes System deutet.
3.2. Karin Windaus-Walsers These der Täterschaft von Frauen: Dieser Abschnitt thematisiert die Kritik von Windaus-Walser an bestehenden Debatten und führt ihre eigene Theorie einer aktiven, weiblichen Logik ein.
3.2.1. allgemeine Kritik am Diskurs über die Täterschaft von Frauen: Es wird die Verleugnung weiblicher Schuld thematisiert und das Erklärungsmodell der bloßen Anpassung an Männer infrage gestellt.
3.2.2. Kritik an Margarete Mitscherlich: Karin Windaus-Walser setzt sich kritisch mit Mitscherlichs These vom "genuin männlichen Antisemitismus" auseinander und entwirft Gegenargumente basierend auf einer weiblichen ödipalen Dynamik.
3.2.3. Karin Windaus-Walsers These der weiblichen Täterschaft: Hier wird Windaus-Walsers Entwurf einer Täterschaft entfaltet, die nicht nur aus Unterdrückung resultiert, sondern eine aktive Rolle und eigene weibliche Logik beinhaltet.
4. Resümee: Das Schlusskapitel kritisiert das Erklärungsdefizit der Psychoanalyse bei Massenphänomenen und plädiert für die Einbeziehung psychologischer Experimente zur Erklärung von Gewalt.
4.1. Das Milgram-Experiment: Das Kapitel beschreibt den Versuchsaufbau und die Ergebnisse von Milgrams Experiment zur Gehorsamsbereitschaft unter Autoritätsdruck.
4.2. Das Stanford-Prison-Experiment: Es wird untersucht, wie Machtstrukturen und Situationen in einer simulierten Gefängnisumgebung zivile Individuen zu grausamem Verhalten führen können.
4.3. Anwendung der psychologischen Experimente: Die Autorin transferiert die Erkenntnisse aus den Experimenten auf die Taten in Abu Ghraib und reflektiert die Schuldfrage bei Soldaten.
Schlüsselwörter
Abu Ghraib, Frauenforschung, Gewaltpotenzial, Karin Windaus-Walser, Lynndie England, Margarete Mitscherlich, Milgram-Experiment, Nationalsozialismus, Opfer-Täter-Debatte, Psychoanalyse, Psychologie, Stanford-Prison-Experiment, Täterschaft, Über-Ich, Weiblichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Umgang mit weiblicher Schuld und hinterfragt kritisch, ob Frauen lediglich als Opfer oder auch als Täterinnen in Gewaltkontexten wie dem Nationalsozialismus oder Abu Ghraib zu betrachten sind.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen feministische Forschung, Psychoanalyse, militärische Machtstrukturen, das Geschlechterverhältnis im Nationalsozialismus sowie die Psychologie menschlichen Verhaltens in extremen Situationen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die psychoanalytische Deutung einer "friedfertigen Frau" zu widerlegen und aufzuzeigen, dass Frauen in Extremsituationen ebenso zur Täterschaft fähig sind wie Männer.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt Literaturanalyse, kritische Diskursanalyse der feministischen Theorien von Mitscherlich und Windaus-Walser sowie den Vergleich mit empirischen sozialpsychologischen Experimenten (Milgram, Zimbardo).
Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen im Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert die Theorien zur weiblichen Täterschaft, die Rolle von Macht und Gehorsam in sozialen Systemen und die Frage, inwieweit individuelle Schuld oder situative Zwänge für Grausamkeiten verantwortlich sind.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen: Abu Ghraib, Opfer-Täter-Debatte, Psychoanalyse, Geschlechterdifferenz, Nationalsozialismus, Milgram-Experiment, Stanford-Prison-Experiment und weibliche Täterschaft.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Lynndie England?
Die Autorin betrachtet Lynndie England als ein Beispiel dafür, wie Extremsituationen (Krieg) Individuen verändern können, und betont dabei sowohl die situative Bedingtheit als auch die eigenverantwortliche Entscheidung zur Tat.
Warum wird die Psychoanalyse in der Arbeit kritisiert?
Die Autorin kritisiert, dass psychoanalytische Ansätze wie die von Mitscherlich Massenphänomene wie den Nationalsozialismus nicht hinreichend erklären können und dazu neigen, Frauen durch das Konstrukt einer "weiblichen Schwäche" von ihrer Schuld zu befreien.
Welche Bedeutung kommt dem Stanford-Prison-Experiment zu?
Das Experiment dient der Autorin als Beleg dafür, dass Menschen unabhängig vom Geschlecht durch Machtpositionen und den Wegfall von Kontrollinstanzen zu sadistischem Verhalten verleitet werden können.
- Quote paper
- Ruth Steinhof (Author), 2005, Untersuchung über den Umgang mit weiblicher Schuld, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44409