Charles Sorels L'histoire comique de Francion und der Roman als Medium des libertinage (Second et Troisième Livre)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
23 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Aufgabenstellung

2 Charles Sorel und L’histoire comique de Francion
2.1 Leben und Werk Charles Sorels
2.2 Entstehung des Romans Histoire comique de Francion und seine Rezeption
2.3 Inhaltsangabe des Buches

3 Le libertinage
3.1 Begriffsbildung und Einbettung in den zeitlichen Kontext
3.2 Kennzeichen
3.3 Techniken
3.4 Les libertins

4 Der Roman als Medium des libertinage
4.1 Sexualität, Erotik, Körpererfahrung
4.2 Religion
4.3 Ungerechtigkeiten in der Welt und Anspielungen auf das Jahrhundert

5 Schlusswort

Literaturverzeichnis

1 Aufgabenstellung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit Charles Sorels herausragendem Roman Histoire comique de Francion und dem darin auftretenden libertinage. Im Blickpunkt der Untersuchung stehen die Bücher zwei und drei der Histoire comique de Francion.

In dem avis aux lecteurs weist der Erzähler darauf hin, dass die Leser nach etwas Neuem verlangen: „il y avait plusieurs personnes qui se lassaient de la mode ancienne et qui demandaient quelque nouveauté.”[1] Inwiefern diese Aussage sich in dem Roman verwirklicht, soll im Verlauf der Untersuchung herausgearbeitet werden.

Diese Arbeit informiert zunächst in einem ersten Teil über das Leben und Schaffen Sorels, die Entstehung und den Inhalt seines Romans. Darüber hinaus werden der libertinage, dessen Ursprung, Entwicklung, Charakteristika und Anhänger näher erläutert.

Auf der Basis der erarbeiteten Ergebnisse folgt im Anschluss die Analyse der Bücher zwei und drei im Hinblick auf den von Sorel verwendeten Erscheinungsformen des libertinage. Dieser Abschnitt gliedert sich in drei große Bereiche: 1) Erotik, Sexualität und Körpererfahrung, 2) Religion, 3) Ungerechtigkeiten in der Welt und Anspielungen auf das Jahrhundert. Diese werden mittels ausgewählter Beispiele aus der Histoire comique de Francion betrachtet und bewertet. Sämtliche Beispiele aus dem Buch werden in ihrer Orthographie und Zeichensetzung originalgetreu übernommen. Abschließend werden die Ergebnisse noch einmal resümiert und bewertet.

2 Charles Sorel und L’histoire comique de Francion

2.1 Leben und Werk Charles Sorels

Charles Sorel, sieur de Souvigny, wird 1599 oder 1602 in Paris geboren und stammt aus einer bürgerlichen Familie mit Adelsansprüchen. Er wächst zusammen mit seiner Schwester auf.[2] Zunächst arbeitet Sorel als Schreiber bei einigen Staatsanwälten, bevor er im jungen Erwachsenenalter mit zwanzig Jahren als Literat zu wirken beginnt.[3] Er schreibt die Histoire de Cléagénor et Doristée (1621) und Le Palais d’Angélie (1622), welche im Stil der Zeit verfasst sind. 1623 erscheinen Les Nouvelles françaises und in demselben Jahr folgt die Histoire comique de Francion, die sehr erfolgreich aufgenommen und vielfach imitiert wurde. Dieser Roman stellt ein Novum dar, da er nicht wie die heroisch-galanten Romane seiner Zeit abgefasst ist, sondern den Grundstein für eine neue Richtung setzt – den komisch-realistischen Roman. 1627/28 publiziert Sorel Le berger extravagant, dessen Konzeption er als Anti-Roman zu d`Urfés L’Astrée und zur Schäferliteratur aller Art anlegt. Im Jahre 1635 kauft er von seinem Onkel den Posten eines Historiographe de France, der ihm bescheidene Einkünfte zusichert, so dass er unabhängig von der Gunst des Publikums und von Mäzenen als Schriftsteller tätig sein kann. Zu seinen Freunden zählen Guy Patin und Gassendi. Furetière, der ebenfalls den Vertretern des komisch-realistischen Romans zugeordnet wird, stellt ein Leben lang Sorels Feind dar. Insgesamt entstammen 41 Werke aus der Feder Sorels zu dessen Repertoire Romane, Novellen und Essays zählen. Er widmet sich auch der Geschichte, Philosophie und der Literaturkritik. Sorel frequentiert Philosophen sowie gelehrte und wissenschaftliche Zirkel. U.a. stammen die Pensées chrétiennes (1634) und La Science universelle (1634-1644) von Sorel. Interessant erscheint auch eine Art Literaturgeschichte der Gegenwartsliteratur seiner Zeit, welche er Bibliothèque française (1664) nennt. Diese vervollständigt Sorel später durch sein Werk De la connaissance des bons livres (1671). Trotz großen Fleißes gelingt es Sorel nicht an den Erfolg seiner beiden Jugendromane anzuknüpfen, die einen entscheidenden Beitrag zum Fortgang der französischen Literaturgeschichte geleistet haben.

Am 7. März 1674 stirbt Sorel in Paris im Hause seines Neffen, bei dem er seit 1663 lebte.

Antoine Adam berichtet über die Aussagen von Guy Patin über seinen Freund Charles Sorel, der ihn als einen schweigsamen Mann mit ausgeprägt gutem Menschenverstand beschreibt:

„et Patin seul réussissait à le faire parler. Il était petit et grasset, avec un grand nez aigu dont Furetière a cru bon de se moquer. Il semblait mélancolique et, prétend Patin, il ne l’était pas. Mais sa sanit était médiocre, il était délicat et fort souvent malade. Il cachaté avec pudeur une sensibilité vive, et six mois après avoir perdu son bon ami M. Miron, il ne pouvait prononcer son nom sans que les larmes lui vinssent aux yeux. Il menait une vie retirée, il était d’une grande sobriété, sa modestie lui interdisait les gestes qui auraient attiré l’attention sur lui. Mais on remarquait ses yeux, qui, selon le mot de Patin, regardaient de près, et l’on devinait que l’observateur satirique n’était pas mort en lui.”[4]

2.2 Entstehung des Romans Histoire comique de Francion und seine Rezeption

Im Jahr 1623 erscheint die Histoire comique de Francion zunächst im Umfang von sieben Büchern, 1626 wird die Ausgabe mit elf Büchern publiziert und 1633 schließlich in der Endfassung mit zwölf Büchern. Die jeweiligen Ausgaben ergänzen jedoch nicht nur die vorhergehende Ausgabe, sie unterliegen auch vielen Streichungen und werden mit Neuem bereichert.[5] Während die ersten beiden Ausgaben anonym veröffentlicht werden, wird die Ausgabe von 1633 einem gewissen Moulinet Du Parc[6] zugeschrieben. Nicolas Moulinet, sieur du Parc, lebte zu der Zeit der Veröffentlichung nicht mehr. Er war ein gentilhomme, von Beruf Anwalt im Parlament von Rouen. Seine Romane fanden bei der Leserschaft keinen Zuspruch. Fest steht, dass er nie die Histoire comique de Francion verfasst hat.[7]

Jean Serroy wirft in der Forschung die Frage auf, ob Sorel nicht von vornherein seine Histoire comique de Francion zu einer Fortschreibung hin angelegt hat.[8] Wenn seine Histoire comique de Francion nur die Glaubensauffassung eines jungen Libertiners Anfang des 17. Jh. wiederspiegeln sollte, so könnte der Roman nach dem siebten Buch aufhören.[9] Der Roman im Ganzen weist jedoch eine Zweiteilung auf. Es werden zwei Pole aufgeführt, einen negativen, der die körperliche Liebe zu Laurette darstellt (Bücher I-VII), und einen positiven, der die ideale Liebe zu Naїs beschreibt (Bücher VIII-XII).[10] Der zweite Teil des Romans kann somit als Antwort auf den ersten gelesen werden, wobei jede Episode des ersten Teiles Lehren für den jungen Francion darstellen.[11] Berücksichtigt werden muss, dass sich die Redaktion der Histoire comique de Francion über zehn Jahre hin erstreckt, in denen auch Sorel reifer wird und eventuell die Grenzen seiner Anfang zwanzig vertretenen Philosophie erkennt[12]:

„Le libertinage flamboyant et agressif de la jeunesse a fait place à un libertinage plus secret, d’un épicurisme plus tranquille.”[13]

Aufgrund der autoritären Regierung ab 1624, des politischen und sozialen Druckes von Kardinal Richelieu und dem Pamphlet von dem Jesuiten François Garasse leben die Anhänger des libertinage in ständiger Gefahr der Zensur und Verfolgung. Höhepunkt des Kampfes zwischen der Orthodoxie und den Libertinern bilden die 20er Jahre des 17. Jh.. In diese Zeit fällt auch der Prozess von Théophile de Viau, der am Kopf des Libertinerkreises steht. Er wird schließlich hingerichtet. Dieser Prozess steht im Mittelpunkt des Libertinerstreites.[14]

Unter diesem zeitlichen Kontext ist zu verstehen, warum Sorel seinen Roman anonym publiziert und ihn auch von Ausgabe zu Ausgabe verändert, um sich vor Angriffen und Verfolgung zu schützen. Metaphern, Vergleiche und Umschreibungen bezüglich sexueller Themen, seine Kritik am Hof sowie unanständige Ausdrücke streicht er größtenteils heraus, jedoch fügt er auch wieder Stoff hinzu, der anstößig wirken kann.[15]

Die Histoire comique de Francion kann als einer der ersten Bildungsromane angesehen werden[16] und direkt im ersten Buch schreibt Sorel selbst, dass die Geschichte „ quelque chose d’utile”[17] haben müsse und der Leser etwas lernen solle. Er fügt Passagen hinzu, die einen moralischen Charakter aufweisen.[18]

Sorels Roman steht auch für einer der ersten „roman de mœurs”[19]. Bei seiner Darstellung der Sitten seiner Zeit beschäftigt Sorel vor allem ihre moralische und soziale Bedeutung:

„Sorel est donc un romancier qui ne se borne pas à décrire, mais qui juge. Il parle des nobles, des bourgeois, de la magistrature sans aucun respect. Il se moque même du sentiment superstitieux que les Français éprouvent pour la personne des rois. Il dénonce l’ignorance des Grands, leur orgueil brutal, la bassesse d’âme de la bourgeoisie, la corruption des gens de justice, la sottise niaise des paysans. Il est clair qu’à ses yeux le monde est abandonné à la violence, à l’erreur, à l’imposture.”[20]

Sorel imitiert zum Teil noch die Picaroromane seiner Zeit und erinnert an die spanischen Vorlagen,[21] jedoch gehört er dieser Gattung nicht mehr an: „Der „Francion“ ist das erste Glied einer Kette ,komisch-realistischer’ Romane […]“.[22] Einzuordnen ist der Roman in den Epochenbegriff des Barockzeitalters.[23]

Antoine Adam schreibt: „[…] l’Histoire comique de Francion, parue en 1623, donna à ce genre romanesque nouveau son chef-d’œuvre”.[24] Sie war eines der am häufigsten gedruckten Werke der Epoche.[25] Gabrielle Verdier drückt die Neuheit der Histoire comique de Francion mit den Worten „Literary Revolution”[26] aus und Martine Debaisieux meint:

„Bien plus que le théâtre, la poésie, ou les autres formes romanesques traditionnelles de l’époque, l’histoire comique échappant aux modèles, favorise l’exploitation de techniques nouvelles et représente une expression de l’esthétique baroque dans son aspect le plus libre.”[27]

2.3 Inhaltsangabe des Buches

Die Histoire comique de Francion setzt sich aus 12 Büchern zusammen und handelt von der Lebensgeschichte des jungen, adligen Francion Marquis de la Porte. Nach der ersten Episode zu Anfang des Buches, die medias in res einsetzt und von einem sehr verwirrenden Abenteuer erzählt, begegnet Francion dem Adligen Raymond, auf dessen Bitte hin er beginnt, seine Lebensgeschichte (Bücher I, III-VII) zu erzählen. Darunter fallen seine Kindheit in der Bretagne, die Pariser Schulzeit, seine Bemühungen sich in die höfische Gesellschaft einzugliedern, seine Liebesabenteuer und die Begegnung mit Laurette, einer ehemaligen Prostituierten. Der Bericht von Agathe, der Ziehmutter Laurettes, in Buch II fällt dabei aus dem Erzählstrang von Francions Leben heraus. Neben dieser auffallenden Episode von Agathe stellen Francions Traum (Buch III) und das ausschweifende Fest auf Raymonds Schloss (Buch VII) zwei weitere wichtige Passagen in der Histoire comique de Francion dar.

„Während Francions Lebensgeschichte sich bis dahin als episodischer Parcours durch die verschiedensten gesellschaftlichen Milieus darstellt, wird sie im zweiten Teil zur romanesken Suche nach der Erfüllung edler Liebesgefühle.”[28] Francions Ziel stellt nun die Bekanntschaft mit einer Frau von hohem Stand dar. In Raymonds Schloss stößt er auf ein Porträt von der schönen Italienerin Naïs, in welche er sich auf der Stelle verliebt. Nach persönlichem Kennen lernen bekunden sie sich gegenseitig ihre Liebesgefühle, jedoch werden die Liebenden auf die Probe gestellt. Auf dem Weg nach Rom werden sie durch Angriffe seitens eifersüchtiger Nebenbuhler getrennt. Nach einigen Komplikationen endet der Roman mit der Heirat von Francion und Naïs.

[...]


[1] Sorel, Histoire, 36.

[2] Vgl. Roy, vie, 2.

[3] Vgl. Adam, Romanciers, 21. Im Folgenden bezieht sich das ganze Kapitel auf Adam, Romanciers, 22-25.

[4] Adam, Romanciers, 24.

[5] Vgl. Serroy, roman , 97.

[6] Vgl. Sorel, Histoire , 34 sowie in den Anmerkungen 689f.

[7] Vgl. Roy, vie , 61.

[8] Vgl. Serroy, roman , 99.

[9] Vgl. ebd..

[10] Vgl. ebd..

[11] Vgl. a.a.O., 102.

[12] Vgl. a.a.O., 103.

[13] Vgl. ebd.. Diese Entwicklung scheint die aller Libertiner zu sein, wie René Pintard in seinem Buch Le libertinage érudit dans la première moitié du XVIIe siècle aufzeigt.

[14] Vgl. Schneider, Libertin, 176ff.

[15] Vgl. Sorel, Histoire , 25.

[16] Vgl. Verdier, Charles, 43.

[17] Sorel, Histoire , 43.

[18] Vgl. Verdier, Charles, 39, 56.

[19] Roy, vie , 95.

[20] Adam, Romanciers , 31f.

[21] Vgl. Roy, vie , 65.

[22] Geulen, Erzählkunst, 201.

[23] Vgl. näheres dazu Matzat, Histoire , 59ff.

[24] Adam, Romanciers , 18.

[25] Vgl. a.a.O., 1258.

[26] Verdier, Charles, 38.

[27] Debaisieux, procès , 8.

[28] Matzat, Sorel, 40.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Charles Sorels L'histoire comique de Francion und der Roman als Medium des libertinage (Second et Troisième Livre)
Hochschule
Universität zu Köln  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Der komisch realistische Roman des 17. Jahrhunderts
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V44415
ISBN (eBook)
9783638420211
Dateigröße
765 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charles, Sorels, Francion, Roman, Medium, Troisième, Livre), Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Yvonne Dämgen (Autor), 2003, Charles Sorels L'histoire comique de Francion und der Roman als Medium des libertinage (Second et Troisième Livre), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44415

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