Das Standford-Prison-Experiment in Bezug auf den Polizeivollzugsdienst


Hausarbeit, 2018

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gruppendruck und Konformität

3. Das Stanford-Prison-Experiment und dessen Ziele
3.1. Ablauf
3.2. Ergebnis und Fazit

4. Das Stanford-Prison-Experiment in Bezug auf den Polizeivollzugsdienst

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Arzt, Polizist, Soldat, Vater, Student – Jeder Mensch nimmt in seinem Leben eine Rolle an. Einige viele Rollen erhalten wir automatisch, andere nehmen wir aufgrund unseres Berufes an und agieren rollenkonform. In den vielen Rollen, die wir beruflich annehmen, handeln wir in weiten Teilen nicht so, wie wir es privat täten und passen unser Verhalten an.

In der jeweiligen Rolle treten wir mit anderen Menschen in Kontakt, die unser Verhalten aufgrund dieser bestimmten Rolle in einer bestimmten Art und Weise vorhersagen können und sich so Zusammenarbeit und das „Miteinander auskommen“ einfacher gestalten lassen. Fällt man aus dieser vorhersagbaren Rolle, so entstehen schnell Missverständnisse und es kommt zu Problemen.

Einige der von Menschen angenommenen Berufsrollen erfordern ein besonderes Verständnis derselben, etwa die Berufsrolle des Polizisten. Im Berufsalltag der Polizei kommt es regelmäßig zu Situationen, in denen die Grenze von Verhältnismäßigkeit überschritten wird. In diesem Zusammenhang sind Begriffe wie Gruppendruck und Konformität von besonderer Wichtigkeit.

Einige Studien haben es sich zur Aufgabe gemacht, menschliches Verhalten in bestimmten Rollen unter bestimmten Voraussetzungen zu untersuchen. Eines dieser Untersuchungen ist das berühmte Stanford-Prison-Experiment (SPE), welches 1971 unter der Leitung des sozialpsychologischen Professors Philip Zimbardo an der renommierten Stanford Universität in Palo Alto, Kalifornien durchgeführt wurde. Der Verlauf des Experimentes und die anschließenden Ergebnisse machten das Experiment weltbekannt, sind unter sozialpsychologischen Aspekten unter Experten jedoch umstritten.

In der folgenden Ausarbeitung werde ich die Begriffe Gruppendruck und Konformität näher definieren. Im weiteren Verlauf soll das Stanford-Prison-Experiment, die Ziele, der Ablauf sowie die daraus gewonnenen Erkenntnisse vorgestellt werden. Schließlich soll mit Hilfe der Ergebnisse die Bedeutung des Stanford-Prison-Experimentes auf den Polizeivollzugsdienst übertragen werden.

Hinweis: Obwohl aus Gründen der Lesbarkeit im Text die männliche Form gewählt wurde, beziehen sich die Angaben auf Angehörige beider Geschlechter.

2. Gruppendruck und Konformität

Um sich dem Begriff des Gruppendrucks und der eng dazugehörenden Konformität zu nähern, sollte zunächst einmal der Zusammenhang zwischen diesen beiden Begrifflichkeiten erläutert werden. Stanley Milgram, Begründer des berühmten und nach ihm benannten Milgram-Experimentes, definiert Konformität „als die Aktion eines Individuums [...], das sich neben Gleichrangige stellt, neben Menschen von gleichem Status, die kein besonderes Recht haben, sein Verhalten zu steuern“ (Milgram, 1982, S. 134). Er behauptet auch, „Konformität ist Imitation [...] Konformität führt zur Vereinheitlichung von Verhalten, da die beeinflußte Person sich dem Verhalten Gleichrangiger anpaßt“ (Milgram, 1982, S. 136). Konformität ist also zusammengefasst „ein Verzicht auf Initiative zugunsten einer äußeren Quelle“ (Milgram, 1982, S. 135).

Gruppendruck ist der Konformität vorangestellt. Sobald eine Zusammenkunft von Individuen eine übereinstimmende Meinung hat, so hat einer, der eine andere, abweichende Meinung vertritt, grundsätzlich die schlechteren Chancen, seine Mindermeinung der Mehrheit nahe zu bringen beziehungsweise diese zu überstimmen. Es entsteht ein Gruppendruck, der die Person dazu bringt, sich der Mehrheitsmeinung anzuschließen, sich also gruppenkonform zu verhalten, jedoch: „Bei Konformität bleibt der Zwang, sich der Gruppe anzuschließen, oft unausgesprochen“ (Milgram, 1982, S. 136). Dieser Prozess der „Umentscheidung“ des Individuums kann auf zwei Weisen erfolgen. So fragt sich Auer-Rizzi (1998, S. 1): „Ist es eine vom Einzelnen gewollte, bewußt angestrebte Anpassung [an die Gruppe] oder wirken soziale Mechanismen, die zu einer Anpassung führen ohne daß der einzelne mit dieser konform geht?“ Zum einen kann die Person mit der Mindermeinung so von der Mehrheitsmeinung überzeugt werden, dass sie nach einiger Zeit glaubt, dass das was sie behauptet hat, nicht die Wirklichkeit darstellt. Er wird also von der „Wahrheit der Mehrheit“ überzeugt.

Die andere Möglichkeit ist, dass die Person zwar die Sichtweise der Mehrheit versteht und ihr zustimmt, jedoch nur, um sich der Mehrheit anzuschließen und „mit dem Strom mitzuschwimmen“. Sie geht also nicht mit der Meinung konform.

So beschreibt Philip Zimbardo in seinem Werk „Der Luzifer-Effekt“ (Zimbardo, 2008, S. 253) Solomon Aschs Schlussfolgerung zur Sherif-Studie über Konformität: „Als der einzelne Proband mit den abweichenden Wahrnehmungen der Gruppe konfrontiert worden sei, habe er sich nicht wirklich an seine ursprünglichen Schätzungen gebunden gefühlt und sei daher einfach mit dem Strom mitgeschwommen“.

„Der Gruppendruck (Konformität) ist von der Stärke (=Wichtigkeit einer Gruppe), der Unmittelbarkeit (= abhängig davon, wie räumlich und zeitlich nah die Gruppe dem Individuum ist) und der Anzahl der Teilnehmer in einer Gruppe abhängig“ (Teichert, 2011, S. 20).

Laut Teichert (2011, S. 106) wirkt Gruppendruck auf eine positive und eine negative Art: So bewirkt positiver Grup­­pendruck, dass „negative Werte aufgegeben“, „positive Meinungen von Teilnehmern übernommen“ und „Teilnehmer zu Leistungen angespornt“ werden. Negativer Gruppendruck führt dagegen zur „Übernahme negativer Meinungen“ und zur „Unterordnung und Fügung durch Zwang“.

Zum besseren Verständnis des nachfolgend aufgeführten Stanford-Prison-Experimentes ist es ebenso wichtig, Konformität von Gehorsam zu unterscheiden. Milgram beschreibt Gehorsam als eine „Aktion einer Person, die sich einer Autorität unterwirft“ (Milgram, 1982, S. 134). Er untermauert diese Definition mit einem Beispiel:

„Nehmen wir als Beispiel einen Rekruten, der in den Militärdienst eintritt. Er führt peinlich genau die Befehle seiner Vorgesetzten aus. Gleichzeitig jedoch übernimmt er den Status, das Benehmen und die Sprache der ihm Gleichrangigen. Ersteres stellt Gehorsam, zweiteres Konformität dar“ (Milgram, 1982, S. 134).

Auf diese Unterscheidung werde ich im Anschluss an das SPE im Fazit nochmals eingehen, um die Thematik zu verdeutlichen.

3. Das Stanford-Prison-Experiment und dessen Ziele

Das Stanford-Prison-Experiment wurde im Jahre 1971 unter der Leitung von Philip Zimbardo, Craig Haney und William Curtis Banks an der Stanford-Universität in Kalifornien durchgeführt. Dabei wurden Kursräume des psychologischen Instituts der Universität in ein Simulationsgefängnis umgebaut. Im Folgenden werden Ziele und Ablauf des Versuchs näher erörtert. Im Anschluss werden die gewonnenen Erkenntnisse des Experimentes zusammengetragen und in einem Fazit zusammengefasst.

Das Experiment zielte darauf ab herauszufinden, welche psychischen Auswirkungen das Gefangenenleben auf die Akteure der Strafvollzugsbeamten und der Insassen gleichermaßen hat. „Sie [Zimbardo und seine Mitarbeiter; Anm. d. Verf.] stellten sich exemplarisch die Frage, ob der traditionelle Strafvollzug in Gefängnissen das intendierte Ziel der Resozialisierung nicht nur vereitelt, sondern gar ins Gegenteil verkehrt.“ (Zimbardo, Haney, Banks, Bierbrauer, & Steiner, 2005, S. 7). Zimbardo war sich seinerzeit bewusst, dass in amerikanischen Gefängnissen viele Konflikte herrschten. Er vermutete, dass die Ursachen dafür in der Beziehung zwischen den Wärtern und den Insassen zu suchen sind. Nicht lange nach dem abgebrochenen Experiment gab es einen Gefangenenaufstand in der Attica Haftanstalt im Bundesstaat New York am 9. September 1971. Dabei übernahmen ca. 1200 Gefangene die Kontrolle über die Anstalt und nahmen 38 Wärter als Geiseln. Ihr Ziel: Das Stoppen der unmenschlichen Behandlung und der Lebensumstände in der Anstalt. Ein zu seiner Zeit aktueller Vorfall, der die Problematik und den Ansatz Zimbardos nochmal verdeutlichte.

3.1 Ablauf

Um die für das Experiment benötigten Probanden zu gewinnen, schalteten Zimbardo und seine Mitarbeiter eine Zeitungsanzeige, in der sie Freiwillige für eine psychologische Studie suchten. Das Honorar belief sich auf 14$ pro Tag und das Experiment war für zwei Wochen geplant. Die Studie war demnach für viele damalige Studenten eine willkommene Gelegenheit, sich ihre „Ferienkasse“ aufzubessern. Es meldeten sich insgesamt „75 Interessenten“. Diese [...]“wurden einer umfangreichen psychologischen Diagnose unterzogen, ihr Familienhintergrund wurde exploriert und [ihnen wurden] Fragen über mögliche Vorstrafen gestellt“ (Zimbardo et al., 2005, S. 8).

Nach dieser Vorauswahl wurden schließlich 24 Personen ausgewählt, um an diesem Experiment teilzunehmen. Diese bestanden “aus einer relativ homogenen Stichprobe durchschnittlicher und emotional stabiler männlicher College-Studenten“ (Zimbardo et al., 2005, S.8). Um die Teilnahme rechtlich abzusichern, mussten die Probanden einen Vertrag unterzeichnen, „der festlegte, dass ihnen für zwei Wochen ein Minimum an Nahrung, Kleidung, Unterkunft und medizinischer Betreuung zur Verfügung gestellt würde“ (Zimbardo et al., 2005, S.9).

Das Experiment startete an einem Sonntag. Die Hälfte der Studenten, die die Rolle der Gefängnisinsassen einnahmen, sollten sich an diesem Tag zuhause aufhalten. Am besagten Tag verhaftete die Polizei die Studenten in ihren Häusern. Ihnen wurde „Diebstahl“ und „bewaffneter Raubüberfall“ vorgeworfen und sie wurden daraufhin in das örtliche Polizeipräsidium verbracht. Man nahm Fingerabdrücke und Personalien von ihnen auf. Von dort aus brachte man sie in das hergerichtete Gefängnis. Die Versuchspersonen bekamen „weite, sackähnliche Gewänder mit einer Erkennungsnummer auf Brust und Rücken“ (Zimbardo et al., 2005, S. 8). „Die Wärter trugen eine khakiähnliche Uniform, waren mit Trillerpfeife und Polizeiknüppel ausgerüstet. Um direkten Augenkontakt zwischen Gefangenen und Wärtern zu verhindern, trugen letztere reflektierende Sonnenbrillen“ (Zimbardo et al., 2005, S. 8).

Den Wärtern wurde die Aufgabe zugeteilt „einen „vernünftigen Grad von Ordnung innerhalb des Gefängnisses aufrechtzuerhalten, damit es effektiv funktioniert“ (Haney et al., 1973, 74)“ (Zimbardo et al., 2005, S. 9). Die Wärter hätten weiterhin auf „unvorhergesehene Zwischenfälle“ „angemessen“ zu reagieren.

Zimbardo und seine Angestellten wollten „die interpersonelle Dynamik einer Gefängnisumwelt mittels einer funktionalen Simulation untersuchen, in der anfänglich keine dispositionellen Unterschiede zwischen Gefangenen und Wärtern existierten.“ (Zimbardo et al., 2005, S. 10). Das bedeutete, dass die Verantwortlichen den Teilnehmern bestimmte Verhaltensregeln vorgaben, nach denen sie sich zu richten hatten und somit eine „Manipulation von konzeptuellen Variablen [vornahmen], die dem Verhalten und den Erfahrungen in einer Gefängniswelt funktional äquivalent [...] sind und die somit ähnliche psychologische Reaktionen [...] wie Machtlosigkeit, Frustration, Anonymität [...] hervorrufen können“ (Zimbardo et al., 2005, S. 10).

Der erste Tag des Versuchs verlief problemlos, am zweiten Tag brach „ein Aufstand der Gefangenen aus, der von den Wärtern brutal bekämpft wurde“ (Zimbardo et al., 2005, S. 10). Aufkeimende Solidarität unter den Insassen „wurde mit subtilen psychologischen Taktiken gebrochen“ (Zimbardo et al., 2005, S. 10). Die Misshandlungen gingen so weit, dass die Insassen „in Einzelzellen gesperrt wurden, Zählappelle sogar nachts mitunter eine Stunde dauerten und der Gang zur Toilette ein Privileg wurde, das gewährt oder abgelehnt werden konnte“ (Zimbardo et al., 2005, S. 10). In den folgenden Tagen wurden die Schikanen der Wärter immer brutaler, so dass in der Folge mehrere Studenten wegen „schwerer emotionaler Störungen, wie hysterisches Weinen und Depressionen“ (Zimbardo et al., 2005, S. 10) entlassen werden mussten.

Schließlich wurde der Versuch am 6. Tag für beendet erklärt, „weil sowohl für die Rollenspieler als auch für die Beobachter nicht mehr ersichtlich war, wo die Simulation endete und einer neuen Realität Platz machte“ (Zimbardo et al., 2005, S. 10).

3.2. Ergebnis und Fazit

Nach Sichtung der Videoaufnahmen, Führen von Interviews und der eigentlichen Beobachtungen kamen die Verantwortlichen der Studie zu dem Schluss, „dass die zunächst relativ harmlos erscheinende Rollenzuweisung in kurzer Zeit eine Dynamik entwickelte, wie sie vom außenstehenden Beobachter weder in dieser Form vorhergesagt noch in ihrer Ursache korrekt diagnostiziert werden konnte“ (Zimbardo et al., 2005, S. 11).

Die zu Anfang formulierte Zielsetzung der Versuchsleiter und die daraus resultierten Ergebnisse werden, in Verbindung mit der Tatsache, dass sich Zimbardo als Versuchsleiter und Gefängnisdirektor zugleich positionierte, nach heutigen Erkenntnissen kritisch betrachtet. Im folgenden Abschnitt beschreibt Zimbardo seine eigene, persönliche „Transformation“, der er unbewusst unterlaufen ist:

„I had become a Prison Superintendent in addition to my role as Principal Investigator. I began to talk, walk and act like a rigid institutional authority figure more concerned about the security of „my prison“ than the needs of the young men entrusted to my care as a psychological researcher. In a sense, I consider the extent to which I was transformed to be the most profound measure of the power of this situation“ (Zimbardo, 2004, S. 40).

Er bemängelt in dem gleichen Artikel, dass er traurig darüber sei, wie wenig Auswirkungen sein Experiment und dessen Ergebnisse auf das Justizvollzugssystem in den Vereinigten Staaten hatten. Demnach sei das Vollzugssystem noch immer ein „gescheitertes Sozialexperiment“, welches darauf beruht, Gefangene zu bestrafen und zu isolieren:

“I have been saddened by the lack of impact the Stanford prison experiment has had on the correctional system in the United States. [...] Prisons continue to be failed social experiments that rely on the dispositional model of punishment and isolation of offenders” (Zimbardo, 2004, S. 41f.).

Die Psychologen Alexander Haslam von der University of Queensland in Australien und Stephen D. Reicher von der University of St. Andrews in Schottland gaben 2012 in ihrem im Fachmagazin „PLos Biology“ veröffentlichten Essay an, dass die damaligen Experimente eine andere Schlussfolgerung zulassen würden. Demnach sei die These, dass jeder Mensch automatisch und ohne Gewissen Befehle ausführt, sobald er mit einer bestimmten Rolle konform wird und Regeln einer Autorität befolgen muss, so nicht ganz richtig:

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Standford-Prison-Experiment in Bezug auf den Polizeivollzugsdienst
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Duisburg
Veranstaltung
Psychologie
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V444172
ISBN (eBook)
9783668816480
ISBN (Buch)
9783668816497
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpsychologie, Zimbardo, Polizei, Stanford-Prison-Experiment, Stanford, 1971, Psychologie, Konformität, Gruppendruck, Prison, Experiment, Sozial, Polizeivollzugsdienst
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Das Standford-Prison-Experiment in Bezug auf den Polizeivollzugsdienst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444172

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