Helmut Schmidt war, abseits seiner politischen Karriere, nicht nur wegen seines scharfen Verstands und seiner markigen Sprüche bekannt. Der Kettenraucher stolperte auch gerne über den spitzen Stein. Sogar Olaf Scholz, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg, hob in einer Rede anlässlich des Todes des Altkanzlers hervor, dass man seine Jugend in Hamburg-Barmbek stets heraushören konnte. Obwohl Schmidt dafür bekannt ist, statt der palatalen Sprechweise ("schp/scht"), die alveolare ("s-pitzer S-tein") zu verwenden, zeigen die Untersuchungen dieser Arbeit, dass sich dieses Dialektmerkmal lediglich unregelmäßig und inkonsequent bei ihm nachweisen lässt. Angesichts der Feststellung Peter Auers, dass Personen, welche dieses Merkmal aufweisen, entweder zu annähernd 100 Prozent über den "spitzen Stein stolpern" oder es überhaupt nicht tun, scheint Helmut Schmidt eine Ausnahme darzustellen. Die für diese Arbeit erhobenen Daten wurden aus aufgezeichneten Interviews zwischen den Jahren 1965 und 2015 abgeleitet (ausführliche Informationen dazu sind dem Anhang dieser Arbeit zu entnehmen). Die Auswertung der Daten legt nahe, dass Schmidt die alveolare Variante unregelmäßig realisiert. Zudem wird der Frage nachgegangen, ob sich ein Wandel hinsichtlich dieses Merkmals bei ihm feststellen lässt. Abschließend werden möglich Gründe angeführt, die erklären könnten, weshalb Schmidt lediglich 5 bis 20 Prozent der s-Laute vor Plosiven alveolar realisiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Methodik
3. Interview aus dem Jahr 1965
3.1. Interview aus dem Jahr 1966
3.2. Interview aus dem Jahr 1989
3.3. Interview aus dem Jahr 1997
3.4. Interview aus dem Jahr 2015
4. Fazit: Feststellung Auers und das Beispiel „Helmut Schmidt“
4.1. Fazit: Ausspracheveränderung im Laufe der Zeit
4.2 Fazit: Gründe für die unregelmäßige Verwendung des Merkmals
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der alveolaren /s/-Realisierung in anlautenden Konsonantenverbindungen vor Plosivlauten (dem sogenannten „spitzen Stein“) am Beispiel von Helmut Schmidt, um zu klären, warum er dieses sprachliche Merkmal unregelmäßig anwendet und ob sich eine zeitliche Tendenz zum Standard feststellen lässt.
- Analyse der alveolaren s-Realisierung im norddeutschen Sprachraum
- Empirische Untersuchung anhand von fünf Interviews mit Helmut Schmidt (1965–2015)
- Kritische Auseinandersetzung mit der These von Peter Auer („Ganz oder gar nicht“)
- Einflussfaktoren auf die Sprechweise wie Alter, Kontext und Standardkonvergenz
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Am 23. November fand zu Ehren Helmut Schmidts ein Staatsakt im Hamburger Michel statt. Schmidt starb 13 Tage zuvor im Alter von 96 Jahren. Familie, Freunde und Politiker aus aller Welt erwiesen Helmut Schmidt an diesem Tag die letzte Ehre. Darunter auch Olaf Scholz, Erster Bürgermeister von Hamburg. In seiner Rede ehrt Scholz nicht nur den großen Politiker Schmidt, den weltbekannten Staatsmann und den fleißigen Publizisten, sondern eben auch den einfachen Mann aus Hamburg:
„Meine Damen und Herren, von Helmut Schmidt haben wir auch immer wieder aufs Neue gelernt, wie wichtig Heimat ist. Für ihn hieß diese Heimat Hamburg. Als Politiker und Publizist hat Helmut Schmidt Deutschland, Europa und die Welt geprägt. Zu Hause war er aber hier in der Freien und Hansestadt, kulturell, intellektuell und persönlich. Natürlich konnte und wollte er seine Heimatstadt nicht verleugnen, zu deutlich hörte man seine Herkunft, wenn er im Bundestag das Wort ergriff. Die hamburgische Schnoddrigkeit aus der man die Jugend in Barmbek heraushören konnte, gehörte ebenso zu ihm wie die natürliche Eleganz des freiheitsliebenden hanseatischen Bürgers, der auch über den spitzen Stein stolpern konnte.“
Helmut Schmidt war für vieles bekannt. Neben seinen politischen Tätigkeiten, seinem unerschöpflichen Willen das Weltgeschehen zu kommentieren und seiner Menthol Zigarette eben auch dafür, dass er auch häufiger den „spitzen Stein“ alveolar realisierte, worauf auch Olaf Scholz in seiner Rede verwies.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der alveolaren s-Realisierung ein und verortet Helmut Schmidt im Kontext der soziolinguistischen Debatte um den „spitzen Stein“.
2. Methodik: Hier wird das methodische Vorgehen erläutert, das auf der Auswertung von fünf Interviews aus den Jahren 1965 bis 2015 basiert.
3. Interview aus dem Jahr 1965: Eine erste Analyse der Interviewaufzeichnung von 1965 zeigt eine unerwartete Häufigkeit von 20 Prozent in der alveolaren Realisierung.
3.1. Interview aus dem Jahr 1966: Das längere Interview mit Günter Gaus wird untersucht, wobei der Einfluss des Interviewers und situative Aspekte auf Schmidts Aussprache betrachtet werden.
3.2. Interview aus dem Jahr 1989: Die Untersuchung dieses Zeitzeugen-Interviews verdeutlicht einen deutlichen Rückgang der alveolaren Realisierungen auf 5,1 Prozent.
3.3. Interview aus dem Jahr 1997: In diesem für eine Dokumentation geführten Gespräch zeigt sich eine überraschende Erhöhung der alveolaren Werte auf 21,4 Prozent.
3.4. Interview aus dem Jahr 2015: Das letzte Interview des 96-jährigen Schmidt belegt einen erneuten Rückgang und nähert sich dem bisher geringsten Wert von 5,9 Prozent an.
4. Fazit: Feststellung Auers und das Beispiel „Helmut Schmidt“: Dieses Kapitel zieht ein abschließendes Resümee über die Unvereinbarkeit der individuellen Sprachdaten mit der strengen „Ganz oder gar nicht“-These Auers.
4.1. Fazit: Ausspracheveränderung im Laufe der Zeit: Es wird erörtert, dass sich trotz Datenlücken eine generelle Tendenz zur Standardkonvergenz bei Helmut Schmidt beobachten lässt.
4.2 Fazit: Gründe für die unregelmäßige Verwendung des Merkmals: Abschließend werden Erklärungsansätze für die spontane und unregelmäßige Verwendung des Merkmals diskutiert, etwa durch den Einfluss von Milieu und Alter.
Schlüsselwörter
Helmut Schmidt, alveolare s-Realisierung, Hamburger Stadtsprache, Peter Auer, spitzer Stein, Sprachwandel, Standardkonvergenz, Soziolinguistik, Regiolekt, Interviewanalyse, Phonologie, Sprachvariation, Harmoniemilieu, Niveaumilieu, Abbauphänomen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das sprachliche Merkmal der alveolaren /s/-Realisierung in norddeutschen Konsonantenverbindungen (vor Plosivlauten wie in „spitzer Stein“) bei der Person Helmut Schmidt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Mittelpunkt stehen die variationslinguistische Stadtsprachenforschung, die Analyse von Sprachwandelprozessen sowie die soziolinguistische Einordnung von Sprecherverhalten im Zeitverlauf.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, warum Helmut Schmidt dieses spezifische Merkmal unregelmäßig verwendet und ob seine Sprachverwendung die „Ganz oder gar nicht“-These des Linguisten Peter Auer stützt oder widerlegt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wurde eine korpusbasierte Analyse von fünf audiovisuellen Interviews mit Helmut Schmidt (aus den Jahren 1965, 1966, 1989, 1997 und 2015) durchgeführt, um die Frequenz der alveolaren Realisierungen zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die chronologische Untersuchung der fünf Interviews, wobei jeweils die Interviewsituation, das Umfeld und die konkreten sprachlichen Belege quantitativ ausgewertet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Sprachdynamik, Standardkonvergenz, Hamburger Stadtsprache, soziolinguistische Variation und die Erforschung von Abbauphänomenen in Regiolekten.
Wie erklärt der Autor die unregelmäßige Verwendung bei Helmut Schmidt?
Der Autor vermutet, dass Schmidts Sprache einer Tendenz zur Standardkonvergenz unterliegt, die durch sein hohes Alter und die Zugehörigkeit zum Niveaumilieu beeinflusst wird, was zu einem unregelmäßigen Gebrauch des an sich schwindenden Merkmals führt.
Welche Rolle spielt Günter Gaus in der Analyse?
Günter Gaus dient als Vergleichsperson, da er ebenfalls dem Niveaumilieu angehört, jedoch das Merkmal fast zu 100 Prozent realisiert, was den deutlichen Unterschied zu Schmidt hervorhebt.
- Citar trabajo
- Lennard Bräsen (Autor), 2016, Helmut Schmidts "spitzer Stein". Eine Untersuchung der alveolaren s-Realisierungen vor Plosiven anhand von Interviews, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444196