Heimat in Joseph Roths Roman "Hiob". Die Bedeutung des Heimatbegriffs für Mendel Singer


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext - Die Heimat der Ostjuden

3. Heimat in Hiob
3.1 Das Leben der Familie Singer
3.2 Der Glaube

4. Amerika als Exil
4.1 Das Leben in New York
4.2 Verlust der Familie
4.3 Verlust des Glaubens
4.4 Wiederfindung der Heimat

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Jede […] Nation berief sich auf die „Erde“, die ihr gehörte. Nur die Juden konnten sich auf keinen Boden („Scholle“ sagt man in diesem Fall) berufen. […] Da rafften sie sich auf und bekannten sich zu einer, zu ihrer Nationalität: zur jüdischen. Den Mangel an einer eigenen „Scholle“ in Europa ersetzten sie durch ein Streben nach der palästinensischen Heimat. Sie waren immer Menschen im Exil gewesen.“1

Wie Joseph Roth bereits sagt, hat jede Nation ihr eigenes Land, ein Gebiet, in dem sie lebt. Die Einwohner fühlen sich diesem Land zugehörig und demnach würden die meisten es wohl auch als ihre Heimat bezeichnen. Juden allerdings haben kein Land, zu dem sie gehören. Eine richtige Heimat finden sie demnach nirgendwo.2 Doch was bedeutet „Heimat“? Schließt das Nicht-Vorhandensein einer eigenen „Scholle“ das Gefühl von Heimat direkt aus?

Die folgende Arbeit soll eben dieses Thema untersuchen. Zunächst soll Joseph Roths Essay Juden auf Wanderschaft sowie Sekundärliteratur einen Überblick darüber verschaffen, wie Juden zur Zeit um den 1. Weltkrieg lebten, welche Gefühle zur Heimat in ihnen aufkamen, warum viele nach Amerika auswanderten und ob diese Emigration ihnen eine „Heimat“ näher brachte.

Anschließend wird Joseph Roths Roman Hiob in Bezug auf dieses Thema untersucht. Der Roman eignet sich dafür besonders gut, denn Roth „schildert darin die Heimat der Ostjuden, ihre Auflösung und den Versuch, eine neue Heimat zu suchen und sich darin zurechtzufinden.“3

Protagonist des Romans ist der Ostjude Mendel Singer, der stellvertretend für alle Ostjuden gesehen werden kann.4 Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern im russischen Schtetl Zuchnow in ärmlichen Verhältnissen. Als sein viertes Kind Menuchim krank zur Welt kommt, wird der Glaube des „fromme[n] und gottesfürchtig[en]“5 Lehrers der Bibelkunde auf eine harte Probe gestellt. Im weiteren Verlauf des Romans erfährt die Familie weitere Schwierigkeiten in ihrem Leben und einer der beiden Söhne, Schemarjah, gelangt auf der Flucht vor dem Militär nach Amerika.6 Als dieser seine Familie nach einiger Zeit zu sich nach Amerika einlädt, kommen die Singers der Einladung nach, um ihre Tochter Mirjam zu schützen7, müssen allerdings den kranken Menuchim in Russland zurücklassen.8 Nachdem die Familie beginnt, sich in Amerika „beinahe heimisch“9 zu fühlen, wendet sich das Blatt und Mendel verliert seine Familie und seinen Glauben. Das Ende des Romans liefert jedoch ein Happy End, als Menuchim gesund wird und Vater und Sohn wieder vereint werden.10

Bezüglich dieser Erzählung untersucht die folgende Arbeit in einem Teil die Heimat Mendels im russischen Schtetl mit besonderem Blick auf Familie und Glauben und im letzten Teil die Heimat im amerikanischen Exil, den Verlust der Heimat und die Wiederfindung.

2. Historischer Kontext - Die Heimat der Ostjuden

Wie bereits das Zitat von Roth zeigt, hatten Juden keine Heimat in einer bestimmten Nation, sie gehörten keiner Nation an. Ein Zugehörigkeitsgefühl bekamen sie, indem sie Solidarität als besonders wichtig ansahen. Sie fühlten sich miteinander durch ihr Erscheinungsbild sowie durch ihre Religion und Kultur verbunden.11 Für die Ostjuden waren also die Mitmenschen von großer Bedeutung und nicht so sehr die Natur, von der sie umgeben waren. Sie erkannten nicht, dass das Land in dem sie lebten auch schöne Seiten bezüglich der Natur aufwies, da es ihnen nicht erlaubt war „in Dörfern zu leben, [oder] auch in großen Städten. In schmutzigen Straßen, in verfallenen Häusern leb[t]en die Juden.“12 Sie lebten in einem sogenannten Schtetl, in denen das Leben geprägt war von Armut, Angst und dem Gedanken zu fliehen.13 Sie fühlten sich mit dem Land, in dem sie lebten nicht verbunden, sahen kein Vaterland darin, doch das Land verlangte genau solch ein Ansehen von ihnen, nämlich Patriotismus.14 Dies würde 219).

bedeuten, dass die Juden sich nicht nur mit dem Land hätten verbunden fühlen müssen,

sondern auch hätten bereit sein müssen, für ihr Land in den Krieg zu ziehen und möglicherweise sogar zu sterben. Doch zu dem Gefühl der Heimatlosigkeit kam hinzu, dass Ostjuden dem Militär sehr ablehnend gegenüberstanden. Lange wurde der Militärdienst von den Vaterländern auch nicht eingefordert, da Juden „nicht würdig befunden worden, Militärdienst zu leisten.“15 Doch als die Gleichberechtigung durchgesetzt wurde und sie als Staatsbürger angesehen wurden, mussten auch die Juden in den Krieg ziehen.16 Um diesem Schicksal zu entgehen, waren sie bereit große Opfer zu bringen. Viele fügten sich selbst großes Leid zu und verstümmelten sich, einige bestachen den Militärarzt und andere ließen ihre Familie zurück und flohen nach Amerika.17

Viele Juden hatten in Amerika Verwandte, die per Post Geld und eine Karte für die Schiffsfahrt schicken wollten. Jedoch war die Auswanderung dennoch nicht so leicht: Man benötigte eine Bewilligung zur Einreise und dafür waren Papiere nötig. All diese Formulare waren dann in Amerika nicht mehr von Bedeutung, da dort jeder mit neuen Papieren auch einen neuen Namen bekam.18 Sobald das Schiff sich Amerika näherte, erblickten die Passagiere die Freiheitsstatue, die den Ankommenden Freiheit versprach. Doch sofort nach der Ankunft folgte eine Untersuchung und als Vorsichtsmaßnahme kam der Jude zunächst in Quarantäne und wusste „nicht, ob er oder die Freiheit eingesperrt“19 war.

Danach wurden viele Juden zunächst durch die Verwandten in einer kleinen Wohnung an der Lower East Side in New York untergebracht. Die Lower East Side war ein Bezirk, in dem sehr viele jüdische Einwanderer lebten, und bot ihnen somit „ein Stück Alltagskultur, eine Gegend heimeliger Jüdischkeit.“20 Einige der Juden lernten nicht einmal die Sprache ihres neuen Wohnortes, da sie darauf vertrauten, dass sie sich in eben diesem jüdischen Bezirk auf Jiddisch verständigen können.21 Dadurch, dass sie ihre Sprache und Kultur also auch weiterhin ausüben konnten, vergaßen sie ihre Herkunft, nämlich die jüdische, niemals.22 Andererseits gab es aber auch Juden, die sich vollständig an das neue Land anpassten, mit alten Traditionen brachen und sich die Werte der Einheimischen soweit einverleibten, dass sogar von Patriotismus gesprochen werden konnte.23

3. Heimat in Hiob

3.1 Das Leben der Familie Singer

Der Jude Mendel Singer lebt mit seiner Frau Deborah und seinen drei Kindern, Jonas, Schemarjah und Mirjam, in einer Stadt namens Zuchnow. Mit einem vierten Kind ist Deborah zu Beginn des Romans schwanger. Den Lebensunterhalt für seine Familie verdient Mendel als Lehrer der Bibelkunde. Sein Beruf basiert auf seinem starken Glauben, der ihn zu einem „fromm[en] und gottesfürchtig[en]“24 Mann macht. Dies zeigt sich zudem auch dadurch, dass Mendel „alle Vorschriften in bezug auf Essen, Bekleidung und Reinheit beachtet und die Gebetsstunden einhält“25. Außerdem begibt er sich vor allem nach schwierigen Situationen ins Bethaus, wie zum Beispiel, nachdem er Mirjam zusammen mit einem russischen Soldaten sah.26

Das Leben der Familie wird durch verschiedene Schicksalsschläge gezeichnet. „Die Idylle des gerechten Mendel Singer zerbricht, nachdem ihm Menuchim, sein viertes Kind, als Epileptiker geboren wird [...]“27. Die Krankheit des Jungen belastet die Familie sehr. Doch das Leben der Familienmitglieder scheint weiterzugehen und sich zu verändern. Nur Mendel und Menuchim scheinen die einzigen der Familie zu sein, die sich nicht verändern und das bleiben, was sie immer gewesen sind, nämlich ein „Lehrer“28 und ein „Krüppel“29. Klar ist, dass Menuchim zu diesem Zeitpunkt keinen Einfluss auf seine Lebensweise hat, aber es wird ihm zum Vorteil, dass er sich nicht von der Lebensweise seines Vaters abwendet bzw. abwenden kann. Er stellt nämlich das Gegenteil seiner drei Geschwister dar. Jonas, Schemarjah und Mirjam sind gesund und lösen sich bewusst von der alten Lebensart der Familie und somit von ihrer „ostjüdischen Heimat“30, was laut Mehrens schlechte Folgen für ihr Leben mit sich bringt.31 Der erste bei dem sich eben diese Folgen zeigen, ist Jonas. Er entspricht nicht dem Juden, der militärfeindlich ist, da er sich freut ein Soldat zu werden.32 Zunächst kommt Jonas beim Militär gut zurecht, doch ändert sich sein Schicksal, als er im Krieg verschollen ist.33

Auch Schemarjah wendet sich von seiner Familie ab. Selbst wenn er zunächst sagt, dass er ein Jude bleiben möchte34, träumt er bereits von der großen weiten Welt35:

„Das Leben […] ist in großen Städten zu sehen. Die Bahnen fahren mitten durch die Straßen, alle Läden sind so groß wie bei uns die Gendarmeriekaserne, und die Schaufenster sind noch größer. Ich habe Ansichtskarten gesehen. Man braucht keine Tür, um in ein Geschäft zu treten, die Fenster reichen bis zu den Füßen.“36

Dieses Zitat zeigt den ersten, wenn auch noch unbewussten, Hinweis auf Schemarjahs spätere Auswanderung nach Amerika und deutet so die Veränderung in seinem Leben an. Im Gegensatz zu Jonas bleibt er jedoch zunächst der jüdischen Ansicht bezüglich des Militärs treu, da er kein Soldat werden möchte und es schafft, durch die spätere Auswanderung dem Militärdienst vorerst zu entkommen.37 Schemarjah gehört zu den Juden, die sich an ihre Wahlheimat anpassen. Somit verabschiedet er sich durch seine Auswanderung schließlich doch vom Judentum.

Genau wie die beiden Söhne, hält auch Mirjam die jüdische Tradition nicht aufrecht, da sie körperliche Leidenschaft in ihr Leben bringen will, die nicht den Vorstellungen der Lebensweise Mendels entspricht.38 Dies zeigt sich, als Mirjam es provoziert von Männer verfolgt zu werden39 oder als sie mit einem russischen Soldaten in einem Feld zusammen ist40. Als ihr Vater Zeuge davon wird, fasst er den Entschluss sie nach Amerika zu bringen, da er nicht ahnt, dass dies seiner Tochter nicht helfen wird.

[...]


1 Roth, Joseph: Romane und Erzählungen: Juden auf Wanderschaft (1927). Frankfurt a.M. 2010, S. 1119 - 1179 (hier: S. 1125).

2 Vgl. ebd. S. 1122.

3 Raffel, Eva: Vertraute Fremde. Das östliche Judentum im Werk von Joseph Roth und Arnold Zweig. Tübingen 2002, S. 206.

4 Vgl. Mehrens, Dietmar: Vom göttlichen Auftrag der Literatur. Die Romane Joseph Roths. Ein Kommentar. Hamburg 2000, S. 173.

5 Roth, Joseph: Romane und Erzählungen: Hiob (1930). Frankfurt a.M. 2010, S. 219 - 321 (hier: S.

6 Vgl. Roth: Hiob, S. 247.

7 Vgl. ebd. S. 253.

8 Vgl. ebd. S. 266.

9 Ebd. S. 275.

10 Vgl. ebd. S. 311 - 318.

11 Vgl. Hödl, Klaus: Vom Shtetl an die Lower East Side. Galizische Juden in New York. Wien 1991, S. 57.

12 Roth: Juden auf Wanderschaft, S. 1120.

13 Vgl. Raffel: Vertraute Fremde, S. 205.

14 Vgl. Roth: Juden auf Wanderschaft, S. 1127.

15 Roth: Juden auf Wanderschaft, S. 1160.

16 Vgl. ebd. S. 1160.

17 Vgl. ebd. S. 1161.

18 Vgl. ebd. S. 1162 f.

19 Ebd. S. 1165.

20 Hödl: Vom Shtetl an die Lower East Side, S. 103.

21 Vgl. Roth: Juden auf Wanderschaft, S. 1162.

22 Vgl. Hödl: Vom Schtetl an die Lower East Side, S. 104.

23 Vgl. Roth: Juden auf Wanderschaft, S. 1127.

24 Roth: Hiob, S. 219.

25 Raffel: Vertraute Fremde, S. 206.

26 Vgl. Roth: Hiob, S. 252.

27 Hartung, Harald: Ein epischer Gottesbeweis. In: Romane von gestern - heute gelesen Band 2 (1918 - 1933), S. 253 - 259 (hier: S. 255).

28 Roth: Hiob, S. 250.

29 Ebd.

30 Mehrens: Vom göttlichen Auftrag der Literatur, S. 177.

31 Vgl. ebd.

32 Vgl. Roth: Hiob, S. 232.

33 Vgl. ebd. S. 286.

34 Vgl. ebd. S. 232.

35 Vgl. Raffel: Vertraute Fremde, S. 210.

36 Roth: Hiob, S. 232.

37 Vgl. Wagener, Hans: Von der Legende zum Pogrom: Joseph Roths Romane Hiob und Tarabas. In: Weigel, Robert G. (Hg.): Vier große galizische Erzähler im Exil: W.H. Katz, Soma Morgenstern, Manès Sperber und Joseph Roth. Frankfurt a.M. 2005, S. 36 - 52 (hier: S. 39).

38 Vgl. Kühlmann, Wilhelm: Denkbilder jüdischer Existenz. Bemerkungen zur Hiobdichtung Joseph Roths. In: Ecker, Hans-Peter (Hg.): Methodisch reflektiertes Interpretieren. Festschrift für Hartmut Laufhütte zum 60. Geburtstag. Passau 1997, S. 375 - 388 (hier: S. 383).

39 Vgl. Roth: Hiob, S. 230 f.

40 Vgl. ebd. S. 251 f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Heimat in Joseph Roths Roman "Hiob". Die Bedeutung des Heimatbegriffs für Mendel Singer
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V444204
ISBN (eBook)
9783668813953
ISBN (Buch)
9783668813960
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heimat, joseph, roths, roman, hiob, bedeutung, heimatbegriffs, mendel, singer
Arbeit zitieren
Cindy Wantoch (Autor), 2017, Heimat in Joseph Roths Roman "Hiob". Die Bedeutung des Heimatbegriffs für Mendel Singer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444204

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