Das Reichsgutachten 1793. Wie kam es dazu und wieso stellten gerade Studenten in den Augen der Fürsten solch eine Bedrohung dar?


Hausarbeit, 2013
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Studentische Verbindungen

III. Die Studentenunruhen in Jena als Auslöser des Reichsgutachtens?

IV. Verbot geheimer Gesellschaften

V. Das Reichsgutachten 1793

VI. Ratifizierung durch den Kaiser

VII. Auswirkungen des Reichsgutachtens

VIII. Fazit

IX. Quellen und Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Sekundärliteratur

X. Anlagen

I. Einleitung

„Der Umsturz der französischen Verfassung ist nicht das Werk eines Augenblickes; sie [die Französische Revolution]1 wurde durch geheime Gesellschaften lange vorbereitet, das nämlich geschieht in Deutschland.“2

Diese Auffassung teilte der kurkölnische Minister Frhr. v. Waldenfels bereits im Jahr 1791, nachdem die Ideologie der Französischen Revolution zunehmend auf das Deutsche Reich übergriff. Die Befürchtungen und die Ängste, die hinter dieser Aus- sage stehen, wurden aber von vielen Reichsfürsten in gleicher Weise geteilt.3 Vor allem stand die vermeintliche Bedrohung eines Regierungsumsturzes im Vorder- grund. Da Geheimbünde vorwiegend in intellektuellen Kreisen Mitglieder fanden, versuchte man sie dort auch zunehmend zu bekämpfen. So war es allem Anschein nach der letzte mögliche Schritt gegen die geheimen Orden, als sich 1793, angetrie- ben durch den Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, die Reichsstände versam- melten. Diese diskutierten die Frage, ob ein allgemeingültiges Verbot gegen alle Orden erlassen oder nur die an den Universitäten angesiedelten Studentenorden verboten werden sollten.

Diese Arbeit befasst sich nun mit der Frage, warum gerade die studentischen Orden eine solch scheinbare Bedrohung für die Herrscherschicht darstellten, also welche Umstände eine Rolle spielten, dass es überhaupt zu diesem Reichsgutachten kom- men konnte. War es der letzte Schritt einer langen Entwicklung oder gab es viel- mehr einen konkreten Auslöser? Um den vorgegebenen Umfang der Arbeit einzu- halten, können nicht alle Universitäten mit ihren jeweiligen Studentenorden in Be- tracht gezogen werden. Deshalb wird das Hauptaugenmerk vor allem auf die Uni- versität Jena gerichtet, zumal sich hier auch ein Höhepunkt der „Krise“ abgespielt hat.

Die Forschungsliteratur befasst sich nur am Rande und nur in einzelnen Aspekten mit dieser Thematik. Am aussagekräftigsten, bezüglich der Verhandlungen um das Reichsgutachten selbst, dürfte noch Karl Härters „Reichstag und Revolution“ sein.

Die Ereignisse 1792 in Jena werden hier aber völlig außer Acht gelassen. Dies er- scheint jedoch insoweit als wichtig, da es die Universität ist, auf welche sich der Herzog Karl August mit seiner Argumentation für ein Verbot aller Studentenorden bezieht. Mit der Universität Jena befassen sich vor allem Otto Dann in seiner Arbeit: „Jena: Eine akademische Gesellschaft im Jahrzehnt der Französischen Revolution“, sowie Otto Götze in seinem Werk: „Die Jenaer akademischen Logen und Studen- tenorden des XVIII. Jahrhunderts“. Von beiden utoren werden ausführlich die us- löser und der Ablauf der Studentenunruhen in Jena beschrieben. Die Interpretation des Reichsgutachtens als Quelle selbst stellt einen weiteren Punkt der Arbeit dar. Hier werden Umsetzung und Strafmaß des Verbotes gegen Studentenorden festge- legt. Verwunderlich und deshalb im selben Maße erklärungsbedürftig ist die Tatsa- che, dass der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation dieses Reichsgutachten niemals ratifizierte und es somit zu keinem Zeitpunkt einen allge- meingültigen Status erreichte. Des Weiteren wird ein kurzer Ausblick gegeben, wie das Reichsgutachten die geheimen Studentenorden aber dennoch an verschiedenen Universitäten im Nachhinein beeinflusste.

II. Studentische Verbindungen

„Seit es spezifische studentische Vereinigungen gibt, sind sie verboten. ber seit es Verbote gibt, sind sie auch fruchtlos geblieben.“4

Breits gut über 150 Jahre vor der Französischen Revolution kam es erstmals zu ei- nem Versuch alle evangelischen Reichsstände gegen die studentischen Verbindun- gen, zu diesem Zeitpunkt noch unter dem Modell der Landsmannschaften zusam- mengefasst, zu mobilisieren und ein allgemeingültiges Verbot zu bewirken.5 Aber sowohl dieser Versuch als auch alle folgenden landesherrlichen Verordnungen, selbst als Mitte des 18. Jahrhunderts die Orden immer mehr unter den Einfluss der Aufklärung fielen, blieben zumindest langfristig erfolglos. Dies lässt sich darauf zu- rückführen, dass die Landesherren selbst meist nicht mit der nötigen Strenge gegen die Landsmannschaften und Orden vorgingen. Begründen ließe sich dies dadurch, dass das studentische Leben nicht eingeschränkt werden sollte und somit die Uni- versität eventuell abschreckend für potenzielle und vor allem auswärtige Studenten wirken konnte.6 Dennoch blieb durchweg ein konstantes Unbehagen gegenüber den Studentenorden bestehen. Auch unmittelbar in den Jahren vor 1789 sah man im- mer noch mit Besorgnis auf die Orden. So vertrat Goethe bereits 1786 die Meinung, dass alle studentischen Verbindungen abgeschafft werden sollten.7 Nicht nur die unkontrollierbare Ausbreitung von aufklärerischem Gedankengut in den geheimen Studentenverbindungen war der Obrigkeit und den Universitäten ein Dorn im Auge, sondern auch das unsittliche Verhalten der Studenten, das durch die Orden und Landsmannschaften gefördert wurde. Trinkgelage, Vernachlässigung des Studiums und Streitigkeiten unter den Kollegien wurden als negative Auswirkungen für die studierende Jugend angesehen.8

III. Die Studentenunruhen in Jena als Auslöser des Reichsgutachtens?

Die innerdeutsche Aufklärungsbewegung hatte zum Zeitpunkt des Ausbruches der Französischen Revolution auch in der Universitätsstadt Jena bereits einige Jahre Fuß gefasst. So ist es mitunter nicht verwunderlich, dass Begriffe wie Menschenrechte und Adelsprivilegien für die akademische Schicht in Jena nichts Neues waren.9 In den gut organisierten, an den früheren Freimaurerlogen ideologisch orientierten10 akademischen Orden, diskutierte man die Ziele der Aufklärung schon seit geraumer Zeit.11 Somit sorgte die in Frankreich stattfindende Revolution wohl in höchstem Maße für eine durchschlagende Welle an politischen Gesprächsstoffen. Der Herzog Karl August befand sich nun 1792 in Mitten des beginnenden Krieges gegen das aufbegehrende Frankreich.12 Um die sich ausbreitende Ideologie der Französischen Revolution im Keim zu ersticken, musste der Herzog sich nun mit aller Härte und Strenge den studentischen Orden zuwenden. Er erließ ein Ausnahmegesetz, durch welches die vier Senioren der Jenaer Orden relegiert und jegliche Weiterexistenz der geheimen Orden verboten wurden.13

Für die Studenten bis dahin unvorstellbar wurde somit in die ihnen zuvor zugespro- chene akademische Freiheit14 eingegriffen. Die akademische Freiheit prägte das Selbstverständnis der Studenten zu einem nicht unerheblichen Teil, sahen Sie sich doch in dieser Hinsicht als privilegiert gegenüber anderen Ständen an.15 Folglich sorgte dieser Eingriff für großen Unmut unter den Studenten. Kurze Zeit später er- hielt die Regierung eine von den Studenten verfasste Petition mit der Bitte die Rele- gationen aufzuheben. Um die Regierung unter Druck zu setzen, drohten die Studen- ten bereits zu diesem Zeitpunkt mit einem Vorlesungsboykott. Zunehmend ver- schärfte sich die Lage, als eine Militärkompanie in die Stadt Jena verlegt wurde. Um ihren Ärger zu äußern und um ihre Standpunkte zu verdeutlichen, sangen die Stu- denten des Öfteren „Freiheitslieder“. Da der der Prorektor Ulrich als Beschützer der Schokoladisten16 galt und diese als Spione gegen die Orden einsetzte, bestand auf Seiten der Ordensstudenten eine gewisse Feindseligkeit gegen ihn.17 So kam es ei- nes Abends zu einem Tumult, bei welchem das Gartenhäuschen des Prorektors verwüstet wurde, was die ohnehin schon prekäre Situation in Jena nur noch ver- schärfte. Außerdem konnten die Ordensgegner durch dieses Vergehen den Studen- tenvereinigungen Gewaltbereitschaft vorwerfen.

Als eine studentische Verhandlungsdelegation, welche gegen das Ausnahmegesetz Klage einreichen wollte, von der Regierung abgewiesen wurde, griffen die Studen- ten zu der letzten ihnen verbliebenen Möglichkeit. Sie traten im Juli 1792 mit 500 der 850 Jenaer Studenten den Auszug nach Nohra an und drohten damit an die Uni- versität Erfurt zu wechseln. Da die Regierung in Weimar nicht auf diesen doch recht erheblichen Teil an Studenten verzichten konnte, was im Folgenden näher erläutert wird, musste sie nun gezwungenermaßen einlenken und den Forderungen der Stu- denten nachkommen. Das Militär musste sich aus Jena zurückziehen, den betroffe- nen Anführern der Studenten musste Amnestie gewährt werden, und die Ausnah- megesetze mussten aufgehoben werden.18 Schließlich zogen die Studenten am 23. Juli nach Jena zurück. Den Sieg, den sie errungen hatten, brachten sie mit Freude zum usdruck, indem sie auf ihre Fahnen in roten Buchstaben „Vivat libertas academia“19 schrieben.20

Der „ uszug“ war seit jeher ein beliebtes Druckmittel der Studenten, um ihre Interessen und Forderungen durchzusetzen.21 So hätte die Universität Jena ohne die 500 ausgezogenen Studenten kaum oder, wenn überhaupt, nur schwerlich weiterbestehen können. Die Professoren zum Beispiel waren auf die Hörgelder der Studenten angewiesen. Die Stadt Jena selbst, welche an sich mit 4.300 Einwohnern22, schon nicht sehr groß war, hätte mit dem Fortgang der Studenten auch einen enormen Wirtschaftsverlust hinnehmen müssen.

Hätte es zu diesem Zeitpunkt aber bereits ein allgemeingültiges Verbot gegen alle Studentenorden gegeben, so hätten die Studenten keine Grundlage gehabt, mit welcher sie einen Auszug hätten rechtfertigen können. Genauso hätte keine andere Universität, in diesem Fall die Universität Erfurt, diese als Mitglieder bekannten Studenten aufnehmen dürfen.

[...]


1 Härter: Reichstag, S. 357.

2 Hansen (Hrsg.): Quellen zur Geschichte des Rheinlandes, S. 905.

3 Vgl. Härter: Reichstag, S. 358.

4 Hardtwig: Sozialverhalten, S. 4.

5 Vgl. ebd., S. 5.

6 Vgl. ebd., S. 6.

7 Vgl. Fabricius: Die Deutschen Corps, S. 72-73.

8 Vgl. Meiners: Geschichte der Entstehung, S. 163.

9 Vgl. Dann: Eine akademische Gesellschaft, S.167.

10 Götze beschreibt ausführlich, dass die „Freimaurerei als geistige Strömung“ großen Einfluss auf die in Orden zusammengeschlossenen Studenten ausgeübt hat. Zudem sollen Neugründungen von Stu- dentenorden von solchen Studenten ausgegangen seien, welche selbst Mitglieder von Freimaurerlo- gen waren oder in Verbindung mit ihnen standen. Vgl. Götze: Die Jenaer akademischen Logen, S. 26- 27.

11 Vgl. Dann: Eine akademische Gesellschaft, S. 170.

12 Vgl. Burg: Leben und Lieben, S. 103.

13 Vgl. Dann: Eine akademische Gesellschaft, S. 172.

14 Studenten unterstanden nicht der landesherrlichen Gerichtsbarkeit, sondern allein der „rektoralen Disziplinargerichtsbarkeit“. Zudem besaßen die Studenten ein Streikrecht, für den Fall, dass ihre Privilegien verletzt werden sollten. Vgl. Boehm: Libertas Scholastica, S. 40-42.

15 Vgl. Hardtwig: Sozialverhalten, S. 4.

16 Als Schokoladisten wurde ein Zusammenschluss von Studenten bezeichnet, welche 1791/92 für die Abschaffung von Duellen eintraten und dies zum Vorwand nahmen gegen die Orden vorzugehen. Vgl. Fabricius: Die Deutschen Corps, S. 151-155.

17 Vgl. Götze, Die Jenaer akademischen Logen, S. 106.

18 Vgl. Dann: Eine akademische Gesellschaft, S. 172-173.

19 Es lebe die akademische Freiheit.

20 Vgl. Götze: Die Jenaer akademischen Logen, S. 120.

21 Vgl. Hardtwig: Sozialverhalten, S. 4.

22 Vgl. Dann: Eine akademische Gesellschaft, S. 166.

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Details

Titel
Das Reichsgutachten 1793. Wie kam es dazu und wieso stellten gerade Studenten in den Augen der Fürsten solch eine Bedrohung dar?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V444207
ISBN (eBook)
9783668812895
ISBN (Buch)
9783668812901
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orden, Geheimbünde, Studentenorden, 18. Jhdt, Krise, Bedrohung, Gefahr
Arbeit zitieren
Stefanie Zimmermann (Autor), 2013, Das Reichsgutachten 1793. Wie kam es dazu und wieso stellten gerade Studenten in den Augen der Fürsten solch eine Bedrohung dar?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444207

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