Als im November 824 die Constitutio Romana von Lothar I. erlassen wurde, hatten sich die Zeichen der Zeit für das Papsttum wieder geändert, die Befürchtungen der Anfangsjahre von Ludwigs des Frommen Kaiserzeit bewahrheiteten sich nicht. Nach zehn chaotischen Jahren, in denen Rom mit inneren Wirren und der Papst mit dem Verfall seiner geistlichen Autorität zu kämpfen hatte, ging das römische Papsttum gestärkt aus seiner Krise hervor. Damals schaffte es die römische Doktrin sich, mit bis dahin nicht gekannter Geltungskraft, in der lateinischen Christenheit durchzusetzen. Möglich wurde dies durch die Konsolidierungs- und Stabilisierungspolitik, die die fränkischen Herrscher im Regnum Italiae und im römischen Dukat verfolgten, deren Höhepunkt - zumindest in Rom - die Constitutio Romana darstellte.
Ziel dieser Arbeit ist es, die Bedingungen und die Ereignisse, die der Constitutio Romana den Weg bereiteten, zu rekonstruieren. Neben der Betrachtung der Verhältnisse im Regnum Italiae sollen dabei im besonderen zwei ältere Vorurteile der Forschung erneut überprüft werden: die aus der späteren Geschichte abgeleiteten Annahmen eines Dualismus, zum einen zwischen Ludwig und Lothar, zum anderen zwischen Kaiser und Papst. Die Aspekte der Rekonstruktion im Folgenden sind:
1. Die römischen Vorgänge im neunten Jahrhundert, ihre Ursachen sowie ihre Analogie zu den Vorgängen im Regnum Italiae und dem gesamten Reich. Besondere Berücksichtigung soll hierbei dem Dokument der Constitutio Romana und den daraus gezogenen Rückschlüssen auf die römischen Verhältnisse zukommen.
2. Lothars Stellung nach seiner Erhebung zum Mitkaiser durch die Ordinatio Imperii, insbesondere im Verhältnis zu seinem Vater und während seiner Tätigkeit in Italien.
3. Die kaiserlich-päpstlichen Beziehungen in der Zeit Ludwigs des Frommen, wobei auch Einfluss und Auswirkungen der fränkischen Kirchenreform sowie die Tätigkeiten von Ludwigs Beraterstab berücksichtigt werden sollen.
Um den zahlreichen Überschneidungen und Interdependenzen der verschiedenen Themenfelder gerecht zu werden habe ich eine weitgehend chronologische Darstellung gewählt. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt mehr auf der Neuordnung bereits vorhandener Forschungsmeinungen und weniger auf der Neuinterpretation des vorhandenen Quellenbestands der letztlich schon zur Genüge bearbeitet wurde. Darüber hinaus fehlen mir die Mittel und Kompetenzen um eine angemessene Textkritik an den Quellen durchzuführen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Die päpstlich-fränkischen Beziehungen bis 822
1.1 Regierungsantritt und Reform
1.2 Das Ludovicianum
1.3 Das Ende der anianeschen Ära
2. Die Entwicklung Italiens bis 822
2.1 Der Verfall der italienischen Verhältnisse
2.2 Der pannonische Krieg
3. Lothars Stellung nach seiner Entsendung
4. Lothars Italienaufenthalt 822/823
5. Romreise und Kaiserkrönung
6. Stadtrömische Wirren und kaiserliche Reaktion
7. Constitutio Romana
8. Lothars Italienaufenthalt 824/825
Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit rekonstruiert die Bedingungen und Ereignisse, die zur Verabschiedung der Constitutio Romana im Jahr 824 führten. Dabei wird insbesondere hinterfragt, ob tatsächlich ein politischer Dualismus zwischen Kaiser Ludwig dem Frommen und seinem Mitkaiser Lothar I. sowie zwischen der kaiserlichen Gewalt und dem Papsttum bestand.
- Rekonstruktion der päpstlich-fränkischen Beziehungen im frühen 9. Jahrhundert.
- Analyse der Rolle Lothars I. in Italien und dessen Verhältnis zu seinem Vater.
- Untersuchung der Hintergründe und der Bedeutung der Constitutio Romana.
- Überprüfung historischer Forschungsmeinungen zum vermeintlichen Dualismus im Karolingerreich.
- Darstellung der Stabilisierungspolitik im Regnum Italiae und im römischen Dukat.
Auszug aus dem Buch
7. Constitutio Romana
Auf der Reichsversammlung von Compiegne im Juni 824 wurde Lothar als „socius imperii“ mit der Ordnung der römischen Verhältnisse beauftragt, während Ludwig selbst in einen Feldzug gegen die Bretonen verwickelt war. Diese Entsendung wird im allgemeinen als Reaktion auf die geradezu anarchischen Verhältnisse in Rom gewertet, wofür der Papstwechsel die legitime Möglichkeit bot um das Verhältnis zum Papsttum zu erneuern, da Ludwig bisher keine persönliche Regelung mit Eugen II. getroffen hatte. Wie bereits bei seinem Italienaufenthalt 822/823 scheint Lothar, diesmal sogar offiziell als Stellvertreter seines Vaters bezeichnet, mit allen Handlungsvollmachten ausgestattet worden zu sein, vorbehaltlich natürlich der Oberherrschaft seines Vaters.
Dass für die Constitutio Romana, anders als für das Ludovicianum, das der Papst initiierte, die Initiative vom Kaiser ausging, zeigt sich ebenso in ihrem Erlass als unilaterale Aktion. Diese Intervention Lothars I. erweckt den Eindruck, als sei dem Kaiser nach fast zehn Jahren fortwährender römischer Streitigkeiten und Parteienkämpfe letztlich der Geduldsfaden gerissen und als sei sie nach der nahezu exakten Wiederholung der Ereignisse von 815 eine längst überfällige Reaktion auf die unkontrollierbaren Zustände in Rom. Irreführend ist in diesem Zusammenhang die auf dem Dualismus von Kaiser und Papst basierende Annahme, die Constitutio Romana sei ein Versuch des Kaisers gewesen, Einfluss auf die Papstwürde zu gewinnen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik der päpstlich-fränkischen Beziehungen und Formulierung der zentralen Forschungsfrage zum Dualismus.
1. Die päpstlich-fränkischen Beziehungen bis 822: Analyse der kirchenpolitischen Haltung Ludwigs des Frommen unter dem Einfluss seines Beraterstabs und der Bedeutung des Ludovicianums.
2. Die Entwicklung Italiens bis 822: Beschreibung der instabilen politischen Lage im Regnum Italiae nach dem Tod Karls des Großen und der Vernachlässigung der italienischen Verhältnisse.
3. Lothars Stellung nach seiner Entsendung: Untersuchung von Lothars Status als Mitkaiser und seiner eingeschränkten Handlungsspielräume gegenüber der väterlichen Autorität.
4. Lothars Italienaufenthalt 822/823: Darstellung der ersten gesetzgeberischen Aktivitäten Lothars zur Bekämpfung von Korruption und Amtsmissbrauch in Italien.
5. Romreise und Kaiserkrönung: Analyse der Hintergründe der Krönung Lothars 823 und der kaiserlichen Gerichtsbarkeit in Rom.
6. Stadtrömische Wirren und kaiserliche Reaktion: Schilderung der Eskalation in Rom durch Morde an Papstbeamten und die Untersuchung durch kaiserliche Gesandte.
7. Constitutio Romana: Analyse des Inhalts und der Intention der Constitutio Romana als Instrument zur Stabilisierung und kaiserlichen Überwachung.
8. Lothars Italienaufenthalt 824/825: Weiterführung der Reformpolitik Lothars und Vorbereitung des Feldzugs gegen die Sarazenen.
Zusammenfassung: Synthese der Forschungsergebnisse, die den Dualismus-Mythos widerlegen und Lothars Handeln als dynastische Familienherrschaft interpretieren.
Schlüsselwörter
Lothar I., Ludwig der Fromme, Constitutio Romana, Papsttum, Karolingerreich, Regnum Italiae, Kaiserkrönung, Wala, Kirchenreform, 9. Jahrhundert, italienische Politik, Rechtsgeschichte, Adel, Verwaltung, Stabilisierungspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die fränkische Stabilisierungspolitik in Rom und Italien in den Jahren 822 bis 825 und analysiert das Wirken von Lothar I. in dieser Region.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten zählen die päpstlich-fränkischen Beziehungen, die Kapitulariengesetzgebung Lothars, die kaiserliche Italienpolitik sowie die Rolle der römischen Adelsparteien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist die Rekonstruktion der Ereignisse um die Constitutio Romana sowie die kritische Prüfung der Hypothese eines Dualismus zwischen Kaiser und Papst bzw. Vater und Sohn.
Welche wissenschaftliche Methodik liegt der Arbeit zugrunde?
Die Autorin oder der Autor verwendet eine weitgehend chronologische Darstellung und stützt sich dabei primär auf die Neuordnung und Interpretation existierender Forschungsmeinungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch von den frühen Beziehungen Ludwigs des Frommen zur römischen Kirche bis hin zur Gesetzgebung Lothars I. und den Auswirkungen der Constitutio Romana.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Zentrale Begriffe sind Lothar I., Ludwig der Fromme, Constitutio Romana, Karolinger, Papsttum und Italienpolitik.
Welche Rolle spielte Wala bei den Reformen in Italien?
Wala fungierte als einer der wichtigsten Berater Lothars I. und übte erheblichen Einfluss auf die italienische Regierung und die kaiserliche Politik aus.
Warum wird die These vom Dualismus in der Arbeit als überholt betrachtet?
Die Arbeit argumentiert, dass die Handlungen der karolingischen Herrscher eher dem gemeinsamen Ziel der Stärkung der dynastischen Familienherrschaft dienten, statt auf gegensätzliche politische Programme hinzuweisen.
- Quote paper
- Thomas Nachreiner (Author), 2004, Fränkische Stabilisierungspolitik in Rom und Italien 822-825, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44428