Subkulturen der Gewalt. Kriminalität als sozialer Tatbestand von Rockerbanden


Hausarbeit, 2018
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Forschungsstand

3. Rockerbanden und Kriminalität

4. Erklärungsmodelle
4.1 Theorie der differentiellen Assoziation
4.2 Subkulturtheorien abweichenden Verhaltens
4.3 Theorien des Labeling Approach

5. Soziale Tatbestände nach Émile Durkheim
5.1 Moralvorstellungen, Autonomie und Zwang
5.2 Kriminalität als ein sozialer Tatbestand
5.3 Sozialisation in Gewaltmilieus
5.4 Kriminalität als eine soziale Funktion

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Glaubt man der medialen Berichterstattung, gibt es ständig Angriffe, Gewalt und Terror – keiner ist niemals sicher. In den Medien kommt es zu einer öffentlichen Dramatisierung der Illusion, dass die Kriminalität in Deutschland steigt und die soziale Ordnung gefährdet. Die Diagnose, die Émile Durkheim zum Übergang des 20. Jahrhunderts gestellt hat, scheint heute aktueller denn je zu sein: Die Gesellschaft befindet sich in einer moralischen Krise (vgl. Durkheim 1999: 148). Da die moralischen Regeln in der Gesellschaft für viele Bürger nicht mehr bindend sind, kommt es zu einer sinkenden Erwartungssicherheit, die sich in Unsicherheit und Angst äußert (vgl. Hirtenlehner 2006: 308). Dies führt zu einer zunehmenden Orientierungslosigkeit in Bezug auf die moralische Ordnung der Gesellschaft und zu der Entstehung von Subkulturen (vgl. Kron/Reddig 2003: 165). Unter einer Subkultur wird im Folgenden eine Teilkultur verstanden, die sich in ihren Normen und Werten sowie ihren Institutionen, Bedürfnissen und Symbolen, von der dominierenden Gesellschaft unterscheidet (vgl. Pfister 1991: 598). In der Soziologie werden Subkulturen in der Regel nach dem Kriterium der Freiwilligkeit unterschieden: Unfreiwillige Subkulturen entstehen durch soziale Diskriminierung und Unterprivilegierung, wie es bei ethnischen Minderheiten, Aussiedlern, Obdachlosen oder Flüchtlingen der Fall ist (vgl. Lechner 2001: 16). Freiwillige Subkulturen – wie Rockerbanden, Punks oder rechtsradikale Gruppierungen – stellen hingegen eine bewusste Alternative zu den Werten und Normen der dominierenden Kultur dar (vgl. ebd.; Pfister 1991: 598). Diese Teilkulturen führen meist innerhalb der Gesamtkultur ein Eigendasein, richten sich gegen herrschende Verhaltensweisen und zeichnen sich im Wesentlichen durch Gewalt und Aggression aus (vgl. Pfister 1991: 598; Schwendter 1978: 11).

Subkulturen wie Rockerbanden stellen sich explizit gegen die übergeordnete Gesamtgesellschaft und inszenieren sich häufig als „Gegenkulturen oder Kontrakulturen“ (Schwendter 1978: 13). Sie blicken auf eine jahrzehntealte Tradition zurück und sind auch heute noch eine der wenigen Subkulturen, die im aktuellen Tagesgeschehen mit Gewalt polarisieren und von Polizei und Justiz verfolgt werden. Sie treten meist durch gewalttätige Ausschreitungen mit anderen Banden in Erscheinung oder stehen durch Verbote von Chaptern, Verurteilungen und einer Verbindung zur organisierten Kriminalität häufig im Fokus der Öffentlichkeit (vgl. Albrecht 2010; Hartmann 2009: 223). Kriminelles Verhalten zeichnet sich als ein wesentlicher Bestandteil bei Motorradclubs aus und wird in Normen, Regeln und Handlungsschemata an die Mitglieder vermittelt. Doch ist Kriminalität tatsächlich als ein sozialer Tatbestand von Rockerbanden zu begreifen?

Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird folgender Aufbau der Arbeit gewählt: Nach dem dargelegten Forschungsstand in Kapitel zwei, soll im dritten Kapitel kurz die Entstehung von Rockerbanden aufgezeigt werden, um diese einer spezifischen Subkultur zuordnen zu können. Im vierten Kapitel werden Erklärungsansätze für deviantes und delinquentes Verhalten[1] herausgearbeitet, um diese anschließend auf das Phänomen Rockerkriminalität anzuwenden. Dazu wird insbesondere die Theorie der differentiellen Assoziation nach Sutherland, die Subkulturtheorie nach Cohen und Miller und der Ansatz des Labeling Approachs in den Vordergrund gestellt, da diese Ansätze wesentliche Erkenntnisse zum Ursprung von subkulturellen Normen und Kriminalität liefern sowie deren deviante Zuschreibung erklären. Anschließend soll im fünften Kapitel Kriminalität als ein sozialer Tatbestand nach Émile Durkheim begriffen werden, der in jeder Gesellschaft existiert und somit auch eine soziale Funktion trägt. Dazu wird vor allem auf das Verhältnis von Autonomie und Zwang nach Durkheim eingegangen sowie auf die Entwicklung von gewaltlegitimierenden Normen im Zuge der Sozialisation der Mitglieder. In der Hausarbeit soll Kriminalität als ein komplexes Phänomen erfasst werden, welches in Rockerbanden als elementarer sozialer Tatbestand einer Subkultur weitergegeben und internalisiert wird. Im Fazit werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt und mit aktuellen Entwicklungen in dieser Szene verknüpft.

Der Fokus der Hausarbeit liegt auf dem Hells Angels Motorcycle Club, da dieser die größten Mitgliederzahlen vorbringen kann und in der Regel als Repräsentant der Szene ausgewählt wird (vgl. Gottschalk 2016: 3f.). Doch gelten die theoretischen Ansätze und Erkenntnisse ebenfalls für andere Rockergruppierungen. Weiterhin soll Kriminalität als gewaltlegitimierende und aggressive Verhaltensweisen begriffen werden; Aspekte von organisierter Kriminalität wie Waffenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution und Wirtschaftskriminalität werden im Folgenden nicht miteingeschlossen.

2. Forschungsstand

Obwohl Rockerbanden wie die Hells Angels bereits seit 70 Jahren bestehen, gibt es nur sehr wenig wissenschaftlich fundiertes Material über die Regeln und das Leben des Motorradclubs (vgl. Hopper/Moore 1983: 58). Die Berichterstattung beruht größtenteils auf Medienberichten wie journalistischen Artikeln oder Autobiographien von Aussteigern. In den meisten wissenschaftlichen Werken werden Rockerbanden einer Subkultur zugeschrieben, hierzu zählen vor allem Florian Albrecht (2010), Arthur Hartmann (2009), Dieter Hermann (2009), Simon Titus (1989), Herwig Lüderitz (1984), Ulrich Steuten (2000) und Jan Wessel (2001). Die Subkulturtheorien fanden ihren Ursprung in den vierziger und fünfziger Jahren in den USA durch die Chicagoer Schule, eine der einflussreichsten Richtungen in der amerikanischen Soziologie (vgl. Hermann 2009: 293). Da in den USA Kulturkonflikte und jugendliche Bandenkriminalität sowohl damals wie heute ein wesentliches soziales Problem darstellt, setzte sich die Chicagoer Schule mit der Analyse von delinquentem Verhalten in jugendlichen Gruppen auseinander (vgl. ebd.; Lechner 2001: 13; Lamnek 1993: 142). Zu den Klassikern der Subkulturtheorie gehören Thrasher (1927/1966), Whyte (1943), Cohen (1955/1961) und Miller (1979). Diese haben größtenteils die Frage untersucht, welche Normen, Werte und Regeln eine Subkultur auszeichnet und wie diese Kulturmuster an ihre Mitglieder weitergegeben werden (vgl. Hermann 2009: 293).

In der Soziologie dient das Konzept der Subkultur zur Beschreibung von Verhaltensweisen und Lebensstilen gesellschaftlicher Gruppen oder zur Erklärung von abweichendem oder kriminellem Verhalten. Doch hat die Theorie einen starken deskriptiven Charakter und kann bis heute nicht den Ursprung dieser kriminellen Kulturmuster erklären (vgl. ebd.). Neben der Subkulturtheorie werden vor allem die Anomietheorie, die Theorie der differentiellen Kontakte und Ansätze des Labeling Approach den sozialstrukturellen Kriminalitätstheorien zugeordnet.

Émile Durkheim und Robert K. Merton gehören zu den einflussreichsten Soziologen der Nachkriegszeit und zu den wesentlichen Begründern der Anomietheorie (vgl. Kaupen 2016: 245). Während Durkheim Anomie auf der Makroebene als einen Zustand von mangelnden sozialen Normen und Regeln in der Gesellschaft definiert, sucht Merton nach einer Erklärung für Abweichung verschiedener Gesellschaften und Gruppen auf der Mikroebene (vgl. ebd.). Nach Merton will jedes Individuum die sozial anerkannten Ziele und Erwartungen erreichen, doch bleiben diese einzelnen Menschen und Gruppen versperrt, so dass sich ein Zustand der Anomie entwickelt und die Betroffenen auf verschiedene Verhaltensreaktionen zurückgreifen.

Die Theorie der differentiellen Assoziation geht auf Edwin H. Sutherland zurück, einer der bedeutendsten Kriminologen am Anfang des 20. Jahrhunderts. Seine Theorie gilt bis heute als Grundlage der Lern- und Kriminalitätstheorien, da Sutherland – wie bereits Gabriel Tarde – die Entstehung von Kriminalität einem Lernprozess durch Interaktion zuschreibt (vgl. Lamnek 2001: 188ff.). Die Ansätze des Labeling Approach gehen größtenteils auf Frank Tannenbaum und Edwin Lemert zurück und grenzen sich mit ihrem interaktionistischen Hintergrund stark von den ätiologischen Theorien ab (vgl. ebd.: 60). Tannenbaum hat als erster den Einfluss der Umwelt auf die Zuschreibung von Devianz erkannt, indem er es folgend formulierte: „The young delinquent becomes bad, because he is defined as bad“ (Tannenbaum 1953: 17). Lemert prägte in einem zweiten Schritt die Unterscheidung von primärer und sekundärer Devianz (vgl. Lamnek 2001: 102). Weitere Vertreter der Etikettierungstheorie sind Howard Becker, Fritz Sack sowie Erving Goffman; Letzterer hat sich insbesondere mit Stigmatisierung und beschädigter Identität beschäftigt sowie mit Techniken der Bewältigung der Diskreditierung.

In Deutschland hat vor allem Siegfried Lamnek mit seinem Werk „Theorien abweichenden Verhaltens“ eine Zusammenfassung der großen Vertreter der Gesellschaftstheorien gegeben. Die vorliegende Arbeit stützt sich vorwiegend auf die Werke von Heintz Peter, René König, Helmut Kury, Joachim Obergfell-Fuchs, Hans Haferkamp sowie Rolf Schwendter, die intensiv über Kriminalität und Gruppendynamik in bestimmten Milieus geforscht haben.

Der Begriff „sozialer Tatbestand“ geht auf den französischen Soziologen Émile Durkheim zurück. Er prägte in seinem Werk „Die Regeln der soziologischen Methode“ (1895) den Ausdruck „fait social“, der später von René König als „soziologischer Tatbestand“ übersetzt wurde. Durkheim begreift soziale Tatbestände als stabile Attribute einer Gesellschaft, die sich aber durch soziales Handeln der Individuen dynamisch verändern können (Durkheim 1984: 105ff.) Durkheim ist in seinen Arbeiten stark ätiologisch vorgegangen, da er die Ursache für abweichendes Verhalten in den sozialstrukturellen Bedingungen sieht und nicht auf biologische oder psychologische Erklärungen zurückführt (vgl. Wessel 2001: 6).

3. Rockerbanden und Kriminalität

So entstanden Ende der 40er Jahre in den USA die ersten Motorradclubs, die in Bezug auf den Zusammenhalt und die Kameradschaft damals sehr ähnliche Strukturen wie das Militär aufbrachten (vgl. Albrecht 2011). Viele junge Männer fühlten sich von der Gesellschaft ausgestoßen und alleine gelassen und suchten nach einer Gemeinschaft sowie einem gemeinsamen Zeitvertreib (vgl. Lüderitz 1984: 51):

„Insbesondere das Ende des Zweiten Weltkrieges führte dazu, dass tausende junger wehrpflichtiger Amerikaner, [...] eine Beschäftigung suchten. Viele von ihnen waren aufgrund der Kriegserfahrungen nicht in der Lage, sich in das zivile Leben einzufügen und daher gehalten, soziale Randgruppen auszubilden.“ (Albrecht 2011)

In der Gruppe lehnten sie sich bewusst gegen Ideale wie Gehorsam, Disziplin und Anpassung auf und wollten ein selbstbestimmtes Leben führen, wie es ihnen damals der Rock 'n' Roll propagierte (vgl. Lüderitz 1984: 51). Es entstand eine hedonistische Kultur als Reaktion auf die schlechte soziale Lage und die Anpassungsprobleme der jungen Männer. Diese Kultur der Rocker besteht auch noch 70 Jahr später als eine Sub-Gesellschaft mit einem abweichenden normativen Regelwerk, welches ihren Mitgliedern alternative Normen und Werte vermittelt. Die Mitglieder von Rockerbanden sind auch heute ausschließlich Männer; Frauen werden im Club selbst nicht akzeptiert (vgl. Hartmann 2009: 223; Hopper/Moore 1983: 58). Rockerbanden, wie die Hells Angels, basieren nach ihren eigenen Angaben auf vier Werten: Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Respekt und Freiheit (vgl. Simon 1989: 189). Im Club herrscht ein bedingungsloser Zusammenhalt, der sich auch auf kriminelle Aktivitäten erstreckt (vgl. Albrecht 2010). Die Banden sind hierarchisch strukturiert und verfügen über eine strenge Abfolge ihrer Mitglieder. Der Eintritt, sowie die Austrittsbedingungen, sind vertraglich geregelt, bei Verrat sind die Mitglieder zum „Abschuss freigegeben“ (Diehl 2008) und müssen um das eigene Leben fürchten.

Aus soziologischer Sicht sind Rockerbanden wie die Hells Angels einer Subkultur zuzuordnen, „die gegenüber der dominierenden Kultur unterschiedliche und differenzierte Normen und Werte aufweist“ (Albrecht 2012). Jede Subkultur verfügt über ihren eigenen Stil, der sich aus den folgenden drei Komponenten zusammensetzt und Rückschlüsse über die Intensität der Bindung und der Position der Mitglieder zulässt: Zunächst das Image, welches sich im Erscheinungsbild und äußeren Merkmalen äußert; die Haltung in Bezug auf körperlichen Ausdruck und Körpersprache; und zuletzt der Jargon der Subkultur, demnach wird ein bestimmter Slang oder ein spezielles Vokabular verwendet (vgl. Simon 1989: 60). Die Kultur der Rocker ist äußerlich gekennzeichnet durch das Fahren von bestimmten Motorrädern sowie durch die mit Aufnähern und Abzeichen besticke Kutte, die die Zugehörigkeit zu den einzelnen Motorradclubs und ihre Funktion im Club ausdrückt (vgl. Lüderitz 1984: 53ff.).

4. Erklärungsmodelle

In der soziologischen Disziplin gibt es verschiedene Erklärungsmodelle für das Zustandekommen von deviantem und delinquentem Verhalten. Als einflussreichste Ansätze der Kriminalpolitik gelten neben der Theorie der differentiellen Assoziation (Kapitel 4.1), die Subkulturtheorie (Kapitel 4.2) und anomie- und labelingtheoretische Ansätze (Kapitel 4.3). Diese drei Theorien sollen im Folgenden erläutert und auf die Subkultur von Rockerbanden angewendet werden, um den Ursprung von Kriminalität zu erläutern, die schließlich als sozialer Tatbestand in Kapitel fünf vermittelt und internalisiert wird. Die ausgewählten Ansätze grenzen sich deutlich von biologischen oder psychologischen Theorien ab, indem sie Kriminalität als ein soziales Phänomen definieren, nicht als ein psychisches (vgl. Kury/Obergfell-Fuchs 2012: 47).

4.1 Theorie der differentiellen Assoziation

Edwin H. Sutherland stellt seinen Ansatz der differentiellen Assoziation in einen Kontrast zu den gewöhnlichen Kriminalitätstheorien, die versuchen kriminelles Verhalten als einen „bestimmten Aspekt der delinquenten Persönlichkeit“ (Cohen 1974: 103) zu erklären. Nach Sutherland besteht im Hinblick auf psychische Merkmale wie Triebe, Störungen oder Charaktereigenschaften aber kein Unterschied zwischen delinquenten und nicht-delinquenten Personen. Stattdessen kann nur derjenige zu einem Delinquenten werden, der „das jeweilige Verhaltensmuster internalisiert“ (vgl. ebd.) und dem folgend handelt. Dementsprechend ist Kriminalität genauso wie eine religiöse Überzeugung oder ein Dialekt ein Kulturmuster, welches man „übernimmt“ und verinnerlicht (vgl. ebd.).

Für Sutherland reichen individuelle Faktoren nicht aus, um abweichendes Verhalten zu erklären, sondern es braucht weiterhin eine „differentielle Organisation der Gesellschaft“ (vgl. Lamnek 2001: 189). Darunter versteht er, dass das Individuum die Chance habe muss, Kontakte aus anderen Kulturen oder Kreisen kennenzulernen, damit es das Verhalten lernen und reproduzieren kann. Nach Sutherlands Lerntheorie wird abweichendes, sowie konformes Verhalten, immer in sozialen Gruppen durch Kommunikationsprozesse erlernt und internalisiert (vgl. Lamnek 2001: 189; Hermann 2009: 294; Wessel 2001: 14). Kriminalität tritt immer dann auf, „wenn jene erlernten, die Delinquenz begünstigenden Einstellungen gegenüber den ebenfalls erlernten konformen Einstellungen überwiegen“ (Wessel 2001: 14).

Persönliche Kontakte alleine können zwar noch keine hinreichende Bedingung für kriminelles Verhalten darstellen, doch muss in der Interaktion die differentielle Assoziation stets mitberücksichtigt werden (vgl. Lamnek 2001: 192). Nach Cloward/Ohlin (1960), Short/Strodtbeck (1965) und Sutherland (1956) basiert kriminelles Verhalten sowohl auf dem Bedürfnis und der Gelegenheit eine kriminelle Handlung auszuführen, als auch auf einem Mangel an Alternativen, um sich konform zu verhalten (vgl. ebd.). Somit sind häufige differentielle Kontakte eine notwendige Bedingung zur Erklärung, da niemand in ein kriminelles Subsystem eintreten kann, ohne vorher mit anderen Delinquenten interagiert zu haben (vgl. ebd.; Wagner et al. 2007: 466).

Infolge der Theorie von Burgess und Akers (1966) wird Delinquenz entsprechend „den Prinzipien operanter Konditionierung“ (Hermann 2009: 294) gelernt. Hier sind die Aspekte von Belohnung und Strafe wesentlich: Umso stärker eine kriminelle Handlung in der Vergangenheit belohnt wurde, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung (vgl. ebd.). Wird das kriminelle Verhalten sanktioniert, hemmt die Bestrafung von Gesellschaft und Justiz in Zukunft die Kriminalität (vgl. ebd.). Somit entscheidet die operante Konditionierung, also die soziale Reaktion auf die vollzogene Tat, die ex-post zugeschrieben wird, ob es zu einer Wiederholung der Handlung kommt oder nicht (vgl. ebd.).

Sutherlands Theorie wurde vor allem als Vorbild einer soziologischen Theorie der Jugendkriminalität begründet, kann aber ebenfalls auf die Teilnahme in Motorradclubs angewendet werden. Somit spielen die Mitglieder in Rockerbanden als differentielle Kontakte eine wesentliche Rolle bei der Aneignung und Internalisierung von kriminellen Verhaltensweisen (vgl. Cohen 1974: 103f.). Doch fehlt nach Cohen in der Kriminalitätstheorie von Sutherland „eine Erklärung der delinquenten Kultur selbst“ (ebd.: 104), denn nur durch die Übernahme eines bestimmten Kulturmusters ist noch nicht dessen Ursache begründet. Wenn man davon ausgeht, dass jemand ein kriminelles Kulturmuster übernimmt und dadurch zum Delinquenten wird, bleibt die Frage offen, wieso es ein solches Kulturmuster überhaupt gibt und wie sich der Inhalt erklärt (vgl. ebd.: 105). Somit darf sich auch eine Analyse von Rockerkriminalität nicht ausschließlich auf das Lernen krimineller Verhaltensmuster durch die anderen Clubmitglieder richten, denn dies führt teilweise zu einer Tautologie, da das Zustandekommen von kriminellen Verhalten mit Kriminalität erklärt wird (vgl. Wessel 2001: 15). Daher folgen weitere Erklärungen durch die Subkulturtheorie und Ansätze des Labeling Approach.

4.2 Subkulturtheorien abweichenden Verhaltens

“The crucial condition for the emergence of new cultural forms is the existence, in effective interaction with one another, of a number of actors with similar problems of adjustment.“ (Cohen 1955: 59)

Der Ausgangspunkt der Subkulturtheorie ist nach Albert Cohen, dass Subkulturen „kollektive Reaktionen auf Anpassungsprobleme“ (Lamnek 1993: 152) darstellen, die aus ungleichen gesellschaftlichen Lagen entstehen und für welche die bestehende Gesamtkultur keine adäquaten Lösungsmuster bereitstellt (vgl. ebd.: 152f.). Wenn ein Akteur die gesellschaftlichen Ansprüche der Gesamtkultur nicht erfüllen kann und denen an sich gerichteten Erwartungen nicht gerecht werden kann, entsteht Unsicherheit und Frustration. Voraussetzung für die Herausbildung einer Subkultur ist folglich die Wahrnehmung einer Diskrepanz zwischen sozialen Erwartungen und den subjektiven Chancen, diese zu realisieren (vgl. Kühnel 2002: 1443).

Daher sucht das Individuum einen Personenkreis oder eine Gemeinschaft auf, die ihm eine Handlungsalternative bereitstellt, die er umsetzen kann und in der seine Eigenschaften positiv bewertet werden (vgl. Sutterlüty 2003: 293). Wenn diese Personen miteinander in Kontakt treten, Ähnlichkeiten in ihren Anpassungsproblemen und Erwartungen erkennen und sich aus Sympathie solidarisch zusammenbringen, entsteht eine neue, gemeinsam geschaffene Subkultur (vgl. Cohen 1974: 107f.). Diese Subkultur kommt – im Gegensatz zu der Gesamtgesellschaft – den gemeinsamen Vorstellungen, Werten und Wünschen ihrer Mitglieder entgegen und bietet ihnen ein geschlossenes Umfeld für ihre Probleme (vgl. ebd.: 108; Heintz 1974: 111).

Es entsteht ein Bezugsrahmen innerhalb der Gruppe, in dem Bedürfnisse wie Anerkennung und Bestätigung – insbesondere im Hinblick auf die eigene Männlichkeit und das soziale Umfeld – befriedigt werden (vgl. Haferkamp 1972: 34; Mays 1974: 101). Die Wahl zwischen zwei Handlungsalternativen wird stets von den jeweiligen „Bezugsgruppen“ (Cohen 1974: 106) bestimmt, die die Situation definieren und einrahmen (vgl. Haferkamp 1972: 34). Unter Bezugsgruppen werden jene Gruppen gefasst, „deren Sicht wir annehmen und zu unserer eigenen machen“ (Cohen 1974: 106) und deren Gültigkeit das eigene Verhalten motiviert und vor anderen und sich selbst rechtfertigt (vgl. ebd.; Haferkamp 1972: 34). Die Befriedigung der psychischen Bedürfnisse verleiht der Subkultur auch ihre Kraft, denn der gemeinsame Bezugsrahmen schafft eine Gruppenzugehörigkeit und bietet seinen Mitgliedern Erwartungssicherheit in der Gruppe (vgl. Haferkamp 1972: 34; Heintz 1974: 25f.; Hermann 2009: 293; Simon 1989: 223f.).

[...]


[1] Unter Devianz werden abweichende Verhaltensweisen bezeichnet, die gegen die geltenden sozialen Normen in einer Gesellschaft verstoßen; unter Delinquenz fallen jene Personen, die straffällig werden und durch die Strafjustiz der Gesellschaft sanktioniert werden (vgl. Peuckert 2016: 128).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Subkulturen der Gewalt. Kriminalität als sozialer Tatbestand von Rockerbanden
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
29
Katalognummer
V444426
ISBN (eBook)
9783668811720
ISBN (Buch)
9783668811737
Sprache
Deutsch
Schlagworte
subkulturen, gewalt, kriminalität, tatbestand, rockerbanden
Arbeit zitieren
Helena Schüttler (Autor), 2018, Subkulturen der Gewalt. Kriminalität als sozialer Tatbestand von Rockerbanden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444426

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