Olympische Entwicklung und München 1972

Olympia 1972 in Bezug auf die allgemeine olympische Entwicklung


Akademische Arbeit, 2017

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 OLYMPISMUS
2.1 Olympische Bewegung der Neuzeit
2.2 Grundgedanken der Spiele / „Olympische Idee“
2.2.1 Menschliche Vervollkommnung
2.2.2 Einklang von antiken und modernen Grundzugen
2.2.3 Religiose Bindung
2.2.4 Soziale Begegnung und VerstAndigung
2.2.5 UnabhAngigkeit der Olympischen Bewegung
2.2.6 Die Spiele als ein Mittel nationaler Erziehung
2.2.7 Werte im Wandel

3 HAUPTTEIL
3.1 Die Olympischen Spiele der Neuzeit vor Munchen 1972
3.1.1 Berlin 1936
3.1.2 Melbourne 1956
3.1.3 Mexiko-Stadt 1968
3.2 Olympia 1972 in Munchen
3.2.1 Das Attentat auf die israelische Mannschaft
3.2.2 Bedeutung und Auswirkung der Olympischen Spiele von Munchen
3.3 Die Olympischen Spiele nach Munchen 1972

4 FAZIT
4.1 Entwicklung der Spiele - Instrumentalisierung und Politisierung der Olympischen Bewegung
4.2 SCHLUSSFOLGERUNG: HAT MUNCHEN 1972 DEN OLYMPISCHEN SPIELEN DIE UNSCHULD GENOMMEN?

5 LITERATURVERZEICHNIS

6 ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 Einleitung

Von den Olympischen Sommerspielen in Munchen sind oftmals die sportlichen Bilder in den Hintergrund geraten und das Attentat auf Mitglieder der israelischen Mannschaft ist kollektiv im Gedachtnis geblieben. Die Beantwortung der Fragestellung, ob Munchen den Olympischen Spielen die Unschuld genommen hat, ist aber keineswegs allein auf den Terroranschlag zu beziehen, sondern weitaus komplexer zu betrachten. Hierfur ist es unumganglich die Olympische Bewegung der Neuzeit zu untersuchen, generelle Tendenzen festzustellen, um dann anschlieBend die Auswirkung der Spiele von Munchen auf die gesamtolympische Genese bewerten zu konnen.

In dieser Ausarbeitung wird zunachst auf die Grundgedanken des Olympismus eingegangen und dann anschlieBend die geschichtliche Entwicklung und Realisierung dieses Konzepts anhand einiger ausgewahlter Beispiele der Spiele bis 1972 untersucht. Im Hauptteil wird dann auf die Geschehnisse bei den Wettkampfen in Munchen eingegangen und im Folgenden herausgearbeitet, ob die Olympischen Bewegung 1972 einen Wendepunkt erfahren hat, bzw. was die dortigen Geschehnisse fur einen Beitrag zum Wandel des sportlichen GroBereignisses geleistet haben. Dies wird anhand von ausgewahlten Beispielen der olympischen Spiele nach 1972 verdeutlicht.

Im Fazit wird anschlieBend die allgemeine Genese der Spiele zusammengefasst und schlussfolgernd die Frage beantwortet, ob Munchen 1972 der Olympischen Bewegung die „Unschuld“ genommen hat.

2 Olympismus

2.1 Olympische Bewegung der Neuzeit

Nachdem die Olympischen Spiele, die ihren Ursprung in der Antike im Mittelmeerraum zwischen ca. 1200-600 v.u.Z. haben mehrere Jahrhunderte ausgesetzt wurden, fuhrt ein vielfaltiges Bedingungsgefuge zur Herausbildung einer modernen Olympischen Bewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Zum einen ist hier die zunehmend internationale Orientierung des gesellschaftlichen Lebens in der westlichen Welt zu nennen und zum anderen das Entwicklungsniveau des modernen Sports, in welchem man zunehmend eine institutionelle Struktur mit einer modernen internationalen Orientierung vorfindet. Hinzu kommen auBerdem die Ausgrabungen antiker olympischer Sportstatten in den spaten 70er Jahren des 19. Jahrhunderts, die eine Begeisterung fur die Olympischen Spiele neu entfachten, und die gesellschaftlichen Dimensionen eines internationalen Sportereignisses, das sich perfekt in die politischen Gegebenheiten der damaligen Zeit einpasste; Die Mitte des 19. Jahrhundert aufkommenden chauvinistisch-patriotischen Stromungen und die Sucht nach nationalem Prestige durch internationalen Vergleich bieten das Fundament fur die Entstehung des groBten Sportereignisses der Neuzeit. Gerade der personliche Einsatz des Franzosen Pierre der Coubertin, welcher das padagogische Potenzial des ansonsten derzeit wenig popularen Sports erkannte und diesen neu beleben wollte, fuhrte zu dem Grundungskongress 1894 in Paris. Dort wurden Vertreter von 78 Verbanden aus 13 Landern eingeladen und die Wiedereinfuhrung der Spiele 1896 in Athen beschlossen.[1]

2.2 Grundgedanken der Spiele / „O1ympische Idee“

Oftmals wird im Volksmund und in vielen Medien von einem olympischen Gedanken geredet. Die Werte und Moralvorstellungen, die mit den Spielen verbunden sind, lassen sich aber schwer einem einzigen Gedanken zuordnen, sondern bilden vielmehr ein vielschichtiges Wertegefuge. Coubertin hebt hierbei vor allem die Erziehungsfunktion des Sports hervor und sieht das Potential der Spiele darin, Jugendlichen eine Plattform zu geben, um sich friedlich mit anderen Sportlern zu messen und dem internationalen Vergleich stellen zu konnen. Die Wiedereinfuhrung wurde von ihm weniger als bloBe Wiederbelebung eines ruhmreichen Festes der griechischen Antike verstanden, sondern vielmehr „als ein modernes Projekt, das sich durch einen erzieherischen Anspruch auszeichnet“ (Hofling, Horst, & Nolte, 2013, S.11). Die Coubertin hier vorschwebenden Gedanken lassen sich in den zwischen 1918 und 1919 von ihm veroffentlichten Olympischen Briefen, erkennen. In Brief III beschreibt er, dass der Olympismus eine Bildungsform ist, die allen gesellschaftlichen Klassen den Zugang zu einer ganzheitlichen, den Korper und Geist verbindenden Erziehung ermoglichen soll. Coubertin hebt hier die wichtige Aufgabe des olympischen Gedankens im Gesellschaftsleben hervor:

„Der Olympismus zerstort spaltende Mauern. Er ermoglicht Freiheit und Licht fur alle. Er steht fur eine breit gefacherte sportliche Ausbildung, die moglichst allen zuganglich sein soll“ (Coubertin, 2000, S. 548).[2]

Er interpretierte den Olympischen Sport also dahingehend, dass auf Basis des Wettkampfes Werte geschult werden, die mit den moralischen Prinzipien im Zusammenleben einer friedlichen Gesellschaft einhergehen. Fair-Play, Gemeinschaftssinn, Respekt oder individuelles Leistungsstreben seien hierbei Charaktereigenschaften die sich in das Leben auBerhalb des Sports hervorragend ubertragen lieBen. Das Olympische Wertesystem gebe also ein Beispiel, an dem sich die Gesellschaft orientieren konne:

„Nach Coubertins Vorstellung beinhaltete dieses als zentrale Elemente und Handlungsleitlinien die Vorbildfunktion der Athleten, den Amateurgedanken, die Friedensidee und die Zusammenfuhrung von Kunst und Sport“ (Hofling et al., 2013, S.11).

Die an den Wettkampfen teilnehmenden Athleten sollten als Vorbilder moralische Werte vorleben und nach dem Motto „citius - altius - fortius“ (schneller, hoher, starker) den Leistungsgedanken verkorpern. Neben der Vorbildsfunktion der Teilnehmer strebte Coubertin den Sport als eine „besondere Form der Moralerziehung [an], die durch Olympiaathleten in die breite Masse der Bevolkerung getragen werden sollte“ (Hofling et al., 2013, S. 13).

Hierfur sei es zwingend notwendig, dass die Teilnehmer ausschlieBlich Amateursportler seien, um die Wettkampfe somit frei von Profitstreben und Kommerzialisierung zu halten (Coubertin, 1966). Der professionelle Sport hingegen untergrabe nach Coubertins Einschatzung die Ideale des Olympismus durch ubertriebene Harte, Unehrlichkeit und geheime Absprachen zwischen den Athleten und komme daher nicht fur die Verkorperung der moralischen Werte in Frage (Wassong, 2002). Des Weiteren solle sich das faire Verhalten auch auf die Zuschauer ubertragen, die laut Coubertin fernab von jeglicher Beachtung von Nationalitat oder Religiositat die bloBe Leistung der Athleten honorieren sollen (Lenk, 1972).

Ein weiteres Ideal der Spiele, das seinen Ursprung schon in der Antike hatte, ist der Festfrieden (griech.: Ekecheira), eine Waffenruhe, die allen Teilnehmern und Zuschauern der Olympischen Spiele zusicherte, die Wettkampfe in Frieden mitzuerleben und eine sichere An- und Abreise garantierte.[3] Coubertin sah die Dimensionen eines sportlichen GroBereignisses als Raum fur eine friedliche Begegnung der Volker und somit eine Chance der Zusammenfuhrung unterschiedlicher Kulturen und Nationen:

„Das Zusammentreffen bei internationalen Sportwettkampfen wurde als effektive MaBnahme angesehen, um Prozesse des gegenseitigen Kennenlernens einzuleiten, durch die Vorurteile gegenuber den kulturellen Eigenheiten anderer Nationen aufgeweicht werden wurden“ (Hofling et al., 2013, S. 15).

Gerade in Bezug auf das Gesellschaftsbild Anfang des 20. Jahrhunderts, welches noch nicht unter dem Einfluss der erst spater sukzessiv fortschreitenden Globalisierung stand, boten die Wettkampfe somit eine einmalige Gelegenheit, um die internationale Verstandigung voranzutreiben.

In der ersten Olympischen Charta, die auf dem Grundungskongress 1894 verabschiedet wurde, sind diese grundlegenden Prinzipien des Olympischen Gedankens, die Regeln und Durchfuhrungsbestimmungen der Spiele kodifiziert. Die Charta wurde seitdem immer wieder auf den IOC Sessionen angepasst und uberarbeitet, die Grundwerte sind dort aber im Wesentlichen unverandert geblieben. In der Einleitung der aktuellsten deutschen Ubersetzung der Charta aus dem Jahr 2014 sind die grundlegenden Prinzipien des Olympismus aufgefuhrt, welche hier noch einmal das weit uber die bloBe korperliche Ertuchtigung hinausgehende Selbstverstandnis des olympischen Sports bekraftigen. Es heiBt dort, dass der Olympismus einen Lebensstil begunstigen soll, der durch die Verbindung von Sport mit Bildung und Kultur unter Einhaltung universell gultiger moralischer Grundwerte eine gesellschaftliche Verantwortlichkeit fordere:

„Ziel des Olympismus ist es, den Sport in den Dienst der harmonischen Entwicklung der Menschheit zu stellen, um eine friedliche Gesellschaft zu fordern, die der Wahrung der Menschenwurde verpflichtet ist”. (Vedder & Lammer, 2013, S.7)

Daruber hinaus schlieBe der olympische Gedanke jegliche Form von Diskriminierung eines Landes oder einer Person aus, da dies mit der Zugehorigkeit zur Olympischen Bewegung unvereinbar sei. Der in der Charta aufgefuhrte Wertekatalog lasst sich nach Hans Lenk (1972, S. 282 ff.) in folgende sechs Kategorien unterteilen:

2.2.1 Menschliche Vervollkommnung

Der Olympismus soll einen Anreiz fur die Personlichkeitsentwicklung der Teilnehmer unter dem Motto „Dabeisein ist alles“ darstellen. Das Erreichen der Qualifikationsnormen stelle somit das Ziel aller Athleten dar und fordere den Leistungswillen und die Disziplin der Sportler. Des Weiteren besitzen die Spiele einen erzieherischen Aspekt, da sie die Zuschauer aus aller Welt dazu motivieren sollen, die durch die Teilnehmer vorgelebten Werte wie z.B. Fairplay oder das Leistungsstreben nachzuahmen.

2.2.2 Einklang von antiken und modernen Grundzugen

Viele Eigenheiten der antiken olympischen Spiele wie z.B. die Festlichkeit des Ereignisses oder die Waffenruhe und der Friedensgedanke seien auch in die Moderne ubertragbar. Des Weiteren seien die schon bei den alten Griechen gelebten Maxime wie z.B. die Gleichberechtigung aller Teilnehmer oder das geistig-kulturelle Niveau auch in den Olympischen Spielen der Neuzeit wiederzufinden.

2.2.3 Religiose Bindung

Jeder Sportler muss den olympischen Eid vor der Teilnahme ablegen und die Spiele folgen mit der Eroffnungs- und Abschlussfeier einem festem Zeremoniell. Daruber hinaus sind die Wettkampfe mit einer Friedensmission ausgestattet, indem sie mittelbar die Begegnung von unterschiedlichen Kulturen fordern und z.B. die Begegnung der Sportler und Zuschauer aus unterschiedlichen Kulturkreisen dabei helfen kann, Vorurteile abzubauen. Klaus Zeyringer beschreibt in Bezugnahme auf den Terroranschlag von Munchen, dass die palastinensischen Attentater die Olympischen Spiele als „moderne Religion der westlichen Welt“ ansahen (Zeyringer, 2016, S. 420).

2.2.4 Soziale Begegnung und Verstandigung

Die Olympischen Spiele bieten sowohl den Sportlern und Zuschauern als auch den Funktionaren die Moglichkeit, soziale Erfahrungen zu sammeln und sich frei von jeglichen Diskriminierungsproblematiken auszutauschen. Hierzu gehort auch, dass Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten (z.B. Studenten, Angestellte, Arbeiter) durch den Sport geeint werden und in Kontakt geraten. Des Weiteren setzt die Organisation der Spiele den Austausch zwischen den Verbanden und im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) voraus.

2.2.5 Unabhangigkeit der Olympischen Bewegung

Das IOC ist von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen unabhangig. Daruber hinaus mussen die Gastgeber der Spiele die politische Unabhangigkeit der Organisation und des Festablaufs garantieren. Des Weiteren ist jegliche Form von konfessioneller oder rassistischer Diskriminierung strengstens untersagt. Laut Coubertin sollen die Spiele als Wettkampfe alleine zwischen den Sportlern verstanden werden. Gesamtpunktrechnungen der einzelnen Nationen seien daher nicht mit dem olympischen Gedanken vereinbar.

Neben den genannten Punkten sind die Olympischen Spiele moglichst finanziell selbststandig und auBerdem nicht profitorientiert. Uberschusse sollen satzungsgemaB dem Sport zugutekommen und Olympische Amter als Ehrenamter verstanden werden. Wie schon eingangs erwahnt setzt dieses voraus, dass die Athleten ausschlieBlich Amateuersportler sind und nicht aufgrund von finanziellen Anreizen an den Wettkampfen teilnehmen.

Sowohl die Unabhangigkeit der Spiele als auch der Amateurismus sind wohl diejenigen Werte, die in der spateren olympischen Entwicklung am wenigsten wiederzuerkennen sind.

2.2.6 Die Spiele als ein Mittel nationaler Erziehung

Coubertin verstand Nationalerziehung als Einzelerziehung der Individuen. Die Spiele sollten daher unter dem Vorbild der teilnehmenden Athleten den Zuschauern zuhause ein Ideal vermitteln, an welchem sie sich orientieren konnen. Das faire Verhalten eines Sportlers im Wettkampf sei auch in das Alltagsleben der Zuschauer ubertragbar. Die moralische Ausbildung eines Individuums fuhre im GroBen und Ganzen auch zu einer gesamtgesellschaftlichen Erziehung.

2.2.7 Werte im Wandel

Auf die Entwicklung von Coubertins Grundidee und des hier vorgestellten Wertekataloges wird im Folgenden weiter eingegangen. Die Olympischen Spiele sind einem naturlichen Wandel ausgesetzt, der unter vielen verschiedenen Einflussfaktoren steht. Einige Grundwerte haben aber nach wie vor Bestand, wahrend sich die Spiele von anderen nahezu vollig entfremdet haben. Inwiefern die Wettkampfe von Munchen 1972 diesen Wandel beeinflusst haben oder gar einen Wendepunkt in der Genese des sportlichen GroBereignisses darstellen, wird ebenfalls im anschlieBenden Abschnitt naher erlautert.

3 Hauptteil

Im Folgenden wird zunachst kurz auf die Entwicklung der Spiele der Neuzeit vor 1972 eingegangen, um anschlieBend zu analysieren, welchen Einfluss die Geschehnisse rund um die Wettkampfe in Munchen auf die nachfolgenden olympischen GroBereignisse gehabt haben. Dies lasst sich leichter nachvollziehen, wenn man Munchen 1972 in den Kontext mit der gesamtolympischen Historie setzt und somit deutlich wird, welchen Einfluss diese auf die Bewegung gehabt hat bzw. ob sie den Olympischen Spielen gar die „Unschuld genommen“ haben. Es wird im Folgenden nicht auf jeden einzelnen Austragungsort eingegangen, sondern sich auf einige nennenswerte Beispiele beschrankt.

3.1 Die Olympischen Spiele der Neuzeit vor Munchen 1972

Nach dem Grundungskongress 1894 wurden die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen ausgerichtet und kehrten somit in das Geburtsland der Wettkampfe zuruck.

Insgesamt bot das Stadion mit uber 60.000 Zuschauern einen wurdigen und spektakularen Rahmen, die Atmosphare war sehr feierlich und die Teilnehmerzahl verdeutlichte die relativ hohe Internationalitat des Spektakels mit 311 Teilnehmern aus 13 verschiedenen Landern. Doch bereits hier wurden die Spiele als Zurschaustellung der nationalen Potenz instrumentalisiert und von dem griechischen Konigshaus als Demonstration der Einheit und des Aufbruchs genutzt. Die Strahlkraft und propagandistischen Moglichkeiten eines sportlichen GroBereignisses wurden schon fruh erkannt. Anhand der Spiele 1896 in Athen wird deutlich, dass diese damals schon nicht nur als rein sportlicher Wettkampf angesehen wurden:

„Schon bei dieser ersten Auflage der Wiederbelebung des antiken Vorbilds, das Baron Coubertin als Beitrag zur Volkerverstandigung gesehen haben will, bleiben kleine Querelen und groBe Konflikte nicht aus. Seither sollten die Olympischen Spiele immer wieder politisch benutzt werden [...]“ (Zeyringer, 2016, S. 64).

Nachdem die Wettkampfe in Athen organisatorisch und in Bezug auf den festlichen Rahmen ein Erfolg waren, sollten aber bereits die Spiele 1900 in Paris einen Abwartstrend einleiten, der seinen Tiefpunkt 1904 in St. Louis (USA) nahm. Die dortigen Wettkampfe waren von Profi- und Universitatsmannschaften gepragt und die New York Times stellte wohl etwas uberspitzt fest: „Die Spiele waren ein schulisches Treffen, in dem Akademiker und Hochschulen vertreten waren“ (Zit. n. Zeyringer, 2016, S. 95).[4] Dies steht im Widerspruch zu der Pramisse, dass die Olympischen Spiele einen Begegnungsort unterschiedlicher Kulturen und gesellschaftlicher Klassen darstellen sollten und die Teilnahme ausschlieBlich Amateursportlern gestattet sei. Des Weiteren wurde eine inoffizielle Nationenwertung gefuhrt und die Wettkampfe somit als Kraftemessen der Nationen missbraucht, was die weitere Entfremdung von dem in der Charta verankerten Grundkonzept vergegenwartigt.

Nach dem Erfolg von 1896 hatte die Olympische Bewegung mit den Spielen von Paris und St. Louis also bereits in ihrer Fruhphase nach der Wiederbelebung in der Neuzeit erhebliche Dampfer erhalten und versuchte anschlieBend nur zwei Jahre spater den olympischen Geist wieder neu aufleben zu lassen. Die sogenannten „Zwischenspiele“ von 1906 waren ein voller Erfolg und es lieB sich wieder eine wachsende internationale Beteiligung feststellen. Kritisch ist jedoch auch hier anzumerken, dass die Olympiade 1906 in Athen als ein weiterer Wegbereiter fur die Nationalisierung der Wettkampfe durch den Anfang des 20. Jahrhunderts starker aufkeimenden Nationalismus angesehen werden kann (Brownell, 2008). So wurde erstmals ein Einmarsch der Nationen durchgefuhrt und bei den Siegerehrungen wurde die Landesflagge des Goldmedaillengewinners gehisst.

Nachdem die Spiele aber alles in allem weiter steigende Beliebtheit erfuhren, kann Stockholm 1912 als echter Durchbruch der olympischen Bewegung angesehen werden, wo eine insgesamt freundliche und offene Atmosphare herrschte. Obwohl Europa im Zeichen der Aufrustung stand und viele Konflikte die Vorboten des ersten Weltkrieges waren, nahmen erstmalig Nationen von alle Kontinenten teil und die Spiele ruckten in den Fokus der Weltoffentlichkeit: „Das moderne Olympia hatte sich etabliert, es fand globalen Anklang in der Presse, in vielen Disziplinen verstand man es als Weltmeisterschaft“ (Zeyringer, 2016, S. 176). Die Kehrseite der Wettkampfe wird auch hier deutlich, als der portugiesische Marathonlaufer Francisco Lazaro beim Marathonlauf als Folge der ungewohnlich hohen Sommertemperaturen vor Erschopfung zusammenbricht und spater stirbt. Der ubertriebene Ehrgeiz und Erfolgsdruck, dem sich die Athleten aussetzen, ist hierbei ein Nebeneffekt des oftmals auf die Spitze getriebenen Leistungsgedankens. Man kann ihn als „Olympisches Laster“ beschreiben, das aber seinen Ursprung in der allgemeinen Professionalisierung des Spitzensports besitzt und keinesfalls ein rein olympisches Phanomen ist.

3.1.1 Berlin 1936

Die sich schon seit der Wiedereinfuhrung 1896 abzeichnende Instrumentalisierung der Spiele wird im Laufe der olympischen Wirkungsgeschichte im Jahre 1936 auf die Spitze getrieben und zeigt auf, wie sich die Bewegung weiter von ihrer Grundkonzeption entfernte.

Von den Spielen in Berlin versprachen sich die Nationalsozialisten einen enormen Nutzen, indem Deutschland im In- und Ausland GroBe und Starke in beeindruckender Massenorganisation zum Ausdruck bringen konnte und ein GroBereignis der Superlative schuf. Insbesondere der damalige Propagandaminister Joseph Goebbels erkannte die Strahlkraft der Spiele und betonte deren Bedeutung fur den Nationalsozialismus, sodass der Vorbereitung des Ereignisses weitreichende finanzielle Mittel zur Verfugung gestellt wurden. Dem IOC blieben die politischen Entwicklungen in Deutschland nicht vorenthalten und es drangte auf die Einhaltung der in der Charta verankerten ethischen Prinzipien, war aber immer noch der Utopie verfallen, dass es „in einem weltabgehobenen Rahmen tatig sei [...]. Als ware die Politik eine ferne Sphare, in der geschehen moge, was wolle - Hauptsache man habe damit nichts zu tun“ (Zeyringer, 2016, S. 241). Es wird hierbei deutlich, dass Anspruch und Wirklichkeit schon 1936 weit auseinandergeklafft waren und das IOC dieser Entwicklung nichts entgegenzusetzen hatte.

Insgesamt boten die Wettkampfe in Berlin einen gigantischen Rahmen, das Olympiastadion fasste uber 100.000 Zuschauer und der Austragungsort bot die weltweit groBten Sportanlagen der Welt auf. Obwohl die Olympischen Spiele 1936 als „Friedensfest“ ausgerufen wurden, war die nationalsozialistische Propaganda allgegenwartig. Thomas Alkemeyer beschreibt 1996 in seinem Buch „Korper, Kult und Politik“ die Eroffnungsfeier als Zeremonie der Unterordnung, in welcher Hitler im Mittelpunkt stand und das IOC als tatenloser Zuschauer mit ansehen konnte, wie sich die Nationalsozialisten inszenierten (Alkemeyer, 1996). Die sportlichen Erfolge wurden von der deutschen Presse als tugendhaft symbolisiert und es „dominierten die Schlagworter ,Opferbereitschaft’, ,Einsatzwille’ und ,kampferische Haltung’. Die meisten Artikel bemuhten sich, das Geschehene zu heroisieren“ (Zeyringer, 2016, S. 254). Die Nationalisierung der Wettkampfe schritt immer weiter voran und das damalige Nationale Organisationskomitee (NOK) setzte unter seinem Prasidenten Theodor Lewald durch, dass bei den Siegerehrungen erstmalig die Nationalhymnen der Goldmedaillengewinner gespielt werden wurden.

[...]


[1] Nach Below ,Sportgeschichte’ - Seminar SoSe 2015.

[2] Originalzitat: „Olympism is a destroyer of dividing walls. It calls for air and light for all. It advocates a broad- based athletic education accessible to all [...] “.

[3] Nach Below ,Sportgeschichte’ - Seminar SoSe 2015.

[4] The event was an interscholastic meet, open to academics and high schools“.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Olympische Entwicklung und München 1972
Untertitel
Olympia 1972 in Bezug auf die allgemeine olympische Entwicklung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sportwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
31
Katalognummer
V444490
ISBN (eBook)
9783668817524
ISBN (Buch)
9783668817531
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Olympia 1972, Olympische Entwicklung, Olympische Geschichte, Sportgeschichte
Arbeit zitieren
Tjark Klimant (Autor), 2017, Olympische Entwicklung und München 1972, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444490

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